Dekowahn die Zweite!

Adventskranz2012

Adventskranz2012

Soeben Nachbarskatergeprüft und für gut befunden!

Mein diesjähriger Adventskranz in weiß, gold, rot, grün, silber und medallicbraun? (Kugel links hinter der Kerze für den 1. Advent)

Kleiner Tip für Nachahmer_innen: Glühende Nägel vorsichtig in die Kerzenunterseite gerammt funktionieren als Halterung deutlich besser als das traditionale Wachseinschmelzverfahren von Blumendraht!

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Von Chantal und den zerquetschten Clementinen

Bild

In trauter Zweisamkeit vereint plärren das Kevin und das Chantal an der Supermarktkasse nach ihrem Nikolausi. Mandy, 19, dreifache Mutter mit deutlich sächseldem Akzent greift lässig in die Backfrischtheke und stopft ihren „Älteren“ mit zwei echtkrossen Grossängs das Maul. (22 Sekunden später entsorgte das Chantal das angebissene Grossäng in der Plastiktütenablage und brüllte weiter nach ihrem Nikolausi).

Ich fliehe und lege als Übersprungshandlung eine garantiert für alle Kochflächen geeignete Servierpfanne mit Glasdeckel und 25 cm Durchmesser in meinen Einkaufswagen. Sonderangebot, rot ausgezeichnet!

An der Kasse locken Parfumadventskalender. Ich wiederstehe. Ein Fehlkauf pro Tag genügt!

Draußen beglückt einer der ortsansässigen Alkoholikerazubis vom Fachbetrieb Jugendstiltoilettenhäuschen mit der Mitteilung ob ich im nicht nen 5er für nen Glühwein hätte. Es sei kalt. Das hinterher geschobene Lächeln wirkt ausreichend natürlich. Ich bin nett (oder ist es nur der um diese Jahreszeit um sich greifende Mildtätigkeitskomplex?) , stelle meine fünfzehn Einkaufstüten, einen Regenschirm und zwei Bündel Tannengrün zu Boden , geb dem Jungsandler 50 Cent und ein Hustenbonbon und mache mich mit gefühlten 4 Einkaufstüten weniger auf den Weg in Richtung Bus. Eine Rolatorbesitzerin stellt sich kurz vor Ankunft der Klinikumslinie zwischen meine Einkäufe. Die Knie, in meinem Alter, ach wissen sie, früher hät’s das ja nicht gegeben…

Ich arrangiere um. Das Ende meines Regenschirms landet in der goldgesprenkelten Sporttasche eines 17-jährigem mit russisch-kasachisch-deutsch-rumänischem Migrationshintergrund.

Finstere Blicke und die Feststellung: Salatköpfe und Gelbe Rüben taugen nur bedingt zum Einsatz als Panzerabwehrraketen.

Eingequetscht zwischen drei dutzend Schülern im Justin-Bieber-Gedächtnislook, einem überdimensionieren Kinderwagen namens „Citycruiser“ , zwei Hunden (Namen unbekannt) und einer Weihnachtspyraminde made in Vietnam wächst die Erkenntnis, dass öffentliche Nahverkehrsmittel definitiv nicht für den umweltfreundlichen Heimtransport der wöchentlichen Grunddosis Konsumgüter geeignet sind, auch nicht für den eines Einpersonenhaushaltes!

Sertatc und seine übergewichtige Schwester Aigün streiten sich um den Gameboy, eine junge Frau gibt die fleischgewordene Maria Lactans und säugt ihr quängelndes Neugeborenes, ein BWL-Student im 2. Bachelersemester lehnt genervt über einem nachlässig verschnürten Packet mit neuerworbenem Snowboard. Eine blondgefärbte Oststadtschönheit verliert die Contenance und brüllt „Jetzt langts endgültig“. Ich sehe mich um, die Wutattacke galt dem Kind, nicht mir, ich atme durch.  Bustüren öffnen nach innen und zerquetschen die neuerworbenen Clementinen.

Ich drehe mich um, sichere den nur minimal lädierten Regenschirm samt Tannengrün, fädle meine kalbslederbeschuhten Finger um Tragetaschengriffe und fluche, weil ich vergessen habe, zuvor den Halteknopf zu drücken.

Weihnachten kann kommen!

Was lange währt…

Fischerstechen, Sandkerwa und illuminierte Wasserfahrten

Es lässt sich nicht leugnen, wir – die Geistes-, Kultur-, Sozial-, und Medienwissenschaftler dieser Welt – schreiben tatsächlich Bücher über Bücher (manchmal auch über Filme, Poster, Bierwerbung, Grafitti, Virtual Comunities, Weblogs, Ewige Anbetungen und Keramikscherben)!

Manchmal hat man dabei Glück und man darf in sumpfigen Rundumschlägen von den Marschen des Alten Ägypters ins zeitgenössische Oberfranken schwelgen, komplizierten Familienverhältnissen habsburgischer Kardinäle und bamberger Fischerclans nachspüren, sich über ziemlich erotisch dargestellte Bauernhochzeiten freuen, über die Frage was Griechenland und Bayern gemeinsam haben nachsinnen und außerdem jede Menge Spaß bei der „Feldforschung“ zwischen“Caipi“, „Bredla“ und „Brôdwörschd“ haben. Irgendwann kommt dabei dann ein wissenschaftlicher Artikel raus, in dem sage und schreibe 27 mal das Wort „Stecher“ vorkommt. Völlig seriös natürlich!:

Er ist endlich da, der ultimativ kummulierende, aufklärende, kontextierende und mit 125 Fußnoten auf 20 Seiten garantiert nicht plagiierende Artikel zum Bamberger Fest der Feste!

Stolz!

Dachschaden

Dachschaden

Schokoladenbeblättert der einsame Hof,

dünn sind sie geworden, die farblosen Äste des Wilden Weins.

Metallzahnbedingte Verspannung der Nerven.

das Baustellenradio spielt heitere Volksmusik!

Wie fallende Sterne, die Plastiksackleichen.

Wartend und strohgelb die Bretter am Baugerüst.

Das Rad eine stechende Operndiva,

begleitet von maulfaulen Männern und Kirschbaumzweigen.

Am Abgrund in feurigem Cochenille-Rot:

das lustlos-verlassene Sicherheitsnetz.

Flutwerferspiele auf fleckiggeschattetem Sägemehl.

Dazwischen zwei Elstern im Abendgrau.

Auf der Jagd nach der Art-Deco-Suppenterrine!

Königlich priviligiert Tettau

Mal ehrlich, schlummert nicht in uns allen ein kleiner Indiana Jones, der sich gelegentlich auf die Jagd nach  balinesischen Drachen, tibetischen Dämonenmasken und translucierenden Schalen aus Amazonit macht? Mein spätaurignacienzeitliches  Jäger- und Sammler-Gen hat jedenfalls wieder zugeschlagen und wie das mit Steinzeitgenen inmitten postmarxistischer Zwischeneiszeiten so ist, sah das elfenbeinfarbene Porzellangebirge mit dezent türkisgrün gepunkteter Randlinie im Internet etwas „kompakter“ aus…Muss wahrscheinlich daran liegen, dass wir uns in der Urzeit nur zwischen großem und sehr großem Mammut entscheiden mussten (well, Säbelzahntiger gab’s auch noch, aber dass ist denn doch eher was für die Fashion-Victims unter uns). Das Gute daran: Ich bin ab sofort für Großwildjagden, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Großfamilenbesuche und sonstige Unannehmlichkeiten bis 10/12 Personen mit ausreichend Tellern, Saucieren, Schüsseln, Suppenterrinen und Servierplatten ausgestattet! (Ja Tante Elvira, ich benutz dazu auch die schicken Glasuntersetzter mit dem Hologram von Benidorm, sofern ich endlich die versprochenen handgeschliffenen 50-er Jahre Bleikristall- champagnerschalen und die Bowleschüssel mit der 15 1/2 Karat Vergoldung und dem Schrumpfkopfschöpflöffel bekomm!). Alles porno! Es lebe die Zivilisation! Fehlt nur noch der hartvergoldete Erdbeerlöffel, die Zuckerzange, das Salatbesteck mit Echtelfenbeingriff, das 5-teilige Rechaudset und nicht zu vergessen der Pastetenheber und die passenden Crevettengabeln dann kann der Weltuntergang getrost kommen! Ma hat für alle Fälle schon mal ihr Geburtsdatum in Maya-Zeichen auf Papierbaumpabyrus schreiben lassen. Fragt sich nur noch wann endlich der Anbau zum Ostflügel mit dem Speisesaal, der Silberkammer und dem Museum für Nutzlose Dinge fertig wird, solang bleibt der ganze Krempel erstmal eingemottet. Ich frag mich nur, wie Großmutter Cro Magnon das mit dem ständigen Umziehen hingebracht hat…Mobile Kleinkunst vielleicht? 😉

PS: Leider passte nicht alles auf’s Photo, aber wenn ihr Euch auf den Kopf stellt, mit den Ohren wackelt und ganz scharf nach links guckt seht ihr vielleicht den echt handbemalten Griff der 2. Sauciere…

Achtung Dekowahn !!!

Türdeko Advent 2012

Kaum der „Hauptstadt des Nebelreichs“ entkommen hat mich die Spätnovembergsonne gestochen. Was liegt da näher als sich zwei Meter fünfzig Gartendraht, ein paar Nordmanntannenzweige, bunte Plastikweihnachtskugeln und extraweihnachtliches drahtverstärktes Geschenkband zu verschaffen und ungehemmt dem  kreisrunden Adventsdekowahn zu verfallen. Man könnt auch einfach sagen mein schwäbischer Arbeitswahn ist mal wieder mit mir durchgegangen…Fürchterlich diese freien Wochenenden 😉

Auf’s Christkind!

Bauen eigentlich alle Städte ihren Weihnachtsmarkt gefühlt Mitte September auf, oder habe ich nur wieder einige Tage im Kalender verloren? Zurück aus dem Süden wirkt Bamberg überfüllt, eng und dunkel. Künstliches Vogelgezwitscher gellt aus einer geschmacklosen Pseudowaldidylle in der ausgestopfte Hasen ebenso unglücklich drapierten Füchsen und Rehen gute Nacht sagen über die Schranne. Die großen Herbstauktionen der Antiquitätenhändler sind vorbei und auf dem Maxplatz harren seltsam deplaziert wirkende Buden des Weihnachtsmarktes besserer Tage.

Meine Wohnung ist kalt. Feuchtigkeit steigt die Stufen Kellerstiege herauf und verbreitet den Geruch schimmligen Salpeters. Die vom Nachbarsbaum herabgefallenen Äpfel im Hof sehen in ihren graubraunen Blässterbetten aus, als hätten nicht Amseln sondern Riesenameisen sie zerpflückt. Vermutlich hängt das Gerfühl mit der Rückkehr nach Bamberg in einen Haufen alter Kartoffelsäcke gefallen zu sein damit zusammen, dass ich große Teile der diesjährigen Bockbiersaison zugunsten wissenschaftlicher Worthülsengefechte ausgelassen und mein Restalkohollevel dank schwäbischer Mäßigung oberfränkisches Normalniveau noch bei weitem nicht erreicht hat.

Beim Anblick der eingemotteten Gondeln in der Nähe der Nonnenbrücke, fällt ein Januarmorgen in Venedig ein. Die Bora peitscht Nebelschwaden über die Lagunge, an den Bootsauslegern gefriert die Gischt, Schneewehen und Aqua Alta kämpfen in den Gassen um die Vorherrschaft und man selbst hat garkeine andere Wahl als sich von ombra zu Spritz und vin brulé durch die zumindest einigermaßen warmen Baccari vorzuarbeiten. Zehen und Fersenballen sind trotz dreifacher Wollsockenarmierung durchgefroren. Gummistiefel sind kein besonders guter Wärmespeicher, aber wenigstens halten sie trocken.

Ich gehe weiter, stolpere durch lärmende Gymnasiasten. Ihre Lebensfreude wirkt so falsch wie das Liebesduett aus Händels Rodalinda in meinen Kopfhörern und der Name des Altersheimträgers gegenüber: Fazit…Will man in einem so benannten Gebäude wirklich wohnen, wenn man eines Tages nicht mehr allein zurechtkommt? Fazit…der Mensch reduziert auf ein paar Stellen hinterm Komma. Sorry, unpassender geht’s wirklich nicht.

Die Fähre zwischen Schleuse 100 und Concordiaufer liegt da wie ein silberner Gelbrandkäfer im Winterschlaf. Keine Ruderboote zum entern in Sicht. Der voprprogrammierte Ärger mit durchs Schleppseil geköpften Wildbadern und entnervten Sonnenbadenden wird wohl noch ein halbes Jahr warten lassen..

Hinter dem Mühlsteg ein paar verlassene Blumenkübel. Letzte Woche blühten hier noch die Geranien, oder war es letzten Monat, dass erster Schnee in den Gassen lag?

Ein Fahradfaher rast an mir vorbei. Keine Klingel, Kein Licht, kein garnichts…Student wahrscheinlich…oder Lebenskünstler.

Der Biometzger wirbt für Knoblauchbratwürst. Sollen gut sein…ich weiß es nicht. Am Pfahlplätzchen wachsen Gerüste in die Höhe. Die Farbmuster an den Wänden lassen weitere Bonbonkulissen befürchten.

Zwei Amerikanische Touristinnen betrachten den Leschenbrunnen. Ob sie wohl immer noch glauben, wir würden in good old Germany unser Trinkwasser von dort unten beziehen (als ich noch in der Lugbank wohnte, holte ich einmal mit zwei Daubeneimern Wasser für die Blumen. Zugegeben, ich sah mit meinen vollen Wassereimern und in meiner Blau-gelb-roten Küchenschürze wirklich etwas mittelalterlich aus. Die Reiseleiterin erklärte daraufhin, dass noch nicht alle Bamberger Häuser fließend Wasser hätten…Ich habe gelacht, und beim nächsten Besuch sie – rein aus versehen versteht sich – etwas vom kostbaren Nass von oben ab). Hoppla! Wenns aach diregt unnä maam Fensder schdôn…

An der Ecke zur Karolinenstraße stürzt eine 80 Jährige auf’s Kopfsteinpflaster. Zu viel Schlenkerla und das um halb elf morgens! Ich heb sie auf, frag ausgesprochen nett ob alles in Ordnung sei. Sie sieht mich verwirrt an, tritt mir gegen das Schienbein und läuft weiter. Wer sagt, dass nur Jugendliche schlechte Manieren haben irrt gewaltig!

oder hatte die Frau Alzheimer? Ich ziehe Menschen in seltsamen Geisteszuständen an. Rentner erzählen mir im Bus von ihren Prostataschmerzen, Im Zug fragt mich ein keinem Geschlecht klar zuortbares Wesen, wieviel Minuten es noch zum rauchen habe, und als ich Antworte fünf, darf ich mir zwanzig Minuten die Frage anhören, ob die Bahnhofsmission in Ingolstadt, oder die in Hamburg die bessere sei, wildfremde Kinder fangen entweder an zu heulen wenn sie mich sehen (v.a. kleine Mädchen in rosafarbenen Rüschenkleidchen) oder werfen sich, wenn ich auf einer öffentlichen Parkwiese lese auf mich (es hat gedauert bis Mamma endlich herkam,Kind war der festen Überzeugung is sei eine Art Riesenteddybär, Mamma fand’s witzig, und ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine Art postfemministischer Flirttrick gewesen sein sollte…

Ich stehe in der Durchfahrt des Alten Rathauses. Kann mich noch immer nicht entscheiden ob Plensas Gummibärchen mir gefallen, oder in ihrer psychotischen Haltung Angst machen. Von unten steigt Glühweindurft auf. Es ist soweit: Der Advent naht mit riesengroßen Pusteblumenschritten; und solange die Bamberger nicht wie die Neu-Ulmer auf die Idee kommenund die Fress- und Saufmeilen Ende Oktober bis Februar auszudehnen – Winterzauber wochendends bis Mitternacht und wochentags mit live-Musik vom Kindergarten Sankt ADHS sind mir sogar die Glühweinstände recht (und das obwohl sie das ohnehin diffizile Unternehmen des kollisionsfreien Hindurchschlängelns durch Menschenmassen nicht eben einfacher machen). Prosit auf’s Christkind!

Spiritus loci !?

Spiritus loci

Unbestimmte Ahnungen in einer lebendig gewordenen Schneekugel mit time-out modus zu leben kennen wohl alle Ur- und Wahl-Bamberger. Um so verwunderlicher, dass mich, ausgerechnet als ich letztes Wochenende durch die Gassen Tübingens ging der gedankliche Nachtmahr in einer Zeitschleife gestrandet zu sein verfolgte.

Platanenallée, Hölderlinturm, Österberg, Stiftskirche, Marktplatz, Stift, Schloss…Das Stadt gab sich alle Mühe mich mit Postkartenidyllen und steingewordener Gelehrsamkeit an meine lang zurückliegende Studienzeit im schwäbischen Athen zu erinnern. Sogar die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die von den schroffen Abbrüchen herabfließenden Nebelbänke ins verschlafen daliegende Neckartal. Die steilen, schräggestellten Kopfsteinquader, die an einen Vampyr erinnerde Steinmaske über dem Tor der unteren Bastion, die Bank, deren schwäbische Inschrift stolz verkündet, dass dort“ die sitzen, die immer dort sitzen“ – Bis auf einen schwarzen Museumsraum voller 35.000 Jahre alter Eiszeitkunst schien alles unverändert.

Erst die vielen fremdjugendlichen Gesichter im Tagungsraum machten mich darauf aufmerksam, dass Zeit eben kein Zahnradgetriebe ist, welchesirgendwann Rost ansetzt und schließlich ganz den Geist aufgibt (well stimmt nicht ganz, wenn ich meine Astrophysikerfreunde ernst nehme, funktionierts prinzipiell genauso, nur das Rost Raum heißt und alles so unglaublich lang dauert, dass kein normaler Mensch noch von Zeit sprechen würde…Ewigkeiten wäre wohl das bessere Wort).

Zürück von den Sternen; Inmitten von Renaissancetüren und Burgenromantik bekam die Postkartenidylle eines „perfekten Tagungsortes“ Risse (gut so, ich mag Risse!). Eine wild schäumende Welle US-amerikanischen Aktivierungswahns schien über die einst so „beschauliche“ Disziplin gefegt zu sein und sich in Dynamisierungsdebatten, gutmenschlichen Interventionsphantasien, denglischen Wortneuschöpfungen und unbedingtem Jugendlichkeitswahn Raum zu schaffen.

Nicht, dass mir all dies nicht schon wie zuckende Fledermausschatten von Bücherseiten entgegengeflattert wäre. Auch nicht, dass mir irgendeiner der geäußerten weltbewegenden Gedanken neu oder gar revolutionär vorgekommen wäre;  Aber unter den barocken Hochbarockputten schien dies alles seltsam weit entrückt und einer nebelverhangenen Welt anzugehören, von der ich noch nichteinmal annahm, es könne meine sein.

Hier im gründerzeitlich aufgehübschten Fürstenzimmer des Tübinger Schlosses schien alles realer, nüchterner und greifbarer. Gedanken, vorher als aberwitzig verworfen hatte bekamen urplötzlich das Sexapeal beängstigender Inspiration. Kopfknoten, an denen ich mich jahrelang vergeblich abgearbeitet hatte platzten leicht wie Champagnerbläschen und ich fragte mich zwischen Wortmeldungen, inspirierend-leichten Gesprächen und Vorträgen die vorbeihuschten, als seien sie gerade 5 Minuten lang, permanent warum ich nicht früher an diesen Ort gekommen war.

Scheinepiphanien ähneln Opiumräuschen, wahrscheinlich weil dabei Unmengen chemischer Moleküle freigesetzt werden, die sich wie Siamesische Zwillinge gleichen…

Am Ende blieb eine schleimige Schicht Erkenntnis zurück. Tübingen besitzt – trotz Gutmenschen und aller pietistischen Fehlorientierung – etwas, was Bamberg schmerzlich abgeht : Geistige Beweglichkeit, Anregung und Trennschärfe. Die von Malzbierduft durchwehte fränkische Provinz ist Paradies, und wie Paradiese nuneinmal sind, bringen dienen sie eher dem entspannten Genießen, als geistigen Höhenflügen. Wenn Bamberg ein vanillecremeschwangerer Profiterolwindbeutel ist, ist Tübingen staubtrockenes Knäckebrot. Bier gegen Biosprossen…

Die Mähr vom Glauben an einen „spiritus loci“ – dessen unhinterfragte Existenz ich bei meinen „Forschungssubjekten“ stets als so eigenartig befremdlich empfunden hatte – ging mir nun selbst nicht mehr aus dem Kopf. Konnte es sein, dass der Ort die entscheidende Komponente auf der verzweifelten Suche nach Genialität war? Waren allemanisch-schwäbisches Fachwerk, Spitzbögen und Protestantische Wehmut tatsächlich inspirierender, als die barocke Sinnenlust Frankens? Oder liegt das ganze Geheimnis doch in ganz einfachen strukturellen Gründen begraben: Wohlstandsregion (Bamberg liegt auch wenn man’s angesichts der Mietpreise nicht glaubt im bettelarmen Oberfranken!), Eine Landesregierung die sich für Bildung interessiert, anstatt sie mit immerneuen Effiziensnormen abzutöten, „Multipersonenlehrstuhl“ vs. „Einfraubetrieb“, dass dort so viele „große“ nicht nur des eigenen Faches dort aus und eingegangen waren.

Als Kulturwissenschaftler sollte man sich vor postessentialistischen Höhenflügen hüten, dekonstruieren, hinterfragen und kritisch reflektieren…dennoch wurde ich den seltsamen Gedanken, dass Ort und geistige Leistung unmittelbar in Beziehung zueinander standen nicht mehr los. Warum sonst sollten die Bücher so vieler kluger Köpfe sonst so übervoll von Beschreibungen der besonderen Wirkung ganz bestimmter Orte sein? Weshalb sollten so viele Menschen vor mir die Erde von „gesegneten Orten“ in kleinen Beuteln, Gläsern oder anderen Behältnissen an Orte, die weniger „gesegnet“ waren mitgenommen haben und warum schmückten tausende Bilder mit wünderschönen (war Ästhetig gerade nicht noch etwas bourgoise-subjektives?) Landschafts- Gebäude- und Stadtansichten die Wände von Plattenbauwohnungen und Mietskasernen in aller Welt?

Warum sollten da Vinci und Dürer sich sonst so um den goldenen Schnitt und den Zusammenhang von Körper, Ort und Geist bemüht haben.

Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano

Der äußere Schein, Körper als Ort, Ort als Körper, Geistortkörper?

Ein gefährlicher Traum, nicht erst seit Juvenal. Zeichnet sich Schönheit nicht stets durch ihren Hang zur Oberflächlichkeit aus? Muss man nicht an Ort und Körper leiden um großes im Geistigen hervorbringen zu können? Braucht es nicht Brüche und Rupturen um die geradlinig-einfachen Bequemlichkeiten eines schlafenden Geistes zu wecken oder gilt heute, in einer Welt, in der alles zu brechen scheint, nicht das Gegenteil? Der schöne Schein als geistiger Inhalt? Leere Worthülsen und hohlgewordene Kategoriegebäude hinter der sich die Skylla des Nichtwissens mit der Carybdis des Nichtwissenwollens Scheingefechte liefern?

Ich philosophiere und ertappe mich noch immer bei dem Gedanken, dass es vielleicht kein Zufall ist, dass ich mir stets „schöne“ Orte zum Leben suche. Es wäre so einfach…zu einfach vielleicht.

Also zurück zur bewussten Hässlichkeit?

Beton statt Stuck, Fachwerk statt barocker Pomp…Das Meta-Narrativ von der Brotlosen Kunst, die in spitzwegschen Dachkammern haust…

Ein Irrgarten von Gespiegelten Phantasmen, die sich einbilden Wissen zu sein…

Ich nähere mich dem Zen und trinke Jasmintee im japanischen Vorgarten eines Wohlstandsghettos.