Vom Überzwerch sein – oder, warum Schwaben im Exil manchmal extrem komplizierte Menschen sein können…

Labyrinth

Labyrinth

Halb‘ zwölf und mitten in der Nacht und ich, ich ärgre mich – immer noch.

Ob über mich, ob über andere, ob über die Welt, ob über das, was mich an dieser einen Welt so allgemein und ganz im besonderen stört, oder ganz einfach nur über die Unvereinbarkeit der eigenen mit hunderttausend anderen Wahrheiten – ich weiß ich nicht!

Trotzdem oder gerade deswegen ärgere ich mich, bin über Kreuz – in Hochdeutsch.

In Schwäbisch hat dieses sich Ärgern über etwas, von dem man garnicht so genau weiß warum es einen oder man sich selbst ärgert einen Namen: Irgendetwas zwischen grantlá und griablá – was keineswegs mit hochdeutsch „grübeln“ oder gar dem reichlich romantischen Gefühl des allgemeinen „Weltschmerz“ und schon garnicht mit den gutmenschlichen Hypermoralismen gewisser Wut- und Besorgtbürger einher geht – auch und gerade wenn man letzteres angesichts einiger pseudobesorgt-egomanischer Stuttgart 21ler und lautstark pietistisch-homophober Kritiker des Lehrstoffs „sexuelle Vielfalt“ an baden-württembergischen Schulen durchaus mit Recht bezweifeln mag.

Schwäbisch griablá ist eine sehr viel fundamentalere, negativere, tiefschürfende und markerschütternde, aber eben auch schöpferisch existentiellere Tätigkeit. Eng verwandt mit dem Zweifel an allem und jedem inklusive dem eigenen Ich, und daher tiefstphilosophisch und ganz elementar, gelegentlich durchaus auch in Kombination mit dem ebenso zerstörerischen wie hochproduktiven Gefühl der Wut (bis hin zum heil’gen Zorn, der aber – wie oben anhand der schwäbischen Wut- und Pietistenbürger – leicht ins fundamentalistische kippt), bin ich mir gerade nicht mehr ganz so sicher, ob meinem Gefühl des Ärgers und des Zorns nicht noch ein Ver- vorangestellt werden muss und ob ich deshalb den Urzustand des zweifelnden Verärgertseins nicht längst längst zugunsten von etwas urschwäbisch-fundamentalerem hinter mir gelassen habe.

Dem nämlich was man südlich des Odenwalds und Hohenlohes iabrzwerch zu nennen pflegt.

Wortwörtlich übersetzt, mag dies irgendwas wie „über dem Zwerg – also dem Faden“ und nicht unähnlich der Metapher „Über die Stricke oder Stränge schlagen“ bedeuten, jedoch ohne deren durchaus auch positiven Conotation. Ob „iabrzwerch“ allerdings mit dem oben erwähnten  erwähnten „über Kreuz sein“ ident ist, weiß ich nicht, da es gleichzeitig Ursache (die Unzufriedenheit) wie auch Reaktion (das über die Stränge schlagen, vor allem bei Kindern) meinen kann.

Vermutlich muss ich mich daher einfach mit der schlichten Erkenntniss begnügen, dass die Schwaben aus Geschichte klug und vorsichtig geworden, über die Zeit eine besondere Affinität zum Doppeldeutig-Abgrundhaften entwickelt haben und diese Liebe durchaus in der Lage scheint in zwei oder weniger Wortfetzen die -nur scheinbar diametrale – Divergenz zwischen mittels Lot und Faden abgezirkelten Direkten, ordentlichen oder auch nur „normalen“ Ruhen in sich selbst (Dem was Soziologen und Psychologen so leichthin Identität – also das Übereinstimmen mit dem eigenen Ich) und dem was man so gerne wäre, wünscht, ersehnt und anderen sein und geben möchte. Das diese „überzwerche“ Sehsucht nach dem  besseren und guten „Über-Ich“ niemals „ganz“ und „wirklich“ sein kann und darf, weil sie in ihrem Wesen nicht nur gut und heil, sondern zugleich den Keim des diktatorischen und menschenverachtenden in sich trägt, das diese Sehnsucht stets mit dem tödlichen Makel totalitaristischer Ideologie und mörderischer Utopie verbunden ist – auch das hat der am schieren Sein ganz iaberzwerch gewordene Schwabe bitter lernen müssen. Und dies nicht erst in Zeiten als das „Heil!“ zum hohlen und verlogenen Gruß für selbsterklärte „Führer“ verkommen war.

Dieses Gefühl der unabwendlichen Unfertigkeit des Seins ist aber fälschlich Depression. Der Schwabe besitzt Ehrgeiz, manchmal sogar viel zu viel davon und er hat in aller Regel vor lauter Schaffenslust gar keine Zeit um depressiv zu sein. Ein Schwabe oder eine Schwäbin sind dabei maximal abgeschafft, was hierzulande nicht als Burnoutwarnzeichen, sondern höchstes des höchstmöglichen Lobes zu verstehen ist. Es kommt nicht ganz umsonst, dass er und sie als produktivstes, analytischstes und zielstrebigstes aller Wesen gilt, wenn auch dieser Ehrgeiz stets sehr individuell und einzeln bleibt und man es nicht besonders schätzt, wenn dieses Lob allzu öffentlich wird, und einen über den anderen erhebt.

Der Schwabe ist ein Tüftler, Denker, Macher, Schaffer, Gruschtler, Grübler, Denker – und er tut dies vorzugsweise für sich ganz und gar allein zum eigenen Vergnügen. Dabei spricht nicht, sondern er macht – und tut, tauscht sich dabei nicht oder äußerst selten aus, bis etwas ganz und gar in seinen Augen fertig ist – und dann erübrigt sich eh jeder Kommentar, weil das, was rauskommt einzigartig, unvergleichbar  ist – zumindest in den eignen Augen und dieses „Eigenlob“ ist dem Schwaben hunderttausendmal wichtiger als jeder Nobelpreis…denn einen schärferen Kritiker als einen iabrzwerchen, mit allem unzufrieden und an allem zweifelnden Schwaben gibt es nicht auf dieser Welt!

Was der Schwabe daher absolut nicht ist, ist ein Team(-arbeiter). Dafür fehlt ihm der Sinn – oder besser gesagt, es fehlt ihm der Sinn an diesem Tun, da nur das Endergebnis und das eigne Urteil zählt, dem aller Anderen misstraut er und er tut es mit sehr gutem Grund – da er (oder eben sie, die Schwäbin) schon als kleines Kind das Gefühl des Iabrzwerchseins kennt und daher an allem und jedem zweifelt – vor allem an der für ihn reichlich überflüssigen Konvention von ungerechtfertigtem Lob oder permanenter Freudlichkeit. Er oder sie braucht andere eben nicht, um mit sich selbst im Reinen zu sein, braucht nicht die Bestätigung der anderen, sondern nur die eigene – sie ist die einzige die zählt, und sie fällt einem nicht einfach zu, sondern will hart erarbeitet sein. Diese „Selbstarbeit“ und permanente Selbstüberprüfung ist für Schwaben ganz normal, und sie setzen es selbstveständlich auch bei allen anderen menschlichen (und manchmal auch bei tierischen Wesen, wie gelegentliche Dispute von Schwaben mit ihren „uneinsichtigen“ Haustieren reichlich belegen) voraus. Sorgloses in den Tag hineinleben oder sinnenfrohe Selbstvergessenheit sind ihm daher fremd – und er vermisst sie (meist) aber auch nicht, und wenn’s dann doch mal soweit kommt, fährt man eben nach Italien, aber nicht länger als zwei Wochen, denn länger hält man das garnicht aus…Wozu etwas Loben, wenn es gut ist?

Nix gsait isch gnuag g’lobt – oder anders gesagt: Funktioniert eteas nicht, ist dies kein Zufall, sondern tadelswerte Absicht des je anderen, die nicht auf Vergesslichkeit oder Unfähigkeit, sondern darauf beruht, dass der andere sich nicht genügend anstrengt, und ganz offensichtlich in hedonistischstem Selbstlob gefangen ist. Sprich: die Kritik kann, wenn sie denn kommt – und sie kommt spät, da es den iabrzwerchen Schwaben normalerweise nicht interessiert, was andere machen, da sie nicht Teil der „eigenen“ Welt sind – sehr heftig und grundsätzlich ausfallen. Je nach persönlichem Temperament kommt dabei dann eben die kehrwochenkontrollierenden Nachbarin oder das einsame Genie heraus, dessen Erfindungen man erst posthum entdeckt.

Tue und schweige (meist) darüber und nerve andere nicht mit dem was du beim tuen tust und denkst, das ist das Credo. (Daher ist das, was ich gerade mache sehr unschwäbisch).

Wer mit dem, was er kann herausdringt, wer sich darstellt und gar vermarktet, wer offen sagt was er sich denkt und sein geheimes, eignes, individuelles Wissen teilt, gilt als zutiefst verdächtig, denn der Schwabe ist zu klug um auf geblähte Lebensläufe einzugehen oder sich Wörter anstatt Taten anzuhören – für ihn sind sie im besten Falle heiße Luft und Zeitverschwendung, im schlechtesten Verrat und Lüge. Nur das Ergebnis zählt und es genügt, der Weg ist individuelle Sache, wie dies geschieht, wie lang es dauert, was man dabei macht, fühlt und denkt, geht absolut niemanden etwas an und ist tabu – der geborene Erfinder eben, nicht der Entrepreneur, denn Geld gilt als moralisch höchst verwerflich. Man hat es, zeigt es nicht, spricht nicht darüber (allenfalls in Form von Hektar, aber das nicht gern und nur im Rahmen von Heiratsverhandlungen und beim Finanzamt) und genießt für sich (wenn überhaupt, denn Geld zu haben heißt nicht es auch auszugemen).

All das macht den Schwaben und die Schwäbin nicht nur für Nicht-Schwaben recht schwierig im Umgang, vor allem aber zum schlimmsten Alptraum aller Serviceorientierten Teamlader oder Werbestrategen… Die schwäbische Hausfrau, die sich im Geschäft jede Hilfe verbittet, weil sie dahinter (zurecht) den Versuch vermutet ihr etwas aufzuschwatzen was sie nicht braucht, oder der Schwabe, der einen Kellner zurechtweißt, weil er es gewagt hat mehr als die Bestellung auf- und die Rechnung abzunehmen sind legendär (was nicht heißt, dass man als Kunde nicht die absolute Aufmerksamkeit des Personals erwartet, aber eben ohne dass es einen durch den Laden verfolgt oder alle zwei Sekunden fragt, ob man etwas braucht. Man ist schließlich aus dem Kleinkindalter heraus und wird sich schon rühren, wenn man etwas braucht – dass man für Leistungen, die man nicht braucht selbstverständlich kein Trinkgeld gibt, dürfte sich da von ganz allein erklären). Wie gesagt, einfach sind sie nicht im Umgang die Schwaben, aber höchst effizient und man sollte als Nicht-Schwabe nie die tiefe Anerkennung geringschätzen die sich hinter einem vielsagenden schwäbischen Schweigen, oder gar einem „scho“ (dt. schon (recht)) oder gar „ma ka’s lau“ (dt. man kann es lassen) verbrigt.

Warum das so nun ist? Well, lange Story – wie bereits gesagt: Die Geschichte zeigte dem Schwaben, dass er außer sich allein niemand vertrauen kann. Das macht ihn eigen aber eben auch (selbst-) verantwortlich.

Daher funktioniert der schwäbische Seinszustand des „Überzwerchseins“ ganz und gar anders als das große „Leiden am inneren Schweinehund“ oder der noch größere und allumfassende „Weltschmerz“. Es ist eher das Leiden am Gegenteil, am Zuviel im Kopf, an den ungenutzten Möglichkeiten, aber auch an dem Zwang sich anderen erklären zu müssen…wozu auch?

Verzweiflung und Resignation gehören eher nicht dazu, denn es gibt dazu viel zu viel zu tun, und ehrlich gesagt: es gibt ohnehin zu viel in der Welt an dem man verzweifeln kann, da muss man dann nicht selbst auch noch andere in die Verzweiflung treiben indem man verzweifelt – es „nutzt“ eh niemandem, aber das wäre zu utilitaristisch gedacht für einen Schwaben. Das heißt nun nicht, dass es in Schwaben keine depressiven oder verzweifelten Menschen gibt. Es gibt sogar jede Menge davon, und diese sind dann ganz besonders schlimm drann, da sie etwas nicht mehr können, was der „normalgebliebne“ (aber was ist schon „normal“) Schwabe (noch) kann:

Er oder sie schafft sich, trotz oder gerade wegen allem Andern, die ganze eigene Welt aus Idealen, Wünschen, Gefühlen, Erwartungen, und Aspirationen in eine damit inkompatiblen (Um)Welt wortwörtlich von den Schultern indem er dichtet, denkt, gruschdelt, werklat, schafft, krittlad, wualad oder einfach nur ist (was er oder sie aber in aller Regel keine fünf Minuten aushält ohne dabei irgendetwas zu tun). Er oder sie tut dies aus eigner Kraft und kümmert sich dabei einen gottverdammten Scheißdreck darum was die andern davon denken.

Dass der Schwabe (oder dann eben doch zu allermeist die Schwäbin) dabei trotzdem seine/ihre Kehrwoch macht, ihren oder seinen Vorgarten pflegt, zur Dorfhoggede geht oder seit 30 Jahren als Schriftführerin im örtlichen Schützenverein tätig ist, ist eine nicht zu unterschätzende – und historisch gesehen gar nicht so freiwillig erfolgte – Integrationsleistung, gibt dem Gegenüber aber lange noch nicht das Recht sich in das Innerste des Andern einzumischen. Es ist im Schwäbischen ein gewaltiger Unterschied ob ich den Nachbarn auf seinen unaufgeräumten Vorgarten aus dem Löwenzahnsamen in meinen Garten fliegt hinweise, oder ihn oder sie auf seine „gruschtige“ Werkstatt oder gar Waschküche aufmerksam mache. Ersteres ist öffentlicher Raum und daher kritikfähig, Letzteres Ausdruck des privaten Genies und daher tabu – was im Schwäbischen in aller Regel auch für alle Formen von Kunst und Dichtung gilt. Nix gsait isch gnuag globt kann im Zweifelsfall eben auch bedeuten, dass es nicht gefällt…Richtig, da ist sie wieder die Doppeldeutigkeit und ja, es gibt sie auch die schwäbischen Wutbürger – aber wenn es sie gibt, dann muss irgendwas zuvor ganz und gar und komplett verkehrt gelaufen sein (und meist hat das dann irgendetwas mit Nichtschwaben zu tun, die direkt oder indirekt für das ganze Schlamassl verantwortlich sind).

Für Nicht-Schwaben macht dies den Schwaben zum fast permanenten Minenfeld. Er weiß nicht wo die Grenzen liegen. Für Neoliberale Effizienzfetischisten und work life blender (wie schön, dass der Wortstamm „blend“ im Deutschen, wie auch (Alt-)Englischen einen gemeinen fießen Bedeutungshof von verfälschen und Betrug enthält!) macht es den oder die Schwäbin zum nichtbestechbaren, unkorrumpierbaren Alptraum, denn der echte Schwabe wird stets sehr fein unterscheiden, wo er und sein Privates, ja Intimes endet und der für andere verfügbare (und damit auch vermarkt- und bewertbare) Bereich beginnt. Ob dieser Befund nun so ganz mit dem, was neudeusch „work-life-balance“ genannt wird und einer – gar nicht so undankbaren, sondern sehr weltklugen – Generation Y als schlimmster Makel angedeutelt wird identisch ist – ob es also zu einer „Verschwäbisierung“ postmoderner Lebensstile und -erwartungen gekommen ist, mögen andere entscheiden, dem Schwaben genügt dabei so zu sein, wie er schon (fast) immer war.

Wenn Schwabe und Schwäbin dabei zufälligerweise zur Speerspitze einer modernen Sozialbewegung werden, die es sich nicht mehr gefallen lässt, dass ihr Leben auf Leistung und Verwertbarkeit reduziert wird, auch gut, oder umso besser – und spätestens damit dürfte dann auch klar sein, das schwäbische Effizienz etwas vollkommen anderes ist, als es sich neoliberale Prozess- und Lebensoptimierer träumen lassen. Sie ist im besten Sinne des Wortes „wertfrei“ und damit auch – es tut mir garnicht leid – nicht ökonomisierbar. Wenn dies denn, wie beim Auto doch passiert, dann garantiert nicht aus Absicht, sondern eher aus Zufall, weil’s eben so genial ist, was dabei rauskommt, wenn Schwaben mal wieder „iabrzwerch send ônd deshalb schaffad“. Das kann man nun neudeutsch „hidden crowd intelligence“ nennen, muss man aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn irgend ein IT-ler auf die hirnverbrannte Idee kommt, diese via world wide web erfassen, bewerten und vermarkten zu müssen. Die schwäbische Werkschdatt ist eben kein think pool.

Und damit zurück zum Schwaben: Sein Vesper ist ihm ebenso heilig, wie die Freizeit, denn die braucht er/sie ganz exklusiv für sich allein und das, was er ganzgar für sich, und niemand andern darin schafft – zumindest einen Teil davon. Er akzeptiert hier keine Grenzverletzung, scheidet rasierklingenhaft genau zwischen „Arbeit“ und „Schaffen“.

Arbeit ist für Schwaben allein schon aus moralischer Aufrichtigkeit dem „Arbeitgeber“ gegenüber bzw. dem Fakt, dass er sie nicht ganz und gar für sich selbst tut, nie Erfüllung, sondern bestenfalls produktive Kasteiung, ja Leiden und wird dies auch ewig sein  – anders ausgedrückt: Arbeit funktioniert für Schwaben einzig und allein nach dem Muster der Plage und des Sysiphos.

Schaffen hingegen…Nun das ist für andre – Nichtschwaben – zwar auch Abreit, für den Schwaben aber Selbsterfüllung, die im Idealfall nur völlig eigenbestimmt und daher nur sehr bedingt mit einem Angestelltenverhältnis gegen Entgeld vereinbar ist. Das ganze geht sogar soweit, dass nicht wenige Schwaben geben, die angebotene Entgelder für „Geschaffenes“ rigeros ablehnen, um ihr „Schaffen“ nicht zur „Arbeit“ abzuwerten.

Schaffen ist etwas heiliges, ja schöpferisches, dass nunmal nicht „auf Anweisung“ funktioniert oder funktionieren kann, weil es das benötigt, was der Schwabe „Luas“ nennt, und dem was hochdeutsch „Muße“ ist, entspricht. Und ja, auch Schwaben haben dabei das gleiche Problem der Unterscheidung zwischen Muße und Faulheit wie alle anderen Deutschen, kommen aber zumeist weniger in Verlegenheit diese „Muse“ gegenüber anderen erklären oder gar rechtfertigen zu müssen, da schwäbische Luas meist mit einer recht regen Tätigkeit verbunden ist, und selten länger als 30 Sekunden „Untätigkeit“ beinhaltet, weil man in und mit seiner „Luas“ eben etwas „schaffen“ will und kann (aber eben nicht muss, das ist wichtig, sonst ist das „Schaffen“ – richtig, Arbeit!).

Am besten also lässt man den Schwaben oder die Schwäbin einfach machen, wenn er schafft (und idealerweise auch wenn er arbeitet, dann merkt er oder sie vielleicht garnicht, dass es arbeit ist und denkt er/sie schafft). Und nein, man diskutiert auch nicht mit ihm oder ihr über die Sinnhaftigkeit ihres/seines Tuns. Das hasst er, es ist sinnlos, weil er sich – iabrzwerch wie er oder sie nunmal ist – längst selbst den Kopf über den Sinn zerbrochen hat und zu dem Ergebnis kam, dass sich das, was er oder sie tut – trotz und nicht wegen allem – lohnt.

Daher braucht es für Schwaben beim Schaffen (oder beim schaffenden Arbeiten) keine Diskussion, und ja, er oder sie legen keinerlei Wert auf Abstimmung, Beratung oder auch nur Konsens, da die Entscheidung längst – für sich –  getroffen ist. Danach ist es einfach nicht einsehbar, weshalb es noch mehr als einen Weg geben sollte – nämlich gesagt: den je Eigenen! Und ja, der oder die Schwäbin nehmen es äußerst persönlich, wenn jemand darüber anderer Meinung ist (es dauerte 500 Jahre um dem Schwaben soetwsa sinnfreies, wie die Kehrwoche beizubringen, und es dauerte weitere 200 Jahre um aus den eigenbrödlerischen und auf ihren einsamen Albhöfen sitzenden schwäbischen Bäuerles gute Fließbandarbeiter beim Bosch oder bei Mercedes zu machen. Man sollte also besser nicht am Sinn dieser Tätigkeiten zweifeln, wenn man nicht will, dass der oder die Schwäbin sich auf ihr kulturelles Erbe als eigenständiges Menschliches Wesen besinnt und sofort das System und die Welt wie sie ist als solches in Frage stellt indem sie den Besen einfach Besen sein lässt und den gutbezahlten Job bei den Untertürkheimern hinschmeißt, um sich auf die Alb und in die eigene Werkstatt zurückzuziehen und zu „schaffen“ (Und ja, das gibt es bei Schwaben sehr viel häufiger als bei anderen Menschen, wer’s nicht glaubt der möge sich bei all den Schafzüchtern, Tüftlern und Biosphärenparkführerinnen, Künstlern, KleinsttheatermacherInnen, Käseproduzenten und Solarflugzeugbauern, Besensammlern und Marmelade (schwäb. Gsältz)-Köchinnen und Köchen umsehen, die unser Land so reich machen.

Das mag nun autistisch, ja sozialpathogen klingen, funktioniert aber bestens, solang niemand auf die Idee kommt, ein Team sei mehr als einzelln vor sich hinwurschtelnde Individuen… Wer aber abwarten kann, hofft, glaubt und weiß, dass sich Menschen auch ohne permanente Überwachung, Anweisungen und gutgemeinte Ratschläge, Teamsitzungen und sportliche Betriebsausflüge organisieren können, wer akzeptieren kann, das dieses sich Aneinanderabarbeiten und „Zusammenwurschdeln“ mitunter etwas Zeit braucht (dann aber auch wirklich und auf Dauer funktioniert!), und nicht immer auf den Wegen läuft, die man sich selbst so vorgestellt hat; Wer dann auch noch akzeptieren kann, dass er eben nicht immer bekommt, was er will, sich aber stattdessen über das freuen kann was er völlig unerwartet an mehr bekommt, der ist in Schwaben richtig. Alle anderen sollen es besser lassen, denn sie sind uninteressant für die Bewohner eines Landes, die ganz nebenbei in ihren Garagen und Hinterhöfen etwas wie Flugzeuge und Autos schaffen oder – wenn das gerade zu langweilig wird – eben Gedichte, Theaterstücke, Lieder und Romane schreiben.

Das heißt nun nicht dass der Schwabe Einsatz für andere nicht schätzt, oder gar seine Arbeit nicht erledigt, ganz im Gegenteil, aber er weiß eben auch, dass dies nur ein Teil des Lebens ist und erledigt diese notwendige Arbeit auf seine sehr eigene einzigartige Weise. Und ja, Schwaben wissen auch, dass es neben der Arbeit auch noch anderes und wichtigeres gibt, und nehmen und brauchen diese Freiheit zu Leben und zu schaffen spätestens nach Feierabend auch. Sonst gehen sie kaputt, wie jeder Mensch, dem diese Freiheit nicht gegeben wird. Alles hat eben seine Zeit…Das Arbeiten (dass gutpietistisch eben Leiden ist, und daher auch Aufgaben und Wege enthalten darf, die andere vorgeben, allein schon deshalb, weil man dadurch für seine Sünden büßt) und das Schaffen, das einem ganz und gar allein gehört, und auch am besten ganz allein an einem Ort „macht“ der einem einzig und allein gehört und zu dem kein, oder nur sehr wenige andere Zugang haben.

Das ist vermutlich auch der eigentliche Grund für den wahr gewordenen Mythos vom Schwäbischen Häuslesbauer – Diskussion über ökologische Fingerabdrücke oder Zersiedelung der Landschaft, die Vorzüge des Lebens in der Stadt oder Dörfliche Enge zwecklos! Für den potentiellen Arbeitgeber heißt das, dass der Schwabe im Arbeitsmodus zwar zumeist immer noch schaffiger ist als die meisten seiner nichtschwäbischen Kollegen, wirklich genial wird er aber nur im iaberzwerchen „Schaffensmodus“ und den muss man als Arbeitgeber erstmal gewähren, schätzen, dulden und „schaffen“ lernen.

Und auch wenn das jetzt seltsam klingt, ich bin nun wieder klar im Kopf, ich habe Luas und schaffe und damit bin ich im Lot. Dass ich damit nicht mehr iaberzwerch bin, kann ich aber nicht behaupten…das wäre aber auch alles andere als gut, denn dann würde ich vermutlich weder heute Nacht hier sitzen, noch ab und an in meinem Gärtle oder in der Werkstatt herumwerkeln, oder an einem Roman oder Lyrikband schreiben.

PS: …und das mit den Berlinern und den Schwaben erklär ich Euch auch mal…irgendwann…

Buon Nuit, ich hoffe ihr schlaft gut.

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Chablis zu Hanami

spring in Burgundy

Auf der Suche nach einem passenden Kirschblütenphoto für einen e-mail-Anhang zum Hanami-Fest (jap. Blütenbetrachten) an einen japanischen Freund stöberte ich vor einigen Tagen in den alten Photodateien meines kleinen, roten „Reisecomputers“ und entdeckte dabei lächelnd einige längst vergessene Bilder eines Frühlingsausflugs in ein kleines burgundischen Dorf.

Eigentlich hatten wir uns – wieder einmal – gründlich verfahren, weil sich unser Navi strikt weigerte zu den vielen gleichlautenden Ortsnamen auf St. Irgendwas die entsprechenden genaueren Ortsangaben (sur, les oder du irgendwas…) anzugeben. Vielleicht war’s uns aber   auch nur zu blöd geworden, uns ständig in typisch deutscher Baedecker-Manier „nach Reiseführer“ rastlos von a) nach b) zu begeben. Sewi’s wie es mag, als angehende Kunstgeschichtler nahmen ich’s sportlich und tat, was man im Burgund nunmal tut, wenn man sich gründlich verfranst hat: Man schaut zu, dass man jemand findet, der einen Schlüssel zum herrlich versteckten Chateau, dem örtlichen Weingut oder – wie in diesem Fall – der halb verfallenen Dorfkirche hat.

Garnicht so einfach in einem Dorf mit vielleicht 10 ständigen Einwohnern, die sofern sie tagsüber nicht in der nächsten Stadt arbeiten, im Frühjahr reichlich anderes zu tun haben, als zwei neugierigen Deutschen das „hübsche Örtchen“ vorzuführen. Der Weinberg will hergerichtet, das Ausschlagen der Reben beobachtet, die Cuvée ein letztes Mal auf ihre korrekte Zusammensetzung geprüft und der Weidezaun geflickt sein.

Schließlich fanden wir doch noch eine Alte Dame, welche uns zunächst kritisch durch ihre dicken Brillengläser musterte und uns aber nach bestandener Überprüfung mit einem riesigen, halb angerosteten Schlüssel umständlich das Kircheninnere öffnete.

Wie so oft erwartete uns auch hier eine Überraschung:  Im hellen Frühlingslicht das  mit uns durch die geöffnete Tür in die Kirche strömte erschienen die leuchtend-lustvollen Abbildungen eines Totentanzes des frühen 16. Jahrhundert. Es dauerte, bis wir zwischen stolzen Damen, Landsknechten und Kaisern den Bischoff und seinen blondgelockten Geliebten (sic!) auf ihrem Weg in den am Langhausende lauernden Höllenrachen entdeckten.  Zuerst verstanden wir nicht. Etwas auch nur annähernd Ähliches hatten wir nie gesehen.

Die Alte Dame amüsierte sich köstlich als sie uns begriffsstutzigen Kerlen in ihrem altertümlichen Charrolais-Dialekt und mit herrlich rollendem „r“ die Szene genüsslich zum dritten Mal erklärte. Auch wir hatten unser Vergnügen, denn jedes mal kam ein neues schlüpfiges Detail aus der Lebensgeschichte der Beiden hinzu. Irgendwann machte es klick. Ich habe selten so laut in einer Kirche gelacht. Auch der Tod schien uns aus seinem zahnlosen Mund mit einem lustvollen „Genießt…ich komme früh genug!“ zuzulächeln.

Die von Engeln geleiteten Frömmler der Gegenseite erschienen dagegen geradezu langweilg. Auch Madame du Brais hatte für sie kaum mehr als ein indigniertes  „les autres“ übrig.

Hinter dem Kirchhof lag ein Friedhof, und dahinter, am Ende einer langen Kastanienalee ein halb verfallenes Schloss (Nein, nicht verfallen. burgundische Schlösser MÜSSEN genau so aussehen. Was wäre das auch für ein Schloss, in dem es nicht irgendwo zumindest ein wenig zum Dach hereinregnen würde?…).

Längst hatte Madame du Brais, welche sich zwischenzeitlich als leibhaftige Comtesse entpuppt hatte, aber nichts darauf gab, mich am Sakkozipfel gepackt und mich in Richtung einer kleinen Tür in der Parkmauer gezogen.

Venez, venez,  j’ai une autre gâterie!“

Ich wurde ich den Gedanken an die Hexe aus Hänsel und Gretel, samt dem zugehörigen Lebkuchenhaus nicht los.

Als hätte man uns erwartet stand mitten auf einer von Schlüsselblumen bedeckten saftiggrünen Wiese ein mit einem weißen Leintuch gedeckter Tisch, dazu vier Stühle aus Schmiedeeisen und eine Schüssel mit frischem Kohlsalat mit kleinen, gebackenen Speckstückchen.

Bon appétit“

Statt mit zuckersüßen Zelten wurden wir mit selbst gebackener quiche und reichlich Chablis gefüttert.

Madame la Comtesse waren selig, wir auch!

Auf dem Weg zurück überquerten wir einen kleinen Bach. Die drei weit ausladenden  Bögen der alten Brücke wirkten ziemlich ambitioniert für das schmale Rinnsal. Aus seinem Wasser ragten einige Schwertlilienblätter, darüber ein kleiner, weiß blühender Kirschbaum, dessen Blütenblätter langsam ins Wasser vielen…

Madame du Brais verabschiedete sich, dankte für den amüsanten Nachmittag und gab uns noch eine Flasche von „ihrem Besten“ mit. Ein herrlicher, goldgelber „grand cru“ mit smaragdgrünen Reflexen und himmlischem Geschmack.

Schöner lässt sich selbst in Japan kein Hanami-Fest verbringen…

Von Findenmösle und Voggenreute..

Von Findenmösle nach Voggenreuthe…

Liebe Blog-Gemeinde,

Geht’s jetzt eigentlich mal wieder nur mir so, oder ist es normal dass ich beim Anblick dieser wunderbar ost-mittel-oberschwäbischen Ortsnahmen am Jakobsweg (Aufkleber oben rechts!) eine leichte Beklemmungen um ihren ungehinderten Fortbestand im Zeitalter politischer Korrektheiten und sexualisierter Sexismusdebatten jenseits des post-femministischen Diskurses bekomme?

Vermutlich würden Frau Künast und die Schwarzer Alice sie heute ganz im gendergestreemten neu-berliner Szenechargon in Schönmoos und Lichtwald umtaufen.

Und weil ich grad so schön am politisch inkorrekten Spekustammtisieren bin , möcht ich Euch jetzt meine linguistisch nicht ganz astreine Assoziationskette  nicht vorenthalten. Und ja Tante Gertrud,  ich hätt halt mehr beim Seminar „Oberschwäbisch ist auch nur Mittelhochdeutsch das sich seltsam anhört, weil’s zweimal lautverschoben ist“ von Großonkel Hubertus selig aufpassen sollen…

Kurzgesagt, ich bin/war grad gschwind etwas mit der Übersetzung von „voggen“ überfordert- Vermutlich bin ich einfach schon zu lang im nordbayerischen Exil…Aber mal im Ernst, wahrscheinlich ist Voggenreute einer der sehr schwäbischen Ortsnamen die als  semantische Totaltautologie den Vorgang und  Ergebnis (Bewegung und Veränderung/Status) in einem an bipolarer Störung leidenden Substantiv zusammenfassen (?). Das ganze könnt dann sowas ähnliches wie eine (brandgerodete?) Lichtung auf der die Bäume umgeschlagen (gevoggt also ausgerissen) wurden und die deshalb etwas „reute“ (da steckt der gleiche Stamm wie in räudig=ziemlich lädiert drinn) ist bedeuten. Wenn mann jetzt noch nach urschwäbischer Inversivsitte das Adjektiv zum Substantiv macht und sich dabei ein frisch von echten allgäuer Wildsauen oder russischen Meteoriten gerupftes Salatbeet vorstellt und das Ganze dann auch noch in Verhältnis zum aufgrund des Alpenföhns hyperoptimalen Sonneneinfall setzt kommt eben Voggenreute oder politisch korrekt Lichtwald raus? alles klar?

Findenmösle und Voggenreute, es ist schön, dass es Euch trotz Sexismusdebatte und den „Movimenti“ zur moralischen Erneuerung des effizienzoptimierten Nordic-Walking Pilgers und meinen seltsamen Sprachschatzwandlungen noch gibt. Und wenn ihr meint, dass Eure Ortsnahmen was ganz anderes beteuten oder doch auf ein erotisches Intermezzo von Ritter Kunibert dem Wackeligen mit seiner Kammerzote Brunhilda der Vielgeliebten zurückzuführen sind, sagt’s mir bei Gelegenheit Einfach kurz Bescheid.

Gute Nacht und schlaft recht gut !

22. Türchen: Elchblutglögg, los alemanes loco und Fußballer im Flanellanzug

Sportschuh in Flanell

Kennt ihr das auch…man(n) sitzt völlig unschuldig vor dem Computer, transkribiert irgendein Interview zum vierten mal, weil man(n) bei der Aufnahme blöderweise vergessen hat, den Barista zu bitten keine Espresso Macchiato Bohnen frischzumahlen; Und urplötzlich öffnet zwischen biographischer Methode und objektiver Hermeneutik das Programmkino für assoziative Subgedanken…

Ich weiß, dass ist jetzt wieder eines dieser seltsam geisteswissenschaftlichen Luxusprobleme, mit dem sich Otto-Normalverbraucher nicht identifizieren kann…

Oder doch?

Fußballer in langen Winterunterhosen sehen für mich  immer ein bisschen wie Vater Ingalls im Flanellpyjama.

Ich transkribiere weiter durch Kaffeschaum und brechende Bohnen. Durch den Flur dringt penetranter Duft von Autonadelbäumen und in der zugehörigen Parfumabteilung fühlt man sich als gäb’s etwas umsonst. Die Bäume haben keine Blätter mehr, trotzdem wird’s wohl nichts mit weißer Weihnacht. Warmfronteinbruch – ein Wort wie im Kalten Krieg!

Und überhaupt und sowieso…wenn man sich gerade nich auf einer Super-Zombie-Apokalypse-Weltuntergangsparty herumtreibt, nähert sich die allseits beliebte Zeit der Jahresrückblicke, Glühweinpartys und Firmenweihnachtsfeiern ihrem Höhepunkt. Selbst die Uni veranstaltet einen Foto-Wettbewerb zum Thema „Weihnacht“ und verteilt Gewinnkarten für die’s – selbstredend nur gegen Vorlage des Studentenausweises –   Wichtelgeschenke to go im Dekanat gibt.

PS: für alle die, die’s vielleicht doch gemerkt haben: Ich benutze heute absichtlich das grammatikalisch korrekte Neutrum und nicht die vorgeblich genderneutrale Innen-Variante. Außerdem finde ich Partizipialkonstrukte immer noch anrüchig.

Zwei Denkgedangenschleifen weiter:

Zurück und vor zur vielwohlreichgeliebten Deutsche Sprache! (Es lebe das Grimm-Jubiläumsjahr!)

Im Kamingespräch der studienbegleitenden Glühweintutorengruppe des Elite-Zukünftige-Facharbeitermangelbekämpfungsprogramm des IHK Bezirkes Ostoberfranken-Nordbayern teilte mir vorletzte Woche eine junge Spanieren namens Maria-Anna voller Entrüstung mit, Deutsch sei so unglaublich kompliziert – Die ungewollte Doppeldeutigkeit der frohen Botschaft ist dem Kulturwissenschaftler in mir selbstredend nicht entgangen. Maria Anna meinte vermutlich Dinge wie Phonetik, Syntax und Grammatik, kurz: die Sprache, nicht das Sein! Ob beides aber miteinander nicht doch in kausal-semantischem Zusammenhang steht…keine Ahnung, aber wir haben zwanzig Bücher darüber in der Teilbibliothek 4!

Immer würden „die Deutschen“ irgendetwas an-, ab- oder dazuhängen, zusammen- und umstellen, permanent die Artikel wechseln und überhaupt sei alles viel zu überreglementiert und exakt – Also doch das Sein…

Im Spanischen gäb’s oft nur ein oder zwei Wörter für eine Sache und die würden vollkommen ausreichen, weil sich aus dem Kontext eh erschließen würde, was gemeint sei, alles sei viel einfacher, logischer und entspannter, aber hier…Los alemanes loco bräuchten ein ganzes Lexikon an Hilfswörtern und Vorsilben um etwas so simples wie den Weg zur nächsten Apotheke auszudrücken!

…Durch, herum, vorbei, hinunter, hinüber und gleich drüben…sie hätte eine ganze Stunde gebraucht um wieder zurück nach Hause zufinden und dann erst mal alle angeblich richtungsweisenden Ausdrücke in ihrem Wörterbuch nachzuschlagen!

und überhaupt uns sowieso sei „nachzuschlagen“ ja auch so ein typisch unlogisches und völlig überflüssiges deutsches Wort! Entweder man sucht in einem Buch nach einem Wort oder man schlägt es zu, aber beides zusammen, das können wirklich nur los alemanes!

Die junge Spanierin motzt weiter, Schweißperlen treten ihr auf die Stirn. Der Wut-Fandango geht weiter und steigert sich zu einem furiosen Stakato aus Bewegung und Wort…

…Die Suche nach der Apotheke als Paradigma innerer Zerissenheit: Ein einfaches zwei mal links und bei der Kirche rechts hättens doch auch getan. Warum, warum nur müsst ihr alemanes alles immer nur so unendlich kompliziert und unverständlich machen! Ist es das Wetter, die angeborene Griesgrämigkeit oder einfach nur die Lust an perversem Sprachsadismus?

Ich klinke mich innerlich aus dem Gwespräch, vermute still die arme Maria-Anna hatte es schlichtweg mit einem jener besonders hilfreichen Gutmenschen-Wesen zu tun, welche sich, wie es hier nunmal kulturell einkodiert scheint, in Anwesenheit fremdländisch dreinredender und -aussehender Wesen besonders deutlich und exakt ausdrücken wollten…wirklich sicher ob sie nicht doch an eine Gruppe oberbayerischer Touris geraten ist, die sich selbst nicht auskannten, das aber selbstredend in ihren Lederhosen und Haferelschuhen nicht zugeben wollten, bin ich mir aber nicht…

Arme Maria-Anna…wie soll man ihr jetzt erklären, dass Lederhosen zwar durchaus auch von Oberfranken bei Sandkerwa und Annaberg getragen werden, sie aber trotzdem vorsichtig sein muss, alle Menschen mit Lederhosen für einheimische Bamberger zu halten. Und was wird sie erst von Nietzsche, Schleiermacher oder Luhmann halten?

…Jedenfalls werde sie nicht in Deutschland bleiben…Es daure Jahre bis man sich auch nur halbwegs verständigen könne (sie hatte 7 Jahre Deutsch an der Schule und einen Kurs am Goethe-Institut, aber gebracht habe das allexs rein garnix!) und dann gebe es ja noch diese Dialekte und den „Nieselregen“…FÜRCHTERLICH!

Ich staune über das exakte Deutsch Maria-Annas, denke an Huntington und meine kläglich gescheiterten Versuche Ungarisch zu lernen…bis auf ein paar Essensvokabeln und liebevoll ausgewählte Flüche (Dank an meinen sehr darum bemühten Reitlehrer!) ist herzlich wenig hängen geblieben. Ich fühle Mitleid. Sprache kann frustrierend sein…Wetter auch. Leider bekommt das Maria-Anna nicht mehr mit…

Im Fernsehn läuft die dritte Staffel des Jahresrückblicks auf’s Special Prommi Dinner. Auch das bekannte südostschwedische Möbellager hat auf Elchblutglögg umgestellt. Die Krähenschwärme ziehen nordwärts, es wird wärmer. Ob das Christkind wohl mitsamt seinem Schlitten im Matsch steckengeblieben ist?