Adventskalender 2014 – 3. Türchen – Vom Leben und vom heiligen Zorn

Ein Stern

Ein Stern

Heute ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Ich könnte nun lange über Benachteiligung, Ausgrenzung und Ablehnung schreiben.

Aber ich mache das jetzt anders:

„Be my baby“ – Vor kurzem hatte ich bei den Filmfestspielen in Biberach a. d. Riß nicht nur die Gelegenheit diesen wirklich außergewöhnlichen Film zu sehen, sondern danach auch mit den Regisseuren und der Hauptdarstellerin über diesen Film zu diskutieren. Normalerweise vergisst man solche Ereignisse sehr schnell wieder, reiht sie ein in den Alltag. Bei diesem Film ging das nicht, er ließ mich nicht mehr los, und ich frage mich bis heute, weshalb er nur am 01.12.2014 um 0:05h als Teil der Sendereihe „kleines Fernsehspiel“ im ZDF zu sehen war (und dadurch keinen Kino-Verleih fand, da er sich – weil in der Mediathek abrufbar – wohl ökonomisch nicht mehr lohne…Filmförderung und PPP können ihre Nachteile haben…).

„Be my baby“ handelt von einer Jungen Frau mit Down-Syndrom, die sich lediglich etwas so „normales“ wie eine eigene Familie, Glück, Geborgenheit und Liebe wünscht, schwanger wird und sich damit plötzlich einer ganzen Phalanx aus Vorurteilen, Ablehnung, gesellschaftlichen Konventionen, Tabus und Verboten gegenübersieht.

Neben den eindringlichen Bildern und Szenen des Films, war es  vor allem die Hauptdarstellerin des Films Carina Kühne, deren selbstbewusste und keinesfalls „publikumskonformen“ Antworten auf die von falscher Zurückhaltung und Rücksichtnahme, Mitleid und Gutmenschentum geprägten Fragen des Festival-Publikums mich beeindruckten.

Daß eine Frau mit Down-Syndrom als Schauspielerin erfolgreich sein kann, mochte für die meisten im Saal ja gerade noch angehen. Daß dieselbe, kleine, ja zerbrechlich wirkende junge Frau der versammelten Presse und dem großteils aus GrundschullehrerInnen und Jung-AktivistInnen im Pollunder-Look bestehenden Publikum dann aber knallhart um die Ohren haute, dass seit der Einführung eines Schnelltests auf Trisomie 21* vor einigen Jahren über 99,5% der Föten mit dieser spezifischen Gen-Mutation abgetrieben würden – und man sie sich ruhig noch einmal genau ansehen sollte, weil die Menschen mit Down-Syndrom demnächst ausstürben, war einigen dann doch zu viel der selbstbewussten Inklusion.

Und doch, es stimmt, wir – d.h. unsere Gesellschaft will sich Menschen wie Carina Kühne nicht mehr „antun“. „Schwangerschaftsabbruch mit embryopathischer Indikation“ wie es so schön im Gesetz von 1995 heißt. Kinder mit Behinderung würden die „körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren, unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse, in unzumutbarer Weise beeinträchtigen“ so die Argumentation. Ihre Abtreibung ist in Deutschland bis zur 22. Schwangerschaftswoche üblich (und während der gesamten Schwangerschaft straffrei), in den Niederlanden und anderen Nachbarländern auch noch danach…Man will diese Kinder nicht, sie beeinträchtigen, verursachen Kosten, brauchen unsere Hilfe und Zuwendung…

…und so sterben sie aus, die Menschen wie Carina – oder besser gesagt, sie werden sehr bewusst und mit voller Absicht ausgerottet. Nicht weil sie nicht ein erfülltes Leben führen könnten,  sondern weil sich unsere auf Leistung und Maximaleffizienz getrimmte Wettbewerbsgesellschaft keine „mangelhaften“ Mitglieder mehr leisten will.

Es ist in Deutschland noch gar nicht lange her, das wir das „Euthanasie“ nannten…nur dass es damals noch keine Pränataldiagnostik und keine Schnelltests gab, und man die Behinderten nicht als Embryo, sondern erst nach ihrer Geburt als „lebensunwertes Leben“ entsorgte.

Und nein, ich verurteile hier nicht die Schwangeren, die heute nicht mehr wissen wie sie in dieser Weltnoch ein behindertes Kind  großziehen sollen und sich deshalb bei der Diagnose „Behinderung“ für einen Schwangerschaftsabruch entscheiden (müssen).

Ich verurteile die Welt, die Eltern mit behinderten Kindern ganz ernsthaft fragt „Ob sowas denn heute wirklich noch sein muss“.

Ich verurteile jene, die sich beschämt und angeekelt wegdrehen, wenn ein Mensch mit Behinderung sie anspricht oder um Hilfe bittet.

Ich verurteile jene, die meinen, ein behinderter Mensch sei kein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft.

Ich verurteile jene, die – vorgeblich aus besten Motiven – Behinderte bevormunden, wegsperren, ab- und aussondern.

Ich verurteile die Arbeitgeber, die sich lieber durch eine Strafzahlung freikaufen, als einen Menschen mit Behinderung einstellen.

Ich verurteile die Ökonomen und Ärzte, die im Namen des volkswirtschaftlichen Schadens die Abtreibung behinderter Föten fordern.

Ich verurteile die FrauenrechtlerInnen und FemministInnen, die sich im Namen eines angeblich selbstbestimmten Lebens der Schwangeren zu Richterinnen über Leben und Tod aufschwingen.

Ich verurteile die Nachbarn, Freunde, Väter, Verwandte und Großeltern, Behörden und Politiker, die die Schwächsten in unserer Gesellschaft am liebsten vergessen würden, und sie – dort wo dies nicht möglich ist – mit schönen Versprechungen auf den Sankt Nimmerleinstag vertrösten.

Ich verurteile und ich habe einen „heiligen Zorn“ – wie man im Schwäbischen so schön und treffend sagt.

Trotzdem, oder gerade deshalb lohnt es sich diesen ganz besonderen Film anzusehen, und selbst darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn es in unserer Welt bald keine Menschen mehr mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen mehr gibt.

Link zur ZDF-Mediathek:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby?setTime=6.75#/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby

* So die medizinisch korrekte Bezeichnung von Down-Syndrom bzw. dem, was man früher als „Mongoloismus“ bezeichnete.

Von guten und von schlechten Bettlern…

Münzen auf der Straße

Münzen auf der Straße

Die Bamberger Blogger- und Indie-Szene ist entsetzt:

Der beliebte Bamberger Straßenmusikant Moritz Rabe, selbsternannte Bamberger „Kulturinstitution“ und Berufsquerulant mit akutem Hang zu revolutionärem Protestgesang muss ins Gefängnis weil er sich über Jahre hinweg weigerte für sein „lustiges Musikantenleben“ in der bamberger Fußgängerzone „Sondernutzungsgebühren“ an die Stadt abzuleisten und sich dort zwischenzeitlich inklusive stattlichen Verwarnungsgeldern ein mittlerer vierstelliger „Schuldenberg“ angesammelt hat.

Rabe das unschuldige Opfer einer vollkapitalisierten Konsumgesellschaft, die es nicht duldet, wenn ihr einer den Spiegel vorhält, die organisierten Roma-Fremd-Bettler-Mafia, welche „seit Jahren ungebremst die deutschen Innenstädte flutet“ ungeschoren davonkommen lässt?

Die Diskussion innerhalb der Bamberger Blogger- und Indie-News-Szene läuft warm:

Betteln als Menschenrecht? Kunst gegen Kommerz? Revolution gegen bourgeoises Kapitalistenpack? Weltverbesserer gegen Reaktionäre?

Wichtige fragen, auch wenn sich dies alles mit dem mit dem guten alten „de gustibus non est dispudandum“ als harmloser innerstädtischer Kampf der im Bereich der „Mitleidsindustrie“ tätigen mit renitenten Stadtbehörten um öffentliche Territoren und Einkünfte abtun ließe und somit in die Rubrik „Sommerloch“ fiele…

Fiele…wenn sich anlässlich der „Geschichte“ nicht in so manchem wutbürgerlichen  „Leitartikel“ samt zugehörigen Kommentar ungeniert rassistische Vorurteile und ungehemmtes Denunziantentum gegen „Fremdbettler“, „Zigeuner“ und „Ostgesindel“ Bahn brechen würde. (Bamberg ist hier – wie fast immer, und manchmal auch zum Glück – mindestens 5 jahre hinter dem generellen Trend, die – hier offensichtlich unbekannte – Debatte um „kriminelle Roma-Bettler“ in Ungarn, der Schweiz und Österreich hat dort bereits vor Jahren zu heftigsten politischen Kontroversen mit so mancher rassistischen oder gutmenschlichen Stilblüte geführt.

Da ist schnell vom „guten deutschen/ortsansässigen“ Bettler und den „Bösen Zigeunern die ihre Kinder auf den Bettelstrich schicken“ die Rede. „Diebische Blumenfrauen, „(falsche?) Obdachlosenzeitungsverteilerinnen“, „lebende Statuen die deutschen Kindern ihr Taschengeld klauen“ , “ erpresserische Zigeunermusikern, die erst dann wieder abziehen, wenn sie von Wirten Schutzgeld bekommen“ und „pseudo-verstümmelte Roma-Könige, die Abends im Benz heimfahren“ machen in kleinen Deutschen Provinzstädten „Millionengewinne“.

Um das Register fremdenfeindlichen Stereotype voll zu machen wird auf Blogs und in Newsgroups, Twitterbotschaften und selbst per youtube auch gleich noch die Moritat von „osteuropäischen Diebesbanden, die sich als Bettler tarnen um fleißige deutsche Bürger auszurauben“ und „gewohnheitsmäßig tierquälenden Roma, welche ihre Hundewelpen, wenn diese zu groß werden um Mitleid zu erregen, herzlos im Müll entsorgen“, oder „Ihre mit Tollwut und allen möglichen anderen Ost-Krankheiten verseuchten Viecher an gutgläubige Deutsche verscherbeln “ erzählt.

Gleichzeitig wird für den „Guten deutschen Bettler/Straßenmusikant/Kunstschaffenden im öffentlichen Raum“ das Recht auf Lebensunterhalt gefordert. „Betteln als Menschenrecht“ und „Freiheit für die Kunst von Unten“…aber bitte nur für Einheimische!

Nicht selten verstehen sich die Urheber derartig populistisch-rechtslastigen Debatten als progressive, total offene und kunstaffine Mitmenschen, die nur das Beste wollen und die „unabhängige freie Straßenkunst“ vor der Verdrängung durch Kommerz und „unfaire Konkurrenz aus dem Osten“ schützen wollen. Auch müsse man die „armen Romakinder“ vor ihren „kulturell bedingt gewalttätigen Eltern“ (= „professionellen Bettel-Bossen“) schützen, die diese „bewusst mit Äxten verstümmelten“ um dann in deutschen Innenstädten mit ihren „bemitleidenswerten Opfern“ den maximalen Profit zu machen.

Warum Ost- und Südosteuropäer (es sind längst nicht nur Roma) in unsere Städte kommen und sich als grottesk geschminkte Rokkokopuppen dem öffentlichen Spott preisgeben oder sich stundenlang an zugigen Ecken auf die Knie werfen, fragt hingegen niemand…(allerhöchstens wird dieses Verhalten als „Gipfel des professionellen Bettlertums“ gebrandmarkt).

Sicher, es gibt – nicht nur in deutschen Städten, sondern in allen Regionen der Welt mit einem drastischen Wohlstandsgefälle – ein Problem mit „gewerbsmäßig betriebener Bettelei“. Ich leugne nicht, dass sich hinter so manchem „Bettelkind“ ein „Bettelboss“ verbirgt und auch ich habe mich nicht nur einmal über die agressiven Praktiken so mancher „Straßenzeitungsverkäuferin“ aufgeregt.

Andererseits war es auch nicht immer das Reine Vergnügen dem renitenten Wortschwall eines Moritz Rabe & Co. lauschen zu dürfen und vier Stunden Übungsgegeige á la „Kleine Nachtmusik“ sind irgendwann auch nicht mehr lustig.

Aber wer mag entscheiden (oder hat überhaupt das Recht dazu), ob ein leicht größenwahnsinniger Straßenmusikant mit Hang zum Berufsrevolutionär mehr recht auf einen „Standplatz“ hat, als eine Mozartstatue mit rumänischem Akzent? Und warum soll die violinespielende Musikstudentin eine „Sondernutzungsgebühr“ entrichten, der selbsternannte Straßenkünstler aber nicht? Was ist „gute“ und was ist „schlechte“ Straßenkunst? Ist Betteln ein Menschenrecht? Wer legt fest, was „gewerbsmäßige“ Bettelei ist, oder lediglich „der Grundgesetzlich (und durch die Menschenrechtskonvention) gesicherten Sicherung des Lebensunterhalts dient? Wo beginnt die Kunstfreiheit und wo endet sie? Wem „gehört“ der öffentliche Raum? Haben Einheimische mehr Rechte darauf als Fremde? Was ist ein „guter“ und was ein „schlechter“ Bettler und gibt es diese Trennung überhaupt?

Angesichts von „Spitzel-Debatte“ und „Öko-Diktaturdebatte“ sollten wir eigentlich alle sensibler mit der Frage umgehen, wie weit staatlilche Fürsorgepflicht und Präventionspflicht gehen und wo staatliche Institutionen unberechtigt in die elementaren Grundrechte ihrer Bürger einzugreifen. Auch sollten wir endlich aus unserem westeuropäischem Wohlstandstraum aufwachen und bemerken, dass es gar nicht so weit von uns auch noch andere (Lebens-) Welten gibt, in denen der neueste Schuhmodetrend nicht das Maß der Lebensqualität ist.

Insofern bin ich heilfroh um jeden einzelnen Bettler und Straßen(lebens)künstler der dem obrigkeitlichen (und ökonomisch forcierten) „Ordnungssinn“ von Obrigkeit, Bürgervereinen, Handwerkskammern, Citymarketing-Vereinen und Gewerbetreibenden entgeht. Sie sind Anstoß, und dass ist gut so!

Ich hoffe, dass nicht nur ich bei der Lektüre so mancher Meldung zum Thema „Straßenkunst und Bettelmafia“ leichte Magenschmerzen bekomme und mich dabei mehr als peinlich an die „Assozialenerlasse“ einer sehr dunklen Zeit erinnert fühle. Wem dies nicht so geht, möge ins nächste Dokumentationszentrum fahren und sich dort schlau machen, welche Folgen der Slogan „Zigeuner raus!“ haben kann…

Einen besinnlichen Sommertag nicht nur den Bamberger Bloggerfreunden!

Integration

Lindenblüten im Fackelschein, Margeritenkugeln an Zitronenjus,

unter crèmefarbenen Baldachinen: die dörfliche Gentry.

Über dem Sportplatz grillen die Türken,

man sitzt erhöht, degustiert Wein und betrachtet die Spiele.

 

 

Von Hungernden Sozialschmarotzern und der Kunst der Demut

„Wenn’s ihnen hier nicht passt, können’s ja wieder abhaun!“

„Alles Kriminelle, Menschenschleußer und Drogenhändler!“

„Sozialschmarotzer, Arbeitsscheues Gesindel, Assoziale!“

„Am besten, wir würden sie gleich an der Grenze abknallen, dann hätten wir die Probleme nicht…“

Ich weiß, ich neige zu schwierigen Themen, und ich weiß auch, dass man seine Mitmenschen mit sowas am heiligen Sonntag Nachmittag  eigentlich nicht plagen soll…

Und trotzdem mach ich’s , auch und gerade auf die Gefahr hin in Fettnäpfchen zu treten und Fußspuren in der Komfortzone anderer zu hinterlassen…

Warum? Warum nicht?

Man(n) muss nicht das Stereotyp vom springerstiefeltragenden Glatzkopf mit Reichskriegsbanner um die Schultern bedienen um dieser Tage die oben zitierten Kommentare zu hungerstreikenden „Assylanten“, Wirtschaftsflüchtigen und vorgeblich kriminellen Ausländer-Clans mit eigenen Ohren zu hören zu bekommen.

Die wohlsituierten Teilnehmer/innen Bayerischer, palermitanischer und athenischer Stammtische, sächsischer Kaffeekränzchen und portugiesischer Schützenvereinsumtrünke können bei einem gepflegten Ouzo, Bier, Wein, Kaffee oder Quittenlikörchen zumindest verbal wesentlich kaltblütiger als jedes SS-Rollkommando sein.

„Wir haben genug mit unseren eigenen Problemen zu tun“

„Sollen sie doch bleiben wo sie sind“

„Ausrotten…alle ausrotten…die braucht doch eh niemand“

Auch eine Form des Zweckrationalismus, und eine bei der’s den meisten noch nichtmal kalt den Rücken hinunterläuft. Seltsamerweise sind es gerade jene Gutmenschen, die Anfang Zwanzig voller Hoffnungen und Utipien in fremde Länder aufbrechen um die Welt zu retten, die nach ihrer Rückkehr in eben jenes Vernichtungshorn blasen. Clash of cultures?

Die „urmenschliche“ Abneigung gegen alles Fremde und Neue?

Ich bilde mir ein, mir nichts mehr vorzumachen. Glaubt man Archäologen und Kulturwissenschaftlern sind „Ausländer“ spätestens seit der neolithischen Revolution vor rund 10.000 Jahren für die, die bereits da sind keine Mitmenschen sondern „ein Problem“, dass es möglichst schnell zu beseitigen gilt.

Der oder die Andere gehört nicht dazu, ist anders, fremd und – er könnte ja Acker, Hof, Weib, Kind und Hund (sic!) rauben – gefährlich. Fremde sind nicht gut für Länder mit Gartenzwergen und gepflegten japanischen Vorgärten. Sie stehlen Jobs, gefährden den hart erarbeiteten Wohlstand, drücken das Lohnniveau und vergewaltigen unsere Frauen, Ziegen und Hunde…ganz egal was Schamanen, Börsengurus, Wirtschaftsweise und korrupte Clanchefs…ähm Politiker sagen…

Essen und Wahlrecht nur für Einheimische, reinrassige, blonde, blauäugige Griechen! so jedenfalls die „goldene Morgenröte“ (Ich kann nur hoffen, dass die Schamesröte auf Auroras Wangen nicht daher kommt)…

Dabei würde schon ein Blick auf die Liste der Nachnahmen der wohlsituierten Tiradenschwinger besseres lehren… Da sitzen sie mit Sack und Pack und Grill im Stadtpark, bei Bier und Mammutsteaks vom Discounter: die Schulzinskys neben den Döhnhoffs, die Armeni neben Liebermanns und die Asamasows neben den Friesens…und war nicht Alexander der Große gar kein Grieche? und war es nicht Jan Sobiesky dessen Flügelreiter „uns“ vor Wien vor „dem Islam“ retteten? Und Europa…kam sie nicht auf dem Rücken von Zeus zu uns als Ausländerin von der Levante? Stammten nicht Aeneas und Antenor aus Troja und waren es nicht die schwarzen Sklaven, die dafür sorgten, dass der gute deutsche Bohnenkaffe auch bei Müllers und Schultzes auf den Tisch kam?

Schweigend wird mir die indische Currysauce zur thüringischen Bratwurst gereicht.

Gelebtes Multikulti? zumindest kulinarisch? Alles gut?

Nicht wirklich – ein Halbsatz, den ich nebenbei gesagt viel zu oft sage, und noch viel öfter denke…Ich sei zu kompliziert, zu nachdenklich, zu unspontan, zu deutsch…aber sind wir nicht das Land der Dichter und Denker…müssen wir nicht kompliziert und grüblerisch und misstrauisch sein um die zu bleiben, die wir sind?

Well…

Ich für meinen Teil misstraue aus leidvoller Erfahrung auch zutiefst jenen, die alles Fremde und Neue neudeutsch als „challange“ und „Herausforderung“ (nebenbei bemerkt ein sehr zweideutiges Wort, auch im Englischen), „interessant“ und „spannend“ und „erregend“ und „toll“ und „anregend“ finden. Nicht nur, dass sich hinter diesen Frasen zumeist nur ein sehr oberflächliches Wissen um das oder den jeweils Anderen verbirgt, nein, diese Menschen erinnern mich an an ADHS erkrankte Kindergartenkinder, die – immer auf der Suche nach dem nächsten Sandförmchen-Kick im Schnellkurs ganze Kulturen in sich absorbieren, verdauen, sie in Form dunkelhäutiger Beachboys als Ersatzdildos missbrauchen um sie dann nach allerspätestens zwei Wochen für ein neues noch exotischeres Lustobjekt frustriert in die Ecke schmeißen und nie wieder eines Blickes würdigen.

Heute Tibet, morgen S21 und übermorgen Asylanten! Immer für das Gute, nie für das Schlechte und immer für den (möglichst fernen!) Mit-menschen! Ein Blick in manche politisch korrekte StudentInnen-WG der Gegenwart gleicht in ihrer beliebigen Zusammenstellung von Protestsymbolen nicht zufällig dem in eine noch ungeordnet im Museumskeller schlummernde barocke Wunderkammer vor ihrer restauratorisch korrekten Rekonstruktion!…

Als Kleinkind mag dieses Verhalten noch durchgehen, als Erwachsener zeugt es von mangelnder Achtsamkeit, hemmungslosem Aktionismus und in seiner Öffentlichkeitswirkung genau berechnetem Egoismus. Der Barock war in diesen Dingen ehrlicher, er bekannte sich offen zur sinnlich-repräsentatativen Charakter seiner „Kulturerfahrungen“ und kannte – von einigen seltsamen Pietisten und Devoten abgesehen – noch keine aufgeklärten Weltverbesserungsgelüste…

Das Fremde war vor allem eins: Exotisch, vielleicht auch deshalb, weil es soweit weg war?

Heute hingegen fragt man sich ob manch vorgeblicher Schützer der Menschen-, Frauen- Kinder- und Tierrechte, Gesundheitsapostel und Fitnesspapst in seinem tiefsten Inneren nicht doch nur eine Neuauflage jener Kreuzfahrer, Missionare und Prohibitionisten ist, welche dereinst die guten Sitten, das christliche Abendland und den gesunden Menschenverstand gegen teuflische Wilde und Heiden verteidigten.

Ich muss gerade an die Denkmäler gegen den Inneren Schweinehund des dänischen Künstlers Jens Galschiøt in Bonn und (inzwischen in den Bauhof verbannt und durch die Skulptur „Der Wächter“ von Markus Jestl erstetzt) in Innsbruck  und die damit in engstem Zusammenhang stehende Rede Kurt Schuhmachers vom 23. Februar 1932 denken.

Soweit ich mich erinnere trug der Sockel des Innsbrucker Schweinehunds eine Inschrift, welche darauf hinwies, dass er durch menschliche Ignoranz, Dummheit, Verachtung und Hochmut genährt und nicht gefüttert werden dürfe…

Dito…

Und nun…Heute Morgen wurde das Camp der Hungerstreikenden von der Polizei geräumt.

Waren es nicht genau jene immergleichen Bilder von Gewalt und Angst, die wir in unserem tiefsten Inneren erwarteten? Die einen befriedigt, weil sie Hungerstreikenden eh als assoziale Sozialschmarotzer verachten, die anderen glücklich weil sie mit ihnen neue Nahrung für ihren selbstbeweihräuchernden Kampf gegen das Böse in Form der bayerischen Staatsregierung bekommen?

Istanbul und Kairo sind überall…und genau das ist das Problem.

Wir leben, wie es Ulrich Beck so nett ausdrückt in einer Welt der Nebenfolgen. Alles hängt mit allem zusammen und dank Twitter, Facebook, yourube und Skype sind wir überall live dabei (oder haben zumindest den Eindruck es zu sein…). Nichts ist mehr privat, alles öffentlich, und alles damit auch bekannt, oder zumindest als bekannt vorauszusetzen.

Doch heißt – anders als manch Internet-Enthusiast sich das bis heute erträumt – ein mehr an Information keinesfalls ein mehr an Einsicht. Ganz im Gegenteil:

Für jede Information, für jeden Stadtpunkt findet im Netz auch das Gegenteil. Man muss nur lang genug danach suchen.Was hier gut ist, kann dort böse sein. Und das, was wir gerade noch als dernier cri bewunderten, gilt morgen als verdammenswert. Das Netz ist eine kapriziöse Geliebte und ein Shit-storm zum Nachtisch wahrscheinlicher als eine Mousse aux chocolade.

Auch die münchner Asylsuchenden sind in dieser mediatisierten und globalisierten Welt mehr als „nur“ hilfesuchende Menschen. Sie sind Medienereigniss, Vorbild, Schreckgespenst und Alptraum, Helden und Verbrecher, Mensch und Mythos…ob sie das nun wollen oder nicht.

Je nach Standpunkt des Bloggers, der Journalistin oder des Online-Redakteurs verändern sich die Rollen. Für den User ist alles relativ, man muss nur die „richtigen“ Informationen finden und den anderen via like-buttons, online-petitionen und Pinwand-Posts davon überzeugen.

Keine Opfer und keine Täter, keine einfachen Verallgemeinerungen, keine statistischen Mittelwerte, nur noch das informatorische Dauerflimmern von Milliarden Individualisten auf der egozentrischen Suche nach Glück und Aufmerksamkeit.

Eine seltsam unterkühlte, subjektivierte und orientierungslose Welt, die sich gar nicht so sehr von jener der (un-)bedacht fremdenfeindlichen Stammtischbrüder, Kaffeklatschbesucherinnen und dienstbeflissenen SS-Schergen unterscheidet.

Ist es wirklich diese Freiheit der totalen und damit auch relativierbaren Information, die wir wollen, brauchen wir nicht vielmehr weniger Information und mehr Orientierung, Führung und Grenzen und damit auch die damit zusammenhängenden Aus- und Abgrenzungen um nicht vollkommen beliebig zu werden? Braucht es nicht Fremdes und Eigenes um überhaupt noch einen Standpunkt vertreten zu können und müssen wir dann nicht auch akzeptieren, dass nicht alle Menschen gleich, und manche eben gleicher sind?

Ein Minenfeld, auf dass man denkend geht und von dem man ganz leicht ohne Kopf zurückkommt…

Vielleicht war es ganz richtig, dass ich heute Morgen ohne groß darüber nachzudenken Schmetterlinge aus Origamipapier an unserer Haustüre aufgehängt habe, sie sind jedes Jahr dort, bleichen aus, und werden durch neue ersetzt…schließlich sind es die sanften Flügelschläge dieser Begleiter der Seelen in die Anderswelt, der buntschillernden Begleiter von Aphrodite, Amor und Psyche, die andernorts angeblich alles vernichtende Hurrikans erschaffen.

„Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει“

„Alles vergeht und nichts bleibt wie es ist…“

Eventuell sollten wir uns öfter an diese dem antiken Philosophen Heraklit zugeschriebenen Worte erinnern um zu erkennen, dass wir schon morgen diejenigen sein können, die vor Hunger, Not, Terror und Zerstörung unserer Welt in andere Länder fliehen und dort ohne alles Aufnahme erflehen müssen, aber auch diejenigen, die unterdrücken, neiden, töten und im Luxus schwelgen.

Vielleicht, nur vielleicht hilft dieses kurze Zögern uns dann beim nächsten mal bei Bier und Wein und Kaffe, Likör und Hungerstreik nicht ganz so schnell über den andren zu urteilen…Einfach ist das nicht, weder für die, die alles haben, noch für jene, die danach streben.

Denk ich an Italien…

Im Land wo die Zitronen blühn…

Denk ich an Italien, dauert das länger, nicht weil mir das Land so viele Kopfschmerzen macht, sondern weil ich es, und seine Bewohner liebe, trotz, oder gerade wegen allem.

Nein, auch wenn meine italienischen Freunde diese Liebe gelegentlich etwas beängstigend und zu einnehmend empfinden, weil sie allerspätestens in der zweiten Liebesnacht mit einem heftigen Ehestreit über die fachgerechte Zubereitung von Spaghetti bolognese bzw. al ragú endet, bleibe ich dabei, ich liebe Italien, gerade weil es so ist, wie es ist und das ist gut so.

…und nein, ich schließe mich nicht der Panik der Börsengurus und der allgemeinen „geraman angst“ vor jeglicher Unordnung und Unberechenbarkeit an. So unberechenbar ist Italien im Übrigen garnicht. Es hat mindestens genausoviel Bürokratie wie wir und auch sonst sind die Regeln garnicht so anders…man muss sie eben nur verstehen und das setzt die Erkenntnis vorraus das das Deutsche Wesen kein globales Wundermittel ist, va bene…

…und Nein, ich werde ganz bestimmt nicht den mäkelnden Besserdeutschen geben, der verzweifelt nach Kavallerie, Leistung und Diziplin jammert. Und Nein, ich gehöre auch nicht zur Toskanafraktion, die alles Italienische so „italienisch“ findet, obwohl…gegen einen guten Grappa und ein paar Tramezzini hätt ich jetzt auch nix…

Italien ist was es ist und es wäre jammerschade, wenn es zu einem zweiten M(ä/er)kel-Deutschland würde.

Sind es nicht gerade jene allen Unbilden des Seins trotzende grandeza, jene ausschweifende sprezzatura und gelegentlich leicht morbide magnificenza, der unbeugsame Wille zum „contrariamento“ und zur genussvollen „sregolatezza“, welche uns bleiche Nordbarbaren seit Jahrhunderten immer und immer wieder in den sonnigen Süden treiben? Die beinahe lustvolle Freude an einer gewissen „ingovernabilità“ nach der sich der verängstigte Deutsche  beim Erstkontakt an der kleinen Espressobar nördlich von Bozen jedesmal auf’s Neue sehnt?

La gioia di essere, nonostante tutte le difficoltà!

Ich übersetze das jetzt nicht. Es gibt Google und auf Deutsch klingt das alles ohnehin so…südländisch…Wann haben wir eigentlich verlernt mit unserer Sprache großes auszudrücken? Vermutlich der II. Weltkrieg…oder doch die 68’er?

Zugegeben, ganz so einfach ist das mit der Seinsfreude auch unter Olivengrün und azurblauem Sommerhimmel nicht. Da wäre  zum Beispiel die Sache mit der „cittadinanza“. Sicher, mit Venedig, Siena, Florenz, Amalfi, Rom, Neapel oder Genua verfügt Italien über Stadte und Städter deren Geschäftssinn und altehrwürdiger und nicht selten höchst eigenwilliger Bürgersinn einem vor Ehrfurcht das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Genau die gleiche „Eigenwilligkeit“ führt aber auch dazu, dass man zumeist nicht besonders weit über die eigene Stadtmauer und den eigenen Nutzen hinausdenkt Etwas so junges und ungewohntes wie regionenübergreifende Solidarität in einem Nationalstaat hat in italienischen Herzen trotz aller Bemühungen wenig Platz. Aber sind wir Deutschen da wirklich so anders?

Ohnehin, die Sache mit dem Patriotismus. Während sich die tedeschi durch das eigene Verteidigunsministerium jüngst amtlich bestätigt mit einer Armee voller Jammerlappen und profilneurotischer Veteranen herumschlagen, dürfen sich die armen Italiener seit Carlo Azeglio Ciamp vor jeder Theaterorstellung mit der peinlich-rutinierten Bemühtheit eines Opernorchesters beim Intonieren der Nationalhymne vor einer Kindervorstellung abmühen (übrigens eine seeehr italienische Lösung, das mit der Nationalhymne).

In Italien stehen zwar auf gefühlt jedem zweiten und real jedem dritten Platz Garibaldi und Vittorio Emanuel und Geflügelte Löwen verkünden selbst im Herzen der Serenissima stolz das überragende Optionsergebnis für Italien, doch nur zwei Meter weiter klebt am Laternenmast  ein rotgoldener Aufkleber mit der Forderung nach der Eigenstaatlichkeit Venedigs. Wem je während eines gemütlichen Abendessens die nur äußerst mühsam verholene Abscheu aufgefallen ist, mit der Sizilianer über Lombarden, Venezianer über Calabresen und Römer über alle anderen herziehen, der wird um die bange Frage ob ein gesamt-italienischer Patriotismus jenseits der kleinen eigenen Stadt, dem eigenen kleinen Fußballclub oder der eigenen kleinen Nachbarschaft überhaupt existiert ohnehin nicht herumkommen.

Noch schlimmer, absolut niemand (ich kenne jedenfalls keinen) vertraut einem/seimem(!) Politiker und schon garnicht dem „Staat“ (bah!). Glaubt man der Betreuerung des Barmans oder Kioskbesitzers, sind Bestechung und Vorteilsnahme so normal, dass sich im Normalfall niemand jemals darüber aufregt (er tut es gerade!), und selbst wenn er oder sie es tut, endet das Ganze in 99% der Fälle in der resignierten Erkenntnis, dass es nur 2 Methoden gibt mit der casta zurechtzukommen. Entweder man gehört selbst dazu (dann darf man aber auch nicht mehr motzen, also blöde Lösung!) oder aber man wandert aus (und das will man ja schließlich auch nicht, weil man ja eigentlich im schönsten, besten und wundervollsten Land der Welt lebt, wenn da nur nicht…).

Kurz es ist sinnlos sich darüber aufzuregen, weil die Dinge nunmal so sind, wie sie sind…menschlich…und trotzdem regt man sich auf, weil irgendwas muss man ja schließlich den ganzen Tag tun.

Ich weiß, ich mach es mir gerade etwas zu einfach. Wir leben nicht mehr im Jahr 1945 und auch in Italien die Dinge sind in den Jahren auch nicht gerade einfacher geworden.

…und ja, selbst in Italien gibt es Menschen/Italiener die etwas verändern wollen, die sind aber meist unter 20, oder über 70, wählen die Kommunisten (oder Grillo oder wer auch immer gerade gegen alles ist) oder schwärmen von Mussolini oder desse Tochter/Enkelin…ein paar wünschen sich sogar den König zurück (das sind aber wirklich nur ganz wenige), weil früher alles besser war (war es nicht…aber das ist eine andere Geschichte, und so leut gibt’s in Kulmbach und Buxtehude schließlich auch…nur mit dem Unterschied, dass die Deutschen ihr Vertrauen in Politiker nie ganz verloren haben, vielleicht liegt das doch am preußisch-bayerischen Obrigkeitsglauben?)

In Italien hingegen kann man, weil man eh niemandem traut (oder besser „zutraut“) ohne jegliche Gewissensbisse auch gleich den der am besten aussieht, am besten riecht am besten brüllt oder eben auch nur am besten verspricht wählen. Sono tutti ugualmente male, eh?

Ich drehe mich im Kreis, und dass ich als tedeschi gerade diesen wunden Punkt durchs Dorf treibe muss wohl an meinem angeborenen Masowchismus liegen…Staat und Nation sind etwas zu dem auch wir lieber Abstand halten, aber Oderflut und Soli, Wiedervereinigung und Goldener Bär, Tageschau und der gesamtstaatliche Kult um Lindenstraße und Sportschau haben in mir trotz wieder besseren Wissens die Hoffnung keimen lassen, dass in Deutschland, trotz allem Murren, Motzen und Mäkern so etwas wie ein grundlegender Konsens in Sachen Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Verantwortung existiert. (ich hoffe, sicher bin ich mir nicht!)

In Italien hingehen…

Nein ich will nicht den Bessertedeschi geben, dazu hab ich keinerlei Recht auch wir kennen den möglichst geräuschvollen Griff in die Staatskasse, nur sind wir dabei selten so elegant.

Und ob aufgespritzte Lippen, Lautstärke und Illusorische Phantasmagorien, so viel besser als deutsche Sachzwänge sind?

Nicht wirklich…

Und sind wir nicht auch eine Mediendemokratie, in der Giggolina und Il Cavaliere mit allen Mitteln um die Gunst des Fernsehwählers buhlen…Altkanzler Schmidt oder der CSU-Landesgruppenvorsitzende hören sich jedenfalls gelegentlich nicht viel anders an.

Selbstreflektion, kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns und der eigenen Verantwortlichkeit? So eine dumme Frage kann auch nur ein Deutscher stellen.

Sicher manchmal lebt man südlich des Gardasees im Chaos (wer tut das nicht!), sicher die Kinder haben keinen Job und sitzen mit Mitte dreißig noch immer im Kinderzimmer, Sicher man weiß nicht wie man die nächste Miete oder die nächste Hypothekenrate zahlen soll und sicher, im Krankenhaus hat die letzte Untersuchung Tage gedauert, aber man tut es wenigstens mit Würde!

Mann (Also Italiener) stammt von Göttern und Heroen ab und Frau ist mindestens Venus (oder doch zumindest Cleopathra). Der Mythos zählt, nicht die Gegenwart, etwas anderes bleibt dem durchschnittlichen Mr. Italy und seiner Mrs. Bibbione auch kaum übrig. Quanto maggiore la misseria, quanto piu soni i sogni!

Und wer will Gino und Maria die eigenen (oft recht bescheidenen) Träumen,  Hoffnungen, Illusionen und den Glauben an eine bessere Zukunft auch übel nehmen?

Und wenn das alles garnicht so schön, so gut und so wundervoll ist? Wenn die Träume zu Alpträumen werden und man an den eigenen Idealen zerbricht?

Wieder einmal eine sehr, sehr deutsche Frage…und eine auf die man in Italien zumeist erst sehr spät in der Nacht und nur von sehr, sehr guten Freunden eine Antwort bekommt…

Es bleibt…

Nichts…

Aber sind wir tedeschi wirklich so viel besser? Ist Scheitern in unserer maßlos gewordenen deutschen Leistungsgesellschaft denn so viel angesehener? Grenzen wir nicht auch jeden gnadenlos aus, der nicht topfit, superintelligent, vollflexibel und komplett übereifrig für einen Hungerlohn arbeitet und dabei auch noch den Körper eines Adonis oder einer 12 jährigen Vestalin hat?

Während uns Deutsche die Angst vor dem (finanziellen) Nichts zielsicher ins nationale Burnout treibt, und während wir unseren „leistungsschwachen“ Nachwuchs bereits im Grundschulalter mit Ritalin ins ADHS Syndrom treiben, versuchen die Menschen in Mailand, Palermo oder Triest (wir können die Liste um Lissabon, Madrid, Sevillia, Athen und Pothamos erweitern) sich wenigstens ein Minimum an dignità, jener für das Leben so nötigen Würde des Alltags zu bewahren, indem sie trotz allem versuchen dem Leben etwas Schönheit, Glück und Freude abzuringen.

Dass kann dann durchaus auch mal der Goldputto an der Resopaldecke oder die falsche Gucci-Tasche sein…Das ist ganz sicher der Espresso am Morgen, der Plausch mit der Nachbarin, der Gang über den Markt oder das Gläschen Wein nach Feierabend. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Das mit schlechtem Geschmack, Faulheit und dolce fa niente zu verwechseln gelingt wahrscheinlich wirklich nur den freudlos rechnenden Deutschen, die den Sinn ihres Lebens im Anhäufen nutzloser Leistungsprädikate sehen.

Generation Burnout…und was kommt danach?

Das Ideal der Italiener ist das eigene kleine Glück, und dieses Glück hat für die meisten (noch und gott sei Dank!) relativ wenig mit Bankern und Leistungswahn, neoliberalen Scheinwelten und globalisiertem Anpassungsdruck zu tun. (Jenen Italienern, die sich diesen Idealen annähern sollte man tunlichst misstrauen…es könnten die besseren Deutschen werden! Berlusconi ist das beste Beispiel dafür!)

Für die meisten Italiener liegt das Glück jedoch im Licht, dass sich in den brüchigen Marmorplatten des kleinen Gartens spiegelt, in der Bohnensuppe, die schon die Nonna der Nonna genau so gemacht hat, dem Rauschen des Meeres, dem Lächeln des Barmanns oder dem alten Sofa, auf dem man seinen wohlverdienten Mittagsschlaf hält. Eine Welt und ein Glück, dass nun bedroht ist. (ob plötzlich oder nicht ist eine andere Frage, es geht ums Gefühl…aber das ist auch etwas, das die tedeschi allenfalls als „Geschäftsklimaindex“ kennen)

Deshalb gehen die Menschen auf die Straße, streiken und opfern alles und jeden, stechen, hauen und betrügen auch mal wenns sein muss. Es ist ein sehr privates, sehr verletzliches und gleichzeitig sehr bedrohliches Glück, das keine neidigen Zuschauer, keine Fragen nach Effizienz oder Steuererklärung, kein Denken an Morgen und nur sehr wenige, echte und sehr verschwiegene Freunde verträgt.

und ja…es fällt mir jetzt verdammt schwer als dummer kleiner Deutscher der sich sorgenvoll um seinen Kontostand und seine garnichtmehr so sichere Rente sorgt nicht vor schmerzvoller Selbsterkenntnis loszuheulen…vielleicht hat mich ja auch schon der italienische Schlendrian gepackt…

Und ja Giovanni…das (Über)Leben ist schon schwer und manchmal ziemlich kurios, wenn man laut Zeitung direkt von Göttern, Päpsten und Freiheitshelden abstammt. Grillo und Il Cavalliere sind in dieser Hinsicht auch nur  Cäsaren und mir ist nicht allzu bang um ihre Parolen. Es wird sein wie immer, erst feiert man sie, dann werden sie langweilig, dann teuer und irgendwann lässt man sie wie einen alten Fisch fallen, vorausgesetzt sie schaffen es nicht sich durch grellbunte Wahlkampfplakate,  eine vollbusige Geliebte oder die hemmungslose Selbstbereicherung und das Versprechen des Blauen vom Himmel wieder ins Gespräch zu bringen.

Aber vielleicht ist das alles ja auch nur ein Stereotyp. Vielleicht projeziere ich gerade auch nur meinen Frust, meine Sorgen, meine Zweifel und meine Sehnsüchte aus dem nasskalten Norden in den azurblauen Himmel der Adria…

mundus vult decipi, ergo decipiatur

…wusste sinngemäß schon Gaius Petronius Arbiter.

Und mal ehrlich…wer weiß von uns schon ob es die Banker, die Politiker, die EU, Berlusconi, Otto-Normalbürger oder die Chinesen sind, die die meisten gezinkten Karten in der Hand halten?

Die Welt ist kompliziert geworden. Manchmal zu kompliziert für das eigene, sorglose kleine Glück.

Die Wahl zur Unregierbarkeit ist kein dummer Zufall, es ist bewusster, wiederständiger Akt gegen eine (Um-)Welt, die das Glück und damit auch die ganz alltägliche Würde der Vielen, dem Profit der Wenigen geopfert hat.

Das Missverständnis liegt darin, dass man nördlich der Alpen noch immer daran glaubt, der Freie Markt könne Probleme lösen.

Ich wünsche den Deutschen, dass sie aus diesem Traum niemals erwachen und ihr eigenes kleines Stückchen Glück (oder ihre Ordnung und Sicherheit der Dinge) finden werden. Mögen sie auch ein wenig Glück und ein wenig Sonnenschein finden, sie haben ein Recht darauf!

…und den Italienern? Mögen sie so bleiben wie sie sind (oder auch nicht, wenn ihnen der Sinn danach steht!). Genauso chaotisch, schwärmerisch, enthusiastisch, leutselig, feindselig, raffgierig, genial, friedliebend, kriegerisch, sanftmütig und wütend. Ich kann nur hoffen, dass sie sich nicht von globalen Hedgefonds und selbsternannten Wirtschaftsweisen vorschreiben lassen, wie sie zu leben und zu denken haben. Wir Deutschen sind dazu offensichtlich zu…ich weiß nicht was…vielleicht ist es ja wirklich die Kälte, die uns träge und kurzsichtig macht…aber das ist jetzt ein italienisches Stereotyp.

Viva l’Italia, nonostante la miseria!