Tageshaiku 34_Von Baggern und Apfelblüten

Bagger und Gräben zur Apfelblüte;
Als sei es ein Naturgesetz,
dass Telephonkabel im Mai unter die Erde müssen!

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Risi e bisi

P1290711Risi e bisi auch „Risibisi“, auf deutsch „Reis mit Erbsen“ gehört als Klassiker untrennbar zur Küche Venedigs und wurde traditionsgemäß am 25. April, dem Namenstag des Heiligen Markus, Staats- und Schutzheiliger der Serenissima, dem Dogen als erster Gang serviert. Neben dem ungleich berühmteren Risotto alla Milanese gilt Risi e bisi daher als vornehmstes aller Reisgerichte und wird noch heute in und um Venedig gerne zum Festtag des Heiligen zubereitet. Gleichzeitig frisch und doch herzhaft markiert das Gericht darüber hinaus den endgültigen Beginn des Frühlings, der hier durch das noch lange Zeit kalte Wasser der Lagune und den häufigen Nebel manchmal etwas länger braucht als im Landesinneren – dafür dauert es im Herbst durch das dann warme Wasser auch länger bis es wieder richtig kalt wird…

 

Was ihr für eine Protion Risi e bisi für 4 Personen braucht:

1 mittelgroße Zwiebel, geschählt und fein gewiegt

1 Tasse Risottoreis (Vialone gilt hier als Klassiker, zur Not tut es aber auch ganz normaler Milchreis (der ist nicht nur billiger, sondern mit etwas Glück sogar besser als mancher teure Risotto-Reis)

150 gr Bauchspeck, fein gewürfelt

600 gr ganz junge Erbsen (wer will kann sich gerne mit frischen abplagen, ich empfehle hier allerdings ausdrücklich Tiefkühlwahre, die ist – wenn man die Erbsen nicht direkt vom Feld bekommt – qualitativ deutlich besser und sehr viel einfacher zuzubereiten).

80 gr Butter

4 Tassen Brühe (klassisch nimmt man die Brühe von den abgekochten Erbsenschoten, heute verwenden die meisten venezianischen Hausfrauen (und- männer!) aber ganz einfach Instantbrühe (da aber eher sehr schwache, da der Schinken bereits viel Salz mitbringt).

200-300 gr geriebener Parmesan (je nach Geschmack)

etwas gehackte Petersilie

Pfeffer zum abschmecken

Zubereitung:

Zwiebel- und Schinkenwürfel mit etwas Butter glasig anbraten. Risottoreis hinzugeben und ganz kurz mit anrösten (nicht zu lange!). Nach und Nach Wasser hinzugeben und unter ständigem rühren weiterkochen bis ein cremiges, aber noch bissfestes Risotto entsteht (Risi e bisi sollte etwas suppiger als normales Risotto sein). Kurz vor Kochende (Je nach Reissorte, ca. 30 Minuten) die tiefgekühlten Erbsen hinzugeben und nochmals alles aufkochen. Gericht vom Feuer nehmen und – je nach Geschmack die restliche Butter, den Parmesan und gehackte Petersilie unterrühren, mit Pfeffer abschmecken, ggf. nachsalzen.

Buon appetito!

 

Beobachteter Alltag_Neulich am Osterbrunnen von Oberstadion…

Oberstadion, Osterbrunnen

Oberstadion, Osterbrunnen

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Würde der gute alte Goethe seinen Osterspaziergang heute schreiben, er würde wohl weniger über die unbestrittenen Reize von Mutter Natur, sondern über die strömenden Massen pastellgetönter FrührentnerInnen auf Osterbrunnentour schreiben. Zwar weiß der informierte Geist längst, dass die neuerdings allüberall zur Osterzeit aus dem Boden schießenden grellbunten Gebilde, samt ihrer 10, 20 oder gar 30tausend „garantiert handgemalten Ostereier“ definitiv nichts, aber auch garnichts mit den seit Weinhold immer wieder gern zitierten, angeblichen „urgermanischen“ Quellen- und Fruchtbarkeitskulten zu tun haben, sondern der geschickten Marketingidee und dem Geschäftsgeist einiger oberfränkischer Gemeinden, welche kurz nach dem 1. Weltkrieg für ihren darniederliegenden „Fränkischen Schweiz Tourismus“ noch eine Attraktion für die besucherarme Frühjahrszeit brauchten, geschuldet sind – Aber mal ehrlich: welche oberschwäbische, fränkische, rheinländische, italienische oder friesische Landfrau mit „horror vacui-Symptomatik“ und akutem Putz- Schmuckbedürfniss will schon wissen, dass die nette Idee, den bei der missglückten Dorfkernerneuerung in den 1980ern in totschickem Vollsichtbeton ausgeführten „Gemeinschaftsbrunnen“ mit bunten Eiern und Thujagrün zu schmücken nichts anderes als eine sich parasitär ausbreitende Form des Touristenschröpfens ist?

Zugegeben, es gibt weitaus weniger kreative und pittureske Arten des Zeitvertreibs, und im besten Falle schafft der seit den 1990er Jahren europaweit ausgebrochene erbitterte Wettbewerb um den „größten, schönsten, buntesten, authentischsten, liebevollsten und einfach nur prächtigsten“ Osterbrunnen sogar etwas wie „Ästhetische Ersatzbefriedigung“ und „Scheingemeinschaft“ angesichts der tristen Alltagsrealität der längst zu menschenleeren, resopaltürverstärkten Toskana-Kopien mit Tempo-30-Zone verkommenen Vorstadtschlafgemeinden. Anders ausgedrückt: Den Leuten gefällts, Trachtenverein und Landfrauen finden nach der endgültigen Aufgabe des letzten Vollerwerbsbetriebs vor Ort eine neue Form der Daseinsberechtigung, die bereits ausgestorben geglaubte Gattung ländlich-naiver Kleinkunst erlebt einen neuen Besucherboom und auch die örtlichen Busunternehmer und Gastronomen sind glücklich ob der osterbrunnentourismusbedingt sprudenlden Einnahmen.

Dass es dabei gelegentlich zu weng österlich anmutenden Rangeleien um Routenverläufe, gezielte Vernichtungsattacken auf den festlich geschmückten Brunnen der Konkurrenzgemeinde und medialen Totalangriffen auf den ästhetischen Wert des je anderen kommt, dass in manchem „Osterbrunnenclub“ statt dörflicher Gemeinschaft längst kleinstdöftlicher Geltungswahn und Gitantismus Einzug gehalten haben, und dass so mancher Gemeinderat unter dem Vorwahnd drohender Osterbrunnenschändung nonchalant  27.000 Euro für die 24-h-Totalüberwachung  „ihres“ Osterbrunnens genehmigt, eine Osterbrunnensicherheitswacht ins Leben gerufen, und damit auch gleich auf elegante Weise das Problem der vorgeblich „die Dörfliche Idylle schädigenden komasaufenden Dorfjugend“ und angeblich „scharenweise einfallenden ortsfremden Klau-Romabanden“ angegangen zu haben glaubt, dass Hinterburgtrellingsfurth im letzten Jahr vielleicht doch noch einen größeren Osterbrunnen als wir hatten und somit unser Eintrag im Guinessbuch der kuriosen Dorfrekorde gebrochen wurde…Ja gottverdammt nocheinmal: Irgendwas muss man ja immer zu reden, zu tun und zu motzen haben, sonst wär das Leben ja nicht mehr lebenswert!

Und überhaupt: Der Osterbrunnenbesuch: Da wird possiert, fokussiert, schwadroniert, fabuliert, beurteilt, bekrittelt, bewundert und gleich noch gemütlich bei Kaffe und Kurchen munter über den Unterschied eines auf ein Wachtelei getuschten Vaterunsers zum mit Eisvögeln verzierten Straußenei debattiert. Für die oft abgelegenen und den Rest des Jahres von akuter Verödung bedrohten Kleinstgemeinden ist der österliche Besucherandrang ein Segen, für die aus dem aktiven Berufsleben und damit meist auch aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld ausgeschiedenen RentnerInnen ebenfalls „weil man halt mal wieder unter die Leut kommt“. Der Osterbrunnen als kombinierte Dorfrevitalisierung, Gewerbesteuersteigerung und Beschäftigungstherapie in einem eben…Wenn bei diesem hären Zweck schon mal eine jahrunderte Streuobstwiese oder ein baufälliges Schloss dem für genau 2 Wochen im Jahr genutzten, überdimmensionierten Reisebusparkplatz in Lochsteinoptik weichen muss. Hony sois qui mal y pense!
Und mal ehrlich, lieben wir nicht alle unser Jesusmosaik aus 12000 mundausgeblasenen und von den letzten Kindergartenkindern bemalten Wachteleiern, oder die aus je 13000 liebevoll mit Zweibelschalensud besprenkelten Bio-Freiland-Eiern zusammengesetzten Schafe, Hühner, Weltkugeln oder Schmucktorbögen? Quetschen wir uns nicht gerne durch überhitzte und vollkommen überfüllte Ostereiausstellungen, in denen wir mit politisch nicht ganz korrekten Massaiszenen bemalte Straußeneier als Remineszenz an die letzte Afrikasafari unserer 82-jährigen Nachbarin bestaunen können? Und genießen wir danach nicht alle die selbstgebackenen Käsekuchen der Landfrauen Hinterstreußlingen? und ja…planen wir nicht alle nach einem solchen Highlight für unsere eigene Dorfmitte, den eigenen Vorgarten oder auch nur das eigene kleine Zimmer im Altersheim unseren eigenen, noch schöneren, größeren und besseren Osterbrunnen?

Was würden wir denn mit unseren Sonntag-Nachmittagen anfangen, wenn nicht gnädige Reisebusunternehmer auf die Idee gekommen wären sämtliche 423 Osterbrunnen Nordostmittel und Unterfrankens in ihr Rund-um-Heizdecken-Sorglosprogram aufzunehmen? Und wo wäre die abendländische Kultur heute ohne mit Zahnarztbohrern gravierte Taubeneier mit eingebauter Spieluhr und Plastikmaus mit LED-beleuchteten Äuglein?

„A kleins bissle Kitsch isch’s ja scho, aber, s’isch hald au emmr wieadr sooooo scheee, ond erschd dui vieale Arbät die dô drinn schdeggd. Oifach schea halt, ônd dr Kuacha isch au guad dohanna!…“

Besser als diese Besucherin des Oberstadion’schen Osterbrunnens  kann man das Erlebnis „Osterbrunnen“ einfach nicht zusammenfassen – und dass dieser Osterbrunnenstandort geschickterweise neben Kafee und Kuchen gleich auch noch die Kombi-Karte für den Besuch der Ostereier- UND Krippenausstellung anbietet – Wenn man schon was macht, dann ordentlich – Stillstand bedeutet Rückschritt!

Beobachteter Alltag _ Botanische Insidergespräche am Gartenzaun

„Wisset Se, Ich bewunder scho die ganze Zeit ihre herrliche blaue Blumen!“

(Pflanze gerade Tagetes und reiße die blauen Blumen heraus möchte dabei möglichst nicht auch noch von neugierigen Nachbarn gestört werden – es ist eh schon genug Arbeit)

„Ja, gell, die waren schön“

„Brauchet Sie die noch?“

„Nein, die sind kaputt…“

„Aber die sind doch noch so schön blau..“

„Ja, scho, die sind ja auch anlakiert…“

„Ach so…“

(Ja Frau Nachbarin, des war jetzt nix mit der Gratis-Gartenbegrünung…auf der anderen Seite…hät ich mal nix gesagt, dann hät Sie die Dinger vielleicht auch noch für mich zu sich entsorgt…)

____

„Ich glaub‘ mir müsset jetzt unsere Apfelwies endgültig in spätpersischer Blütengarten umbenennen…“

„Warum au des?“

„Ha no, as Internet…“

„Warom?“

„Ha, irgendwie waren auf der Packung Fritillaria meleagris drauf, und jetzt sind da einfach Fritillaria michailovskyi gewachsen…“

(Nachbarin geht kopfschüttelnd weiter…ich brauche ungefähr zwanzig Minuten bis ich begreife, dass die in meinem Kopf absolut logische Schlussfolgerung der notwendigen Gartenumbenennung aufgrund der versehendlichen Sendung Persischer Glockenblumen (F. michailovskyi) anstatt norddeutscher Kiebitzblumen (F. meleagris) vermutlich ein klitzekleinesbisschen arg nerd-mäßig gewesen ist, und meine Nachbarn jetzt entweder denken, ich sei komplett „nomgschnappt“ oder – noch schlimmer – morgen mit irgendwelchem Unkraut vor der Tür stehen und wissen wollen, welchen schönen lateinischen Namen das Ding den jetzt hat, damit sie sich auf der nächsten Gartenmesse das passende Porzellanschildchen malen lassen können – ja, das sind sie, die glückseligen Wonnen des gelebten Vorstadtidylls…)