Adventskalender 2014 – 16. Türchen: Von echtem und falschem Schnee oder warum ein öffentliches Linienboot der absolut beste Ort zum Dübeln ist…

Venexia„Anche un po di dope?“
Meine deutsche Cafébekanntschaft war sich nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte. Schließlich verhört man sich gern in fremden Sprachen und der Schiffsmotor eines Vaporetto ist einer fehlerfreien Kommunikation auch nicht geradeeben zuträglich. Allerdings ließ die Szenerie, die sie mir gerade aufgeregt schilderten, relativ wenig Platz zur Interpretation:

Ein winziges Außendeck einer unbedeutenden Nebenlinie am frühen Nachmittag, die noch dazu nicht eben die übliche „Touristenroute“ durch den Canal Grande nach San Marco fährt, eine kleine Plastiktüte mit einer braun-krümeligen Substanz darin, ein etwas heruntergekommen aussehender Erwachsener mit Rastalocken und eifrige Jugendliche die sich kurz darauf vergnügt schnatternd einen Joint basteln…
Well, ich hab als Antwort nur gelächelt und Ute und Hans aus dem schönen Kiel erstmal darüber aufgelärt, dass in Venedig ganz normale Menschen leben und es hier daher auch nicht anders zuginge als im Rest der Welt.

Die Venezianische Giovanezza ist allenfalls ein bisschen tolldreister und selbstherrlicher als man es ihr zugetraut hätte. Aretino* hätte nun vermutlich gesat: Gli Veneziani soni degli divini…, aber auch das ist hier schon seit Jahrhunderten so, und anders kommt man hier auch nicht weit…Außerdem zwingt einen ja niemand mit zu rauchen ….

Well, Hans und Ute gehören offensichtlich zu den Menschen die immer noch an die Heile Welt glauben und Venedig für eine Art Blitzsauberes Disneyland halten…Ich war gemein und hab sie in den nächsten Sottoportego, um eine Ecke und nochmal um eine Ecke mitgenommen, und siehe da: Obwohl die Stadtverwaltung seit Jahren behauptet der Drogenumschlagsplatz Nahe San Stefano sei trockengelegt, habe ich doch tatsächlich ein paar frischbenuzte Spritzen gefunden. Meine beiden Kieler waren entsetzt haben mir aber dann doch zähneknirschend geglaubt, dass die Serenissima eine der größten Drogenszenen Italiens ihr eigen nennt.

Ich war dann doch noch nett und hab auf dem Rückweg gemeint, dass sie sich deswegen wirklich keine Sorgen machen müssen, als Tourist wird man sich- ohne meine tatkräftige Hilfe – nur recht selten in die wirklich schlimmen Gassen verirren, auch und vor allem, wenn sie gleich hinter dem nächsten Sottoportego liegen…Außerdem ist Venedig sicher, so sicher jedenfalls wie eine Stadt in der Welt überhaupt sein kann…hier und da ein paar Einbrüche und ziemlich viele Taschendiebstähle in der Karnevalssaison…das war’s…Morde, Vergewaltigungen und wirklich schwere Raubdelikte sind hier, anders als bei Comissario Brunetti eher selten…man kommt einfach so verdammt schlecht weg vom Tatort, wenn um einen herum ein Labyrinth mit Wassergräben liegt…Auf eine Sache sollte man allerdings achten: Die unterschriftensammelden Gutmenschen vom Rialto die einen mit allen möglichen Komplimenten gleich mehrsprachig dazu bringen wollen, dass man für die Kinder, die Umwelt, die Tiere oder eben gegen Drogen unterschreibt…Nicht nur dass diese Dodel eine weltweite Pest sind (James Bowen hat sie am Londonder Exempel in seinen „Bob“ Bänden hinlänglich beschrieben…); Nein, wenn man es wagt nicht zu unterschreiben, werden sie ausfällig, drohen einem damit einen zu bestehlen oder mit Farbe anzugreifen und rennen einem auch noch nach!

Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob diese übereifrigen Jung-Idealisten in Wirklichkeit nicht staatlich lizenzierte (oder eben unlizensierte) Kumpanen der Taschendiebe sind…Die einen lenken ab, die anderen klauen…

Zum Abschied habe ich den zwei Kielern dann noch geraten sich die Nasen und Bootsränder ihres nächsten Gondoliere lieber genauer anzusehen…Es ist ein offenes Geheimnis das Schnee in diesen Kreisen nicht nur im Winter fällt…

Ist halt ein verdammt harter Job den ganzen Tag für ein Heidengeld dumme Touristen durch die Gegend zu schippern und ihnen dabei immer wieder die gleichen neapolitanischen Schnulzen ins Ohr zu säuseln…allerdings…eigentlich singen sie kaum mehr, die Gondolieri…die Stadt und ihre Einwohner mögen es nicht (ob es ein richtiges Verbot gibt ist mir unbekannt, aber es fällt auf, dass in den letzten ein, zwei Jahren kaum mehr ein O sole mio durch die Gassen klingt) und auch die Touristen scheinen endlich kapiert zu haben, dass es ohne Schnulz einfach schöner ist…

Buon di e tante auguri….

*Pietro Aretino: Berühmter Rennaisance-Literat und Philosoph, v.a. Berühmt für seine bößartigen Spottgedichte und „Hurengespräche“.

PS: Wer die Tage mal in die Serenissima kommt, dem sei ein Besuch der Ca‘ d’Oro dringend anempfohlen. Nicht nur, dass es herrlich witzig ist, wenn einen zwanzigtausend japanische, russische und indische Touris fotografieren, weil man gerade auf einem der Balkone steht und sie einen für den Besitzer des Palazzo halten, nein, es gibt auch tollen Modeschmuck aus den ganz großen Filmen des Goldenen Zeitalters der Cine Citta zu bestaunen!

Adventskalender 2014 – 9. Türchen – Als Jesus zur Hölle fuhr und warum die Vertreibung von Adam und Eva dran schuld ist, dass wir heute unsere Wohnungen mit Christbäumen, Adventskränzen und Weihnachtskrippen vollstellen

Adventskalender 2014 (8)

Fränkischer Paradiesbaum, Detail

…und schon gespannt, was es mit dem seltsamen Detail eines „Paradiesbaums“ hinter dem 2. Türchen dieses Adventskalenders auf sich hatte?

Nun, die Sache ist eigentlich ganz einfach – oder sollte man besser sagen war einfach. Bis vor wenigen Jahren war es jedem ordentlichen katholischen Kirchgänger nämlich klar, dass am 24. Dezember nicht nur der Heilige Abend gefeiert wurde, sondern auch der Gedenktag für Adam und Eva – oder anders ausgedrückt – der Paradiestag bzw. -abend gefeiert wurde.

In christlicher Logik bedeutete dies nicht mehr und nicht weniger, dass die durch Adam und Eva verkörperte und ob ihre Neugier und Hybris*1 aus dem Paradies verbannte Menschheit durch das an Weihnachten auf die Erde gekommene Christkind (das auch ganz gerne mal als Jesus bzw. „der neue Adam“ bezeichnet wird) ihre Sünden vergeben bekommt und somit wieder ins Paradies aufgenommen wird – allerdings erst postum, also nach dem Durchleben des Irdischen Jammertals…

Da man sich darüber aber zu allen Zeiten nie so ganz sicher war – schließlich ist, Adam und Eva einmal ausgeschlossen, noch keiner aus dem Paradies zurückgekommen – ist es kein Wunder, dass sich die noch tiefstgläubigen Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit inmitten ihres jämmerlichen Erdendaseins sicherheitshalber schon einmal einen kleinen Vorschuss auf den verheißenen Garten Eden gönnen wollten. Und wann sollte man das besser tun, als an dem Tag, an dem – wie es so schön in einem alten Weihnachtslied heißt – Christus wieder die Tür zum Paradies aufstößt?

Also begannen die Menschen damit zu Weihnachten kleine Szenen aus dem Paradies aufzuführen – da lag dann der Löwe neben dem Lamm und der Wolf hatte keinerlei Appetit auf das frische Zicklein und mittendrinn und darüber stand ein kleines Paradiesbäumchen an dem selbstverständlich auch die Frucht der Erkenntnis – in Gestalt eines besonders rotbackigen Apfels hing!

Adam und Eva ließen den Herrgott derweil einen guten Mann sein – dumm nur, dass das der mit reichlich Special Effects gewürzten Highlights dieser Aufführungen grundsätzlich der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies waren – aber so stands nunmal im Biblischen Drehbuch (s.o.). Wenn man Glück und die Kirchgemeinde das nötige Kleingeld und Sitzfleisch besaß folgte auf diesen ersten Akt noch ein zweiter – das Krippenspiel, mit der Geburt des Erlösenden Jesusbuzzales, und manchmal – wenn man nicht bis Ostern warten, oder die Gemeinde besonders fromm und reich war, folgte noch ein dritter Teil: Die Auferstehung bzw. Kreuzigung und Auferstehung und wenn man ganz viel Glück hatte, die Apokalypse und der Jüngste Tag samt Weltgericht – Kurz, das volle Programm vom Anfang der Zeit bis an das Ende aller Tage!

Dazwischen – also zwischen Kreuzigung und Auferstehung , sah das Biblische Drehbuch aber noch einen kleinen Zwischenakt vor, den wir – abgesehen von ein paar Theologen und Kunsthistorikern – heute völlig aus unserem Gedächtnis gestrichen haben: Den Abstieg Jesu in die Hölle!

Ja richtig gehört! Jesus, diese Mischung aus Joschka Fischer und Rambo, hatte nach seinem frühen Tod am Kreuz nix besseres zu tun als auf direktem Wege zur Hölle zu fahren! Natürlich blieb er nicht dort, sondern – ganz Gutmensch und Gott – jagte er Höllenhunde und Monster dahin wo sie hingehörten, sprengte die Tore der Hölle und: Befreite Adam und Eva samt allen anderen Armen Sündern, Aposteln und Heiligen aus der Hölle. Und weil er eh grad auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Gottvater und Heiligem Geist war nahm er die ganze heilige Mischpoke gleich mit und lieferte sie prompt im Paradies ab…

Kein Wunder auch, dass diese Spielchen mit reichlich Action und Knalleffekten auch der offiziellen Kirche gefielen und sie sie als festen Bestandteil in ihr Jahresprogramm aufnahm – schließlich braucht jeder etwas Werbung.

Weil’s aber um Weihnachten meist ziemlich eisigen war, und nicht jeder Lust und Zeit hatte sich stundenlang „Jesus und seine Freunde“ als mittelalterliche Laienspiel-Soap-Opera mit fünfzehnhundert Fortsetzungen live auf dem ziemlich zugigen und kalten Kirchvorplatz anzusehen, kamen die Menschen irgendwann auf die Idee, dass man das ganze doch auch – und das meine ich jetzt sehr wörtlich – eine Nummer kleiner zum einpacken und aufstellen für zu Hause haben könnte. Und so kam es, dass sie sich im Wohnzimmer (na ja, das war damals noch nicht erfunden, also eher in dem All-inclusive-Raum, den die durchschnittliche mittelalterliche Ein-Raum Hütte bot) einen kleinen Paradiesbaum an die Decke hängten (der erst viel, viel später zum „Weihnachtsbaum“ wurde) mit Adam und Eva und allen möglichen Tieren aufstellten, oder besser gesagt, an der Decke aufzuhängen, denn wie gesagt, mittelalterliche Ein-Raum-Hütten waren recht klein…aber irgendwo musste man bei der Dekoration des Eigenheims ja anfangen.

Und natürlich gefiel auch das der Kirche – didaktisch waren die Brüder schon immer auf der Höhe der Zeit – jedenfalls bis zum Zweiten Vatikanum, als sie plötzlich anfingen Deutsch zu reden, jeder plötzlich verstand was der Herr Pfarrer für einen Stuss zusammenfaselte und dann auch noch am Goldbrokat und am Weihrauch gespaart wurde…Vielleicht hatte der letzte Papst (Ich meine den Ratzinger Bene aus Marktl am Inn) ja doch recht, als er das wieder rückgängig machen wollte…

Da war das Mittelalter und die Frühe Neuzeit besser: damals hatte die Kirche ja solche Sparmaßnamen bekanntlich noch nicht nötig – weil man aber trotzdem nicht jeden Tag eine ganze Schauspielertruppe die permanent das gerade passende Heiligenmartyrium aufführen wollte aushalten mochte (manche geistliche Orden wie Dominikaner und Jesuiten taten das sehr wohl), erfand man auch hier eine Miniaturlösung: Die Weihnachtskripppe…oder besser: die Ganz-Jahres-special-effect-action-Bibel-Heiligenlegenden und sonstige Begebenheiten-Allzeit-Krippe…Wie in manchen Kirchen noch heute, war man praktisch veranlagt, sparte sich die ganze lästige Auf- und Abbauerei des 1000-Teile Dings und stellte, jeweils passend zum gerade angesagten Event im Heiligenkalender, die Himmelfahrt Mariens, die Hochzeit zu Kanaan oder auch mal das Martyrium des heiligen Laurentius dar (das war besonders praktisch, weil Jesus und seine Kumpels irgendwie im Sommer nicht ganz so viele Wunder vollbracht haben…die Hitze in Israel…).

Kurz – Adam und Eva sind schuld, dass wir uns heute einbilden zu Weihnachten einen Christbaum (Mit Äpfeln…oder besser gesagt Christbaumkugeln…irgendwann im 19. Jahrhundert hatten wir es nämlich satt zu Weihnachten jedesmal Unmengen von Bratäpfeln essen zu müssen) und eine ordentliche handgeschnitzte Krippe aus Südtirol, Mexiko oder Afrika haben zu müssen…warum das heut jeder braucht – well daran ist ein anderes Liebespaar namens Vicki und Albert schuld… aber das ist eine andere Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden…

…und die Sache mit dem Adventskranz?

Neben dem – heute fast nur noch im Heimatmuseum anzutreffenden – Paradiesbaum gab’s in Altbayern auch noch das sog. „Paradiesl“ eine Art Pyramide aus Stöckchen und vier Äpfeln (seltener auch Drei, wegen der Dreieinigkeit), die statt des Paradiesbaumes an die Decke gehängt wurden und später zu einer Art Vorläufer des Adventskranzes wurden. Wen’s genauer Interessiert kann ja mal unter Wikipedia nachsehen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Christbaumschmuck

http://de.wikipedia.org/wiki/Paradeisl

 

*1 Ich meine die Geschichte mit dem Apfel und der Schlange (Genesis 3,1-13; 3, 22-24). Wer will kann das Ganze zusammen mit einer hinreißend wundervollen Darstellung der Episode von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle hier nachlesen: http://mv.vatican.va/6_DE/pages/x-Schede/CSNs/CSNs_V_StCentr_04.html.

Adventskalender 2014 – 4. Türchen – Knospen zu Barbara oder wie ich totsicher die Lottozahlen voraussage ;-) (Aus dem Archiv)

Barbarazweige

Vermutlich fragen sich nicht nur Kulturwissenschaftler wie ich, wie es die Leut früher fertig gebracht haben, all die Weihnachtsbräuche in ihrem Blackberry unterzubringen?

Nicht nur, dass man ab Ende August voll mit Lebkuchen- und Plätzchenbacken ausgelastet war, nein, es mussten auch noch Martinslaternen gebastelt, Cäcilien-Oden und Bachkantaten geprobt, das Krippenspiel einstudiert, der Nikolausstrumpf genäht, die Stutenkerle gebacken, das Stroh zu Gold gesponnen, Krippenfiguren geschnitzt und Weinachtsgeschenke für sämtliche Freunde, Bekannte, Nachbarn, Patentanten und sonstige Anvewandte und Respektspersonen bis zum 8. Verwandtschaftsgrad gebastelt werden. (Vom nachweihnachtlichen Schrecken des „Christbaumlobens“ will ich hier garnicht erst anfangen).

Trotzdem hatte man irgenwie immer noch genug Zeit um pünktlich am 4. Dezember in den Garten/Wald/zum Gärtner zu gehen um sich einen Bund Forsythien-/Kirsch-/Kastanien/Apfel- etc. Zweige zu holen und sie voller Spannung als Barbarazweige in eine Vase zu stellen. Meistens wurde das dann auch gleich mit der leidigen Pflicht verbunden, 10 Kilo frisches Moos und diverseste Baumschwämme für die Ausgestaltung der diversen Weihnachtskrippen zu besorgen.

Die ganz eifrigen badeten die knospenden Zweige vorher noch in lauwarmem Wasser damit sie auch garantiert ihre zauberkräftigen Orakeleigenschaften entfalteten. Barbarazweige waren für alles vom zukünftigen Ehemann/-frau, die Gestalt der Ehe, des nächsten Jahres, der bevorstehenden Abiprüfung, der Ernte, Vorraussage von Aktienkursen, dem Ablauf von Bauarbeiten oder der Anzahl der Kinder (glücklich/viel=reichblühend, weniger/mäßig glücklich=weniger blühend, katastrophal/Totalverlust und schlimmer=nicht blühend) gut. Wenn man wollte konnte man sogar die Lottozahlen damit weissagen (wie das ging hab ich leider nie richtig gelernt).

Kurz, als eine der 3 Starken Maderln (die anderen zwei sind Katharina mit dem Rad und Magdalena mit dem Wurm) war Barbara (die hat einen Turm) gut für alles und jeden. Wenn man dann auch noch an Lucien den Adonisweizen (erzähl ich dann) aussähte konnte absolut nix mehr schiefgehen!

Falls ihr also vorhabt, im nächsten Jahr zu heiraten, ein Haus zu Bauen, drei Tonnen Äpfel zu ernten, Pferdewetten abzuschließen oder einfach nur einen Tip für den Nächsten Euro-Jackpot braucht, Barbarazweige sind das absolut richtige dafür!

Adventskalender 2014 – 1. Türchen – Und immer wenn Du denkst es geht nicht mehr…

Licht in der Dunkelheit

Licht in der Dunkelheit

Und immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“

Wer kennt ihn nicht, den klassischen Spruch aller Poesiealben und Glückwunschkarten! Ich weiß noch, ich war nicht eben entzückt als ich ihn das erste mal irgendwo zwischen Geburtstag, Weihnachten und Klassenwichteln auf einer Karte überreicht bekam. Etwas für Einfallslose, ein Spruch, den Leute aufschreiben, denen nichts besseres einfällt. Leere, uninspirierte Worte, die nichts bedeuten.
In vielen Fällen mag dies so sein, und doch – dieser Spruch, so einfach und schlicht er auch sein mag, geht mir seit meiner Kindheit nicht mehr aus dem Kopf. Erst viel später, als das Leben eben nicht mehr das Honigkuchenhaus der Kindheit war, und sich die ersten Schattenseiten, Verluste und Ängste einstellten, habe ich bemerkt, wie wichtig diese Lichter sind, vor allem dann, wenn es wirklich nicht mehr weitergeht.
Gerade im Advent spielt Licht, als Symbol der Erlösung aus einer oft als unerträglich und menschenverachtend empfundenen Welt eine zentrale metaphorische Rolle. Licht in der Finsternis, lumen de lumine, morning star…

Ich wünsche Euch, dass der Advent für Euch eine Zeit voller Lichter, voller Erwartung und Freude, voller Mitmenschlichkeit, Liebe und Zuwendung wird…

Weihnachtsbaum vorraus!

Weihnachtsbaum voraus!Ist es eine optische Täuschung, oder tanzen hinter meinem Computerbildschirm tatsächlich die ersten Schneeflocken des Jahres? Ein morgendlicher Blick auf die letzten in der Sonne schwankenden rosa Geranien im Blumenkasten täuschte Septemberwäre vor, doch spätestens ein Schwenk auf die kahl in den Himmel ragenden Äste des Apfelbaums daneben genügte um diese Illusion zu zerstreuen. Der heißere Dialekt der Saatkrähen verschiebt meinen inneren Kalender auf Ende November, auf den Dächern liegt Reif und gegen Nachmittag kapituliert selbst der stets neugierig vor meinem Schreibtischfenster lauernde Nachbarskater vor den ersten Schneeflocken. Zu Kalt!

Wundert es da noch einen, wenn ich heute Vormittag spontan beschlossen habe, dass es endlich Zeit wird, meine Kümmerkonifere wie in jedem Jahr in einen Hofweihnachtsbaum zu verwandeln, den Adventskalender auszumotten und dicke Watteschneeflocken an die Fenster zu hängen?

Weihnachten kann kommen, aber bitte noch nicht so schnell…Deshalb bleibt die Christbaumspitze auch vorerst eingepackt…

17. Türchen: Zwischen Himmel und Hölle…

Feuer

(Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Berlin 1963, S. 114.)

Von den niedrigen Dächern des Weihnachtsmarktes tropft Schmelzwasser. Es duftet nach Räucherkerzen, Glühwein und Bratwürsten. Die goldenen Locken des Löwenbrunnens glitzern im Licht unzähliger LED-Lampen und vor einem großen Schaufenster mit überdimmensionalen Kuscheltieren stehen Kinder mit offenen Mündern und großen Kulleraugen.

So oder so ähnlich hätte es auch an jenem schicksalsschweren 17. Dezember 1944 gewesen sein können. Hätte…denn es war Krieg. Seit Jahren hatte es auf dem Münsterplatz keinen richtigen Weihnachtsmarkt mehr gegeben. Die Nahrungsmittel waren längst rationiert und an eine neue Puppe, Lebkuchen oder auch nur einen einzigen, echten Zimtstern zum Fest war für die Meisten nichteinmal zu denken.

Es war erst einige Monate her als eine gespenstische Prozession mit der Leiche des zum „Helden“ erklärten Feldmarschalls Rommels durch die mit Hakenkreuzen geschmückten Gassen der alten Reichsstadt gezogen war. Der Führer hatte sich persönlich in einem Kondolenztelegramm bei der Witwe für den heroischen Opfertod ihres Gatten bedankt. Sie wusste es besser. Auch die Hinrichtung der Geschwister Scholl, die ausgezehrten Kolonnen der Zwangsarbeiter, das „Verschwinden“ der Juden und anderer „missliebiger Presonen“ oder das KZ am oberen Kuhberg waren in der alten Stadt nicht unbemerkt geblieben.

Trotzdem – oder gerade deshalb – glaubten viele was tagtäglich aus Volksempfängern, Zeitungen und Kinowochenschauen auf sie niederprasselte. Man faselte von Wunderwaffen, hängte Hakenkreuze am angeblich urgermanischen „Julbaum“ auf, deckte den Tisch mit dem günstig neuerworbenen Silberbesteck und schönen Echtdamastservietten der ehemaligen Nachbarn, reckte den rechten Arm tagtäglich brav zum Gruß und träumte nicht nur Nachts vom Endsieg und dem kleinen Glück.

Sie glaubten was man ihnen zu glauben vorgab…nicht alle…aber doch zu viele. Was blieb ihnen denn auch viel anderes übrig? Nicht alle sind zum Helden auserkoren, leider…oder sollten man nicht besser sagen: Gott sei Dank?

Menschen die Worte wie „Held“, „Mut“, „Ehre“, „Pflicht“, „Moral“ und „Vaterland“ benutzen, führen nur äußerst selten Gutes im Schilde. Der Sprung ist klein vom vorgeblich Nutzlosen zum Unerwünschten und zum Lebensunwerten. Als alter und auch neuer Reichsstädter weiß man das nur allzu gut.

Krieg tut man nicht! Auch keinen Massenmord, egal ob nun direkt oder bequem am Schreibtischstuhl. Schaden macht manchmal eben doch noch klug, dumm nur, dass meist erst dann, wenn er passiert und sich auch noch beim allerbesten Willen nichts mehr kitten lässt.

Der 3. Advent. Ein ruhiger nebliger Sonntag. Man spaziert mittags trotz des Nebels über die alte Stadtmauer zur Donau hinab. Schaut ob es in den immer spärlicher werdenden Auslagen vielleicht doch noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk für die Lieben geben könnte und bereitet sich, so gut es in diesen Zeiten eben geht auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor.

Dann bricht die Hölle los. Sirenen heulten, die Menschen fliehen in den Schutzraum, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen in die Keller.  Die ersten „Christbäume“ fallen leise knisternd zum Himmel, dann folgen Luftminen.

Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie es einst war. Fast 700 Menschen waren tot. Die stolze, alte Stadt, welcher all die Jahrhunderte nichts angetan hatten, es gab sie nicht mehr. Häuser, Kirchen, Museen, Fabriken, Mühlen, Klöster, Geschäfte, die Hauptpost und der Bahnhof…alles nur noch ein Haufen rauchender, unförmiger Trümmer! Nur das Münster und ein paar zahnlose Reste der einst auf Postkarten in die ganze Welt geschickten Altstadt  hatten die Nacht überlebt.

Von der großen Mühle an der Blau zogen stinkende, schwarze Schwaden durch das ausgebrannte Deutschhaus. An der nächsten Straßenecke, dass was von Menschen übrig bleibt.

Ein wenig weiter steigt aus den Trümmern am Weinhof eine unverheiratete Dame. Die Legende – oder war es die Erinnerung meines längst verstorbenen Buchhändlers – berichtete später es sei die Letzte aus einer langen Reihe reicher, vornehmer Patrizier gewesen. Echte Pfeffersäcke und zäh und halsstarrig bis zum geht nicht mehr! Nachdem die Dame sich mit ärgerlicher Geste Staub vom geretteten Pelzmantel gewischt hatte, musterte sie die sie umgebenden SA-Männer, Hitlerhungen und BDM-Mädels mit einem Blick in dem alle Verachtung die sich in den vielen, vielen Stunden des 1000-Jährigen Reiches in ihr angesammelt hatten lag. Blockwarte die nie ihren Russeau, Montesqieu, Nietzsche oder Schiller gelesen hatten, Möchtegern-Wichtigs mit Dreck unter den Fingernägeln und mensch- wie tierverachtende Bauerntölpel in schwarzen Reitstiefeln, die gute Marbacher nicht von einem Ackergaul zu unterscheiden wussten und nicht einmal davor zurückschreckten Schwangere an Laternenpfosten aufzuhängen. Sie hatte genug gesehen und gehört!

Die schon nicht mehr ganz junge Dame atmete tief ein, sah sich ein letztes Mal mit kühlen Augen um und sprach mit eisigkalter Stimme all das aus, was  an diesem verdammten Montag-Morgen (fast) alle dachten:

Hättet ihr damals nicht unseren Rabiner in den Brunnen getunkt bis er beinah heh (tot) war, dann hättet ihr Euer Ulm noch!“

Sollten sie sie doch auch erschießen, wie den französischen Fremdarbeiter in Albeck. Es lohnte sich nicht mehr in einer Welt zu leben, in der solche Menschen das Sagen hatte. Alles, wofür sie und ihre Vorfahren einst gelebt, gestritten und geliebt hatten war in dieser einen Nacht verschwunden.

Doch niemand wagte es, sie anzusprechen oder aufzuhalten. Irgendwann nahm sie verwundert ihren Spazierstock, grüßte mit einem Lächeln den auf seiner angeknacksten Brunnensäule stehenden Christophorus und ging. Noch in den 1970ern soll sie hochbetagt in einer alten Bäckerei gesehen worden sein, wo sie, wie ihre Vorfahren es seit 500 Jahren getan hatten, an jedem einzelnen Donnerstag ihren „Doschdigswegga“ (s. Kommentar) kaufte. Eine kleine, zerbrechliche alte Frau mit weißen Haaren, einem Spazierstock und einer immer noch rasiermesserschaften „Schwertgôsch“.

Gruppen schwarz gewandeter Menschen nähern sich dem geöffneten Münsterportal.  Manche von ihnen, vor allem die älteren haben Tränen in den Augen. Andere halten brennende Kerzen in den Händen. Sie scheinen zu frieren. Für einen kurzen Moment schweigen die vorweihnachtlichen Posaunen, die Lautsprecher auf dem Weihnachtsmarkt sind leiser geschaltet, an den Glühweinständen wird es ruhiger.

Glocken beginnen zu läuten. Die Menschen bleiben stehen, schauen zum Münsterturm empor und wundern sich.

Für die meisten Ulmer und erst recht für ihre Besucher aus aller Welt ist der 17. Dezember heute ein ganz normaler Adventstag. Nur wenige erinnern sich, dass an diesem Tag ihre Stadt beinahe untergegangen wäre.

Die Glocken verstummen. Vom Rand des Platzes erschallt das berühmte Porzellanglockenspiel. Die Glühweinstände schenken wieder aus. 124.000 Menschen aus über 100 Nationen leben heute in der Stadt. Fast 2 1/2 mal so viele wie damals. Die Doschdigsweggá gibt es nicht mehr. Mit ihnen sind auch die weltbesten Springerle verschwunden (wenn es sie doch noch irgendwo gibt, habe ich sie noch nicht wiedergefunden). Dafür gibt es einen französischen Weinmarkt, ein türkisches Theater, die Neue Mitte und einen italienischen Kreuzweg zu Ostern.

Die Stadt ein bunter Phönix aus der Asche und in Weihnachtsfestbeleuchtung.

Winternacht

Winternacht

Konsumterrorgeschädigt durch Nacht,

an Füßen zieht überfrierender Glühwein ,

schmelzende Schneekristalle auf meinem Fuchspelzkragen.

Ich träume von Armut gelangweilt und lächle Pfandflaschen in Designertaschen!

– übel wird schief mir –

ich fürchte die Welt läuft Reserve.

Vor dem Fenster ein hungriger Vogel,

Tzatzikiprofiterol und Kerzenscheinlebkuchen an süßem Senf,

die Nachbarskatze grinst hinter ihm.

1. Türchen: Von Labskaus, Schinkenhörnchen und Orangeat

Leicht verspätet, das 1. Türchen im Blog-Adventskalender:

Eigentlich bin ich kein besonderer Fan von Advents-, Christ- und Weihnachtsmärkten. Vor allem dann nicht, wenn sie zu winterlichen Fress- und Sauforgien, bei denen sich 15-jährige im Glühweinrausch gegenseitig die Hosen runterziehen und nach einem Besuch im Erotik-Shop enttäuscht feststellen müssen, dass ihrer „nicht der Größte“ ist  degenieriert sind. Glühweinrausch zu Holla- die-Dorfschönheitschnulzen á la „Die Schöne vom Toblitzsee“ und „Hinterwäldlerrauschen“ passen für mich ebensowenig zum Advent wie Christbaumkugeln in einen Strauß Tulpen oder Labskaus zu Orangeat.

Ich kann mich nicht wehren, aber ich bilde mir ein, dass die Dinge früher noch ein klein wenig anders waren. Man wurde von Eishockeyspielern auf deren Schultern durch den Markt getragen (ja, tatsächlich, irgendwann hab ich mich in einer Stromleitung verfangen, aber das ist eine andere Geschichte…), stand selbst mit 14 noch mit großen Augen vor den lebensgroßen Steiffiguren die sich im Takt von Oh du fröhliche hin und herwiegten, hatte Angst wegen des Eisregens zu spät zur Mitternachtsmesse zu kommen (die Panik überkommt mich zum allgemeinen Amüsement meiner Familie bis heute) und wurde gelegentlich auch von einem der Schafe in der lebenden Krippe mit einem garnicht so zarten Kopfstoß darauf hingewiesen, dass es keine so gute Idee war unbedingt den 17. Hirten spielen zu wollen (ich war 5 und war auf der Suche nach dem Christkind!).

Überhaupt, Advent bestand aus einer endlosen Serie von „Backtagen“ an denen man sich den Magen mit Mürbteigresten verdarb, von der Großmutter soviel Zitronenzuckerguss „zum probieren“ bekam wie man wollte, sich den Mund an den noch viel zu heißen Pfefferkuchen verbrannte (ja, ich war ein sehr neugieriges Kind, außerdem hätte mir sonst mein kleiner verfressener Bruder alles weggefuttert!), Man werkelte mit dem Großvater in der eiskalten Werkstatt, zwischen Öltank und eingelegten Kürbissen an der 7. Familienkrippe (wenn ich richtig zähl‘ haben wir inzwischen mindestens 9: Orientalisch, Ruinen, Felsen, Heustadel, Kürbis, Stroh, Mexikanisch, Glas und Südfranzösisch, Gott sei dank sind mindestens 2 pro Jahr auf unerklärliche Weise in den Tiefen des Kellers oder Dachbodens verschollen, bzw. „grad nicht greifbar“!). Irgendwann bekam man dann noch einen Elektrischen Schlag auf der Suche nach den Geheimnissen der Märklineisenbahn (mal sehen, ob ich dieses Jahr dazu komm, die X0 im Cellokasten zu reparieren). Am besten aber war’s sich heimlich auf den Dachboden zu schleichen um mit Hochgenuss und ohne jede Spur von Reue eine ganze Dose „Nugatbusserl“ zu verspeisen (Dass an Weihnachten keine mehr da waren, fiel bei der geforderten absoluten Mindestanzahl von 24 unterschiedlichen Sorten auf einem „gescheiten“ Schwäbischen Brödlesteller nicht weiter auf…Springerle wären schlimmer gewesen, die waren auffällig, allein schon, weil man sich grundsätzlich daran die Milchzähne ausbiss!)

Und Heute? Wenn nicht ab Mitte Oktober die allgegenwärtigen Christbäume zusätzlich zu Touristen und SUVs die Altstadtgassen verstopfen würden, süßsäuerliche Supermarktlautsprecher schon im Spätsommer Jinglebells spielen würden und beim Bäcker statt der vertrauten Schinkenhörnchen urplötzlich Zitronenbrot liegen würde (ich war verwirrt, fand aber meine geliebten Schinkenhörnchen in Gesellschaft von Punschstangen und Hutzelbrot wieder, Jucheeee!)…man würde Weihnachten und den gesamten Advent vermutlich aufgrund von komplettem All-Jahres-Konsumstress unter „ferner liefen“ einordnen und lieber gleich zum Frühjahrsvorglühen in die Südtürkei entschwinden (auch schön!)

Besser, ich hock mich hin und bastle nen kleinen literarischen Adventskalener. Was genau reinkommt? Lasst Euch überraschen, ich weiß es im Moment noch genauso wenig, wie ihr!

Dekowahn die Zweite!

Adventskranz2012

Adventskranz2012

Soeben Nachbarskatergeprüft und für gut befunden!

Mein diesjähriger Adventskranz in weiß, gold, rot, grün, silber und medallicbraun? (Kugel links hinter der Kerze für den 1. Advent)

Kleiner Tip für Nachahmer_innen: Glühende Nägel vorsichtig in die Kerzenunterseite gerammt funktionieren als Halterung deutlich besser als das traditionale Wachseinschmelzverfahren von Blumendraht!