Im Bamberger Sand zur Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

„Scheiß drauf“ es macht Bum und ist Kerwa!

Schwarzgelbe Security die eifrigst die Einbahn bewacht, denn das Falschwählen ist hier verboten, so wie (fast) alles hier. Hier heißt Bamberg!

Durchfahrt frei nur bis 11, Aufenthalt nur auf Wegen, Alkohol an der Luft ist verboten, für den Lieferverkehr ist aber frei, aber eigentlich ist Parken nur von 8 bis um 12 und nach 9, frei für städtische Angestellte mit Ausweis ist meist auch, oder nicht?

An den rotweisen Barken zum Paradies tönen Schwanengesänge testosteronausgefüllter Prachtbullen vom Lande. Bayrisch Leder in wildbambibraun, made down in Bangla Desh. Und die altfränkische Tracht?

Gibts beim Schützenumzug! Schallala und scheiß drauf, es ist Kerwa und Senioren mit Kindern in Plastikdummdirndeln mit echt Plauener Ätzspitze fühlen sich (noch) nicht in ihrem tiefsbürgerlichen Sicherheitsempfinden gestört. Ich schon, von den Senioren und den klebrigen Kindern mit schwarzroten Liebesäpfeln an neongefärbten Dirndeln, testosteronschwangere Burschen vom Lande sind mir vertrauter, Jungesellenabschiedstraining in der Gastro härtet diesbezüglich ab!

Gradeaus kokelnd Bratwurstbetrieb. Echte Coburger gibt’s nur noch hier.  Noch mehr Testosteron, noch mehr Land, noch mehr Jung, noch mehr Volk, noch mehr Hip und auch Hop, noch mehr Busen, noch mehr Leder und Neon und Waden und Dirndl und Bum: Auch das Sandmädchen trägt Polyester.

„Ich glaab nôch der duads aa nimmä long, middn nai in die Scherm!“ Mitfühlend ist sie ja, die Bamberger Jungjugend und kaut dabei zweierlei Sorten Langós mit Zucker und Zimt und mit Knoblauch und Speck.

„Host noch gheert, s war doch noch a Mortschlächerei“ – Warum „doch“ denkt mein Hirn und denkt gutschwäbisch: Drauf geschissen, ich lebe ja noch und ich sauf! Denn die Kerwa, ja die Kerwa ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn das bei fünf Kirchen im Blick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den anderen 600 jährlichen Dauerevents längst nicht mehr stimmt.

Und das Blut, und das Bier, und den Wein, und die Zwiebel, und die Heimat, auf die Madla und Burschn, auf den Hahn, und den Schlag, und die Musi und Trachten, Krüge hoch!, und die russischen Eier, und die Bratwürst, und as Lager, noch a U, und a Radler, und die Kaiserin Kunigund, und den Heinrich, und as Rathaus, Klein Venedig mit Illumination, und die Fahnen am Kranen ganz in rot und in weiß und in blau.

„Und es sin nach hald alls lauder Verrüchde! S’is noch hold nimmä so, wiäs môl woor, und miä gängan noch gaa nimmä hin, höchschdns schaun!“

Vor der Au sperren Alphörner den Weg. Eine Blonde in zünftig gelackten Ballerinas blickt mich an. Ertapt und fotografiert für die Ewigkeit nicht für’s Netz nur für  privaten Gebrauch, Feind hört mit!

Hinter ihr steht der Notarzt, Präventiv wie (fast) alles im Land. Noch zu früh, viel zu früh für noch für Schlägereien, und den Terror, und die Panik und die Vergewaltigung…die gibt’s erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter, und erst nach Mitternacht, und im Suff, und nur durch dunkelhäutige Menschen mit Migtationshintergrund…alles klar?

Und unser Frankenland es lebe hoch! Und die Jungen im Dreck, und die Kotze am Boden, und die Wildpisser und potentiellen Gefährder ganz hinten in dunklen Ecken.

Noch zu hell für die Schlampen auf Wahlfang, und die mordenden Gondeln, und das unökologische Feuerwerk (is as ned immä wiedä soooo scheh?). Und die stechenden Fischer, und die leuchtenden Lichter, und die funkelnden Augen, und die Zuckerwatte in Justins Haar und den Fisch, heute grün, leicht geräuchert und vom Hering.

Man möchte es eigentlich sagen dieser Dame, dass die hauteng um Celluliddis geschlungenen  Jeans ab drei Zentnern gutostfränkisch-steigerwälder Überspeck durchaus von Nachteil sind. Doch es ist Kerwa, ihr netzförmiges Neontop ist noch schlimmer und außerdem: Sieht Man(n) denn selber in Buisnesshemd Gröe 46 und mit Hosen um die 60 besser aus? Eher nicht!

Dreh dich um, kennst mich, ach ja doch, und wie geht’s, ja doch gut, und man selbst, ja man lebt, und die Eltern, ja doch auch, und Beruf, alles gut, und die Liebe, ach man lebt, und überhaupt schlechten Leut geht’s ja immer gut. Aber wie du nach heist weiß ich nimmä!

Hier, hier, nur hier gibt es Bratwürst…die mit Ausrufezeichen! Eine Hand ganz in Rot warnt am Schlidpfosten laut vor Gefahren von Geisterfahrrädern. Die Sicherheitswacht schläft nicht…nicht in Bamberg, und erst recht nicht zur S-Kerwazeit, weil es könnt, ja es könnt wirklich was passiern, Gott allmächt!

Auf der Mauer ein Paar, sehr versunken in sie gibt er sich Liebe hin, oder ist es nur Sex?  Andre gaffen im Neid, noch nichts selber geschossen, und ich lächle und denke nur: Mut!

Neben mir zwei gepimpte in Muskelschweißhemden von KIK!

„Bist nach abbä aa subbä aufgebumbd“

„Allmächt, ma duud  hold wos ma noch konn!“

Ich will ficken, sagt sie und taucht ab.

Kinderwoochngewühl auf der Brüggn, Klaana Bieschdä, und Handtaschn im Escher-Gedächtnißlook. Selbstverständlich umklammert…die Rumään köndns sonst klaun!

In der Nase läuft einem von Karamel, und am Himmel, am Himmel da hängen die Herzen aus Lebkuchen, nicht aus Marzipan! Alles rennt, alles schiebt und es drängt mich hindurch, wohin denn, drauf geschissen es ist Kerwa! Über Mir unter Sonne sind Wimpel und ganz tief mitten drinn, mitten drinn dort im goldenen Schnitt nur 3,80, Nicht mal 4 für ein Maß, Tempo 30 verdammt!

An der Ecke in Kinderarbeit: Festabzeichenverkauf…Mutter nervt, das Kind heult, Vater tut, als gehöre er anderswo hin, nach Mallorca vielleicht, oder doch nach Kambodscha?

Erste Glühbirnenschatten im Wasser an den Ufern die Haifischbar, mit drei Kumpels ein Bier hinterm Rattanzaun dazu ganz sanft das Geknatter von im Wind aufgeschnatter Rentner.

Es gibt fünf oder zehn Süßzeugsgestände, aber wir kaufen hier, hier wo sie IHRE zuckergesüßten Kracherlesmandeln einkaufen will. Nicht die schlechten von drüben, sondern die, die beim Essen ganz sicher die die Zähne ausreißen! Ich Depp stehe mit an, bin solidarisch, so wie all die andern, zwei bis drei Stunden lang sicher – Mandeln sind aus! Drauf geschissen und notiert: Nächstes Jahr keine Freundin im Sand!

Weiter hinten hat wegen des längst überfälligen Fettabscheidereinbaus der Pelikan zwangsweise Urlaub. All der Stuck, und Substanz und die Pflanzen müssen weg, schon am 19. mitten drinn in der Kerwa kommt der Bagger, gottverdammt! Und am Haus gegenüber is fei geschmückt!

Auf dem Schreibtisch daheim liegen Bücher, und zum Frühschoppen zwei halbe Maß und ein Radler und 4  Weißwurst, und süßer Senf, zwei Servietten, 10 Freunde und ja, auch ein ganz kleines bisschen Volksnähe im Suff.

Auf der Bühne ein Hühne mit Frau, schlechter Reim. Neben dem Klo gibt’s Fanartikel und CDs.

Glotz net blöd, wer ist Zoo und wer draußen? Die japanische Touristin im Kakitarnkleid schießt schnell ein Photo von so unglaublich viel echt deutschländerischem Gorillabrauchtum. Krüge hoch, draus gesch…denn die Kerwa, ja die Kerwa, die ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn’s  das bei Fünfkirchenblick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den all den andren gefühlten 652 Events längst nicht mehr stimmt! Letzen Monat DIE allererste erschreckende graue Wimper. Frau Kasamoto aus Tosashimizu hat recht, auch ich bin nur ein Silberrücken laut Facebook!

Ich bin glücklich und nass, und vom Himmel tropft Regen in Scharen. Nicht als Hunde und Katzen tropft er dieses Jahr, nein, es regnet verhagelte Zahlen. Statt 100.000 nur 52 im Nasskalten nichts und nicht einer ist Wurst oder hält wenigstens eine Maß in der Hand, auch nicht für 3,80!…

In der Gasse am Stand leere Gesichter, entgangene Gier und verscheuchter Profit. Mutter Natur kann sehr grausam sein und all die Burschen und Madln, sie tuen mir Leid, wirklich Leid richtig schmerzhaft und ich Kaufe die Maas und zahl sogar Pfand, und ich trinke, ja ich trinke das eiskalte, wässrige Bier, hier im  Regen der mir hinten den Rücken abläuft.

Mir ist kalt, meine Zehen quietschen im Schuh. Nur schnell heim, aus dem Nass! Meine Beine sind Gummi und mein Weg ist ein schlammiger Bach und ein See. Eine letzte gebratene Zwiebel nur noch, eine nur! und dann raus aus den modernden, nadelgestreiften Hosen. Lederhosen sind kurz, und mit Spritzklappenschutz!

Vor dem Licht aus dem Stand fahle Lippen. Nicht nur Bier, noch was andres ist drinn in dem unterernährten Kerl mit den blassgrünen Augen. Geht mich alles nichts an, und ich will keinen Stress, nicht heut Abend und morgen, Kerwa ist, ich bin selig,  und sie ist – Gott sei Dank – nur einmal, dann ist Schluss, ob nun mit oder ohne das Hochfeuerwerk, drauf geschissen, noch a U und seid’s nett, ruft dem Kerl noch den Notarzt!

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Selbstdarstellung an Weihrauch

Lebensläufe im Reliefvisier

Angehörige der Generation „Befristetes Arbeitsverhältnis“, sich im www vernetzende Kulturwissenschaftler und geplagte Kongress-Lektoren kennen die Situation. Ein alter Arbeitsvertrag läuft aus, die about-website muss reloaded werden oder die Bewerbung für den nächsten Kongressbeitrag zur Materialität von Kultur steht an.

Standardaufgabe, na und?

Well, eigentlich schon, tausendmal gemacht, tausendmal vorbereitet, tausendmal geglickt, gelesen und abgeschickt.

Und dann, irgendwann morgends um halb fünf der Alptraum: Sch…der Lebenslauf ist auch schon wieder vier Jahre alt, in der Bibliographie fehlen mindestens 3 Artikel über die fachinterne Positionsdebatte und aquatische Festräume, und in der falschen Sprache ist das Ding auch noch…und überhaupt, hatten die Interviewpartner auf irgendeiner fernen Insel nicht noch eine online-Kurzbeschreibung des eigenen Werdegangs samt Projekteinführung und Brustportrait angeregt?

Da sitzt man(n) dann schlaftrunken in Boxershorts und usbekischem Morgenmantel und überlegt, wie man das eigene Ich am besten den Spielregeln des global-angelsächsischen CVs anpasst. Hier eine Arbeitserfahrung, dort ein Abschluss…und ach ja in dem Filmprojekt hat man auch noch in mafiöser Rolle teilgenommen, nicht zu vergessen die ehrenamtliche Tätigkeit als Hochschulgruppenpräsident und Diatheksinventarisierer…

Kann man das nehmen, hört sich das nicht komisch an, und was mach ich mit dieser Lücke…wäre es nicht besser statt jenem dieses reinzuschreiben und wie um alles in der Welt erklär ich in drei Zeilen was ich da gemacht habe…

Irgendwann nach langem Hin und noch längerem Her steht sie dann, die mehr oder minder lange Auflistung des eigenen Lebens. Kreative pimpen sie noch mit einigen roten Absatzpunkten auf, und hoffen still, dass jene via copy & paste auch samt Sonderformatierung vom e-mail Bewerbungsprogramm potentieller Arbeitgeber eingelesen werden.

Seltsam, ein paar schwarze Zeichen auf weißem Papier (ja ich gehöre noch zur Generation die sich Dinge auch mal ausdruckt. Emotional-habtischer Blödsinn ich weiß, aber irgendwie sinnlicher).

Dass soll’s gewesen sein, hab ich wirklich nichts vergessen, betrügt mein Bauch oder der Ratgeber,

und wie um alles in der Welt will der andere aus den paar Wortfetzen beurteilen, wer man ist?

Ein letzter Check, danach eine Runde Schlagwortbashing, alles drinn?

Sehen sie nicht alle gleich aus, diese Lebensläufe. Gleicht ein Projekt wenn man den Titel weglässt nicht dem anderen?

Zweifel…ein Wort das in Lebensläufen seltsamerweise nie vorkommt. Genauso wenig, wie leere Blätter oder Zeit für sich selbst. Hat je jemand ein Mußejahr als Qualifikation angegeben?

Man schickt ihn ab, den Brief, sendet die mail, posted die Mitteilung am Message-board.

Just in time am gleichen Tag die Rückmeldung. „It looks a bit lik if you’d do some self-advertisement“

What the hell…

Man bastelt an der Antwort, besucht vielleicht zwischendurch noch eine Kunstaktion im öffentlichen Raum.

Was anderes als Werbung ist ein Lebenslauf? und was um alles in der Welt erwartet jemand, der keine Werbung will?

Ich mag sie nicht die immergleichen lächelnden Gesichter der Bewerbungsmatten. Alle waren beim gefühlt gleichen Herren- und Damenfriseur, alle im gleichen billigen Anzug- und Kostümeladen, alle zeigen denselben Blick von Entschlossenheit und alle wirken dynamisch.

Ich spiele Chef und wähle den, der am wenigsten danach aussieht, als wolle er einen Job.

Buon Di!

 

Von guten und von schlechten Bettlern…

Münzen auf der Straße

Münzen auf der Straße

Die Bamberger Blogger- und Indie-Szene ist entsetzt:

Der beliebte Bamberger Straßenmusikant Moritz Rabe, selbsternannte Bamberger „Kulturinstitution“ und Berufsquerulant mit akutem Hang zu revolutionärem Protestgesang muss ins Gefängnis weil er sich über Jahre hinweg weigerte für sein „lustiges Musikantenleben“ in der bamberger Fußgängerzone „Sondernutzungsgebühren“ an die Stadt abzuleisten und sich dort zwischenzeitlich inklusive stattlichen Verwarnungsgeldern ein mittlerer vierstelliger „Schuldenberg“ angesammelt hat.

Rabe das unschuldige Opfer einer vollkapitalisierten Konsumgesellschaft, die es nicht duldet, wenn ihr einer den Spiegel vorhält, die organisierten Roma-Fremd-Bettler-Mafia, welche „seit Jahren ungebremst die deutschen Innenstädte flutet“ ungeschoren davonkommen lässt?

Die Diskussion innerhalb der Bamberger Blogger- und Indie-News-Szene läuft warm:

Betteln als Menschenrecht? Kunst gegen Kommerz? Revolution gegen bourgeoises Kapitalistenpack? Weltverbesserer gegen Reaktionäre?

Wichtige fragen, auch wenn sich dies alles mit dem mit dem guten alten „de gustibus non est dispudandum“ als harmloser innerstädtischer Kampf der im Bereich der „Mitleidsindustrie“ tätigen mit renitenten Stadtbehörten um öffentliche Territoren und Einkünfte abtun ließe und somit in die Rubrik „Sommerloch“ fiele…

Fiele…wenn sich anlässlich der „Geschichte“ nicht in so manchem wutbürgerlichen  „Leitartikel“ samt zugehörigen Kommentar ungeniert rassistische Vorurteile und ungehemmtes Denunziantentum gegen „Fremdbettler“, „Zigeuner“ und „Ostgesindel“ Bahn brechen würde. (Bamberg ist hier – wie fast immer, und manchmal auch zum Glück – mindestens 5 jahre hinter dem generellen Trend, die – hier offensichtlich unbekannte – Debatte um „kriminelle Roma-Bettler“ in Ungarn, der Schweiz und Österreich hat dort bereits vor Jahren zu heftigsten politischen Kontroversen mit so mancher rassistischen oder gutmenschlichen Stilblüte geführt.

Da ist schnell vom „guten deutschen/ortsansässigen“ Bettler und den „Bösen Zigeunern die ihre Kinder auf den Bettelstrich schicken“ die Rede. „Diebische Blumenfrauen, „(falsche?) Obdachlosenzeitungsverteilerinnen“, „lebende Statuen die deutschen Kindern ihr Taschengeld klauen“ , “ erpresserische Zigeunermusikern, die erst dann wieder abziehen, wenn sie von Wirten Schutzgeld bekommen“ und „pseudo-verstümmelte Roma-Könige, die Abends im Benz heimfahren“ machen in kleinen Deutschen Provinzstädten „Millionengewinne“.

Um das Register fremdenfeindlichen Stereotype voll zu machen wird auf Blogs und in Newsgroups, Twitterbotschaften und selbst per youtube auch gleich noch die Moritat von „osteuropäischen Diebesbanden, die sich als Bettler tarnen um fleißige deutsche Bürger auszurauben“ und „gewohnheitsmäßig tierquälenden Roma, welche ihre Hundewelpen, wenn diese zu groß werden um Mitleid zu erregen, herzlos im Müll entsorgen“, oder „Ihre mit Tollwut und allen möglichen anderen Ost-Krankheiten verseuchten Viecher an gutgläubige Deutsche verscherbeln “ erzählt.

Gleichzeitig wird für den „Guten deutschen Bettler/Straßenmusikant/Kunstschaffenden im öffentlichen Raum“ das Recht auf Lebensunterhalt gefordert. „Betteln als Menschenrecht“ und „Freiheit für die Kunst von Unten“…aber bitte nur für Einheimische!

Nicht selten verstehen sich die Urheber derartig populistisch-rechtslastigen Debatten als progressive, total offene und kunstaffine Mitmenschen, die nur das Beste wollen und die „unabhängige freie Straßenkunst“ vor der Verdrängung durch Kommerz und „unfaire Konkurrenz aus dem Osten“ schützen wollen. Auch müsse man die „armen Romakinder“ vor ihren „kulturell bedingt gewalttätigen Eltern“ (= „professionellen Bettel-Bossen“) schützen, die diese „bewusst mit Äxten verstümmelten“ um dann in deutschen Innenstädten mit ihren „bemitleidenswerten Opfern“ den maximalen Profit zu machen.

Warum Ost- und Südosteuropäer (es sind längst nicht nur Roma) in unsere Städte kommen und sich als grottesk geschminkte Rokkokopuppen dem öffentlichen Spott preisgeben oder sich stundenlang an zugigen Ecken auf die Knie werfen, fragt hingegen niemand…(allerhöchstens wird dieses Verhalten als „Gipfel des professionellen Bettlertums“ gebrandmarkt).

Sicher, es gibt – nicht nur in deutschen Städten, sondern in allen Regionen der Welt mit einem drastischen Wohlstandsgefälle – ein Problem mit „gewerbsmäßig betriebener Bettelei“. Ich leugne nicht, dass sich hinter so manchem „Bettelkind“ ein „Bettelboss“ verbirgt und auch ich habe mich nicht nur einmal über die agressiven Praktiken so mancher „Straßenzeitungsverkäuferin“ aufgeregt.

Andererseits war es auch nicht immer das Reine Vergnügen dem renitenten Wortschwall eines Moritz Rabe & Co. lauschen zu dürfen und vier Stunden Übungsgegeige á la „Kleine Nachtmusik“ sind irgendwann auch nicht mehr lustig.

Aber wer mag entscheiden (oder hat überhaupt das Recht dazu), ob ein leicht größenwahnsinniger Straßenmusikant mit Hang zum Berufsrevolutionär mehr recht auf einen „Standplatz“ hat, als eine Mozartstatue mit rumänischem Akzent? Und warum soll die violinespielende Musikstudentin eine „Sondernutzungsgebühr“ entrichten, der selbsternannte Straßenkünstler aber nicht? Was ist „gute“ und was ist „schlechte“ Straßenkunst? Ist Betteln ein Menschenrecht? Wer legt fest, was „gewerbsmäßige“ Bettelei ist, oder lediglich „der Grundgesetzlich (und durch die Menschenrechtskonvention) gesicherten Sicherung des Lebensunterhalts dient? Wo beginnt die Kunstfreiheit und wo endet sie? Wem „gehört“ der öffentliche Raum? Haben Einheimische mehr Rechte darauf als Fremde? Was ist ein „guter“ und was ein „schlechter“ Bettler und gibt es diese Trennung überhaupt?

Angesichts von „Spitzel-Debatte“ und „Öko-Diktaturdebatte“ sollten wir eigentlich alle sensibler mit der Frage umgehen, wie weit staatlilche Fürsorgepflicht und Präventionspflicht gehen und wo staatliche Institutionen unberechtigt in die elementaren Grundrechte ihrer Bürger einzugreifen. Auch sollten wir endlich aus unserem westeuropäischem Wohlstandstraum aufwachen und bemerken, dass es gar nicht so weit von uns auch noch andere (Lebens-) Welten gibt, in denen der neueste Schuhmodetrend nicht das Maß der Lebensqualität ist.

Insofern bin ich heilfroh um jeden einzelnen Bettler und Straßen(lebens)künstler der dem obrigkeitlichen (und ökonomisch forcierten) „Ordnungssinn“ von Obrigkeit, Bürgervereinen, Handwerkskammern, Citymarketing-Vereinen und Gewerbetreibenden entgeht. Sie sind Anstoß, und dass ist gut so!

Ich hoffe, dass nicht nur ich bei der Lektüre so mancher Meldung zum Thema „Straßenkunst und Bettelmafia“ leichte Magenschmerzen bekomme und mich dabei mehr als peinlich an die „Assozialenerlasse“ einer sehr dunklen Zeit erinnert fühle. Wem dies nicht so geht, möge ins nächste Dokumentationszentrum fahren und sich dort schlau machen, welche Folgen der Slogan „Zigeuner raus!“ haben kann…

Einen besinnlichen Sommertag nicht nur den Bamberger Bloggerfreunden!

Kerwazeit = Krapfenzeit!

Knui- und Fenschdrkieachle, Auszogne, Schmalznudel, Langos, Hut-, Hochzeits- und Kerwakrapfen, Pfannkuchen, evangelische und katholische Kiachle…

Ob herzaft mit Schmand, Käse, Paprika und Knoblauchsauce, süß mit Vanillepudding, Rosinen, Puderzucker und Marillenmarmelade oder einfach pur – Auch wenn sich heute nicht mehr unbedingt am Durchmesser des goldgewandeten Kreises aus Hefeteig ableiten lässt ob die Schöpferin bzw. das dazu notwendige Knie katholisch oder evangelisch war (die breiten nach oben gewölbten sind die katholische, die eher schmalen, nach unten gewölbten die evangelischen) und man selbst im tiefsten Oberfranken statt gutgefetteter Frauenknie (daher der Name: Kniekiachle) ein Krapfenstock der entfernt an die dem indischen Gott Shiva geweihten Phallussymbole erinnert verwendet wird, was wären Kirchweih, Dult, Volksfest, Kerwa, Hochzeit, Taufe und Erntedank ohne die wulstigen Leckereien mit dem zartgoldenen schmelz von echtem Schweineschmalz und dem bibelseitendünnen Innenleben!

Eine fröhliche Kerwazeit und lasst’s Euch schmecken!

 

Und für alle, die noch nicht wissen wie man sie macht:

Man bereite je nach gewünschter Anzahl (1 Kilo Teig reicht ca. für 10-12 Kiachle, bei spaarsamen Schwaben auch für ein paar mehr 😉

einen sehr feinen Hefeteig mit etwas Butter zu, lasse diesen mit einem sauberen Küchentuch zugedeckt, sehr gut an einem warmen Ort ziehen (am besten über Nacht auf dem Kachelofen oder in einer sommerlichen Dachgeschosswohnung). Knete ihn anderntags nochmal kurz durch (nicht zu fest!), trenne ca. faustgroße (bei Männerhänden auch etwas kleiner) Portionen ab, forme diese vorsichtig in mit Schmalz vorgefetteten Händen zu Kugeln und lasse diese nochmals auf einem mit Mehl bestreuten Untergrund ca. 1/2 Stunden gehen.

Währenddessen in einem möglichst großen Küchentopf Schweineschmalz (nur im allerhöchsten Notfall tut’s auch ordinäres Speiseöl, aber der Geschmack ist dann ein absolut anderer!) auf ca. 170-180°C erhitzen (dauert ne ganze Weile, wer kein Thermometer hat, kann versuchsweise ein kleines Teigstück mit der Dicke des Kiachlesrandes in das heiße Fett tun, wenn es nach ca. 1 Minute goldgelb ist und innen nicht noch roh, stimmt die Temperatur)

Das Originalrezept für Knuikieachle sieht am Ende der Ruhezeit das Formen über gut gewaschenen, möglichst enthaarten und mit Schmalz gut eingefetteten Knien vor (ersatzweise genügt auch ein Krapfenstock, allerdings ist das Formen der Kiachle darauf deutlich schwieriger), ganz mutige können auch die Freihandvariante wählen, allerdings benötigt diese einiges an Übung. Ziel ist es, eine möglichst dünne und große Innenfläche mit einem kreisrunden, nicht allzu dicken Rand zu versehen, ohne dass die Kiachle reißen. (wer am Fett spaart hat’s schwerer!).

Die fertig Ausgezogenen Kiachle sofort ins heiße Fett geben und goldgelb ausbacken, dabei mit heißem Fett übergießen und nach ca. 3/4 der Zeit Wenden (die Unterseite braucht immer etwas länger) . Die fertig gebackenen Kiachle kurz auf Küchenkrepp abtropfen lassen und mit Zutaten der Wahl noch warm servieren!

PS: Die ersten Kiachle gehen grundsätzlich daneben! Kein Grund aufzugeben! Und mit etwas Geschick bekommt man ganz schnell auch den Dreh für Hutkrapfen, evangelische und katholische Heraus (den Spaß überlass ich aber Eurem Experimentiertalent!).

 

Hutkrapfen mit Puderzucker

Hutkrapfen mit Puderzucker, Seitenansicht

klassisches /r (halbkatholisches) Knuikiachle, Krapfen, Pfannkuchen, Kerwakrapfen, Langos etc. mit Puderzucker