Tageshaiku 52_Geleerte Straßen

Von der Hitze geleert,

die staubigen Straßen,

still die mattgrünen Bäume.

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Frisch aus dem Alltag, oder: Von Kontrastwirkungen, Sonnenschirmen und Chlor

KontrastwirkungDer Himmel ist himmelblau mit ein paar Schäfchenwolken drauf, It’s Summertime singt Ella und trotz nur mäßigen fränkisch-schwäbisch-venezianischen 14-22°C brennt mir die Sonne auf den Pelz. Na ja, das mag jetzt auch daran liegen, dass ich mich heute in einem jähen Anfall von post-gothic-Wahn dafür entschlossen habe komplett in schwarz auf den Markt zum Spargeleinkauf zu gehen (vielleicht war’s also doch nur mein angeborener Sinn für Kontrastwirkungen?…keine Ahnung). Auf jeden Fall war die Sonne zu heiß und wass macht man dann? Na man holt den Sonnenschirm aus der Versenkung!

Dumm bloß, dass ich letzten Herbst eindeutig zu faul war, das Ding vor dem Einmotten sauber zu machen…und da ich das auf Dauer dann doch etwas sperrige Ding auch noch aus dem Garten auf den Dachboden befördert habe – selbstredend ohne es vorher vorschriftsmößig in seinen mitgelieferten Stoffkondom einzupacken –  und sich selbstverständlich auch auf meinem Dachboden die Holzwürmer tummeln  – ja, so ist das nunmal, wenn man mitten im Weltkulturerbe wohnt ;-)) – hat sich zusätzlich zu all den lieblich bunten Hinterlassenschaften von Blattläusen – echt fießes Zeug dieser Honigtau! – Blütenstaub und Vogelkakka auch noch eine schöne rotbraune Schicht Holzwurmpups auf meinem ursprünglich einmal crémeweißen Sonnenschirm abgelagert – was kauf ich auch einen Sonnenschirm in einer derart dreckanfälligen Farbe!

Zwar ist bekanntlich Vintage gerade wieder in, und so ein wenig used-look hat noch niemand geschadet – andere streichen dafür Omas Barockkomode Grün über und fräsen dann mit der Flex stundenlang drann rum, nur damit das Ding am Schluss so aussieht wie im neuesten Design-Möbel-Landhaus-schöner- wohnen-Prospekt – aber so viel nackte, buntkleckernde und schmierige Natürlichkeit war mir dann doch etwas zuviel, auf meinem ehemals so schön crémefarbenen Sonnenschirm.

Was also tun?

Nun, man könnte das Ding einfach wegschmeißen und sich einen neuen besorgen. Da das Teil aber keines jener 0-8-15 Billigdingsbumsteile aus dem 1,50-shop ist sondern selbst im Ausverkauf noch richtig Asche gekostet hat, und ich sehr dran zweifel, dass ich jemals wieder einen Karbonspeichen-außreißverstärkten-tropfschutzbeschichteten-siliciumstahlschwenkgelenkbestückten und außerdem crèmefarbenen  – ich hasse weiß, zumindest bei Sonnenschirmen – Sonnenschirm zu einem auch nur annähernd erschwinglichen Preis bekommen werd, gibt’s jetzt nur eins:

WEG MIT DEM DRECK!

Nur wie?

Well, es gibt da was, bei dem man immer sagt, es sei so furchtbar ungesund und mache bei Kevin und Annika Allergien…

Richtig: die gute alte Chlorbleiche!

Da ich nun keines dieser Weicheier bin, die sich mit amerikanischer Sauerstoffbleiche abplagen (die ist auch nicht besser für meine Spülhände!) und auch keine anderen übertrieben teuren Spezialmittelchen einkaufen will – man ist schließlich Schwabe! – muss es nun einfach der gute Toilettenreiniger tun. Der hat auch den großen Vorteil, dass man ihn problemlos in eine Sprühflasche abfüllen und großzügig auf sich selbst und dem Sonnenschirm verteilen kann…

Selbstredend muss man vorher seine schwarze Gothic-Kleidung vom Vormittag ablegen!

Und dann schrubbt man, und schrubbt und schrubbt, ruiniert mit dem chlorgeschwängerten Abwasser noch schnell ein paar Balkonblumen – nein, Tagetes vertragen es nicht, wenn man sie mit Chlorwasser gießt…- und gießt das ganze noch schnell mit ungefähr 20 Gießkannen ganz frischen Leitungswaser ab…

Und was soll ich sagen…der Schirm ist …ja richtig: weiß! die Crème hat’s gleich mit rausgebleicht…

achöne Pfingsten und etwas mehr Erleuchtung als bei mir!

Morgen

Morgen

Morgen

Morgen

Ich wache auf. Zwischen den rostfarbenen Jalousielamellen ein erste, hellblaue Ahnung von Morgen. Gegenüber am Dachgiebel ein erstes, sehr gelbes Dreieck Sonnenlicht. Ich staune. Es ist früh, sehr früh – zu früh vielleicht. Mich umgibt unwirkliche Zeit jenseits des Normalmodus. Ich weiß, vor dem Fenster, unsichtbar hinter dem Bleidach des Anbaus blüht der Garten. Die Luft sieht nicht aus wie Herbst.

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Ich dreh‘ mich um, weg vom Licht, versuche noch einmal zu schlafen. Ich schließe die Augen und denke  möglichst an nichts. Schlaf reloaded – ein neuer Versuch. Etwas in mir grinst – no chance – Ich bin wach und genervt von so viel Morgen.

Ich stehe auf, fast schockartig. Das Bett ist noch warm und feucht. Am zweiten Fenster, jenseits des Bleidaches blicke ich hinaus, auf das in Schönheit eingefrorene Gartenbild. Farbe blättert vom Rahmen. Bevor der Frost kommt sollte ich streichen. Ich lächle und wandere herum, ohne Morgenmantel.

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Aus den noch dunklen Raumecken raunen taulose Spinnweben „putzen“. Ich ignoriere und lasse das Duschwasser laufen. Vorlaufen um genau zu sein. Es dauert bis es wird – Altbau mit Gastherme an der Außenwand, nur einmal in zwei Jahren warten!

Auf dem Vorleger liegt eine Wollmaus. Ich bücke mich, greife zu, entsorge – alles schon lustlos. Aus der Glaskabine steigt Dampf. Das Wasser ist fertig, endlich! Ich steige über den Kabinenrand. Duschen ist wie Fahrstuhlfahrn, nur mit fallendem Wasser.

Durch die geschlossene Tür dringt Morgenläuten. Man ist hier katholisch, ich und die Abluftanlage sind es nicht.

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Ich werde nass, stoppe die Flut. Erst heiß, dann kalt, dann trete trete ich heraus; Aus dem Dunst treten Wassertropfen auf Abwege. Ich fange sie, bevor sie fallen. Dann greife ich zum Handtuch. Es riecht muffig. Vermutlich falsch oder gar nicht gelüftet. Geistesarbeit macht unachtsam.

Ich schüttle den Kopf wie ein Hund. Ein Tropfen fällt, dann viele. Dann greife ich zu, diesmal fast herzhaft – und nutze das nichtnutzbare Riechhandtuch als Putzlappen für die Fliesen.

Ich gehe hinüber. Ein neues riecht besser. Das alte landet beim Rest. Ich trockne mich ab in der Linken den Fön. Der Rechte Daumen ist grade hinüber: Kollateralschadensfall am Nagel – beim Grillrostputzen!

Ich blicke hinauf in den Spiegel. Mein Gegenüber wünscht mir einen guten Morgen. Ich oder er könnten auch sauberer sein.

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Zwei Socken, sanft maronenbraun, wie die Lamellen der Jalousien.

Boxershort, karriert in Violett und Neongrün, dazwischen Haut und Baumwollhemdenweiß. Nein, heut kein V-Hals-T-Shirt als Unterhemd. Pullover aus dunkelbeigem Kaschmir(-imitat?). Dazu die Hose mit den weißen Nadelstreifen. Silberohring und Stahlarmband zur Verzierung. Zum Abschluss reichlich teures Aftershave. Ich seh mich an. Die äußre Hülle als Außenpersönlichkeit? Haltung bewahren, sich ja nicht gehen lassen. Den Schweinehund vertreiben: männlich, elegant, smart, uniform –  Das Sein als Schein? Heut eher nicht – mir ist einfach nach neubarocke Scheinparuren, und wenn’s nur dazu dient, um  Umwelt, Ich und Menschen mir von Leib uns Seele fernzuhalten.

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Ich steige aus, hinein ins untere Maisonette. Am Treppenende halbgedunkelt: Teppicharabesken. Über dem rechtsseitigen Chaiselongue die abgeliebte Polyesterdecke. Ihr Kopfweh steckt mich an. Ich lege mich – halbhoch, pro forma – und mach‘ Tee. Dann erst folgt die Fernbedienung. Und vor dem Fenster in der echten Welt blüht festgefroren schön der Garten.

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Es piept, die Spatzen kriechen spät aus ihren Löchern. Das gelbe Dreieck ist Viereck geworden, oben an der Giebelmauer – spät drann heute, nach mir!

Am ausgeblichnen Himmel ziehen letzte Mauersegler. Sie ziehen fort, fort in den Süden, fort  zu den Kindheitswohlfühlglückserinnerungen voller Sommer, Sonne, Strand und Eis und Meer – es ist doch Herbst.

Im Blumenkasten blühen schwarzgelb buntgestreifte Zuchtpetunien, darüber purpurne Magenta-Spinnenblumen – hübsch vor Efeugrund. „Maybe a little oversophisticated“ würde – käme sie denn je herein – meine leider nur teilfiktive englischspitzlippige Großgroßmutter sagen – sie mag Baudelaire und sie mag auch Bleilüsterkristalle in den Büschen. Ich ehre sie mit fünf gefälschten ganz aus Polyuretan und einem, ein ganz echtes – rauchglasfarben und antik aus Venedig.

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Ich gehe hinaus und greife zur Pfeife, im Glas zwischen Büchern noch Rotwein. Im Suchflug zur Probe nach Laptop und Terror der Staatsschutz. Wir sind hier in Bayern, ich hat’s fast vergessen. Ich gehe zurück, im Fernsehen läuft Skandalisierung. Der Postmann er klingelt: Paketlieferung – Bevor ich das Interface starte,  im realspace mein Ellenbogen an Teeporzellan. Noch ganz alle Tassen, zum Glück und im Schrank. Ich starte, der Tag kann beginnen.