Zwischen Versailles und Burgund – Frühling in Frankreich

Betörende Landschaften, weidende Rinder auf blühenden Weiden die an Watteausche Landschaftsbilder und die Schilderung des 6. Tages in Haydens „Schöpfung“ erinnern, Innenstädte in denen keine modernen Architekten im Selbstverwirklichungswahn ihren verwechselbaren Stempel aus Kuben, Glas und Stahl aufgedrückt haben, Landschaften für die das Wort „Flurbereinigung“ unbekannt ist! „Zum Heulen schön“ würde eine gute Freundin von mir sagen.

Und tatsächlich: Beim nachkriegswiederaufbau-, industriegebiets- und zersiedelungsgeschädigten deutschen Betrachter stellt sich angesichts von so viel bucculischer Harmonie beinahe unweigerlich die schmerzliche Frage ein, ob es bei uns vor garnicht allzu langer Zeit auch so ausgesehen haben könnte.

Nicht nur im Mai haben Frankreich und insbesondere das Burgund und der Elsaß etwas von fachwerkheiler Welt. Und doch, es gibt sie auch hier: Die Probleme der Modernen Welt – Auch wenn man sie zuweilen hinter den ein, zwei, drei oder gar vier Blüten der villages et villes fleuri, jenem besseren und schöneren Gegenstück zum Deutschen „unser Dorf soll schöner werden“ suchen muss. Da gibt es die verlassenen Häuser und Schlösser überall am Wegesrand, die halb verfallenen Kirchen, durch deren halb zerbrochene Kirchenfenster der Wind preift und die Spatzen auf ihrem Weg zu Ihrem Nest im Schalldeckel der barocken Kanzel ein- und ausfliegen, und da sind auch all die einst stolzen Bauernhöfe, die trotz ihrer eingefallenen Dächern und halb in sich zusammengefallenen Heuschober  immer noch den morbiden Charme einer einst reichen ländlichen Kultur verkörpern. Sie sind Zeugen nicht nur von der Abwanderung der Jungen in die großen Städte, sondern auch des katastrophalen Zustands der französischen Denkmalpflege, die sich – wie vieles andere in in unserem Nachbarland auch – großteils in der Förderung einiger Prestigeprojekte im unmittelbaren Dunstkreis des Elyseepalastes erschöpft aber kaum jemals in die Fläche geht. Und da sind auch – zumindest in den etwas größeren Städten wie Troyes, Auxerre und Dijon – die ausufernden Betonwüsten der Banlieus mit ihren kilometerlangen Werbetafelwüsten entlang der Einfallstraßen, während die in den ausgestorbenen Dörfern und Kleinstädten zurückgebliebenen Alten über die verrückten Touristen die in ihren SUVs durch jede noch so enge Garageneinfahrt quetschen staunen… der Grund dafür sind die allgegenwärtigen Warnungen vor Autoknackern, häufig von „wohlinformierter“ Hand mit einem zusätzlichen fremdenfeindlichen Slogan oder rassistischen Bildchen garniert. Und ja, es stimmt, gerade die Bewohner der „heilen Welt“ des ländlichen Frankreichs haben am letzten Sonntag sehr bewusst den Front National gewählt. Man ist konservativ, für deutsche Verhältnisse sogar ausgeprägt nationalistisch mit einem, teils recht heftigen Hang zum Rassismus – und das nicht nur, aber vor allem auf dem Land…

Genau so wahr ist aber auch, dass in Frankreich die Tradition des laissez faire und der liberalen Freigeister, der utopischen Weltverbeserer und Idealisten und der klugen und wortgewaltigen Köpfe, die genau wissen, was sie den Zuwanderern aus den ehemaligen Kolonien zu verdanken haben stärker verankert zu sein scheint als im lauwarm denkenden und fühlenden Deutschland. Aber es werden mehr, die „das Pack“ am liebsten zurück in die nächste Wüste oder nach Osteuropa schicken würden und in der EU nur einen technokratischen Apparat der an der Zerschlagung der Grande Nation arbeitet sehen.

Genauso wahr ist es aber auch: Fremde sind durchaus gerne gesehen: Als Touristen die Geld bringen und möglichst bald wieder verschwinden, für die reißt man sich auch mal ein Bein aus, macht unmögliches möglich und putzt sich heraus, dass es eine wahre Pracht ist!. Und ja, man wird – anders als vor 10 oder 20 Jahren durchaus noch üblich – als Deutscher auch nicht mehr mit Bosch oder Nazi begrüßt. Die Deutsch-Französische Freundschaft funktioniert, v.a. wenn der Deutsche irgendwann auch mal gelernt hat, ein paar Brocken Französisch zu reden…ansonsten wird es nach wie vor schwierig. Franzosen lernen zwar ebenso Fremdsprachen wie alle anderen Europäer, aber ihre praktische Anwendung bleibt zumeist eher theoretisch. Wirklich gern wechselt niemand in eine andere Sprache. Wozu auch wenn selbst einfache Bauern, die nach 7 oder 8 Jahren die Schule verlassen haben die eigene Sprache so hinreißend gut beherrschen und einem aus dem Stehgreif Passagen von Proust, Racine oder Molière zitieren, dass Deutsche Studenten nur vor Scham erbleichen können? (die Schüler aus den Banlieus sind eine andere Sache, Integration funktioniert in Frankreich mindestens genauso schlecht wie in Deutschland, nur mit dem kleinen Unterschied, dass man sich hier an den Eliteunis als Feigenblatt gewisse „Quoten“ für Menschen mit ausländischer Herkunft leistet…den Rest schickt man – trotz Ganztagesschule – um halb zwölft heim…Migrantenkinder, Mischlinge und Pied Noires (der Begriff und die mit im verbundenen Vorurteile existieren immer noch, zumindest in den besseren/konservativeren Kreisen)…was soll man sich mit denen auch abplagen, die werden eh nichts…das ist kulturell…also quasi biologisch bedingt…aber das hatten wir ja schon…)

Ja, sie funktioniert die Deutsch-französische Freundschaft…so gut, dass es einem als Deutschem – ein paar Französischkenntnisse vorausgesetzt – inzwischen  durchaus häufiger passieren kann, dass man  ganz freundschaftlich zum Stammtisch auf einen Pastis, einen Apperetiv oder einen Kir eingeladen wird und einige ältere und sehr viele garnicht so alte Herren mit einem auf Adolf & Co anstoßen wollen, weil die dem „Pack“ gezeigt haben, wo’s lang geht…Als einigermaßen historisch sensibilisierter  Deutscher steht man dann (übrigens beileibe nicht nur in Frankreich!) beklommen da, versucht vorsichtig zu erklären, weshalb das nun keine so ganz gute Idee ist und erntet daraufhin allenfalls ein verschwörerisches: „Ich weiß ja, ihr dürft nicht so offen sagen was ihr wirklich denkt, die Juden haben Euch ziemlich unter der Fuchtel…armes Volk…“…und dann sitzt man plötzlich da, druckst sich um den Trinkspruch und trinkt notgedrungen mit…man will ja auch nicht unhöflich sein im Ausland, und mal ehrlich gesagt, wer weiß schon ob mit rechtslastigen Franzosen ebensowenig zu spaßen ist, wie mit sachsen-anhaltinisch-thüringischen Neo-Nazis…

Nein „die Franzosen“ sind nicht alle so…aber es werden mehr die so denken und die am liebsten alles „nicht-französische“ dorthin schicken möchten wo der Pfeffer wächst – jedenfalls solange es sich dabei nicht um eine französische Kolonie…ähm Überseedepartement handelt…

Genug gemosert! (…ja ich bin sehr deutsch!) Burgund und Frankreich sind schön, wenn auch nichts für den kleinen Geldbeutel. Aber war das Frankreich jemals? Haben sich nicht schon im 17. und 18. Jahrhundert unsere Vorfahren dabei ruiniert, als sie sich ihr eigenes kleines Versailles auch noch im hintersten fränkischen Kuhkaff bauen wollten?…eben!

Da sind die Kichen, die Abteien, die Schlösser und das Wissen, dass das alles einmal noch viel prächtiger gewesen sein muss, damals in den „goldenen Zeiten“ vor der Revolution…Richtig gehört „goldene Zeiten“. Genau so, wie das Misstrauen gegenüber allem Fremden zunimmt, nimmt auch die Aufgeschlossenheit gegenüber allem was mit Aufklärung, Menschenrechten, Gleichheit und Brüderlichkeit, kurz „der Revolution“ zu tun hat gerade drastisch ab (allenfalls Napoleon bleibt davon unberührt, aber der war ja auch nicht besondes „demokratisch“ gesinnt) …Nicht dass man auf dem Französischen Land je viel von den Verbrechen Robbespierres und Consorten gehalten hätte, aber das Ausmaß der Konterrevolution erstaunt dann doch. Die Rituale der Republik sind kaum mehr als ein paar leere Phrasen an den Rathäusern und mich würde es garnicht wundern, wenn sie im einen oder anderen Departement demnächst ihr allgegenwärtiges Liberté, Egalité, Fraternité durch die Bourbonenlilien oder irgendwelche Heiligenstatuen ersetzen würden oder um den Zusatz „Nur für Franzosen“ ergänzten. Barock, Pracht und ein gewisses vorrevolutionäres Savoir vivre, gepaart mit einem guten Schuß Blut-und-Boden-ruralen „mir san mir“-Pathos sind in. Kaum ein Franzose – von ein paar fehlgeleiteten Sozialarbeitern, Schülern und Studenten denen die Realität die Flausen noch nicht aus dem Kopf vertrieben hat einmal abgesehen – interessiert sich heute noch für die Ideale der Revolution oder das Schicksal unterpriviligierter Migranten. Nein, man ist wieder Katholisch (oder war es immer), die Kirchen werden jeden Tag voller, die Töne gegen alles Fremde und „Abnormale“ schärfer und der Wein und das Baguette werden nur noch dort gekauft, wo kein Marokaner hinter der Kasse oder in der Backstube steht…

Und was soll man angesichts der ununterbrochen selfies-schießenden Japaner die tatsächlich meinen Marie Antoinette sei gerade mal für eine halbe Stunde außer Haus und würde jeden Moment wieder zurück in ihr Schlafzimmer kommen, als Angehöriger des Größten Kulturvolkes Europas und damit auch der Welt auch anderes machen?

Ja, ich war auch in Versailles…schließlich war man eh grad in Frankreich…Nicht dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass es dort inzwischen genauso zugeht wie in Venedig, Florenz oder am Tadj Mahal…aber dass es so viele Menschen würden und dass sie sich wirklich so benehmen würden wie in der Tourismussatiere…Bustür auf, rennende Gruppe asiatisch aussehender Menschen zur Warteschlange, 700 Selfies bereits vor dem Schlosstor, routiniertes Durchschreiten des Metalldetektors (was das Ding wirklich suchte blieb mir schleierhaft, als „weiß und gutsituiert“ aussehende Europäer wurde man ohnehin ohne die obligatorische Taschenkontrolle an dem Ding vorbei direkt ins Schloss durchgewunken. Zivilisierte, weiße, gute Europäer werfen schließlich keine Bomben, verüben keine Säureanschläge und stechen auch keinen ab, dafür sind sie viel zu kultiviert, dass machen nur diese wilden Asiaten und natürlich die Schwarzen, oder?)

Gedränge im Spiegelsaal, weitere Selfies vor dem Paradebett, diesmal sind es die Russen, Gedränge zum Ausgang, Entspurt zum Bus, Weiterfahrt – Europa in 5 Tagen!

Mir waren 8 für Frankreich  schon viel zu kurz! Darauf einen Wein im Hermeau de la Reine oder im Trianon (ja, Picknicken ist da eigentlich auch nicht erlaubt, aber das steht da auch nur für die Ausländer! Also nicht für sie, sie sind ja zivilisiert…für die Asiaten, und Russen, und Afrikaner und Pied Noires und für diese Engländer und Amerikaner natürlich…die machen wirklich überall Picknick!)…das Latona-Becken wird gerade ohnehin renoviert und liegt in Einzelteile zerlegt in der Gegend herum – Eine Großbaustelle mitten in Versailles…ein seltsamer Crash der Ästhetik, der vorraussichtlich nur noch vom neuen „Bosquet de l’Etiole“ übertroffen werden wird, aber auch das hat seinen Reiz. Die verdurtzten Blicke der Touristen aus aller Herren Ländern, die plötzlich feststellen, dass Versailles kein Disneyland sondern ein schwerkranker Pflegefall ist, waren jedenfalls Gold wert.

Chablis oder doch etwas Roter aus Baune der Herr, oder doch einen Ratafia für Madame? Und selbstverständlich führen wir auch Champagner oder Cremant für Mademoiselle! Die weltbesten Weinanbaugebiete liegen hier so nah beienander, dass man, wenn man nicht aufpasst hinter dem nächsten Hügel in Chateauneuf du Pape herauskommt…Und ja, auch die kleineren Anbaugebiete verdienen es, dass man sie kostet…die Cote du Saint Jaques mit ihren eigentümlichen Weißweinen, die man heute wohl ganz trendy als  „Orange wine“ bezeichnen würde (dort heißen sie ganz einfach „blanc“ und kein Mensch käme auf die Idee, dass daran irgendwas trendy sein sollte, die Trauben ein paar Stunden länger als andere in der Maische zu lassen…das macht man hier schon immer so, also mindestens seit Karl dem Großen!), oder die herrlichen Roten aus Pully…nicht zu vergessen der kleine Abstecher an die Loire und nach Sancerre. Hier sind vor allem die hervorragenden Rosés und Cremants (ja die gibt es!) zu erwähnen! Aprikosen, Rosen, Jasmin, vielleicht noch etwas grüner Pfeffer und ein ganz zarter Hauch von Pistazienmarzipan…Aber nichts, absolut nichts übertrifft einen Chablis dy vieille vigne…Ich habe keine Ahnung wer die Winzer auf die Idee brachte den scharfen, manchmal sogar herben Charme des Feuersteins eines Jungen Chablis mit der lasziven Fülle eines Moscadets anzureichern, aber genau das ist das Ergebnis und es ist sensationell!

Und die anderen Königsschlösser, Blois, Chambord, Amboise? Nein bis Orleans hat es diesmal nicht gelangt,  dafür aber zur Keltenfürstin vom Mont Lassois; Fachleuten auch als „die Dame von Vix mit dem großen Kessel“ bekannt. Als Archäologen biegen sich einem die Fingernägel nach hinten, wenn man auf den dort ausgestellten historischen Photographien sieht, dass man noch in den 50er und 60er Jahren munter mit dem Pickel drauflosgrub, die Straten nach „Ausheiben“ einteilte und dann ganze Schulklassen im noch nicht restaurierten Kessel herumtanzen ließ….lassen wir das, man wusste es nicht besser damals (das zusammen mit der eigentümlichen Vorstellung von Kelten als blondgelockte Übergermanen erklärt vielleicht auch die selten gruslige „blauäugig-blonde lippenstift-Lolita“ zu der die Fürstin bei ihrer ersten Rekonstruktion in den 1950ern wurde…inzwischen weiß man es besser, Madame war eine würdige alte Matrone fortgeschrittenen Alters und keine zweite Brigit Bardot…

Die Rückfahrt durch den Elsaß und der kleine Aufenthalt in Straßburg bzw. Soufflenheim waren wie eine Rückkehr in eine andere Welt. Schon bei der Hinfahrt viel der krasse Unterschied zwischen den beiden Ufern des Rheins auf. Weniger die Sprache, es war die komplett andere Farbpalette von Häusern, Straßen und Schildern (alles in orange und braun, statt grün und grau wie in Deutschland), eine andere Art Auto zu fahren und die Allgegenwart von einfach zu bedienenden und vor allem funktionierenden Automaten (sic!) die den Unterschied zu Deutschland ausmachte.

In Strassbourg schließlich merkte man, dass der Elsass in vielem doch sehr viel „deutscher“ ist als der Rest Frankreichs…es gab Fahrradfahrer und Leihfahrräder (in ganz Frankreich hatten wir bis dahin maximal 10 Fahrradfahrer gesehen und die waren die Steigerung der ohnehin schon extrem roudyhaften Motorradfahrer, von denen auch nicht grade viel unterwegs waren), einen Marathon (sicher, den gibt’s auch sonst in Frankreich, aber nicht mit derart verbissenen Läufern), Menschen die ernsthaft Jakobspilgern – zu Fuß!,  Nordic Walking und Backpacking betrieben (Ich suche immer noch Franzosen die das machen, mir kam’s eher so vor als seien die Wanderwege im Land einzig und allein für deutsche Alpenvereinsmitglieder angelegt…Wandern…in Frankreich…pah! Zivilisierte Menschen schreiten in sündteuren Wildlederslippern durch wohlgepflegte Boskette, oder bewegen sich in Galauniform zu Pferd durch die Bois du Bologne! Allenfalls schreitet man noch würdevoll am Sonntag über den Flohmarkt oder trägt zur Abwechslung sein Baguette spazieren! (Angesichts der Ausmaße manchen Schlossparks/ Flohmarkts und der Schwierigkeit genau den Bäcker aufzutreiben, der das Baguette mit genau der Krustenhärte und in dem Bräunungsgrad bäckt, dass er persfekt zu den Brioche passt ist das durchaus eine sehr sportliche Angelegenheit!).

Und dann hatte ich in Soufflenheim eine Begegnung mit einer alten Töpferin. Sie spreche ganz gut Deutsch – nein Elsässisch, auch wenn die Französischen Lehrer nach dem Krieg alles getan hätten ums ihr und den anderen auszutreiben…böse Zeiten damals, aber die davor waren ja auch nicht besser…Seit Ludwig XIV. damals ins Land eingefallen sei hätten die Elsässer immer alles ausbaden drüfen, was sich die großen Herren und Damen ausgedacht hätten…und jedesmal habe es auch Idioten genug gegeben die begeistert mitgetan hätten, auf beiden Seiten, manchmal sogar die gleichen Personen…Und sie selbst? Sie freue sich, wenn sie mit jemand Elsässisch sprechen könnte, es sei ja ihre Muttersproch‘ aber sie rechne und träume auf Französisch.

 

Straßbourg (292) Villeneuve l'Archeveque (89) Versailles (917) Versailles (261) Tonnere (95) Straßbourg (22) Burgund Landschaft (30) Auxerre (69)Gibt es ein besseres Argument für das Zusammenwachsen Europas und den achtsamen und nachdenklichen Umgang damit, was wir sind, und wie wir es geworden sind?

 

Träum weiter von Schönheit und Tugend geliebte Prinzessin von den Hängen des Libanon,

und reite den Stier und packe ihn fest bei den Hörnern!

Lass Dich nicht zerren und ziehen sondern behalte ihn, Deinen eigenen wilden und störrischen Kopf!

Und Breite ihn aus, den sternengeflammten Mantel über all Deine so reich mit Vielfalt beschenkten Kinder,

und lasse sie ruhig von Zeus Adlerschwingen allzeit bewacht, sanftmütig vereint darunter schlafen.

 

 

 

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Von der Nachhaltigkeit des „Reißens“, oder: Warum ich manchmal einfach meine eigenen Kaisersemmel machen muss…

Manchmal gibt es Tage da „reißt’s“ einen – will heißen, man macht etwas, das man eigentlich schon immer vorhatte, zu dem der eigene Schweinehund aber nie gekommen ist.

…und manchmal ist das auch ganz gut so mit dem Schwein und dem Hund!

„Reißen“ ist unberechenbar, eine Naturgewallt, wilde, sich Bahn brechende Kreativität gepaart mit dem, was man im Schwäbischen „Gluscht“ (hdt. Gelüst(e)). Das Ganze entspricht in etwa dem „Gelüst“ von Rapunzels Mutter nach Ackersalat. Man kann es nicht begründen – will es auch nicht – es ist einfach so. Vermutlich würde jetzt irgendein neudeutscher Marketingmensch daherkommen und sagen: das ist nichts anderes als Bedarfserweckung ohne Bedarf…Richtig, nur dass mein Bedarf, also mein Gluscht nicht von Außen, sondern von Innen erzeugt wird…vielleicht sollt ich doch mal mit nem Genetiger sprechen und nachfragen, ob das, ähnlich wie das „Kerwochen- und Genialitäts-Gen“ auch etwas seit undenklichen Vorzeiten im urschwäbischen Genom vorhandenes ist?

Kurz: Reißen kann alles sein: Unmengen für eine an sich vollkommen nutzlose altjapanische Teedose auszugeben, weil nur die zum ebenfalls sündteuren japanischen Schattentee in Pulverform passt, sich trotz geplündertem Konto einen Kashmirpulli gönnen – einfach nur, weil der so herrlich himmelblau war, 20 Kilometer von einer Fete zu Fuß heimzulaufen, weil man schon immer bei Vollmond  ungestört von Mountainbikern und fröhlichen Wandervogelgruppen nachts durch den dunklen Wald stapfen wollte, oder eben sich von einem blonden Jüngelchen in Muskelshirt, das offensichtlich noch nie etwas von der zivilisatorischen Erungenschaft der Desodorantien vernommen zu haben scheint,  die allerneueste, luftgepolsterte und vollergodynamische Errungenschaft (nein es gab sie nicht mit Laser-Blinker, jedenfalls nicht in meiner Größe!) in Sachen Running Shoes hat aufschwatzen lassen – und das nur, weil man sich aufgrund aufschießender Frühlingshormone einbildet im März traditionellerweise sein gesamtes jährliches Joggingtraining absolvieren zu müssen…

Manchmal kann Reißen aber auch sehr viel „nachhaltiger“ (nachhaltig ist das neue produktiv! – habe ich mir sagen lassen ;-)) sein:

– nicht das himmelblaue Kashmirpullover, antike japanische Teedosen und Vollmondnächte im Wald unbedingt nicht nachhaltig wären, sie sind sogar ungemein produktiv und heben das „Staatswohl“ aber…bei miefenden, blondgelockten Sportwarenfachverkäufern bin ich mir da nicht so sicher…

Kurz manchmal kombinieren sich Reißen und Glück – vor allem dann, wenn es (fast) umsonst ist – das nennt sich dann Kunst.

Beim letzten „Reißen“ kam ein neonfarbener Originalnachbau eines echt japanischen Krähennestes aus Drahtkleiderbügeln namens „Fokushima 1“) heraus – fehlt nur noch der Galerist, der mir das ganze für, sagen wir mal 50.000 € abkauft…

Musik ist auch so ein „Reißen“-Ding, wie an dem Tag, an dem ich nichts anderes machte als solange alle Klappen meiner frisch bei einem großen Onlineauktionshaus erstandenen Querflöte zu maltretieren (es gibt eine Menge davon und ich halte nichts von Grifftabellen…ehrlich!), bis ich – bzw. meine Hirn-Finger-Koordination das mit der zweiten überpfiffenen Oktav auch kapiert hatte – jedenfalls theoretisch…ich brauche ein neues Mundstück, das alte ist zu ungenau/ausgepfiffen…aber wie gesagt, das hätte ich NIE herausgefunden, wenn ich nicht einen gesamten Tag nur mit blasen und Tastendrücken verbracht hätte!

Manchmal reißt’s mich aber auch nur auszuprobieren, ob ich es nicht doch hinbekomme meine heißgeliebten Kaiserbrötchen selbst zu machen – mit oder ohne Schnerpfel war dabei relativ sekundär – und ja, der öffentlich rechtliche Rundfunk unserer österreichischen Mitbrüder mit seinen k&k-patriotisch-heimeligen Dokus im Sissi-Stil ist mal wieder schuld daran!

…und mal ehrlich, für’s erste mal sind sie garnicht so schlecht geworden, oder?

 

und für alle Deli-Fans hier noch kurz das Rezept:

1 Stück Hefe

300 gr Mehl

Salz

1 Teel. Brotgewürz (da nehmt ihr einfach das, das euch am Besten schmeckt, empfehle viel Koriander, Anis und einen Hauch Zimt, zusammen mit Kreuzkümmel und einer winzigen Prise Safran 😉 )

etwas warmes Wasser (das muss man ausprobieren, normalerweise langt 1/2 Glas, der Teig sollte am Ende nicht mehr kleben, aber auch nicht fest sein…)

1 Eßl. Zucker

2-3 Eßl. Öl

etwas Mehl zum Bestäuben

 

Mehl auf einer Platte oder in einer Schüssel zu einem kleinen Haufen formen, in die Mitte ein kleines Loch formen. Hefe und Zucker in eine Tasse geben, mit etwas warmem (nicht heißem!) Wasser zu einem Brei anrühren und in das Mehlloch geben. Von Außen etwas Mehl anhäufeln und 5 Minuten stehen lassen. Mehl mit gegangener Hefe, Öl, Salz und Gewürz zu einem glatten, nicht mehr klebenden, aber nicht festen Teig formen, mit einem sauberen Leintuch zugedeckt bei Zimmertemperatur (oder etwas darüber) ca. 1 – 1 1/2 Stunden gehen lassen. Nochmals mit etwas Mehl einstäuben und sanft durchkneten bis ein sehr leichter Hefeteig entstanden ist. Danach nochmals ca. 1/4-1/2 Stunde (hängt vom Mehl, der Hefe und vom Wetter ab, Gewittrige Tage sind absolut ungeeignet, weil der Teig da „nicht gehen will“) gehen lassen.

Ofen auf ca. 180°C vorheizen (ganz mutige probieren 150°C aus, dabei muss man aber drauf achten, dass die Brötchen nicht zu sehr aufgehen).

Danach kleine, ca. handballengroße Stücke abtrennen und vorsichtig zu kleinen Kugeln formen (nicht zu fest drücken, sonst werden die Brötchen hart wie Kruppstahl!).

Die Kugeln nochmals kurz gehen lassen.

…und jetzt wird’s etwas knifflig. Man „zipft“ mit Daumen und Zeigefinger eine kleine Ecke von der Teigkugel ab, zieht sie leicht nach außen und drückt sie dann wieder in die Mitte.

Das ganze macht man so lang rundherum (idealerweise 5-7 mal) bis ein rundes „Kaiserbrötchen“ entstanden ist. Ob man dabei den letzten „Zipfel“ = „Schnerpf“ auch nach Innen drückt, oder aber ihn als Zeichen eines echten handgemachten Kaiserbrötchens außen stehen lässt ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmackssache. Mit Schnerpf werden die Brötchen röscher, weil der Schnerpf beim Backen aufgrund seiner exponierten Lage und dünneren Konsistenz besonders „resch“ wird, ohne Schnerpf ist die Gefahr das etwas anbrennt allerdings wesentlich niedriger…

Fertige Brötchen auf ein Blech mit Backpapier legen (auf genügend Abstand achten, die Brötchen „verdoppeln“ sich beim Backen – jedenfalls wenn ihr bis hier hin alles richtig gemacht habt…) und ca. 20 Minuten goldbraun ausbacken (kann je nach Form und Schnerpf (den sollte man nur bei 150°C machen, da er sonst zu leicht anbrennt) ein paar Minuten mehr oder weniger dauern.

und dann…abkühlen lassen, auch wenn der Duft frischer Brötchen zu sofortigem Hineinbeißen einläd (das macht man exakt einmal, danach kann man sich für zwei Wochen nur noch von Eistee ernähren ;-))

Es lebe der Kaiser!

 

 

Kaisersemmel

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