Weil’s grad passt und ich Feuerwerk und Elfen, die Dinge für mich erledigen seeehr gern hab…: Die WordPress 2014 blogstatistics

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 600 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 10 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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Adventskalender 2014 – 24. Türchen – Von heiligen Abenden und Gabenbescherern

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

„Fürchtet Euch nicht“ so der Engel zu den Hirten als er sie mit der Botschaft von der Geburt des Christkinds erschreckte…ja es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn da plötzlich mitten in einer Winternacht eine wildgewordene Horde Engel mit riesen Tamtam am Himmel erscheint und ein lautstarkes Haleluja anstimmt…

Aber halt, wie war denn das eigentlich nochmal mit diesem „Christkind“ und warum um alles in der Welt feiern unsere russischen Nachbarn erst am 6. oder gar 7. Januar Weihnachten? Warum gibt es bei uns immer Kartoffelsalat mit Würstchen, und warum ist das Nürnberger Christkind ein Mädchen, wo doch Jesus ziemlich klar ein Junge war?

Well, mit Weihnachten ist es ein bisschen so wie mit allen großen Dingen, sie machen viel Arbeit, viel Freude und manchmal eben wie überall wo Menschen am Werk sind auch ein bisschen Chaos.

Zuerst einmal zum Datum. Die Bibel gibt darauf keinerlei wirklichen Hinweis, selbst das Jahr ist unklar, nur der Ort ist einigermaßen sicher: irgendwo in Bethlehem, einer kleinen, eher dorfähnlichen Stadt nahe Jerusalem…Und der Stern, und dieser Kaiser Augustus, und jener Kyrenius, der Statthalter in Syrien war, und die drei Weisen (gr. magoi) aus dem Morgenland.

Nun, der Einzige aus dieser Reihe von dem wir einigermaßen sicher wissen was bzw. wer er war und wann er gelebt hat ist Gaius Octavius, uns heute meist als Kaiser Augustus bekannt, der herrschte als Kaiser zwischen 31 vor und 14 nach Christus. Sprich man kann sich nun eines dieser Jahre als das Geburtsjahr Christi heraussuchen, und da sich unser Kalender nunmal an der Geburt Christi orientiert haben wir heute irgendwas zwischen 2045 und 2000 (vielleicht kommt der Milleniumskrach also erst dieses Jahr…). Kyrenius ist den Archäologen und Historikern leider außer in der Bibel noch nirgends untergekommen, und vermutlich hatte derjenige der die Weihnachtsgeschichte aufschrieb (ein gewisser Lukas, dessen Identität so klar aber auch nicht ist) einfach vergessen wie der damalige Gouvaneur in Syrien hieß und einfach „Kyrenius“ was soviel wie Syrer (Syrenius/Cyrenius) heißt geschrieben.

Und der Stern? Komet, Supernova, Asteroid, astrologische Konstellation im Sternbild Fische…die Astronomen streiten sich seit Jahrhunderten darüber was die „Magoi“ also jene gelehrten und ein bisschen unheimlichen Männer aus dem Morgenland denn da gesehen haben – die Zahl drei ist übrigens eine spätere Erfindung, und auch dass es Könige waren ist eine nette kleine Mittelalterliche Zutat…aber sie machen sich einfach so nett im Krippenspiel, die prächtig austaffierten Orientalen samt Gefolge…

Und wie ist das nun mit diesem Christkind? Mann, Frau, Jesus, Webefigur, Nazi-Erfindung, Engel oder doch von Martin Luther, und was soll eigentlich die Sache mit diesem Weihnachtsmann, und dem Nikolaus, und warum um alles in der Welt bringt in Russland Väterchen Frost an Sylvester und in Italien eine Hexe die Geschenke und dass auch erst am Dreikönigstag?

Well, das ganze Kuddelmuddel fängt eigentlich damit an, dass wie gesagt anfangs garnicht so ganz klar war, wann und ob Weihnachten überhaupt gefeiert werden sollte. Vor allem die Jerusalemer Urgemeinde und auch einige andere ostkirchliche Gemeinschaften taten sich mit diesem Fest recht schwer und führten es erst lange nach den kleinasiatischen und lateinischen Gemeinden (damals war das alles noch mehr oder minder eine Kiche, allerdings wesentlich weniger zentralisiert als heute, im Prinzip machte die ersten paar Jahrhunderte jeder was er wollte) im 6. bzw. 7. Jahrhundert ein.

Warum in den Westkirchen (und auch in einigen Ostkirchen) ausgerechnet der 25. Dezember das Weihnachtsfest wurde, ist nicht ganz klar, hat aber vermutlich mit der Anlehnung der frühen Christen an den von den römischen Kaisern Aurelian und Heliogabal eingeführten Feiertag des „sol invictus“ (also der unbesigbaren Sonne) am 25. Dezember zu tun (dies v.a. darum, weil Christus schon sehr früh mit dem „Licht in der Finsternis“ gleichgesetzt wurde). In den Ostkirchen existierten hingegen von Beginn an andere Termine die teils bis mitten in den April reichten, teils bereits Anfang Dezember lagen.

Zusätzlich verkompliziert wurde die Lage durch die Kalenderreform Papst Gregors 1582 der aufgrund des ungenauen Julianischen Kalenders einfach 13 Tage „ausfallen“ lies. Dies machten, und machen viele der inzwischen durch ein Schißma getrennten Ostkirchen nicht mit (übrigens auch die meisten der inzwischen entstandenen Protestantischen Staaten Europas nicht), so dass deren Kalender bis weit ins 18. und in einigen Fällen sogar bis heute um 13 Tage „nachgeht). Auch hatte im Osten das Weihnachtsfest nie die Bedeutung, wie in den westlichen Kirchen. Wichtiger war hier der 6. Januar, das Fest der Epiphanie, also der Taufe Christi im Jordan (das auf das gleiche Datum das Fest der heiligen Drei Könige fällt, die ebenfalls als Gabenbringer auftreten – schließlich waren sie es, die laut Bibel dem Christkind die ersten Geschenke brachten – macht die Sache mit Weihnachten und den unterschiedlichen Gabenbringern nicht einfacher.

Wirklich kompliziert wird es dann aber, wenn noch Nikoklaus, Väterchen Frost oder die Befana als Geschenkebringer auftreten.

Traditioneller Weise war es nämlich in Westeuropa so, dass es bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nicht zu Weihnachten, sondern bereits zu Nikolaus Geschenke gab. Das ganze leitete sich von einer Passage in der Heiligenlegende des Nikolaus von Myra ab, der eines Nachts drei unschuldig aufgrund von Schulden bzw. Armut zur Prostitution gezwungenen Mädchen (einige Varianten der Legende legen auch nahe, dass es Jungen gewesen sein könnten) mit drei Kugeln Gold dieses Schicksal erspaarte, die er Nachts unbemerkt in deren Schlafzimmerfenster gleiten ließ – es ist manchmal schon seltsam wie Heilige zu Geschenkebringern werden, aber so war’s nunmal, wenn ihr mich fragt hat das Ganze trotzdem ein Gschmäckle…

Nicht nur ich, sondern auch die um 1520/30 wie die Pilze aus dem Boden schießenden Protestanten hatten mit diesem „Heligen Nikolaus“ ihre Probleme, so dass Martin Luther sich etwas anderes einfallen ließ und als neuen Geschenkebringer den „Heiligen Christ“ erfand und auch gleich das Datum der Bescherung auf den 24. festlegte damit es da auch ja keine Missverständnisse und Verwurschtelungen geben konnte…

Nun, so ganz funktioniert hat das nicht. Aus dem „Heiligen Christ“, mit dem in erster Linie der erwachsene und nicht der gerade eben geborene Jesus gemeint war, wurde nach und nach das Christkind, dem immer mehr kindliche aber auch engelhafte Züge angedichtet wurden. Der Grund dafür ist unklar, aber vermutlich sprachen die weißgekleideten Engel aus dem Krippenspielen und ein kleines, neugeborenes Kind die Menschen einfach wesentlich stärker ästhetisch und emotional an, als ein manchmal etwas cholerischer und abgehobener Zimmermansgeselle aus Nazareth.

Auch war es längst nicht so, dass nun die Katholiken brav den Nikolaus und die Protestanten das Christkind als Gabenbringer bevorzugt hätten. Die Dinge vermischten sich doch, an manchen protestantischen Orten gab es weiterhin am 6. Dezember vom Nikolaus Geschenke, an manchen katholischen kam zusätzlich das Christkind und in wieder anderen Regionen entwickelten sich noch ganz andere Gabenbräuche, die auf teils ganz andere Heilige zurückgingen (z.B. den Heiligen Martin, die Heilige Lucia oder eben auch die Heiligen Drei Könige).

Letztere hatten ihre Hochburg offenbar in Italien, denn dort wurde Weihnachten zwar am 25. Dezember mit einer festlichen Messe gefeiert, aber die Geschenke gab’s wohl erst – wie in den Ostkirchen – am 6. Januar. Nur dass die heiligen Drei Könige dort mehr und mehr (wann ist nicht ganz klar, vermutlich aber schon zu Beginn der Neuzeit) von einem kleinen Dämon oder einer Hexe namens Befana (von Epiphanias) abgelößt wurde. Diese/r hatte sich laut einer populären Sage gemeinsam mit den Hirten aufgemacht um das Christkind anzusehen, kam aber zu spät und traf so erst mit den Heiligen Drei Königen am 6. Januar ein. Anfangs ein eher zwielichtges Wesen wurde Befana ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zum Gabenbringer und darin v.a. in der Zeit des Faschismuses durch eine „Befana für Arme“ zusätzlich popularisiert.

Eine ähnliche Geschichte hat Väterchen Frost. Diese Figur stammt aus dem reichen Reich der russischen Märchen und war ursprünglich die durchaus nicht immer ganz freundliche Verkörperung des Winters. Schon zu Zeiten von Peter dem Großen verlagerte sich in Russland der Geschenkeabend vom 6. Januar auf die Silvesternacht, da Peter ausgesprochen antikirchlich eingestellt war und alternative weltliche Bräuche schaffen wollte. In wie weit dabei auch schon Väterchen Frost als Gabenbringer auftrat bleibt unklar, jedoch scheinen sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland mehr und mehr „weltliche“ Gabenbringer (wie die Verkörperung des Neuen Jahres oder Genien) durchgesetzt zu haben.

Wirklich populär wurde Väterchen Frost als Gabenbringer aber erst mit der Oktoberrevolution. Diese schaffte im Alltag der Menschen sämtliche religiösen Bezüge ab (oder versuchte dies zumindest) und propagierte stattdessen eine säkulare Weihnachtsfeier mit Väterchen Frost als Gabenbringer.

…und warum um alles in der Welt ist das Nürnberger Christkind nun ein Mädchen? Nun, das ist auch eine etwas komplizierte Geschichte. Ich habe ja schon geschrieben, dass der von Luther entworfene Gabenbringer des „Heiligen Christ“ sich recht schnell zu einem lieblichen, engelsgleichen Säugling oder zumindest Kind oder Jugendlichen entwickelte, das mehr und mehr seinen Bezug zum christlichen Hintergrund verlor und spätestens im 19. Jahrhundert ein Eigenleben jenseits der Christlichen Heilslehre zu führen begann. Entscheidend für das Nürnberger Christkind sind aber die Nationalsozialisten. Diese führten Prolog und Christkind 1933 als bewussten blondgelockt-arischen Gegenentwurf und „Marketinggag“ gegen Christliche Bezüge des Weihnachtsfestes ein.

Bis 1968 behielt das Nürnberger Christkind allerdings sein männliches Geschlecht und wurde von Schauspielern verkörpert. Erst dann kamen die Organisatoren des Nürnberger Weihnachtsmarktes auf die Idee das Christkind von einem jungen Mädchen verkörpern zu lassen – vermutlich weil sie sich hierdurch eine größere Aufmerksamkeit (man kann beim Christkind ja schlecht von Sexappeal sprechen) erwarteten.

Und was ist jetzt mit dem Weihnachtsmann? Nun der stellt eine Art Fortentwicklung des Heiligen Nikolaus dar, ist mit diesem aber nicht identisch (es ist ganz ähnlich wie beim Christkind, dass ja auch ein Eigenleben entwickelte), der sich irgendwann mit Väterchen Frost kreuzte und noch dazu in den 1920er Jahren von Coca-Cola für seien Weihnachtswerbung entdeckt wurde (die Amerikaner haben ihn allerdings nicht erfunden, wie es fälschlicherweise oft heißt.

So, jetzt war’s aber genug Kuddelmuddelentwirrung für heute. Ich wünsche Euch frohe, liebevolle, ruhige, freundliche, freudenreiche, selige und gesegnete Weihnachten und natürlich auch ganz viele Geschenke, egal wer sie nun wann bringt.

Wen’s genauer interessiert, hier wie immer noch ein paar Wiki-Links dazu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Augustus

http://de.wikipedia.org/wiki/Christkind

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Befana

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Christkindlesmarkt

PS: gerade habe ich gelesen, dass man inzwischen wohl doch weiß, wer dieser Cyrenius oder Quirinius gewesen sein könnte (Wikipedia sei dank lernt man nie aus!), es scheint den Herrn tatsächlich gegeben zu haben und er hat sogar um 6 nach Christus (passt!) in Judäa eine Volkszählung für die Steuerlisten durchgeführt (was ein Zufall!)…Wer mehr über Publius Sulpicius Quirinius wissen will:

http://de.wikipedia.org/wiki/Publius_Sulpicius_Quirinius#cite_note-7

 

 

 

Adventskalender 2014 – 23. Türchen – Der kürzeste Tag des Jahres oder warum schenken immer auch ein kleines bisschen fieß ist…

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…un po di dolce?

Kalendarisch ist es ja eigentlich der 21. Dezember, dem das fragwürdige Privileg des kürzesten Tages zukommt. Für mich ist und bleibt es aber der 23.. Eineinhalb Minuten mehr Sonnenlicht machen die Kuh schließlich auch nicht mehr fett.

Für die meisten von uns – und mit uns meine ich sämtliche Angehörige der Menschheit, die meinen, sich am 24. oder 25. Dezember auf heile Welt und Familie machen und Geschenke überreichen zu müssen – ist der Tag vor dem Tag aller Tage exakt jene kleine Vorahnung der Hölle mit dem absolut höchsten Potenzial an Beinahe- oder Realnervenzusammenbrüchen, Verkehrsunfällen, jähen Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen und abgrundtiefen Familientragödien.

Nicht nur, dass sich trotz sorgfältigster Planung immer noch irgendeine Großtante 2. Grades, eine Ehefrau, Freundin, Geliebte, Sohn, Enkel, Nichte oder Cousine findet, für den/die man in dem ganzen vorweihnachtlichen Vorbereitungschaos noch kein (un-)passendes Geschenk gefunden hat…

Nein, wie ein Irrer stürzen wir uns heldenmütig in den last-shopping-day-before-X-mas-jam. Kaum im Auto scheinen überdies auch noch sämtliche den Rest des Jahres sorgfältig gewartete Sicherungen im Oberstübchen auf einmal durchzubrennen. Und dann kommt der große Moment:

Ganz, ganz kurz vor Ladenschluss – schließlich musste das Sch…teil von Christbaum auch noch irgendwie besorgt, installiert, geschmückt und aufgrund eines vorher nicht ausgetesteten LED Leuchtkerzenbehangs (defekt) nochmals komplett ab- und aufgeschmückt werden – stürzen wir uns mit all den anderen komplett Verzweifelten, deren online-Bestellung doch nicht rechtzeitig ankam, oder die aus unerklärlichen Gründen wieder einmal vergessen haben, dass am 24.12. Weihnachten ist in ein x-beliebiges Kaufhaus und erstehen im last-Christmas befeuerten Morgen-Kinder-wird’s-was-geben-Wahn ein ebenso überteuertes, wie vollkommen unpersönliches Verlegenheitsgeschenk für eine Person, die wir das letzte mal vor 17 Jahren persönlich gesehen haben, die uns aber das letzte Jahr eine handgeschriebene Weihnachtspostkarte aus Dubai geschickt hat…Nebenbei rempeln wir noch zwei Hochschwangere, zwei nutzlos herumsitzende Bettler, einen schon leicht alkoholisierten Weihnachtsmann und zwei bis drei quängelnde Kevins, Kathleeeeeens und Jocklyns um, zerbrechen dabei den Laserpointer für Maximilian-Theodor und lassen uns zu allem überfluss auch noch den Geldbeutel samt Inhalt von einer international agierenden schwedisch-texanischen Kinderdiebesbande klauen.

In solchen Momenten kann man nur noch froh sein, dem allem lebend entkommen zu sein, und hoffen, dass die absolut überbeanspruchte Praktikantin im Kaufhaus Köppermann und Söhne 1845 AG an diesem Tag eine auch nur annähernd ansehnliche Verpackung hinbekommt, das mühsam ausgewählte Geschenk nicht aus Versehen einem der vierhundert anderen Verzweifelten überreicht, und niemand vergisst, dass Kassenzettel allenfalls auf Geschenken für Schwaben angemessen sind.

Ah, ja, da ich ja bekanntlich eine extreme Vorliebe für Fettnäpfchen und Verdrängtes habe, stellen wir sie doch mal: die heikle Frage nach dem angemessenen Wert von Geschenken – dem finanziellen, nicht dem emotionalen…

Nicht, dass man damit die gegenseitige Wertschätzung bemessen würde – na ja, irgendwie schon auch – viel entscheidender ist, dass der Schenkende dem Beschenkten mit seiner Geste im gegenseitigen Verpflichtungsschach auf vier Ebenen um einen Schritt voraus ist, oder anders ausgedrückt:

Schenken ist Macht, nicht zurückschenken eine äußerst grobe Verletzung gesellschaftlicher Konventionen und der Satz: Der Gute Wille für die Tat bzw. die selbstgestrickten Wollsocken für das 600 Euro Tablett in der Alltagspraxis des Nach-romantischen-Digital-Zeitalters mit global agierenden Internetauktionshäusern von Dinosaurierzähnen, Muranoglasschalen und selbstgehäkelte Bommelmützen nur noch sehr, sehr eingeschränkt…

Ihr glaubt das nicht?

Well, dann versucht gedanklich einmal folgendes:

Euer Onkel zweiten Grades hat Euch vor etlichen Jahren neben zwei abgetragenen Garnituren goldener Manschettenknöpfen (die von denen man immer behauptet, sie seien Familienerbstücke aus Urgroßvaters Zeiten) auch einen sündteuren Designerfüller zum Uni-Abschluss geschenkt. Ihr seid inzwischen in einer gutdotierten Position und der Großonkel befindet sich immer noch bester Gesundheit, ist aber schon jenseits der 80, hat zwei Mietshäuser zu vererben und neben Euch noch ungefär sechs weiter Großneffen und -nichten…Weihnachten steht an – was tut ihr?

a) so tun als ob es den Großonkel und seine Mietshäuser nicht gäbe

b) alles daran setzen herauszufinden was die anderen Mitbewerber um das großonkliche Erbe dem geliebten Familienmitglied dieses Jahr so schenken, und beim eigenen Geschenk ein wenig mehr oben drauf legen.

oder c)

Punkt b) beachten aber zusätzlich noch den einen oder anderen zusätzlichen Besuch mit einplanen, bei dem ihr rein zufällig erzählt, dass es im momentanen Job zwar ganz gut läuft, aber so eine Fortbildung doch mit erheblichen Kosten verbunden ist, und ihr ja überdies demnächst mit der Familienplanung beginnen wollt, damit der Familienname nicht ausstirbt…

Ich weiß, ich bin gemein, aber wir alle kennen mehr als nur eine Person, die ganz genau darüber Buch führt, wer, wem, was, wann und mit welchem Wert sie einer Person geschenkt hat und welche Gegenleistung dafür zu erwarten ist. Es soll Leute geben, die für derartige Transaktionen bereits Jahrzehnte im Vorraus den Zins und Zinseszins berechnen und auserordentlich bößartig reagieren, wenn diese Rechnung nicht aufgeht – und nein, selbstgebackene Plätzchen und handgematschte Krippenfiguren aus der Kindergartenzeit sind kein wirklicher Ersatz für sündteure Parfums, Kreuzfahrten und Diamantenohringe…und bevor ich’s vergesse, hier noch der gute alte obrschwäbische Rat an alle Heiratswilligen: Liebe vergeht, Hektar besteht, soll heißen: Emotion ist gut, Geld (viel Geld) ist besser, Betongold und sonstige Latifundien sind am besten!

Selbstlos etwas zu geben ohne etwas dafür zurückzubekommen liegt uns Menschen einfach nicht, und jeder, der anderes behauptet hat es noch nie mit einer indischen, iranischen, russischen, amerikanischen, griechischen oder eben oberschwäbischen Schwiegermutter, Schwager, Onkel oder ähnlichem zu tun bekommen…Man ist eben, was man gibt (oder eben hat und nicht gibt)…und jeder der nun glaubt, man könne das mit der einfachen Methode: Keine Geschenke und Konsumverzicht abstellen, dem wünsche ich viel Spaß bei der ihm oder ihr bevorstehenden, hochinteressanten Feldstudie:

Der Tag an dem wir beschlossen uns zu Weihnachten nichts mehr zu schenken oder: wie meine Familie zerbrach!

Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, das derartige Experimente stets und vollkommen unausweichlich damit enden, dass man nach spätestens zwei Saisonen doch wieder zum alten Geschenketeufelskreis übergeht, und sich aus lauter Verlegenheit viel mehr und teurere Geschenke schenkt, als die, die ohne diesen Humbuk notwendig gewesen wären. Nebenbei beschwört man auch noch jahrzehntelang schwelende Familien-Vendetten herauf, die zu unberechenbaren Minenfeldern aus gegenseitigen Anschuldigungen, Abrechnungen (das meine ich in diesem Fall sehr wörtlich) und jahrzehntelanger Verbitterung führen können. Ich habe Schulkameraden erlebt, die ihren Eltern noch zwanzig Jahre später mitten in der Bescherung erbittert vorgeworfen haben, dass sie damals beim Geschenkeverzicht zugunsten hungernder Kinder in ich-weiß-nicht-wo in Afrika mitgemacht haben und sie in diesem Jahr der soziale Paria waren, weil sie keinen Nintendo 84 bekamen…

Ihr habt keinen alleinstehenden Großonkel mit vererbbaren Mietshäusern, keine Eltern, die 1984 dem Nichtkonsumaufruf einer NGO folgten, und auch niemanden der Euch goldene Manschettenknöpfe, Kreuzfahrten, selbstgetrickte Socken, handgemalte Krippenfiguren und Designer-Füller zu Weihnachten schenkt oder schenken müsste? Dann preiset Gott in der Höhe, singt Haleluja, spaart Euer hartverdientes Geld und macht Urlaub in einem Land das kein Weihnachten kennt – Viel Spaß bei der Suche…ich habe schon handfeste Taliban und erzkommunistische Elitekader Giglebells summen hören…

Allen Last-Minute-Shoppern noch viel Nervenstärke auf der Jagd nach dem ultimativen Geschenk. Hockt euch zwischendurch mal zwei Minuten hin und schnappt Luft – beugt dem Herzinfarkt oder dem siebten totpeinlichen Wutanfall für den man sich nach Weihnachten hochnotpeinlich bei allen Beteiligten entschuldigen muss vor.

….und für alle Gutmenschen unter Euch, die immer noch meinen, man könne seinen Kindern ausgerechnet an Weihnachten erklären wie man durch Konsumverzicht die Welt rettet:

Möge der unversöhnliche Hass Eurer Nachkommen und von deren Nachkommen mit Euch sein – die Rechnung kommt bestimmt, und wenn sie das Christkind eines Tages im Pflegeheim in Form ausbleibender Weihnachtsbesuche abgibt…besser ihr kauft eurem 10-jährigen Ole-Leon sein heißbegehrtes Tablett, und nein, keine handgestrickten Socken, Latzhosen und pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, ihr wollt doch nicht, dass Euer Kind sich aus lauter Überkompensation zum BWLer entwickelt, oder?

Alsdenn, ein fröhliches do ut des zur Weihnachtszeit und viel Spaß beim drüber nachdenken wie ernst ihr das gerade Gelesene nehmen mögt – ich neige zu dezent ironischem Surrealismus, die Realität menschlichen Verhaltens zur Weihnachtszeit allerdings ebenfalls…

 

Adventskalender 2014 – 22. Türchen – Von Rosen und anderen Winterblumen

Dezembertosenblüte

Dezembertosenblüte

Ich bin wieder zurück in Deutschland. Im Fernsehen laufen Märchenfilme in denen dei Welt im Schnee versinkt. Doch auf meinem Flug über die Alpen gab’s allenfalls auf den höchsten Gipfeln etwas Puderzucker.

Draußen zwitschern die Vögel im Sonnenschein, im Wald treibt der erste Seidelbast Blüten. Herbstpilze stehen noch unangetastet vom Frost auf den Baumstümpfen und im Garten zeigen die letzten – oder sind es doch schon die ersten – Rosenblüten des Jahres an, dass sich Mamma Natura angesichts der Wetterkapriolen der letzten Wochen auch nicht mehr so ganz sicher ist, ob nun schon Frühling, noch Herbst oder doch Winter ist. Wie jedes Jahr wenn um diese Zeit noch kein Schnee gefallen ist und draußen die letzten Herbstblüten sich hartnäckig gegen die eigene Vergänglichkeit behaupten denke ich an das alte Weihnachtslied:

Maria durch ein Dornwald ging…

Kamen da nicht auch mitten im Winter blühende Rosen vor?

Soweit ich den zugegebenermaßen etwas sehr mystizistisch geratenen Liedtext verstanden habe, geht es darum, dass das noch im Mutterleib befindliche Christkind bereits pränatal Wunder vollbringt indem es einen verdorten Dornenwald in einen blühenden Rosenhain verwandelt. War es im späten Mittelalter wärmer als heute oder hat der Autor des Liedtextes einfach nur den Klimawandel vorhergesehen…wohl eher beides gedankliche Sackgassen.

Ich könnte nun viel über Christliche Mystik (http://de.wikipedia.org/wiki/Christliche_Mystik) und Marienverehrung (http://de.wikipedia.org/wiki/Marienverehrung) die Lauretanische Litanei (http://de.wikipedia.org/wiki/Lauretanische_Litanei) schreiben, aber die Erfahrung sagt mir, dass das außer ein paar sehr abgehobenen Nerds ohnehin niemanden interessiert.

Daher lieber der gutgemeinte Rat: Geht vor dem ganzen Stress an den Weihnachtstagen nochmal raus in den Wald oder auf die Felder, genießt die Sonne und dei Ruhe – und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr da draußen ja sogar eine blühende Winterpflaume, ein paar übriggebliebene Rosenblüten oder eine Christrose, der es nicht zu warm ist, wer will darf das dann gern auch als gutes Omen für’s bevorstehende Weihnachtsfest deuten – allen anderen wünsch ich einfach viel Spaß bei ihren Entdeckungen.

Buon Di und einen schönen 22. Dezember noch!

Adventskalender 2014 – 21. Türchen – Arrivederci Venexia!

Löwen mit Hüten

Löwen mit Hüten

Ja, auch die die schönste Zeit muss irgendwann zu Ende gehen, und da ich ja schlecht meine versammelte Verwandtschaft ohne mich (und vor allem ohne meine Geschenke) Weihnachten feiern lassen kann, heißt es nun zurück nach good old Germany!

Venedig war – nein, kein Traum – dazu war ich vermutlich schon zu oft hier, und dazu stehlen Deutsche Touristen auf Romantikurlaub hier zu oft Gondeln (http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Chronik/Deutsche-wegen-Gondel-Diebstahls-in-Venedig-angezeigt).

Die Stadt ist für mich Eher eine Art Lehrstunde in menschlicher Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Schließlich benutzt man nicht jeden Tag Boote wie einen Bus oder verleitet andere Touristen dazu einem in die definitiv uninteressantesten Sackgassen zu folgen – eines meiner Lieblingsspiele in dem ich inzwischen eine gewisse Perfektion erreicht habe – mi scusa ;-).

Außerdem: Venedig ist für einen Traum einfach viel zu anstrengend – nicht wegen all der anderen Touristen, die werden erst wieder ab März zum Problem, und auch nicht wegen der 200-300 Bilder von Tizian, Tintoretto und Co. die man sich an einem durchschnittlichen Tag „reinzieht“ (wenn man’s drauf anlegt können es aber auch ganz locker mal zwei- oder dreitausend an einem Tag sein, das muss man dann vorher etwas trainieren um noch zu wissen, wo man was gesehen hat und selbst passionierten Kunsthistorikern soll es dabei schon vorgekommen sein, dass sie am Ende nicht mehr so genau wussten ob das Bild dass sie gerade in der kleinen entzückenden Kirche am Campo ichweißnichtmehr gesehen haben nun von Palma dem Älteren oder doch von Vittore Carpaccio gewesen ist…)

Nein, dass alles ist Genuß und wenn’s einem zu blöd wird kann man einfach ein viertel Stündchen auf die umgedrehten Hochwasserstege oder eine Bank sitzen und den anderen dabei zusehen wie sie gerade ihren kulturellen Overkill bekommen – Ich frage mich jedes mal, warum so wenige Menschen hier zu Wutausbrüchen neigen, selbst Kinder scheinen sich hier von Quengelmonstern in begeisterte Kulturtouristen zu verwandeln und suchen mit einer Engelsgeduld und unglaublichem Eifer den nächsten Markuslöwen oder Gondoliere…Nein, was diese Stadt so anstrengend macht sind die Wege – die muss man nämlich, von ein paar wohl zu plandenen, da relativ teuren Bootsfahrten nämlich allesamt zu Fuß zurücklegen.

Aber wie immer gibt’s auch hier eine bzw. mehrere Möglichkeiten zu spaaren:

http://www.actv.it/imob/cos%C3%A8imob

http://www.veneziaunica.it/en/ecommerce/products/pack/venice_citypass

Im übrigen habe ich inzwischen sogar an den, von mir so gehassten Selfi-Hipstern etwas Gutes entdeckt…nicht nur, dass sie etlichen Bangladeshi (das ist die Nation unter den fliegenden Händlern, die sich eigentümlicherweise auf die neuesten technischen Spielereien spezialisiert hat), das Überleben ermöglichen indem sie ihnen die überall angebotenen Selfie Sticks abkaufen, nein, sie haben es mit ihrem permanenten und absolut nicht zu stoppenden Selbstablichtungswahn inzwischen auch fertiggebracht, dass die sonst extrem strengen italienischen Regeln in Punkto photographieren in Museen und Kirchen inzwischen komplett errodiert sind. Die Wächter, die noch vor ein, zwei Jahren jedem der es auch nur wagte ein Handy oder eine Kamera zu zücken sofort ein schrofffes „no photo“ entgegenschleuderten, und bei Nichtbeachtung durchaus auch mal das entsprechende Gerät konfiszierten, haben inzwischen einfach aufgegeben. Selbst im hochheiligen Dogenpalast oder in der Markuskirche interessiert es absolut niemanden mehr, was, wer mit seinem Tablet oder seinem Handy abkupfert…Einzig die einsam herumstehenden Verbotsschilder erinnern noch daran, dass da irgendwann mal was war…

Und sonst? viel Neues, viel Altes und die Erkenntnis, dass vermutlich ein Leben nicht aussreicht um diese Stadt und all ihre Schätze wirklich zu kennen – wo sonst stolpert man beim Blick in eine verstaubte Vitrine einfach so über die Unterschriften von Karl V., Maria Theresia, Queen Ann und Mustafa II., das Tintenfass Napoleons, Reliquien vom heiligen Judas, oder den Sonnenhut des letzten Dogen? Manche werden jetzt sagen, dass dies alles nur verstaubtes alltes Gerümpel ist…letztendlich haben sie garnicht so unrecht. Aber wenn man verstehen will, warum die Dinge so sind, wie sie nuneinmal sind, dann kommt man um dieses Gerümpel eben nicht herum. Auserdem ist das Horten und die Begeisterung über altes Glummp urmenschlich. Man(n) ist nunmal ein Jäger und Sammler, ob nun von Selfies, Symbolen, Glasvasen oder Friedensverträgen ist dabei letztendlich egal. Und für wen’s dabei etwas mehr sein darf, für den ist Venedig genau der richtige Ort – wo sonst sollten wir schließlich unsere Plastikgondeln made in China, unsere echt falschen Muranogläser (na ja, hier gibt’s schon auch echte, aber die kosten eben dreimal so viel) und unsere völlig geschmacklosen Plastik-Karnevalsmasken (es gibt auch schöne, handgemachte aber die muss man suchen…) herbekommen? Sind es denn nicht genau diese Dinge, die das Leben erst lebenswert machen? …und ebay? wie langweilig – da kann es einen noch nichtmal über die istrischen Marmorstufen bei den Löwen auf der Piazetta dei Leoni hinschmeißen!

Buone feste und vergesst nicht euren Löwen Weihnachtsmannkaputzen aufzusetzen!

Adventskalender 2014 – 20. Türchen – Von kleinen Helden und verschwundenen Schätzen

Tetrarchengruppe Venedig

Tetrarchengruppe Venedig

Ich bewundere sie, die kleinen Helden vom Vorplatz der Chiesa degli Gesuiti. Sie gleichen ein klein wenig an andere vier „Helden“: Die vier Tetrarchen – das porphyrene Abbild der 4 römischen „Kaiser“ unweit der Prunkpforte des Dogenpalastes – die dort, seitdem sie 1204 aus Konstantinopel hierher verschleppt stoisch und ohne sich von den Millionen Touristen auch nur im geringsten beeindrucken zu lassen ihren Dienst als kleine Wächter der Schatzkammer von San Marco tun.

Auch meine kleinen Helden vom Vorplatz der Jesuitenkirche – die mit den „Marmortapeten“, gleich hinter den Fondamente Nove – zeigen sich unbeeindruckt. Nicht nur, dass sie ihr lärmendes Fussbalspiel auch dann nicht unterbrechen, wenn im Winter viel zu früh die Dunkelheit hereinbricht, nein sie lassen sich auch von den vorbeieilenden Menschenmassen, die – gerade von ver Fähre nach/von Murano kommend und daher noch etwas unsicher auf den Beinen – permanent im Spielfeld herumtrampeln, nicht stören. Vielmehr betrachtet die Equipe Grundschuljungen – Mädchen dürfen nur mitspielen wenn es sich um die rabiaten Nachbarszwillinge oder die eigene Große Schwester handelt – die wandelnden Fleischberge aus Spanien, Frankreich und China als willkommene Hindernisse beim abendlichen Dribbletraining. Seltsam eigentlich, dass so wenige große Fussbalspieler aus Venedig kommen.

Da ich inzwischen gleich dem winterlichen aqua alta seit einem Guten Jahrzehnt die Stadt heimsuche, muss ich mich nicht mehr nach jedem Campanile und nach jeder hinreißend schönen Fassade recken. Es ist eher so, als würde man in all den Museen, Galerien, Kirchen und Palästen (die hier einfach nuf Ca‘ also Haus heisen), auf den Campi (Plätze) und in den Calle (Gassen), Rame (kurze Gassen, häufig auch Sackgassen), Salizade (Hauptstraßen) und Sottoportegi (niedrige Durchgänge unter den Häusern), und links und rechts der rii (Kanäle, Canal heißt hier innerhalb der Stadt nämlich nur einer, der Canal Grande), piscini (ehemalige Fischbecken, heute meist zugeschüttet) und strade (davon gibt’s eigentlich auch nur eine: die Strada Nuova in Cannareggio) alte Bekannte und Freunde besuchen und nachsehen, wie’s ihnen denn so geht.

Der eine oder andere verschwindet dabei im Laufe der Zeit – so wie die von mir immer noch schmerzlich vermissten Türgriffe der Ca’Marcello-Pindemonte zwischen Campo Santa Marina und Campo Santa Maria Formosa – Vor ein paar Jahren waren sie plötzlich verschwunden, die herrlichen Leoparden mit ihren vier gespreizten Füßen. Vermutlich von einem „Liebhaber“ gestohlen, oder verkauft, wie so vieles hier in den letzten 200 Jahren…

Manches kommt aber auch dazu, wie die Starenschreckanlage auf der Friedhofsinsel San Michele. Zartfühlenden Gemütern – wie dem lesbischen Pärchen heute auf der Fähre – jagt diese Neuanschaffung der Stadt immer noch einen riesen Schrecken ein, wenn sie in der Abenddämmerung an der berühmten Ruhestätte noch berühmterer Nicht-mehr-Zeitgenossen vorbeischippern und plötzlich kreischende, quietschende und heulende Laute vernehmen.

Ich glaube die Damen hatten für einen Moment gedacht die Toten Venedigs hätten sich erhoben und ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Dabei ist das Ganze nur dafür gedacht die Insel vor den nicht unerheblichen Mengen an Vogelkot zu bewahren, die Hunderttausende von Staren und anderen Zugvögeln, die sich nur allzu gern an diesem Idyllischen und Nachts vollkommen Ruhigen und Sicheren Ort niederlassen. Wie’s aussieht funktioniert das auch ganz gut. Trotzdem werde ich nie vergessen wie ich vor einigen Jahren im Garten der Fondatione Querini-Stampaglia an einer Hecke vorbeilief und plötzlich tausende von Staren daraus aufflogen…Hitchcocks Vögel waren ein Nichts dagegen und Ich? Ich musste mich wieder einmal verdammt zusammenreißen um bei den angstbleichen Gesichtern nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Aber auch für mich gibt es Dinge, an die ich mich vermutlich nie gewöhnen werde. Der neue Hubschrauberlandeplatz auf dem Hospital, der wie ein Ufo über der Stadt schwebt, die halbverrosteten Außenstreben der ehemaligen Gastanks daneben (sie stehen unter Denkmalschutz und dürfen deshalb nicht entfernt werden, da sie aber außer zu ihrer eigentlichen Funktion zu rein garnichts Nutze sind, rosten sie jetzt eben vor sich hin). Das mir am seltsamsten vorkommende Phänomen sind aber die vornehmlico steuropäischen und asiatischen Touristen, die den Ganzean lieben langen Tag nichts besseres zu tun haben als sich in die seltsamsten Posen zu werfen und Bilder von sich selbst, als Gruppe, als Paar oder sonstwie zu machen. Der Hintergrund ist dabei ziemlich egal. Hauptsache der eigene Quadratschädel ist irgendwie mit auf dem Bild!

Eine derartige Selbstbesessenheit hätte man früher mit einer Direkteinweisung nach San Servolo (der ehemaligen „Irreninsel“ Venedigs) bezahlt. Auch wenn das Selfie inzwischen ein globales Phänomen ist, halte ich dieses mehr als bizarre  Verhalten immer noch für eine Art übersteigerten Protest gegen die Entindividualisierung durch Überbevölkerung und repressive politische Ideologien in den Herkunftsländern der Durchführenden. Vermutlich spielt auch die Überkompensation der lange verwährten Reisefreiheit  eine gewisse Rolle…Beobachtet man die unterschiedlichen Gruppen von Selfie-Hipstern eine Weile, dann stellt man sehr schnell fest: Alle machen die gleichen „einmaligen“ Posen, stellen sich auf die gleichen einmaligen vier Felsbrocken und machen exakt das gleiche Photo der exakt gleichen Brücke, nur der jeweilige Kopf ist anders…Well, vermutlich sieht Individualität in einer Globalisierten, durchmedialisierten und durchdigitalisierten Welt eben genau so aus. Serien von immergleichen, scheinindividuellen Aufnahmen vor mehr oder minder historisch-ästhetisch durch die ewige Wiederholung des Gleichen bedeutungsgeladener Kulisse. Tragisch an der ganzen Sache ist, dass die selbstverliebten Jung-Selfisten überhaupt nicht mehr mitbekommen wo sie sich eigentlich befinden, da sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, sich selbst wahrzunehmen – Venedig, Rom, Peking, New York…nurmehr austauschbares Hintergrundrauschen…Nicht erst seit meinem Artikel über die „nur“ 356 Photos an einem Tag frage ich mich sehr ernsthaft, ob wir nicht alle Urlaub vom Digitalen Über-Ich brauchen.

Immerhin das alles ist besser als die vollkommen bescheuerten Jugendlichen, die’s auch in Venedig nicht lassen können sämtliche Hauswände mit ihren Tags und Grafittis zu verunstalten. Ob sie dabei gerade eine Antike Statue oder ein byzantinisches Relief zerstören ist ihnen offensichtlich scheißegal. Hauptsage das eigene einmalige Tag prangt auf der nächstbesten Unterlage . Well – auch dafür hätte man im alten Venedig sicherlich eine – wenn auch etwas unschöne Lösung gehabt: Erst die Hände abhacken, dann die Wunden mit Schwefel ausgießen, dann Vierteilen und dann die einzellnen Teile an den Hauptdurchgänen der Stadt an eisernen Ringen und Haken aufhängen. Man war hier nicht zimperlich in diesen Dingen, und wenn ich mich richtig erinnere, war das genau die Strafe, die bei öffentlichem Vandalismus verhängt wurde (dafür reichte auch schon wesentlich weniger, Pinkeln in der Nähe von Zisternen, Sandabbau auf den Lidi oder auch nur das unerlaubte Verlassen der Stadt, alles todeswürdige Verbrechen). Die entsprechenden Vorrichtungen zum Aufhängen der Körperteile sind an der Ponte di San Canciano, unweit der Kirche San Apostoli bis heute vorhanden und dienen den Venezianern als etwas makabere Glücksbringer. Dass sie hier alles mögliche und unmögliche zu Glücksbringern umwandeln hatte ich ja bereits geschrieben…

Ach ja, und dann bin ich noch – ganz en passon – auf eine geradezu atemberaubende Räuberpistole gestoßen. Damals als dieser gottverdammte Franzose namens Napoleon und seine noch verdammteren Schergen hier alles mitgehen ließen was nicht niet- und nagelfest war (man schätzt dass damals ca. 70-80% der venezianischen Kunstschätze geraubt wurden, eigentlich eine unvorstellbare Zahl, wenn man bedenkt wie viel heute noch da ist) haben sie eine Sache nämlich nicht bekommen: den Staatsschatz, oder besser ausgedrückt: Das Gold der venezianischen Münze. Dieses wurde kurz bevor die Franzosen raubend und plündernd in der Serenissima einfielen in ein kleines Kloster auf einer Insel „ausgelagert“ und ist seither „verschwunden“. Venezianer und Nicht-Venezianer suchen seit nun bald 220 Jahren danach, aber entweder die Finder haben sich sehr diskret angestellt, oder aber irgendwo in der Lagune befindet sich bis heute ein riesiger Schatz, den bisher niemand gefunden hat. Wundern würde mich dass nicht, stösst man doch bei Bauarbeiten hier immer wieder auf völlig unerwartete und äußerst kostbare Funde, wie Keramiken aus dem 16. Jahrhundert, versteckten Schmuck von Kurtisanen und reichen Patrizierinnen, oder einige der Ringe, welche die Dogen alljährlich dem Meer übergaben.

Kurz, es gibt noch viel zu entdecken – man muss nur aufhören sich selbst abzulichten und endlich seine Augen weg vom Display hin zur ganz realen Welt der Wunder vor der eigenen Nasenspitze wandern lassen. Dann bekommt man vielleicht auch mit, dass es in der Stadt gerade brodelt. Wieder einmal will man weg, weg von Italien, weg von der Korruption, weg von der ungeliebten Regierung und vor allem weg vom noch ungeliebteren Süden. Dass dabei alle Register der Stereotype gezogen, der Süden und seine Bewohner ganz selbstverständlich allesamt als Mafiosi diskriminiert und die eigene große Vergangenheit der Serenissima als Weltmacht beschworen wird – nun alles schon gehabt. Man wird sehen, ob dies wieder alles nur viel Emotion und heiße Luft ist, oder ob wir demnächst wirklich wieder eine Repulica di San Marco haben…

Buon di da Venexia!

 

Adventskalender 2014 – 19. Türchen – La bella figura, oder warum in Venedig verlorengeglaubte Kameras manchmal wieder im Stammcaffe auftauchen…

Ecke Dogenpalast/Marciana

Ecke Dogenpalast/Marciana

Komme gerade aus dem Dogenpalast und bin – wie immer – noch immer ganz geplättet von so viel staatstragender Pracht. Fa una bella figura! – diese Italienische Lebenseinstellung mit dem deutschen „immer eine gute Figur abgeben“ zu übersetzen wäre als würde man den edlen Kaschmir-Pullover eines Spitzendesigners mit dem selbstgestrickten Schal seiner Kleinen Nichte aus dem Handarbeitsunterricht gleichsetzen…

Nein, la bella figura, ist Lebenseinstellung, Kultur, savoire vivre. Und sie führt dazu, dass in einer Stadt in der sich jährlich um die 25 Millionen Touristen tummeln und deren centro storico (also der Teil wo die ganzen Touristen sind) aber kaum noch 60000 Einwohner zählt, die „Einheimischen“ immer noch peinlichst genau darauf achten, dass sie dem unaufmerksamen Touristen nicht etwa ins Photo dappen wenn dieser wieder einmal einen besonders interessanten Mülleimer, Blitzableiter oder Wirtshausausleger abkupfert.

Nein, hier lässt man dem Anderen auch auf einem noch so engen Hochwassersteg den Vortritt, reserviert in den Vaporetti Plätze für Schwangere und Frauen mit Kindern und rennt nicht einfach nicht ins Bild, wie saublöd der trottelige Touri sich auch possitionieren mag. Und als Autofahrer auf dem Lido verfällt man, statt zu fluchen lieber in ein geradezu englisches Freudestrahlen, wenn ein tumber Germane einem wieder einmal auf dem Fußgängerüberweg ins Auto tappt, weil der Dodel vor lauter Venedig vergessen hat, dass es auf dem Lido – Autoverkehr gibt. Das Strahlen der älteren Dame als ich mich heute nicht ganz so dumm anstellte, und ihr freundlich winkend die Vorfahrt anbot hat meinen ganzen Tag gerettet – wobei…so ganz funktioniert hatt die Sache dann doch nicht, wir waren derart mit dem Austausch gegenseitiger Freundlichkeiten beschäftigt, dass wir einen mittelprächtigen Verkehrsstau verursacht haben…aber auch das stört hier niemand solange sie gewahrt bleibt: die bella figura.

Man strahlt, winkt, nimmt notfalls einen kleinen Umweg, flucht allenfalls in sich hinein und wünscht – manchmal auch ein bisschen zu eifrig, aber meist sehr herzlich – ein frohes Weihnachtsfest. Dass auch dem besten aller Venezianer in der Augusthitze, im Karneval oder in der Hochsaison (die mehr oder minder von Ende März bis Ende Oktober geht) gelegentlich die Hutschnur reißt, wenn er vom Rialto zur Piazza Santa Maria Formosa geschlagene 4 Stunden braucht, versteht jeder der jemals den Fehler machte um diese Jahreszeit in die Lagunenstadt zu reisen von selbst – allerdings reißt sie ihm oder ihr deutlich später als jedem anderen tourismusgeplagten Menschen auf dieser Welt.

Statt Wutanfällen erlebt man hier eher kleine Wunder, wie jene denkwürdige Episode, als ich vor Jahren an der Piazetta Leoni (gleich hinter San Marco) der Länge nach aufgeschlagen bin. Ganz der dumme deutsche Trampel war ich wieder mal zu blöd gewesen, mir ordentliche bzw. venedigtaugliche Schuhe (ein Thema für sich) anzuziehen und stattdessen lieber in völlig falsch verstandener Eleganz (die hier eben immer auch praktisch sein sollte!) mit Ledersohlen über istrischen Stein schlitterte…Nicht nur, dass niemand schadenfroh lachte (ganz anders als in Deutschland) oder auch nur ein mahnendes Wort an mich richtete, nein, mindestens 5 Carabinieri, zwei Ladenbesitzer, ein Pfarrer, eine ältere Dame in Nerz und drei Ehrenwachen der Kathedrale waren binnen Sekunden darum bemüht mir gut zuzureden und mir wieder auf die Beine zu helfen. Es wurde sich fürsorglichst nach meinem Befinden erkundigt, ein Kellner eines Kafees brachte mir sogar etwas Wasser auf den Schreck und nur mit äußerster Mühe konnte ich meine versammelte Retterschar davon abhalten sofort die Ambulanza zu rufen – mir fehlte außer ein paar Schürfwunden und ein, zwei blauen Flecken wirklich nichts, aber sicher ist eben sicher. Ein kleines Bisschen vermute ich ja schon, dass bei meinen Rettern dann doch die Lust am Alltagsdrama durchkam – selbstverständlich nur aus lauter Fürsorge – sie hätten es mit ihren eigenen Kindern nicht anders gemacht, wenn diese in den Kanal gefallen wären, nur das das venezianische Kinder in aller Regel eben nicht tun – la bella figura wäre ein für alle mal dahin. Da ich aber ein tumber deutscher Fleischberg bin, der zu blöd ist sich die richtigen Schuhe anzuziehen, brachte ich es  in dem ganzen Durcheinander auch noch fertig meine Kamera auf dem Brunnenstumpf stehen zu lassen. In jeder anderen Stadt hätte ich diese vermutlich abschreiben können, bzw. hätte mich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass das ganze Rettungstheater ein geschickt getarnter Diebstahl war…nicht so in Venedig!

Nicht nur, dass nicht ein einziger Cent in meinen Hosentaschen fehlte, als ich am nächsten Tag mein Stammkaffee unweit des Campanile besuchte, wurde ich schon freudestrahlend erwartet und mit einem kleinen Paket samt Schokoladentäfelchen empfangen. Vor mir lag sie meine längst verloren geglaubte Kamera, zusammen mit einer kleinen roten Schleife und einem kleinen Ikonenanhänger der Madonna Nikopeia für’s Handy – ein dezenter Hinweis, dass meine Trotteligkeit mehr himmlischen Beistand erforderte 😉 Ich hege keinen Zweifel daran, dass sich meine Retter so lange durchfragten, bis sich jemand daran erinnerte, dass der komische Deutsche den’s kurz vor Weihnachten immer auf der Piazetta dei Leoni hinbrettert (ich hab das tatsächlich drei Jahre in Folge hinbekommen, keine Ahnung wie, aber seitdem mach ich einen Bogen um die Stufen, bzw. zieh mir endlich Schuhe mit Gummisohlen an) um diese Jahreszeit auch in den Jahren davor da gewesen war, jeden morgen seinen Café in der gleichen Bar eingenommen und ganz gewiss spätestens im nächsten Jahr wieder dort auftauchen würde…sie hätten die Kamera garantiert auch bis dahin für mich aufgehoben…

Das, und nicht die blankgewienerten Schuhe – für die die Venezianer einen angesichts der schieren Unmöglichkeit in dieser Stadt blankgebohnerte Schuhe zu haben (Salz, Wasser, Taubendreck, Staub, Ruß, Öl, offene Mülltüten etc. einen fast aberwitzigen Spleen haben –  ist die echte venezianische bella figura. Dass man dazu selbstverständlich ein edles (aber nicht unbedingt sündteures) Tweedsakko trägt in dessen Brusttasche ein Seidentaschentuch steckt (bei den Jüngeren tuns auch ein paar Jeans und ein violetter Dufflecoat) braucht man eigentlich nicht dazu sagen…

Danke cari amici, für alles!

Adventskalender 2014 – 18. Türchen – Von venezianischen Mohren, Totenköpfen und anderen Glücksbringern

Moro

Moro

In der Lobby meines Hotels ist bereits Weihnachten. Aus dem Lautsprecher tönt stille Nacht und ein hyperbunter, typisch italienischer Christbaum mit viel Glitterband und kleinen Weihnachtsmannlampen verstömt seinen septischen Chrarme.

Neben ihm steht unbeachtet ein für in Venedig geradezu obligatorisches Möbelstück: Ein Leuchter in Form eines Mohren…

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer zum ersten mal auf die Idee kam die aus Ebenholz geformte Figur eines Schwarzafrikaners mit einem Leuchter zu kombinieren. Ziemlich sicher bin ich allerdings, dass dies nur hier geschehen konnte und die Venezianer nicht erst seit Shakespeers Othello und den heute allgegenwärtigen Vucumbras (jenen mehr oder minder geduldeten und beinahe allgegenwärtigen meist aus Schwarzafrika stammenden fliegenden Händlern gefälschter Luxustaschen), ein besonderes Verhältnis zu „Mohren“ haben.

Wie keine zweite Stadt im Abendland betrieb Venedig Kontakte und Handel bis weit über das Mittelmeer hinaus ins innere Afrikas, und so finden sich selbst in den abgelegensten Gebieten des südlichen Afrikas bei archäologischen Grabungen Venezianische Glasperlen und andere Produkte der Serenissima. Venezianischer Schick war nicht nur bei Catherina di Medici oder Dürer gefragt, auch die Oberschicht Timbuktus, Sansibars oder des Monomotapa-Reiches trug gerne Schmuck nach neuester venezianischer Mode!

So verwundert es nicht, dass „ai mori“ hier anders als in anderen Europäischen Städten nicht nur gefesselt und in zerissenen Kleidern unter Denkmälern großer Herrscher oder deren Grabmählern als Allegorien überwundener „Wildheit“ das Repertoire gängiger kunsthistorischer Stereotypen bevölkern. Nein, hier sind Statuen von Mohren seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Wohnkultur, bedecken Leuchter und Konsoltische, lehnen sich an Säulen und sehen einen nicht selten von Decken und Kuppeln an. Doch geht die Verwandlung des „Mohrs“ hier noch weiter. Nicht nur, dass der eine oder andere Putto ganz offensichtlich afrikanische Züge trägt (und ich spreche hier nicht von den berühmten „schwarzen“ Christkindlein, sondern von den ganz normalen Putti unter die sich hier eben auch“ Indianer“, „Orientalen“ und „Mohren“ mischen.) Nardini und andere Juweliere haben den „Mohr“ schon vor Jahrhunderten in in reich mit Juwelen besetze kleine Broschen, Ohringe und Anhänger verwandelt.

Doch ist es wirklich nur die Nähe zum Orient, die diese seltsame Vorliebe zustandebrachte?

Jein…, offiziell wird es einem zwar kaum ein Venezianer verraten, dass die Dinge nicht ganz so „harmlos“ und unkompliziert sind. Weniger offiziell verbirgt sich hinter den kleinen, niedlichen Anhängern mit ihren schaukelnden Diamanten, Korallen und Perlen auch und vielleicht sogar hauptsächlich ein heute weitgehend totgeschwiegenes und recht dunkles Kapitel venezianisch-europäischer Geschichte:

Sklaven waren über Jahrhunderte eine der wichtigsten Einnahmequellen, nicht nur, aber eben vor allem der Serenissima.  Allerdings waren diese zumeist nicht schwarz, sondern weiß und stammten nicht aus Gebieten südlich der Sahara, sondern aus den Steppen des Schwarzmeerraums und – garnicht selten – von den jeweils gerade besiegten Inseln und Städten zwischen Adria, Aegais und Zypern.

Schwarze Sklaven hingegen waren vergleichsweise selten und meist nur zu vergleichsweise hohen Preisen über den osmanisch-ägyptischen Zwischenhandel „zu haben“. Sie stellten daher eine Art exotisches „Luxusobjekt“ (auch wenn das jetzt nicht sehr menschenfreundlich klingt, aber so sah man das damals) dar, das man sich als reicher Patrizier meist als privaten „Leibdiener“ oder, wenn dieser älter und nicht mehr ganz so „niedlich“ war, als Portier oder Gondoliere passend zu Schokolade, Papageien und Kaffee als zusätzlichen exotischen Luxus „gönnte“. Ein übrigens nicht nur in Venedig bekanntes Phänomen, nur dass es hier bereits im späten Mittelalter begann und sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt. Und ganz ehrlich: Angesichts der elenden Lebensbedingungen der meisten Vucumbras, chinesischen, indischen und bengalischen „Gastarbeiter“ in dieser Stadt frage ich mich gelegentlich, ob sich daran bis heute wirklich so sehr viel geändert hat…

Doch zurück ins Venedig der Rennaissance und des Barock. Anders als in Sachsen oder im fernen Paris, war und ist Venedig eine Stadt, in der sich die Dinge sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren können. Macht und Ruin, unermesslicher Reichtum und Bankrott, Luxus und torale Armut, das alles lag und liegt und lebt hier enger beisamen als in anderen Städten der Welt…Und so konnte man in einer Republik deren Wohlstand vor allem auf dem Seehandel beruhte sehr schnell vom gutbetuchten Sklavenhändler bzw. –halter selbst zum Sklaven werden.

Es istnicht zuletzt ein Verdienst der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und großer Melodramen wie Roots, dass das globale Gedächtnis der Menschheit sich heute vor allem an den transatlantischen Sklavenhandel der großen europäischen Kolonialmächte erinnert und diesen als zutiefst menschenverachtend brandmarkt. Seltsamerweise haben wir dabei aber völlig vergessen, dass auch weiße Europäer noch bis ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig als Sklaven auf den Märkten Afrikas und des Nahen Ostens gehandelt wurden.  Es waren vor allem algerische Korsaren die im Auftrag der „Hohen Pforte“ in Konstantinobel/Istambul (also des osmanischen Sultans) bis nach Island und auf die Krim schipperten um auf den Sklavenmärkten der Levante und des nördlichen Afrikas für „Nachschub“ an „weißer Ware“ zu sorgen. Dass dabei die Venezianische Flotte – ob militärisch oder zivil war den Korsaren relativ egal – zum Lieblingsopfer der seefahrenden Sklavenhändler aus Afrika wurde, versteht sich eigentlich von selbst. Allerdings waren die Venezianer nicht die Einzigen die unter dieser „Plage“ zu leiden hatten. In jeder besseren europäischen Hafenstadt waren Versicherungen für den etwaigen Freikauf nach erfolgter Versklavung durch afrikanische Seefahrer bis weit ins 18. Jahrhundert hinein geradezu obligatorisch.

So sollen allein in Algier bis ins frühe 19. Jahrhundert jährlich über 8.500 europäische Sklaven „gehandelt“ worden sein. Aus Tunis, Alexandria, Cassablanca, Beirut, Timbuktu, Khartum, Kairo und zahlreichen anderen Städten Nordafrikas, Kleinasiens und der Levante liegen ähnlich hohe Zahlen vor, und auch in West- und Ostafrika (hier vor allem auf Sansibar), sowie in Persien existierte ein florierender Handel mit „weißen“ Sklaven . Hinzu kam die sogenannte „Knabenlese“, eine Art wohlorganisierter und staatlich sanktionierter Kinderraub durch das osmanische Militär, dass damit vor allem, aber eben nicht nur den Bedarf an Neu-Janitscharen deckte und dessen Truppen fast jedes Jahr in die Gebiete und Städte der Terra ferma (also den Festlandbesitzungen Venedigs) einfielen. Venezianische Gesandte berichten im 16. Und 17. Jahrhundert, dass sich allein in Istambul permanent ca. 35.000 bis 40.000 „Unfreie“ aufgehalten haben sollen, davon mehr als die Hälfte Europäer. Und anders als die Venezianische Flotte, deren Besatzungen sich weitgehend aus bezahlren einheimischen Handwerkern zusammensetzte, bestand ein Großteil des osmanischen „Schiffspersonals“ aus Sklaven. Nicht selten fand sich darunter auch der eine oder andere vermisste Verwandte, oder eine Cousine – Blonde Venezianerinnen galten in den Harems des Osmanischen Reiches als besonders begehrenswert…Aber auch hier waren die Dinge nicht so einfach wie sie zunächst scheinen. Venezianische, Dalmatische und Griechische Kaufleute profitierten nicht selten vom gewaltigen Bedarf des Osmanischen Reiches an Sklaven und verkauften nicht selten die eigenen Landsleute an türkische oder afrikanische Interessenten. Ja das Geschäft mit der Ware Mensch war derart lukrativ, dass sich selbst nordeuropäische Renaissance- und Barock-Potentaten nicht selten über ihre venezianische Dependance (also meist über das Fondacco dei Tedeschi) ihrer „überzähligen“ bzw. „kriminellen“ Landeskinder entledigten und diese bequem als „Galeerensklaven“ ins osmanische Reich entsorgten. Dass der venezianische Zoll und Zwischenhandel von diesem „Geschäft“ zu profitieren wusste, ist eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der Serenissima.

Wer diese Zahlen und Praktiken kennt, den wird es nicht mehr verwundern, dass einige Historiker inzwischen sehr ernsthaft vermuten, dass im Laufe der Jahrhunderte wesentlich mehr Europäer als Sklaven nach Afrika und den Nahen und Mittleren Osten verschleppt und gehandelt wurden, als anders herum Afrikaner und Asiaten durch Europäer nach Amerika und in andere Kolonien. Und auch wenn die Sklaverei ähnlich wie in Europa und meist auf europäischen Druck hin auch im Osmanischen Reich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts  offiziell abgeschafft worden war – dauerte es bis weit ins frühe 20. Jahrhundert hinein bis die letzten Sklavenmärkte auch hier schlossen – die letzten europäischen Sklaven sollen noch kurz vor dem 1. Weltkrieg in Smyrna, dem heutigen Izmir gehandelt worden sein – on dies stimmt lässt sich aufgrund der fast völligen Zerstörung der Stadt während des griechisch-türkischen Krieges in Kleinasien 1922 nicht mehr überprüfen. Als sicher kann allerdings gelten, dass Sklaverei (wenn auch meist anders bezeichnet und nicht mehr mit europäischen Sklaven) in zahlreichen Staaten Afrikas nie vollständig ausgestorben ist und gerade in den von Islamisten heimgesuchten Gebieten Syriens, des Iraks, Somalias, Kenias und Malis die Sklaverei einen dramatische „Wiedergeburt“ erlebt.

Doch zurück ins Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier entwickelten sich die kleinen „Mohren“ zu einer Art einer Art „Talisman“. Glaubt man einer lokalen Legende, hatten die Venezianischen Seefahrer so große Angst selbst auf einer der Handelsreisen zum Sklaven zu werden, dass man sich einen kleinen „Sklaven“ in Form eines „Mohrs“ um den Hals hängten – um sich zu tarnen und  damit das Schicksal an der Nase herumzuführen. Wie vieles in der Lagunenstadt dürfte aber auch diese Legende nur ein geschickter Marketingtrick sein. Vermutlich war es ein gewiefter Juwelier (und hier, auch wenn sich die Quellen nicht ganz einig sind, vermutlich ein Mitglied der Juwelierdynastie Nardini) der sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein Beispiel an den kostbaren Ebenholz-Mohren Andrea Brustulons nahm und damit einen genialen Werbeträger erfand.

Im Übrigen wendeten – und wenden – die Venezianer den „Trick“ mit der Verwirrung des Schicksals durch kleine Figuren nicht nur gegen Sklaverei an. Wer genauer hinsieht wird in den Auslagen der Juweliere auch überall kleine, überaus kunstvoll verzierte Totenköpfe finden. Auch sie ein klassisches „Apotrophaion“ – sieht der Tod sich selbst, denkt er, man sei schon tot und verschont einen – und diesmal stimmt die Geschichte, wenn sie auch ursprünglich anders gedacht war. So sollten kleinere oder größere Totenköpfe die in ihrem Luxus schwelgende Oberschicht bereits seit dem Mittelalter daran erinnern, dass auch sie sterblich war und in den Taschen des letzten Hemdes eben nichts mitgenommen werden konnte – ein klassisches memento mori eben. Viel genutzt hat das bei den Venezianern offensichtlich nicht, sie kehrten den Spieß um, machten aus den Totenköpfen luxuriöse kleine Kunstwerke, überhäuften sie mit Juwelen und versuchten – und versuchen mit ihnen sogar den Tod zu blenden…

Sklaverei und Tot...eigentlich keine wirklichen Themata für einen Adventskalender, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ’s gelegentlich ein bisschen langweilig finde, immer nur über die schöne heile Welt zu schreiben…

Einen schönen Advent noch.

Adventskalender 2014 – 17. Türchen – Warum man leider nur 356 Photos pro Tag schafft ;-)

wer weiß es? und wo ist es?

wer kennt es? und wo ist es?

Oh Gott, es ist passiert! Ich bin in Venedig, und hab noch nichtmal die obligatorischen 7000 Photos pro Tag geschossen. Trifft mich jetzt der Schlag? Falle ich in den nächsten Kanal oder bringt mir weder der Babbo Natale noch die Befana (die das italienische Gegenstück zum Christkind, seltsamerweise eine Hexe die – mit leichter Verspätung – erst am Dreikönigstag erscheint) dieses Jahr Geschenke, oder werde ich einfach nur aus meiner Blog-Community geschmissen?

Ich fürchte schlimmstes: Die fliegenden Verkäufer der Selfie-Sticks (nein, das ist nun kein Vorschlag für den obszönsten Neologismus des Jahres 2015) schauen mich auch schon so seltsam an…irgendwie können sie nicht glauben, dass ich kein so ein Ding brauch und lieber die ganz klassische Lomo-Perspektive bevorzuge, wenn ich mich in einer Bar ablichte an deren Decke Büstenhalter aus aller Herren Länder hängen und es den absolut teuersten Spritz der Stadt gibt (na ja, vielleicht nicht ganz, das Florian toppt noch immer alles, aber jedenfalls in einem normalen Baccaro…).

Nur 356 Photos! unglaublich! Meine russische Tischnachbarin Tatjana hat bereits vor 8 Uhr morgends mehr Aufnahmen vom Frühstücksraum, den Cerealien und ihrem leicht übergewichtigen und vom gestrigen Abend noch nicht ganz ausgenüchterten Gatten gemacht. Von den beiden magersüchtigen, niedlich-nervigen Japanerpärchen fang ich jetzt garnicht erst an, die hatten schon geschätzte 300 Selfies geschossen bevor sie auch nur den Weihnachtsbaum in der Lobby passiert haben, selbstverständlich mit Selfie-Stick und ich weiß nicht was sonst noch allem an technischem Bremborium)…O tempora, o mores…na ja, ich will nicht klagen, als ich mich ganz klein und dünn machte, durfte ich sogar kurz durch die Honeymoonidylle huschen (vermutlich bin ich jetzt das Ereignis im Photoalbum und werde noch den Urenkeln gezeigt).

9:34h: Ich verlasse das Vaporetto in Höhe des Dogenpalastes. Klick, Klick, Klick…bin ich die Sehenswürdigkeit, oder ist es das Boot, oder vielleicht der kleine Hund den ich gerade fast totgetreten hätte, weil er ungefähr die Größe einer durchschnittlichen Venezianischen Hausmaus hat? Mal ehrlich, war die Welt nicht viel schöner als man sich noch mühsam in Pose warf und permanent überlegen musste welches Bild man nun aus welchem Blickwinkel und mit welcher Belichtung aufnimmt weil so ein 36er Film einfach unglaublich schnell voll ist und das Entwickeln ein Heidengeld kostet?

Was waren das nur für Zeiten, als man für ein Familienphoto geschlagene 2 Nachmittage brauchte, weil Oma Hildegard es partout nicht hinbrachte blinzelfrei zwei Minuten lang stillzustehen!

Nein ich bin wirklich kein Nostalgiker, aber manchmal frage ich mich, wer außer Google und der NSA die ganzen Urlaubsphotos noch ansehen soll? Der Virtuelle Diaabend endet ja schließlich nicht bei Bild 257 von Tante Elfriede mit dem leckeren Eis am Lidostrand (Ich hab da irgendwo noch zu herrliche Urlaubsphotos meiner anderen Großmutter, die Ende der 70er Jahre hochgradig kokett auf einem Felsen in Yougoslavien die kleine Meerjungfrau von Anderson miemt, und dass obwohl sie keine zwei Minuten zuvor beim Auf-den-Felsen Klettern in einen Seeigel gedappt ist…Disziplin und Photos sind alles!

Aber Heute?…heute fotografiert man jedes, aber wirklich auch jedes Orts- Straßen-und-Sonstwas-Schild (ich habe einen Faible für Schilder) und sogar den Blitzableider am Fondacco dei Tedeschi…Und warum das alles?

Um sich in einer Welt voller Bilder des einen besonderen Bildes zu erinnern? Um in der Flut etwas einmaliges, wundervolles und unvergessliches zu schaffen?

Wohl eher nicht…manchmal habe ich den Verdacht, dass wir alle in einer Welt aus Selfies leben und vergessen haben, wie die Welt um uns herum ohne Kameralinse aussieht. Selbst die Museen haben inzwischen kapituliert und erlauben wieder das knipsen ohne Blitz (zumindest die Ca d’Oro…bei den Kommunalen kann das noch etwas dauern…).

Drum: Wie Wär’s denn mit einer kleinen Auszeit vom Handy und der Kamera? Einfach so, ganz spontan? Icvh versprech Euch, das wird eine ganz neue Erfahrung!

Ach ja, und warum hab ich jetzt am visuell-digitalen Hotspot dieser Welt (wer in Venedig keinen freien WLAN-Point findet ist selber schuld…wir sind hier schließlich nicht in Bayern!) nur 356 Photos an einem Tag geschafft? Ganz einfach: es hat geregnet, ich war fast die ganze Zeit im Museum (und da durfte man – noch – nicht fotografieren), und als ich dann wieder rauskam war’s schon fast dunkel. Verdammte Realwelt eben 😉

PPS: Dringender Ausflugtip wenn ihr das nächste mal selbst in der Serenissima und gerade nicht mit Selfie-machen beschäftigt seid:

Nehmt das Vaporetto, steigt bei San Stae aus und geht verdammt nochmal ins Fondacco dei Turci! Ich verspreche Euch, auch wenn fast alles nur auf italienisch erklärt ist, So ein Museum habt ihr noch nie gesehen, oder wo sonst kollidiert man fast mit einem Schwan, spaziert über riesige Krokodile, sieht sich ausgestopften Gorillas, Giraffen und Elefanten gegenüber und kann, wenn man sich an der Mumie, den Missgeburten und der hinreißend schönen Wunderkammer sattgesehen hatt, Zauberlehrling spielen und per Handbewegung ganze Bilderwelten verschieben!

Wer eher auf olfaktorisches steht, dem sei die runderneuerte Ca’Mocenigo empfohlen: Neues Konzept, alte wunderschöne Räume und die Ganze Geschichte des Venezianischen Parfums! (leider kann man nicht mehr ins Bad der Contessa – na ja, man kann schon, man muss nur wie ich ganz lieb fragen, wo es denn abgeblieben ist…)

Adventskalender 2014 – 16. Türchen: Von echtem und falschem Schnee oder warum ein öffentliches Linienboot der absolut beste Ort zum Dübeln ist…

Venexia„Anche un po di dope?“
Meine deutsche Cafébekanntschaft war sich nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte. Schließlich verhört man sich gern in fremden Sprachen und der Schiffsmotor eines Vaporetto ist einer fehlerfreien Kommunikation auch nicht geradeeben zuträglich. Allerdings ließ die Szenerie, die sie mir gerade aufgeregt schilderten, relativ wenig Platz zur Interpretation:

Ein winziges Außendeck einer unbedeutenden Nebenlinie am frühen Nachmittag, die noch dazu nicht eben die übliche „Touristenroute“ durch den Canal Grande nach San Marco fährt, eine kleine Plastiktüte mit einer braun-krümeligen Substanz darin, ein etwas heruntergekommen aussehender Erwachsener mit Rastalocken und eifrige Jugendliche die sich kurz darauf vergnügt schnatternd einen Joint basteln…
Well, ich hab als Antwort nur gelächelt und Ute und Hans aus dem schönen Kiel erstmal darüber aufgelärt, dass in Venedig ganz normale Menschen leben und es hier daher auch nicht anders zuginge als im Rest der Welt.

Die Venezianische Giovanezza ist allenfalls ein bisschen tolldreister und selbstherrlicher als man es ihr zugetraut hätte. Aretino* hätte nun vermutlich gesat: Gli Veneziani soni degli divini…, aber auch das ist hier schon seit Jahrhunderten so, und anders kommt man hier auch nicht weit…Außerdem zwingt einen ja niemand mit zu rauchen ….

Well, Hans und Ute gehören offensichtlich zu den Menschen die immer noch an die Heile Welt glauben und Venedig für eine Art Blitzsauberes Disneyland halten…Ich war gemein und hab sie in den nächsten Sottoportego, um eine Ecke und nochmal um eine Ecke mitgenommen, und siehe da: Obwohl die Stadtverwaltung seit Jahren behauptet der Drogenumschlagsplatz Nahe San Stefano sei trockengelegt, habe ich doch tatsächlich ein paar frischbenuzte Spritzen gefunden. Meine beiden Kieler waren entsetzt haben mir aber dann doch zähneknirschend geglaubt, dass die Serenissima eine der größten Drogenszenen Italiens ihr eigen nennt.

Ich war dann doch noch nett und hab auf dem Rückweg gemeint, dass sie sich deswegen wirklich keine Sorgen machen müssen, als Tourist wird man sich- ohne meine tatkräftige Hilfe – nur recht selten in die wirklich schlimmen Gassen verirren, auch und vor allem, wenn sie gleich hinter dem nächsten Sottoportego liegen…Außerdem ist Venedig sicher, so sicher jedenfalls wie eine Stadt in der Welt überhaupt sein kann…hier und da ein paar Einbrüche und ziemlich viele Taschendiebstähle in der Karnevalssaison…das war’s…Morde, Vergewaltigungen und wirklich schwere Raubdelikte sind hier, anders als bei Comissario Brunetti eher selten…man kommt einfach so verdammt schlecht weg vom Tatort, wenn um einen herum ein Labyrinth mit Wassergräben liegt…Auf eine Sache sollte man allerdings achten: Die unterschriftensammelden Gutmenschen vom Rialto die einen mit allen möglichen Komplimenten gleich mehrsprachig dazu bringen wollen, dass man für die Kinder, die Umwelt, die Tiere oder eben gegen Drogen unterschreibt…Nicht nur dass diese Dodel eine weltweite Pest sind (James Bowen hat sie am Londonder Exempel in seinen „Bob“ Bänden hinlänglich beschrieben…); Nein, wenn man es wagt nicht zu unterschreiben, werden sie ausfällig, drohen einem damit einen zu bestehlen oder mit Farbe anzugreifen und rennen einem auch noch nach!

Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob diese übereifrigen Jung-Idealisten in Wirklichkeit nicht staatlich lizenzierte (oder eben unlizensierte) Kumpanen der Taschendiebe sind…Die einen lenken ab, die anderen klauen…

Zum Abschied habe ich den zwei Kielern dann noch geraten sich die Nasen und Bootsränder ihres nächsten Gondoliere lieber genauer anzusehen…Es ist ein offenes Geheimnis das Schnee in diesen Kreisen nicht nur im Winter fällt…

Ist halt ein verdammt harter Job den ganzen Tag für ein Heidengeld dumme Touristen durch die Gegend zu schippern und ihnen dabei immer wieder die gleichen neapolitanischen Schnulzen ins Ohr zu säuseln…allerdings…eigentlich singen sie kaum mehr, die Gondolieri…die Stadt und ihre Einwohner mögen es nicht (ob es ein richtiges Verbot gibt ist mir unbekannt, aber es fällt auf, dass in den letzten ein, zwei Jahren kaum mehr ein O sole mio durch die Gassen klingt) und auch die Touristen scheinen endlich kapiert zu haben, dass es ohne Schnulz einfach schöner ist…

Buon di e tante auguri….

*Pietro Aretino: Berühmter Rennaisance-Literat und Philosoph, v.a. Berühmt für seine bößartigen Spottgedichte und „Hurengespräche“.

PS: Wer die Tage mal in die Serenissima kommt, dem sei ein Besuch der Ca‘ d’Oro dringend anempfohlen. Nicht nur, dass es herrlich witzig ist, wenn einen zwanzigtausend japanische, russische und indische Touris fotografieren, weil man gerade auf einem der Balkone steht und sie einen für den Besitzer des Palazzo halten, nein, es gibt auch tollen Modeschmuck aus den ganz großen Filmen des Goldenen Zeitalters der Cine Citta zu bestaunen!