Aphorismus des Tages 12 – Pagoden und Verlorenes

Manchmal muss man nur eine kleine Chinesische Pagode emporheben um darunter schmerzlich Vermisstes zu entdecken…P1210251

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Sankt Martin – oder, weshalb ich bis heute eine gewisse Abneigung gegen Gutmenschen, Femministinnen, katholische Dickschädel und Kindergartentanten hege

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne 1 (3) Sankt Martin Laterne 1 (4) Sankt Martin Laterne 1 (5) Sankt Martin Laterne 1 (7)Ich weiß, ich bin ein Brauchfetischist, als Volkskundler ja auch irgendwie verständlich – auch wenn wir das jetzt Europäische Ethnologie nennen –  und ja, Sankt Martin bzw. sein heute stattfindender Namenstag sind für mich neben Weihnachten, Ostern, Schwörmontag, Fischerstechen und dem Sedanfeuer (ja, das feiern wir hier durchaus immer noch) eine Art Non-Plus-Ultra unter den Jahresbräuchen. Vermutlich liegt diese Vorliebe auch daran, dass heute mein Geburtstag ist, und ich mir als Kind ziemlich lange eingebildet habe, dass der Heilige Martin, samt Bettler, Laternenumzug, Schimmel, Musikkapelle und Weckmännern (dass sind kleine Männchen aus Hefeteig mit Rosinenaugen, die’s heute seltsamerweise nicht mehr gibt) einzig und allein mir zu ehren zum Abschluss meiner Kindergeburtstagsparty vor unserem Haus vorbeidefilieren würden. Als ich dann mit Hilfe einer wenig nützlichen Kindergartentante, die ich bis heute nicht ausstehen kann (sie wollte mich auch von den Vorzügen des Mittagsschlafes überzugen!) feststellen musste, dass es sich bei dem Brauch keinesfalls um meine persönliche Geburtstagsparade, sondern um die Feier des Namenstages des Ortsheiligen und Missionars der Gallier Skt. Martinus von Tours handelte (der mit der Gans) war ich wenn ich mich recht entsinne zwar kurzzeitig ein wenig verschnupft, tröstete mich aber mit em Gedanken. dass ich in ein paar Jahren ja mit den Großen hinter dem Heiligen die Fackeln tragen dürfe…
Well, daraus wurde dann nichts…und das lag nicht nur daran, dass ich Protestantisch war, ich zwar, weil’s keinen anderen Kindergarten gab,  noch im katholischen Kindergarten Skt. Mariä Lampignonkind war, aber eben kein fackelschwingender Firmling sondern Katechismusbetender Konfirmand wurde (und gute Protestanten beteiligen sich ja bei soetwas „papistischem“ wie einem Martinsumzug nicht, jedenfalls nicht bei uns, und die Katholiken hätten uns ganz sicherlich auch nicht gelassen…es waren die frühen 1990er, und die schwäbische Vorstadtidylle kannte noch keine gemischtkonfessionellen, interkulturellen oder sonstwie gender- und integrationsmaingestreamten „alle dürfen mitmachen“ Laternenumzüge)…und selbst wenn uns Erzketzer hätten mitmachen lassen…das Ganze wäre ohnehin ins Wasser gefallen, weil irgendeiner politisch linksbewegt-atheistischen Übermenschengutmutter/Femministin urplötzlich einfiel, dass die Fackeln ja doch sehr an die Machtergreifung Hitlers erinnerten und es außerdem im Interesse der Gleichberechtigung ja garnicht sein könne, dass Mädchen/Frauen weder den heiligen Martin, noch den Bettler noch die Fackelträger sein dürften, und außerdem sei das Ganze ja lediglich ein übler Priestertrug der zur konfessionellen und sozialen Stigmatisierung armer weiblicher Nichtkatholiken diene. Dass die Frau nix, aber auch gar nix von Brauchgenese/-praxis und historischer Authentizität verstand, und sich im Gegenzug der gestandene katholische Dorfpfarrer von einem „dahergelaufenen Weib“ nichts, aber auch garnichts anschaffen ließ, und dass diese Privatvendetta dann in eine Art intergalaktisches RabimmelRabammelRabumbumbum der Sterne und Lampignons ausartete, muss man hier glaub ich nicht extra dazu sagen… Jedenfalls endete der Streit dahingehend, dass am Ende in unserem Teilort garkein Martinsumzug mehr stattfand – den femministischen Gutmenschen und katholischen Dickschädeln sei Dank!
Und so steht sie jetzt eben auf unserer Küchenkommode, die Martinslaterne und harrt besserer Zeiten.

Einen schönen Martinstag noch!

ALexnikanor

Leicht verändert aus dem Archiv: In pluribus unum – 25 Jahre Mauerfall

FreudeIn pluribus unum – 25 Jahre Mauerfall

Und irgendwie war sie heute Morgen noch von der WM übriggeblieben, die eingerollte Deutsche Flagge die irgendein Familienmitglied anlässlich der Fussball-WM in diesem Sommer an den Führungsschienen unseres Küchenrollos befestigt hatte. Eigentlich gehöre ich – wie wohl die meisten Deutschen – nicht unbedingt zu den allergrößten Fans nationaler Symbole und Feiern. Als vor einigen Jahren einer meiner griechisch-australischen Interviewpartner beinahe einen Herzanfall bekam, als er sich über Demonstranten die aus Verzweiflung über die ökonomisch-politische Lage Griechenlands die dortige Nationalflagge verbrannten, echauffierte und wutentbrannt die sofortige Erschießung der „Nestbeschmutzer“ forderte , wirkte die Szene auf mich eher befremdlich, ja abstoßend. Wie konnte der – ansonsten übrigens sehr friedfertige, freundliche und gebildete – Mann über ein Stück Stoff nur so die Contenance verlieren? Eine Flagge – na und?

Als er sich wieder beruhigt hatte, habe ich ihm – so diplomatisch es die Situation zuließ – mein Befrenden dargelegt, ihm erklärt, dass eine Flagge doch nicht der Staat sei und eine Flagge doch nur ein Stück Stoff mit etwas Symbolwert, aber bei Gott doch nichts, wofür es sich zu sterben lohne oder andere umzubringen…well, ich muss dabei wohl ziemlich erschrocken ausgesehen haben und er hat mir dann erklärt, dass die griechische Fahne für ihn etwas ganz besonderes sei und er sich persönlich unendlich verletzt fühle, wenn sich jemand daran verginge…Wir haben dann noch lange über Nation, Geschichte, Stolz, Vorurteile, Hass und Krieg gesprochen…er war sich am Ende nicht mehr ganz so sicher, ob die distanzierte Einstellung der Deutschen zu ihren Nationalen Symbolen so falsch sei, ich fühlte mich im Gegenzug seltsam „heimatlos“.

Sicher, es gibt mehr als gute Gründe, weshalb wir Deutschen von allem was mit Nation, Ehre und Stolz, Kameradschaft und Gehorsam tunlichst die Finger lassen…gebranntes Kind und die Scheu vor dem Feuer- die gescheiterte 1848er-Revolution, der preußische Untertanenstaat, die gescheiterte Weimarer Republik, die unsäglichen Jahre der NS-Diktatur von 1933- 45 und der nachfolgende SED-Unrechtsstaat…die Deutsche Geschichte der letzten 200 Jahre ist nicht eben reich an erfreulichen oder gar erhebenden nationalen Ereignissen …Auf der anderen Seite Frage ich mich aber auch, ob wir bei dieser sehr speziellen Spielart der German Angst „noch  ganz normal“ sind. Auf mich jedenfalls wirkt unser fast panisches „german understatement“ oft genug wie das pathogene Symptom einer immer noch oder schon wieder diffus empfundenen „historischen Schuld“, die allzu häufig eher die Symptome einer ernsthaften National-Phobie als echt empfundener und verinnerlichter historischer Verantwortung gleicht.

Und doch, es gibt sie, die Momente, die auch in einem Deutschen so etwas wie „Nationalstolz“ wecken. Der Fall der Mauer – oder des antifaschistischen Schutzwalls, wie ihn die DDR-Propaganda in zynischer Verdrehung der Realität nannte – gehört sicherlich dazu. Bis heute ist dieser Fall, dieses Zerbröckeln, dieses Entdecken der eigenen Souveränität durch die Bevölkerung der DDR für mich ein Ereignis, auf das ich ebenso mit Freude, wie auch mit ungläubigen Staunen zurückblicke. Und bis heute gleicht vieles, was damals in den Novembertagen des Jahres 1989 passierte eher einem verwaschenen Traum als einem wirklichen historischen Ereignis. Was ich damals aber gelernt habe ist, dass Dinge, die man gestern noch für gegeben und unveränderlich hielt morgen ganz anders sein können, wenn man nur will. Der Fall der Mauer war vor allem eins: Die Revolution der Ostdeutschen gegen die eigene Furcht, das Sich-Einrichten im Unterträglichen, und die Entdeckung der eigenen Macht.

Es war im Jahr 2011 als ich anlässlich einer Tagung des „International Comitee of Ethnographic Museums“ (ICME) mit einer aus allen Kontinenten bunt zusammengewürfelten Truppe von Ethnologen, Volkskundlern und Folkloristen vor den erhaltenen Sperranlagen des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens in Mödlareuth stand. Im Gegensatz zu unseren aus der Ferne angereisten Gäste, die wissbegierig den Sperrstreifen in Richtung Grenzzaun und Wachtürme überquerten, zögerte ich gemeinsam mit meinen Deutschen Kollegen kurz. Wir schauten uns an, und wussten, dass jeder von uns ein mulmiges Gefühl im Magen hatte. An diesem Ort war sie plötzlich wieder da, die Erinnerung an Trennung, Diktatur und menschliches Leid. Aber da waren auch noch andere Gefühle:

Zuerst einmal Freude. Freude, dass es das alles außer „im Museum“ nicht mehr gab. Freude, dass es – außer ein paar regionalen Frotzeleien und Eigentümlichkeiten – keinen Unterschied mehr machte ob man aus „Ost-„ oder „West-„ kam. Freude, dass man ohne Angst die ehemalige Grenze überqueren konnte. Freude „frei“ und auch ein bisschen „geeint“ zu sein.

Gleichzeitig war da aber auch etwas Trauer.

Trauer um die DDR? Ostalgie? Ewiggestriges Wehmutsgejammer?

Nein, ich komme aus dem Westen, habe noch seit der Grundschule gelernt, das „der Russe“ , „Der Kommunismus“ und ganz besonders „die DDR“ der Feind und das Böse schlechthin sind und ich war auch niemals Jungpionier…

Und nein, meine Trauer beruhte auf einer ganz anderen, wesentlich weniger ideologisch aufgeladenen Erfahrung.

Damals, in der seltsamen Zeit zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung, genauergesagt im März 1990, hatte mich mein Vater kurzentschlossen in seinen Geschäftswagen gehieft und war mit mir zu einer 14-tägigen Entdeckungstour in die damals noch „real existierende“ DDR gefahren. Ich weiß nicht mehr, ob es kurz vor, oder nach der ersten und letzten freien „Volkskammerwahl“ war, als wir ankamen. Ich weiß auch nicht mehr, ob wir als wir losfuhren überhaupt einen Plan hatten, wo wir am Ende landen würden (ich denke eher nicht, und angesichts der im Zeitalter von Google & Co. kaum mehr vorstellbaren Schwierigkeit  auch nur einigermaßen genaue Straßenkarten der DDR zu bekommen, vermute ich, dass es auch garkeinen geben konnte) . Alles was ich noch weiß ist, dass einige Wochen zuvor in unserem Ort im tiefsten Baden-Württemberg plötzlich seltsame Autos auftauchten (sie waren himmelblau oder cremefarben und hießen Trabbis) aus denen Menschen stiegen (Ost-Erzgebirgler), die man kaum verstand und die auch selbst die allergrößten Probleme hatten uns zu verstehen (erzgebirgisches Sächsisch und Alb-Schwäbisch sind nicht eben optimalkompatibel, wenn es darum geht eine durchgehende Kommunikations sicherzustellen!).

Ach ja, und da war dann noch diese mir mehr oder minder aufgezwungene „Brieffreundschaft“  mit der Enkelin eines ehemaligen „Waffenkammeradens“ meines Großvaters in Zwickau nebst zugehörigem Briefmarkenalbum (auch nicht meine Idee). Briefmarken waren eine der ganz wenigen Dinge aus der DDR, die im Westen geschätzt wurden…na ja, damals wussten wir noch nicht, dass ein Gutteil unserer beim Quelle-Versand erworbenen Sachen von Häftlingen in DDR-Gefängnissen produziert worden war…Jedenfalls endete diese sehr spezielle Deutsch-Deutsche Freundschaft pünktlich mit dem Fall der Mauer. Wir Westler waren für unsere Ost-Freunde plötzlich nicht mehr als Lieferanten von Neylonstrümpfen, Jeans, Plattenalben und Bohnenkaffee interessant und mir ging die ganze Sache eh seit langem auf die Nerven. Dass die Sache etwas komplizierter war und meine Großeltern nicht ganz unschuldig an der „Bedienungsmentalität“ ihrer Ost-Bekannten waren, wurde mir erst später klar. Immerhin waren sie seit den späten 1960er Jahren regelmäßig mit einem neuen Auto und einer kompletten Ausstattung aus Ozelot- und Persianermänteln, einem halben Dutzend Abendkleidern und mindestens ebensovielen Anzügen, sowie nahezu dem gesamten Familienschmuck im schönen Zwickau eingefallen und hatten dort ein wahres Schaulaufen veranstaltet. Mir ist es bis heute ein absolutes Rätsel, weshalb sie derartig „kostümiert“ überhaupt in die DDR einreisen durften. Offensichtlich passten die beiden so gut in das propagandistische „Feindschema“ zutiefst dekadenter BRD-Bürger, dass die DDR-Behörden jedes mal beschlossen haben, sie mitsamt ihren drei Schrankkoffern auf ihre Bevölkerung loszulassen.

Kurz, vor der „Entdeckungstour“ mit meinem Vater war die DDR für mich das Land in das man mit schweren Pelzmänteln, die man sonst nur zu Beerdigungen und höchsten kirchlichen Feiertagen trug fuhr und mit dem man der seltsamen Brieffreundschaften mit wildfremden Leuten, denen man jedes Ostern und Weihnachten Fresspakete mit netten Briefen schreiben musste, nur weil der Vater meines Vaters vor undenklich langer Zeit mit dem Großvater meiner verordneten Brieffreundin bei Stalingrad gekämpft und zwei Granatsplitter abbekommen hatte (sein Glück) unterhielt.  Trotzdem war ich ungemein gespannt was sich da jenseits der „Mauer“ befand.

Ja, die Mauer, auch so eine Sache die ich meinen kleinen Cousins und Großcousinen heute nicht mehr erklären kann, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, dass Menschen zu etwas derart idiotischem fähig sein könnten (recht haben sie!). Wie ich oben angedeutet habe war das Problem an der Mauer ja nicht nur, dass es sich um ein reales Bauwerk handelte, sondern, dass sie auch in den Köpfen der Menschen existierte (und bei manchen heute noch existiert).

Wenn ich ehrlich bin, waren ich und mein Vater in unserer kleinen Wohlstandswelt der westdeutschen Vorstadtsiedlung 1990 trotz aller Begeisterung darüber was da in der „Ostzone“ passierte, wahrscheinlich die einzigen, die ernsthaft auf die Idee kamen, die (ehemalige) DDR könne ein Ort sein, den es sich anzusehen lohne. Mallorca, Ägypten, Italien…klar, aber Rügen, Dresden und Berlin…für die meisten waren diese Orte damals gleichbedeutend mit einer giftverseuchten Müllkippe und/oder einem stalinistischen Gulag….Und ja, auch auf der anderen Seite der „Mauer“ sah und sieht die Sache bis heute nicht anders aus, auch wenn die Vorurteile etwas anders sind (man denke nur an die ostberliner Bezirksregierungen, für die alles Böse (inklusive der oberbösen Gentrifizierung) immer noch aus dem Westen kommt…).

Ich hingegen freute und freue mich noch immer auf unbekannte Landschaften, neue Menschen, und ein „anderes“ Land das ich noch nicht kannte und bis heute nicht in seiner Gänze kennengelernt habe.

Die damals ja noch real existierende innerdeutsche Grenze nahm ich seltsamerweise garnicht bewusst wahr…vermutlich hatten die Grenzposten auch hier wie überall anders seit dem Mauerfall resigniert. Was ich allerdings sehr wohl wahrnahm waren die anderen Farben, die anderen Materialien, der andere Geruch…ja wirklich, die DDR hatte einen ganz eigenen, heute verschwundenen Geruch. Rauh, etwas verkohlt und ohne künstliche Aromastoffe…irgendwie wie Kernseife und angebrannte Milch. Wirklich gewundert habe ich mich darüber aber nicht, ich kannte das alles aus unserem gerade ein dreiviertel Jahr zurückliegenden Ungarnurlaub, auch wenn dort noch eine Note Gulasch, Fogos und Schweineschmalz dazukam (damals hatte ich nicht so ganz verstanden, warum unsere aus Karl-Marx-Stadt kommenden Nachbarn plötzlich verschwunden waren. Mein Bruder und ich waren vollauf damit beschäftigt hunderte von Forint-Münzen in „Czoklat Palaczintas“ und anderen Süßkram umzusetzen (damals habe ich meine Vorliebe für Mohnnudeln und Gundel-Palaczintas entdeckt!). Laut meinen Eltern konnten wir danach perfekt ungarisch fluchen und bestellen…

Doch zurück zu unserer „Entdeckungstour“ in den Osten! Die bröckelnde aber durchaus noch existente DDR war ein seltsamer Ort, der wirkte, als habe man eine Zeitreise an einen von einem grauen Schleier überzogenes „Nicht-mehr-Ort“ unternommen. Alles schien sich aufzulösen, selbst die Straßenschilder schienen an einigen Orten nicht mehr ganz so fest in ihren Verankerungen zu stehen, wie sie es eigentlich sollten. Auf der anderen Seite gab es hier und da schon ganz reale Versuche in eine „Neue Welt“ aufzubrechen, auch wenn damals noch niemand so genau wusste, was dieses „Neue“ eigentlich sein sollte…die D-Mark? Zwei Staaten in einem? Ein besseres Deutschland, dass das beste aus beiden Systemen in sich vereinte? Oder doch nur eine möglichst getreue und schnelle Kopie der BRD?

Im März 1990 war das alles noch nicht klar, alles schien möglich und nichts war „fertig“. Das alte galt nicht mehr und das Neue war noch nicht zu sehen…Zumindest bildeten wir uns das damals ein. Das dann alles anders kam, dass die DDR einfach stillschweigend abgewickelt und dabei die Leistungen aber auch der Schrecken dieses Staates von heute auf Morgen unter den Teppich gekehrt wurden…Dass es plötzlich „Besserwessis“ und „Jammerossis“ gab…all das war damals nur zu erahnen…

Vielleicht musste ja wirklich alles so kommen, vielleicht war das alles wirklich „alternativlos“…aber ich bin von Natur aus kein Mensch, der an „Alternativlosigkeiten“ glaubt.

Damals haben wir einfach nur gestaunt…Da passierte etwas was wir in unserer kleinen westdeutschen Vorstadtwelt nicht verstanden. Da nahmen Menschen plötzlich ihr Schicksal selber in die Hand und sie taten es durchaus mit Erfolg…wenn auch anders als „wir“. Da waren z.B. die Mitarbeiter des Seerestaurants Perle, die sich plötzlich der Aufgabe gegenübersahen selbstständig und ohne dass sie das jemals gelernt hätten ein Restaurant zu führen…und sie zauberten aus dem wenigen was da war ein Vesper…sicher, das mit der Preisberechnung haben wir ihnen dann erklärt, aber es lief „Auf gleicher Augenhöhe“ und wir haben dabei mindestens genauso viel gelernt, wie sie.

Da waren die Löcher in der Berliner Mauer und die Souvenirhändler die plötzlich an allen Ecken Berlins bunte Brocken dieses einst so gefürchteten Bauwerks feilboten. Da war der noch immer bedrohlich wirkende Todesstreifen (er war damals noch nicht unter schicken Neubauten verschwunden), da war aber vor allem das unglaubliche Gefühl einfach so durch das weit geöffnete Brandenburger Tor oder über die Glienicker Brücke spazieren zu können, als sei dies nie anders gewesen.

Da war auch das alte Ehepaar, das einfach ein Schild mit der Aufschrift „Pension“ in seinen Garten gestellt hatte und uns als ihre ersten Gäste empfing. Sie hatten einfach ihr eigenes Schlafzimmer leergeräumt (dabei aber die Hälfte an Unterwäsche, Briefen und anderem „Privaten“ Krimskrams vergessen). Man war hier kein Gast, sondern hatte eher das Gefühl bei Oma und Opa einquartiert worden zu sein und dieses heute leider verschwundene Gefühl es war einfach herrlich. Nie wieder habe ich in einer Pension, ja selbst in einem fünf Sterne Hotel ein derart oppulentes Frühstück bekommen (es wären locker 20 Personen davon satt geworden). Sie stellten einfach alles auf den Wohnzimmertisch was sie hatten. Als der Alte Herr dann bei unserer Abreise 7 Mark 38 verlangte und mein Vater ihn daraufhin lächelnd fragte, wie viel er denn für unseren Aufenthalt ausgegeben hätte, antwortete er, dass er es nicht so genau wisse, weil ja das meiste selbstgemacht gewesen sei, aber aber so um die 20 Mark werden es schon gewesen sein…

Es ist genau dieses „Nicht in ökonomischen Kategorien“ – Denken, diese bedingungslose Offenheit, diese Herzlichlichkeit und liebenswerte „Naivität“, Freude und Neugier der Menschen aufeinander, die mir heute in den Deutsch-Deutschen Beziehungen fehlt und die in mir in Mödlareuth ein Gefühl der Traurigkeit aufsteigen haben lassen.

Als ich dann 2011 am Grenzzaun in Mödlareuth stand dachte ich auch an diejenigen, die es nicht geschafft haben, die an dieser Grenze zerbrochen sind, oder von ihr gebrochen wurden. Ich dachte aber auch an all diejenigen, deren Welt und deren Sicherheiten auf einmal zusammenbrach (östlich und westlich der Grenze!). Ich dachte an die Eltern die ihre Kinder zurückließen, weil sie glaubten es sei ihre letzte Chance in den Westen zu kommen (ich weiß zumindest von einem Fall aus dem Bekanntenkreis, der sich nicht als DDR-Propaganda abtun lässt). Ich dachte aber auch an die „Einheitsprofiteure“ die nichts eiligeres zu tun hatten als den „Besserwessi“ heraushängen zu lassen und den nichtsahnenden DDR-Bürgern mit buntem Nippes und fragwürdigen Versicherungsvergträgen das Geld aus der Tasche zogen. Ich dachte daran, wie demütigend es gewesen sein muss, festzustellen, dass die Eigenen Erspaarnisse nur bis zu einer gewissen Summe „gleichwertig“ waren, welche Verunsicherung bei den Menschen die lebenslange Arbeitsplatzgarantien gewohnt waren eingesetzt haben muss, als sie plötzlich arbeitslos wurden, und auch daran, wie die anfängliche Begeisterung im Westen bereits nach wenigen Wochen in eiskalte Ablehnung und ein Gefühl der Überlegenheit umschlug. Trotzdem blieben Freude und das Staunen darüber, dass wir Deutschen es irgendwie geschafft haben unsere neue Einheit zu leben, auch und gerade weil alles anders gekommen ist, als wir uns das damals vielleicht erträumt haben. Und es war das Bewusstsein, dass die Einheit ein Geschenk war, dass plötzlich ganz neue Welten öffnete: Die Kreidefelsen auf Rügen, die ruhigen Seen der Müritz, die weiten Felder der Mark Brandenburg auf der im Frühjahr Kraniche tanzen, die Schlösser und Gärten in Potsdam, die quirlige Vielfalt Berlins, die verwunschenen Kanäle des Spreewalds, die Altstädte von Quedlinburg und Erfurt und die wiedererwachende Pracht Dresdens.

Es war aber auch die gleiche „Tour de Raison“ auf welcher es eine altgediente Museumsdirektorin aus dem Erzgebirge vertig brachte zwei mal an Bautzen vorbei zu fahren und den Gästen aus der gesamten Welt in bekannter SED Manier etwas von heiler Welt und wunderschönder Landschaft vorzuschwafeln, während das gelbe Elend – einer der schlimmsten Stasi-Gefängnisse – an uns vorbei zog. Spätestens bei der Rückfahrt riss uns „Wessis“ dabei der Geduldsfaden und wir haben dann doch mal dezent nachgefragt ob die „wunderschöne Altstadt“ und die „herrliche Erzgebirgische Schnitzkunst“ denn alles sei was Bautzen ausmache…Zugegeben, etwas Besser-Wessihaft, aber genausowenig wie es stimmt, dass im Westen alles besser war/ist stimmt es, dass die DDR ein irdisches Paradies war…Realitäten sind manchmal schmerzhaft.

Vielleicht sollten wir uns am heutigen Tag – trotz aller Freude über die erste gelungene Deutsche Revolution – deshalb fragen, ob wirklich alles so „alternativlos“ und „gut“ war, wie es uns die Jubelreden von einem Volk in blühenden Landschaften damals weißmachen wollten. Wir sollten uns daran erinnern, dass vieles von dem, was heute ganz selbstverständlich gesamtdeutsche Realität und „Markenzeichen“ ist (z.B. die Ganztagesschulen und Kindergärten, das 12 jährige Gymnasium, die Selbstverständlichkeit der Berufstätigkeit von Frauen, das Sand und die Ampel-Männchen) aus der ehemaligen DDR kommt. Wir sollten diesen Tag nutzen um uns daran zu erinnern, dass Freiheit und das Recht auf eine eigene Meinung, eigene Lebensentwürfe, Hoffnungen und Träume eben nicht „selbstverständlich ist“. Wir sollten uns daran erinnern, dass es einmal zwei Deutsche Staaten mit ganz unteschiedlichen „Lebenswelten“ gab und uns darum bemühen diese bis heute fortwirkenden Unterschiede nicht als etwas Schlechtes, sondern als Bereicherung zu sehen. Und wir sollten uns fragen, ob unser eigenes Denken in „Gut“ und „Böse“ so ganz richtig kallibriert ist und wir nicht die gleichen Scheuklappen tragen wie unser gescholtenes Gegenüber.

Nein, ich mutiere jetzt nicht zum Verfechter des Sozialistischen Arbeiter- und Bauernidylls…dazu weiß ich von meinen vielen, vielen Bekannten aus „dem Osten“ viel zu genau, dass dieser Staat auch seine menschenverachtenden, klaustrophobischen und grauenvollen Seiten hatte…aber es gab eben auch eine andere Seite, die nicht nur verklärte Erinnerung ist…Geld war nicht alles und Leistung gab es zwar, aber sie war kein Abgott…ob das alles ganz freiwillig war, ob die Menschen es einfach nicht besser wussten, ob vieles nicht doch eher Illusion und Wunschtraum als Realität war, das mag jeder für sich selbst entscheiden. Aber man hat zumindest versucht eine Alternative zur Lehre des reinen Wettbewerbs und des unbegrenzten Wachstums zu leben…das das nicht funktionierte, dass Ideologie wichtiger war als das Wohl des Individuums, dass der Preis dieses Traums die Unfreiheit und Diktatur waren…auch das ist ein Teil dessen, was ich empfinde, wenn ich heute an die ehemalige DDR und den Fall der Mauer zurückdenke …es ist ein Lachen mit Tränen, ein Staunen, dem das Grauen innewohnt, eine Freude die nicht vergisst…

Einen schönes 25. Mauerfalljubiläum noch!

PS: Ich habe auch heute die Fahne mal ausgerollt…immerhin haben wir sie und wann, wenn nicht am heutigen Gedenktag sollte man eine Nationalflagge aushängen? Wirklich gut oder gar stolz gefühlt habe ich mich dabei nicht…warum auch? Mal sehen, was unsere Nachbarn morgen dazu meinen…(vermutlich ist die letzte Überlegung das, was Deutschland und die Deutschen wirklich im Innersten zusammenhält, mehr als jede Flagge, mehr als jedes Symbol…zumindest im wohlhabenden Vorstadtidyll ;-))