24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!

Advertisements

23. Türchen: Weihnachten und anderee Naturgewalten

neige

Stress, Unlust, Überdruss.

Die letzten Tage vor dem Fest der Feste könnte man für die meisten von uns vermutlich aus dem Kalender streichen.

Könnte, denn was wäre Weihnachten ohne den vorwurfsvollen Blick von Frau, wenn Mann wieder einmal einen zu großen, kleinen, schiefen oder zu geraden Baum mitgebracht hätte? Was wäre das Fest der Liebe ohne die bange Frage ob das lieblos ausgewählte Geschenk, die Chancen auf das Erbe von Onkel Theodor wirklich verbessert. Und was würden wir in der staden Zeit bloß ohne all die Parfümpröbchen, Spendenaufrufe und moralinsauren Sonntagspredigten tun?

Was, wenn es über die Weihnachtszeit ausnahmsweise keinen Streit gäbe, was wenn wir uns nicht verpflichtet fühlten, uns pünklich zum 24. Dezember mit ebenso ungeliebten wie nervigen Personen zu umgeben und Menschen Fröhliche Feiertage und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr zu wünschen, die wir allenfalls aus Berechnung, nicht aber aus echtem Interesse unserer Aufmerksamkeit für würdig erachten?

Was, wenn wir wirklich einmal die alljährliche Drohung wahrmachenn und Weihnachten tatsächlich ausfallen ließen?

Wäre es wirklich so schlimm, allein und ohne Weihnachtsbaum bei einem guten Gläschen Wein und etwas Seranoschinken vor der Glotze zu sitzen und die Welt und ihrem infantilen Weihnachtsrausch den Rücken zuzukehren?

Vermutlich würde es uns nicht gelingen. Wir hätten ein spätestens gegen fünf Uhr einschlechtes Gewissen, würden uns unwohl fühlen unruhig wie ein Panter hin und herlaufen und irgendwann würden uns zwei Dutzend Kinderchöre davon überzeugt, dass irgendetwas ganz und garnicht stimmt.

Ich habe in meinem Leben genug  traurige Gestalten mit feuchten Augen am mit Plastikchristbäumen geschmückten Kneipentresen eines x-beliebigen Tropenmotels sitzen sehen um die Unentrinnbarkeit des Weihnachtsfestes zu leugnen. Endfünfziger, die sich nach Scheidung und Nachlassen der eigenen Potenz spätestens Ende November nach Puket oder Koh Samui flüchten und sich nicht vor Mitte Januar in die Gefilde des Weihnachtsmannes zurücktrauen, aus Angst vielleicht doch feststellen zu müssen, dass es wichtigeres gibt als Sex, Drugs and Rockn`Roll (ganz abgesehen davon, dass nur wenige zum Rockstar geboren sind…bei allen anderen wirkt’s verzweifelt…sorry…)

Weihnachten kann man nicht entfliehen. Es ist im Zeitalter der Globalisierung zu einer Naturgewalt mutiert, die uns bis in die funkelnden Hochhausschluchten von Hong Kong, den Dschungel von Brasilien und ins Südseekönigreich Tonga verfolgt.

Vielleicht besinnen wir uns ja eines Tages wirklich wieder darauf, dass es bei Weihnachten ursprünglich weder um Familie, Glühwein, Kommerz, Liebe, Harmonie oder sonst irgendeinen süßlichen Werbezuckerguss ging. Es ist natürlich  schön, wenn’s mit den ganzen stereotypen Vorstellungen von weißen Tannenspitzen, Eiszapfen, Weihanachtsliedern und trauter Idylle trotzdem klappt, wenn nicht…sei`s drumm…Weihnachten findet auch so statt, für jeden und ganz egal ob er nun darauf Bock hat, oder nicht. Und das ist sehr gut so!

22. Türchen: Elchblutglögg, los alemanes loco und Fußballer im Flanellanzug

Sportschuh in Flanell

Kennt ihr das auch…man(n) sitzt völlig unschuldig vor dem Computer, transkribiert irgendein Interview zum vierten mal, weil man(n) bei der Aufnahme blöderweise vergessen hat, den Barista zu bitten keine Espresso Macchiato Bohnen frischzumahlen; Und urplötzlich öffnet zwischen biographischer Methode und objektiver Hermeneutik das Programmkino für assoziative Subgedanken…

Ich weiß, dass ist jetzt wieder eines dieser seltsam geisteswissenschaftlichen Luxusprobleme, mit dem sich Otto-Normalverbraucher nicht identifizieren kann…

Oder doch?

Fußballer in langen Winterunterhosen sehen für mich  immer ein bisschen wie Vater Ingalls im Flanellpyjama.

Ich transkribiere weiter durch Kaffeschaum und brechende Bohnen. Durch den Flur dringt penetranter Duft von Autonadelbäumen und in der zugehörigen Parfumabteilung fühlt man sich als gäb’s etwas umsonst. Die Bäume haben keine Blätter mehr, trotzdem wird’s wohl nichts mit weißer Weihnacht. Warmfronteinbruch – ein Wort wie im Kalten Krieg!

Und überhaupt und sowieso…wenn man sich gerade nich auf einer Super-Zombie-Apokalypse-Weltuntergangsparty herumtreibt, nähert sich die allseits beliebte Zeit der Jahresrückblicke, Glühweinpartys und Firmenweihnachtsfeiern ihrem Höhepunkt. Selbst die Uni veranstaltet einen Foto-Wettbewerb zum Thema „Weihnacht“ und verteilt Gewinnkarten für die’s – selbstredend nur gegen Vorlage des Studentenausweises –   Wichtelgeschenke to go im Dekanat gibt.

PS: für alle die, die’s vielleicht doch gemerkt haben: Ich benutze heute absichtlich das grammatikalisch korrekte Neutrum und nicht die vorgeblich genderneutrale Innen-Variante. Außerdem finde ich Partizipialkonstrukte immer noch anrüchig.

Zwei Denkgedangenschleifen weiter:

Zurück und vor zur vielwohlreichgeliebten Deutsche Sprache! (Es lebe das Grimm-Jubiläumsjahr!)

Im Kamingespräch der studienbegleitenden Glühweintutorengruppe des Elite-Zukünftige-Facharbeitermangelbekämpfungsprogramm des IHK Bezirkes Ostoberfranken-Nordbayern teilte mir vorletzte Woche eine junge Spanieren namens Maria-Anna voller Entrüstung mit, Deutsch sei so unglaublich kompliziert – Die ungewollte Doppeldeutigkeit der frohen Botschaft ist dem Kulturwissenschaftler in mir selbstredend nicht entgangen. Maria Anna meinte vermutlich Dinge wie Phonetik, Syntax und Grammatik, kurz: die Sprache, nicht das Sein! Ob beides aber miteinander nicht doch in kausal-semantischem Zusammenhang steht…keine Ahnung, aber wir haben zwanzig Bücher darüber in der Teilbibliothek 4!

Immer würden „die Deutschen“ irgendetwas an-, ab- oder dazuhängen, zusammen- und umstellen, permanent die Artikel wechseln und überhaupt sei alles viel zu überreglementiert und exakt – Also doch das Sein…

Im Spanischen gäb’s oft nur ein oder zwei Wörter für eine Sache und die würden vollkommen ausreichen, weil sich aus dem Kontext eh erschließen würde, was gemeint sei, alles sei viel einfacher, logischer und entspannter, aber hier…Los alemanes loco bräuchten ein ganzes Lexikon an Hilfswörtern und Vorsilben um etwas so simples wie den Weg zur nächsten Apotheke auszudrücken!

…Durch, herum, vorbei, hinunter, hinüber und gleich drüben…sie hätte eine ganze Stunde gebraucht um wieder zurück nach Hause zufinden und dann erst mal alle angeblich richtungsweisenden Ausdrücke in ihrem Wörterbuch nachzuschlagen!

und überhaupt uns sowieso sei „nachzuschlagen“ ja auch so ein typisch unlogisches und völlig überflüssiges deutsches Wort! Entweder man sucht in einem Buch nach einem Wort oder man schlägt es zu, aber beides zusammen, das können wirklich nur los alemanes!

Die junge Spanierin motzt weiter, Schweißperlen treten ihr auf die Stirn. Der Wut-Fandango geht weiter und steigert sich zu einem furiosen Stakato aus Bewegung und Wort…

…Die Suche nach der Apotheke als Paradigma innerer Zerissenheit: Ein einfaches zwei mal links und bei der Kirche rechts hättens doch auch getan. Warum, warum nur müsst ihr alemanes alles immer nur so unendlich kompliziert und unverständlich machen! Ist es das Wetter, die angeborene Griesgrämigkeit oder einfach nur die Lust an perversem Sprachsadismus?

Ich klinke mich innerlich aus dem Gwespräch, vermute still die arme Maria-Anna hatte es schlichtweg mit einem jener besonders hilfreichen Gutmenschen-Wesen zu tun, welche sich, wie es hier nunmal kulturell einkodiert scheint, in Anwesenheit fremdländisch dreinredender und -aussehender Wesen besonders deutlich und exakt ausdrücken wollten…wirklich sicher ob sie nicht doch an eine Gruppe oberbayerischer Touris geraten ist, die sich selbst nicht auskannten, das aber selbstredend in ihren Lederhosen und Haferelschuhen nicht zugeben wollten, bin ich mir aber nicht…

Arme Maria-Anna…wie soll man ihr jetzt erklären, dass Lederhosen zwar durchaus auch von Oberfranken bei Sandkerwa und Annaberg getragen werden, sie aber trotzdem vorsichtig sein muss, alle Menschen mit Lederhosen für einheimische Bamberger zu halten. Und was wird sie erst von Nietzsche, Schleiermacher oder Luhmann halten?

…Jedenfalls werde sie nicht in Deutschland bleiben…Es daure Jahre bis man sich auch nur halbwegs verständigen könne (sie hatte 7 Jahre Deutsch an der Schule und einen Kurs am Goethe-Institut, aber gebracht habe das allexs rein garnix!) und dann gebe es ja noch diese Dialekte und den „Nieselregen“…FÜRCHTERLICH!

Ich staune über das exakte Deutsch Maria-Annas, denke an Huntington und meine kläglich gescheiterten Versuche Ungarisch zu lernen…bis auf ein paar Essensvokabeln und liebevoll ausgewählte Flüche (Dank an meinen sehr darum bemühten Reitlehrer!) ist herzlich wenig hängen geblieben. Ich fühle Mitleid. Sprache kann frustrierend sein…Wetter auch. Leider bekommt das Maria-Anna nicht mehr mit…

Im Fernsehn läuft die dritte Staffel des Jahresrückblicks auf’s Special Prommi Dinner. Auch das bekannte südostschwedische Möbellager hat auf Elchblutglögg umgestellt. Die Krähenschwärme ziehen nordwärts, es wird wärmer. Ob das Christkind wohl mitsamt seinem Schlitten im Matsch steckengeblieben ist?

21. Türchen: Vom Weltuntergang

Untergang 2

Und hoch die Tassen, hoch damit!

Zum Wohl! Und Prosit Untergang!

Noch ein Event im Jahreslauf,

Tourismusboom in Yukatan.

Full awesome man!

Der Körper bibbert schauderhaft,

Und noch ein Glas!

Wir strampeln, hanteln gegen Fett,

und auf und ab der Gummiball,

und sehen lustvoll den Tzunami,

ein Happening zum Fitnesscocktail.

Apokalyptische Visionen in 3-D,

Totalimpakt, Mega-Vulkan, globale Hungersnot.

Vom Blut berauschte Mayadeuter,

und Bio-Rohkost-Allveganer,

Sinnlos gelebt verwirrte Alptraumschatten.

Fünf Almhüttencheesburger,

und zwei Studentenfutter mit Rosinen später:

Duett aus Mouse aux chocolat und Tzatzikicrème,

Der Untergang des Abendlands,

cheerio!

20. Türchen: Bereite Dich Zion…

Weihnachtscloud

Ich stehe auf dem Grünen Markt, vor mir Rauchbierglühwein und ein altertümliches Griebenschmalzbrot. Schüler ziehen lärmend an mir vorbei. Es ist Weihnachts-Sale-Zeit.

Aus einem abgestellten Sprinter dringt Musik: Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil. Nicht unbedingt die übliche Lieferanten-Mucke…Ich höre hin, denke an Kinderchöre und mit riesigen Weihnachtsbäumen geschmückte Kirchenräume. Dann erkenne ich eine Arie:

Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen
Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!

Ein seltsamer Text, den viele nicht verstehen und der, wenn sie denn ehrlich sind, bei den meisten alles andere als weihnachtliche Assoziationen weckt. Zärtliche Triebe, geschminkte Wangen, Sehnsucht, der Liebste den es zu empfangen gilt…das Ganze klingt wirklich eher nach verunglückten Rosamunde-Pilcher-Roman als nach einem Text, der auf die bevorstehende Geburt Christi hinweisen soll.

Ich weiß nicht mehr ob es einer meiner (inzwischen garnicht mehr so kleinen) Cousins oder eine der Großtanten war, die vor einigen Jahren beim Hören einer Pop-Version dieser Arie entgeistert den Sender wechselten und meinten die Texte der Weihnachtslieder würden auch immer seltsamer.

Auch ich wusste lange nicht, was mit jener seltsamen Zion die sich mit zärtlichen Trieben auf ein Stelldichein mit ihrem Bräutigam vorbereiten soll so genau gemeint war.

Erst in einer Weihnachtsnacht 1997 wurde mir klar, was das Lied bedeuten sollte.

Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht im Jerusalemer Suk ein paar Weihnachtsgeschenke und den Weihnachtsbraten abzuholen. Schließlich fand ich im armenischen Viertel einige hübsch bemalte Tonschüsselchen. Der Braten war eine heiklere Sache. Kamel, und wie sich später herausstellte das perfekte Fleisch für schwäbischen Rahmsauerbraten!

Nachdem wir in der Küche 60 Semmelknödel und riesige Berge von Spätzle, Gemüse und Kartoffelbrei produziert hatten, schmückten wir einen Wacholderbusch. Niemand störte, dass er genauso zerzaust aussah wie wir.

Irgendwann saßen wir glücklich, satt und leicht ermüdet im Refektorium und ließen uns nach der Mitternachtsmesse ein paar selbstgebackene Weihnachtsbrötchen und frischen Kaffee schmecken. Es war herrlich!

Ich weiß nicht mehr wer mir dann sagte, dass ich, wenn ich wollte, einer halben Stunde mit zur Geburtsgrotte nach Betlehem aufbrechen könnte. Man würde hinabwandern um dort den Rest der Heiligen Nacht zu verbringen. Eine alte Tradition des Collegs.

Ich dachte nicht lange nach, holte meinen Mantel, packte Schal und Handschuhe und trat mit etlichen anderen hinaus in die Nacht. Es war ruhig, vom Toten Meer blies ein leichter Wind und wir marschierten los. Drei Stunden später erreichten wir das winzige „Tor“ der Geburtskirche. Keine Grenzkontrollen, keine Soldaten, keine protestierenden Palästinenser, nur ein kurzes Lächeln…es war fast ein kleines Weihnachtswunder.

Wir gingen durch den verwahrlost wirkenden Kirchenraum. Auf dem Boden lag Staub, und die Farbe blätterte von den Wänden. Das berühmte Mosaik mit der Darstellung der heiligen Drei Könige war trotz Neonbeleuchtung unter einer dicken Schmutzschicht nur undeutlich zu erkennen. Man musste glauben, dass es immer noch dort war.

Vor dem Altar führten eine schmale Treppe in die Tiefe. Unten angekommen empfing uns der auf- und absteigende Gesang einer äthiopischen Nonne. Der Ort glich in nichts dem, was man sich bei uns unter Krippe und Stall vorstellt. Eine niedrige, dunkle Grotte, vielleicht 12 Meter lang und 4 Meter breit. Der nackte Fels war nur notdürftig mit abgewetzten Brokatvorhängen verdeckt. Auch hier hatte niemand die rissigen Fließen aus fleckigem Marmor gewischt. Der gleiche, feine Staub, der uns auch draußen durch die Felder begleitet hatte.

Es dauerte, bis ich neben dem Eingang einen kleinen Marmortisch entdeckte auf dem eine goldgefasste Ikone etwas windschief abgestellt worden war. Ich ging hin, und sah darauf genau den Ort abgebildet, an dem ich mich befand. Eine kleine Grotte mit einigen Tieren, darüber einige erschreckte Hirten die nach oben blickten. Die Frau und den verschämt in einer Ecke stehenden Mann sah ich kaum, auch die Krippe mit dem Kind war so klein, dass sie kaum auffiel.

Genauso war es mit dem kleinen silbernen Stern der unter dem Tischchen in einer Nische in den Boden eingelassen war. Um ein Haar wäre ich auf die Stelle getreten und es brauchte denn auch einen Hinweis meiner Begleiter, dass sich genau unter mir die Stelle befand, an der Jesus geboren war.

Irgendwann erschienen einige Franziskaner-Nonnen, beteten und sangen…

Oh Du fröhliche…

Ich war angekommen.

Erst als wir im ersten Morgenlicht des Weihnachtsmorgens aus dem engen Einlass der Kirche hinausgetreten waren wurde mir klar, dass ich genau das gemacht hatte, was in der seltsamen Bacharie beschrieben ist. Wir hatten freudig den Weihnachtstag vorbereitet, waren durch die Nacht vom Berg Zion hinab nach Bethlehem gelaufen und hatten hier die Ankunft des „Bräutigams“ gefeiert.

Heute steht zwischen Jerusalem und Bethlehem eine 12 Meter hohe Mauer aus Beton. In den Straßen der „kleinsten unter den Städten Juda“ kann man kleine Krippen aus Olivenholz kaufen, auch sie durch eine Reihe klobiger Holzklötze geteilt. Die Krippe mit dem Kind auf der einen, die Hirten und die heiligen Drei Könige auf der andern. In der Krippe man kann die Olivenholzklötze herausnehmen, wenn man es nicht mehr aushält…Mit der echten Mauer geht das leider nicht so einfach.

19. Türchen: Bamberger Unterwelten

Bamberger Unterwelten

In meinem Lieblingsdrogeriediscounter liegen seit kurzem rosa Vibratoren,

Am Nachbartisch gefühlte 15 GrundschullehramtskanditatInnen, die sich,

bei Veggie-Pizza und Rabarbersaft über Vor- und Nachteile der Prostitution unterhalten;

Auf die Idee, dass Frau auch Freier ist kommen sie nicht…

es lebe die gute alte Alice und die neue selbst-befreite Doing-Gender-Generation!

Die Goethestuben in der Siechengasse sind nicht mehr…wo ankern nun die altgedienten  See-Fregatten (Selbstbezeichnung!)?

– und wo der krause Seebär fortgeschritt’nen Alters auf der nicht mehr ganz so großen Fahrt?

Ehehygiene Sex 2000 und das Bordell im äußren Löwengraben?

Touristeneinwegcafé, leck’re Sojamilchlatte, Sahnehimbeerschnitte – grundmutiert;

Oder doch Luxus-StudentInnenwohnheim, 12,5 m² für BWLer-Junkeys jetzt zum Schnäppchenpreis?

Am Gabelmann stehn Glühweinbuden statt der Zupferschlampen.

Und unterm Cicerone steht ne Inschrift für den beitritts-gewillten Jung-Soldaten.

Mein Dönerfachverkäufer fragt, ob ich vielleicht auch Zuhälter sei,

der Fuchspelzkragen…sorry Mate, nur Doktorand.

Das sei ja sowas ähnliches…schmunzelnd ich, liegt Mehmet Fatih wirklich so total und völlig überhaupt komplett daneben?

Von weitem leuchtet mir ein roter Stern, Weihnachten – dort – in Kramersfeld.

Der Hammer hält und aus dem karmesingefärbten Tore tritt ein – sehr junger, und sehr glücklilcher – GI.

29.99 € Christmas-special-rate for lonley soldiers!

Am Bahnhof kichernd-glühweintrunken Jungs. Der Plastikdildo dort im Fachgeschäft war größer!

Sind wir tatsächlich ach so liberal und aufgeklärt, wie wir es alle ach so gerne hätten?

Oder ist’s nur reine Metaphysik, wenn Lichteneiches Dalila und Mischa fragen, wie’s denn mal mit ner schnellen Nummer wär?

Ich lächle, gehe weiter, ärgre mich über versperrte Wege, Kein Winterdienst!

Am Weg nach oben rudumfeuerneuvergoldet lächelt mir Immaculata auch.

18. Türchen: Fitnessmaultaschen und Bio-Ahornsirup

Weihnachtskugeln

Neulich im Supermarkt:

Ich bin auf der Suche nach ganz normalem Räucherschinken, falls möglich in kochfreundliche Würfel vorgeschnitten. Aus dem Lautsprecher ertönt das für die Jahreszeit übliche Kauderwelsch aus Ginglebells und Last Christmas. Nummer 17 bitte in die Getränkeabteilung!

Vor dem Kühlregal sehe ich mich Horden buntbedruckter Packungen gegenüber. Fertig-Currywurst, Käseaufschnitt und Pizzateig. Es gibt Walnusssalami, luftgetrockneten italienischen Qualitätsschinken, eine mit einem magersüchtigen Kind bedruckte Antipastiplatte, Griechischen Ziegenjoghurt und Bio-Ahornsirup aus Kanada.

Ich suche weiter, überlege ob sich mit italienischem Crudo wohl Schupfnudeln kochen lassen. Etwas dekadent vielleicht…Die Schweinepaté mit Pistazien und Preiselbeeraspik sieht gut aus, ich lege sie vorsichtig neben die Topinambur und den normannischen Camembert. Den guten alten Schwarzwaldschweinebauch habe ich immer noch nicht gefunden. Irgendwann gebe ich auf. Offensichtlich sind meine Geschmacksnerven zu bodenständig für das Gourmet-Angebot meines Stammdiscounters. Heute Mittag gibt es Fitnessmaultaschen mit Thai-Koriander, Parmesan und blanchierten Champignonköpfen produced in Israel!

Merry X-mas!

17. Türchen: Zwischen Himmel und Hölle…

Feuer

(Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Berlin 1963, S. 114.)

Von den niedrigen Dächern des Weihnachtsmarktes tropft Schmelzwasser. Es duftet nach Räucherkerzen, Glühwein und Bratwürsten. Die goldenen Locken des Löwenbrunnens glitzern im Licht unzähliger LED-Lampen und vor einem großen Schaufenster mit überdimmensionalen Kuscheltieren stehen Kinder mit offenen Mündern und großen Kulleraugen.

So oder so ähnlich hätte es auch an jenem schicksalsschweren 17. Dezember 1944 gewesen sein können. Hätte…denn es war Krieg. Seit Jahren hatte es auf dem Münsterplatz keinen richtigen Weihnachtsmarkt mehr gegeben. Die Nahrungsmittel waren längst rationiert und an eine neue Puppe, Lebkuchen oder auch nur einen einzigen, echten Zimtstern zum Fest war für die Meisten nichteinmal zu denken.

Es war erst einige Monate her als eine gespenstische Prozession mit der Leiche des zum „Helden“ erklärten Feldmarschalls Rommels durch die mit Hakenkreuzen geschmückten Gassen der alten Reichsstadt gezogen war. Der Führer hatte sich persönlich in einem Kondolenztelegramm bei der Witwe für den heroischen Opfertod ihres Gatten bedankt. Sie wusste es besser. Auch die Hinrichtung der Geschwister Scholl, die ausgezehrten Kolonnen der Zwangsarbeiter, das „Verschwinden“ der Juden und anderer „missliebiger Presonen“ oder das KZ am oberen Kuhberg waren in der alten Stadt nicht unbemerkt geblieben.

Trotzdem – oder gerade deshalb – glaubten viele was tagtäglich aus Volksempfängern, Zeitungen und Kinowochenschauen auf sie niederprasselte. Man faselte von Wunderwaffen, hängte Hakenkreuze am angeblich urgermanischen „Julbaum“ auf, deckte den Tisch mit dem günstig neuerworbenen Silberbesteck und schönen Echtdamastservietten der ehemaligen Nachbarn, reckte den rechten Arm tagtäglich brav zum Gruß und träumte nicht nur Nachts vom Endsieg und dem kleinen Glück.

Sie glaubten was man ihnen zu glauben vorgab…nicht alle…aber doch zu viele. Was blieb ihnen denn auch viel anderes übrig? Nicht alle sind zum Helden auserkoren, leider…oder sollten man nicht besser sagen: Gott sei Dank?

Menschen die Worte wie „Held“, „Mut“, „Ehre“, „Pflicht“, „Moral“ und „Vaterland“ benutzen, führen nur äußerst selten Gutes im Schilde. Der Sprung ist klein vom vorgeblich Nutzlosen zum Unerwünschten und zum Lebensunwerten. Als alter und auch neuer Reichsstädter weiß man das nur allzu gut.

Krieg tut man nicht! Auch keinen Massenmord, egal ob nun direkt oder bequem am Schreibtischstuhl. Schaden macht manchmal eben doch noch klug, dumm nur, dass meist erst dann, wenn er passiert und sich auch noch beim allerbesten Willen nichts mehr kitten lässt.

Der 3. Advent. Ein ruhiger nebliger Sonntag. Man spaziert mittags trotz des Nebels über die alte Stadtmauer zur Donau hinab. Schaut ob es in den immer spärlicher werdenden Auslagen vielleicht doch noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk für die Lieben geben könnte und bereitet sich, so gut es in diesen Zeiten eben geht auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor.

Dann bricht die Hölle los. Sirenen heulten, die Menschen fliehen in den Schutzraum, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen in die Keller.  Die ersten „Christbäume“ fallen leise knisternd zum Himmel, dann folgen Luftminen.

Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie es einst war. Fast 700 Menschen waren tot. Die stolze, alte Stadt, welcher all die Jahrhunderte nichts angetan hatten, es gab sie nicht mehr. Häuser, Kirchen, Museen, Fabriken, Mühlen, Klöster, Geschäfte, die Hauptpost und der Bahnhof…alles nur noch ein Haufen rauchender, unförmiger Trümmer! Nur das Münster und ein paar zahnlose Reste der einst auf Postkarten in die ganze Welt geschickten Altstadt  hatten die Nacht überlebt.

Von der großen Mühle an der Blau zogen stinkende, schwarze Schwaden durch das ausgebrannte Deutschhaus. An der nächsten Straßenecke, dass was von Menschen übrig bleibt.

Ein wenig weiter steigt aus den Trümmern am Weinhof eine unverheiratete Dame. Die Legende – oder war es die Erinnerung meines längst verstorbenen Buchhändlers – berichtete später es sei die Letzte aus einer langen Reihe reicher, vornehmer Patrizier gewesen. Echte Pfeffersäcke und zäh und halsstarrig bis zum geht nicht mehr! Nachdem die Dame sich mit ärgerlicher Geste Staub vom geretteten Pelzmantel gewischt hatte, musterte sie die sie umgebenden SA-Männer, Hitlerhungen und BDM-Mädels mit einem Blick in dem alle Verachtung die sich in den vielen, vielen Stunden des 1000-Jährigen Reiches in ihr angesammelt hatten lag. Blockwarte die nie ihren Russeau, Montesqieu, Nietzsche oder Schiller gelesen hatten, Möchtegern-Wichtigs mit Dreck unter den Fingernägeln und mensch- wie tierverachtende Bauerntölpel in schwarzen Reitstiefeln, die gute Marbacher nicht von einem Ackergaul zu unterscheiden wussten und nicht einmal davor zurückschreckten Schwangere an Laternenpfosten aufzuhängen. Sie hatte genug gesehen und gehört!

Die schon nicht mehr ganz junge Dame atmete tief ein, sah sich ein letztes Mal mit kühlen Augen um und sprach mit eisigkalter Stimme all das aus, was  an diesem verdammten Montag-Morgen (fast) alle dachten:

Hättet ihr damals nicht unseren Rabiner in den Brunnen getunkt bis er beinah heh (tot) war, dann hättet ihr Euer Ulm noch!“

Sollten sie sie doch auch erschießen, wie den französischen Fremdarbeiter in Albeck. Es lohnte sich nicht mehr in einer Welt zu leben, in der solche Menschen das Sagen hatte. Alles, wofür sie und ihre Vorfahren einst gelebt, gestritten und geliebt hatten war in dieser einen Nacht verschwunden.

Doch niemand wagte es, sie anzusprechen oder aufzuhalten. Irgendwann nahm sie verwundert ihren Spazierstock, grüßte mit einem Lächeln den auf seiner angeknacksten Brunnensäule stehenden Christophorus und ging. Noch in den 1970ern soll sie hochbetagt in einer alten Bäckerei gesehen worden sein, wo sie, wie ihre Vorfahren es seit 500 Jahren getan hatten, an jedem einzelnen Donnerstag ihren „Doschdigswegga“ (s. Kommentar) kaufte. Eine kleine, zerbrechliche alte Frau mit weißen Haaren, einem Spazierstock und einer immer noch rasiermesserschaften „Schwertgôsch“.

Gruppen schwarz gewandeter Menschen nähern sich dem geöffneten Münsterportal.  Manche von ihnen, vor allem die älteren haben Tränen in den Augen. Andere halten brennende Kerzen in den Händen. Sie scheinen zu frieren. Für einen kurzen Moment schweigen die vorweihnachtlichen Posaunen, die Lautsprecher auf dem Weihnachtsmarkt sind leiser geschaltet, an den Glühweinständen wird es ruhiger.

Glocken beginnen zu läuten. Die Menschen bleiben stehen, schauen zum Münsterturm empor und wundern sich.

Für die meisten Ulmer und erst recht für ihre Besucher aus aller Welt ist der 17. Dezember heute ein ganz normaler Adventstag. Nur wenige erinnern sich, dass an diesem Tag ihre Stadt beinahe untergegangen wäre.

Die Glocken verstummen. Vom Rand des Platzes erschallt das berühmte Porzellanglockenspiel. Die Glühweinstände schenken wieder aus. 124.000 Menschen aus über 100 Nationen leben heute in der Stadt. Fast 2 1/2 mal so viele wie damals. Die Doschdigsweggá gibt es nicht mehr. Mit ihnen sind auch die weltbesten Springerle verschwunden (wenn es sie doch noch irgendwo gibt, habe ich sie noch nicht wiedergefunden). Dafür gibt es einen französischen Weinmarkt, ein türkisches Theater, die Neue Mitte und einen italienischen Kreuzweg zu Ostern.

Die Stadt ein bunter Phönix aus der Asche und in Weihnachtsfestbeleuchtung.

16. Türchen: Seelennahrung…

Griesflammeri
mit
Zwetschgen

Es gibt Gerichte, deren Namen einem bereits ein glückseeliges Lächeln auf die Lippen zaubert. Sie sind unmittelbar mit dem verlorenen Land der Kindheit verbunden, erinnern an das karrierte Muster der  großelterlichen Kücheneckbank, die Lourdesmadonna auf dem altersschwachen Röhrenradio und den unverwechselbaren Geruch nach Pfefferkuchen und Kernseife.

Meine Großmutter schien stets ganz genau zu wissen, wann sie einen dieser wundervoll warmen und sättigenden Seelentröster auftischen musste, und wann‘s auch ein einfaches Gsältsbrôd (Marmeladenstulle) oder Apfel tat.

Griesflammeri mit  eingelegtem Zwetschgenkompott gehört für mich bis heute zu jenen Gerichten, die ich mir nach einer viel zu vollen Arbeitswoche als Sonntagsnachtisch gönne. Die Kombination aus dem weichen, süßen und sahnigen Griesflammeri und der caramelartigen Säure eingelegten Zwetschgen ist schlichtweg perfekt. Und das beste daran: Es ist billig, besteht aus Zutaten die ohnehin im Küchenschrank stehen (na ja, wenigstens wenn man mit einem Zwetschgenbaum gesegnet ist…) und ist unglaublich schnell zubereitet! Eine Speise, die die Welt zu einem besseren, glücklicheren Ort macht!

Griesflammeri mit Zwetschgen:

200 g Gries (ob Weich- oder Hartweizen ist eigentlich egal)
1 Stich (ca. 50 g) Butter
2 Eier
¾ l Milch
100 g Zucker
1 Glas (500 ml) eingelegte Zwetschgen
Zimt- und Nelkenpulver nach belieben

Zubereitung:

Gries in ca. die Hälfte der kalten Milch geben und gut umrühren. Den Stich Butter und den Zucker  hinzugeben und nach und nach erwärmen bis der Gries anfängt aufzuquellen. Nach und nach die restliche Milch hinzugeben bis der Gries nicht mehr quilt (immer gut umrühren, sonst gibt’s Klümpchen oder es brennt an, und verbrannten oder klumpigen Griesflammeri mag wirklich keiner!) gegebenenfalls etwas mehr Milch hinzugeben.
Wenn die Masse beinahe fest ist vom Herd nehmen und ca. 2-3 Minuten abkühlen lassen (aufpassen dass der Herdboden nicht noch zu heiß ist, am besten man stellt den Topf in etwas Kaltes Wasser.

Währenddessen die Eier trennen. Eiweiß zu Schaum Schlagen. Erst das Eigelb in das noch warme (aber nicht mehr heiße, das Ei soll keinesfalls stocken!) Flammeri rühren. Dann vorsichtig das geschlagene Eiweiß unterheben so dass eine luftig leichte Masse entsteht.
Das Flammeri noch ca. 10 Minuten auskühlen lassen bis es lauwarm ist, dann Nocken in einen Teller abstechen und die mit Zimt und Nelkenpulver gewürzten Zwetschgen hinzugeben. Fertig!

PS: Das alles hört sich wesentlich komplizierter an, als es ist…man muss nur dabei bleiben, sonst misslingt das Gericht garantiert (Hab erst vorgestern nebenher telefoniert…das Ergebnis war katastrophal!)

15. Türchen: Von Schneeflocken, schlafenden Blumen und heiligem Zorn

Ice on the Regnitz

Früher war alles besser! Sogar die Winter!“

Sicher, ab und an gab es Eisregen und wochenlange Nebelperioden, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass es jemals Mitte Januar geregnet und man kurzärmlig auf der Café-Terrasse gesessen hätte (Jagerteeexzesse auf Skihütten einmal ausgenommen, aber das ist eine ganz andere Kategorie!).

Stattdessen fielen pünktlich zu Sankt Martin die ersten Flocken. Wenn nicht, sang man mit wahrer Inbrunst das Lied vom „Schneeflöckchen“, dass einen so weiten Weg hatte, Blumen und Blätter an die Fenster malte und unter dem die ganzen Sommerblumen sicher den Winter verschlafen würden. Bis heute muss ich jedesmal ein paar Rührungs-Tränchen aus den Augenwinkeln wischen, wenn ich meine Nachbarskinder seh, die spätestens Mitte November sehnsüchtig in die Wolken blicken und immer noch genau dasselbe Lied singen.

Der Nikolaus fuhr im Schlitten vor und bereits vor Weihnachten hatte mein kleiner Bruder mindestens 1 Paar Ski in die ewigen Jagdgründe befördert. Man wurde  in drei dutzend Schichten selbstgestrickter Norwegerpullover, Schals und Pelzmützen gepackt, auf einen Holzschlitten gesetzt und mindestens drei mal pro Tag darauf eingeschworen bloß ja nicht mit der Zunge am Laternenpfosten zu lecken!

Damals als der Fluss noch „Im Eise erstarrt“ und die Bäume voll Rauhreif hingen bauten wir riesige Iglus, feierten Schneekuchenparties, hatten zu Fasching die letzte Schneeballschlacht und warteten Anfang März gespannt, wann dem um Neujahr gebauten Schneemann endlich die Karottennase abfallen und Frau Schneemann ihr Cappothütchen aus Tannenzapfen verlieren würde…und nein, auch wenn sich’s so anhört, ich bin weder während der kleinen Eiszeit noch auf Island oder Spitzbergen aufgewachsen, sondern in Süddeutschland.

Heute haben die Dächer braune Flecken, die Winterlinge blühen im Dezember, das Knirschen überflüssigen Rollsplits durchzieht den Hausflur, und auf den Straßen liegt bestenfalls Matsch.

Ich weiß, solche Sätze klingen nach schleimiger Nostalgie und zuckersüßen Kaufhauschören. Aber als ich letzte Woche durch Schneegestöber und Wind unterwegs war und vergnügte Kinderscharen auf Schlitten den Hang herunterrodeln sah, wurde mir schmerzlich bewusst, dass unsere Enkel vermutlich nur noch aus Retro-Bilderbuch-Aps und verklärten Youtube-Videos ihrer Großeltern wissen werden, was eine Schneebalschlacht ist.

Der Newsticker bringt die neuesten Hiobsbotschaften: Dohar, Halsstarrigkeit, Unvernunft, Gier und Erpressung…Auch wenn ich’s nicht will, überkommt mich der heilige Zorn (wahlweise auch eine tiefe Trauer oder schwärzester Zweckfatalismus).

Ich habe ein schlechtes Gewissen und könnt mich deswegen selbst ohrfeigen. Meine Lebenserfahrung flüstert mir ins Ohr: Extremisten jeder Art sind selten Helden, Fatalisten ebenfalls nicht.

Es tut mir leid: Ich neige nicht zu Gutmenschentalibantum und Ökoterrorismus, schon garnicht zu moralinsauren Entgleisungen wie der Forderung für den Weltfrieden weniger Fleisch zu essen, keine Palmölprodukte zu verwenden und lieber mit dem Rad 40 Kilometer durch Sturm und Wind zur Arbeit zu fahren als jemals ein Auto zu benutzen. Was nutzt ein ökologisch reines Gewissen, wenn einem dabei die Lust am Leben abhanden kommt?

Der Text eines umweltbewegten Autoaufklebers aus den 1980ern erscheint aus meinem Unterbewusstsein:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man könnte genausogut hinzufügen:

„…und wenn die letzte Schneeflocke gefallen ist.“

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich angefangen habe, Lokale mit Heizpilzschirmen zu meiden. Ein paar Pfund mehr auf den Rippen, dazu ein dicker Pullover, gute Stiefel, ein Wintermantel und eine ordentliche Chapka tun’s genausogut. Mann und v.a. Frau müssen nicht halbverhungert und im quietschgelben Minirock, den hautengen Designerjeans und auf Stöckelschuhen auf den Weihnachtsmarkt! Was wohl Großmutter Neandertal und Opa Cro-Magnon zu diesen eigenartigen Wesen gesagt hätten…Vermutlich sind es die gleichen, die mit Blasenentzündung im Bett liegen und die Weihnachtsferien auf Koh Samui oder in Neuseeland verbringen und sich einbilden, mit dem Kauf eines 2 Quadratmeter-Regenwaldzertifikats ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben…

Genug der unfreiwilligen Glühweinkomik.

Wenn man in Zukunft schon noch Klimakonferenzen braucht, dann auf dem überfluteten Markusplatz anstatt in klimatisierten Luxushotels mitten in der Wüste.

Der Wortlaut eines alten schwäbischen Verzweiflungsschreis kommt mir in den Sinn:

„Oh Herr, schmeiß Hirn rá, am beschdá Oimrweiß!“

Oh Herr, sende deine Weißheit herab, am besten Eimerweise!

Was wir zu verlieren haben sind mehr als ein paar Schneebälle und schöne Kindheitserinnerungen…