Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Aphorismen zum Antrag der Länder für ein NPD-Verbot

An die Wirkung einfacher Lösungen und Verbote glauben nur hoffnungslose Idealisten, Ignoranten oder Demagogen. Die echte Welt indess ist kompliziert.

Nur wenn ich die Ängste meines Gegenübers – so absurd, menschenverachtend und irrational diese auch immer sein mögen – als tiefstes Bedürfnis seiner Seele ernst nehme, habe ich eine Chance ihn davon zu überzeugen, dass sie unbegründet sind.

Angst macht Menschen gefährlich, und lenkbar…in jede Richtung! Deshalb misstraue jedem, der Dir eine bessere, schönere, gerechtere, liebenswertere oder perfektere Welt verspricht und von Dir dafür ein Opfer erwartet!

Vergnügen ist das beste Heilmittel gegen Angst, leider auch das gefährlichste!

24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!

23. Türchen: Weihnachten und anderee Naturgewalten

neige

Stress, Unlust, Überdruss.

Die letzten Tage vor dem Fest der Feste könnte man für die meisten von uns vermutlich aus dem Kalender streichen.

Könnte, denn was wäre Weihnachten ohne den vorwurfsvollen Blick von Frau, wenn Mann wieder einmal einen zu großen, kleinen, schiefen oder zu geraden Baum mitgebracht hätte? Was wäre das Fest der Liebe ohne die bange Frage ob das lieblos ausgewählte Geschenk, die Chancen auf das Erbe von Onkel Theodor wirklich verbessert. Und was würden wir in der staden Zeit bloß ohne all die Parfümpröbchen, Spendenaufrufe und moralinsauren Sonntagspredigten tun?

Was, wenn es über die Weihnachtszeit ausnahmsweise keinen Streit gäbe, was wenn wir uns nicht verpflichtet fühlten, uns pünklich zum 24. Dezember mit ebenso ungeliebten wie nervigen Personen zu umgeben und Menschen Fröhliche Feiertage und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr zu wünschen, die wir allenfalls aus Berechnung, nicht aber aus echtem Interesse unserer Aufmerksamkeit für würdig erachten?

Was, wenn wir wirklich einmal die alljährliche Drohung wahrmachenn und Weihnachten tatsächlich ausfallen ließen?

Wäre es wirklich so schlimm, allein und ohne Weihnachtsbaum bei einem guten Gläschen Wein und etwas Seranoschinken vor der Glotze zu sitzen und die Welt und ihrem infantilen Weihnachtsrausch den Rücken zuzukehren?

Vermutlich würde es uns nicht gelingen. Wir hätten ein spätestens gegen fünf Uhr einschlechtes Gewissen, würden uns unwohl fühlen unruhig wie ein Panter hin und herlaufen und irgendwann würden uns zwei Dutzend Kinderchöre davon überzeugt, dass irgendetwas ganz und garnicht stimmt.

Ich habe in meinem Leben genug  traurige Gestalten mit feuchten Augen am mit Plastikchristbäumen geschmückten Kneipentresen eines x-beliebigen Tropenmotels sitzen sehen um die Unentrinnbarkeit des Weihnachtsfestes zu leugnen. Endfünfziger, die sich nach Scheidung und Nachlassen der eigenen Potenz spätestens Ende November nach Puket oder Koh Samui flüchten und sich nicht vor Mitte Januar in die Gefilde des Weihnachtsmannes zurücktrauen, aus Angst vielleicht doch feststellen zu müssen, dass es wichtigeres gibt als Sex, Drugs and Rockn`Roll (ganz abgesehen davon, dass nur wenige zum Rockstar geboren sind…bei allen anderen wirkt’s verzweifelt…sorry…)

Weihnachten kann man nicht entfliehen. Es ist im Zeitalter der Globalisierung zu einer Naturgewalt mutiert, die uns bis in die funkelnden Hochhausschluchten von Hong Kong, den Dschungel von Brasilien und ins Südseekönigreich Tonga verfolgt.

Vielleicht besinnen wir uns ja eines Tages wirklich wieder darauf, dass es bei Weihnachten ursprünglich weder um Familie, Glühwein, Kommerz, Liebe, Harmonie oder sonst irgendeinen süßlichen Werbezuckerguss ging. Es ist natürlich  schön, wenn’s mit den ganzen stereotypen Vorstellungen von weißen Tannenspitzen, Eiszapfen, Weihanachtsliedern und trauter Idylle trotzdem klappt, wenn nicht…sei`s drumm…Weihnachten findet auch so statt, für jeden und ganz egal ob er nun darauf Bock hat, oder nicht. Und das ist sehr gut so!