Tagshaiku 46_Von Schafen und Schnacken

Am Himmel ziehen eilig kalte Wolken.

Ein Eichhorn wütet zwischen kühnen Elstern;

Ich zähl‘ statt Schafen Schnackenstiche.

 

 

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Frisch aus dem Alltag, oder: Von Kontrastwirkungen, Sonnenschirmen und Chlor

KontrastwirkungDer Himmel ist himmelblau mit ein paar Schäfchenwolken drauf, It’s Summertime singt Ella und trotz nur mäßigen fränkisch-schwäbisch-venezianischen 14-22°C brennt mir die Sonne auf den Pelz. Na ja, das mag jetzt auch daran liegen, dass ich mich heute in einem jähen Anfall von post-gothic-Wahn dafür entschlossen habe komplett in schwarz auf den Markt zum Spargeleinkauf zu gehen (vielleicht war’s also doch nur mein angeborener Sinn für Kontrastwirkungen?…keine Ahnung). Auf jeden Fall war die Sonne zu heiß und wass macht man dann? Na man holt den Sonnenschirm aus der Versenkung!

Dumm bloß, dass ich letzten Herbst eindeutig zu faul war, das Ding vor dem Einmotten sauber zu machen…und da ich das auf Dauer dann doch etwas sperrige Ding auch noch aus dem Garten auf den Dachboden befördert habe – selbstredend ohne es vorher vorschriftsmößig in seinen mitgelieferten Stoffkondom einzupacken –  und sich selbstverständlich auch auf meinem Dachboden die Holzwürmer tummeln  – ja, so ist das nunmal, wenn man mitten im Weltkulturerbe wohnt ;-)) – hat sich zusätzlich zu all den lieblich bunten Hinterlassenschaften von Blattläusen – echt fießes Zeug dieser Honigtau! – Blütenstaub und Vogelkakka auch noch eine schöne rotbraune Schicht Holzwurmpups auf meinem ursprünglich einmal crémeweißen Sonnenschirm abgelagert – was kauf ich auch einen Sonnenschirm in einer derart dreckanfälligen Farbe!

Zwar ist bekanntlich Vintage gerade wieder in, und so ein wenig used-look hat noch niemand geschadet – andere streichen dafür Omas Barockkomode Grün über und fräsen dann mit der Flex stundenlang drann rum, nur damit das Ding am Schluss so aussieht wie im neuesten Design-Möbel-Landhaus-schöner- wohnen-Prospekt – aber so viel nackte, buntkleckernde und schmierige Natürlichkeit war mir dann doch etwas zuviel, auf meinem ehemals so schön crémefarbenen Sonnenschirm.

Was also tun?

Nun, man könnte das Ding einfach wegschmeißen und sich einen neuen besorgen. Da das Teil aber keines jener 0-8-15 Billigdingsbumsteile aus dem 1,50-shop ist sondern selbst im Ausverkauf noch richtig Asche gekostet hat, und ich sehr dran zweifel, dass ich jemals wieder einen Karbonspeichen-außreißverstärkten-tropfschutzbeschichteten-siliciumstahlschwenkgelenkbestückten und außerdem crèmefarbenen  – ich hasse weiß, zumindest bei Sonnenschirmen – Sonnenschirm zu einem auch nur annähernd erschwinglichen Preis bekommen werd, gibt’s jetzt nur eins:

WEG MIT DEM DRECK!

Nur wie?

Well, es gibt da was, bei dem man immer sagt, es sei so furchtbar ungesund und mache bei Kevin und Annika Allergien…

Richtig: die gute alte Chlorbleiche!

Da ich nun keines dieser Weicheier bin, die sich mit amerikanischer Sauerstoffbleiche abplagen (die ist auch nicht besser für meine Spülhände!) und auch keine anderen übertrieben teuren Spezialmittelchen einkaufen will – man ist schließlich Schwabe! – muss es nun einfach der gute Toilettenreiniger tun. Der hat auch den großen Vorteil, dass man ihn problemlos in eine Sprühflasche abfüllen und großzügig auf sich selbst und dem Sonnenschirm verteilen kann…

Selbstredend muss man vorher seine schwarze Gothic-Kleidung vom Vormittag ablegen!

Und dann schrubbt man, und schrubbt und schrubbt, ruiniert mit dem chlorgeschwängerten Abwasser noch schnell ein paar Balkonblumen – nein, Tagetes vertragen es nicht, wenn man sie mit Chlorwasser gießt…- und gießt das ganze noch schnell mit ungefähr 20 Gießkannen ganz frischen Leitungswaser ab…

Und was soll ich sagen…der Schirm ist …ja richtig: weiß! die Crème hat’s gleich mit rausgebleicht…

achöne Pfingsten und etwas mehr Erleuchtung als bei mir!

Aus dem Archiv_Aleppo war ein Märchen… (Erstpublikation am 27.03.2013)

Ein Stück Seife aus Aleppo…

Im schwachen Licht des Obergadens meines Dachbodens funkelten plötzlich goldene Ranken, Blüten und fremdartige Schriftzeichen. Neugierig geworden öffne ich die kleine Schachtel und augenblicklich umgibt mich das schwere Parfum eines orientalischen Suks. Aus meinem Inneren tauchen Bilder von halb im Wüstensand versunkenen Städte, Palmen, Dünen, Brunnen auf. Städte und Paläste von märchenhaftem Prunk, glitzerndes Gold und das verführerische Rascheln buntgeflammter Seide. So stark war der betäubende Geruch des kleinen Pakets, dass ich fast mit einem der Dachbalken zusammengestoßen wäre. Ich fühlte mich, als sei ich mit Sindbad dem Seefahrer, dem kleinen Muk, Sheherazade und Harun ar Rashid mitten in einem Märchen aus 1001 Nacht gelandet.

Es dauerte, bevor ich begriff, dass das kleine, mit Arabesken verzierte, bräunliche Etwas nichts anderes war als ein Stück acht allepiner Seife aus feinstem syrischen Olivenöl….

Mehr zum Weiterlesen unter:

https://alexnikanor.wordpress.com/2013/03/27/ein-ganz-normales-stuck-seife/

Und jetzt Palmyra…oder: Wie der Krieg in Syrien uns alle um unsere Identität und Geschichte beraubt.

Gerade flimmert über meinen Newsticker die Schreckensmeldung, dass die Kämpfe zwischen ‚regulärer“ Syrischer Armee und dem IS nun auch Tadmor – das antike Palmyra – erreicht haben. Und wie schon am Craq de Chevalliers, in Aleppo oder Damaskus ist zu befürchten, dass auch hier neben unzähligen Menschenleben auch unersetzliche Kunst- und Kulturgüter, ja das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit, den Kämpfen zwischen und nachfolgenden Plünderungen durch die Kriegsparteien zum Opfer fallen wird.
Was soll man dazu noch sagen?
Dass die Wiege unserer Kultur und Zivilisation vernichtet wird, und dass ohne dass die meisten von uns auch nur im Geringsten erahnen oder sich auch nur dafür interessieren, was da eigentlich zerstört wird? Dass wir hier alle gerade wieder um ein großes Stück unserer gemeinsamen Vergangenheit und Identität beraubt werden? Dass mir, der ich das Land, seine Menschen und sein Kulturerbe noch vor diesem mörderischen Bruderkrieg kennenlernen durfte, inzwischen langsam die Kraft und die Tränen ausgehen, wenn ich daran denke, was mit Syrien, seinen Kulturschätzen, vor allem aber mit seinen Menschen passiert?
Palmyra ist nur einer, und leider längst nicht der erste und vermutlich lange nicht der letzte von viel zu vielen Orten an denen gerade dasselbe geschieht, geschah und geschehen wird.
Leider gilt diese Erkenntnis nicht nur in Syrien. Das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit wird überall auf der Welt vernichtet. Tag um Tag ein wenig mehr. Nur selten ist eine drohende Zerstörung dabei so spektakulär, „wichtig“ oder aufssehenerregend, dass sie es in die Medien schafft. Viel öfter geht dieser Verlust in kleinen, aber deswegen nicht umso verheerenderen Schritten, unbemerkt und von kaum jemandem bemerkt von Statten.
Und nein, die bewusste Zestörung unser aller gemeinsamen Kulturerbes ist beileibe kein „Problem“, dass sich nur fernen, von fundamentalistischen ‚Kulturfeinden‘ heimgesuchten Ländern abspielt – nur macht es sich eben für das eurozentristische Weltbild besser, wenn die anderen die ‚kulturlosen‘ Barbaren und wir die Guten sind.
Die Realität sieht leider anders aus. Für den Erhalt des gemeinsnamen Kulturerbe der Menschheit macht es eben keinen Unterschied, ob der IS Nimrud oder jetzt eben Palmyra in die Luft sprengt, die bayerische Denkmalschutzverwaltung in aller Seelenruhe zusieht, wie ganze barocke Gutsanlagen der berühmten Barockarchitektenfamilie Dientzenhofer erst verfallen und dann abgerissen weden, oder die Württembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn beim Bau von Stuttgart 21 einfach um ein Haar die gesamte „Vorgeschichte“ Stuttgarts undokumentiert wegbaggern, weil eine archäologische Begleitung „zu teuer und unnötig“ sei, in Venedig ganze Palazzi entkernt und zu Luxusappartments werden, oder in der Weltkulturerbestadt Bamberg große Teile des zum Welterbe gehörenden Gärtnerviertels überbaut werden, weil neue Wohnungen nunmal mehr Geld bringen als brachliegendes Gärtnerland…
Nein, die wohlgesetzten Erklärungen, Resolutionen, Gesetze und Verordnungen, die unser aller Kulturerbe schützen sollen, sind in aller Regel nicht das Papier wert auf dem sie stehen, und ja, es interessiert die UN oder andere Politiker einen Sch…. wenn mal wieder ein paar Buddhas in die Luft fliegen oder eine römische Stadt, ein prä-inkaisches Gräberfeld oder ein ägyptischer Tempel auf der Suche nach Schätzen mit Baggern umgegraben und dem Erdboden gleichgemacht wird (von den verheerenden Schäden, die unsere heißgeliebten deutschen Sondengängern, Schatzsucher und „Hobby-Archäologen“, Immobilieninvestmentfirmen oder der ganz „normale“  „Do-it-yourself-Baumarktrenovierer“ tagtäglich anrichten fang ich jetzt besser garnicht erst an)…
Und nein – und hier komme ich zurück nach Syrien – die ‚reguläre‘ Syrische Armee ist bezüglich des Kulturgüterschutzes entgegen der im Netz verbreiteten Propaganda des Assad-Regimes kein Stück besser als der IS oder die anderen „Bürkerkriegsparteien“. Seit Beginn des ‚Bürgerkrieges‘ bombardieren, plündern und zerstören alle, aber wirklich alle beteilligten Fraktionen, Grüppchen und Untergrüppchen systematisch die Kulturstätten des Landes – teils als „Colateralschadensfall“ aus sog. „militärischen Notwendigkeiten“ heraus, teils um sich am Gegner zu rächen, teils aus ideologisch-politischem, rassistischem und/oder religiösem Wahn, vor allem aber – und das ist der leider viel zu wenig bekannte entscheidende Faktor – um mit den so „frei“ werdenen Antiken über den Umweg des illegalen Antikenhandels ihre jeweilige Finanzierung sicher zu stellen.
Und dreimal darf man dann raten, wo und von wem diese Antiken dann gekauft und im Wohnzimmer (oder noch schlimmer: im Museum) aufgestellt werden…Richtig, es sind genau dieselben Orte und Menschen, an und von denen der Verlust ebendieser Kulturgüter in großen UN-Erklärungen verurteilt wird und die in krokodilstränenschweren Reden, welche den besseren Schutz der Syrischen Kulturgüter fordern und die umgehende Vernichtung des IS fordern. Wer’s nicht glaubt, möge sich in den Auslagen der Antikenhändler, Sammlungen und Museen in Berlin, Brüssel, London, New York, Peking oder Dubai umsehen und diskret nachfragen, weshalb so viele Kunsthändler, Museen und Sammler so wenig Interesse daran haben, genauere Angaben zur Provenienz eines Stückes zu machen…
Wenn’s genauer interessiert was seit Jahren – nicht nur, aber vor allem in Syrien passiert – dem empfehle ich die erschreckend „erhellende“ Lektüre des Blogs eines befreundeten Archäologen, der inzwischen ‚unfreiwillig‘ zum vielgefragten Experten in diesen Dingen geworden ist:
Und ja, mich überkommt bei derlei Nachrichten auch gelegentlich der „heilige Zorn“. Nur bringt der auf lange Sicht eben reichlich wenig, weil Gewalt nur Gegengewalt erzeugt…
Für’s erste wäre schon viel damit gewonnen, wenn man es schaffen würde, für ein paar Jahre jeglichen Handel mit antiken Objekten aus Krisenregionen einzustellen um nicht selbst als Händler oder Sammler zum Komplizen von IS und CO zu werden…Es ist dasselbe Spiel wie mit den Diamanten…da fragt auch kein Mensch beim Verlobungsringkauf, ob er damit nicht ein paar Bürgerkriegsgenerale im Kongo finanziert (und wenn er es doch tut, wird er belogen – wer trägt schließlich gerne Blutdiamanten am Finger).
Leider sieht man es dem kleinen, wohlbeleuchteten palmyrenischen Relief in der Diplomatenwohnung eben nicht an, dass damit gerade der Raketenwerfer finanziert wurde, der jetzt bei der Ermordung der jessidischen Bevölkerung eines kleinen nordirakischen Dorfes zum Einsatz kommt…

Dass man den Menschen irgendwann einmal beibringen könnte, dass Gewalt, Krieg und Mord kein Mittel der Konfliktlösung sind, egal wie „wichtig“, „legitim“ oder „ehrenhaft“ die Gründe dafür sein mögen; Dass die Menschen es irgendwann einmal kapieren, dass die Vielfalt des gemeinsamen Kulturerbes der Menschheit (und ich meine hier sowohl das materielle wie das noch ungleich stärker gefährdete immaterielle) allein schon deshalb wertvoll ist, weil es da ist. Dass kein Mensch das Recht hat, dieses Erbe mutwillig, durch Ignoranz oder einfach nur durch Vernachlässigung und Desinteresse zu vernichten und dass unser gemeinsames Menschheitserbe keinen weiteren finanziellen Nutzwert für seine Existenzberechtigung benötigt…Well, irgendwelche Träume muss man schließlich haben, nur leider kenne ich eben auch die Verführbarkeit, die Ignoranz und die Gier meiner Mitmenschen…