Von Hitze und anderen geistigen Aussetzern…

Hitze und andere geistige Aussetzer

Hitze und andere geistige Aussetzer

Nein, vermutlich hat einfach nur ein unterbezahlter Jungpraktikant im himmlischen Wetteramt mal wieder nicht richtig aufgepasst und den Thermostat versehentlich anstatt auf „frühsommerlich“ auf „totale Höchstsommerhitze mit gelegentlichen Unwettern“ eingestellt. Kann ja mal passieren, wenn sich die gesamte Abteilung für Wetterwesen inklusive Chef Petrus zum chillen zu den Pfingstkirchlern absetzt und den armen Kerle allein daheim lässt…

Well, wir hier unten müssen uns ohnehin mit anderen Dingen herumschlagen…den örtlichen Stadtwerken zum Beispiel, oder besser gesagt, ihren leicht verwirrten Busfahrern. Leider scheinen die guten Herren (und die drei Damen!) auch nach dem 12. Sommer mit Rekordhitzewerten noch immer nicht begriffen zu haben, dass es sich bei städtischen Omnibussen nicht um Ausenstellen des Australischen Umweltministeriums zur Erforschung hitzeresistenter Wüstenechsen, sondern um Transportmittel für die in dieser Hinsicht ziemlich zimperlichen Homo Sapiens handelt, deren Eiweißstrukturen doch tatsächlich bei Temperaturen über 42°C zu gerinnen beginnen!

Kurz, ich habe wieder einmal den schweren Fehler begangen den Sommer im wunderschönen Bamberg zu verbringen und dabei die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen!

Vermutlich ist es dieser im wahrsten Sinne traumatischen Erfahrung zuzuschreiben, dass sich heute doch tatsächlich 4 unterschiedliche Sorten Tee, eineinhalb Kilo Himalayasalz (fein gemahlen) und vier unreife Avocados in meinem Einkaufskorb wiederfanden und ich es doch tatsächlich vorziehe, den lecken Schlauch des Hinterrades meines Fahrrades selbst auszuwechseln, statt das ganze dem nächsten Fahradmonteur meines Vertrauens zu überlassen…

Kurz, am besten ich schmeiß mich ins nächste Baggerloch und harre dort aus, bis Petrus wieder mit einem Islandtief aus dem Urlaub zurück ist – wenigstens wird man hier – anders als in Australien – nur ganz selten von Krokodilen gefressen.

Schöne Hitze!

Neues aus Freak City

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„Freak City Bamberg“ – Sollte ich einmal in die Verlegenheit kommen, aus meiner inzwischen recht stattlichen Sammlung ungewollt zweideutiger Werbebotschaften eine top-ten zusammenstellen zu müssen, dieser immer wieder auf Ortsschildern auftauchende Slogan der Bamberger Basketballfans hätte beste Chancen unter die ersten zehn zu kommen. Nicht dass ich nun in das snobistische und auch ein klein wenig eurozentrierte Naserümpfen einiger meiner Bekannten über die eigentümliche Obsession gewisser Franken für von unseren amerikanischen Nicht-mehr-Freunden importiere Ballspielarten einstimmen möchte, Basketball hat einen gewissen Unterhaltungsfaktor, allein schon wegen der herrlich unkonventionellen Kameraführung mancher Videoausschnitte auf der offiziellen Website des hiesigen Vereins. Und mal ehrlich, haben wir nicht alle irgendeine geheime oder weniger geheime Leidenschaft, die für andere wirkt als seien wir komplett durchgeknallt?

Sündhaft deures (sic!) Chinesisches Porzellan, grellgemusterte Orientteppiche, von androgynen Countertenören geschmetterte barocke Colloraturarien im A-B-A‘ Schema, Jägerschnitzel mit Jesusangesicht, gepflegter BDSM, ein vor Kalorien triefendes Tiramisu, echte vietnamesische Gartenzwerge, öliger weißer Port oder die in mühevoller Kleinarbeit jahrelang zusammengetragene Sammlung von Gorbatschowmatrioschkas im Fernsehschrank, deren Leberfleck auf der falschen Seite aufgemalt wurde…

Vermutlich sind es diese kleinen oder weniger kleinen Fluchten in hemmungslose Exzentrik, die uns alle psychisch gesund erhalten und unser aller Leben nach dem dekonstruktivistischen Gemetzel an sämtlichen Ideologien inklusive der Religionen, wenigstens jenes Minimum an „Sinn“ verleihen, der für unser aller Überleben notwendig ist.

…und höchstvermutlich sollte diese schokierende Erkenntnis mich nun auch gegen vorgeblich laktoseintollerante (real aber schlichtweg unglaublich gelangweilte) Latte-Machiato Mütter, Mitvierzigerinnen die meinen mit Sambatrommeln ihre Klimakteriumsgeschwerden bekämpfen zu können (keine Ahnung ob das wirklich wirkt…aber wenigstens kann Frau dabei ungehemmt schwitzen…), und offensichtlich aus der tiefsten Provinz stammende Mitmenschen die einen bei einem Stadtbummel in Pelzkragen und Sonnenbrille ansehen, als sei man gerade von einem anderen Stern gefallen, immun machen…

Well…leider funktionert Mensch – außer er/sie heißt Dalai Lama, oder Mutter Theresa, und selbst da bin ich mir nicht ganz sicher – leider ganz und garnicht nach dem Kantschen Vernunftprinzip, und ha! leider braucht Mensch gerade und besonders in globalisierten und durchhybridisierten Multimediawelten eben seine liebgewordenen „Feindbilder“ und „Vorurteile“ um das eigene Identitätskonstrukt gegenüber der Umwelt wenigstens einigermaßen stabil zu halten…und ja, leider habe auch ich den gutmenschlich-entgültigen Schritt zum humanistischen Gestaltwandler nie vollzogen, sondern fühle mich trotz Nirwanaversprechen noch immer dem nichtexistenten, keulenschwingenden und menschenfressenden Neandertaler in mir zutiefst zugetan…

Vermutlich ist aber auch das nur ein über die Zeit ebenso liebgewordenes wie falsches Vorurteil. Nach allem, was inzwischen bekannt ist, waren Neandertaler wesentlich zivilsierter als es in unseren Schulbüchern steht und sie haben auch nur ganz selten ihre Mithominiden gefressen…das waren eher die garterslebischen und hinkelsteinischen Langköpfe die vor rund 6900 +/- 300 Jahren die rundköpfigen Linearbandkeramik – immerhin die ersten hiesigen Bauern – durch ihr extreminvasives Auftreten in ein „schwerstkrisenhaftes Endzeitszenario“ beförderten…aber die vertrugen ja auch Laktose…nicht die Linearbandkeramiker, die Langköpfe…und sind deshalb die einzig echten Vorfahren der kuh- schafs- esels- und ziegenmilchtrinkenden Europäer (behaupten jedenfalls neueste genetische Daten!), wen’s interessiert möge in einschlägigen Examensarbeiten zu Kanibalismus sowie Grabungsberichten zu den Fundstellen Talheim, Schletz und Herxheim und den Veröffentlichungen der Arbeitsgruppe für Paleogenetik der Uni Mainz nachsehen…

Also keine lactosefreie Sojalatte mehr für echte Latte-Macchiatomütter? Eigentlich ja, weil sie – zumindest wenn sie Europäische Ahnen haben – damit eigentlich keinerlei Probleme haben dürften, ja ihre exclusive Laktosetoleranz vermutlich sogar das kleine genetische Extra darstellt, warum ihre kuhmilchtrinkenden Vorfahren so lange dem evolutionären Verdrängungswettbewerb durch laktoseintolerante Mitbewerber standgehalten haben…was den anderen vergiftete war unser Mittagessen…klassischer evolutionärer Ernährungsvorteil eben…

Aber keine Angst, es gibt ja noch genug andere weltbewegende Dramen: Weihnachtsdeko wäre so ein Beispiel, oder die erschreckende Erkenntnis, dass guerillia knitting und transnationaler unisex-boshi-mode sowie perfekten Hussenempfehlungen von „meine perfekte Traumhochzeit“ – Coaches sei dank, gerade die nicht nur aber insbesondere von femministischen Kreisen so lange als erzreaktionär verteufelten hausmannfraulichen Qualitäten ein ungeahntes Comeback erleben…

Knit your own boshi – das ultimative Woodstockerlebnis für die smartphoneübersättigte Jugend von heute…

Ist es angesichts dieser Zustände in einem Land, welches alltäglich mit genüsslichem Schauer (sic!) zwischen einer Doku über „Rommel den Wüstenfuchs“ und „Hitler privat“ seiner exzessiven Kochsendungssucht bei gleichzeitig extrem ausgeprägtem Geiz beim Nahrungsmittelerwerb (auch so eine unterschätze Folge des langen 20. Jahrunderts mit all seinen großen und kleinen Katastrophen…) nachgeht, wirklich so abwegig, dass ich seit Jahren von der alptraumhaften Szenerie eines Privatsenders der beide deutschen Obsessionen eines garnicht so fernen Tages miteinander kombiniert und mit der  Kochsendung „Kochen wie Eva B.“ auf Anhieb eine Zuschauerquote erziehlt wie Wetten das in den 1980ern, oder ist das nur die ganz private Flucht meines eigenen Unterbewusstseins vor den Absurditäten des Alltags eines „Spätgeborenen“ ? Und was ist eigentlich mit dem Revival des Gobelinstickens oder des VH-Töpferkurses mit Spezialisierung auf bunzlauer Engobemalerei…immerhin musste ich das noch mühsam im sogenannten „Werkuntericht“ lernen…es lebe der coedukative Unterricht!

Nein, Exzentrik ist nicht nur das harmlose kleine Umwandeln von Omas Ozelotkappe in eine handgenähte Handytasche mit echt-neobarockem Brokateinband für die nächste Steam-Punk Convention – obwohl es in einer Umgebung militanter Tierschützer, marktgerecht geklonter BWLer und Helikoptereltern vermutlich jede Menge mutiger Exzentrik bedarf um mit blauer Sonnebrille, Wolfspelz, Seifenblasenpistole, Mieder und Tropenhelm auf Einhornjagd zu gehen und dabei auch noch eine ungemein sinnenfrohe Form der Konsumkritik zu betreiben. Echte Ekzentriker und erst recht eingefleischte Freaks sind dennoch einen Tick heftiger. Rein ethymologisch gesehen handelt es sich um eine wortwörtlich unnatürliche Laune der Natur, etwas „aus dem Zentrum“ gefallenes, abnormales, wiedernatürliches, ver-rücktes bei dem die Grenze zwischen einer puren Laune, echter Begeisterung und ernsthaftem Wahn nur vom Ausübenden selbst, aber nie vom Betrachter gezogen werden kann. Ein Steam-Punker kann, muss aber nicht exzentrisch sein, und ob ein Exzentriker gleich ein Freak ist…well…

Vermutlich müsste jetzt ein längerer Abschnitt darüber folgen, ob sich  bei Exzentrik und Freaktum so einfach nach „erlernter“ also „gewollter“ und „natürlicher“ also quasi-angeborener und damit nicht beeinflussbaren Beweggründen und damit auch danach ob jemand objektiv oder rein subjektiv Freak/Exzentriker ist folgen. Dummerweise ist dieser feine Unterschied, der sich in der Vergangenheit als so ungemein nützlich für die Aufrechterhaltung des Objektivitätsanspruchens sämlicher normaler und poaranormaler Wissenschaften erwiesen hat, spätestens mit der Dekonstruktion des aufgeklärten, oder sollte man nicht doch besser aufklärerischen Naturbegriffs sagen (?) als ideologischem Kampfterminus mehr als fraglich geworden. Kann es etwas wiedernatürliches geben, wenn die Natur selbst ein wiedernatürliches Konstrukt einer naturfernen, da menschlichen „Vernunft“ ist, oder ist die „Vernunft“ doch etwas natürliches, dass allen Wesen gemein ist? Gibt es eine Vernunft und eine Natur, oder gibt es vielleicht viele? Sind sie statisch oder veränderbar, und wie vernünftig ist eine Natur, die sich ständig wandelt? Und wenn wir schon am philosophieren sind, wer bestimmt darüber, was Normalität und was Freak ist? Die Natur?

Ist ein emotional auser Rand und Band gelaufener Basketballfan abnormaler oder unnatürlicher als eine strickende Karrierefrau, oder gar als ein spitzenklöppelnder Mann (im 19. Jahrhundert hätte niemand diese Frage gestellt, nicht weil Männer nicht geklöppelt hätten, sondern weil es in den meisten ärmeren Regionen Europas ein völlig normaler Anblick war, das Männner, insbesondere Fischer, völlig selbstverständlich in den eisigen Wintermonaten Norwegerpullis strickten oder Spitzenbesätze herstellen…vermutlich waren es erst die lilagewandeten Damen der 1968 die Stricken als typisch weiblichen Protestakt definierten…), oder ist alles relativ bzw. „Kultur“?

Das ganze erinnert mich an Pandoras Büchse, Puschkins Pik Dame oder Baudelaires Blume des Bösen, Wildes aphoristisches Dandytum, oder jene berühmte, nach der literarischen Vorlage des Romans „A rebours“ von Joris-Karl Huysmanns mit unnaturlich fleischfarbenen Orchideen verzierten Vase Emile Gallés im Musée du Château in Boulogne-sur-Mer. Aber vielleicht ist das auch schon wieder eine andere Geschichte, jene der Dekadenz…

Wo sind nur „meine“ herausgeputzten Londoner geblieben, die an Sonntagen ihre Hummer an filigranen Leinen aus Gold und Diamanten spazierenführten, oder die Chinesischen Mandarine, die für eine talentiert „singende“ Grille ohne mit der Wimper zu zucken ganze Vermögen opferten?…und ist unsere Obsession von Kochsendungen und kleinen mehr oder minder intelligenten technischen Spielereien ein ferner Nachklang dieser Zeiten? Muss man Reich sein um Exzentrisch zu sein (Wilde sagte einmal etwas ähnliches) und welche Macht gibt einem die Freiheit nicht so zu handeln wie alle anderen…oder kann Exzentrik und Freaktum im Zeitalter globalisierter Medien gar nichts mehr anderes sein als komerzialisiertes Massenverhalten? Ist der Freak zur Normalität geworden, oder die Normalität zum Freak? Und wieviel Individualität braucht Exzentrik?

Ob meinen geliebten Bambergern das alles klar war, als sie sich zur Freak City auserkoren haben? Vermutlich nicht…aber das ist ja auch ganz normal.

Gute Nacht liebe Normalgebliebenen und Exzentriker, Freaks, Ab- und Wiedernormalen, Gartenzwergliebhaber, Guerillia-KnitterInnen, Boshi-Häkler, Gorbatoschowmatrioschkasammler, Basketballfans, Sambatrommlerinnen, Kochsendungsseher, Doku-Liebhaber, Bauern und Fischer, klöppelnde Männer (und Frauen!) und Latte-Macchiato-Mütter mit (angeblicher oder realer) Laktoseintolleranz, die Welt wäre ärmer ohne Euch!

Herbst!

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Beim Bäcker haben Stollen und Weihnachtsgebäck ihr glanzvolles Debut. Auch auf dem Wühltisch neben der Supermarktkasse blinzeln erste Schokoladenweihnachtsmänner noch schüchtern zwischen übriggebliebenen Halloweenkostümen hervor. Die Bockbieranstiche sind für’s erste (fast und Gott sei Dank!) geschafft.  Statt rauchigem Malz schwängert der Duft der ersten gerösteten Maronen die Innenstadt. Im Domgrund lauern die letzten raschelnden Blätter und schieben sich sanft unter Schuhsohlen.  Die ersten Latte Macchiato Mütter unterbrechen ihre Bestellung von Glühwein und Lebkuchenschokolade für einen entsetzten Blick auf den fashiongeschädigten Nachwuchs der sich endlich und hemmungslos im Laubhaufen suhlt. Als sei auf irgendeiner fernen Autobahn ein unerklärlicher Rückstau rostroter Reisebusse entstanden, scheint sich selbst der sonst nie enden wollende Touristenstrom auf der Oberen Brücke etwas auszudünnen. Bamberg im Herbst kann melancholisch sein. Gerade war es noch Sommer und die Stadt barst schier vor biergetränkter Lebenslust. Jetzt atmet sie aus, wird brüchig wie alter Brokat und zieht sich bei Schmalzbrot, Zwiebelkuchen und jungem Wein in sich selbst zurück. Nicht mehr lange und die träge auf dem Ludwigskanal schwimmenden Ahornblätter werden mit funkelnden Pfannkuchen aus Eis ihren Platz tauschen. Noch ein letzter Café im Freien…dann können’s von mir aus die Buden für den Christkindlesmarkt aufstell’n.

Im Bamberger Sand zur Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

„Scheiß drauf“ es macht Bum und ist Kerwa!

Schwarzgelbe Security die eifrigst die Einbahn bewacht, denn das Falschwählen ist hier verboten, so wie (fast) alles hier. Hier heißt Bamberg!

Durchfahrt frei nur bis 11, Aufenthalt nur auf Wegen, Alkohol an der Luft ist verboten, für den Lieferverkehr ist aber frei, aber eigentlich ist Parken nur von 8 bis um 12 und nach 9, frei für städtische Angestellte mit Ausweis ist meist auch, oder nicht?

An den rotweisen Barken zum Paradies tönen Schwanengesänge testosteronausgefüllter Prachtbullen vom Lande. Bayrisch Leder in wildbambibraun, made down in Bangla Desh. Und die altfränkische Tracht?

Gibts beim Schützenumzug! Schallala und scheiß drauf, es ist Kerwa und Senioren mit Kindern in Plastikdummdirndeln mit echt Plauener Ätzspitze fühlen sich (noch) nicht in ihrem tiefsbürgerlichen Sicherheitsempfinden gestört. Ich schon, von den Senioren und den klebrigen Kindern mit schwarzroten Liebesäpfeln an neongefärbten Dirndeln, testosteronschwangere Burschen vom Lande sind mir vertrauter, Jungesellenabschiedstraining in der Gastro härtet diesbezüglich ab!

Gradeaus kokelnd Bratwurstbetrieb. Echte Coburger gibt’s nur noch hier.  Noch mehr Testosteron, noch mehr Land, noch mehr Jung, noch mehr Volk, noch mehr Hip und auch Hop, noch mehr Busen, noch mehr Leder und Neon und Waden und Dirndl und Bum: Auch das Sandmädchen trägt Polyester.

„Ich glaab nôch der duads aa nimmä long, middn nai in die Scherm!“ Mitfühlend ist sie ja, die Bamberger Jungjugend und kaut dabei zweierlei Sorten Langós mit Zucker und Zimt und mit Knoblauch und Speck.

„Host noch gheert, s war doch noch a Mortschlächerei“ – Warum „doch“ denkt mein Hirn und denkt gutschwäbisch: Drauf geschissen, ich lebe ja noch und ich sauf! Denn die Kerwa, ja die Kerwa ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn das bei fünf Kirchen im Blick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den anderen 600 jährlichen Dauerevents längst nicht mehr stimmt.

Und das Blut, und das Bier, und den Wein, und die Zwiebel, und die Heimat, auf die Madla und Burschn, auf den Hahn, und den Schlag, und die Musi und Trachten, Krüge hoch!, und die russischen Eier, und die Bratwürst, und as Lager, noch a U, und a Radler, und die Kaiserin Kunigund, und den Heinrich, und as Rathaus, Klein Venedig mit Illumination, und die Fahnen am Kranen ganz in rot und in weiß und in blau.

„Und es sin nach hald alls lauder Verrüchde! S’is noch hold nimmä so, wiäs môl woor, und miä gängan noch gaa nimmä hin, höchschdns schaun!“

Vor der Au sperren Alphörner den Weg. Eine Blonde in zünftig gelackten Ballerinas blickt mich an. Ertapt und fotografiert für die Ewigkeit nicht für’s Netz nur für  privaten Gebrauch, Feind hört mit!

Hinter ihr steht der Notarzt, Präventiv wie (fast) alles im Land. Noch zu früh, viel zu früh für noch für Schlägereien, und den Terror, und die Panik und die Vergewaltigung…die gibt’s erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter, und erst nach Mitternacht, und im Suff, und nur durch dunkelhäutige Menschen mit Migtationshintergrund…alles klar?

Und unser Frankenland es lebe hoch! Und die Jungen im Dreck, und die Kotze am Boden, und die Wildpisser und potentiellen Gefährder ganz hinten in dunklen Ecken.

Noch zu hell für die Schlampen auf Wahlfang, und die mordenden Gondeln, und das unökologische Feuerwerk (is as ned immä wiedä soooo scheh?). Und die stechenden Fischer, und die leuchtenden Lichter, und die funkelnden Augen, und die Zuckerwatte in Justins Haar und den Fisch, heute grün, leicht geräuchert und vom Hering.

Man möchte es eigentlich sagen dieser Dame, dass die hauteng um Celluliddis geschlungenen  Jeans ab drei Zentnern gutostfränkisch-steigerwälder Überspeck durchaus von Nachteil sind. Doch es ist Kerwa, ihr netzförmiges Neontop ist noch schlimmer und außerdem: Sieht Man(n) denn selber in Buisnesshemd Gröe 46 und mit Hosen um die 60 besser aus? Eher nicht!

Dreh dich um, kennst mich, ach ja doch, und wie geht’s, ja doch gut, und man selbst, ja man lebt, und die Eltern, ja doch auch, und Beruf, alles gut, und die Liebe, ach man lebt, und überhaupt schlechten Leut geht’s ja immer gut. Aber wie du nach heist weiß ich nimmä!

Hier, hier, nur hier gibt es Bratwürst…die mit Ausrufezeichen! Eine Hand ganz in Rot warnt am Schlidpfosten laut vor Gefahren von Geisterfahrrädern. Die Sicherheitswacht schläft nicht…nicht in Bamberg, und erst recht nicht zur S-Kerwazeit, weil es könnt, ja es könnt wirklich was passiern, Gott allmächt!

Auf der Mauer ein Paar, sehr versunken in sie gibt er sich Liebe hin, oder ist es nur Sex?  Andre gaffen im Neid, noch nichts selber geschossen, und ich lächle und denke nur: Mut!

Neben mir zwei gepimpte in Muskelschweißhemden von KIK!

„Bist nach abbä aa subbä aufgebumbd“

„Allmächt, ma duud  hold wos ma noch konn!“

Ich will ficken, sagt sie und taucht ab.

Kinderwoochngewühl auf der Brüggn, Klaana Bieschdä, und Handtaschn im Escher-Gedächtnißlook. Selbstverständlich umklammert…die Rumään köndns sonst klaun!

In der Nase läuft einem von Karamel, und am Himmel, am Himmel da hängen die Herzen aus Lebkuchen, nicht aus Marzipan! Alles rennt, alles schiebt und es drängt mich hindurch, wohin denn, drauf geschissen es ist Kerwa! Über Mir unter Sonne sind Wimpel und ganz tief mitten drinn, mitten drinn dort im goldenen Schnitt nur 3,80, Nicht mal 4 für ein Maß, Tempo 30 verdammt!

An der Ecke in Kinderarbeit: Festabzeichenverkauf…Mutter nervt, das Kind heult, Vater tut, als gehöre er anderswo hin, nach Mallorca vielleicht, oder doch nach Kambodscha?

Erste Glühbirnenschatten im Wasser an den Ufern die Haifischbar, mit drei Kumpels ein Bier hinterm Rattanzaun dazu ganz sanft das Geknatter von im Wind aufgeschnatter Rentner.

Es gibt fünf oder zehn Süßzeugsgestände, aber wir kaufen hier, hier wo sie IHRE zuckergesüßten Kracherlesmandeln einkaufen will. Nicht die schlechten von drüben, sondern die, die beim Essen ganz sicher die die Zähne ausreißen! Ich Depp stehe mit an, bin solidarisch, so wie all die andern, zwei bis drei Stunden lang sicher – Mandeln sind aus! Drauf geschissen und notiert: Nächstes Jahr keine Freundin im Sand!

Weiter hinten hat wegen des längst überfälligen Fettabscheidereinbaus der Pelikan zwangsweise Urlaub. All der Stuck, und Substanz und die Pflanzen müssen weg, schon am 19. mitten drinn in der Kerwa kommt der Bagger, gottverdammt! Und am Haus gegenüber is fei geschmückt!

Auf dem Schreibtisch daheim liegen Bücher, und zum Frühschoppen zwei halbe Maß und ein Radler und 4  Weißwurst, und süßer Senf, zwei Servietten, 10 Freunde und ja, auch ein ganz kleines bisschen Volksnähe im Suff.

Auf der Bühne ein Hühne mit Frau, schlechter Reim. Neben dem Klo gibt’s Fanartikel und CDs.

Glotz net blöd, wer ist Zoo und wer draußen? Die japanische Touristin im Kakitarnkleid schießt schnell ein Photo von so unglaublich viel echt deutschländerischem Gorillabrauchtum. Krüge hoch, draus gesch…denn die Kerwa, ja die Kerwa, die ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn’s  das bei Fünfkirchenblick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den all den andren gefühlten 652 Events längst nicht mehr stimmt! Letzen Monat DIE allererste erschreckende graue Wimper. Frau Kasamoto aus Tosashimizu hat recht, auch ich bin nur ein Silberrücken laut Facebook!

Ich bin glücklich und nass, und vom Himmel tropft Regen in Scharen. Nicht als Hunde und Katzen tropft er dieses Jahr, nein, es regnet verhagelte Zahlen. Statt 100.000 nur 52 im Nasskalten nichts und nicht einer ist Wurst oder hält wenigstens eine Maß in der Hand, auch nicht für 3,80!…

In der Gasse am Stand leere Gesichter, entgangene Gier und verscheuchter Profit. Mutter Natur kann sehr grausam sein und all die Burschen und Madln, sie tuen mir Leid, wirklich Leid richtig schmerzhaft und ich Kaufe die Maas und zahl sogar Pfand, und ich trinke, ja ich trinke das eiskalte, wässrige Bier, hier im  Regen der mir hinten den Rücken abläuft.

Mir ist kalt, meine Zehen quietschen im Schuh. Nur schnell heim, aus dem Nass! Meine Beine sind Gummi und mein Weg ist ein schlammiger Bach und ein See. Eine letzte gebratene Zwiebel nur noch, eine nur! und dann raus aus den modernden, nadelgestreiften Hosen. Lederhosen sind kurz, und mit Spritzklappenschutz!

Vor dem Licht aus dem Stand fahle Lippen. Nicht nur Bier, noch was andres ist drinn in dem unterernährten Kerl mit den blassgrünen Augen. Geht mich alles nichts an, und ich will keinen Stress, nicht heut Abend und morgen, Kerwa ist, ich bin selig,  und sie ist – Gott sei Dank – nur einmal, dann ist Schluss, ob nun mit oder ohne das Hochfeuerwerk, drauf geschissen, noch a U und seid’s nett, ruft dem Kerl noch den Notarzt!

Von Gartenlust und Unwettermeldungen – oder – warum meine Pflanzen eine Loggia haben.

Mein persönliches Hantelgewicht ;-)

Mein persönliches Hantelgewicht 😉

Ha, wie kann es schön denn sein, in dem kleinen Gärtelein…Keine Angst ich hör schon wieder auf zu reimen…

Wie immer hat das gestrige Unwetter Bamberg, die legendäre Stadt der Säufertürme, Kirchturmspitzen und 60.000 Blitzableiter mal wieder verschont. Ich schiebs ja auf den Steigerwald, der wie der Name schon sagt, die Wolken einfach über die Stadt weglupft, aber meine Nachbarin ist der festen Überzeugung, dass es dem legendären Schleier der Heiligen Kunigunde zu verdanken ist, dass Bamberg kein Wetter kennt. Irgendwer knipst Ende Mai Lichtschalter und Heizung an und stellt sie Ende September wieder aus, und wer sollte das außer der heiligen Kaiserin schon anderes sein – Petrus ist in Rom beschäftigt und die Vierzehn Nothelfer sitzen faul in Vierzehnheiligen rum…bleibt also nur die Gute alte Kunni – Sie bzw. ihr schicker Kopfputz schützen vor amerikanischen Bomben, Stechmücken, griesgrämigen Ehemännern, UV-Strahlen und allem anderen, was einer „Dame von Welt“ besser nicht vor die Augen kommen sollte. Regen, Sturm, Blitzschlag, Hagel? No Problem, Kunni und ihr Schleier bekommen das hin!

Von reformatorischem Eifer getrieben hab ich als ungläubiger Protestant natürlich so meine Probleme mit dieser Art archaischen Denkmustern und deshalb in original altdeutsch-preußischem-Angst²-Modus beim allerkleinsten  Vorabzeichen einer dunklen Wolke am vorschriftsmäßig weiß-blau zu seienden Himmel meine sämtlichen Kübelplfanzen/Balkonkastenschönheiten inklusive mundgeblasener Pseudo-Muranoglaskugeln wieder einmal brav vor dem bösen Gevatter Hagel, oder dem Bruder Wind, oder der Schwester Fallender Ast, der Mutter Ziegel, der Tante Katzen, dem Cousin Vogel, der Großtante Blattlaus, dem Schwippschwager saure Milch und der angeheirateten Erbtante verdorbener Hefeteig und allen anderen bei Gewittern drohenden Unbill-Verwandten unter das wärmende Dach meiner Ex-Wäschetrockenraum-Loggia in Sicherheit gebracht.

Dem nicht genug, wurde – meiner erzkatholisch-eichstädtisch-leicht superstitiös angehauchten Großmutter selig sei dank – auch gleich noch flugs und präventiv auch noch eine geweihte schwarzlilane Wetterkerze aus Walddürn angezündet und ein schmerzhafter Rosenkranz (der mit dem durchbohrten Herzen Mariens) gebetet. Dabei fällt mir ein: Es lebe die stets vorbildliche Vorab-Terrorismus-Bekämpfung des bayerischen Innenministeriums und ihre Voralpenhagelfliegerstaffel! Die sind nicht von denen, sondern vom Landkreis? Egal, ich schick ihnen trotzdem mal ein Paket von den Dingern…funktioniert wirklich!…Ich hôn ja âa bloos gmaant Barrack Hussein…ehrlich!

Bodybuilding und Yoga inklusive!

Ach ja…man hat’s einfach schwer als stetig engagierter Kulturwissenschaftler, der sich immer bemüht die Binnenexotik des Moments voll auszukosten…(Sorry, aber diese Portion lamoyanter Selbstironie musste jetzt einfach sein…)

Nach einer unter den Schlägen des Fahnenseils am Eisernen Mast bitterbang durchwachten Mitsommernacht, ging’s dann noch vor dem Frühstück (sic!) wieder raus. Schließlich sollten die armen Petunien nicht zu Nachtschattengewächsen verkommen – sind sie eh schon? Na egal…Nach nur zehn Minuten (Neuer Rekord!) sah alles wieder aus wie vorher (Ordnung muss sein, dass sagen wir hier auch den Austauschtouristen!), und ich? Ich war trotz eintreffender Kaltfront noch vor dem Frühmessläuten der Karmeliter stolz  bätschnass geschwitzt und reif für die zweite Dusche zu sein! Warum ich davor überhaupt im Bad war, hat vermutlich mit den ewig verkannten Italienischen bzw. Englischen Erbanlagen (Die Gene…bin ich heut wirklich so einfallslos?) in mir zu tun, die sich grundsätzlich nur in Tropenhelm und weißem Leinenanzug zum morgendlichen Schneckenabsammeln trauen…

Am Himmel sehe ich schon wieder kleine Schäfchenwolken…

und wir als gute deutsche Kleingartenbesitzer –

wir wissen, ja wir wissen ja, wie schnell aus –

schnell aus einer kleinen, harmlos blökenden Cumulus humilis,

so ein alleszestörend, garstig, blödes Sch…-Ding namens Cumulonimbus (capillatus) incus wird!

Oder inetwa nicht…nicht wenn, wenn nicht, dann jetzt…

drumm jetzt, ja jetzt ganz schnell, hinaus, hinaus…

hinaus und raus ist nun Herr Biedermann im Kittelschürz,

und holt die armen Pflanzen in die Kammer-Loggia,

Die Wetterkerze an?

Ne…

Scheiße verdammt und zack Zement…

Ein Zündholz fällt, ein andres bricht…der blaue Himmel leuchtet wieder…

und Kunigund und Gott und Bruder Zephir…

Aphrodite…allen, allen Dank!

Ich lächle, danke Odysseus und Arte für die Inspiration (freie Adaptionen antiker Dramen mit homoerotischen Einlagen und kulleraugenrollenden Bösewichten sind so CineCitta!)…und Dank auch meiner Großmutter selig, die so wunderbar gutkatholischeichstädtischsuperstitiös veranlagt war und diesen guten deutschen Angstfluch an mich weitergab (Per Lourdesstatuette auf dem Volksempfänger!).

Drumm mein Motto für Heute:

Keine Wetterwarnmeldungen mehr, der angekündigte Tornado und die 5 Zentimeter großen Hagelkörner sind einfach nix für süddeutsche Kübelpflanzen- und Balkongartenbesitzer/Präventivangsjunkeys! Und um jetzt flugs auch noch die Kontinuitätsthesenfraktion unter uns zufriedenzustellen, laut meinen auto-ero-epischen Selbstethnographien ist:

Die interdependent-rekursive Inkompatibilität von Gewittern mit Hagelschauern und fremdländischem Balkongewächs mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit kausal verantwortlich für das tief in der kollektiven Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelte Unbehagen ihrer keltischen Vorfahren, dass der Himmel auf den frisch angepflanzten Salat fällt!

Buon Di und dass der Himmel dort bleibt, wo er hingehört!

Euer

Alexnikanor

PS: irgendwann schaff ich’s schon noch alle Kategorien in einem Artikel unterzubringen 😉

„Geliebtes Bamberg“ oder „Auszug aus dem Tagebuch eines Feldforschenden“

Apfelweib

Bamberger Apfelweib

Ok, ok, ich geb’s ja zu, die Nora vom Künstlerhaus ist mal wieder schuld… und ihr wundervoller Bambergtext-Like-Post vom netten (s. Kommentareinträge auf Facebook)  Herrn Ritter und die Rattl vom Kaulberg, E.T.A. Hoffmann und natürlich Hegel…sie alle sind schuld. An was?

Selber lesen, sonst wär’s ja einfach…

1. Juni: Auszug aus dem Feldforschungstagebuch, O-Töne:

„Das Unsicherheitsgefühl normaler Passanten kann da durchaus nachvollzogen werden!“

„Nimmä noch soffad daana Bressoggbrôdzn von maim Lugsusorsch du Dreckszupfä‘…“

„Bambergerinnen sind herzlich, das ist schon E.T.A. Hoffmann aufgefallen, und der „Kriech“ um den Freibierausschank im Sand ist mindestens so alt wie die Elisabethenkirch, meint jedenfalls der Paschke, und wenn der’s nicht weiß, dann wer denn sonst?“

„Da sitzen’s wieder die Studenten und verschandeln uns as ganze schöne Bedongländer auf der Unteren Brück’n! Am besten wir rufen beim Tourismusamt an und streichen die nächste Expedition ins Quartier Latin [int. Touristensprech = Austraße] bis wir die inadäquat gekleidete Subrenitenzkultur gegen ordentlich zurechtgezupfte arisch-blonde blauäugige  BWLer mit Smartphonedirektberatungsapp und cappuchinosaufende Latte-Matschiado Mütter OHNE sichtbehindernden Kinderwagen ausgetauscht haben, schließlilch ist man sich das als Weltkulturerbe-Premium-Marke einiges schuldig, als allererstes Ordnung!“

„Am End sind’s dänn nôch voa unsärrä Ferienwohnungn die lônghôorichn Hôschischgiftspritzä…Ledtzda Wochn hôdd nôch scho aans obgsächd, zu Fronleichnôm, stelln’s innä des môl vô, Fraa Müllä, 400 Euro Verlust, ich sôochs innän…in aanä Wôchn…wenn des nôch so weidägechd…Ôllmächd…un älls bloß wegn denna G’schdudierdn…ich brauch’s fei ned!…“

„Allmächt die Ferienwohnungsmafia…auch wenn das hier niemand sagt, man ist am Kaulberg froh über jedes abbruchreife Häckerhaus.“

„Dô reißn mir öllas ôb, des gônz öld Grôffl, un nôch, nôch baun’ mir äs widdä neu auf und vermiedn’s rechd deuä! (schelmisches Lachen, Verbrüderungsgeste)“

„Und der Denkmalschutz?“

“ […] der Nachbar macht’s schließlich genau so…und wenn’s a Geld bringt…“

„Bratwurstschwaden ziehen über den Platz, eine junge, modisch gekleidete Frau nähert sich mit einem Kleinkind“

„Wenn’s d nôch da Roffl ned häldst sschdopf ich sä diä mid Rossäpfln…“

„Als ob’s die noch gäb! Aber die Geschichte von den armen Barock-Kindern in der Sutte, die nichts anderes zum Spielen als Rossäpfel und sich selber hatten ist einfach zu nett um darauf zu verzichten. Fast so gut, wie die von der Rattl in der Advendlichen Besinnung bei den Karmeliten!“

„Und ôch, hôssd as aa schô g’hörd, As Kunni vom Äußeren Löwengrôbn is g’schdôrm…aanfôch a so…“

„Und wôrum erzälds’t miä des nôch?“

„Nô ich hônn noch hold docht…Ihrä Wohnung wird nôch denn jô frei…“

„…und bevor’s as an Türgn odr Sschdudendn vermieten dunn…“

MAXQDA-Vermerk im Transscript:

„Xenophobie“?

Interviewauszüge, merken!: 

„Nein mit Fremdem hat man es hier nicht in der Fränkischen Provinz, außer sie sind reich, kaufen ein, trinken Schlenkerlá [int. Touristensprech = Touristenbier] und verschwinden nach spätestens zwei Tagen wieder…“

„Und überhaupt:  Man stelle sich vor, Studenten in der eigenen Nachbarschaft! Alkoholparties, Orgien, Drogen und am End und überhaupt…am End müsst man das gute Gästezimmer dann auch noch billiger weggeben. Und die Plätz auf’m Keller machn’s einem auch streitig…Touristn-Ausländer-Studenten-Gwaaf elendich’s!“

O-Ton II: 

„Bombay please…“

„Um meinen seit 10 Jahren andauernden Binnenexotikschok zu bekämpfen ziehe ich mich vorschriftsmäßig in die „Außenauschankfläche“ zurück.  Vielleicht klappt die sprachliche Inversionstäuschung ja diesmal und ich bekomm wirklich meinen Pompeij-Cocktail…andersrum funktioniert’s jedenfalls.“

Kolloquiums-Ankündigung: 

„Bamberg ein leicht psychodelischer Adventskalender mit latentem Touristen- und Alkoholproblem“

Eigengedanke: [Ja Herr Professor.]

Auszug aus literarischer Reisebeschreibung: 

„Ich schiebe mich durch die Pfingstwochenende-Massen, beobachte schrumplige Amerikaner in Kakibraun beim Bierkrugkauf, Japaner mit gespenstischen Mundschutzvorrichtungen, die sich gegenseitig vor dem Alten Rathaus ablichten, umherbewundernde Russen auf Antiquitätenshoppingtour…Ja mai frängisches Römla ist schön…“

Werbeauszug, Bamberg: 

„Unsere Marktanalyse unterstreicht mit dreistelligen Amortisationsraten das hohe Investment-Potential der lebens- und liebenswürdigen Bamberger Kernstadt…“

Experten-Interview, Gentrifizierung: 

„Könnt man jetzt auch Venezianisierung nennen. [Sie kennen Venedig?] Der Metzger wird zur Konditorei, das Modegeschäft für die übergewichtige Frau Ab 50 zur Eisdielen-Franchise-Konzeptgastronomie-Filiale (ob das aber ein Rückschritt war, weiß ich nicht…na ja, vielleicht für die übergewichtige Frau ab 50), das Kurzwarenfachsortiment mit angeschlossen-obligatem Ratsch zum aseptisch-stillen Innendesign-Mekka für Fortgeschrittene und die Stammkneipe zum Pizza-Döner-Imbiss…Nein, da ändern auch die nettn „Gschichtla“ von der Rattl nix. [Sie kennen die Rattl?]“

„Und doch man lebt und lebt recht gut zwischen Mälzereiduftwolken und zum letzten Abwehrkampf rot beleuchteten Burgzinnen.“

Anwohnerstimmen: 

“ Gônz billich is es nôch hald ned…“

„Aber wer will das schon [meint Jugendkultur], außer den Haschischgift-Studenten und alleinerziehenden Zupferschlampen, die zu blöd waren „ihren“ Ami zu heiraten? (lacht heftig).“

„Maana Döchdr heirôdn ämml reich, sonst ändärb ich’s!“

Eigengedanken, Forschungstagebuch, 1.06.2013: 

„Na dann, dann ist ja gut…“

Schlusswort/Fazit: 

„Schönen verregneten Nachmittag noch…und ja, ich liebe Euch, liebe Bamberger, liebe Bäckersfrau, liebe Rettl, liebe cappuchinossaufende Latte-Macchiato-Mutter, lieber Haschischgiftspritzer, lieber Immobilienmakler und auch Euch liebe Touristen, Ferienwohn(-ungs)hausbauer, Studenten von der oberen und Unteren Brücke, geliebte Zupferschlampen & Zupfer, Metzger, liebe Geschäftsinhaber ohne Öffnungszeiten, übergewichtige Frauen ab 50 und auch Du, hochgeliebter Eisdielen-Franchisenehmer und ja,  ich liebe auch Euch [ehrlich!]: liebe Nora & lieber Herr Ritter, der immer so nett ist [Komentarfunktion].“

PS: 

„Und ja…ich bin nicht nett…das sind genug andere!“

„Danke!“

Was lange währt…

Fischerstechen, Sandkerwa und illuminierte Wasserfahrten

Es lässt sich nicht leugnen, wir – die Geistes-, Kultur-, Sozial-, und Medienwissenschaftler dieser Welt – schreiben tatsächlich Bücher über Bücher (manchmal auch über Filme, Poster, Bierwerbung, Grafitti, Virtual Comunities, Weblogs, Ewige Anbetungen und Keramikscherben)!

Manchmal hat man dabei Glück und man darf in sumpfigen Rundumschlägen von den Marschen des Alten Ägypters ins zeitgenössische Oberfranken schwelgen, komplizierten Familienverhältnissen habsburgischer Kardinäle und bamberger Fischerclans nachspüren, sich über ziemlich erotisch dargestellte Bauernhochzeiten freuen, über die Frage was Griechenland und Bayern gemeinsam haben nachsinnen und außerdem jede Menge Spaß bei der „Feldforschung“ zwischen“Caipi“, „Bredla“ und „Brôdwörschd“ haben. Irgendwann kommt dabei dann ein wissenschaftlicher Artikel raus, in dem sage und schreibe 27 mal das Wort „Stecher“ vorkommt. Völlig seriös natürlich!:

Er ist endlich da, der ultimativ kummulierende, aufklärende, kontextierende und mit 125 Fußnoten auf 20 Seiten garantiert nicht plagiierende Artikel zum Bamberger Fest der Feste!

Stolz!

Auf’s Christkind!

Bauen eigentlich alle Städte ihren Weihnachtsmarkt gefühlt Mitte September auf, oder habe ich nur wieder einige Tage im Kalender verloren? Zurück aus dem Süden wirkt Bamberg überfüllt, eng und dunkel. Künstliches Vogelgezwitscher gellt aus einer geschmacklosen Pseudowaldidylle in der ausgestopfte Hasen ebenso unglücklich drapierten Füchsen und Rehen gute Nacht sagen über die Schranne. Die großen Herbstauktionen der Antiquitätenhändler sind vorbei und auf dem Maxplatz harren seltsam deplaziert wirkende Buden des Weihnachtsmarktes besserer Tage.

Meine Wohnung ist kalt. Feuchtigkeit steigt die Stufen Kellerstiege herauf und verbreitet den Geruch schimmligen Salpeters. Die vom Nachbarsbaum herabgefallenen Äpfel im Hof sehen in ihren graubraunen Blässterbetten aus, als hätten nicht Amseln sondern Riesenameisen sie zerpflückt. Vermutlich hängt das Gerfühl mit der Rückkehr nach Bamberg in einen Haufen alter Kartoffelsäcke gefallen zu sein damit zusammen, dass ich große Teile der diesjährigen Bockbiersaison zugunsten wissenschaftlicher Worthülsengefechte ausgelassen und mein Restalkohollevel dank schwäbischer Mäßigung oberfränkisches Normalniveau noch bei weitem nicht erreicht hat.

Beim Anblick der eingemotteten Gondeln in der Nähe der Nonnenbrücke, fällt ein Januarmorgen in Venedig ein. Die Bora peitscht Nebelschwaden über die Lagunge, an den Bootsauslegern gefriert die Gischt, Schneewehen und Aqua Alta kämpfen in den Gassen um die Vorherrschaft und man selbst hat garkeine andere Wahl als sich von ombra zu Spritz und vin brulé durch die zumindest einigermaßen warmen Baccari vorzuarbeiten. Zehen und Fersenballen sind trotz dreifacher Wollsockenarmierung durchgefroren. Gummistiefel sind kein besonders guter Wärmespeicher, aber wenigstens halten sie trocken.

Ich gehe weiter, stolpere durch lärmende Gymnasiasten. Ihre Lebensfreude wirkt so falsch wie das Liebesduett aus Händels Rodalinda in meinen Kopfhörern und der Name des Altersheimträgers gegenüber: Fazit…Will man in einem so benannten Gebäude wirklich wohnen, wenn man eines Tages nicht mehr allein zurechtkommt? Fazit…der Mensch reduziert auf ein paar Stellen hinterm Komma. Sorry, unpassender geht’s wirklich nicht.

Die Fähre zwischen Schleuse 100 und Concordiaufer liegt da wie ein silberner Gelbrandkäfer im Winterschlaf. Keine Ruderboote zum entern in Sicht. Der voprprogrammierte Ärger mit durchs Schleppseil geköpften Wildbadern und entnervten Sonnenbadenden wird wohl noch ein halbes Jahr warten lassen..

Hinter dem Mühlsteg ein paar verlassene Blumenkübel. Letzte Woche blühten hier noch die Geranien, oder war es letzten Monat, dass erster Schnee in den Gassen lag?

Ein Fahradfaher rast an mir vorbei. Keine Klingel, Kein Licht, kein garnichts…Student wahrscheinlich…oder Lebenskünstler.

Der Biometzger wirbt für Knoblauchbratwürst. Sollen gut sein…ich weiß es nicht. Am Pfahlplätzchen wachsen Gerüste in die Höhe. Die Farbmuster an den Wänden lassen weitere Bonbonkulissen befürchten.

Zwei Amerikanische Touristinnen betrachten den Leschenbrunnen. Ob sie wohl immer noch glauben, wir würden in good old Germany unser Trinkwasser von dort unten beziehen (als ich noch in der Lugbank wohnte, holte ich einmal mit zwei Daubeneimern Wasser für die Blumen. Zugegeben, ich sah mit meinen vollen Wassereimern und in meiner Blau-gelb-roten Küchenschürze wirklich etwas mittelalterlich aus. Die Reiseleiterin erklärte daraufhin, dass noch nicht alle Bamberger Häuser fließend Wasser hätten…Ich habe gelacht, und beim nächsten Besuch sie – rein aus versehen versteht sich – etwas vom kostbaren Nass von oben ab). Hoppla! Wenns aach diregt unnä maam Fensder schdôn…

An der Ecke zur Karolinenstraße stürzt eine 80 Jährige auf’s Kopfsteinpflaster. Zu viel Schlenkerla und das um halb elf morgens! Ich heb sie auf, frag ausgesprochen nett ob alles in Ordnung sei. Sie sieht mich verwirrt an, tritt mir gegen das Schienbein und läuft weiter. Wer sagt, dass nur Jugendliche schlechte Manieren haben irrt gewaltig!

oder hatte die Frau Alzheimer? Ich ziehe Menschen in seltsamen Geisteszuständen an. Rentner erzählen mir im Bus von ihren Prostataschmerzen, Im Zug fragt mich ein keinem Geschlecht klar zuortbares Wesen, wieviel Minuten es noch zum rauchen habe, und als ich Antworte fünf, darf ich mir zwanzig Minuten die Frage anhören, ob die Bahnhofsmission in Ingolstadt, oder die in Hamburg die bessere sei, wildfremde Kinder fangen entweder an zu heulen wenn sie mich sehen (v.a. kleine Mädchen in rosafarbenen Rüschenkleidchen) oder werfen sich, wenn ich auf einer öffentlichen Parkwiese lese auf mich (es hat gedauert bis Mamma endlich herkam,Kind war der festen Überzeugung is sei eine Art Riesenteddybär, Mamma fand’s witzig, und ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine Art postfemministischer Flirttrick gewesen sein sollte…

Ich stehe in der Durchfahrt des Alten Rathauses. Kann mich noch immer nicht entscheiden ob Plensas Gummibärchen mir gefallen, oder in ihrer psychotischen Haltung Angst machen. Von unten steigt Glühweindurft auf. Es ist soweit: Der Advent naht mit riesengroßen Pusteblumenschritten; und solange die Bamberger nicht wie die Neu-Ulmer auf die Idee kommenund die Fress- und Saufmeilen Ende Oktober bis Februar auszudehnen – Winterzauber wochendends bis Mitternacht und wochentags mit live-Musik vom Kindergarten Sankt ADHS sind mir sogar die Glühweinstände recht (und das obwohl sie das ohnehin diffizile Unternehmen des kollisionsfreien Hindurchschlängelns durch Menschenmassen nicht eben einfacher machen). Prosit auf’s Christkind!