Tageshaiku 33_Nach dem Regen

Kirschblüten in ölschillernden Pfützen,
Erste Schwalben im wässrigen Abendrot;
Der eilige Tourist – er sieht sie nicht.

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Alles Neu!

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Es gibt Tage, da ist alles neu.

Meist stellt sich dieses Gefühl ein, wenn man wieder einmal tagelang als Höhlenmensch in einem halb abgedunkelten Zimmer monoton irgendwelche Daten in den Computer eingegeben hat und – weils denn mal wieder ganz dringend und am besten Vorgestern fertig werden musste – um dem baldigen Hungertod zu entgehen allenfalls im Morgengrauen oder kurz vor Ladenschluss zum Bäcker über die Straße huschte, anstatt sich über Mittag ein, zwei Stunden Zeit zu nehmen und wirklich „nach draußen“ zu gehen.

Well…

Die Natur wartet nicht auf Bürohengste, schon garnicht im Frühjahr.

Und so kann es einem dann passieren, dass man nichtsahnend das Haus verlässt um sich inmitten fallender Kirschblüten urplötzlich von tiefstem Winter zur ersten Rosenblüte katapultiert sieht. Man sieht sich verwundert um, tatsächlich, es ist Frühling. In den Bäumen plündern Kohlmeisen die ersten Kastanienbäume und im Fluss planschen Entenkücken.

Der Wandel kann beängstigend sein – Wenn Zeit anfängt so schnell zu vergehen wird man alt hätte meine Großmutter gesagt.

Was tun, zurück ins Büro und Computer Computer sein lassen, oder möglichst schnell zurück in die Fledermaushöhle und alles ignorieren? 

Ich gebe auf, vergesse für ein paar Stunden die Zeit und ergebe mich dem Staunen über die Wunder des Frühlings! 

Und ja, ich habe mich absolut hemmungslos der kindlichen Freude über die ersten kleinen Federknäul die laut schnatternd ihrer „Mamma“ folgen hingegeben, mich mitten rein in das Schneegestöber der fallender Kirschblüten gestellt und dabei vergeblich versucht mit den Händen einige aufzufangen; Ich habe mir von der Sonne die Nase kitzeln lassen bis ich vor lauter Frühling nießen musste, und ja, ich habe auch voller Vorfreude auf den kommenden Sommer an einer nach Süden ausgerichteten Hausfassade die erste Rosenblüte des Jahres entdeckt und ihren Duft ganz, ganz tief in mich eingesogen. Und dann…dann habe ich mir ein Schälchen fränkische Treibhauserdbeeren mit Schlagsahne gegönnt! 

Schönen Frühling noch, rauß an die frische Luft und genießt ihn, solange er noch da ist!

Alexnikanor

Montage im April

April_crNein, ich gehöre wohl nicht zu den braungebrannten Halbgöttern, die mir pünktlich zum Frühlingsanfang in Bademoden von Plakatwänden ihr Bleechinglächeln entgegenschleudern. Montagmorgende sind nicht cool, sie sind schäbig, abgewetzt und stressig. Nächtliche Hahnenschreie um 2:45 machen das nicht besser, Wetter mit Hagel und Sturm auch nicht.

Trotzdem stakse sich mit meinem – selbstverständlich nur waagerecht und zu Fuß zu transportierenden – streikenden Farb-Drucker unterm Arm durch aprilliche Graupelschauer und Windböen durch die Stadt. Angesichts der mit abgefallenen Kirschblüten bedeckten Steine des Kopfsteinpflasters erweißt sich der Tausch der winterlichen Gummisolen gegen glitschig-sommerliche aus Leder als verfrüht. Mein persönliches Hanami. Ich lächle zum ersten mal an diesem Tag – würde ich in diesem Moment einen Glückskeks in die Finger bekommen und würde dieser ausnahmseise wahr wahrsagen, auf seinem Zettelinhalt stünde: unerschütterlicher Berufsoptimist.

Ich stelze weiter mit Drucker, Patronen und glitschigen Ledersohlen ins Café mich aufwärmen. Beim zurückschlagen der Winterportière empfinde ich ungewohnte Solidarität für weibliche Wesen mit drei dutzend Einkaufstüten und auf zu hohen Stöckelschuhen.

Ich bestelle, nicke freundlich, versuche zu lächeln. In der druckfrischen Morgenausgabe die Nachrichten von Vorgestern. Der beste Espresso des Stammbarista schmeckt heute nach aufgedunsenen Kernseifenresten. Es ist Montag, es ist kalt, hagelt und stürmt. Ich beginne zu verstehen, warum die Chips der Druckerpatronen heute einfach keine Lust haben, zu Arbeiten…;-)

Chablis zu Hanami

spring in Burgundy

Auf der Suche nach einem passenden Kirschblütenphoto für einen e-mail-Anhang zum Hanami-Fest (jap. Blütenbetrachten) an einen japanischen Freund stöberte ich vor einigen Tagen in den alten Photodateien meines kleinen, roten „Reisecomputers“ und entdeckte dabei lächelnd einige längst vergessene Bilder eines Frühlingsausflugs in ein kleines burgundischen Dorf.

Eigentlich hatten wir uns – wieder einmal – gründlich verfahren, weil sich unser Navi strikt weigerte zu den vielen gleichlautenden Ortsnamen auf St. Irgendwas die entsprechenden genaueren Ortsangaben (sur, les oder du irgendwas…) anzugeben. Vielleicht war’s uns aber   auch nur zu blöd geworden, uns ständig in typisch deutscher Baedecker-Manier „nach Reiseführer“ rastlos von a) nach b) zu begeben. Sewi’s wie es mag, als angehende Kunstgeschichtler nahmen ich’s sportlich und tat, was man im Burgund nunmal tut, wenn man sich gründlich verfranst hat: Man schaut zu, dass man jemand findet, der einen Schlüssel zum herrlich versteckten Chateau, dem örtlichen Weingut oder – wie in diesem Fall – der halb verfallenen Dorfkirche hat.

Garnicht so einfach in einem Dorf mit vielleicht 10 ständigen Einwohnern, die sofern sie tagsüber nicht in der nächsten Stadt arbeiten, im Frühjahr reichlich anderes zu tun haben, als zwei neugierigen Deutschen das „hübsche Örtchen“ vorzuführen. Der Weinberg will hergerichtet, das Ausschlagen der Reben beobachtet, die Cuvée ein letztes Mal auf ihre korrekte Zusammensetzung geprüft und der Weidezaun geflickt sein.

Schließlich fanden wir doch noch eine Alte Dame, welche uns zunächst kritisch durch ihre dicken Brillengläser musterte und uns aber nach bestandener Überprüfung mit einem riesigen, halb angerosteten Schlüssel umständlich das Kircheninnere öffnete.

Wie so oft erwartete uns auch hier eine Überraschung:  Im hellen Frühlingslicht das  mit uns durch die geöffnete Tür in die Kirche strömte erschienen die leuchtend-lustvollen Abbildungen eines Totentanzes des frühen 16. Jahrhundert. Es dauerte, bis wir zwischen stolzen Damen, Landsknechten und Kaisern den Bischoff und seinen blondgelockten Geliebten (sic!) auf ihrem Weg in den am Langhausende lauernden Höllenrachen entdeckten.  Zuerst verstanden wir nicht. Etwas auch nur annähernd Ähliches hatten wir nie gesehen.

Die Alte Dame amüsierte sich köstlich als sie uns begriffsstutzigen Kerlen in ihrem altertümlichen Charrolais-Dialekt und mit herrlich rollendem „r“ die Szene genüsslich zum dritten Mal erklärte. Auch wir hatten unser Vergnügen, denn jedes mal kam ein neues schlüpfiges Detail aus der Lebensgeschichte der Beiden hinzu. Irgendwann machte es klick. Ich habe selten so laut in einer Kirche gelacht. Auch der Tod schien uns aus seinem zahnlosen Mund mit einem lustvollen „Genießt…ich komme früh genug!“ zuzulächeln.

Die von Engeln geleiteten Frömmler der Gegenseite erschienen dagegen geradezu langweilg. Auch Madame du Brais hatte für sie kaum mehr als ein indigniertes  „les autres“ übrig.

Hinter dem Kirchhof lag ein Friedhof, und dahinter, am Ende einer langen Kastanienalee ein halb verfallenes Schloss (Nein, nicht verfallen. burgundische Schlösser MÜSSEN genau so aussehen. Was wäre das auch für ein Schloss, in dem es nicht irgendwo zumindest ein wenig zum Dach hereinregnen würde?…).

Längst hatte Madame du Brais, welche sich zwischenzeitlich als leibhaftige Comtesse entpuppt hatte, aber nichts darauf gab, mich am Sakkozipfel gepackt und mich in Richtung einer kleinen Tür in der Parkmauer gezogen.

Venez, venez,  j’ai une autre gâterie!“

Ich wurde ich den Gedanken an die Hexe aus Hänsel und Gretel, samt dem zugehörigen Lebkuchenhaus nicht los.

Als hätte man uns erwartet stand mitten auf einer von Schlüsselblumen bedeckten saftiggrünen Wiese ein mit einem weißen Leintuch gedeckter Tisch, dazu vier Stühle aus Schmiedeeisen und eine Schüssel mit frischem Kohlsalat mit kleinen, gebackenen Speckstückchen.

Bon appétit“

Statt mit zuckersüßen Zelten wurden wir mit selbst gebackener quiche und reichlich Chablis gefüttert.

Madame la Comtesse waren selig, wir auch!

Auf dem Weg zurück überquerten wir einen kleinen Bach. Die drei weit ausladenden  Bögen der alten Brücke wirkten ziemlich ambitioniert für das schmale Rinnsal. Aus seinem Wasser ragten einige Schwertlilienblätter, darüber ein kleiner, weiß blühender Kirschbaum, dessen Blütenblätter langsam ins Wasser vielen…

Madame du Brais verabschiedete sich, dankte für den amüsanten Nachmittag und gab uns noch eine Flasche von „ihrem Besten“ mit. Ein herrlicher, goldgelber „grand cru“ mit smaragdgrünen Reflexen und himmlischem Geschmack.

Schöner lässt sich selbst in Japan kein Hanami-Fest verbringen…