Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

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Reise nach Kythera 2 – The island that differs

Geschenkte Trauben aus Amir Ali

Kythera ist anders…wer kennt nicht solche und andere Werbesprüche aus unzähligen Prospekten, Anzeigen und ökonomisch aufgeschlossenen Web-Blogs selbsternannter Lokalexperten.

Die Kytheranischen Tourismus- und Marketingexperten sind da keine Ausnahme. Die Insel ist nicht nur anders, sie ist, laut Aussage gut unterrichteter Web-Sites „one island, one world“ oder mindestens „the island of joy and beauty, a meeting point of nature, civilisation and love.“

Vermutlich geht es einfach keine Nummer kleiner, wenn es um die Privatinsel der Göttin Aphrodite (in Antiken Quellen nicht selten einfach „Kytheraia“ genannt) geht. Richtig gehört: Kythera nicht Zypern! Wer mehr dazu wissen will darf gerne hier nachlesen!

Wo genau die meerschaumgeborene greichische Liebesgöttin das Licht der Welt erblickte ist hier freilich genauso umstritten, wie andernorts. Jeder will ein bisschen vom Ruhm der Göttin abhaben. Fragt man die Einheimischen war es ganz gewiss der nächstgelegene Strand am Ende der Schotterpiste, gleich links neben dem eigenen Häuschen oder Weinberg. Und wenn’s der vom Nachbarn war…auch gut, Kythera ist schließlich überall schön, und weshalb sollte sich die freigiebige Göttin nur für einen Strand entscheiden…Darunte rauch der eine oder andere, an dem bis heute Schilder mit recht eindeutig, zweideutigen Hinweisen darauf hinweisen, dass hier nicht nur gelegentliches Nacktbaden üblich ist, sondern sich die Menschen in etwas abgelegeneren Ecken auch auf andere Weise näher kommen…Ich liebe diese Art von Humor der Kytheraner, die es fertig bringen, selbst bei der abgelegensten Kapelle mit Edding die Karrikatur eines deutschen Oberlehrers mit erhobenem Zeigefinger auf den dort bereitstehenden Mülleimer zu malen und damit ihre griechischen Landsleute und Urlauber zur ordnungsgemäßen Entsorgung ihres Mülls auffordern. Wer das ansonsten im Mittelmeerraum omnipräsente Phänomen des unbedacht in die Gegend geworfenen Mülls kennt, wird vestehen, dass bereits das Vorhandensein dieses Mülleimers, un der Fakt, dass dieser ganz offensichtlich auch regelmäßig geleert wird, ganze Bände über die Kytheranische Mentalität und die Liebe der Kytheraner zu ihrer Insel erzählt!)

Doch zurück zur Frage, wo denn nun diese Aphrodite – Göttin der Liebe und der Schönheit – GENAU dem Meer entstiegen ist. Befrägt man den offiziellen Reiseführer, so wird dieser einem als den ultimativ einzigen und wahren Geburtsort sehr wahrscheinlich den großen Sandstrand von Paliopoli oder den hinter der – von den Alten einfach nur „Kastri“ genannten großen Sandsteinklippe in der Mitte des langezogenen Strandes – gelegenen Strand von Limni nennen, und einen gleich auch noch darauf hinweisen, dass es in den Klippen einen Ort namens „Aphrodite’s Bath“ gibt. Die Erklärung für diese nach deutschen Maßstäben etwas ungenaue Ortsangabe liegt nun weniger darin, dass man nicht sehr genau wüsste wo man suchen sollte (dazu komme ich gleich noch), sondern darin, dass dieser Strandabschnitt – der größte auf der ganzen Insel – bisher touristisch recht wenig erschlossen ist und man sich für zukünftige Großprojekte schon mal einen publikumssichernden Wettbewerbsvorteil sichern möchte. Was könnte da attraktiver sein als der Geburtsort der Göttin der Liebe?

Dass damit wohl endgültig einer der letzten einigermaßen naturbelassenen Strände des Mittelmeers und mit ihm auch die inzwischen äußerst seltene lokale Unterart der Pankratiuslilie (die der Sommertourist in aller regel nicht sieht, da sie erst mit Beginn der Regenzeit, also Ende September/Anfang Oktober blühen) verschwinden wird…Nur ein weiterer Kolateralschaden auf der Liste der durch den globalen Massentourismus verursachten Zerstörungen.

Und wenn ich grade schon bei etwas zweifelhaften Entwicklungen bin: die inzwischen überall angebotenen „Liebeskiesel bzw. Kiesel der Aphrodite“ – kleine herzförmige Kieselsteine, die gefasst oder ungefasst an einigen kleinen Ständen auf den Wochenmärkten und im einen oder anderen Souvenirshop angeboten werden und die es an diesen Stränden besonders häufig geben soll – sind auch erst eine geschickte, und außerdem recht junge Erfindung einiger geschäftstüchtiger Ausländer (wenn ich recht informiert bin, war es eine auf der Insel lebende Deutsche, die auf die Idee kam). Die auf dem Beipackzettel zu diesen „Pretiosen“ gleich mitverkaufte, tourismusgerecht aufgepoppte Legende berichtet denn auch, diese Kiesel seien Reste des Meerschaums aus dem Aphrodite entstiegen sei. Macht man sich allerdings klar, dass es sich dabei dem antiken Mythos gemäß um ein Gemisch aus Salzwasser und dem Sperma und Blut des Uranos handelte, überlegt man sich dreimal, ob man solch ein Schmuckstück mit nach Hause nehmen will…Aber welcher Tourist kennt sich heute schon noch so gut in antiker Mythologie aus?

Begiebt man sich auf seiner Sucher nach der Göttin der Liebe weiter ins Gelände, wird man recht schnell auf verwitterte Schilder stoßen, die auf den sogenannten „Thron der Aphrodite“ hinweisen. Dieser befindet sich – anders als das meist unten am Strand herumliegende Schild vermuten lässt – etwas versteckt über dem Strand unmittelbar an der höchsten Stelle des Felsabbruchs der bereits erwähnten Sandsteinklippe. Überwindet man erst einmal seine in dem Gelände keinesfalls unberechtigte Angst vor den Hinterlassenschaften der Sommertouristen, Giftschlangen und Skorpionen und findet den etwas verwilderten Einstieg hinter der Klippe, kann man vorbei an ein paar mit durchlöcherten Plastikfolien abgedeckten antiken Grüften hinauf zum „Thron“ steigen…und hier beginnt auch schon das Problem mit diesem Strand, seinem Thron und der Aphrodite…In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Gelände um nichts anderes als die traurigen Reste der antiken Nekropole Skandias, bzw. Paliopolis und der Thron der Aphrodite ist nichts anderes als der inzwischen überirdische Rest einer antiken Grabkammer. Mir ist es bis heute nicht gelungen herauszufinden ob das nun zwei Namen für den gleichen Ort, oder zwei nah benachbarte Orte waren…vermutlich lässt sich das Ganze auch nicht mehr so ganz beantworten, da heute entscheidende Teile der Orte fehlen. Warum? Nun…

Aufgrund des Tektonischen Wechselspiels unterschiedlicher Mikroplatten direkt vor der Südspitze des Pelopones ist Kytheras Untergrund alles andere als stabil. Wie auch auf dem benachbarten Kreta oder dem angrenzenden Festland sind auch heftigere Erdbeben hier alles andere als eine Seltenheit (im Durchschnitt gibt’s alle paar Jahre eines mit der Stärke 6-7, vereinzelt sind aber auch wesentlich stärkere Beben aus historischen Aufzeichnungen und geologischen Forschungen bekannt). Das eigentümliche daran ist, dass diese, obwohl die Insel vergleichsweise klein ist, an unterschiedlichen Orten sehr unterschiedlich stark ausfallen können – der Grund dafür ist, dass die Insel von zahllosen Spalten und Brüchen durchzogen wird und jede kleine Mikroplatte sich im Erdbebenfall mehr oder minder unabhängig von der anderen bewegt. In der Praxis bedeutet dies, dass ein Erdbeben auf der einen Seite der Insel ganze Ortschaften schwer beschädigen oder gar zerstören kann, während man es am anderen Ende kaum bemerkt…

Doch zurück zum „Strand der Aprhodite“…Der muss in der Antike komplett anders ausgesehen haben. Vermutlich gab es hier einmal – ganz ähnlich wie heute in Kapsali – zwei weite und durch eine weit ins Meer hineinragende Halbinsel voneinander getrennte Buchten, die – anders als heute – den Schiffen ausreichend Schutz vor den Gefahren der hohen See boten. Auf der Halbinsel, von der heute nur noch die reichlich angeknabberte Klippe von Kastri / Paliopoli übrig ist stand dereinst eine große und , ausgehend von den doch recht beachtlichen Gruften ihrer Bewohner, auch reiche Hafenstadt, die inzwischen durch Erdbeben, Erosion und wohl auch den einen oder anderen Tsunami komplett ins Meer gerissen wurde. Zwar nennt sich eine zwei Hügel weiter gelegene Appartmentsiedlung (bei deren Bau nicht unbedingt pfleglich mit den antiken Überresten umgegangen wurde) auch Skandia, jedoch war dies allenfalls eine Art Vorort des eigentlichen Stadtgebiets, dass heute im Meer versunken, bzw. von diesem „verschlungen“ wurde. Weiß man dies, ist auch eine andere Sache ist sicher, es war – wenn überhaupt – weder der heutige Strand von Limni oder der von Paliopoli, der den Geburtsort der Liebesgöttin bildete, sondern eine heute etliche hundert Meter weiter draußen im Meer gelegene Stelle. Alles andere ist Legende und gutes Tourismusmarketing, Sorry..

Es gehört zu den großen Tragödien der Insel, dass von der in den Antiken Quellen beschriebenen Pracht wenig übriggeblieben ist – und das wenige, dass gefunden wurde (so z.B. der Antikytheraapparat und der zugehörige Schatz hochrangiger Kunstwerke) heute meist in Athen oder anderen Orten zu sehen ist. Das wenige, dass sich heute noch auf der Insel befindet, steht im  Museum steht im nach einem Erdbeben 2006 leider noch immer geschlossenen Inselmuseum…eine Lösung dieser Missere ist zwar angedacht, wird aber aufgrund der aktuellen Finanzkriese wohl noch etwas auf sich warten lassen…

Es ist ohnehin eher die Party mit Verwandten und Freunden, die wie eh und je im Sommer die Menschen auf die Insel zieht. Insgesamt ungefähr 50 bis 80 Tausend,  darunter nicht wenige Nachkommen der zwischenzeitlich in die ganze Welt ausgewanderten Kytheraner. Dazu kommen noch einige Hundert Remigranten, die’s halb- oder Ganzjährig aus der Diaspora auf ihre „Heimatinsel“ zurückzieht, ca. 500-700 Albaner, die in den 1990er Jahren zugewandert sind und in Orten wie Frilingianika und einigen anderen Weilern inzwischen die Bevölkerungsmehrheit stellen und im Frühjahr und Herbst inzwischen auch einige Wanderenthusiasten, die die wilde Schönheit der Landschaft genießen und auf der Suche nach Ruhe, auch die abgelegensten Schluchten unsicher machen, oder sich mit ihren gemieteten Kleinwagen über abenteuerliche Schotterpisten kämpfen (Ein Allrad-Jeep wäre hierzu zwar besser als ein kleiner Hjunday, aber der passt hier einfach nicht überall durch…). Den Rest des Jahres haben die Einheimischen die Insel und ihre Sturmwinde fast für sich allein – ob das noch lange so bleibt, ist allerdings zu bezweifeln, der Tourismus legt in den letzten Jahren auch in der Nebensaison zu, und so wird die Insel in Zukunft wohl kaum noch der „Geheimtip“ sein, der sie gerade – noch – ist.

Noch allerdings dauert die Hauptsaison auf Kytehra nur vom 15. Juli bis 15 September. Dann sind alle Zimmer zwei und dreifach ausgebucht, die Autos stauen sich auf den kleinen Straßen, das Leben ist ein einziges großes Fest und überall tanzen die Menschen auf den beleuchteten Straßen (vor allem bei den großen Abschiedsfesten der Exil-Kytheraner um den 25. August herum). Außerhalb dieser Zeit kommt täglich nur eine kleine Propellermaschine und zwei, ebenfalls recht kleine Fähren, die aber mehr Kleinlastwagen mit Gütern des täglichen Lebens, als Menschen auf die Insel bringen.

Vielleicht – nein ganz sicher – liegt es an dieser noch relativen „Unbekanntheit“ der Insel, dass man gelegentlich von einer alten Frau, die gerade auf dem Heimweg von der Weinernte ist angehalten wird und mit einem strahlenden Lächeln eine ganze Tüte Trauben einfach so in die Hand geddrückt bekommt – geschenkt und einfach so. Nichteinmal den Berg nach Karavas hochfahren durfte ich die alte Dame samt ihrer Lastenkraxe voller Trauben. Auf mein Anbebot sie die paar Meter mitzunehmen meinte sie nur: sie sei diese Strecke ihr ganzes Leben lang geloffen, und werde es mit ihren 84 Jahren nun auch nicht mehr anders halten.

Vielleicht grüßen deshalb auch noch beinahe alle Bauern auf den Äckern und Wiesen jedes vorbeifahrende Auto (inklusive Touristen), vielleicht wünscht einem der Priester deshalb auch noch am Dorfbrunnen einen schönen Abend und segnet einen selbst und das Auto gleich vorsorglich in einer improvisierten Kurzzeremonie mit, vielleicht gibt es deshalb noch immer Menschen, die im Herbst das Salz aus den kleinen Felslöchern am Strand aufsammeln und aufwändig von Hand von kleinen Steinchen säubern (das Kytheranische Salz schlägt dabei meiner Meinung nach jedes noch so feine Fleur du sel um Längen!), und vielleicht ist es wirklich nur der kurzen Saison geschuldet, dass man bei der Heimkehr ins Appartment einen Teller mit Kuchen und frischen Feigen vorfindet und einem – obwohl man gerade mit gefühlten zwei Dutzend Einkaufstüten vom Mini-Supermarkt wiederkommt – der Zimmerwirt vor dem Schlafengehen „noch schnell“ einen Teller mit von seiner Frau gerade frischgebackener „Spinat-Pita“ vorbeibringt, damit man nicht verhungert (Gott behüte!)…

Ich selbst bilde mir aufgrund dieser Erfahrungen ein, dass sich Kythera in diesem Punkt wirklich von anderen griechischen Inseln unterscheidet. Die Menschen hier sind eben (noch) nicht nur am Geld interessiert. Ihnen ist wichtig, dass man sich bei ihnen wohlfühlt und sie freuen sich (noch) über jeden Fremden, die auf ihre Insel kommen. Vielleicht ist das ja das Erbe der göttlichen Aphrodite. Wenn ja, hoffe ich, dass es den Kytheranern und ihren Besuchern noch sehr, sehr lange erhalten bleibt und die Bewohner dieser Insel nicht die gleichen Fehler begehen, wie sie auf Santorin oder Mykonos passiert sind. Einmal zerstört ist diese Welt und ihre Art des Lebens und gegenseitigen Umgangs nicht mehr herstellbar.

PS: Für alle, die sich jetzt fragen, wo denn dieses Bad der Aphrodite liegt…nun auch da gibt’s zwei Varianten:

Die erste liegt am südlichen Ende des Strands von Limni an einer Stelle die heute im Allgemeinen Asprogas genannt wird…Richtig geraten, es sind die komischen Löcher und Durchbrüche im Fels am südwestlichen Ende des Strandes durch die die Gischt wie in einer Waschstraße spritzt. Und ja, es gibt tatsächlich Verrückte, die meinen da ein Bad nehmen zu müssen, trotz gefährlicher Strömungen, Hoher Wellen und scharfer Felsen…Aphrodite muss einen sehr guten Neoprenanzug besessen haben).

Die Zweite liegt am Lykodemos Strand am Ende einer ziemlich abenteuerlichen Abfahrt. Es ist jedoch nicht die am eigentlichen Strand gelegene Höhle, in der angeblich auch eine Süßwasserquelle vorhanden sein soll, die aber im Bestreben den Strand „aufzuwerten“ wie auch einige der umgebenden Felsen in den letzten Jahren mit einem hässlichen Zementboden ausgegossen wurde, so dass von der einstigen wilden Schönheit wenig übrig blieb. Die Höhle die ich meine ist etwas kleiner und befindet sich ein wenig abseits des Strandes inmitten der Klippe. Für Nicht-Einheimische ist sie beinahe unauffindbar, da sie weder von See noch von Land besonders gut zu sehen und zu erreichen ist. Aufgrund des alles andere als ungefährlichen Geländes und des für Fremde gerade an dieser Stelle nur sehr schwer einschätzbaren Wellengangs, warne ich daher hier ausdrücklich sich ohne einheimische Begleitung auf eigene Faust auf die Suche zu machen! Wer jedoch das Glück hat, jemanden zu finden, wird sich an einem der schönsten und ursprünglichsten Orte der Insel wiederfinden, dessen Schönheit allenfalls mit der großen Höhle auf der vorgelagerten Felseninsel Hydra oder den Wasserfällen von Mylopotamos nach einem kräftigen Frühlingsregen zu vergleichen ist. Der Eingang zur Höhle liegt versteckt zwischen scharfkantigen Klippen knapp über Seehöhe. Im Inneren findet sich bei ruhiger See ein kleiner Strand aus großen vielfarbigen Kieseln und um einen herum leuchten im Dämmerlich zerklüftete Wände aus bizarr ineinander verschlungenen, vielfarbigen Steinbändern. Das schönste aber ist ein vor dieser Höhle gelegener und durch einige Felsen geschützter, kleiner natürlicher Meerwasserpool in dem sich, bei windstillem Wetter (und nur dann!) herrlich inmitten einer bizarren Szenerie aus türkisblauem Wasser und schwarz-zerklüfteten Felsen baden lässt – für mich ist dieser Ort das eigentliche Bad der Aphrodite, auch wenn diese Höhle wohl erst in den letzten paar hundert Jahren von den hier bei starkem Westwind wild an die Küste schlagenden Brechern aus dem Kliff gebrochen wurde und damit deutlich jünger als die antike Sage sein dürfte.

 

 

 

Reise nach Kythera, 1 – The embarkment

Ich stehe am Athener Flughafen, warte zwischen Mc… und dem kleinen Archäologischem Museum (ja, der Athener Flughafen hat sowas!)  auf meinen Anschlussflug auf „meine“ Insel und versuche mich mental darauf einzustellen, dass ich wieder einmal zwischen der Heimischen Komfortzone und einem meiner global angelegten „Feldforschungsprojekte“ wechsle. Geistig heißt das sich umzustellen, die täglichen Routinen zu vergessen und die Antennen auf Empfang einzustellen. Praktisch bedeutet es, dass ich in einem Gewirr aus Gängen, Treppen und Shops für Designmode das richtige Gate finden muss…in Athen nicht ganz einfach, weil manche Treppe zum Abflugraum recht gut zwischen Cafés und kostenpflichtigen Massagegeräten versteckt ist und auch die Schilder aufgrund der Zweisprachigkeit etwas „überfüllt“ ausfallen.

Als ich endlich die richtige Abzweigung gefunden habe, setze ich mich in die erstaunlich bequemen Ledersessel, ordne mein Gepäck in Griffweite um mich herum an, schließe für einige Sekunden die Augen und denke nach…

…Ich weiß nicht, wie es Paris ging, als er nach einer wilden Partynacht unweit des heutigen Nauplion gemeinsam mit Helena (ja der schönen, deretwegen die ganze Sache angefangen hat) ein Schiff bestieg um damit vorgeblich auf die „Insel der Seligen“ alias Kythera bzw. deren weithin berühmtes Aphroditeheiligtum zu fahren. In Wirklichkeit waren ihm Insel, Schaumgeborene Aphrodite und Heiligtum wohl ziemlich egal. Schließlich wollte er nichts anderes als mit der schönsten Frau der Antike nach Troja durchbrennen.

Mich selbst treibt etwas ganz anderes auf die vielgerühmte „Insel der Seligen“. Ich forsche – genauergesagt ich untersuche für meine Dissertation im Fach Europäische Ethnologie (früher einmal nannte sich das Volkskunde und/oder (Empirische) Kulturwissenschaft) die Auswirkungen digitaler Netzwerkmedien (Ethnoscapes/Social Media) auf Identität und Alltag der weltweiten Kythranischen Community…und da Kythera (auch Κύθηρα oder Kythira, früher auch unter dem Namen Cerigo bekannt) nunmal die Heimat der Kytheraner (selber nennen sie sich meist nach dem alten Namen der Insel Tsirigotes, (gr. Τσιριγώτης)) und mich alles, aber wirklich alles interessiert was mit dieser Insel und ihren inzwischen in der ganzen Welt verstreuten Söhnen und Töchtern zu tun hat, habe ich mich wieder einmal für einige Wochen dorthin aufgemacht, wo alles begann: Kythera. Neben den zahlreichen Wechselwirkungen zwischen digitaler und analoger „Welt“ interessiert mich dabei diesmal insbesondere, wie sich – trotz Finanz-, Griechenland- und Eurokriese – der örtliche Tourismus entwickelt, und welchen Einfluss darauf medial verbreitet Rollenmodelle, Stereotype, Werbebotschaften u.ä. haben. Daneben liegt mein Augenmerk diesmal besonders auf der (nicht zuletzt auch über die von mir erforschten Sozialen Netzwerke betriebenen) Ökonomisierung und Kommerzialisierung des materiellen und immateriellen Kulturerbes der Insel und die daran beteiligten Akteure.

Die dabei entstehende Reihe von ca. 10-15 Blogeinträgen soll dabei weniger eine wissenschaftliche Abhandlung sein, sondern eher eine Art Skizze, die mir und allen die es interessiert eine Art „spontanen Einblick“ auf das „gedankliche Innenleben“ aus dem Alltag eines Feldforschenden bieten soll. Vieles was dabei geschrieben werden wird ist eher spontaner Eindruck als durchdachtes und sorgsam angewogenes Ergebnis, eine Art Puzzle, das erst noch zu einem geordneten Ganzen werden muss. Es ist das, was der oder die Feldforschende normalerweise nicht verrät, das was „nebenher“ passiert. Eine Art „Nebenprodukt“, dass in den fertigen wissenschaftlichen Arbeiten – wenn überhaupt – nur am Rande und in Fußnoten auftaucht.

Aber zurück zu Paris und seinen Plänen…

Dass die unbedachten Handlungen des trojanischen Jungspunts – sagen wir mal – eher unangenehme Nebenfolgen hatte, weil Helenas Mann niemand anders als Menelaos der Bruder von Agamemnon (der war Herrscher der Mykener und damit niemand anders als der Obermacker von ganz Griechenland) war, kann man sich denken. Man kennt es heute noch von Diskoschlägereien und aus Kriminalromanen in denen gestandene Geschäftsmänner sich wegen einer gemeinsam begehrten Frau in die Haare bekommen und wahre Mordorgien starten um den Nebenbuhler auszuschalten. Auch Menelaos fand es garnicht lustig, dass jemand mir nichts, dir nichts die eigene Frau entführte. Er beriet sich mit dem großen Bruder und wie’s bei so fällen nunmal üblich ist: die ganze Sache eskalierte. Kurz und gut: Paris, der Jungspunt mit den viel zu dicken Eiern…ähm- Hesperidenäpfeln – in der Hose hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Was dabei rauskam? Der erste bekannte Interkontinentalkrieg – Homer hat’s etwas später den „Trojanischen“ genannt…Und ja, das ist der mit dem Holzpferd, der Laokoon-Gruppe, Brad Pitt als Achilles und Odysseus, Antenor und Aeneas, der später Rom gründen sollte…aber da sind wir schon in Folge 20.000 von Ilias und Odyssee, der Urmutter aller Daily Soaps.

Auch wenn Watteau’s „Einschiffung nach Kythera“ knappe 3000 Jahre später, die Szene als romantisches Schäfersspiel nebst Einschiffung (oder steigen sie doch schon wieder aus?) von ein paar vergnügten Rokokko-Yuppies auf ein – nicht wirklich gut zu sehendes – Schiff zeigt…wie bei solchen Sachen üblich, war auch hier von Anfang an der Wurm drinn.

Und wie alle ordentlichen Männerfreund- oder -feindschaften begann auch diese im Wirtshaus, bzw. auf einer echt krassen Party: Paris hatte Menelaos zum Saufen eingeladen, selber aber nur Selters getrunken, sich Helena geschnappt und ihr mittels einer falschen Prophezeiung weißgemacht, dass sie unbedingt nach Kythera müsste, weil Aphrodite sie da ganz dringend treffen wollte, weil sie irgendwas von ihr wollte. Was die Göttin der Liebe konkret vorhatte, oder ob sie überhaupt von der Aktion wusste, wird im Epos nicht so ganz klar, ist für den weiteren Handlungsverlauf aber auch nicht wirklich wichtig. Viel entscheidender war, dass Aphrodite – nach Paris (!) – sehr genau wusste, was sie nicht wollte. Nämlich, das Menelaos mitkam…der hatte nach der Party ohnehin noch einen Kater – war deshalb alles andere als scharf auf einen schaukeligen Bootsausflug – und hatte darum (wirklich wach war er noch nicht) erstmal auch garnichts dagegen, dass Paris ihm diese unangenehme Aufgabe abnahm…und schwups…waren Paris und Helena weg und Menelaos saß ohne Frau schön blöd da. Wirklich Bemerkt hat er das aber erst ungefähr eine Woche später…

Aber halt – was hat das nun alles mit Kythera zu tun? Und gehört Aphrodite denn nicht nach Zypern?

Well, wie öfter bei griechischen Göttern ist das ganze ein bisschen komplizierter und auch etwas unappetitlich. Zuerst muss man wissen, dass Aphrodites Zeugung und Geburt etwas – wie soll ich sagen – unklassisch von Statten ging. Zeus hatte Ärger mit seinem Vater Kronos, weil dieser Angst hatte, seine Kinder mit der Titanin Rhea könnten ihn ebenso entmachten, wie er es einst mit seinem Vater Uranos getan hatte. Deshalb fraß er seine Kinder kurzerhand einfach nach deren Geburt auf. Rhea wollte sich das als liebende Mutter aber nicht weiter ansehen und gab Kronos statt des kleinen Zeus einen Stein zu essen, und Kronos viel auf diesen Trick herein. Zeus wuchs und gedieh, kam zurück, war stinksauer und schnitt seinem Vater – wie es der Brauch unter griechischen Göttern in diesem Fall nunmal vorsah – die Genitalien ab. Was das nun mit Aphrodite zu tun hat? Well, nach Hesiod wurde die Arme aus dem Schaum der entstand als das Blut und das Sperma des abgeschnittenen Genitals des Kronos ins Meer tropfte geboren; daher auch ihr Beinahme: Die Schaumgeborene – Ihr seht: Die Griechen waren schon immer sehr gut darin etwas unschöne Dinge mit sehr viel weniger unschönen Wörtern zu umschreiben…;-)

Aber warum nun Kythera und nicht Zypern…Well, a) haben Götter selbstredend etwas größere Genitalien als Sterbliche, und so gab’s beim fröhlichen rumgeschnippel wohl im ganzen Mittelmeerraum eine ziemliche Sauerei, d.h. eigentlich hätte jede Insel und jeder Landstrich in der Nähe des Club Med das Recht sich Geburtsort der Venus (so Aphrodistes lateinischer Name) zu nennen. b) Ging’s bei Götters ähnlich zu, wie die oberen Zehntausend heute noch: Der Olympische Jetset jettete gerne und viel in der Weltgeschichte herum, und leistete sich für den Sommerurlaub ganz gerne auch mal einen Zweit- und Drittwohnsitz mit Meerblick oder ein kleines Chalais in den Bergen für den Wintersport.

c) ist die Sache bei Kythera und Aphrodite sogar noch ein bisschen komplizierter (warum auch einfach, wenn er Epos lang werden muss, damit er was taugt, wenn ihr das jetzt nicht vesteht: fragt Homer! ;-)) – oder anders ausgedrückt: Zwar gibt es auf Kythera eine wunderbare lokale Legende, die beschreibt wie die Liebesgöttin, nachdem sie auf Kythera, nicht auf Zypern den Wellen entstiegen war, die Insel etwas klein und auch recht karg fand und sich, nachdem die freundlichen Inseleinwohner ihr ein Wochenendhäuschen in Form eines Tempels hingestellt hatten, Richtung Zypern davonmachte und dort das ganze Spektakel nochmals wiederholte, aber das ist eher ein Versuch der nachträglichen Versöhnung und entspricht nicht unbedingt dem, wie die Sache zu Menelaos, Paris und Helenas Zeiten aussah.

Anders als der auf Sicherung des Alleinstellungsanspruchs bedachte Regional- und Tourismusmanager der Gegenwart, kannten die alten Griechen nämlich weder Markenschutz noch Copyright. Je nach Gusto verschmolzen sie leichter Hand auch mal drei oder vier lokale Gottheiten zu einer, benannten Alte Gottheiten um, wandelten andere in welche um, die sie schon kannten und schufen im Bedarfsfall auch mal Neue, oder recycelten einfach Alte, die sie von anderen Orten kannten. Da die alten Griechen und ihre Herrscher überdies alle von Göttern abstammen wollten, entstand ziemlich schnell ein echt griechisches Chaos aus Stammbäumen, Abstammungsnachweisen, Legenden, Mythen und Wallfahrtsstätten. Kurz-  in der Antike war es alles andere als unüblich, dass ein und diesselbe Gottheit an sehr unterschiedlichen Orten geboren worden sein konnte, unterschiedliche Eltern hatte und sich auch mal ein bisschen anders verhielt oder aussah, als man es von daheim gewohnt war. Im Zweifelsfall erfand man einfach eine gute Fortsetzungsgeschichte wie die von der Ätepetete-Göttin der Kythera zu klein und langweilig war, und die deshalb nach Zypern auswanderte…
Moderne Wissenschaftler erklären das im Falle der Aphrodite sogar genau andersrum: Die Göttinnen der Griechen waren ursprünglich entweder ziemlich frigide Nymphen und Waldfräulein a la Artemis oder echte griechische Hausmütterchen – ähm  -Drachen á la Juno und Persephone. Bei ihren ausgiebigen Schiffsausflügen in den vorderen Orient aber lernten die feschen griechischen Matrosen aber recht schnell die Vorzüge etwas freizügiger orientalischer Liebesgöttinen kennengelernt hätten und sowas dann eben auch ganz gern daheim einführen wollten  – Tja wer will’s ihnen verdenken, so eine exotisch-barbusige Schönheit hat eben durchaus was für sich. Obwohl…Sagen wir es jetzt einmal so, die alten Griechen, insbesondere wenn es sich dabei um Männer handelte hatten etwas andere Vorstellungen vom Zusammenleben der beiden Geschlechter als wir heute. Insbesondere ihr Verhältnis zu (Ehe-)Frauen war alles andre als unproblematisch. Wäre es nach Platon gegangen, hätte selbst der Name einer „anständigen“ Frau außerhalb ihres Hauses am besten überhaupt nicht bekannt sein sollen, geschweigedenn sollte sie das Haus überhaupt verlassen und an Bord eines Schiffes hatte sie schon garnichts verloren. Wie jeder ordentliche Athener konzentrierte sich Platon bei seinen sexuellen Eskarpaden eher auf hübsche junge Bengels und, wenn es denn unbedingt sein musste auf die sündhaft teuren Hetären (eine Art Edelprostituierte), die Ehefrau kam in jedem Fall als letztes drann…Sie galt strenggenommen genauso wie Sklaven und Fremde noch nichteinmal als richtiger Mensch…Es lebe das Patriarchat! Darum machte es aus Sicht der altgriechischen Männer auch durchaus Sinn, die Orientalischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinen kurzerhand zur Liebesgöttin (die übrigens längst nicht nur für die hetero-Variante zuständig war, antike Griechen dachten hier nicht in unseren Schubladen!) umzuwandeln und sie an jedem Ort an dem sie kamen mit kleinen, aber feinen Unterschieden die dem jeweiligen lokalen Geschmack entsprachen einzuführen.

Zypern erhielt dabei eine eher erotische, sinnliche und sehr stark sexuell aufgeladene Aphroditie, Kythera ein eher etwas schüchterneres, der romantischen bzw. „platonischen“ Liebe zugeneigtes Exemplar (dass sich deshalb aber noch lange nicht zu einer Artemis oder Athene wandelte und dem einen oder anderen Schäferstündchen mit ein paar schicken Jungs oder Satyrn aus Arkadien deshalb noch lange nicht abgeneigt war.)

Da die Griechen immer ein bisschen zum Lokalpatriotismus neigten und auch sonst ein paar richtig fieße Vorurteile gegenüber den asiatischen Barbaren und ihren Bräuchen hatten, bevorzugten sie die etwas hausbackenere Kytheranische Aphrodite (außerdem war Kythera einfach näher an Athen als Zypern) und machten – zumindest wenn man den erhaltenen Quellen Glauben darf – das Eiland zu DEM Hotspot der Aphroditeverehrung. Ob die Insel damals auch schon jenen Status des Refugiums der „Reichen und Schönen“ hatte, den sie heute genießt, ist den antiken Quellen jedoch nur bedingt zu entnehmen. Immerhin haben sie den idealen Werbeslogan geprägt: „Insel der Seligen“ – besser geht’s eigentlich nicht.

Und auch wenn damals entschieden mehr auf der Insel los war als heute und der noble Hafenort Skandia oder das hippe Palaiokastro noch nicht von Tsunamis verschlungen oder Erdbeben zerstört waren; Es wird den alten Griechen mit Kythera wohl genau so gegangen sein, wie uns heute mit Werbeprospekten für den nächsten Sommerurlaub: Man darf nicht alles so heiß essen, wie’s gekocht wird.

So war der kytheranische Tempel der Aphrodite eben keine marmorstrotzende Kopie des Artemistempels in Ephesos, wie sie sich Schliemann und vor ihm viele andere erträumten, sondern – und das wissen wir erst seit einigen Jahren, weil fleißige und leider reichlich unterfinanzierte Archäologen „nachgegraben“ haben – ein ziemlich einfacher (Fachwerk-?)bau, der eher einer großen Scheune als einem Tempel glich. Marmor, Gold und Elfenbein suchte man dort jedenfalls vergebens…

Damit gilt auch für Kythera, was für alle irdischen Paradiese gilt: Sie sind mehr Vorwand Trugbild, mehr Traum und Phantasie hinter denen die bezaubernd schöne, aber eben etwas bescheidenere und kleinere Realität verschwindet. Wer das „echte“ Kythera kennenlernen will, oder einfach neugierig darauf ist, was mich abermals in die Gefilde der Helenen treibt, darf in den nächsten Tagen gerne in mein „Forschungstagebuch“ reinschaun. Bis dann hoffe ich jetzt erstmal, dass niemand streikt, alle Flieger gehen, mein Autovermieter am Flughafen steht und die Götter auch sonst nichts dagegen haben, dass ich ihr ureigenstes Lieblingseiland der Schönheit, Liebe und Glückseligkeit aufsuche…

Αντίο για τώρα!

Selbstdarstellung an Weihrauch

Lebensläufe im Reliefvisier

Angehörige der Generation „Befristetes Arbeitsverhältnis“, sich im www vernetzende Kulturwissenschaftler und geplagte Kongress-Lektoren kennen die Situation. Ein alter Arbeitsvertrag läuft aus, die about-website muss reloaded werden oder die Bewerbung für den nächsten Kongressbeitrag zur Materialität von Kultur steht an.

Standardaufgabe, na und?

Well, eigentlich schon, tausendmal gemacht, tausendmal vorbereitet, tausendmal geglickt, gelesen und abgeschickt.

Und dann, irgendwann morgends um halb fünf der Alptraum: Sch…der Lebenslauf ist auch schon wieder vier Jahre alt, in der Bibliographie fehlen mindestens 3 Artikel über die fachinterne Positionsdebatte und aquatische Festräume, und in der falschen Sprache ist das Ding auch noch…und überhaupt, hatten die Interviewpartner auf irgendeiner fernen Insel nicht noch eine online-Kurzbeschreibung des eigenen Werdegangs samt Projekteinführung und Brustportrait angeregt?

Da sitzt man(n) dann schlaftrunken in Boxershorts und usbekischem Morgenmantel und überlegt, wie man das eigene Ich am besten den Spielregeln des global-angelsächsischen CVs anpasst. Hier eine Arbeitserfahrung, dort ein Abschluss…und ach ja in dem Filmprojekt hat man auch noch in mafiöser Rolle teilgenommen, nicht zu vergessen die ehrenamtliche Tätigkeit als Hochschulgruppenpräsident und Diatheksinventarisierer…

Kann man das nehmen, hört sich das nicht komisch an, und was mach ich mit dieser Lücke…wäre es nicht besser statt jenem dieses reinzuschreiben und wie um alles in der Welt erklär ich in drei Zeilen was ich da gemacht habe…

Irgendwann nach langem Hin und noch längerem Her steht sie dann, die mehr oder minder lange Auflistung des eigenen Lebens. Kreative pimpen sie noch mit einigen roten Absatzpunkten auf, und hoffen still, dass jene via copy & paste auch samt Sonderformatierung vom e-mail Bewerbungsprogramm potentieller Arbeitgeber eingelesen werden.

Seltsam, ein paar schwarze Zeichen auf weißem Papier (ja ich gehöre noch zur Generation die sich Dinge auch mal ausdruckt. Emotional-habtischer Blödsinn ich weiß, aber irgendwie sinnlicher).

Dass soll’s gewesen sein, hab ich wirklich nichts vergessen, betrügt mein Bauch oder der Ratgeber,

und wie um alles in der Welt will der andere aus den paar Wortfetzen beurteilen, wer man ist?

Ein letzter Check, danach eine Runde Schlagwortbashing, alles drinn?

Sehen sie nicht alle gleich aus, diese Lebensläufe. Gleicht ein Projekt wenn man den Titel weglässt nicht dem anderen?

Zweifel…ein Wort das in Lebensläufen seltsamerweise nie vorkommt. Genauso wenig, wie leere Blätter oder Zeit für sich selbst. Hat je jemand ein Mußejahr als Qualifikation angegeben?

Man schickt ihn ab, den Brief, sendet die mail, posted die Mitteilung am Message-board.

Just in time am gleichen Tag die Rückmeldung. „It looks a bit lik if you’d do some self-advertisement“

What the hell…

Man bastelt an der Antwort, besucht vielleicht zwischendurch noch eine Kunstaktion im öffentlichen Raum.

Was anderes als Werbung ist ein Lebenslauf? und was um alles in der Welt erwartet jemand, der keine Werbung will?

Ich mag sie nicht die immergleichen lächelnden Gesichter der Bewerbungsmatten. Alle waren beim gefühlt gleichen Herren- und Damenfriseur, alle im gleichen billigen Anzug- und Kostümeladen, alle zeigen denselben Blick von Entschlossenheit und alle wirken dynamisch.

Ich spiele Chef und wähle den, der am wenigsten danach aussieht, als wolle er einen Job.

Buon Di!

 

22. Türchen: Elchblutglögg, los alemanes loco und Fußballer im Flanellanzug

Sportschuh in Flanell

Kennt ihr das auch…man(n) sitzt völlig unschuldig vor dem Computer, transkribiert irgendein Interview zum vierten mal, weil man(n) bei der Aufnahme blöderweise vergessen hat, den Barista zu bitten keine Espresso Macchiato Bohnen frischzumahlen; Und urplötzlich öffnet zwischen biographischer Methode und objektiver Hermeneutik das Programmkino für assoziative Subgedanken…

Ich weiß, dass ist jetzt wieder eines dieser seltsam geisteswissenschaftlichen Luxusprobleme, mit dem sich Otto-Normalverbraucher nicht identifizieren kann…

Oder doch?

Fußballer in langen Winterunterhosen sehen für mich  immer ein bisschen wie Vater Ingalls im Flanellpyjama.

Ich transkribiere weiter durch Kaffeschaum und brechende Bohnen. Durch den Flur dringt penetranter Duft von Autonadelbäumen und in der zugehörigen Parfumabteilung fühlt man sich als gäb’s etwas umsonst. Die Bäume haben keine Blätter mehr, trotzdem wird’s wohl nichts mit weißer Weihnacht. Warmfronteinbruch – ein Wort wie im Kalten Krieg!

Und überhaupt und sowieso…wenn man sich gerade nich auf einer Super-Zombie-Apokalypse-Weltuntergangsparty herumtreibt, nähert sich die allseits beliebte Zeit der Jahresrückblicke, Glühweinpartys und Firmenweihnachtsfeiern ihrem Höhepunkt. Selbst die Uni veranstaltet einen Foto-Wettbewerb zum Thema „Weihnacht“ und verteilt Gewinnkarten für die’s – selbstredend nur gegen Vorlage des Studentenausweises –   Wichtelgeschenke to go im Dekanat gibt.

PS: für alle die, die’s vielleicht doch gemerkt haben: Ich benutze heute absichtlich das grammatikalisch korrekte Neutrum und nicht die vorgeblich genderneutrale Innen-Variante. Außerdem finde ich Partizipialkonstrukte immer noch anrüchig.

Zwei Denkgedangenschleifen weiter:

Zurück und vor zur vielwohlreichgeliebten Deutsche Sprache! (Es lebe das Grimm-Jubiläumsjahr!)

Im Kamingespräch der studienbegleitenden Glühweintutorengruppe des Elite-Zukünftige-Facharbeitermangelbekämpfungsprogramm des IHK Bezirkes Ostoberfranken-Nordbayern teilte mir vorletzte Woche eine junge Spanieren namens Maria-Anna voller Entrüstung mit, Deutsch sei so unglaublich kompliziert – Die ungewollte Doppeldeutigkeit der frohen Botschaft ist dem Kulturwissenschaftler in mir selbstredend nicht entgangen. Maria Anna meinte vermutlich Dinge wie Phonetik, Syntax und Grammatik, kurz: die Sprache, nicht das Sein! Ob beides aber miteinander nicht doch in kausal-semantischem Zusammenhang steht…keine Ahnung, aber wir haben zwanzig Bücher darüber in der Teilbibliothek 4!

Immer würden „die Deutschen“ irgendetwas an-, ab- oder dazuhängen, zusammen- und umstellen, permanent die Artikel wechseln und überhaupt sei alles viel zu überreglementiert und exakt – Also doch das Sein…

Im Spanischen gäb’s oft nur ein oder zwei Wörter für eine Sache und die würden vollkommen ausreichen, weil sich aus dem Kontext eh erschließen würde, was gemeint sei, alles sei viel einfacher, logischer und entspannter, aber hier…Los alemanes loco bräuchten ein ganzes Lexikon an Hilfswörtern und Vorsilben um etwas so simples wie den Weg zur nächsten Apotheke auszudrücken!

…Durch, herum, vorbei, hinunter, hinüber und gleich drüben…sie hätte eine ganze Stunde gebraucht um wieder zurück nach Hause zufinden und dann erst mal alle angeblich richtungsweisenden Ausdrücke in ihrem Wörterbuch nachzuschlagen!

und überhaupt uns sowieso sei „nachzuschlagen“ ja auch so ein typisch unlogisches und völlig überflüssiges deutsches Wort! Entweder man sucht in einem Buch nach einem Wort oder man schlägt es zu, aber beides zusammen, das können wirklich nur los alemanes!

Die junge Spanierin motzt weiter, Schweißperlen treten ihr auf die Stirn. Der Wut-Fandango geht weiter und steigert sich zu einem furiosen Stakato aus Bewegung und Wort…

…Die Suche nach der Apotheke als Paradigma innerer Zerissenheit: Ein einfaches zwei mal links und bei der Kirche rechts hättens doch auch getan. Warum, warum nur müsst ihr alemanes alles immer nur so unendlich kompliziert und unverständlich machen! Ist es das Wetter, die angeborene Griesgrämigkeit oder einfach nur die Lust an perversem Sprachsadismus?

Ich klinke mich innerlich aus dem Gwespräch, vermute still die arme Maria-Anna hatte es schlichtweg mit einem jener besonders hilfreichen Gutmenschen-Wesen zu tun, welche sich, wie es hier nunmal kulturell einkodiert scheint, in Anwesenheit fremdländisch dreinredender und -aussehender Wesen besonders deutlich und exakt ausdrücken wollten…wirklich sicher ob sie nicht doch an eine Gruppe oberbayerischer Touris geraten ist, die sich selbst nicht auskannten, das aber selbstredend in ihren Lederhosen und Haferelschuhen nicht zugeben wollten, bin ich mir aber nicht…

Arme Maria-Anna…wie soll man ihr jetzt erklären, dass Lederhosen zwar durchaus auch von Oberfranken bei Sandkerwa und Annaberg getragen werden, sie aber trotzdem vorsichtig sein muss, alle Menschen mit Lederhosen für einheimische Bamberger zu halten. Und was wird sie erst von Nietzsche, Schleiermacher oder Luhmann halten?

…Jedenfalls werde sie nicht in Deutschland bleiben…Es daure Jahre bis man sich auch nur halbwegs verständigen könne (sie hatte 7 Jahre Deutsch an der Schule und einen Kurs am Goethe-Institut, aber gebracht habe das allexs rein garnix!) und dann gebe es ja noch diese Dialekte und den „Nieselregen“…FÜRCHTERLICH!

Ich staune über das exakte Deutsch Maria-Annas, denke an Huntington und meine kläglich gescheiterten Versuche Ungarisch zu lernen…bis auf ein paar Essensvokabeln und liebevoll ausgewählte Flüche (Dank an meinen sehr darum bemühten Reitlehrer!) ist herzlich wenig hängen geblieben. Ich fühle Mitleid. Sprache kann frustrierend sein…Wetter auch. Leider bekommt das Maria-Anna nicht mehr mit…

Im Fernsehn läuft die dritte Staffel des Jahresrückblicks auf’s Special Prommi Dinner. Auch das bekannte südostschwedische Möbellager hat auf Elchblutglögg umgestellt. Die Krähenschwärme ziehen nordwärts, es wird wärmer. Ob das Christkind wohl mitsamt seinem Schlitten im Matsch steckengeblieben ist?

Was lange währt…

Fischerstechen, Sandkerwa und illuminierte Wasserfahrten

Es lässt sich nicht leugnen, wir – die Geistes-, Kultur-, Sozial-, und Medienwissenschaftler dieser Welt – schreiben tatsächlich Bücher über Bücher (manchmal auch über Filme, Poster, Bierwerbung, Grafitti, Virtual Comunities, Weblogs, Ewige Anbetungen und Keramikscherben)!

Manchmal hat man dabei Glück und man darf in sumpfigen Rundumschlägen von den Marschen des Alten Ägypters ins zeitgenössische Oberfranken schwelgen, komplizierten Familienverhältnissen habsburgischer Kardinäle und bamberger Fischerclans nachspüren, sich über ziemlich erotisch dargestellte Bauernhochzeiten freuen, über die Frage was Griechenland und Bayern gemeinsam haben nachsinnen und außerdem jede Menge Spaß bei der „Feldforschung“ zwischen“Caipi“, „Bredla“ und „Brôdwörschd“ haben. Irgendwann kommt dabei dann ein wissenschaftlicher Artikel raus, in dem sage und schreibe 27 mal das Wort „Stecher“ vorkommt. Völlig seriös natürlich!:

Er ist endlich da, der ultimativ kummulierende, aufklärende, kontextierende und mit 125 Fußnoten auf 20 Seiten garantiert nicht plagiierende Artikel zum Bamberger Fest der Feste!

Stolz!