Tageshaiku 43_Tropfenmäander

Auf weißen Kacheln,

Mäander warmer Frühlingstropfen;

Im Dampf zwei Füße.

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Schneeglöckchen und Zitronenfalter

Azurblauer Himmel über kahlen Eichen…die Türme und Dächer der Stadt, wie ein Scherenschnitt vor reinstem Blau. Auf dem Fluss ein paar paarende Vögel, an den Ufern die ersten Verliebten Paare. Dazwischen mein erster Zitronenfalter für Dieses Jahr. Um den Hals die Kamera – für die Photos – ich liebe Schneeglöckchen, vor allem, wenn man bei leichtem Wind sieht, wieso sie so heißen. Kleine grünweiße Mobiles über dem braunen Laub vom Vorjahr. Noch mehr aber liebe ich Märzenbecher. Vermutlich weil das als Kind die ersten Blumen waren, die man pünktlich zum Geburtstag meines Großvaters ins Haus holte. Dazu ein paar Winterlinge in Canariengelb und wenn man Glück hatte auch schon ein Paar Blätter Aronstab.

Ich habe Mitleid mit jenen, die im Büro vorm Computer sitzen, auch und gerade weil die Sonne so hell brennt, dass sie – passt man nicht auf – Kopfschmerzen und Sonnenbrand macht. Die Luft ist irgendwas zwischen Kalt und Sommer, ihr Geruch eine Mischung von verottetem Gras und ersten Blüten. Es gibt sie wieder: Bienen! Das Eis, vor zwei Tagen noch im Schatten ist weg, selbst die Pfützen sind verschwunden. Das Gartenamt streut neuen Sand.

Frühling kann ein Traum sein…wenn er will.

Alles Neu!

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Es gibt Tage, da ist alles neu.

Meist stellt sich dieses Gefühl ein, wenn man wieder einmal tagelang als Höhlenmensch in einem halb abgedunkelten Zimmer monoton irgendwelche Daten in den Computer eingegeben hat und – weils denn mal wieder ganz dringend und am besten Vorgestern fertig werden musste – um dem baldigen Hungertod zu entgehen allenfalls im Morgengrauen oder kurz vor Ladenschluss zum Bäcker über die Straße huschte, anstatt sich über Mittag ein, zwei Stunden Zeit zu nehmen und wirklich „nach draußen“ zu gehen.

Well…

Die Natur wartet nicht auf Bürohengste, schon garnicht im Frühjahr.

Und so kann es einem dann passieren, dass man nichtsahnend das Haus verlässt um sich inmitten fallender Kirschblüten urplötzlich von tiefstem Winter zur ersten Rosenblüte katapultiert sieht. Man sieht sich verwundert um, tatsächlich, es ist Frühling. In den Bäumen plündern Kohlmeisen die ersten Kastanienbäume und im Fluss planschen Entenkücken.

Der Wandel kann beängstigend sein – Wenn Zeit anfängt so schnell zu vergehen wird man alt hätte meine Großmutter gesagt.

Was tun, zurück ins Büro und Computer Computer sein lassen, oder möglichst schnell zurück in die Fledermaushöhle und alles ignorieren? 

Ich gebe auf, vergesse für ein paar Stunden die Zeit und ergebe mich dem Staunen über die Wunder des Frühlings! 

Und ja, ich habe mich absolut hemmungslos der kindlichen Freude über die ersten kleinen Federknäul die laut schnatternd ihrer „Mamma“ folgen hingegeben, mich mitten rein in das Schneegestöber der fallender Kirschblüten gestellt und dabei vergeblich versucht mit den Händen einige aufzufangen; Ich habe mir von der Sonne die Nase kitzeln lassen bis ich vor lauter Frühling nießen musste, und ja, ich habe auch voller Vorfreude auf den kommenden Sommer an einer nach Süden ausgerichteten Hausfassade die erste Rosenblüte des Jahres entdeckt und ihren Duft ganz, ganz tief in mich eingesogen. Und dann…dann habe ich mir ein Schälchen fränkische Treibhauserdbeeren mit Schlagsahne gegönnt! 

Schönen Frühling noch, rauß an die frische Luft und genießt ihn, solange er noch da ist!

Alexnikanor

Montage im April

April_crNein, ich gehöre wohl nicht zu den braungebrannten Halbgöttern, die mir pünktlich zum Frühlingsanfang in Bademoden von Plakatwänden ihr Bleechinglächeln entgegenschleudern. Montagmorgende sind nicht cool, sie sind schäbig, abgewetzt und stressig. Nächtliche Hahnenschreie um 2:45 machen das nicht besser, Wetter mit Hagel und Sturm auch nicht.

Trotzdem stakse sich mit meinem – selbstverständlich nur waagerecht und zu Fuß zu transportierenden – streikenden Farb-Drucker unterm Arm durch aprilliche Graupelschauer und Windböen durch die Stadt. Angesichts der mit abgefallenen Kirschblüten bedeckten Steine des Kopfsteinpflasters erweißt sich der Tausch der winterlichen Gummisolen gegen glitschig-sommerliche aus Leder als verfrüht. Mein persönliches Hanami. Ich lächle zum ersten mal an diesem Tag – würde ich in diesem Moment einen Glückskeks in die Finger bekommen und würde dieser ausnahmseise wahr wahrsagen, auf seinem Zettelinhalt stünde: unerschütterlicher Berufsoptimist.

Ich stelze weiter mit Drucker, Patronen und glitschigen Ledersohlen ins Café mich aufwärmen. Beim zurückschlagen der Winterportière empfinde ich ungewohnte Solidarität für weibliche Wesen mit drei dutzend Einkaufstüten und auf zu hohen Stöckelschuhen.

Ich bestelle, nicke freundlich, versuche zu lächeln. In der druckfrischen Morgenausgabe die Nachrichten von Vorgestern. Der beste Espresso des Stammbarista schmeckt heute nach aufgedunsenen Kernseifenresten. Es ist Montag, es ist kalt, hagelt und stürmt. Ich beginne zu verstehen, warum die Chips der Druckerpatronen heute einfach keine Lust haben, zu Arbeiten…;-)

Früh-Jahr alias Spring!

Buschwindrößchen!

Buschwindrößchen!

Spatzen, die trotz türkischem Twitterverbot ihr Zwitschern zwecks Paaranbindung unbeeindruckt fortsetzen; Krähende Hähne, die schon morgends um 4 mutig der städtischen Ruhezeitenverordnung trotzen;  Jubilierende Amseln, deren Haupt-Lebenszweck die totalderbleckung des Nachbarskaters zu sein scheint…

Es ist Frühling, zarte Buschwindrößchenblüten schwanken heiter im Wind, klebrige Phallusknospen lauern an Kastanienbäumen und auf dem dreibeinigen Cafeehaustischchen steht passend zur Annektion der Krim die erste Russenhalbe!

Wären da nicht fleißige Nachbarn, die beim ersten Sonnenstrahl zum fröhlichen Frühlingssynchronsägen blasen, die dunkel dräuende Gefahr einer Schlechtwetterfront aus Nord-Nord-West würde mich nur perifer in meinen Überlegungen zum wissenschaftlichen Langzeitprojekt tangieren – kurz, es ist Frühjahr und das Leben ist einigermaßen perfekt…
(gerade habe ich über einen Doktoranden gelesen, der seit bald 50 Jahren promoviert, der war „zwischendurch“ aber auch noch Allgemeinmedizinier)

Á propos Medizin: Unsere Frühlingsgefühle werden trotz Mafiasonnenbrille nicht von frischerblühten Veilchenteppichen, sondern vom dazwischen verrottetenden Gras ausgelößt (Methylenschock ;-), fast wie damals beim Orakel von Delphi), aber was solls, Gefühle fragen ohnehin nicht nach dem woher und wohin, was gelegentliche Messaliancen erfolgreich und jedes Jahr auf’s neue bestätigen.

und ich frage mich, ob ich nicht im vorletzten Jahr, den gleichen Stuss zum gleichen Thema fabuliert habe – vermutlich schon, und das ist gut so, denn (frisch erfundene) Traditionen, oder wie es meine akademisch verbildeten amerikanischen Freunde ausdrücken „Roots & Heritage“ (kurz: HR) halten im potmodernen Kontinuum der Zweiten Moderne schließlich Welt & Seele zusammen!

Was wäre aus uns global dislozierten Maybes denn schon ohne das noch aus herrlichen Jungmädelzeiten stammende Eintopfrezept unserer Großmütter geworden? – Erbsen, Kartoffeln, Karotten, Nudeln und Leberkäs – bodenständig deutsch eben! Welches narzistische Wrack (alias Businessperson / Veganischer Gutmensch)  wären wir heute, ohne die weisen Ermahnungen des Grundschulreligionspädagogen, der uns dereinst in weihevollem Ernst schon in der Ersten Klasse darauf hinwies das „Mildtätigkeit der Anfang aller Liederlichkeit sei, und die Armen eh allesamt in die Hölle kämen, weil sie von GOTT verworfen worden seien?“ – gut, der Mann war prädestinativer Pietist (nicht zu verwechseln mit pädophilen Creationisten!), aber ganz unwahr ist die Sache ja nicht, und gelernt haben wir dabei immerhin auch was:

Nicht jede lächelnden Blondine, die nach Einbruch der Dunkelheit in Sanitäteruniform an der Tür um mildtätige Gaben bettelt ist eine angenehme Überraschung! – die heiligen Drei Könige langen vollauf!

Zurück zum Frühjahr! Ich habe Schneckenkorn gestreut und dem Wasserhahnen im Hof einen Messingschlauchanschluss verpasst! Vorbereitung ist alles – schließlich wollen wir das Gartenjahr nicht mit nagender „german angst“ vor Nacktschnecken und unvermittelt abbrechenden Plastikdruckventilen beginnen! Die gleiche „german angst“ trieb mich vermutlich auch dazu, kurz nach Aschermittwoch meinen begrünten Pseudo-Garten-Innenhof in einen handbemaltem plastikostereibewehrtem Frühlingstraum samt Osterbrunnen, Osterstrauch und Osterhecke umzudekorieren – Es wär ja schad drum, das ganze Zeug zu haben und es dann nicht maximalsemantisch-mehrwertschaffend einzusetzen. Ein Frühlingspräventivrundumschlag sozusagen, und außerdem: der Nachbar macht’s auch! – ich mein das Ostereiergehänge. Schneckenkorn braucht er nicht, sie haben Laufenten. Und überhaupt: was kann ich dafür, das Ostern dieses Jahr so spät ausfällt?

Fehlt nur noch der Frühjahrsputz – also der drinnen – nicht der draußen, schließlich haben wir wie jedes ordentliche Haus ‚Kerwoch‘! Vermutlich verschieb ich den aber auf Sommer, irgendwas muss man ja bei 30 Grad im Schatten machen.

Schönes Frühjahr noch,

ALexnikanor

Neulich im Weltkulturerbe

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Es ist Anfang Februar. Über meinem Kopf gleitet ein Motorsegler im Tieflug. Aus einem Fenster dröhnt lautstark fränkische Folklore. Die Tische der Straßencaffees sind überfüllt mit Sonnenbrillenträgern. Auf dem Weg zur Eisdiele stolpere ich durch eine Touristengruppe – Russen, Japaner, Chinesen?

Zum Mittagsläuten vor dem Traditionslokal die Versammlung der üblichen Säufer: Mitte Fünfzig, zwei einträglich an Studenten vermietete Mietshäuser in Innenstadtlage, Leberzirrhose im Endstadium, zwei Herzinfarkte und Rosenakne. Ich lächle, sie winken freundlich benebelt zurück.

Ich wandere weiter, und endtecke zwischen aecht fränkischer Kleingartenidylle und Bio-Gemüseständen frischgebackene Muttis an Designerbuggys mit Kind. Das zugehörige Vater-Accesoire trägt in dieser Saison neongrüne Daunensteppweste nebst farblich abgestimmtem Wildlederschuh in Himmelblau.

Zwei Straßen weiter geraten gerade Gästeführer und zugezogene (!) Philosophiestutentin aneinander: Es sei zu laut, die Touris eine Plage, und überhaupt drohe der Welt Komplettgentrifizierung. Der Gästeführer bleibt sehr ruhig, zupft Brille udn Barett zuerecht, nickt Halali und erklärt dann in flüssigem Französisch, wie begeistert doch die Einheimischen über all die vielen Besucher aus aller Welt seien. C’est la vie!

Im Stadtpark stehen Verbotsschilder in vier Sprachen. Ein verspäteter Paketlaster blockiert die Fußgängerzone – Aufenthalt nur auf Markierten Wegen: Geschützer Landschaftsbestandteil! Ich kehre Heim und starte auf der Suche nach Wetter den Computer. Die Ferienwohnungsdachwebcam liefert in Echtzeit Bilder vom Regnitzstrand mit Gefängniß, noch fünf Minuten und mein Besuch kommt. Private Vollüberwachung des öffentlichen Raums kann sehr praktisch sein!

Mein Nachbarskater blickt indigniert auf sich paarende Stechmücken und fordert dann lautstark und grummelmiauend von mir Milleuschutz wie am Prenzelberg. Ich lächle ihn an und verscheuche ihn aus meinem Blumenkasten. Schnittlauch und Blattläuse brauchen ihre Ruhe!

Es ist Frühling im Weltkulturerbe.