Ideen bei Regen

Blitzgedanken

Blitzgedanken

Morgen ist noch in Unterwäsche. Man sitzt, sieht hinaus, sehnt verlassen nach südlicher Sonne und Sommer, und draußen ist nur kaltgermanisch-vertrauter September in Grau. Vor dem Bett liegt geknickt eine Zeitung; vom Vortag!

Und ich sehe nicht hin. In den Ohren vermischt klingt das Brummen der Morgenbaustelle mit Regen. Und man lehnt sich zurück, schließt schlaftrunkenen und öde die  Augen. 

Sie dich um, und seh‘ nichts! Tritt hinein in den Raum im Dazwischen! 

Und man wartet geduldig im Schwarz. Und die Augen, sie werden zu nutzlosen Klumpen. Kein Außen, nicht jetzt und mit Glück auch für ewig! Der Moment wird zu Zeit, und die Zeit wird zum Ort, und der Ort wird zu Funken.

Ohr- und Augenaussichten…

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Ohr- und Augenaussichten

Es werkelt und wackelt, quietscht, zischt und brummt, es hämmert und wummert, und bummert und kleppert und kreischt, und klatscht und knurrt…Gleich neben dem verblühten Apfelbaum, unter den anachronistischen Drahtflügeln einer vergebens auf analogen Satelitenempfang wartenden Fernsehantenne, rechts neben den grünangelaufenen Domspitzkreuzen, kurz, vor meinem Schreibzimmerfenster breitet sich – Monate schon – ein sich aus sich selbst neuerzeugendes Baustellensuchbild aus. Lebendig und laut und nicht statisch und leise wie einst auf den übergroßen Vierfarbenhochglanzdruckseiten des Kinderbuchs. Da Steigen die Schreiner über zitternde Latten, ein Lehrling vergeht sich lustvoll am laut aufheulenden Kreissägenblatt, ein leicht schwerhöriger Meistergerüstbauer werkelt vergnüglich mit Fertigstahlrohren, mit Muttern und Schrauben und Klemmen und mit braundunkelorangenen Zwischenböden, die aussehen, als seien sie gerade aus einer 70er-Jahre Schlafzimmertapete mit Prilblumen gefallen. Die Dachdecker frönen dem exzessiven Bolzennageln, ein Junglehrling reicht schließlich die Ziegel an und selbst der geistig stets etwas zurückgebliebene Nachbarskater – ein Womenizer vor dem Herrn – stellt für den Moment das vergebliche Amselgejage ein und nimt leise maunzend, manchmal aber auch fauchend den überdimmensionalen Kratzbaum samt Sonnenterrasse ein. Schließlich kann es nicht sein, dass ein solcher Aufwand für Herrchen und Frauchen und Laufenten und Hund und schon garnicht für die graugetiegerte Nachbarskatze gemacht wird. Nein, wenn sich nach 40 Jahren Verfall, Eternitplattengrau und wildwuchendem Efeugeränk jemand die Mühe macht alles schön neu und praktisch herzurichten, dann muss das alles ja definitiv für ihn sein! Was sollten Menschen auch mit einem neu eingedeckten Dach, einem sanierten Dachstuhl und einer halbfertigen Dachloggia anfangen? Eben!

Heute morgen haben die Dachdecker die Ziegel verlegt, oben am Rand und an der Seite des kleinen Daches des schwarzverholzten Anbaus fehlen noch ein paar. Trotzdem sind sie weg, und der Lastenaufzug steht plötzlich von allen Lasten verlassen und sinnlos geworden im Nirgendwo. Nachdem meine Ohren sich monatelang ganz  mühsam schon fast, aber nie wirklich ganz, an die vorgeblich lärmschützenden, wirklichkeitshalber aber Druckstellen verursachenden Wachspropfen und die heiter-verdummende Baustellenradiodauerbeschallung nicht-gewöhnt hatten, wirkt die plötzlich hereingebrochene Sonntagsruhe des Feierfreitagabendnachmittags als hätte ein plötzlicher Stromausfall alles ganz wie aus versehen geflissentlich lahmgelegt. Ich warte auf Stimmen und sehne nach Krachen von fallendem Ziegel. Nichts, Nicht mal die chronisch neugelangweilt-gestresste Altmutter des jüngeren do-it-yourself Bauherrn plärrt ihre kaltfränkischen Anfragen. Alles still, selbst der Kater hat sich lautlos und schweigend verzogen. Nur Amsel- und Grünfinkrabauken, lässt sich selbst vom schlechtleunigen Grauwetter nicht vermießen ihr Revier lauttrillernd in die Totenstille des Spätfühlingsfeitags mit arktischer Kaltluftzufuhr hinein zu markieren. Alles wartet. Am Montag, am Montag da komme sie, sie komme die Abdeckung sagt C. der freundliche Gastwirtssohn mit geistigem Handicap und schwenkt einen Turnschuh und freut sich, wie immer.

Der Wind zeigt sich verständnislos. Der unfertigen Terrasse ein leichtwirsches Planenknattern! Dann ist sie zurück und ein kreisender Motorsegler vertreibt Amseln und bringt noch mehr Touristen. Stille kann beängstigend sein.

Dachschaden

Dachschaden

Schokoladenbeblättert der einsame Hof,

dünn sind sie geworden, die farblosen Äste des Wilden Weins.

Metallzahnbedingte Verspannung der Nerven.

das Baustellenradio spielt heitere Volksmusik!

Wie fallende Sterne, die Plastiksackleichen.

Wartend und strohgelb die Bretter am Baugerüst.

Das Rad eine stechende Operndiva,

begleitet von maulfaulen Männern und Kirschbaumzweigen.

Am Abgrund in feurigem Cochenille-Rot:

das lustlos-verlassene Sicherheitsnetz.

Flutwerferspiele auf fleckiggeschattetem Sägemehl.

Dazwischen zwei Elstern im Abendgrau.