„Geliebtes Bamberg“ oder „Auszug aus dem Tagebuch eines Feldforschenden“

Apfelweib

Bamberger Apfelweib

Ok, ok, ich geb’s ja zu, die Nora vom Künstlerhaus ist mal wieder schuld… und ihr wundervoller Bambergtext-Like-Post vom netten (s. Kommentareinträge auf Facebook)  Herrn Ritter und die Rattl vom Kaulberg, E.T.A. Hoffmann und natürlich Hegel…sie alle sind schuld. An was?

Selber lesen, sonst wär’s ja einfach…

1. Juni: Auszug aus dem Feldforschungstagebuch, O-Töne:

„Das Unsicherheitsgefühl normaler Passanten kann da durchaus nachvollzogen werden!“

„Nimmä noch soffad daana Bressoggbrôdzn von maim Lugsusorsch du Dreckszupfä‘…“

„Bambergerinnen sind herzlich, das ist schon E.T.A. Hoffmann aufgefallen, und der „Kriech“ um den Freibierausschank im Sand ist mindestens so alt wie die Elisabethenkirch, meint jedenfalls der Paschke, und wenn der’s nicht weiß, dann wer denn sonst?“

„Da sitzen’s wieder die Studenten und verschandeln uns as ganze schöne Bedongländer auf der Unteren Brück’n! Am besten wir rufen beim Tourismusamt an und streichen die nächste Expedition ins Quartier Latin [int. Touristensprech = Austraße] bis wir die inadäquat gekleidete Subrenitenzkultur gegen ordentlich zurechtgezupfte arisch-blonde blauäugige  BWLer mit Smartphonedirektberatungsapp und cappuchinosaufende Latte-Matschiado Mütter OHNE sichtbehindernden Kinderwagen ausgetauscht haben, schließlilch ist man sich das als Weltkulturerbe-Premium-Marke einiges schuldig, als allererstes Ordnung!“

„Am End sind’s dänn nôch voa unsärrä Ferienwohnungn die lônghôorichn Hôschischgiftspritzä…Ledtzda Wochn hôdd nôch scho aans obgsächd, zu Fronleichnôm, stelln’s innä des môl vô, Fraa Müllä, 400 Euro Verlust, ich sôochs innän…in aanä Wôchn…wenn des nôch so weidägechd…Ôllmächd…un älls bloß wegn denna G’schdudierdn…ich brauch’s fei ned!…“

„Allmächt die Ferienwohnungsmafia…auch wenn das hier niemand sagt, man ist am Kaulberg froh über jedes abbruchreife Häckerhaus.“

„Dô reißn mir öllas ôb, des gônz öld Grôffl, un nôch, nôch baun’ mir äs widdä neu auf und vermiedn’s rechd deuä! (schelmisches Lachen, Verbrüderungsgeste)“

„Und der Denkmalschutz?“

“ […] der Nachbar macht’s schließlich genau so…und wenn’s a Geld bringt…“

„Bratwurstschwaden ziehen über den Platz, eine junge, modisch gekleidete Frau nähert sich mit einem Kleinkind“

„Wenn’s d nôch da Roffl ned häldst sschdopf ich sä diä mid Rossäpfln…“

„Als ob’s die noch gäb! Aber die Geschichte von den armen Barock-Kindern in der Sutte, die nichts anderes zum Spielen als Rossäpfel und sich selber hatten ist einfach zu nett um darauf zu verzichten. Fast so gut, wie die von der Rattl in der Advendlichen Besinnung bei den Karmeliten!“

„Und ôch, hôssd as aa schô g’hörd, As Kunni vom Äußeren Löwengrôbn is g’schdôrm…aanfôch a so…“

„Und wôrum erzälds’t miä des nôch?“

„Nô ich hônn noch hold docht…Ihrä Wohnung wird nôch denn jô frei…“

„…und bevor’s as an Türgn odr Sschdudendn vermieten dunn…“

MAXQDA-Vermerk im Transscript:

„Xenophobie“?

Interviewauszüge, merken!: 

„Nein mit Fremdem hat man es hier nicht in der Fränkischen Provinz, außer sie sind reich, kaufen ein, trinken Schlenkerlá [int. Touristensprech = Touristenbier] und verschwinden nach spätestens zwei Tagen wieder…“

„Und überhaupt:  Man stelle sich vor, Studenten in der eigenen Nachbarschaft! Alkoholparties, Orgien, Drogen und am End und überhaupt…am End müsst man das gute Gästezimmer dann auch noch billiger weggeben. Und die Plätz auf’m Keller machn’s einem auch streitig…Touristn-Ausländer-Studenten-Gwaaf elendich’s!“

O-Ton II: 

„Bombay please…“

„Um meinen seit 10 Jahren andauernden Binnenexotikschok zu bekämpfen ziehe ich mich vorschriftsmäßig in die „Außenauschankfläche“ zurück.  Vielleicht klappt die sprachliche Inversionstäuschung ja diesmal und ich bekomm wirklich meinen Pompeij-Cocktail…andersrum funktioniert’s jedenfalls.“

Kolloquiums-Ankündigung: 

„Bamberg ein leicht psychodelischer Adventskalender mit latentem Touristen- und Alkoholproblem“

Eigengedanke: [Ja Herr Professor.]

Auszug aus literarischer Reisebeschreibung: 

„Ich schiebe mich durch die Pfingstwochenende-Massen, beobachte schrumplige Amerikaner in Kakibraun beim Bierkrugkauf, Japaner mit gespenstischen Mundschutzvorrichtungen, die sich gegenseitig vor dem Alten Rathaus ablichten, umherbewundernde Russen auf Antiquitätenshoppingtour…Ja mai frängisches Römla ist schön…“

Werbeauszug, Bamberg: 

„Unsere Marktanalyse unterstreicht mit dreistelligen Amortisationsraten das hohe Investment-Potential der lebens- und liebenswürdigen Bamberger Kernstadt…“

Experten-Interview, Gentrifizierung: 

„Könnt man jetzt auch Venezianisierung nennen. [Sie kennen Venedig?] Der Metzger wird zur Konditorei, das Modegeschäft für die übergewichtige Frau Ab 50 zur Eisdielen-Franchise-Konzeptgastronomie-Filiale (ob das aber ein Rückschritt war, weiß ich nicht…na ja, vielleicht für die übergewichtige Frau ab 50), das Kurzwarenfachsortiment mit angeschlossen-obligatem Ratsch zum aseptisch-stillen Innendesign-Mekka für Fortgeschrittene und die Stammkneipe zum Pizza-Döner-Imbiss…Nein, da ändern auch die nettn „Gschichtla“ von der Rattl nix. [Sie kennen die Rattl?]“

„Und doch man lebt und lebt recht gut zwischen Mälzereiduftwolken und zum letzten Abwehrkampf rot beleuchteten Burgzinnen.“

Anwohnerstimmen: 

“ Gônz billich is es nôch hald ned…“

„Aber wer will das schon [meint Jugendkultur], außer den Haschischgift-Studenten und alleinerziehenden Zupferschlampen, die zu blöd waren „ihren“ Ami zu heiraten? (lacht heftig).“

„Maana Döchdr heirôdn ämml reich, sonst ändärb ich’s!“

Eigengedanken, Forschungstagebuch, 1.06.2013: 

„Na dann, dann ist ja gut…“

Schlusswort/Fazit: 

„Schönen verregneten Nachmittag noch…und ja, ich liebe Euch, liebe Bamberger, liebe Bäckersfrau, liebe Rettl, liebe cappuchinossaufende Latte-Macchiato-Mutter, lieber Haschischgiftspritzer, lieber Immobilienmakler und auch Euch liebe Touristen, Ferienwohn(-ungs)hausbauer, Studenten von der oberen und Unteren Brücke, geliebte Zupferschlampen & Zupfer, Metzger, liebe Geschäftsinhaber ohne Öffnungszeiten, übergewichtige Frauen ab 50 und auch Du, hochgeliebter Eisdielen-Franchisenehmer und ja,  ich liebe auch Euch [ehrlich!]: liebe Nora & lieber Herr Ritter, der immer so nett ist [Komentarfunktion].“

PS: 

„Und ja…ich bin nicht nett…das sind genug andere!“

„Danke!“

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2. Türchen: Kerzenschein, Sitar und Singlemalt

indian light

Bei Kerzenschein das zweite Türchen im Adventskalender aufmachen, den tanzenden Schneeflocken vor’m Fenster zusehen, sich’s auf einem der Perser bequem machen, Wasserpfeife rauchen und dazu ein Sitarsolo von Anoushka Shankar hören (z.B. „In your eyes“ aus dem „concert for george“ von 2002) …wenn ich jetzt noch ein Gläschen Islay find, ist die Welt genau so, wie sie sein soll! +

Von Chantal und den zerquetschten Clementinen

Bild

In trauter Zweisamkeit vereint plärren das Kevin und das Chantal an der Supermarktkasse nach ihrem Nikolausi. Mandy, 19, dreifache Mutter mit deutlich sächseldem Akzent greift lässig in die Backfrischtheke und stopft ihren „Älteren“ mit zwei echtkrossen Grossängs das Maul. (22 Sekunden später entsorgte das Chantal das angebissene Grossäng in der Plastiktütenablage und brüllte weiter nach ihrem Nikolausi).

Ich fliehe und lege als Übersprungshandlung eine garantiert für alle Kochflächen geeignete Servierpfanne mit Glasdeckel und 25 cm Durchmesser in meinen Einkaufswagen. Sonderangebot, rot ausgezeichnet!

An der Kasse locken Parfumadventskalender. Ich wiederstehe. Ein Fehlkauf pro Tag genügt!

Draußen beglückt einer der ortsansässigen Alkoholikerazubis vom Fachbetrieb Jugendstiltoilettenhäuschen mit der Mitteilung ob ich im nicht nen 5er für nen Glühwein hätte. Es sei kalt. Das hinterher geschobene Lächeln wirkt ausreichend natürlich. Ich bin nett (oder ist es nur der um diese Jahreszeit um sich greifende Mildtätigkeitskomplex?) , stelle meine fünfzehn Einkaufstüten, einen Regenschirm und zwei Bündel Tannengrün zu Boden , geb dem Jungsandler 50 Cent und ein Hustenbonbon und mache mich mit gefühlten 4 Einkaufstüten weniger auf den Weg in Richtung Bus. Eine Rolatorbesitzerin stellt sich kurz vor Ankunft der Klinikumslinie zwischen meine Einkäufe. Die Knie, in meinem Alter, ach wissen sie, früher hät’s das ja nicht gegeben…

Ich arrangiere um. Das Ende meines Regenschirms landet in der goldgesprenkelten Sporttasche eines 17-jährigem mit russisch-kasachisch-deutsch-rumänischem Migrationshintergrund.

Finstere Blicke und die Feststellung: Salatköpfe und Gelbe Rüben taugen nur bedingt zum Einsatz als Panzerabwehrraketen.

Eingequetscht zwischen drei dutzend Schülern im Justin-Bieber-Gedächtnislook, einem überdimensionieren Kinderwagen namens „Citycruiser“ , zwei Hunden (Namen unbekannt) und einer Weihnachtspyraminde made in Vietnam wächst die Erkenntnis, dass öffentliche Nahverkehrsmittel definitiv nicht für den umweltfreundlichen Heimtransport der wöchentlichen Grunddosis Konsumgüter geeignet sind, auch nicht für den eines Einpersonenhaushaltes!

Sertatc und seine übergewichtige Schwester Aigün streiten sich um den Gameboy, eine junge Frau gibt die fleischgewordene Maria Lactans und säugt ihr quängelndes Neugeborenes, ein BWL-Student im 2. Bachelersemester lehnt genervt über einem nachlässig verschnürten Packet mit neuerworbenem Snowboard. Eine blondgefärbte Oststadtschönheit verliert die Contenance und brüllt „Jetzt langts endgültig“. Ich sehe mich um, die Wutattacke galt dem Kind, nicht mir, ich atme durch.  Bustüren öffnen nach innen und zerquetschen die neuerworbenen Clementinen.

Ich drehe mich um, sichere den nur minimal lädierten Regenschirm samt Tannengrün, fädle meine kalbslederbeschuhten Finger um Tragetaschengriffe und fluche, weil ich vergessen habe, zuvor den Halteknopf zu drücken.

Weihnachten kann kommen!