„Die spinnen die Griechen“ – oder: „Warum wir alle lernen müssen, ein bisschen weniger Götter und Banker zu sein!“

Hellas !

Hellas !

„Die spinnen die Griechen!“ – In Abwandlung des berühmten Asterix-Zitats ließe sich so oder so ähnlich wohl am ehesten die Reaktion der nicht-griechischen Welt auf den heutigen Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza an diesem für das weitere Schicksal Griechenlands so bedeutungsschwangeren Abend zusammenfassen.
Griechenland hat gewählt und der Rest der Welt fasst sich an die Stirn und fragt sich: Wie um alles in der Welt kann man nur so dumm sein? Da posiert ein wildgewordener Linken-Chef in Siegerpose,  verspricht das Blaue vom Himmel und fordert im gleichen Atemzug hunderte von Milliarden an Reparationszahlungen von Deutschland für angeblich nie gesühne Nazi-Greul; und was geschieht? Der Großteil des griechischen Wahlvolkes glaubt und wählt ihn!

So weit so gut, und so viel Vorurteile und Missverständnisse.

Sicher, es soll tatsächlich – noch oder schon wieder – Griechen geben, die glauben, die EU und der Euro könnten ohne Griechenland nicht existieren. Schließlich sei Griechenland ja die Mutter der Demokratie und der Ursprung aller Europäischer Kultur; ja einige sollen sogar glauben, dass die einzig echten Menschen Griechen sind, und alle anderen nur eine Art „Untermenschen“…

Meine Erfahrungen mit „den Griechen“ ist eine vollkommen andere und die große Mehrheit von ihnen denkt auch nicht so. Sicher, die Reparationszahlungen sind ein heikler und rechtlich, wie moralisch alles andere als einfacher „Wunder Punkt“, der die gegenseitigen Beziehungen beider Länder seit langer Zeit belastet. Uns sicher, es erscheint aus Deutscher Perspektive geradezu verrückt ausgerechnet die Hand zu beißen, die einen füttert und statt auf die eigenen Fehler zu schauen, Deutschland (und die Deutschen) zum Feindbild nummer eins zu machen, welches für alles verantwortlich ist, was in Griechenland seit 70 oder noch mehr Jahren schief läuft.

Aus griechischer Sicht ist das aber nicht der entscheidende Punkt. Die meisten Griechen wissen nach 4 Jahren Krise schlichtweg nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Sie wissen nicht, wie sie ihre Ausbildung, Rente oder Krankenkasse finanzieren sollen und sie wissen nicht, ob es überhaupt je möglich sein wird, in ihrem eigenen Land je wieder ohne Angst vor dem was kommen wird zu leben. Da wird man anfällig für große Versprechen und scheinbar einfache Schuldzuweisungen. Gerade wir „Deutschen“ sollten das wissen.

Ersteren Griechen, so es sie den gibt, möchte ich nur sagen: Auch ihr seid ihnen aufgesessen, den romantischen Erfindungen fleißiger Weltverbesserer, den großen Ideen und Utopien, den Heldensagen und Traumvorstellungen von eigener Größe, Stärke und Bedeutung, die wir – die Deutschen – Euch mit Hilfe fleißiger bayerischer Staatsbeamter im Dienste Eures ersten Königs Otto um 1840 vermittelten. Wir waren es, die Euch, die gequälten, gedemütigten, erniedrigten und beinahe untergegangenen griechischen Bauern, Tagelöhner und Kleinunternehmer zu Halbgöttern (v)erklrärten und so garnicht verstanden, weshalb der oder die „normale“ Grieche/in kein Herakles, kein Apoll, keine Aphrodite und auch keine Athenä war (und es, zumindest damals noch, als gute/r Orthodoxer Christ/in auch garnicht werden wollte…) Inzwischen haben wir es mit Hilfe zahlreicher griechischer Politiker, Lehrer, Demagogen und Bauernfänger, Romantiker, Utopisten und sonstigen Weltverbesserern doch irgendwie geschafft Euch davon zu überzeugen, dass ihr, wenn schon nicht Götter, so doch beinahe göttliche Menschen seid, die im schönsten, größten und wichtigsten Land der Welt leben, in dem alles was je Kultur und Zivilisation ausmachte und ausmachen wird seinen Ursprung fand. Gut hat Euch diese Form „Hybris“, die sich, wie der Kundige weiß vom Wort „hybrizomai“ für „(sich) verletzen bzw. verletzt werden“ ableitet, nicht getan…

Und ihr? Anstatt den Deutschen zu erklären, dass die griechische Realität des frühen 19. Jhdts. die eines bitterarmen von Krieg und Ausbeutung gebeutelten und erzorthodoxen Bauern, der kaum seinen eigenen Namen schreiben konnte war, wart ihr geschmeichelt – wer wäre es nicht – und irgendwann habt ihr dann tatsächlich geglaubt; geglaubt dass Eure Vorfahren tatsächlich Götter und Heroen waren. Das schon die antike Realität anders aussah, dass Demokratie, Vernunft und Schönheit auch schon zu Platons Zeiten für die Meisten reine Utopie waren, und dass auch damals 99,9% der Bevölkerung weder das Geld, noch die Bildung, noch die Zeit noch das richtige Geschlecht hatten um in schattigen Wandelhallen zu philosophieren, nun…die Geschichte vom Volk der Götter und Philosophen war eben schöner – und mal ehrlich, wären wir nicht alle gerne ein bisschen Achilles und Helena, natürlich nur in der Besetzung mit Brad Pit?

Den Griechen aber, die sich nicht auf ihren inneren Olymp geflüchtet haben (sie hätten, wie jeder Mensch der in die Enge getrieben wird jedes Recht dazu!), jenen, die Angst vor dem Morgen und dem was noch kommen mag haben – und das sind die meisten – kann ich eigentlich nichts sagen. Jedenfalls nichts, was nicht irgendwie überheblich, besserwisserisch, gutmenschlich, geheuchelt oder auch nur mitfühlend aber falsch klingen würde. Die Lage ist hoffnungslos – da gibt es nichts zu beschönigen, und ob sie je wieder besser wird…wir können nur hoffen. Hoffnung, auch und gerade trotz allem! Dass einige von Euch jene Hoffnung nun in den Versprechungen der Syriza oder der Goldenen Morgenröte suchen…Allas…wirklich übelnehmen kann ich Euch das nicht. Ich kann nur davor warnen, die Realität mit einem Traum oder einem einfachen Feindbild zu verwechseln…Es wird nicht besser, wenn man davonläuft und statt auf die eigenen Fähigkeiten auf die Heils- und Lösungsversprechen anderer vertraut. Gerade wir „Griechen“ sollten das wissen. Wir haben wahrlich genug schlechte Erfahrungen mit noch schlechteren Politikern und ihren noch viel schlechteren und in höchstem Maße egoistischen Ideen gemacht…und trotzdem, wir hoffen immer weiter, vertrauen immer weiter…vielleicht ist das unsere größte Stärke, aber diese unerschütterliche, immerbleibende, unausrotbare und bis an und über die Grenzen aller Vernunft gehende Hoffnung auf ein besseres Morgen und eine bessere, gerechtere, schönere, glücklichere Welt ist eben auch unsere größte Schwäche, weil sie uns angreifbar macht für Demagogen;

Vielleicht hat aber auch Nikos Dimou – jener im eigenen Land so wenig geschätzter und gerade deshalb so weiser und scharfsichtiger Philosoph- recht; vielleicht stimmt es ja, und „Die Deutschen sind an allem Schuld“. Wir die „Germanoi“ und vielleicht auch noch ein bisschen Lord Byron waren es schließlich, die Euch erst den Floh vom „Griechen“ als Prototyp des „Schönen, Guten und Vernünftigen“, des Proto-Europäers, und Griechenland als Ursprung aller Kultur und Zivilisation ins Ohr gesetzt haben. Und wir sind es heute, die an Euch diesen von uns gezeugten Floh und seine unerwünschten Folgen als angeblich erzgriechische Unvernunft brandmarken!

Nicht genug damit. Wir waren es auch, die gemeinsam mit den anderen EU-Gründerstaaten in den 1980ern eine Expansion der „europäischen“ Idee in den Süden und in den 2000er Jahren einen Beitritt Griechenlands zum Euroraum für „wünschenswert“ hielten – und sei es nur, um damit der Sowjetunion zuvor zu kommen, ein wirschaftliches Gegengewicht zur USA zu schaffen, oder unserer Wirtschaft neue Märkte zu eröffnen. Um Euch, Eure Wünsche, Eure Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen –  geliebte Hellenen – gieng es dabei nie. Vielmehr haben wir gar nicht erst gefragt ob Eure Ideen, Wünsche, Ängste und Hoffnungen mit den unseren identisch waren. Wir haben einfach vorrausgesetzt, dass ihr genauso tickt wie wir. Schließlich seid ihr ja die wahren Väter und Mütter Europas (na ja, die stammte eigentlich aus dem Libanon und wurde erst von einem griechischen Stier namens Zeus entführt, aber wer kennt sich heute schon noch so gut in griechischer Mythologie aus…) Nachgefragt haben wir hingegen erst, als sich herausstellte, dass dem nicht so war.

Und mal ehrlich ebenfalls geliebe Γερμανοί (Deutsche): Würdet ihr euch um so etwas Schnödes wie Geld, Staatsverschuldung und ein effizientes Steuer- und Wirtschafssystem kümmern, wenn man Euch von Winckelmann bis zum Brigitte-Heftchen erzählen würde, dass ihr in direkter Linie von Göttern und Heroen abstammen würdet, ohne Euch die gesamte europäische Kultur nicht denkbar wäre, und Euer Land das schönste, beste und perfekteste unter der Sonne ist? Wohl eher nicht!

Vermutlich ist es dieses grundsätzliche Schisma (und ich verwende hier sehr bewusst das griechische Wort), diese grundsätzliche Unvereinbarkeit von Anspruch und der historischen, ökonomische, politischen und ganz physischen Wirklichkeit Griechenlands, dieses „Nicht-sehen-wollen“ und „Myhtologisieren“ von allen Seiten, die uns gemeinsam mit der fraglichen Lehre von ewigem Wachstum erst in diese Krise geführt haben. Ich sage uns, denn wir alle waren daran beteiligt. Wir alle wollten glauben, haben nicht so genau hingesehen und einfach vorrausgesetzt, dass der Andere genauso denkt und träumt und handelt wie wir. Leider haben wir dabei vergessen, dass Träume etwas sehr individuelles sind und längst nicht immer gut ausgehen.

Und nun?

Nun weigern sich alle aufzuwachen. Brüssel und die von Reichtum verwöhnten Länder des Nordens tun noch immer so, als würde sich alles lösen lassen, wenn man nur die „richtigen“ Reformen durchführen würde (und ich bin mir sehr sicher, dass niemand sicher ist, was eigentlich „richtig“ ist, abgesehen von ein paar Wirtschaftswissenschaftlern, aber die waren für die Zuverlässigkeit ihrer Prognosen noch nie sonderlich bekannt).

Auf der anderen Seite sagt, denkt, fühlt und erfährt die überwiegende Mehrheit der Griechen und der anderen Bewohner der „wirtschaftlich schwachen EU-Staaten“, dass es erst diese Reformen waren, die ihr Land von einem irdischen Paradies in eine menschenfeindliche Hölle verwandelt haben (ich vereinfache, aber das tun Märchen immer).

Es sind diese seltsam „egozentrischen“ Argumente beider Seiten, die beiden Seiten gemeinsame und vollständige Unfähigkeit über den eigenen Tellerrand hinauszusehen, die mich fatal an die Symptome eines Krankheitsbild erinnern:

Manische Depression, von miraus auch Bi-Polare-Störung, vielleicht passt letzteres ja noch besser…

Gemeinsam ist beiden Krankheitsbildern, dass die Betroffenen nach und nach den Bezug zur Realität verlieren. Sie wollen wortwörtlich die Zeit anhalten, sehnen sich zurück in ein retrospektiv verklärtes goldenes Zeitalter, das so nie existierte, und verfallen in panischen Aktionismus und/oder Schreckensstarre, wenn sich diese Phantasie als Utopie entpuppt. Dabei können sie irgendwann nicht mehr zwischen „wichtig“ und „unwichtig“ unterscheiden, geraten ins Grübeln über den eigenen, als unerklärlich und unverschuldet empfundenen Misserfolg, verfangen sich in Gedankenschleifen, über- oder unterschätzen Dinge und werden in ihren Handlungen immer irrationaler und unberechenbarer – auch und nicht zuletzt für sich selbst, Kurz: Eine Art Kernschmelze des eigenen Ichs bei dem das eigene Denken und Handeln „aus dem Gleichgewicht“ gerät.

Es sind dabei nicht Faulheit oder mangelde Leistungsbereitschaft, die die meisten Personen in diesen Teufelskreis lenken, sondern gerade deren Gegenteil. Zwar befallen Depressionen alle Typen und Schichten, doch gerade besonders leistungsfähige, kreative, intelligente und gut ausgebildete Menschen scheinen besonders gefährdet an der schwersten Form Depressionen zu erkranken, da ihnen – wortwörtlich – die Realität ihres alltäglichen Lebens am ehesten „über den Kopf wächst“ und sie sich erfahrungsgemäß besonders lange weigern sich selbst einzugestehen, dass dem so ist. Und ja, es sind wohl auch die Gene. Nicht zuletzt ist es aber auch die Reaktion der Umgebung und Ereignisse in der eigenen Biographie, die die Symptome verursachen, verstärken oder abschwächen kann. Kurz: Einfache Erklärungen und Mechanismen für diese Krankheit gibt es ebensowenig, wie einfache und kurzfristige Lösungen.

Anders ausgedrückt: Eine Depression gleicht einem sehr wirren und über lange Zeit gewachsenen Gestrüpp von übersteigerten Erwartungen, falschen Selbstbildern, Vorurteilen und unerfüllbaren Lebensentwürfen über den sich eine neblige Winternacht gelegt hat, unter dem aber irgendwo noch ein formaler, wohlgeordneter Barockgarten verborgen liegt. Dieser Garten blitzt manchmal noch unter all dem Unkraut durch,  scheint für den Beroffenen aber in aller Regel auf alle Zeiten verloren. Und wie bei allen verwilderten Parks ist es, ohne eine genaue Ortskenntnis und überdies bei Nacht ziemlich schwierig wieder herauszufinden, aber es ist durchaus möglich, vor allem dann, wenn man bereit ist Hilfe anzunehmen, auch, oder gerade weil diese im Moment der akuten Krankheit als vollkommene Zumutung empfunden wird.

Medikamente können dabei helfen. Wie bei allen sogenannten „Geisteskrankheiten“ gehört auf lange Sicht aber auch die kritische Reflektion des eigenen Denkens und Handelns hinzu, wenn sich etwas ändern soll. Dies ist nicht einfach und ist schon garnicht in Eigentherapie zu leisten, sondern benötigt die Hilfe Anderer, die sehr genau wissen was sie tun. Wie bei keiner anderen Krankheit ist dabei die Gefahr an selbsternannte Wunderheiler und gutmenschliche Allesversteher zu geraten besonders hoch.

Auf staatliche Ebene und damit Griechenland bezogen wären die Medikamente die „Reformen“ – doch muss man hier, wie bei allen Medikamenten höllisch genau darauf achten, dass sie weder überdosiert noch falsch kombiniert werden. Schon garnicht darf man ein Medikament nur deshalb einsetzen, weil es vorgeblich alternativlos ist und deshalb sämtliche Nebenwirkungen ignoriert werden können. Vielmehr brauchen die Patienten eine individuelle, auf ihre eigenen Bedürfnisse, Zustand und Leistungsfähigkeit abgestimmte Behandlung. Schocktherapien führen dabei meist nur zu einer Verschlechterung mit nicht selten tödlichen Folgen.

Genauso wichtig ist aber auch, das die Patienten lernen sich und ihre Handlungen anders wahrzunehmen. Man muss vergessen, loslassen und wortwörtlich lernen die Welt und sich selbst „anders zu sehen“. Sie müssen lernen, nicht mehr hinter jedem Ereigniss, dass nicht so läuft,  wie man es sich vorgestellt hat gleich den Weltuntergang zu sehen – nicht mehr zuzulassen, dass das eigene Hirn einem vorgaukelt, man könne die Zeit anhalten indem man einfach stillsteht und hofft, dass nichts passiert, sich nicht dem Grübeln ergeben, sondern wieder zu unterscheiden lernen, was wichtig und was unwichtig ist und – und dies ist vielleicht das wichtigste, die Patienten müssen lernen die Trauer um die eigenen verlorenen Träume zuzulassen und diese auch ausleben können. Und sie müssen begreifen, dass die Depression nichts ist, was sich in Begriffen wie Schuld, Ursache, Lösung oder Effizienz messen lässt. Depressionen sind die Tochter des Erfolgs und die Mutter des Selbstmords. Vielleicht war es ja ein ausnahmsweise einmal weiser Wirtschaftswissenschaftler, der ein ähnlich Einschneidendes Ereignis der 1920er Jahre, namentlich die weltweite (Wirtschafts-)krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, mit „die große Depression“ benannte. Wir alle wissen in welche Katastrophe damals die Illusion „einfacher“ Lösungen geführt hat. Auch damals meinten Menschen „Götter“ zu sein und zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben, echten und „unter-“ Menschen unterscheiden zu können. Wir sollten uns also sehr gut überlegen, ob wir heute wieder auf die gleichen einfachen Lösungen setzen wollen, oder diesmal etwas klüger sind.

Dies gilt nicht nur für die Griechen, nein es gilt auch für jene, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Ignoranz und gutgemeinte Vergötterung, durch Wegsehen und unreflektierte Anbetung (Ob nun Griechenlands oder des Mammons ist dabei egal) dafür gesorgt haben, dass sich falsche Vorstellungen, Fremd- und Eigenbilder zu (Alp-)Träumen verfestigen konnten und jenseits aller Realitäten geträumt werden konnten.

Ich mache den Griechischen Wählern daher heute keinen Vorwurf. Sie machen nur das gleiche, wie die Menschen und Technokraten in Brüssel, Berlin oder London. Sie wollen weiter träumen, daran glauben, dass sich alles zum Guten verändern würde, wenn nur die Umstände anders wären…

Ich wünschte für uns alle, dass die Welt so einfach funktionieren würde und wirklich ein Märchen wäre und wir allein einer Zeit leben würden „in der das Wünschen noch geholfen hat“. Leider ist unsere Welt ein wenig komplizierter und Wünschen allein genügt nicht mehr, man muss auch etwas dafür tun, dass die Wünsche gedeihen. Wichtiger ist aber, dass man lernt sehr genau darauf achtzugeben, was man sich eigentlich wünscht…es könnte wahr werden!

Und nun?

Wir werden alle irgendwann erwachen, wir werden uns in einem Trümmerfeld aus enttäuschten Erwartungen, falschen Hoffnungen, zu hohen Zielen und falschen Forderungen wiederfinden. Und dann werden wir hoffentlich gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, uns kurz schütteln und aufräumen.

Wie?

Nun, wir werden nicht darum herumkommen Kompromisse und immer neue Kompromisse zu schließen, weil die Welt nunmal real und kein Wunschtraum ist und es in einer realen Welt immer Wiederstände, Probleme und Herausvorderungen gibt, die in Träumen nicht vorkommen. Vor allem aber müssen wir lernen, dass unsere Träume nicht die Träume anderer sind und Träume wenn sie Realität werden, radikal miteinander kollidieren können.

Wir, die Nicht-Griechen müssen „griechischer“ werden indem wir lernen, dass das Leben nicht planbar ist, dass erst der Traum es ermöglicht in einer unerträglich gewordenen Welt zu leben, wir müssen großzügiger und solidarischer werden, mehr auf den Anderen und dessen Fähigkeiten und Grenzen achten, wir müssen uns von unseren überzogenen Erwartungen befreien und das Leben genießen ohne an das morgen und übermorgen zu denken und wir müssen lernen, dass Geld nicht alles ist.

Wir, die Griechen müssen „ungriechischer“ werden. Wir müssen lernen misstrauisch, effizient und kalt zu werden, jenseits der eigenen Familie und des eigenen kleinen Klans zu denken, wir müssen uns dem Vergleich mit anderen stellen, zu unseren Versprechen und Fehlern stehen und sie nicht als philosophische Hypothesen in einer relativen Welt unendlicher Möglichkeiten zu betrachen, und wir müssen endlich aufhören Götter zu sein.

Einfach wird dieses Erwachen nicht, aber es muss werden, wir alle haben garkeine andere Wahl.

 

 

 

Anweisungen an einen rücksichtslos glücklichen Helden

Some unfinished dream…

 

Anweisungen an einen rücksichtslos glücklichen Helden

 

Stürz Dich rein in Dein Leben mit geweiteten Armen,

wie ein Gott schlaf‘ mit offenen Augen den Traum.

Meid‘ die Strände der Nicht-Alternativen,

und umsegle die Insel der Vollkaskoritter!

 

Lächle all deine Ängste mit dir ins Grab‘

Und erfülle sie einfach nicht mehr,

all die mühsam gesammelten Falschbilder Andrer.

 

Lass den Feigen das Klagen

und den Mutlos-Gebleichten,

belasse sie nur in der Realität.

 

Lass Erwartungen sein was sie sind.

Kümmre nicht, was die Grenzer dir sagen,

Nur der Mutigen Herz schlägt die Mutlosigkeit,

mittendrin , und die Kippe ganz fest in dem Mund.

 

Lebe voll und geprallt und verzückt, du mein Kind.

Achte nicht auf dein Wohl und berechne auch nicht.

Sei Du Traum den zu träumen die Andern nicht wagen,

denn ich traue mich nicht.

 

 

 

 

 

Ein ganz normales Stück Seife…

Aleppiner Seife

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Eine bestimmte Textur, ein flüchtiges Funkeln der Wasseroberfläche, zwei, drei Sonnenstrahlen auf dem Fensterbrett, eine Melodie, ein Geschmack oder Geruch aus der Kindheit.

Gerade habe ich auf meinem Dachboden genau so ein Stück Erinnerung wiedergefunden. Es  lag längst vergessenen zusammen mit allem möglichen und unmöglichen Krimskrams am Boden einer  staubigen, weißen Plastiktüten in einer Verpackung aus bräunlichem Pappkarton. Erst als ich die unauffällige kleine Schachtel eher desinteressiert herumdrehte bemerkte ich, dass es sich nicht um eines jener nutzlos gewordenen Dinge handelte, welche sich über die Jahre wie von selbst ansammeln.

Im schwachen Licht des Obergadens funkelten plötzlich goldene Ranken, Blüten und fremdartige Schriftzeichen auf. Neugierig geworden öffnete ich die Schachtel und augenblicklich umgab mich das schwere Parfum eines orientalischen Suks.  Mit geschlossenen Augen tief einatmend tauchten halb im Wüstensand versunkene Städte, Palmen, Dünen, Brunnen und Städte von märchenhaftem Prunk vor meinem Inneren auf. Ich fühlte mich, als sei ich mit Sindbad dem Seefahrer, dem kleinen Muk, Sheherazade und Harun ar Rashid mitten in einem Märchen aus 1001 Nacht gelandet. So stark war der betäubende Geruch des kleinen Pakets, dass ich fast mit einem der Dachbalken zusammengestoßen wäre.

Es dauerte, bevor ich begriff, dass das kleine, mit Arabesken verzierte, bräunliche Stück etwas nichts anderes war als ein Stück Seife.

Manch einer mag sich nun Fragen was das für ein verrückter Kerl sein muss, der sich vier Abschnitte lang über etwas so alltägliches wie ein einfaches Stück Seife auslassen kann, dass zu allem Überfluss auch noch die wenig ansprechende Farbe von frischem Hundekot aufwies.

All jenen kann ich nur sagen, dass sie vermutlich noch nie ein Stück echt Aleppinier Olivenölseife in der Hand hatten. Ich meine nicht die einfachen aus schlechtem Öl und allen möglichen Beimischungen hergestellten Plagiate, die man ab und an in Kairo, Istanbul, Teheran oder Beirut als „echt aleppiner Seife“ angeboten bekommt. Nein, ich meine das nach würzigen Lorbeerblättern, Jasminblüten, Zimt, Moschus oder Amber duftende Original, dessen Schaum so zart ist, dass man damit problemlos auch noch das empfindlichste Haar waschen kann.

Ich weiß ich höre mich an, wie einer jener Geschichtenerzähler, die früher gleich hinter der Zitadelle und am Hammam aus dem 13. Jahrhundert vorbei links im Innenhof einer ehemaligen Karawanserei zu einer guten Nargile, etwas Arrak und einem starken Minztee oder einem beinahe nur aus Zucker bestehenden Café Märchen, mehr oder minder jugendfreie Zoten und die neuesten Gerüchte feilboten.

Das erschreckende dabei ist, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass diese Bilder kein Traum sondern ganz normaler Alltag in Aleppo, jener uralten Stadt im Norden Syriens waren. Man traf sich zum Sonnenuntergang am Westtor,  schlenderte auf der Suche nach einem kleinen Souvenir oder einfach nur um seine Augen nach einem langen Tag in der Wüste an den vielen bunten Auslagen zu erfreuen durch die verwinkelten Gassen des Suks, schwatzte hier mit einem Verkäufer über die Kunst der Intarsienherstellung und probierte dort Gläßchen Malventee, handelte, lehnte ab, kaufte oder ließ sich begleitet vom Ruf des Muezzins der nahen Hauptmoschee zum fünften Mal an einem Nachmittag, bedauernd die Gelegenheit zum Kauf eines Teppichs entgehen. Danach kehrte man vielleicht in einem der vielen kleinen Caffés ein, oder stieg zu ein paar Mezze hinauf in eines jener luftigen Terassenrestaurants, von denen sich nach der Hitze des Tages ein atemberaubender Blick auf Stadt und Sternenhimmel bot. Leise wiegten sich gläserne Lampions im Abendwind, und wenn man Glück hatte kamen einige Musiker und gaben gegen einen kleinen Obolus ein Konzert.

Vielleicht hätte man vor dem Essen aber auch noch Lust, bei türkischem Honig, Bakhlava und Jasminblütentee in einem der zahlreichen Hamams der Stadt zu entspannen.  Der Bademeister würde einem zur Begrüßung einige Tropfen Orangenblütenwasser in die erschöpften Hände träufeln und ein kleines Bündel aus karrierten Baumwolltüchern und einem Stück Seife überreichen. Man würde sich mit heißem Wasser aus großen Messingschüsseln Schweiß und Straub vom Leibe wischen, sich ein erstes Mal einseifen, sich wieder waschen, danach ein oder zwei Stunden im Dampfbad verbringen, wer wollte würde von Hassan oder Ali auch noch eine Mischung aus Massage und chiropraktischer Wiedererweckung bekommen. Für die etwas ängstlicheren Zeitgenossen würde es ein „Schaumbad“  geben bei dem die Bademeister die Seife mit Hilfe eines luftgefüllten Jutesacks zu wahren Schaumbergen auftürmten. Und sollte einem selbst das zu anstrengend sein, würde man sich einfach auf die große, geheizte Plattform aus wunderbar gebändertem Marmor legen, die aufsteigende Wärme genießen und dem leisen Plätschern eines Brunnens lauschen. Irgendwann nach Mitternacht würde man dann noch eine kleine Runde um die Zitadelle drehen, sich mit einigen jungen Leuten in radebrechendem aber glücklichem Englisch unterhalten und dann erschöpft in Richtung des kleinen Hotels mit dem Innenhof aufbrechen, in dem neben blühenden Zitronenbäumen und mit Elfenbein und Perlmutt eingelegte Möbel standen. Ein verlegen grinsender Pförtner würde öffnen, und  einem verschlafen die Zimmerschlüssel reichen, bevor er und man selbst beim Klang der Zikaden (wieder) einschlafen würde.

Die Gasse der Seifensieder existiert nicht mehr. Die Olivenbäume sind gefällt und das dürre Laub der Lorbeersträucher längst verheizt. Auch der Goldsuk und das Viertel der Gewürzhändler liegen in Trümmern. Schwarz und bedrohlich ragen die Reste der Zitadelle in den von Raketeneinschüssen zerrissenen Himmel. Daneben die ausgebrannte Ruine des Hamams. Im Innehof des kleinen Hotels  liegt  imitten versprengter Marmorbrocken die Leiche eines Jungen. Niemand kam bisher dazu ihn zu bestatten, es gilt so gut es geht das wenige zu retten, was vom eigenen Leben übriggeblieben ist.  Da bleibt keine Zeit für die Toten und auch nicht für Seife, oder das Plätschern der versiegten Brunnen.

Ich halte das kleine Stück duftender Seife in meiner Hand. Ganz fest, als könne mit ihm auch die letzte Erinnerung an diese Stadt und ihre mir lieb gewordenen Bewohner entschwinden. Ali und Hassan, den alten Pförtner und den Sohn des Intarsienkästchenhändlers, die freundlich lächelnde Eintrittskartenverkäuferin, der Goldschmied und der alte Bettler am Westtor, der Märchenerzähler oder die beiden Studentinnen, die freudig ihr Englisch an uns ausprobierten. Selbst den fleißigen Muezzin der uns jeden Morgen um fünf mit seinem Gebetsruf aus dem Bett warf werde ich vermissen.

Aleppo war ein Märchen. Sicher, es war nicht alles gut in der guten alten Zeit, wahrhaft nicht… aber heute, heute ist es die Hölle.