Im Bamberger Sand zur Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

„Scheiß drauf“ es macht Bum und ist Kerwa!

Schwarzgelbe Security die eifrigst die Einbahn bewacht, denn das Falschwählen ist hier verboten, so wie (fast) alles hier. Hier heißt Bamberg!

Durchfahrt frei nur bis 11, Aufenthalt nur auf Wegen, Alkohol an der Luft ist verboten, für den Lieferverkehr ist aber frei, aber eigentlich ist Parken nur von 8 bis um 12 und nach 9, frei für städtische Angestellte mit Ausweis ist meist auch, oder nicht?

An den rotweisen Barken zum Paradies tönen Schwanengesänge testosteronausgefüllter Prachtbullen vom Lande. Bayrisch Leder in wildbambibraun, made down in Bangla Desh. Und die altfränkische Tracht?

Gibts beim Schützenumzug! Schallala und scheiß drauf, es ist Kerwa und Senioren mit Kindern in Plastikdummdirndeln mit echt Plauener Ätzspitze fühlen sich (noch) nicht in ihrem tiefsbürgerlichen Sicherheitsempfinden gestört. Ich schon, von den Senioren und den klebrigen Kindern mit schwarzroten Liebesäpfeln an neongefärbten Dirndeln, testosteronschwangere Burschen vom Lande sind mir vertrauter, Jungesellenabschiedstraining in der Gastro härtet diesbezüglich ab!

Gradeaus kokelnd Bratwurstbetrieb. Echte Coburger gibt’s nur noch hier.  Noch mehr Testosteron, noch mehr Land, noch mehr Jung, noch mehr Volk, noch mehr Hip und auch Hop, noch mehr Busen, noch mehr Leder und Neon und Waden und Dirndl und Bum: Auch das Sandmädchen trägt Polyester.

„Ich glaab nôch der duads aa nimmä long, middn nai in die Scherm!“ Mitfühlend ist sie ja, die Bamberger Jungjugend und kaut dabei zweierlei Sorten Langós mit Zucker und Zimt und mit Knoblauch und Speck.

„Host noch gheert, s war doch noch a Mortschlächerei“ – Warum „doch“ denkt mein Hirn und denkt gutschwäbisch: Drauf geschissen, ich lebe ja noch und ich sauf! Denn die Kerwa, ja die Kerwa ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn das bei fünf Kirchen im Blick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den anderen 600 jährlichen Dauerevents längst nicht mehr stimmt.

Und das Blut, und das Bier, und den Wein, und die Zwiebel, und die Heimat, auf die Madla und Burschn, auf den Hahn, und den Schlag, und die Musi und Trachten, Krüge hoch!, und die russischen Eier, und die Bratwürst, und as Lager, noch a U, und a Radler, und die Kaiserin Kunigund, und den Heinrich, und as Rathaus, Klein Venedig mit Illumination, und die Fahnen am Kranen ganz in rot und in weiß und in blau.

„Und es sin nach hald alls lauder Verrüchde! S’is noch hold nimmä so, wiäs môl woor, und miä gängan noch gaa nimmä hin, höchschdns schaun!“

Vor der Au sperren Alphörner den Weg. Eine Blonde in zünftig gelackten Ballerinas blickt mich an. Ertapt und fotografiert für die Ewigkeit nicht für’s Netz nur für  privaten Gebrauch, Feind hört mit!

Hinter ihr steht der Notarzt, Präventiv wie (fast) alles im Land. Noch zu früh, viel zu früh für noch für Schlägereien, und den Terror, und die Panik und die Vergewaltigung…die gibt’s erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter, und erst nach Mitternacht, und im Suff, und nur durch dunkelhäutige Menschen mit Migtationshintergrund…alles klar?

Und unser Frankenland es lebe hoch! Und die Jungen im Dreck, und die Kotze am Boden, und die Wildpisser und potentiellen Gefährder ganz hinten in dunklen Ecken.

Noch zu hell für die Schlampen auf Wahlfang, und die mordenden Gondeln, und das unökologische Feuerwerk (is as ned immä wiedä soooo scheh?). Und die stechenden Fischer, und die leuchtenden Lichter, und die funkelnden Augen, und die Zuckerwatte in Justins Haar und den Fisch, heute grün, leicht geräuchert und vom Hering.

Man möchte es eigentlich sagen dieser Dame, dass die hauteng um Celluliddis geschlungenen  Jeans ab drei Zentnern gutostfränkisch-steigerwälder Überspeck durchaus von Nachteil sind. Doch es ist Kerwa, ihr netzförmiges Neontop ist noch schlimmer und außerdem: Sieht Man(n) denn selber in Buisnesshemd Gröe 46 und mit Hosen um die 60 besser aus? Eher nicht!

Dreh dich um, kennst mich, ach ja doch, und wie geht’s, ja doch gut, und man selbst, ja man lebt, und die Eltern, ja doch auch, und Beruf, alles gut, und die Liebe, ach man lebt, und überhaupt schlechten Leut geht’s ja immer gut. Aber wie du nach heist weiß ich nimmä!

Hier, hier, nur hier gibt es Bratwürst…die mit Ausrufezeichen! Eine Hand ganz in Rot warnt am Schlidpfosten laut vor Gefahren von Geisterfahrrädern. Die Sicherheitswacht schläft nicht…nicht in Bamberg, und erst recht nicht zur S-Kerwazeit, weil es könnt, ja es könnt wirklich was passiern, Gott allmächt!

Auf der Mauer ein Paar, sehr versunken in sie gibt er sich Liebe hin, oder ist es nur Sex?  Andre gaffen im Neid, noch nichts selber geschossen, und ich lächle und denke nur: Mut!

Neben mir zwei gepimpte in Muskelschweißhemden von KIK!

„Bist nach abbä aa subbä aufgebumbd“

„Allmächt, ma duud  hold wos ma noch konn!“

Ich will ficken, sagt sie und taucht ab.

Kinderwoochngewühl auf der Brüggn, Klaana Bieschdä, und Handtaschn im Escher-Gedächtnißlook. Selbstverständlich umklammert…die Rumään köndns sonst klaun!

In der Nase läuft einem von Karamel, und am Himmel, am Himmel da hängen die Herzen aus Lebkuchen, nicht aus Marzipan! Alles rennt, alles schiebt und es drängt mich hindurch, wohin denn, drauf geschissen es ist Kerwa! Über Mir unter Sonne sind Wimpel und ganz tief mitten drinn, mitten drinn dort im goldenen Schnitt nur 3,80, Nicht mal 4 für ein Maß, Tempo 30 verdammt!

An der Ecke in Kinderarbeit: Festabzeichenverkauf…Mutter nervt, das Kind heult, Vater tut, als gehöre er anderswo hin, nach Mallorca vielleicht, oder doch nach Kambodscha?

Erste Glühbirnenschatten im Wasser an den Ufern die Haifischbar, mit drei Kumpels ein Bier hinterm Rattanzaun dazu ganz sanft das Geknatter von im Wind aufgeschnatter Rentner.

Es gibt fünf oder zehn Süßzeugsgestände, aber wir kaufen hier, hier wo sie IHRE zuckergesüßten Kracherlesmandeln einkaufen will. Nicht die schlechten von drüben, sondern die, die beim Essen ganz sicher die die Zähne ausreißen! Ich Depp stehe mit an, bin solidarisch, so wie all die andern, zwei bis drei Stunden lang sicher – Mandeln sind aus! Drauf geschissen und notiert: Nächstes Jahr keine Freundin im Sand!

Weiter hinten hat wegen des längst überfälligen Fettabscheidereinbaus der Pelikan zwangsweise Urlaub. All der Stuck, und Substanz und die Pflanzen müssen weg, schon am 19. mitten drinn in der Kerwa kommt der Bagger, gottverdammt! Und am Haus gegenüber is fei geschmückt!

Auf dem Schreibtisch daheim liegen Bücher, und zum Frühschoppen zwei halbe Maß und ein Radler und 4  Weißwurst, und süßer Senf, zwei Servietten, 10 Freunde und ja, auch ein ganz kleines bisschen Volksnähe im Suff.

Auf der Bühne ein Hühne mit Frau, schlechter Reim. Neben dem Klo gibt’s Fanartikel und CDs.

Glotz net blöd, wer ist Zoo und wer draußen? Die japanische Touristin im Kakitarnkleid schießt schnell ein Photo von so unglaublich viel echt deutschländerischem Gorillabrauchtum. Krüge hoch, draus gesch…denn die Kerwa, ja die Kerwa, die ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn’s  das bei Fünfkirchenblick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den all den andren gefühlten 652 Events längst nicht mehr stimmt! Letzen Monat DIE allererste erschreckende graue Wimper. Frau Kasamoto aus Tosashimizu hat recht, auch ich bin nur ein Silberrücken laut Facebook!

Ich bin glücklich und nass, und vom Himmel tropft Regen in Scharen. Nicht als Hunde und Katzen tropft er dieses Jahr, nein, es regnet verhagelte Zahlen. Statt 100.000 nur 52 im Nasskalten nichts und nicht einer ist Wurst oder hält wenigstens eine Maß in der Hand, auch nicht für 3,80!…

In der Gasse am Stand leere Gesichter, entgangene Gier und verscheuchter Profit. Mutter Natur kann sehr grausam sein und all die Burschen und Madln, sie tuen mir Leid, wirklich Leid richtig schmerzhaft und ich Kaufe die Maas und zahl sogar Pfand, und ich trinke, ja ich trinke das eiskalte, wässrige Bier, hier im  Regen der mir hinten den Rücken abläuft.

Mir ist kalt, meine Zehen quietschen im Schuh. Nur schnell heim, aus dem Nass! Meine Beine sind Gummi und mein Weg ist ein schlammiger Bach und ein See. Eine letzte gebratene Zwiebel nur noch, eine nur! und dann raus aus den modernden, nadelgestreiften Hosen. Lederhosen sind kurz, und mit Spritzklappenschutz!

Vor dem Licht aus dem Stand fahle Lippen. Nicht nur Bier, noch was andres ist drinn in dem unterernährten Kerl mit den blassgrünen Augen. Geht mich alles nichts an, und ich will keinen Stress, nicht heut Abend und morgen, Kerwa ist, ich bin selig,  und sie ist – Gott sei Dank – nur einmal, dann ist Schluss, ob nun mit oder ohne das Hochfeuerwerk, drauf geschissen, noch a U und seid’s nett, ruft dem Kerl noch den Notarzt!

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Auf’s Christkind!

Bauen eigentlich alle Städte ihren Weihnachtsmarkt gefühlt Mitte September auf, oder habe ich nur wieder einige Tage im Kalender verloren? Zurück aus dem Süden wirkt Bamberg überfüllt, eng und dunkel. Künstliches Vogelgezwitscher gellt aus einer geschmacklosen Pseudowaldidylle in der ausgestopfte Hasen ebenso unglücklich drapierten Füchsen und Rehen gute Nacht sagen über die Schranne. Die großen Herbstauktionen der Antiquitätenhändler sind vorbei und auf dem Maxplatz harren seltsam deplaziert wirkende Buden des Weihnachtsmarktes besserer Tage.

Meine Wohnung ist kalt. Feuchtigkeit steigt die Stufen Kellerstiege herauf und verbreitet den Geruch schimmligen Salpeters. Die vom Nachbarsbaum herabgefallenen Äpfel im Hof sehen in ihren graubraunen Blässterbetten aus, als hätten nicht Amseln sondern Riesenameisen sie zerpflückt. Vermutlich hängt das Gerfühl mit der Rückkehr nach Bamberg in einen Haufen alter Kartoffelsäcke gefallen zu sein damit zusammen, dass ich große Teile der diesjährigen Bockbiersaison zugunsten wissenschaftlicher Worthülsengefechte ausgelassen und mein Restalkohollevel dank schwäbischer Mäßigung oberfränkisches Normalniveau noch bei weitem nicht erreicht hat.

Beim Anblick der eingemotteten Gondeln in der Nähe der Nonnenbrücke, fällt ein Januarmorgen in Venedig ein. Die Bora peitscht Nebelschwaden über die Lagunge, an den Bootsauslegern gefriert die Gischt, Schneewehen und Aqua Alta kämpfen in den Gassen um die Vorherrschaft und man selbst hat garkeine andere Wahl als sich von ombra zu Spritz und vin brulé durch die zumindest einigermaßen warmen Baccari vorzuarbeiten. Zehen und Fersenballen sind trotz dreifacher Wollsockenarmierung durchgefroren. Gummistiefel sind kein besonders guter Wärmespeicher, aber wenigstens halten sie trocken.

Ich gehe weiter, stolpere durch lärmende Gymnasiasten. Ihre Lebensfreude wirkt so falsch wie das Liebesduett aus Händels Rodalinda in meinen Kopfhörern und der Name des Altersheimträgers gegenüber: Fazit…Will man in einem so benannten Gebäude wirklich wohnen, wenn man eines Tages nicht mehr allein zurechtkommt? Fazit…der Mensch reduziert auf ein paar Stellen hinterm Komma. Sorry, unpassender geht’s wirklich nicht.

Die Fähre zwischen Schleuse 100 und Concordiaufer liegt da wie ein silberner Gelbrandkäfer im Winterschlaf. Keine Ruderboote zum entern in Sicht. Der voprprogrammierte Ärger mit durchs Schleppseil geköpften Wildbadern und entnervten Sonnenbadenden wird wohl noch ein halbes Jahr warten lassen..

Hinter dem Mühlsteg ein paar verlassene Blumenkübel. Letzte Woche blühten hier noch die Geranien, oder war es letzten Monat, dass erster Schnee in den Gassen lag?

Ein Fahradfaher rast an mir vorbei. Keine Klingel, Kein Licht, kein garnichts…Student wahrscheinlich…oder Lebenskünstler.

Der Biometzger wirbt für Knoblauchbratwürst. Sollen gut sein…ich weiß es nicht. Am Pfahlplätzchen wachsen Gerüste in die Höhe. Die Farbmuster an den Wänden lassen weitere Bonbonkulissen befürchten.

Zwei Amerikanische Touristinnen betrachten den Leschenbrunnen. Ob sie wohl immer noch glauben, wir würden in good old Germany unser Trinkwasser von dort unten beziehen (als ich noch in der Lugbank wohnte, holte ich einmal mit zwei Daubeneimern Wasser für die Blumen. Zugegeben, ich sah mit meinen vollen Wassereimern und in meiner Blau-gelb-roten Küchenschürze wirklich etwas mittelalterlich aus. Die Reiseleiterin erklärte daraufhin, dass noch nicht alle Bamberger Häuser fließend Wasser hätten…Ich habe gelacht, und beim nächsten Besuch sie – rein aus versehen versteht sich – etwas vom kostbaren Nass von oben ab). Hoppla! Wenns aach diregt unnä maam Fensder schdôn…

An der Ecke zur Karolinenstraße stürzt eine 80 Jährige auf’s Kopfsteinpflaster. Zu viel Schlenkerla und das um halb elf morgens! Ich heb sie auf, frag ausgesprochen nett ob alles in Ordnung sei. Sie sieht mich verwirrt an, tritt mir gegen das Schienbein und läuft weiter. Wer sagt, dass nur Jugendliche schlechte Manieren haben irrt gewaltig!

oder hatte die Frau Alzheimer? Ich ziehe Menschen in seltsamen Geisteszuständen an. Rentner erzählen mir im Bus von ihren Prostataschmerzen, Im Zug fragt mich ein keinem Geschlecht klar zuortbares Wesen, wieviel Minuten es noch zum rauchen habe, und als ich Antworte fünf, darf ich mir zwanzig Minuten die Frage anhören, ob die Bahnhofsmission in Ingolstadt, oder die in Hamburg die bessere sei, wildfremde Kinder fangen entweder an zu heulen wenn sie mich sehen (v.a. kleine Mädchen in rosafarbenen Rüschenkleidchen) oder werfen sich, wenn ich auf einer öffentlichen Parkwiese lese auf mich (es hat gedauert bis Mamma endlich herkam,Kind war der festen Überzeugung is sei eine Art Riesenteddybär, Mamma fand’s witzig, und ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine Art postfemministischer Flirttrick gewesen sein sollte…

Ich stehe in der Durchfahrt des Alten Rathauses. Kann mich noch immer nicht entscheiden ob Plensas Gummibärchen mir gefallen, oder in ihrer psychotischen Haltung Angst machen. Von unten steigt Glühweindurft auf. Es ist soweit: Der Advent naht mit riesengroßen Pusteblumenschritten; und solange die Bamberger nicht wie die Neu-Ulmer auf die Idee kommenund die Fress- und Saufmeilen Ende Oktober bis Februar auszudehnen – Winterzauber wochendends bis Mitternacht und wochentags mit live-Musik vom Kindergarten Sankt ADHS sind mir sogar die Glühweinstände recht (und das obwohl sie das ohnehin diffizile Unternehmen des kollisionsfreien Hindurchschlängelns durch Menschenmassen nicht eben einfacher machen). Prosit auf’s Christkind!