Im Wald

Fliegenpilz (1)Ja es gibt sie noch die Sonne, und ja, es war zu viel von ihr da in diesem Sommer, und ja, sämtliche selbsterklärten Wetterpropheten meinten es gäbe dieses Jahr keine, jedenfalls nicht viele, was?

Pilze natürlich, oder weshalb sollte man sich um diese Jahreszeit sonst bei Nieselregen in finsteren Tannenschonungen herumtreiben?

Und nein, sie hatten nicht recht, es gibt sie, reichlich Purpurfilziger Holzritterling, Goldfellschüppling, Krause Glucke, Prächtige Koralle, Parasol oder Maronenröhrling, Reizker, Apfeltäubling, den Austersaitling, die Gelbe Kantharelle, den Semmelstoppelpilz und natürlich auch das „Männlein im Walde“ der allbekannte und geliebte Fliegenpilz- Kurz, das ganze bunte und mit etwas Glück auch recht schmackhafte Heer der mykologischen Kostbarkeiten.

Und ja, spätestens wenn man mit 3 Pilzführern (einer allein reicht zum bestimmen einfach nie aus), 4 1/2 Kilo vollgesogener Krauser Glucke und zerbrechlichen Parasolhüten im abendlichen Halbdunkel durch’s Brombeergestrüpp und die Sausuhle robbt, sagt man sich: Das alles hat nun nix mehr mit Erhohlung oder gar Genuss zu tun, dass ist blinder, archaischer Jagdtrieb. Ob die Umgelegten Jägerstände und der über meinem Kopf im Tiefflug kreisende Polizeihubschrauber schon Anzeichen einsetztenden Wahns sind?.

WaldbilderEntwarnung, der Polizeihubschrauber ist auf Übungsflug (der ewige Fluch wenn man eine Einheit Bereitschaftspolizei vor Ort hat), und nicht ebenso militante, wie ahnungslose Tierschützer haben die Jägerstände umgelegt, es waren die Pächter selbst, die sie der Reihe nach auf die Wiese gelegt haben…bald gibt’s neue, und die sind angesichts der Wildschweinplage auch bitternötig, sagt jedenfalls der Bauer…und mein doch gelegentlich etwas ängstliches Hobby-Waldgestrüppläuferherz gibt ihm leise seufzend recht – nichts schlimmer als ein beim Pilzjagen aufgeschreckter Keiler der schlechte Laune hat.

Doch alles was ich von ihm sehe, ist eine leichte Trübung in der Suhle und ein paar umgepflügte Baumstämme – die possierlichen Tierchen haben um diese Jahreszeit eine Vorliebe für Hirschtrüffel – echte Trüffel würden mich hier sehr wundern, jedenfalls hab ich noch nie welche gefunden.

Und dann sehe ich mich doch noch einmal um. Der Hubschrauber ist verschwunden, dafür zetert seit einer halben Stunde ein Eichelhäher hinter mir her. Es passt ihm nicht, dass ich hier in „seinem“ Wald bin. Ich lasse mich verscheuchen, doch zuvor staune ich noch kurz über den prächtigen Adlerfarn neben mir.

Mein Fahrrad steht am Waldrand, es fängt an zu nieseln. Noch 12 Kilometer bis ich meine Beute verzehren kann.

Advertisements

Heimweg mit König und Irrlichtern

Guten Heimweg noch….Gerade stand man noch bebend verschwitzt inmitten vom vielfarbig lärmenden Siegestaumel gröhlender Fußballfans. Jetzt ist man allein und nimmt einen Umweg ins stille Zuhause. Ein rascher Entschluss, eine Änderung der Richtung, und es kommt, wie es kommen musste. Aufleuchtende Luchter, ein ebenso unaufmerksamer wie falschparkender Porschefahrer – genommene Vorfahrt, herumgerissener Lenker, ein schneller Fluch bevor man für Sekunden einfach nur noch kopflos funktioniert…

Es nichts passiert – diesmal – Mann atmet aus. Noch einmal Glück gehabt.

Es geht weiter durch enge Gassen. Man regt seinen Frust ab am unpassenden Orange der Straßenbeleuchtung und an nutzlos abgestellten Blumentöpfen und verlassenen Eisständen, deren einziger Zweck das Behindern des eigenen Fortkommens ist. Es funktioniert nicht das Abregen.

2014-06-23_000904Den aufgeheizten Gassen folgt über dem Fluss ein erstes Frösteln. In der Luft liegt  ganz amberschwer Duft von blühenden Linden vermischt mit der Nähe des ewigmodernden Ufers. Es ist dieser erdschwere Geruch, der das Eigene Innen beruhigt und es dauert nicht lang, bis auf die Allee ein Wald und ein Blumenbeet folgt. Ich halte an, steige ab, im Zwielicht der ersten Sterne leuchten die panaschierten Blätter blühender Funkien und Fingerhutblüten. Tagsüber gibt es hier Kinder und Greise, abends ganz bürgerlich Kiffer auf Bänken. Jetzt bin ich allein und lausche den sich schüchtern öffnenden Seerosenblüten. An der Sonnenuhr rechts eine Nachtigall, geradeaus ist die Klappe seit Jahren geschlossen.

Zurück über Brücken und Wald auf die Lichtung. Am Ende der staubigen Wiese das jugendlich bronzene Abbild des Märchenkönigs. War er verrückt oder nur seiner Zeit um Äonen voraus? Je nachdem entscheidet man sich für einen der Sinne. Schönheit oder knallhartes poltisches Kalkül? Wer einen Garten hat lebt schon im Paradies und Parkstiftungen sind stehts eine Sache mit langen Schatten. Majestät schweigen dazu wie die Sphinx, dazu gibt es Lächeln so herzlich und öffentlichkeitswirksam wie es nur bronzene Könige können. War es nicht hier wo Berganza auf ETA Hoffmann lauerte? Majestät wollen herab und ins nächtliche Fastdunkel.

Und dann sind sie plötzlich da, die kleinen grünen Irrlichter im Unterholz. Sie narren mit giftgrünerm Flimmern das unsicher folgende Auge. Ich schalte trenne die Lichter vom Drahteselleib und in meinen Ohren sind Acis und Galatea auch ohne den Polyphem glücklich. Ich lasse mich ins taulose Gras fallen, blicke nach oben und denke an einen Fernsehthemenabend über Japan. Eine der Hainvillenkatzen schleicht sich heran und verkriecht sich nicht schnurrend in meiner Kniekehle. Titania und Oberon brauchen kein Nachtlicht. Aus dem Off eine leise kulturverstehende Dokumaentationsmoderatorin. Sie vergleicht all die letzten noch lebenden Geishas mit nächtlichen Schmetterlingen. Man müsste das Licht der Moderne für einige Momente löschen wollte man ihre tiefere Schönheit erkennen…Ich frage mich, ob eine Meiko im heutigen Kiyoto nicht eher einem einsamen Glühwürmchen als einer Motte gleicht. Das letzte Aufleuchten einer entschwundenen Zeit, seltsam kalt und kraftlos aber gerade deshalb so faszinierend.

Die Katze geht weiter und Trauerweiden am Ufer wiederholen meine Gedanken. Blätterschwer geworden beugen sich ihre Äste zum Kuss mit dem Wasser. Es riecht nach Moder, Feuchte und Moos, vielleicht auch etwas nach rostigen Fahrrädern, Karpfen und Wallern, die einsam zwischen Schlingpflanzen und Sandbänken am Flussgrund stehn. Ein nächtlicher Jogger huscht lichtlos vorbei und verbreitet Erschrecken. Ich fange mich kurz und bin froh um zwei flackernde Teelichter am Ufersaum. Das zugehörige Liebespaar hat sich zu wichtigeren Dingen in die Büsche zurückgezozen. Ich gehe vorbei und beginne zu lächeln, froh, dass es zumindest für diese beiden im Moment wichtigeres gibt als Torschützenkönige und Gewinnstatistiken.

 

 

Von Findenmösle und Voggenreute..

Von Findenmösle nach Voggenreuthe…

Liebe Blog-Gemeinde,

Geht’s jetzt eigentlich mal wieder nur mir so, oder ist es normal dass ich beim Anblick dieser wunderbar ost-mittel-oberschwäbischen Ortsnahmen am Jakobsweg (Aufkleber oben rechts!) eine leichte Beklemmungen um ihren ungehinderten Fortbestand im Zeitalter politischer Korrektheiten und sexualisierter Sexismusdebatten jenseits des post-femministischen Diskurses bekomme?

Vermutlich würden Frau Künast und die Schwarzer Alice sie heute ganz im gendergestreemten neu-berliner Szenechargon in Schönmoos und Lichtwald umtaufen.

Und weil ich grad so schön am politisch inkorrekten Spekustammtisieren bin , möcht ich Euch jetzt meine linguistisch nicht ganz astreine Assoziationskette  nicht vorenthalten. Und ja Tante Gertrud,  ich hätt halt mehr beim Seminar „Oberschwäbisch ist auch nur Mittelhochdeutsch das sich seltsam anhört, weil’s zweimal lautverschoben ist“ von Großonkel Hubertus selig aufpassen sollen…

Kurzgesagt, ich bin/war grad gschwind etwas mit der Übersetzung von „voggen“ überfordert- Vermutlich bin ich einfach schon zu lang im nordbayerischen Exil…Aber mal im Ernst, wahrscheinlich ist Voggenreute einer der sehr schwäbischen Ortsnamen die als  semantische Totaltautologie den Vorgang und  Ergebnis (Bewegung und Veränderung/Status) in einem an bipolarer Störung leidenden Substantiv zusammenfassen (?). Das ganze könnt dann sowas ähnliches wie eine (brandgerodete?) Lichtung auf der die Bäume umgeschlagen (gevoggt also ausgerissen) wurden und die deshalb etwas „reute“ (da steckt der gleiche Stamm wie in räudig=ziemlich lädiert drinn) ist bedeuten. Wenn mann jetzt noch nach urschwäbischer Inversivsitte das Adjektiv zum Substantiv macht und sich dabei ein frisch von echten allgäuer Wildsauen oder russischen Meteoriten gerupftes Salatbeet vorstellt und das Ganze dann auch noch in Verhältnis zum aufgrund des Alpenföhns hyperoptimalen Sonneneinfall setzt kommt eben Voggenreute oder politisch korrekt Lichtwald raus? alles klar?

Findenmösle und Voggenreute, es ist schön, dass es Euch trotz Sexismusdebatte und den „Movimenti“ zur moralischen Erneuerung des effizienzoptimierten Nordic-Walking Pilgers und meinen seltsamen Sprachschatzwandlungen noch gibt. Und wenn ihr meint, dass Eure Ortsnahmen was ganz anderes beteuten oder doch auf ein erotisches Intermezzo von Ritter Kunibert dem Wackeligen mit seiner Kammerzote Brunhilda der Vielgeliebten zurückzuführen sind, sagt’s mir bei Gelegenheit Einfach kurz Bescheid.

Gute Nacht und schlaft recht gut !