Venezianische Weihnachtsgefühle – Eine Nachlese

Es ist einer jener seltenen Augenblicke im Leben, die sich das zumeist reichlich vorschnell verwendete Prädikat „magisch“ mit vollem Recht auf die Fahnen schreiben dürfen: Freitag Abend im vorweihnachtlichen Venedig – Das Blitzlichtgewitter auf der Piazetta lässt nach, vor den ersten Restaurants erscheinen weiß livrierte Kellner vor mit allerlei Meeresgetier gefüllten Auslagen um zahlungskräftiger Kundschaft die Verlockungen der venezianischen Küche ganz praktisch am Beispiel einer Seespinne oder einer noch lebenden Languste näher zu bringen. Gerade hat das 1er Linienboot die kalte Pracht des Dogenpalastes hinter sich gelassen und macht sich vorbei an den bunt beleuchteten Fahrgeschäften entlang der Riva degli Schiavoni in die samtene Dunkelheit der Giardini auf, als kurz hinter Sant Elena die Lichter der Decks erlöschen und sich nur noch die Displaybeleuchtung der frisch gezückten Smartphones in den goldenen Mantelschnallen der über die Woche mit reichlich Testosteron geschwängerten Armeekadetten spiegelt.

Fast gleichzeitig erscheint im letzen blassen Türkis der Lagune in das sich während der langen Fahrt durch den Canal Grande erst orange, dann rote und schließlich schwärzlich-violette Schatten mischten, kulissengleich die langgestreckte Landzunge des Lido. Hört man zwischen dem jähen Aufheulen der schweren Dieselmotoren ganz genau hin, sind aus dem einen oder anderen der vorbeiziehenden Boote Weihnachtslieder der wettergegerbten Fischer und Seemänner der Lagunenstadt zu hören, deren raffinierte Mehrstimmigkeit noch auf die großen Zeiten eines Pellestrina oder Gabrieli zurückgeht. Obwohl inzwischen als Kapitäninnen und Anlegefrauen reichlich auf den öffentlichen Linienschiffen vertreten scheinen Seefrauen als entfernte Schwestern von Andersons kleiner Meerjungfrau in scharfem Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nie zu singen, seltsam…

Zugegeben das alles klingt nun reichlich verkitscht, ist es auch…aber wo anders auf der Welt wird man sonst noch auf der Bootsfahrt vom Flughafen in die Stadt von einem ganzen Seemannschor mit dermaßen herzzereißenden Madonnenliedern empfangen, dass sich dagegen das wohlbekannte „Maria durch ein Dornwald ging“ als Ausbund deutscher Weihnachts(rühr-)seeligkeit  geradezu wie scharf intonierte wilhelminische Marschmusik ausnimmt? Und wo sonst zieht der „babbo natale“ als italienische Variante des Weihnachtsmanns auf einer rot-goldenen Prunkgondel und mit einem ganzen Hofstadt aus rudernden Weihnachtsmännern und Frauen in die Stadt ein? Und ja, auch die Militärakademie und ihre – zumindest zu mehreren – reichlich bornierten Absolventen haben nicht erst seit Dona Leon einen mehr als nur ambivalenten Ruf als Spießgesellen  fragwürdigsten Korpsgeistes und vivaldieske  Indoktinierungsgehilfen neofaschistischer Hirngespinste von Ehre und Vaterlandsliebe. Aber nicht trotz, sondern gerade deshalb schickt der auch und gerade in Italien zur Genüge vertretene Helikopterelternnachwuchs seine durch typisch italienisches frühkindliches Laissezfaire (jede deutschstämmige Südtiroler Hotelierswitwe kann hiervon eine wahre Trauerode singen!) missratenen oder zu missraten drohenden Bambini für den finalen gesellschaftlichen Feinschliff genau auf dieses eine und ehrwürdigste aller Militätrinstitute! Und ganzl ehrlich, was wäre die winterliche Serenissima ohne die weißbemützten  Rotkäppchengestalten in ihren makellos nachtblauen Wollumhängen? Was hätten die von den Venezianern liebevoll „Settembrini“ genannten, leicht affektierten älteren Herren in feinstem Kamelhaarmantel und Seidenschal in schwülen Herbstnächten zu ersehen, und wo bliebe die edle Staffage der „Offiziersanwärter“ bei so manch hoch- und höchstgesellschaftlichem Anlass, gebe es sie nicht die feschen Jungs von der Marine?  Es würde etwas fehlen, ungefähr so, wie wenn man nach jahrelanger Abwesenheit in ein ansonsten wohlbekanntes Museum zurückkommt und ein übereifriger junger  Kurator den sanft ausladenden barocken Lieblingssekretär samt seiner feinstgravierten Intarsien aus Walrossselfenbein zugunsten einer hypermodernen Multimediainstallation ins Depot verbannt hätte, oder eben urplötzlich die wohlvertrauten Leopardentürgriffe eines Palazzo gegen nichtssagende Allerweltsknubbel „ausgetauscht“ wurden.

Nebenbei bemerkt: Die Leopardentürgriffgeschichte ist tatsächlich genau so passiert, 500 Jahre waren sie da…und jetzt…Nur noch eine jener mit dem neapolitanischen Pathos der echten Comedia dell’ Arte vorgetragenen tragischen Räuberpistolen, die der gutmeinende orginalvenezianische Barista einem nichtsahnenden deutschen Touristen frühmorgends zum unvermeidlichen „coretto“ und zugehörigem „brioche“ serviert und die erst mit einem schief lächelnden „buon di!“ beendet wird, wenn der verdatterte Gast aus Germania rückenhaarsträubend und über den unvermeidlichen Niedergang des Abendlandes zeternd, sowie der Bedrohung der christlichen Familie eingedenk die grundlegende moralische Verdorbenheit der heutigen Zeit verkündet…

Nein, verfilzte Rastalocken, zottelige Inkakaputzen und in den Kniekehlen hängende Baggy-Boots sind schlichtweg keine Alternative zu den schniecken Jungens von der Marine! Gott und der Madonna Nikopeia sei Dank bewahrt der den Italienern quasi angeborene oder doch ziemlich gründlich anerzogene Geschmack auch den Rest der männlichen Bevölkerung, sofern er nicht gerade eben aus dem übelsten römischen Armenviertel kommt, vor derartigen modischen und moralischen Abgründen…Ob deswegen allerdings gleich zitronengelber Cord zu lilanen Steppwesten, blutroten Handschuhen und rehbraunen Schuhen mit himmelblauer Ziernat passt, oder der überschlanken Taille und der beachtlichen Ausbeulung im Schritt nicht doch hier und da mit Hilfe der überall wohlfeilen Männerkorsetts und anatomisch korrekt mittels Silikoneinlage aufgemotzten Herrenslips etwas nachgeholfen wurde, wer will das denn schon immer so ganz genau wissen…und überhaupt, weshalb sollen nur Ciccolina und Konsorten etwas von der schönen neuen Welt des Silikons und der „Liposuzione“ an den „settori problematici“ haben? Silikon und Botox für alle…dass das gerade in südlichen Ländern so oft danebengeht, kann wohl kaum an der mangelnden Auslastung der Ausführenden liegen…oder? Aber auch darüber gibt Donna Leon mehr als ausführlich Auskunft…Und ohnehin, als plumper, unförmiger und in Dingen der „bella figura“ vollkommen unbewanderter Deutscher verbietet sich mir hier geradezu jegliches Urteil – wie auch immer es ausfallen würde…Außerdem fürchte ich, dass mein Italienisch für derartige Feinheiten des gehobenen Ausdrucks schlichtweg zu stümperhaft ist.

Á propos Venedig im Winter – Ein Traum? Für diejenigen, die nasskalte Füße, eiskalte Regenschauer, backenbeißenden Winde und den betörenden Geruch von Dieselruß und frisch verbrannter Autoreifen lieben sicher…Venedig kann sehr kalt sein…müsste ich nicht gleich zum Rialto um dort ein Protestplakat der Fischverkäufer efffektheischend bei laufendem Marktbetrieb zu photographieren, mir würde bestimmt einfallen, aus welchem Kriminalroman diese Zeilen stammen…Patricia Highsmith…richtig…

Venedig ein Affenzirkus? Definitiv ja und definitiv für die ganz großen…Affen natürlich! Spätestens seit der von den Einheimischen gerne mit dem legendären Einfall der Hunnen (dem war ja bekanntlich die ganze ins Wasser gesetzte venezianische Pracht verdanken) verglichenen „invasione degli Chinesi“ ist hier angeblich nichts mehr, wie es einmal war. Vergessen der gemütliche vin brulé auf dem Campo San Stefano, ausgemustert die Wohltätigkeitsbasare, auf denen man aus reinem Mitleid die noch mitleiderregenderen Auslagen plünderte, wie ein ferner Traum die vereißten Ufer der Fondamenta della Toletta in deren Einsamkeit man den Flug der salzigen Schneeflocken bewundern konnte. Nicht genug, dass schon vor Jahren Maria, die stets etwas mürrische, aber in ihrem tiefsten, gut versteckten Inneren doch einigermaßen gutmütige Bardame, durch die zwar stets sphingenhaft lächelnde doch des Venezianischen nur äußerst bruchstückhaft mächtige Lei ersetzt wurde….Nein jetzt stürmen „I Unni“ auch noch im Dezember flugzeugladungenweise die Vaporettistationen und drängen dabei sogar die sonst so kampferprobten venezianischen Witwen mit  bösartigen Kungfugriffen ins Abseits. Dabei würde der durchschnittliche Venezianer diese „asiatische Krankheit“ sich in alle möglichen und unmöglichen Posen zu werfen und sich dabei in infantilster Weise am eigenen Bild zu ergötzen, ja dank der jahrzehntelangen Schulung an Japanern ja so geradeeben noch…wie sagt man gleich…“ sopportare“…aber wenn dise „Chinesi“ anfangen wie Attilas Horden selbst lauthals schnatternd in das Staatsheiligtum von San Marco einzufallen, oder sich gar frech erdreisten den Einheimischen mit mandarinentenhafter Arroganz Anweisungen für die möglichst pitorreske Verteilung im Raum/Bild zu geben, dann müsse das Ganze  ja irgendwann im Komplettrausschmiss oder zumindest in – für venezianische Verhältnisse äußerst ungewöhnlichen – wüsten Brüllattacken enden.

Ach ja, I Unni…auch so ein Lieblings-Barrista Guidobaldo alias Andreij-Thema – Er selbst definiert sich zwar als Urvenezianer, stammt mütterlicherseits aber aus Kroatien und väterlicherseits aus Weißrussland. Für Interessierte ist dieses Original übrigens irgendwo zwischen den Ex-Giardini Pappadopoli und den Eisernen Ringen bei San Cassian’ zu finden, an denen sie früher die Stücke der Gevierteilten aufgehängt haben…es lebe die slavisch-venezianische Vielvölkerfreundschaft!

Als studierter Ethnologe frage ich mich  nun, warum die sonst so unterkühlt weltläufigen Venezianer ausgerechnet an den Chinesen solch einen Ressentimentnarren gefressen haben, dass selbst das hießige Äquivalent zum Fränkischen Tag sich gelegentlicher rassistischer Ausfälle nicht gänzlich enthalten kann…Vermutlich hängt es mit dem hier stehts etwas bedrohten Gleichgewicht von Masse und Trag- bzw. Ertragensfähigkeit zusammen, dass sich jedes Jahr ein wenig mehr zu Ungunsten der Ureinwohner verschiebt, ja, es gibt sogar sehr ernsthafte Berechnungen, dass es vor allem die ganz physisch verstandene Masse der Touristen ist, die mit ihrem bloßen Gewicht maßgeblich für den Untergang der Stadt mitverantwortlich ist. Meine chinesische Lieblings-Barfrau (nicht die besagte Lei, aber eine enge Verwandte mit einem geradezu teutonisch-penieblen Bangladeshi als Geschäftsführerin und einer italienisch-slowenischen, modisch stets „a la mode“ befindlichen Chefin) stimmte mir bei einem Spritz zwar bezüglich des „Gleichgewichtssinns“ der Venezianer zu, gab aber eine etwas differenziertere Erklärung dafür, warum ausgerechnet die Chinesen eine derart beängstigende Wirkung auf die Venezianer hätten…Da sei zunächst einmal der Ursprung der Stadt. Schließlich seien es die Hunnen gewesen, die die Venezianer damals von Altinum aus in die Lagune getrieben hätten. Und Venedig habe nunmal ein langes Gedächtnis wozu auch die in Europa über Jahrhunderte eingeübte Gleichsetzung von Chinesen und Hunnen gehöre…Das Ganze sei allerdings so lange kein Problem, solange die neuen Chinesen brav in den Luxusboutiquen hinter San Moisé ihren Beitrag zum Umsatz diverser Nobellabels leisteten und der Rest von ihnen als Billigarbeiter den Italienern all die Aufgaben abnehme, die sie selbst nicht mehr so recht erledigen wollten.  Zum Clash of Cultures wachse sich das ganze aber erst dadurch aus, dass Europa und insbesondere Venedig für die meisten ihrer Landsleute dank seiner 1:1 Kopie in Macao und diverser Heidi-, Sissi- und Pinoccio-Cartoons eine Art riesiger romantischer Freizeitspark sei, in dem man alles an emotionalem Überdruck ausleben könne, was in China durch rigide Moral- und Erfolgsvorstellungen, familiäre Enge und politische Totalüberwachung verboten oder doch zumindest „unerwünscht“ sei. Das dass dann gelegentlich bei einigen ihrer Landsleute zu einem kompletten Overkill unmöglicher Verhaltensweisen bei gleichzeitigen totalen Realitätsverlust führe sei eigentlich ganz normal…außerdem gingen die meisten Bewohner des Reichs der Mitte davon aus, dass es in anderen Ländern mehr oder minder genauso zugehe wie daheim…nur eben ein klein bisschen exotischer…Viel Erfahrung mit „Auslandsreisen“ hätten die Allermeisten ja nicht, auch nicht mit Exotik, aber das Wort klinge so schön…Manchmal würde sie sich ja fremdschämen…aber was soll man machen…die meisten ihrer chinesischen Landsleute, die zu ihr in die Bar kämen, würden noch nichteinmal ansatzweise verstehen, wo sie sich hier befänden, geschweigedenn, dass nicht die ganze Welt am chinesischen Wesen genesen müsse…

Gab es da nicht noch einige verblichene Urlaubsvideos auf denen teutonische Barbaren Spaghetti Vongole vollkommen ernsthaft mit Hammer und Schere zu Leibe rückten?…heute versuchen Frau und Herr Müller aus Castorbrauxel oder Neustadt an der Aisch bei ihrem Honeymoon zur silbernen Hochzeit betont italienisch zu sein, indem sie in volledete Baedekeritalienisch ihren Spritz mit Prosecco (sic!) bestellen, gekonnt zwei „Tschikeddi“ mit „kambereddi“ ordern, und der armen chinesischen Bardame zum vierten Mal oberlehrerhaft erklären, dass es im venezianischen nicht „un bicchiere del‘ vin“ sondern „un ombrá“ zu heißen hat…Vermutlich werden auch „I Unni“ in fünfzig Jahren venezianischer als die Venezianer zu sein trachten, und vermutlich ist es auch dann noch ausschließlich der unendlichen Leidensfähigkeit und unerschöpflichen Menschenfreundlichkeit der Venezianer zu danken, dass sie trotz vollem Kinderwagen und Weihnachtseinkäufen immer noch mit einem Lächeln versuchen unter meiner gezückten Kamera hindurchzutauchen, sich trotz Gehhilfe und zwei Enkeln an den Rochschößen noch der Mühe eines kleinen Umweges aussetzen um mir nicht ohne Stolz die schönsten Steingravouren an ein einem in einer versteckten Sottoportego gelegenen Kirchenprotal zu zeigen, oder gar eine Vollbremsung mit dem 150 Kilo Schubkarren hinlegen, nur damit ich in Ruhe ein im Wasser treibendes Seil fotografieren kann…

Danke liebe unbekannte venezianische Zwillingsmutter und vielgefragte „nonna“, danke liebste Anlegefrau, dass Du darauf achtest dass ich in meiner dappigen Blindheit nicht wie andere Deutsche zwischen Vaporetto und Anlegestelle gerade und ja Danke auch ihr Lastenschieber, dass ihr mir mit eurer Vollbremsung mal wieder klar gemacht habt, was ein rücksichtsloser Idiot ich doch werde, sobald ich zum blitzenden und glotzenden Sightseeingmonster mutiere…Ich wüsste nicht wie ich bei 29 Millionen Gaffern im Jahr reagieren würde, mir reichen die 6-7 Millionen in Bamberg schon aus um pünktlich zur Sandkerwa oder zum Weihnachtsmarkt regelmäßig zwischen Fluchtplänen und wüsten Gewaltphantasien zu schwanken…

Und „I Chinesi“? La Serenissima wird auch diese Invasion lächelnd überstehen, ganz so wie es zuvor die Hunnen, Franken, Byzantiner, Araber, Franzosen, Engländer, Italiener, Deutsche und Amerikaner überstanden hat. Einige werden bleiben, tapfer in den Luxusboutiquen von San Moisé einkaufen und sich zusammen mit den schon im libro d’oro verzeichneten Geschlechtern abends von weißlivrierten Kellnern im Cipriani einen Bellini reichen lassen…der Rest wird in spätestens einer Woche verschwunden sein, und neuen Invasoren Platz gemacht haben.

Die Serenissima wird trotz ihrer, sie zum Luftkurort prädestinierenden Lage am Meer auch weiterhin eine der höchsten Lungenkrebsraten Italiens haben, das Jahrtausendprojekt MOSE ist schon jetzt zu niedrig um die in den nächsten 50 Jahren erwarteten Fluten auch nur halbwegs von der Stadt abzuhalten, auch noch die allerletzten  freien Flächen werden dem Komerz geopfert,  Pierre Cardin wird seinen 200 Meter hohen Wolkenkratzer nur zwei Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt bauen, eine U-Bahn wird Flughafen und Innenstadt miteinander verbinden, einige weitere in entfernteren Gegenden der Stadt stehende Palazzi werden erst verlassen, dann von Illegalen Handtaschenverkäufern besetzt, dann zugemauert und dann nach und nach und reichlich unbemerkt einstürzen, und schließlich wird hinter der Molino Stucky (heute Hilton)wird ein „venezianischer Vergnügungspark mit Riesenrad und Aussichtsplattform entstehen, in dem den Touristen „echtes venezianisches Leben“ vorgeführt wird…Ach ja, und auf dem Rialto werden wohl nicht nur neuerdings nicht nur Fische und Tomaten sondern auch harte Drogen feilgeboten…unter dem Ladentisch, aber offensichtlich so dreist, dass es selbst im sonst eher etwas schläfrigen Venedig irgendwann auffiel…

A Propos Fisch…der und die von den Venezianern heißgeliebten Vongole…sie seien so vergiftet, dass bereits eine Protion genügen würde um irreperable gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Dennoch liebt der „Echte Venezianer“ seine weihnachtliche Muscheleinlage und ist sich nicht zu schade beim letzten Vollmond vor Weihnachten an den Strand des Lidos zu eilen um dort bei Ebbe mit Plastikbeutel und Einkaufsnetz für Nachschub zu sorgen…Übrigens werden zu diesem Zeitpunkt auch die beim Baden verlorenen Goldkettchen, Smartphones, Silbermünzen und Diamantringe ganz offiziell und gegen Konzession mittels Elektrosonde und Thermotaucheranzug aus der trüben Adria gefischt…Wer also seinen 15 Karäter vermisst könnte gelegentlich mal beim hiesigen Sondengänger nachfragen, vielleicht rückt er ihn ja gegen einen entsprechenden Finderlohn wieder raus…

Und sonst?

Brigit Bardot und ihre volkommen unerklärliche Abneigung gegen Echtpelz sind – sollten sie hier jemals etwas anderes als indigniertes Kopfschütteln und eine Soforteinweisung in die Psychiatrie ausgelöst haben – endgültig und definitiv passé. Die standesbewussten älteren Venezianerinnen trugen ja schon immer gerne und ausgiebig ihren Lieblingsnerz zum Marktbesuch aus. Dass es inzwischen aber auch kaum mehr einen ragazzo gibt, der auf reichlichen Echtpelzbesatz von Magellan- oder Silberfuchs am kanariengelben Designeranorak verzichten will ist neu. Von der zobelbesetzten Handtasche aus echter Buranospitze, oder dem mit echtem (!!!) Ozelotfell gefütterten Goldbrokattäschchen für’s neue Smartphone, die dieses Jahr zum absoluten must der Weihnachtseinkäufe bei Betucht & Söhnen gehören ganz zu schweigen…Ungemein „in“ sind bei den etwas ärmeren Schichten aus Sacca Fisola und Co gerade auch Stiefelstulpen aus schwarzem Nerz alias Kaninchenfell, Katzenfellbesetzte Sneaker und Hamster- bzw. Chinchillagefütterte Mäntel für den Kurztrip zu den Inseln. Kurz: Ohne reichlich Echtpelz gegen die raue Seeluft geht nicht nur in diesem Jahr in bella Venezia rein garnichts, Brigit Bardot und andere missgeleitete Ökoaktivistinnen hin, putzige Tierbabys und dem neuesten Pandaschutzprogramm der 15-Jährigen Chiara her…Venedig kann schließlich sehr kalt sein.

Weniger schön anzusehen sind die Ramschstände für Plastikmasken, Billigschals und falsches Parfum die sich – habe ich sie in den letzten Jahren einfach nicht wahrgenommen, oder gibt es inzwischen tatsächlich sehr viel mehr davon? – wie ein Krebsgeschwür über die Plätze ausbreiten. Auch die Unsitte der bewegungsmeldergesteuerten Halogenscheinwerfer und des Dauerbeschallens ganzer Viertel mit neuesten Schlagermedlays oder die glorreiche Idee einer Eislaufbahn auf dem Campo San Polo (ebenfalls lautstark und 16 Stunden am Tag dauerbeschallt) weißt die aktuelle Verwaltung der Königin der Adria als wenig stilsicher, dafür umso geldgieriger aus (hatte ich schon erwähnt, dass gerade ein Guteil der städtischen Palazzi für einen Spottpreis an reiche Russen, Chinesen und Italiener (sic!) verschwerbelt werden…) Well, wenigstens verdammt die gleiche Stadtverwaltung auf dezent ausdrappeirten Stoffplakaten an den Fenstern des Rathauses gegenüber der Rialtobrücke in großen Lettern Homo- und Transphobie und Gewalt gegen Frauen, das kostet schließlich nichts und macht verdammt gute Publicity…Allerdings sagt die Zusammenstellung auf nur einem Plakat gleichzeitig auch mehr über die Italienische Gegenwartsgesellschaft und ihre tiefsten Phobien aus, als so manch hochsubventionierte soziologische Studie oder Doktorarbeit.

Geradezu vorbildhaft haben die Venezianer das aktuell heißdiskutierte Problem der Plastiktüten bzw. Flaschen gelößt. Im Supermarkt (zuminest in dem auf dem Lido) gibt’s nur noch solche, die biologisch abbaubar sind…die taugen genausogut und machen bei der Herstellung auch nicht mehr Dreck als eine Jutetüte. Das mit den Plastikflaschen funktioniert hingegen noch nicht ganz perfekt. Es gibt sie immer noch, aber es werden immer mehr Mehrwegflaschen aus Glas und außerdem gab’s ne Kampagne für Leitungswasser aus Karaffen…die passte allerdings den Wirten nicht wirklich, weil sie das Leitungswasser (das nebenbei bemerkt in Venedig exzellent ist) umsonst abgeben sollten, was promt zu einem Revival des ungeliebten Servizzio und Coppertos führte (die in Venedig nie wirklich ausgestorben sind).

Erfreulich ist auch die Lösung eines anderen Problems: Internet. Bisher nur gegen horrende Gebühren im Hotel oder in überteuerten und stets überfüllten Internetcafés zu haben, haben sich ganz offensichtlich die genervten Touris sowohl den geschäftstüchtigen Hoteliers als auch gegenüber den teils reichlich abstrusen italienischen Anti-Terror bzw. -Mafiagesetzen, die bisher den Betrieb eines öffentlichen W-Lans  zu einer hochkriminellen Handlung machten durchgesetzt. Fast jede Bar, jedes Restaurant und beinahe jedes Hotel offeriert seit diesem Sommer „Free WIFI“. Dass die Netze dabei meist völlig ungeschützt und die Übertragungsgeschwindigkeit manchmal etwas steinzeitlich sein kann…nun ja, alles braucht eben am Anfang etwas Übung…aber immerhin man kommt ins Internet und verarmt dabei nicht mehr komplett! Das damit auch die Ruhe und Ungestörtheit im Café oder in der Bar endgültig dahin sind, ich mir den kompletten Tag irgendwelche Einkaufslisten, Kleinaufträge und das Befinden der werten Oma auf Murano anhören und das heißgeliebte Telefonino den Endsieg über jeglichen face-to-face Kontakt davon trägt kann wohl nur jemand bedauern, der nicht schon als digital native und Italiener geboren wurde.

Trotz allem oder gerade deswegen, Venedig ist eine Reise wert, immer, nur nicht unbedingt im Sommer, oder zum Karneval, oder wann immer die 29 Millionen anderen Touris hier einfallen…

So, Mann muss jetzt essen gehen…an einem Samstag Abend, ohne Reservierung…wünscht mir Glück!

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Earl Grey Wetter

zapfig is!

Ich will zum Bäcker und komme mit Bergen von Schnee auf Hut und Pelzkragen zurück. Die Rhododendronblätter haben sich vor dem eisigen Wind zu kleinen Zigrarillos eingerollt. Ein letzter sichernder Blick auf den „Hausdienstplan“…es stimmt, ich bin drann. Ich überlege mir, ob ich zum Kehrwöchnern lieber den Feger oder doch gleich die Schaufel nehm…Der Schnee ist leicht, trotzdem entscheide ich mich der besseren PR wegen  für die Schaufel… Weg vom Schreibtisch genieße ich die seltene Gelegenheit durch physische Arbeit ein wirklich sichtbares Ergebnis zu „schaffen“.Ich blicke Richtung Dom und träume mich ans Meer.  Schneewehen erinnern mich an Venedig oder war es doch das Londonder East End? Sollte beide Orte im Sommer besuchen! Ob Charles Grey Viscount Howick und 2. Earl Grey wohl ähnliche Gedanken plagten als er besorgt ein Tässchen „verdorbener Handelsware“ probierte? Vermutlich nicht.

Schnee

Schneeflöckchen, Weißröckchen…

Ich bin fasziniert von Schnee!

Glühwein, eine warme Decke, das heimelige Knistern des Kaminfeuers und der fröhliche Tanz der eisigen Flocken vor meinem Fenster…Auch wenn ich mich mit dem folgenden Statement vermutlich bei der Hälfte der Menschheit ungläubiges Kopfschütteln hervorrufe:

Für mich könnte das Ganze Jahr Winter sein!

Richtiger Winter! Der mit zwei Metern Schnee, minus 25 Grad, gesperrten Straßen, um die Ecke pfeifenden Schneestürmen und Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Seen ohne die nagende Sorge, dass das Eis doch zu dünn sein könnte; Kalter, vor Frost klirrender Winter, Nicht die mediteran-durchfeuchtete Dauermisere der letzten Jahre!

Bis heute treibt mir der Gedanke an nubuklederfarbene Börsengurus und zarte Röstaromen verströmende Damen der besseren Gesellschaft, die sich freiwillig der Tortur eines UV-Sonnenbades unterziehen und sich dabei auch noch nach der schweißtreibenden Hitze der Südtürkei im August zurücksehenen zarte Eissschauer über den Rücken. Lästige Zugverspätungen, das allmorgendliche Schneeschippen und die horrend steigenden Heizkosten, was ist das alles gegen das wunderbare Gefühl über frisch gefallenen Schnee zu schweben?

Wahrscheinlich ist an mir ein echter Sami, Tunguse, Inuit oder gar eine bisher unbekannte europäische Unterart des Yeti verlorengegangen.

Sicher, ein Frühlingswald voller blühender Scilla, Schlüsselblumen und Buschwindrößchen, duch die silbrige Gischt eines Viermasters springende Delphine im hochsommerlichen Azur des  Mittelmeers oder die funkensprühende herbstliche Farbenpracht der gemäßigten Zonen, sie alle haben ihren je ganz eigenen Reiz, und auch der Anblick einer seltenen Orchidee oder lianenumrankter Tempel mitten im dampfenden Dschungel gehört zu jenen tiefbewegenden Traumbildern deren Verlust das Leben sehr viel ärmer machen würde…aber an das still vor sich hin funkelde Wunder einer polaren Vollmondnacht reicht nichts davon heran!

Willkommen Schneeflöckchen und hüt mir die Blumen!

15. Türchen: Von Schneeflocken, schlafenden Blumen und heiligem Zorn

Ice on the Regnitz

Früher war alles besser! Sogar die Winter!“

Sicher, ab und an gab es Eisregen und wochenlange Nebelperioden, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass es jemals Mitte Januar geregnet und man kurzärmlig auf der Café-Terrasse gesessen hätte (Jagerteeexzesse auf Skihütten einmal ausgenommen, aber das ist eine ganz andere Kategorie!).

Stattdessen fielen pünktlich zu Sankt Martin die ersten Flocken. Wenn nicht, sang man mit wahrer Inbrunst das Lied vom „Schneeflöckchen“, dass einen so weiten Weg hatte, Blumen und Blätter an die Fenster malte und unter dem die ganzen Sommerblumen sicher den Winter verschlafen würden. Bis heute muss ich jedesmal ein paar Rührungs-Tränchen aus den Augenwinkeln wischen, wenn ich meine Nachbarskinder seh, die spätestens Mitte November sehnsüchtig in die Wolken blicken und immer noch genau dasselbe Lied singen.

Der Nikolaus fuhr im Schlitten vor und bereits vor Weihnachten hatte mein kleiner Bruder mindestens 1 Paar Ski in die ewigen Jagdgründe befördert. Man wurde  in drei dutzend Schichten selbstgestrickter Norwegerpullover, Schals und Pelzmützen gepackt, auf einen Holzschlitten gesetzt und mindestens drei mal pro Tag darauf eingeschworen bloß ja nicht mit der Zunge am Laternenpfosten zu lecken!

Damals als der Fluss noch „Im Eise erstarrt“ und die Bäume voll Rauhreif hingen bauten wir riesige Iglus, feierten Schneekuchenparties, hatten zu Fasching die letzte Schneeballschlacht und warteten Anfang März gespannt, wann dem um Neujahr gebauten Schneemann endlich die Karottennase abfallen und Frau Schneemann ihr Cappothütchen aus Tannenzapfen verlieren würde…und nein, auch wenn sich’s so anhört, ich bin weder während der kleinen Eiszeit noch auf Island oder Spitzbergen aufgewachsen, sondern in Süddeutschland.

Heute haben die Dächer braune Flecken, die Winterlinge blühen im Dezember, das Knirschen überflüssigen Rollsplits durchzieht den Hausflur, und auf den Straßen liegt bestenfalls Matsch.

Ich weiß, solche Sätze klingen nach schleimiger Nostalgie und zuckersüßen Kaufhauschören. Aber als ich letzte Woche durch Schneegestöber und Wind unterwegs war und vergnügte Kinderscharen auf Schlitten den Hang herunterrodeln sah, wurde mir schmerzlich bewusst, dass unsere Enkel vermutlich nur noch aus Retro-Bilderbuch-Aps und verklärten Youtube-Videos ihrer Großeltern wissen werden, was eine Schneebalschlacht ist.

Der Newsticker bringt die neuesten Hiobsbotschaften: Dohar, Halsstarrigkeit, Unvernunft, Gier und Erpressung…Auch wenn ich’s nicht will, überkommt mich der heilige Zorn (wahlweise auch eine tiefe Trauer oder schwärzester Zweckfatalismus).

Ich habe ein schlechtes Gewissen und könnt mich deswegen selbst ohrfeigen. Meine Lebenserfahrung flüstert mir ins Ohr: Extremisten jeder Art sind selten Helden, Fatalisten ebenfalls nicht.

Es tut mir leid: Ich neige nicht zu Gutmenschentalibantum und Ökoterrorismus, schon garnicht zu moralinsauren Entgleisungen wie der Forderung für den Weltfrieden weniger Fleisch zu essen, keine Palmölprodukte zu verwenden und lieber mit dem Rad 40 Kilometer durch Sturm und Wind zur Arbeit zu fahren als jemals ein Auto zu benutzen. Was nutzt ein ökologisch reines Gewissen, wenn einem dabei die Lust am Leben abhanden kommt?

Der Text eines umweltbewegten Autoaufklebers aus den 1980ern erscheint aus meinem Unterbewusstsein:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man könnte genausogut hinzufügen:

„…und wenn die letzte Schneeflocke gefallen ist.“

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich angefangen habe, Lokale mit Heizpilzschirmen zu meiden. Ein paar Pfund mehr auf den Rippen, dazu ein dicker Pullover, gute Stiefel, ein Wintermantel und eine ordentliche Chapka tun’s genausogut. Mann und v.a. Frau müssen nicht halbverhungert und im quietschgelben Minirock, den hautengen Designerjeans und auf Stöckelschuhen auf den Weihnachtsmarkt! Was wohl Großmutter Neandertal und Opa Cro-Magnon zu diesen eigenartigen Wesen gesagt hätten…Vermutlich sind es die gleichen, die mit Blasenentzündung im Bett liegen und die Weihnachtsferien auf Koh Samui oder in Neuseeland verbringen und sich einbilden, mit dem Kauf eines 2 Quadratmeter-Regenwaldzertifikats ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben…

Genug der unfreiwilligen Glühweinkomik.

Wenn man in Zukunft schon noch Klimakonferenzen braucht, dann auf dem überfluteten Markusplatz anstatt in klimatisierten Luxushotels mitten in der Wüste.

Der Wortlaut eines alten schwäbischen Verzweiflungsschreis kommt mir in den Sinn:

„Oh Herr, schmeiß Hirn rá, am beschdá Oimrweiß!“

Oh Herr, sende deine Weißheit herab, am besten Eimerweise!

Was wir zu verlieren haben sind mehr als ein paar Schneebälle und schöne Kindheitserinnerungen…