Adventskalender 2014 – 24. Türchen – Von heiligen Abenden und Gabenbescherern

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

„Fürchtet Euch nicht“ so der Engel zu den Hirten als er sie mit der Botschaft von der Geburt des Christkinds erschreckte…ja es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn da plötzlich mitten in einer Winternacht eine wildgewordene Horde Engel mit riesen Tamtam am Himmel erscheint und ein lautstarkes Haleluja anstimmt…

Aber halt, wie war denn das eigentlich nochmal mit diesem „Christkind“ und warum um alles in der Welt feiern unsere russischen Nachbarn erst am 6. oder gar 7. Januar Weihnachten? Warum gibt es bei uns immer Kartoffelsalat mit Würstchen, und warum ist das Nürnberger Christkind ein Mädchen, wo doch Jesus ziemlich klar ein Junge war?

Well, mit Weihnachten ist es ein bisschen so wie mit allen großen Dingen, sie machen viel Arbeit, viel Freude und manchmal eben wie überall wo Menschen am Werk sind auch ein bisschen Chaos.

Zuerst einmal zum Datum. Die Bibel gibt darauf keinerlei wirklichen Hinweis, selbst das Jahr ist unklar, nur der Ort ist einigermaßen sicher: irgendwo in Bethlehem, einer kleinen, eher dorfähnlichen Stadt nahe Jerusalem…Und der Stern, und dieser Kaiser Augustus, und jener Kyrenius, der Statthalter in Syrien war, und die drei Weisen (gr. magoi) aus dem Morgenland.

Nun, der Einzige aus dieser Reihe von dem wir einigermaßen sicher wissen was bzw. wer er war und wann er gelebt hat ist Gaius Octavius, uns heute meist als Kaiser Augustus bekannt, der herrschte als Kaiser zwischen 31 vor und 14 nach Christus. Sprich man kann sich nun eines dieser Jahre als das Geburtsjahr Christi heraussuchen, und da sich unser Kalender nunmal an der Geburt Christi orientiert haben wir heute irgendwas zwischen 2045 und 2000 (vielleicht kommt der Milleniumskrach also erst dieses Jahr…). Kyrenius ist den Archäologen und Historikern leider außer in der Bibel noch nirgends untergekommen, und vermutlich hatte derjenige der die Weihnachtsgeschichte aufschrieb (ein gewisser Lukas, dessen Identität so klar aber auch nicht ist) einfach vergessen wie der damalige Gouvaneur in Syrien hieß und einfach „Kyrenius“ was soviel wie Syrer (Syrenius/Cyrenius) heißt geschrieben.

Und der Stern? Komet, Supernova, Asteroid, astrologische Konstellation im Sternbild Fische…die Astronomen streiten sich seit Jahrhunderten darüber was die „Magoi“ also jene gelehrten und ein bisschen unheimlichen Männer aus dem Morgenland denn da gesehen haben – die Zahl drei ist übrigens eine spätere Erfindung, und auch dass es Könige waren ist eine nette kleine Mittelalterliche Zutat…aber sie machen sich einfach so nett im Krippenspiel, die prächtig austaffierten Orientalen samt Gefolge…

Und wie ist das nun mit diesem Christkind? Mann, Frau, Jesus, Webefigur, Nazi-Erfindung, Engel oder doch von Martin Luther, und was soll eigentlich die Sache mit diesem Weihnachtsmann, und dem Nikolaus, und warum um alles in der Welt bringt in Russland Väterchen Frost an Sylvester und in Italien eine Hexe die Geschenke und dass auch erst am Dreikönigstag?

Well, das ganze Kuddelmuddel fängt eigentlich damit an, dass wie gesagt anfangs garnicht so ganz klar war, wann und ob Weihnachten überhaupt gefeiert werden sollte. Vor allem die Jerusalemer Urgemeinde und auch einige andere ostkirchliche Gemeinschaften taten sich mit diesem Fest recht schwer und führten es erst lange nach den kleinasiatischen und lateinischen Gemeinden (damals war das alles noch mehr oder minder eine Kiche, allerdings wesentlich weniger zentralisiert als heute, im Prinzip machte die ersten paar Jahrhunderte jeder was er wollte) im 6. bzw. 7. Jahrhundert ein.

Warum in den Westkirchen (und auch in einigen Ostkirchen) ausgerechnet der 25. Dezember das Weihnachtsfest wurde, ist nicht ganz klar, hat aber vermutlich mit der Anlehnung der frühen Christen an den von den römischen Kaisern Aurelian und Heliogabal eingeführten Feiertag des „sol invictus“ (also der unbesigbaren Sonne) am 25. Dezember zu tun (dies v.a. darum, weil Christus schon sehr früh mit dem „Licht in der Finsternis“ gleichgesetzt wurde). In den Ostkirchen existierten hingegen von Beginn an andere Termine die teils bis mitten in den April reichten, teils bereits Anfang Dezember lagen.

Zusätzlich verkompliziert wurde die Lage durch die Kalenderreform Papst Gregors 1582 der aufgrund des ungenauen Julianischen Kalenders einfach 13 Tage „ausfallen“ lies. Dies machten, und machen viele der inzwischen durch ein Schißma getrennten Ostkirchen nicht mit (übrigens auch die meisten der inzwischen entstandenen Protestantischen Staaten Europas nicht), so dass deren Kalender bis weit ins 18. und in einigen Fällen sogar bis heute um 13 Tage „nachgeht). Auch hatte im Osten das Weihnachtsfest nie die Bedeutung, wie in den westlichen Kirchen. Wichtiger war hier der 6. Januar, das Fest der Epiphanie, also der Taufe Christi im Jordan (das auf das gleiche Datum das Fest der heiligen Drei Könige fällt, die ebenfalls als Gabenbringer auftreten – schließlich waren sie es, die laut Bibel dem Christkind die ersten Geschenke brachten – macht die Sache mit Weihnachten und den unterschiedlichen Gabenbringern nicht einfacher.

Wirklich kompliziert wird es dann aber, wenn noch Nikoklaus, Väterchen Frost oder die Befana als Geschenkebringer auftreten.

Traditioneller Weise war es nämlich in Westeuropa so, dass es bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nicht zu Weihnachten, sondern bereits zu Nikolaus Geschenke gab. Das ganze leitete sich von einer Passage in der Heiligenlegende des Nikolaus von Myra ab, der eines Nachts drei unschuldig aufgrund von Schulden bzw. Armut zur Prostitution gezwungenen Mädchen (einige Varianten der Legende legen auch nahe, dass es Jungen gewesen sein könnten) mit drei Kugeln Gold dieses Schicksal erspaarte, die er Nachts unbemerkt in deren Schlafzimmerfenster gleiten ließ – es ist manchmal schon seltsam wie Heilige zu Geschenkebringern werden, aber so war’s nunmal, wenn ihr mich fragt hat das Ganze trotzdem ein Gschmäckle…

Nicht nur ich, sondern auch die um 1520/30 wie die Pilze aus dem Boden schießenden Protestanten hatten mit diesem „Heligen Nikolaus“ ihre Probleme, so dass Martin Luther sich etwas anderes einfallen ließ und als neuen Geschenkebringer den „Heiligen Christ“ erfand und auch gleich das Datum der Bescherung auf den 24. festlegte damit es da auch ja keine Missverständnisse und Verwurschtelungen geben konnte…

Nun, so ganz funktioniert hat das nicht. Aus dem „Heiligen Christ“, mit dem in erster Linie der erwachsene und nicht der gerade eben geborene Jesus gemeint war, wurde nach und nach das Christkind, dem immer mehr kindliche aber auch engelhafte Züge angedichtet wurden. Der Grund dafür ist unklar, aber vermutlich sprachen die weißgekleideten Engel aus dem Krippenspielen und ein kleines, neugeborenes Kind die Menschen einfach wesentlich stärker ästhetisch und emotional an, als ein manchmal etwas cholerischer und abgehobener Zimmermansgeselle aus Nazareth.

Auch war es längst nicht so, dass nun die Katholiken brav den Nikolaus und die Protestanten das Christkind als Gabenbringer bevorzugt hätten. Die Dinge vermischten sich doch, an manchen protestantischen Orten gab es weiterhin am 6. Dezember vom Nikolaus Geschenke, an manchen katholischen kam zusätzlich das Christkind und in wieder anderen Regionen entwickelten sich noch ganz andere Gabenbräuche, die auf teils ganz andere Heilige zurückgingen (z.B. den Heiligen Martin, die Heilige Lucia oder eben auch die Heiligen Drei Könige).

Letztere hatten ihre Hochburg offenbar in Italien, denn dort wurde Weihnachten zwar am 25. Dezember mit einer festlichen Messe gefeiert, aber die Geschenke gab’s wohl erst – wie in den Ostkirchen – am 6. Januar. Nur dass die heiligen Drei Könige dort mehr und mehr (wann ist nicht ganz klar, vermutlich aber schon zu Beginn der Neuzeit) von einem kleinen Dämon oder einer Hexe namens Befana (von Epiphanias) abgelößt wurde. Diese/r hatte sich laut einer populären Sage gemeinsam mit den Hirten aufgemacht um das Christkind anzusehen, kam aber zu spät und traf so erst mit den Heiligen Drei Königen am 6. Januar ein. Anfangs ein eher zwielichtges Wesen wurde Befana ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zum Gabenbringer und darin v.a. in der Zeit des Faschismuses durch eine „Befana für Arme“ zusätzlich popularisiert.

Eine ähnliche Geschichte hat Väterchen Frost. Diese Figur stammt aus dem reichen Reich der russischen Märchen und war ursprünglich die durchaus nicht immer ganz freundliche Verkörperung des Winters. Schon zu Zeiten von Peter dem Großen verlagerte sich in Russland der Geschenkeabend vom 6. Januar auf die Silvesternacht, da Peter ausgesprochen antikirchlich eingestellt war und alternative weltliche Bräuche schaffen wollte. In wie weit dabei auch schon Väterchen Frost als Gabenbringer auftrat bleibt unklar, jedoch scheinen sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland mehr und mehr „weltliche“ Gabenbringer (wie die Verkörperung des Neuen Jahres oder Genien) durchgesetzt zu haben.

Wirklich populär wurde Väterchen Frost als Gabenbringer aber erst mit der Oktoberrevolution. Diese schaffte im Alltag der Menschen sämtliche religiösen Bezüge ab (oder versuchte dies zumindest) und propagierte stattdessen eine säkulare Weihnachtsfeier mit Väterchen Frost als Gabenbringer.

…und warum um alles in der Welt ist das Nürnberger Christkind nun ein Mädchen? Nun, das ist auch eine etwas komplizierte Geschichte. Ich habe ja schon geschrieben, dass der von Luther entworfene Gabenbringer des „Heiligen Christ“ sich recht schnell zu einem lieblichen, engelsgleichen Säugling oder zumindest Kind oder Jugendlichen entwickelte, das mehr und mehr seinen Bezug zum christlichen Hintergrund verlor und spätestens im 19. Jahrhundert ein Eigenleben jenseits der Christlichen Heilslehre zu führen begann. Entscheidend für das Nürnberger Christkind sind aber die Nationalsozialisten. Diese führten Prolog und Christkind 1933 als bewussten blondgelockt-arischen Gegenentwurf und „Marketinggag“ gegen Christliche Bezüge des Weihnachtsfestes ein.

Bis 1968 behielt das Nürnberger Christkind allerdings sein männliches Geschlecht und wurde von Schauspielern verkörpert. Erst dann kamen die Organisatoren des Nürnberger Weihnachtsmarktes auf die Idee das Christkind von einem jungen Mädchen verkörpern zu lassen – vermutlich weil sie sich hierdurch eine größere Aufmerksamkeit (man kann beim Christkind ja schlecht von Sexappeal sprechen) erwarteten.

Und was ist jetzt mit dem Weihnachtsmann? Nun der stellt eine Art Fortentwicklung des Heiligen Nikolaus dar, ist mit diesem aber nicht identisch (es ist ganz ähnlich wie beim Christkind, dass ja auch ein Eigenleben entwickelte), der sich irgendwann mit Väterchen Frost kreuzte und noch dazu in den 1920er Jahren von Coca-Cola für seien Weihnachtswerbung entdeckt wurde (die Amerikaner haben ihn allerdings nicht erfunden, wie es fälschlicherweise oft heißt.

So, jetzt war’s aber genug Kuddelmuddelentwirrung für heute. Ich wünsche Euch frohe, liebevolle, ruhige, freundliche, freudenreiche, selige und gesegnete Weihnachten und natürlich auch ganz viele Geschenke, egal wer sie nun wann bringt.

Wen’s genauer interessiert, hier wie immer noch ein paar Wiki-Links dazu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Augustus

http://de.wikipedia.org/wiki/Christkind

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Befana

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Christkindlesmarkt

PS: gerade habe ich gelesen, dass man inzwischen wohl doch weiß, wer dieser Cyrenius oder Quirinius gewesen sein könnte (Wikipedia sei dank lernt man nie aus!), es scheint den Herrn tatsächlich gegeben zu haben und er hat sogar um 6 nach Christus (passt!) in Judäa eine Volkszählung für die Steuerlisten durchgeführt (was ein Zufall!)…Wer mehr über Publius Sulpicius Quirinius wissen will:

http://de.wikipedia.org/wiki/Publius_Sulpicius_Quirinius#cite_note-7

 

 

 

Adventskalender 2014 – 14. Türchen – prejudices, or my perfect German christmas party in the middle of August!

Duftpomaden- Nelkenorange

Duftpomaden- Nelkenorange

Sometimes it’s true: prejudices do exist, to be confirmed!

But it’s also true that in quite a lot of cases, the pre-judged do everything to ensure that prejudices become true for the prejudicing ones, particularly, when they are profitable for the pre-judged!

One of those very precious and extremely profitable prejudices is the “German Christmas”!

Not only half of the world’s population seems to be absolutely convinced, the whole of Germany would mutate into a single giant Christmas market between October and March, no! – for some unexplainable reason my American, Chinese and Russian friends also are absolutely sure of the fact, that all Germans had nothing better to do, than drinking German mulled wine, eating German Lebkuchen – of coruse from the most German city Nuremberg – while carving incessantly Oberammergau crib figures wearing god-old German leather pants during this “holy time” of the year…

Well…I’ve tried to explain things are a bit more „complicated!… I’ve tried it…really!

To my big misfortune, we were visiting the beautiful German city of Bamberg…which unfortunately looks exactly like Disney would create a Christmas town…even in the middle of August. Things were as they had to come… my beloved multicultural Chrismas-seekers discovered the full-year Christmas paradise – a really awful shop, freshly imported from Rothenburg ob der Tauber!  Did I mention that it was the middle of August!

To make things short and worser: Any further attempt to explain that Christmas was not a quintessentially German invention with quintessentially German customs and quintesentially German “Gemütlichkeit“ was henceforth completely useless …

Instead, I grabbed my advent calendar from Aldi, took some gingerbread (foolishly, we visited Nuremberg too, there you can get gingerbread all arround the year, consequently I’ve must been wrong: Without any doubt, Germany is the land of eternal Christmas markets! damn!).

And then it happened … some idiot of touristshop-owner offered the ultimate beer mug: with a portrait of the Kaiser, an imperial eagle, good old Germany inscription (I’ver wondered why in Gods name there was no ; Für Gott, Kaiser, Reich und Vaterland-inscription!) , Santa Claus, some reindeers, Christmas market stalls, the “Chriskind-Rauschegoldengel” and of course the synonym of “real” German Christmas customs: a Christmas pickle! (I declared to “my” Americans for the 10,000st time that there is no such custom in Germany … they do not believe me! Of course not, if there’s a whole bunch of christmas pickles in the showcase!)

After this, I haven’t even tried to explain to my beloved Americans why Santa Claus isn’t the half-brother of the Christkind, or that reindeers belong to Norway and are a typical element of American folclore… I let them buy their goddamned pitcher “made in China”, and even drunk some “real” Franconian smoked beer from it (I’m drinking it exclusively when I’m forced to do so by friends on transit!).

At the end, I’ve managed to get some unripe oranges to show them how to make a genuine German Orange with cloves (those strange things, you already had to tinker in Kindergarten. Of course without a kindergarten aunt explaining that much less burning essential oils would get into your eyes, when you drill some holes into the orange with a with a small nail  first and then put the cloves in … may I’ve forgot to tell, that Oranges and cloves do not grew in germany and came to our country from Venice in the 15th or 16th century and therefore called „Duftpomaden“ or „Duftpommeranzen“ (scented oranges)…but my guests were Americans! I’m glad when they don’t mix Austria with Australia and – honestly said – for them everything that smells like German Chrismas must be genuinly German…It’s the same thing with socker, cars and beer…).

In short: I’ve done everything not to be the evil, deadly serious and oversophisticated German again… and I managed it! I’ve celebrated a perfect German Christmas, with Christmas baubles, a Christmas pickle, an Advent-Calendar and a genuinely German Orange with cloves in it! And I did all this in the middle of August, just to prove: Germany is Christmas genuine homeland!

Happy New Year!

Adventskalener 2014 – 8. Türchen – Von Weinachtsmärkten, Geistesgestörten und Turboschwangerschaften

neigeFrage ich meine amerikanischen, italienischen, spanischen, chilenischen oder norwegischen Gäste, die mir der Wind gelegentlich ins Wohnzimmer trägt danach, was sie am wintertrüben Deutschland am liebsten mögen, dann beginnen ihre Augen zu leuchten und sie antworten mir: Die vielen, vielen Weihnachtsmärkte natürlich! Vermutlich könnte es für sie das ganze Jahr Advent sein, und die Welt ausschließlich aus Glühweinständen, Würstelbuden und Dekoständen mit Christbaumkugeln und Krippenfiguren bestehen…

Ich selbst habe zu diesen „kleinen Dörfern aus Tuch und Holz“ ein etwas ambivalenteres Verhältnis…nicht das ich es gelegentlich nicht schätzen würde bei Eis und Schneeregen einen gepflegten Eierpunsch oder eine Kaminwurzen zu mir zu nehmen, nicht dass ich als Kind nicht auch vor der Krippe mit den Schafen und Eseln gestanden wäre und ungeduldig darauf gewartet hätte, bis das Christkind endlich verkünden würde, dass es jetzt wieder Weihnachten werden würde, nicht dass ich Märchenzelt, Zwergenbahn und dem herrlichen Stand mit den Steiff-Tieren die sich zu weihnachtlicher Musik hin und herbewegten nicht bis heute einen ganz besonderen Platz in meinem vorweihnachtlich erweiterten Herzen einräumen würde…

Leider geht diese von gewieften Werbestrategen, Marktbeschicktern und Tourismusmanagern kreierte Weihnachtsseligkeit nicht nur bei mir auf…und genau darin liegt das Problem. Ich hasse es schlichtweg mich mit gefühlt 300.000 weiteren Weihnachtsseligen durch die engen Gassen schieben zu lassen, vor lauter Menschen kaum mehr einen Blick auf die Auslagen werfen zu können und dann auch noch von Bessoffenen und anderweitig Geistesgestörten (am schlimmsten sind die „Spätgeschenkeinkäufer“, die spätestens ab dem 15. Dezember keinerlei Hemmungen mehr zu kennen scheinen und einen mitsamt Kind und Kegel auf der verzweifelten Suche nach „dem“ ultimativ einmaligen und ganz besonderen Geschenk einfach umrennen).

Nicht, dass ich diese Aversion nur an Weihnachten oder speziell an Weihnachtsmärkten hätte…ich kann es einfach auf den Tod nicht ausstehen, wenn Menschen mir ohne ausdrückliche vorherige Aufforderung näher als 50 cm kommen…Komfortzone nennt sich das wohl und ist zugegeben eines jener exotisch-westlichen Luxusprobleme, die uns unsere Urinstinkte inmitten einer überbevölkerten Welt globalisierter Egomanen gelegentlich spielen.

Trotzdem „gönne“ ich mir jedes Jahr auf’s Neue das „Gwörch“ (fränk. für hdt.: Gewürge/Gedränge). Ihr sehr also, ich muss sie sehr lieben, die Weihnachtsmärkte und Spätshopper, die Glühweinsäufer und Rauschgoldengel, die Schafe und die Esel, die Steiff-Stofftiere und auch die Zwergenbahn in die ich leider nicht mehr reinpasse…

Einen schönes Hochfest der unbefleckten Empfängnis Mariens Euch allen, und wenn ihr jetzt auch etwas Mühe mit der Geschichte mit der Unbefleckten Empfängnis, dem Heiligen Heist und der Turboschwangerschaft Mariens (3 Wochen!) habt, empfehl ich ganz dringend einen Besuch auf dem nächsten Weihnachtsmarkt: Glühwein und Eierpunsch helfen, immer!

 

Adventskalender 2014 – 5. Türchen – Warum in meiner Krippe Affen, Schildkröten und ein wilder Eber hausen…

Peruanische Weihnachtskrippe

Peruanische Weihnachtskrippe

Wisst ihr noch, wie es damals am heiligen Abend war, als man mit vier oder fünf Jahren noch an das Christkind und/oder den Weihnachtsmann glaubte und es garnicht erwarten konnte bis endlich ein kleines Glöcklein erklang und man in das Zimmer mit dem Chrisbaum und der Krippe durfte?
Eigendlich hatten sich meine Eltern ausgedacht, dass wir Kinder in der Woche vor Weihnachten überhaupt nicht ins Wohnzimmer sollten, weil dort angeblich das Christkind dabei war den Weihnachtsbaum zu schmücken und – viel wichtiger – unsere Geschenke einzupacken, und wenn wir es dabei stören würden, würde es nichts geben…well so ganz geglaubt haben ich und mein Bruder das glaube ich damals schon nicht, schließlich waren wir nicht auf den Kopf gefallen (na ja, mein Bruder manchmal schon, aber das ist eine andere Geschichte und hat viel mit Obstbäumen und Skifahren ohne wirklich Bremsen zu können zu tun) und konnten uns halbwegs ausrechnen, dass der Christbaum vom Chrisbaumverkauf und die vielen Bunden Geschenke vom Weihnachtsmarkt nicht von irgendwelchen Engeln auf die Autodächer geschnallt und in den Kofferaum gelegt wurden und nach Hause gefahren wurden…

Trotzdem trotteten wir bis weit in die Grundschulzeit hinein jedes Jahr brav hinter meinen Großeltern in den damals noch tief verschneiten Wald und positionierten unsere Wunschzettel ans Christkind in einem Vogelhäuschen, dass rein zufällig nur wenige dutzend Meter vom Waldrand entfernt über der Lieblingsbank meines Großvaters hing.

Nebenbei gesagt war mein Großvater – wie übrigens auch unsere Kindergartentanten und Grundschullehrerinnen – nicht ganz unschuldig, dass wir schon ziemlich früh nicht mehr so ganz an die Geschichte mit dem Christkind und dem Weihnachtsmann glaubten*.

Grund dafür war, dass alle eine ausgeprägte Vorliebe dafür teilten, irgendwelche kleineren oder größeren Krippen zu basteln. Erst aus Papier und mit Fingerfarben, dann durften wir unsere ersten Tonkrippenfiguren kneten (das meine ich jetzt ganz wortwörtlich) und als diese dann fertig gebrannt und bemalt waren brauchten die natürlich auch eine echt schwäbische Krippe mit Stall und allem sonstigen Bremborium (das ist vermutlich der Grund, weshalb zwar Maria und Josef mitsamt dem Jesuskindlein und einem Schaf heute hart gebrannt sind, Ochs und Esel, der Hirte, die restlichen Schafe, ein Hund und vor allem die heiligen Drei Könige aber nicht – was heißt, dass diese im Laufe der Jahre x-mal geklebt werden mussten).

Wirklich ins Grübeln gebracht hat uns aber die Mammutaufgabe des Krippenbaus, derer sich selbstverständlich mein Großvater mitsamt seiner ziemlich Umfangreichen Werkstatt im Ölkeller annahm. Eigentlich durften wir da ja nicht rein…wegen der Explosionsgefahr…und wer uns zwei Racker kannte, der weiß dass wir durchaus auch auf die Idee hätten kommen können versuchsweise auszuprobieren ob man den Öltank nicht mit der Bohrmaschine, der Flex, oder dem Stemmeisen aufbekommt…Well, ich und mein Bruder leben noch, ich nehme also an, dass wir das nicht wirklich ernsthaft ausprobiert haben…

Kurz, es wurde geschnitzt, genagelt, geschraubt, kleine Schuppen von Fichtenzapfen als Dachziegel aufgeklebt und gemalt…Und tatsächlich wurde das Meisterwerk, wenn auch erst zwei Jahre später,  tatsächlich vollendet – Inklusive Riesenbatterie und winziger Laterne mit noch winzigeren Birnchen. Dass das Ganze ein wenig zu klein für die Tonfiguren ausgefallen ist, liegt ganz bestimmt nicht drann, dass sich mein Großvater eventuell vermessen hat…das war eindeutig das Christkind, das, weil mein Bruder und ich immer ins Weihnachtszimmer geschlichen sind und die dort aufbewahrten Weihnachtsbrötchen gegessen haben, zur Strafe unsere Krippe geschrumpft hat!.

Ja, und da steht sie nun, neben unseren 5 anderen Krippen (inzwischen haben wir glaub noch mehr, wenn man die in divesen  Streichholzschachteln, Kürbissen, Glaskugeln etc. mitzählt…)…Ich werd sie auch dieses Jahr wieder bei meinen Eltern aufbauen, vorrausgesetzt es findet sich noch ein Plätzchen…

Jahre später – ich hatte gerade zu studieren begonnen – habe ich dann zufälligerweise ein Gespräch zweier Verkäuferinnen im Dritte Welt Laden (der hieß damals wirklich noch so) angehört. Sie hatten ein garnicht so kleines Problem: Irgendeine ihrer gutmeinenden Kolleginnen hatte nämlich eine das gesamte linke Schaufenster ausfüllende Peruanische Krippenszene aus ca. 30 cm hohen Tonfiguren zum weiterverkauf erstanden…und die blockierte jetzt schon seit über 4 Jahren zu jedem Weihnachtsfest das Schaufenster, weil sie niemand kaufen wollte. Die Krippe hatte nämlich zwei Probleme: a) war sie fürchterlich teuer und b) sah sie einfach überhaupt nicht so aus, wie ein normaler oberfränkischer Käufer sich eine Krippe vorstellt. Es gab zwar einen Engel, aber der fasste sich an die Brüste, Maria und Josef und ein Esel waren mit Müh und Not auch noch irgendwie am Hirtenstab den Zöpfen und den Langen Ohren zu erkennen, aber der Rest? Irgendwie waren die Heiligen Drei Könige und Hirten zu kleinen Inkas mutiert, die Fische, Chilischoten, Bananen, Schildkröten und sogar Affen anschleppten. Am schlimmsten aber war, dass der Ochse, dieses vertraute dummtreue Tier aus der oberammergauer Hirtenidylle aus unerfindlichen Gründen zu einem fetten, grimmig dreinblickenden Eber mit riesigen Stoßzähnen mutiert war. Das mag ja in Peru so üblich sein, aber unter dem eigenen Christbaum wollte das ganz offensichtlich kein Bamberger haben…

…und so stand sie nun da, die peruanische Monsterkrippe, und stand, und stand und stand…Nach der Lautstärke ihres Gesprächs war es den Verkäuferinnen im Jahr als ich zu studieren anfing offensichtlich endgültig zu bunt geworden und sie beschlossen, während ich nach biologischdynamischsozialgerechter Schokolade suchte, dass Ding loszuwerden – egal zu welchem Preis!

Als Schwabe mit einem ausgesprochenen Faible für kuriose Krippendarstellungen habe ich mir das natürlich nicht zweimal sagen lassen – und ganz beiläufig gemeint, dass ich sie – aus reiner Herzensgüte – für einen Fünfziger von dem Ding erlösen würde…Das war ungefähr ein fünftel dessen, was die Krippe eigentlich kosten sollte und ehrlichgesagt nicht ganz ernst gemeint.

Und dann geschah das Wunder: Offensichtlich hatten die Verkäuferinnen nicht damit gerechnet die Krippe des Schreckens – wie sie in Bamberger Gutmenschenkreisen inzwischen hieß – jemals wieder loszuwerden, schon garnicht für Geld…und sie fingen an zu jauchzen und zu jubilieren, mich als ihren Retter zu preisen und eine Geschäftigkeit zu entwickeln, wie sie selbst die Himmlischen Heerscharen beim großen Gloria in excelsis nicht entwickelt haben…Da wurde eingepackt und verstaut, nach Bananenkisten gesucht und ganz schnell die Kasse aufgeschlossen und kassiert, bevor der Verrückte der sich ernsthaft eine Peruanische Horrorkrippe unter den Christbaum stellen wollte es sich doch noch im letzten Augenblick anders überlegt hat…Ja ich krigte meine Tafel Schokolade sogar noch umsonst obendrauf und eine Gratisprobe Apfelsinen aus Equador gabs auch noch obendrauf!

Uns so stehen sie nun seit Jahren bei mir, die wackeren kleinen Peruaner mit ihren Affen, Schildkröten, Fischen, Chilischoten, dem Monsterschwein und dem sich vor lauter weihnachtlicher Wonne an die Brüste greifenden Engel.

Ich mag sie – und manche Gäste sind, nachdem sie sich nach dem ersten Schreck wieder eingekriegt haben, sogar ein bisschen neidisch, dass ich eine so ungewöhnliche, große und teure Krippe mein Eigen nenne…

 

*Wir haben aber trotzdem mitgespielt, schließlich machte das unseren Eltern einen Heidenspaß uns angeblich an der Nase herumzuführen – und warum soll man den den Erwachsenen als Kind nicht auch mal gönnen.

24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!

6. Türchen: …oder wie es dazu kam, dass ich nicht mehr an den Nikolaus glaubte!

Sankt Niklas

Aber das ist ja garnicht der Nikolaus!“

Meine Kindergartentante Fräulein (wichtig!) Fleischberg (ich fürchte sie hieß wirklich so ähnlich) vom katholischen Kindergarten Sankt Maria im Sternenschutzmantel, Knecht Ruprecht, das Engelchen mit dem goldenen Buch und meine Mitkindergartenkinder von der „Igelgruppe“ waren entsetzt. Ich saß auf dem Boden, brüllte, warf vielleicht sogar mit Bauklötzen (soll vorgekommen sein, sorry Fräulein Fleischberg!) und weigerte mich strikt jedweden Bestechungsversuch mit vollmichschokoladenschwangeren Weihnachtsmännern und bunt glitzernden Liebeskugeln anzunehmen.

Der Grund des gesamten Aufstands war, dass der Nikolaus sich partout weigerte, mir zu erklären, warum er genau die gleichen schwarz-gelbe Moonbootsstiefel trug , die mein Pappa am morgen zur Arbeit angezogen hatte.

Stattdessen guckte mich das Engelchen (die Kindergartenleiterin, dass war mir auch schon vorher klar gewesen!) streng an und drohte, dass der Knecht Rupprecht mich gleich in den Sack stecken und mitnehmen würde, wenn ich nicht brav sei.

Ich war sauer!

Auch das nachfolgende ausführliche Verlesen meines Sündenregisiters und das alljährlich gleiche „Heißa, Hopsa Mandelstern“ und „Morgen kommt der Niklausmann“-Potpurri , das ich, so gut es in meiner Wut eben ging mitplärrte, halfen absolut garnichts:

Der Nikolaus war doof und außerdem eine Riesenpetze!

Es kam, wie es kommen musste:

Ich  war absolut nicht beeindruckt und wartete auf meine Geschenke und tat das, nachdem keine kamen auch ziemlich lautstark kund (die andern hatten schließlich auch alle was bekommen!).

Der Nikolaus nahm mich auf den Schoß (schwerer Fehler!) und fragte mit drohend erhobener Stimme ob ich ihm jetzt endlich versprechen würde in Zukunft bräver zu sein, denn nur brave Kinder bekämen was vom Nikolaus!

Anstatt nun wie alle anderen ungezogenen Kinder hoch und heilig zu versprechen in Zukunft das allerbrävste und lammfrommste Kind der Welt zu sein brüllte ich nur:

Du bist ja garnicht der Nikolaus, sondern mein Pappa!“

und machte mich wütend aus dem Staub. Dummerweise nahm ich den Bart gleich mit und die anderen Kinder merkten spätestens jetzt, dass etwas mit diesem seltsamen Heiligen mit den schwarz-gelben Moonboots ganz und garnicht stimmte.

So kam es, dass ich- trotz aller Bemühungen meines Umfelds -bereits mit 4 nicht mehr an den Nikolaus, und erst recht nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubte!

PS: An das Christkind hab ich bis in die zweite oder dritte Klasse geglaubt. Das saß ja auch brav auf der Christbaumspitze oder lag ruhig und zufrieden in seiner Krippe und kam nicht auf die saublöde Idee, einem aus irgendwelchen goldenen Büchern die Leviten zu lesen! (jedenfalls bei uns nicht!)

Einen schönen Niklaustag, und lasst Euch nicht ärgern!

Auf’s Christkind!

Bauen eigentlich alle Städte ihren Weihnachtsmarkt gefühlt Mitte September auf, oder habe ich nur wieder einige Tage im Kalender verloren? Zurück aus dem Süden wirkt Bamberg überfüllt, eng und dunkel. Künstliches Vogelgezwitscher gellt aus einer geschmacklosen Pseudowaldidylle in der ausgestopfte Hasen ebenso unglücklich drapierten Füchsen und Rehen gute Nacht sagen über die Schranne. Die großen Herbstauktionen der Antiquitätenhändler sind vorbei und auf dem Maxplatz harren seltsam deplaziert wirkende Buden des Weihnachtsmarktes besserer Tage.

Meine Wohnung ist kalt. Feuchtigkeit steigt die Stufen Kellerstiege herauf und verbreitet den Geruch schimmligen Salpeters. Die vom Nachbarsbaum herabgefallenen Äpfel im Hof sehen in ihren graubraunen Blässterbetten aus, als hätten nicht Amseln sondern Riesenameisen sie zerpflückt. Vermutlich hängt das Gerfühl mit der Rückkehr nach Bamberg in einen Haufen alter Kartoffelsäcke gefallen zu sein damit zusammen, dass ich große Teile der diesjährigen Bockbiersaison zugunsten wissenschaftlicher Worthülsengefechte ausgelassen und mein Restalkohollevel dank schwäbischer Mäßigung oberfränkisches Normalniveau noch bei weitem nicht erreicht hat.

Beim Anblick der eingemotteten Gondeln in der Nähe der Nonnenbrücke, fällt ein Januarmorgen in Venedig ein. Die Bora peitscht Nebelschwaden über die Lagunge, an den Bootsauslegern gefriert die Gischt, Schneewehen und Aqua Alta kämpfen in den Gassen um die Vorherrschaft und man selbst hat garkeine andere Wahl als sich von ombra zu Spritz und vin brulé durch die zumindest einigermaßen warmen Baccari vorzuarbeiten. Zehen und Fersenballen sind trotz dreifacher Wollsockenarmierung durchgefroren. Gummistiefel sind kein besonders guter Wärmespeicher, aber wenigstens halten sie trocken.

Ich gehe weiter, stolpere durch lärmende Gymnasiasten. Ihre Lebensfreude wirkt so falsch wie das Liebesduett aus Händels Rodalinda in meinen Kopfhörern und der Name des Altersheimträgers gegenüber: Fazit…Will man in einem so benannten Gebäude wirklich wohnen, wenn man eines Tages nicht mehr allein zurechtkommt? Fazit…der Mensch reduziert auf ein paar Stellen hinterm Komma. Sorry, unpassender geht’s wirklich nicht.

Die Fähre zwischen Schleuse 100 und Concordiaufer liegt da wie ein silberner Gelbrandkäfer im Winterschlaf. Keine Ruderboote zum entern in Sicht. Der voprprogrammierte Ärger mit durchs Schleppseil geköpften Wildbadern und entnervten Sonnenbadenden wird wohl noch ein halbes Jahr warten lassen..

Hinter dem Mühlsteg ein paar verlassene Blumenkübel. Letzte Woche blühten hier noch die Geranien, oder war es letzten Monat, dass erster Schnee in den Gassen lag?

Ein Fahradfaher rast an mir vorbei. Keine Klingel, Kein Licht, kein garnichts…Student wahrscheinlich…oder Lebenskünstler.

Der Biometzger wirbt für Knoblauchbratwürst. Sollen gut sein…ich weiß es nicht. Am Pfahlplätzchen wachsen Gerüste in die Höhe. Die Farbmuster an den Wänden lassen weitere Bonbonkulissen befürchten.

Zwei Amerikanische Touristinnen betrachten den Leschenbrunnen. Ob sie wohl immer noch glauben, wir würden in good old Germany unser Trinkwasser von dort unten beziehen (als ich noch in der Lugbank wohnte, holte ich einmal mit zwei Daubeneimern Wasser für die Blumen. Zugegeben, ich sah mit meinen vollen Wassereimern und in meiner Blau-gelb-roten Küchenschürze wirklich etwas mittelalterlich aus. Die Reiseleiterin erklärte daraufhin, dass noch nicht alle Bamberger Häuser fließend Wasser hätten…Ich habe gelacht, und beim nächsten Besuch sie – rein aus versehen versteht sich – etwas vom kostbaren Nass von oben ab). Hoppla! Wenns aach diregt unnä maam Fensder schdôn…

An der Ecke zur Karolinenstraße stürzt eine 80 Jährige auf’s Kopfsteinpflaster. Zu viel Schlenkerla und das um halb elf morgens! Ich heb sie auf, frag ausgesprochen nett ob alles in Ordnung sei. Sie sieht mich verwirrt an, tritt mir gegen das Schienbein und läuft weiter. Wer sagt, dass nur Jugendliche schlechte Manieren haben irrt gewaltig!

oder hatte die Frau Alzheimer? Ich ziehe Menschen in seltsamen Geisteszuständen an. Rentner erzählen mir im Bus von ihren Prostataschmerzen, Im Zug fragt mich ein keinem Geschlecht klar zuortbares Wesen, wieviel Minuten es noch zum rauchen habe, und als ich Antworte fünf, darf ich mir zwanzig Minuten die Frage anhören, ob die Bahnhofsmission in Ingolstadt, oder die in Hamburg die bessere sei, wildfremde Kinder fangen entweder an zu heulen wenn sie mich sehen (v.a. kleine Mädchen in rosafarbenen Rüschenkleidchen) oder werfen sich, wenn ich auf einer öffentlichen Parkwiese lese auf mich (es hat gedauert bis Mamma endlich herkam,Kind war der festen Überzeugung is sei eine Art Riesenteddybär, Mamma fand’s witzig, und ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine Art postfemministischer Flirttrick gewesen sein sollte…

Ich stehe in der Durchfahrt des Alten Rathauses. Kann mich noch immer nicht entscheiden ob Plensas Gummibärchen mir gefallen, oder in ihrer psychotischen Haltung Angst machen. Von unten steigt Glühweindurft auf. Es ist soweit: Der Advent naht mit riesengroßen Pusteblumenschritten; und solange die Bamberger nicht wie die Neu-Ulmer auf die Idee kommenund die Fress- und Saufmeilen Ende Oktober bis Februar auszudehnen – Winterzauber wochendends bis Mitternacht und wochentags mit live-Musik vom Kindergarten Sankt ADHS sind mir sogar die Glühweinstände recht (und das obwohl sie das ohnehin diffizile Unternehmen des kollisionsfreien Hindurchschlängelns durch Menschenmassen nicht eben einfacher machen). Prosit auf’s Christkind!