Tageshaiku 72 _ Novemberende

Graue Kälte, Graupelschauer.
Bockbier und heißer Wein.
Über den Köpfen:
Fliegende Bäume und Lichterketten!

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Tageshaiku 64 – Novemberabend

Triefnass, die bleichen Dahliensterne.

Grauweißer Schimmel liebkost zärtlich die Geranie. 

Im welken Grün noch Herbsttomaten.

Weihnachtsbaum vorraus!

Weihnachtsbaum voraus!Ist es eine optische Täuschung, oder tanzen hinter meinem Computerbildschirm tatsächlich die ersten Schneeflocken des Jahres? Ein morgendlicher Blick auf die letzten in der Sonne schwankenden rosa Geranien im Blumenkasten täuschte Septemberwäre vor, doch spätestens ein Schwenk auf die kahl in den Himmel ragenden Äste des Apfelbaums daneben genügte um diese Illusion zu zerstreuen. Der heißere Dialekt der Saatkrähen verschiebt meinen inneren Kalender auf Ende November, auf den Dächern liegt Reif und gegen Nachmittag kapituliert selbst der stets neugierig vor meinem Schreibtischfenster lauernde Nachbarskater vor den ersten Schneeflocken. Zu Kalt!

Wundert es da noch einen, wenn ich heute Vormittag spontan beschlossen habe, dass es endlich Zeit wird, meine Kümmerkonifere wie in jedem Jahr in einen Hofweihnachtsbaum zu verwandeln, den Adventskalender auszumotten und dicke Watteschneeflocken an die Fenster zu hängen?

Weihnachten kann kommen, aber bitte noch nicht so schnell…Deshalb bleibt die Christbaumspitze auch vorerst eingepackt…

Sonntags im Hinterhaus

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Ja es ist soweit: Über meinem Schreibtisch kreisen Gänseschnüre, Acrobat Pro spricht seit dem letzten Update nur noch Englisch, und mittels automatischer Benachrichtigung teilte mir heute mein Blog-Account in Form eines goldenen Pokals mit, dass ich vor genau einem Jahr glücklich damit begonnen hätte, die Welt an allen möglichen und unmöglichen Ereignissen meines Lebens online teilhaben zu lassen. Endlich die richtige Gelegenheit für eine tiefgreifende Reflektion über die Chancen und Risiken der Neuen Medien, die Beschleunigung von Zeit und Raum, die schleichende Mediatisierung des Alltags und die zunehmende Digitalisierung des Alltags…

Geschenkt! und ein dickes Sorry an alle Profi-Nerds, Kämpfer gegen das Böse im Netz (oder das gute darin?) und Stubenhockermisanthropen, ich bin auch schockiert & ihr habt meine vollste Solidarität!

Es regnet. Dicke kalte Novemberregentropfen. Auf dem Bleidach liegen die verlorengegangenen Blätter der Nachbarsbäume und durch die Altbauwohnung im Hinterhaus geistert der erste kalte Winterhauch. Es ist still.  Nur das gelegentliche Aufblitzen des roten Kontrolllichts der Solaranlage der Nachbarn verrät Leben. Selbst die Krähen und der stets von wilder Neugier und Raublust geplagte Nachbarskater haben es offenbar vorgezogen sich ein trockenes Fleckchen zu suchen. Das nur 20 Meter weiter eine stark befahrene Durchgangsstraße liegt bemerkt man nicht.

Sonntage am Karmelitengarten sind gemein, die Glocken klingeln eine halbe Stunde eher, und da das nächstgelegene vollfunktionsfähigem Geläut nur knappe 100 Meter entfernt steht, heißt das für mich automatisch: Sonntag Auschlafen ist nicht! Stattdessen Milchkaffe und aufgewärmte Butterhörnchen um halb sieben…

Meine Nachbarn sind endlich mit ihrem Dach fertig. Sieht ungewohnt aus. Neu, mit Chromkanten, zweifarbigen Schneefängern, einem Plastikphallus der reichlich unfolkloristisch auf Holzkaminabzug macht und im Mittagslicht reflektierenden Dachrinnen. Ihre mobile Rumpelkammer im Hinterhof haben sie deshalb nicht abgebaut, vermutlich eine Konzession an den Denkmalschutz ?…als kehrwochensozialisierter Schwabe werde ich wohl nie vollständig verstehen, wie Franken völlig ungerührt riskieren, dass ein Nachbar ihren „Gruschthaufen“ sehen könnte…

Trotzdem sind sie ja eigentlich ganz nett, die Einheimischen, wenn sie einen so nach zwei bis vier Wochen des Hustens, Schniefens, der Erkältung und des Fiebers, kurz: kurz vor dem finalen Exitus dann doch mal fragen, warum man denn ausgerechnet heut so schlecht aussehen würde…Und danke, Hühnersuppe aus dem krähenden Eigenanbau mit obskuren Zuckerkügelchen hilft da nicht wirklich…außer ihr wärt so nett, den Hahn in einem heidnischen Ritual zu opfern und das Kloster endgültig in eine Wellnesslandschaft umzuwandeln (sie sind dabei, ein Hotel ist schon drinn…)…Leider ist auch mein neugierig-panischer Nachbarskater wesentlich mehr an Pommes Frittes, Dönerspezialsauce und Hausmacherleberwurst, als an Federvieh interessiert…und ja, er kann (!) den Kühlschrank aufmachen, mag aber nicht, wenn ihm dabei eine eisgekühlte Gurke auf den Kopf fällt! Überlege gerade ob ich ihn in „Obama“ umbenenne. Vermutlich steckte er hinter der Präventivflyeraktion: „Kein Lärm am Kaulberg!“ Und überhaupt, diese Veranstaltungen, ständig jugendliche Komasäfer, und erst dieser allgemeine moralische Verfall der Jugend! (Nicht das wir hier irgendwas davon mitbekämen, hier giebt’s nur BWLer in billigen Lederhosen, die  im Vollsuff nach dem 14. Bockbieranstich gegen das frischgestrichene Garagentor urinieren. Da kann man dann als entrüsteter Wutbürger der hauptberuflich für das Aufhängen von „Prozesionsfahnen„, die Wahrung des „guten christlichen Andachtsbildes“ und gegen die „Bamberger Mauer“ einsetzt, schonmal Überwachungskameras an Wildpinklerstellen und präventive Starkstromleitungen marke „Bullenzaun“ fordern… Wie viele von den „Absurdbürgern„, die sich fleißig mit liebevoll gestallteten Verbotszetteln an den Pinwänden des „1. Innenstadthearings“ beteiligten wohl von hier oben kamen? Je ruhiger das Leben, desto größer das Luxusproblem…Habe gerade das sehr stereotype Bild eines eplanten Werbefilms für die Genussregion Oberfranken vor mir zweier Saidlaschwingender Vollfranken vor mir, die in einem indischen Slum nach dem nächsten Keller fragen und am Ende tatsächlich in einem „Aecht Deutschländer-Kerwa“ mit passender Vollplastikbestuhlung landen (Bollywood sei dank wissen wir alle, wie leicht so etwas im realen Leben möglich ist! Ich sage nur der „Eacht Szwartzwälder Biergarten“ zwischen der Wanfujing und dem Kaiserpalast in Peking! …Und dank kürzlicher Expedition ins land der nichtmehrganzsobefreundeten Westbarbaren wissen wir auch im Facebookfreundeskreis, dass es leichter ist ein Spezial Weißbier in einem US-amerikanischen Supermarkt zu bekommen als hier…

Aber eigentlich sind sie ja garnicht so, die Menschen am Kaulberg. Vor allem dann nicht, wenn sie mit gezücktem Kuchenmesser hinter mir herrennen (der Kleine Blonde von der Bäckerei fand, das sei ein ganz tolles Spiel), Sonntags morgends um halb acht mit dem Laubsauger durch ihre Gärten spazieren, tagelang mit dem echt antiken Benzinmotorbetriebenen Rasenmäher Marke „Trommelfellbeißer“ liebevoll ihr englisches Grün pflegen, ihren Nachwuchs brüllend in, oder aus den Apfelbäumen jagen oder nachts um drei als verschwörerische Elfen Gongs schwingend und Mantras singend durch die Gärten huschen (well, sowas kommt in einem ökologischen Mehrgenerationenprojekt in der Nachbarschaft eben vor…).

Und ja, ich liebe Euch Alle! Und ja, ich liebe auch die tägliche Absurdität meiner fränkischen Kleinstadtheimat!…bedankt euch beim Wetter!

Einmachzeit!

Sommer im GlasEs regnet in Bindfäden.

Im Überfluss Whiskey – der Gute –  ist wieder um 20 EuroCent glasweise teurer!

Rechts am vernächtlichten Fluss, nur die Reste der Griller.

Die Besitzer verschwunden und mit ihnen auch die, die nackt baden.

Geflohen sind sie jammerfeige hinauf ins Gewärme der Ganzjahreseisdielenbuntgarnitur.

Nur Sommermonds haben es wieder vergessen beim Schankbierschluss Licht aus Laterne zutun.

Und Nebelschnee wabert bei Birken. Das Radio sagt – auf dem Weg in die Stadt – dass um Peter und Paul auch dem Roggen und Weizen die Füße abfaul’n.

Ich lächle mit Eisbärengrimm, und ich liege im Bett und ich träume: von Mitsommerfeuern und Glühmet!

Als es morgens noch immer wie abends, schalt ich in Murmeltiermodus und mummle mich zitternd ein.

Und am Mittag im immer noch fallenden Regen sammle ich all die gewordenen Blüten und ertränk‘ sie in Zucker.

22 blassgelb geschämte Gläser Gelée, dazu 5 3/16 Flaschen froschlaichgrün glitzernder Sirup.

Im Juni das Wetter November soll üben! Das was ich vom veruntreuten Sommer begehre ist eingemacht!

…und für alle, denen’s gerade ähnlich geht, hier das Rezept:

Regen

Rosen- (duftende, am besten Damaszener, englische und ein paar Essigrosen tun’s aber auch, nur ausgemachte Masochisten wählen die Hundsrose!) und Hollunderblüten, soviel man eben bekommen kann, mindestens aber je 1 großer Topf voll, weil die Mühe sich sonst nicht lohnt.

Unmengen Zucker (Für die Rosen Gelierzucker, für den Holunder normaler, brauner verdirbt den Geschmack!)

Zitronen (viele!)

Rosengelée:

Den größten Topf den man hat bis zum Rand mit ungespritzten, stark duftende Rosenblüten (wer hat Damaszenerrosen, es gehen aber auch alle anderen Rosenarten, vorrausgesetzt sie duften) füllen, eventuell vorhandene Tierchen und Grün vorher aussortieren. (nicht weil sich das optisch nicht nett macht…aber Fleischeinlagen in Marmelade sind nicht jedermanns Sache und Grünzeug hat bei Kochen die ärgerliche Tendenz leicht bitter zu werden.)

Je nach Anweisung Gelierzucker und Wasser hinzugeben allerdings ca. 15% mehr Zucker als angegeben (Rosengelée geliert da Rosenblüten kaum Pektin enthalten ziemlich schlecht, also lieber mehr, als weniger!).

Je nach Geschmack (wer’s sehr süß mag, kann’s auch weglassen, allerdings heißt das noch mehr Zucker, weil die Säure neben der Frische auch das Gelieren fördert) Zitronensaft und kleingeschnittene Zitronenzeste zugeben (auf 1 l ca. 2 Zitronen).

Ganz langsam aufkochen lasen und dabei immer mal wieder durchrühren, damit nichts anbrennt.

Nur sehr kurz aufkochen lassen!

Etwas Gelée auf einen vorgekühlten Teller geben und damit Gelierprobe machen, wenn’s geliert, alles vorsichtig (Verbrennungsgefahr!) mit einem feinen Sieb abseien und in Marmelade oder Einmachgläser abfüllen.

Spar-Tip:

Am besten man sammelt für’s einmachen alle über’s Jahr anfallenden Einmachgläser mit Schraubverschlüssen (diese Eignen sich durchaus auch für Gemüse, Kompott’s u.ä. und machen weitaus weniger Arbeit als Weck-Gläser). Damit nichts schimmelt oder seltsam schmeckt muss man diese Gläser (und die Deckel!) aber sehr sorgsam reinigen. Am besten geht das in der Geschirrspülmaschine (Achtung: Papierettiketten vorher entfernen, da andernfalls Maschine verstoppft! Gläser und Deckel nach dem Spülen nochmals von Hand mit heißem Wasser ausspülen um eventuell vorhandene Spülmittelreste zu entfernen. Sauber, trocken und kühl lagern! Ggf. kurz vor dem Abfüllen des Inhalts nochmals mit heißem Wasser ausspülen).

Im Handel angebotene spezielle Marmeladengläser sind recht teuer, und vom Prinzip her auch nix anderes als die Dinger, die man eh im Supermarkt bekommt…

Holunderblütensirup:

Sirup geht im Prinzip gleich, nur dass man den Gelierzucker mit normalem Zucker und die Rosenblüten durch Holunderdolden (die Blüten sollten möglichst ganz frisch geöffnet sein) ersetzt (auf 1 l Wasser etwa 1,2-1,5 kg Zucker).

Verzehr-Tip:

Mit etwas Prosecco, einem Schuss Soda, einer Limettenscheibe und zwei Minzblättern wird aus dem Sirup flugs der „Cult-Drink“ „Hugo“ (besonders schön sieht der aus, wenn ihr ihm einen Limetten Zucker-Rand gönnt und ein zwei Johannis- und Heidelbeeren die dann auf und abkullern ins Glas gebt)

Rosengelée MUSS auf echten Buttercroisants oder Scones oder weichen Madelaines mit vieeeeeel Süßrahmbutter oder Clotted Cream gegessen werden. Sauerteig-, Schwarz- oder Vollkornbrot geht garnicht! (man kann’s aber auch pur essen…und wenn ihr kein Gelèe sondern Sirup mögt, einfach den Gelierzucker durch normalen ersetzen und etwas mehr Zucker als Wasser nehmen)

Viel Spaß beim verregneten Nachkochen.