Tageshaiku 71 – Winterende

winterendeErste Tulpenblüten
neben späten Christbaumkugeln!

Auf dem Bildschirm:
Schellen und Narrenmasken!

Ist der Winter denn so schnell vergangen?

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A Poem for Dreikönig

Spekulatius (Spiced bisquits)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dreikönig

Mein Radio übt gerade Mußestunden,
und im Roman verwesen Sommertote;
mein adoptierter Kater motzt und haart,
und vor dem Fenster hängen kalte rote Äpfel.

Die Zähne schnmerzen noch von Weihnachtsplätzchen,
mein Smartphone tankt für neue Wundertaten;
Der Frost im Garten hat vom Blumentopf ein Stück sich abgebissen,
und nur noch Müll sind sie, die schönsten Weihnachtschleifen.

Das Flutlicht für Touristen – es schließt heute früher,
mein Wasserkocher hat – schon wieder – eine neue Beule;
im Teppich fressen leise schmatzend kleine, weiße Motten,
und auf den wildgewellten Dächern schmilzt verträumt der Schnee.

Von Schnee und Regen

Schnee

Schnee

 

Schnee ist ein Wunder das verlockt.

Er schönt, bedeckt, macht gleich und lässt verschwinden.

Ich blicke vor mich hin, und sehe sie, die Illusion:

Ein heiler, eisiger Planet ohne Bewegung.

Verlorn der Antrieb, jeder Ehrgeiz längst zu Eis erstarrt.

 

Die Welt in Schnee – ein anfangsloser Nicht-Ort ohne Ende.

Ein weißes, völlig unbeschrieb’nes Jahr.

Ohne Bedauern, ohne Erinnerung, ohne Anspruch, ohne Schuld!

Alles wie ausgelöscht und wie beerdigt.

Vor mir nur reines, reiches Nichts.

 

Der Lärm, die Hast, der Neid, die Effizienz;

Die echten und die falschen Freunde, der Zwang perfekt zu sein…

verstummt, erstarrt und weggesperrt unter dem weißen Leichentuch.

Die neue, helle Welt – vollkommen wie der Mond!

Ich fröstle, es wird dunkel.

 

Verstörend schön, die Winternacht –

Schneekugelparadies in engen Grenzen!

Da stehen sie, vor laubberaubten Zweigen,

der Schlaf, das Innehalten und das Nichts-mehr-tun.

Dem der sich hingibt winkt Verzückun.,

 

Nur einmal, einmal noch vom Leben ruhn.

Ein schönes, sanftens Nicht-mehr-Sein und grenzenloses Glück!

Der Preis des Daseins jedoch gilt dem Fleißigen –

dem Räumer, Schaffer, Karrer und dem Schaufler,

und ganz bestimmt sogar noch dem, der einfach und bescheiden kehrt.

 

Doch Seeligkeit? Die gibt es nur für jene, die noch träumen,

die hilflos und betroffen stillesteh’n,

und jedes mal auf’s Neue staunen,

wenn dann und wann zur Winterszeit,

die Sterne uns vom Himmel fallen.

Es soll es sehr schön sein zu erfrieren.

 

Und dann, dann kommt der Regen.

Weihnachtsbaum vorraus!

Weihnachtsbaum voraus!Ist es eine optische Täuschung, oder tanzen hinter meinem Computerbildschirm tatsächlich die ersten Schneeflocken des Jahres? Ein morgendlicher Blick auf die letzten in der Sonne schwankenden rosa Geranien im Blumenkasten täuschte Septemberwäre vor, doch spätestens ein Schwenk auf die kahl in den Himmel ragenden Äste des Apfelbaums daneben genügte um diese Illusion zu zerstreuen. Der heißere Dialekt der Saatkrähen verschiebt meinen inneren Kalender auf Ende November, auf den Dächern liegt Reif und gegen Nachmittag kapituliert selbst der stets neugierig vor meinem Schreibtischfenster lauernde Nachbarskater vor den ersten Schneeflocken. Zu Kalt!

Wundert es da noch einen, wenn ich heute Vormittag spontan beschlossen habe, dass es endlich Zeit wird, meine Kümmerkonifere wie in jedem Jahr in einen Hofweihnachtsbaum zu verwandeln, den Adventskalender auszumotten und dicke Watteschneeflocken an die Fenster zu hängen?

Weihnachten kann kommen, aber bitte noch nicht so schnell…Deshalb bleibt die Christbaumspitze auch vorerst eingepackt…

Earl Grey Wetter

zapfig is!

Ich will zum Bäcker und komme mit Bergen von Schnee auf Hut und Pelzkragen zurück. Die Rhododendronblätter haben sich vor dem eisigen Wind zu kleinen Zigrarillos eingerollt. Ein letzter sichernder Blick auf den „Hausdienstplan“…es stimmt, ich bin drann. Ich überlege mir, ob ich zum Kehrwöchnern lieber den Feger oder doch gleich die Schaufel nehm…Der Schnee ist leicht, trotzdem entscheide ich mich der besseren PR wegen  für die Schaufel… Weg vom Schreibtisch genieße ich die seltene Gelegenheit durch physische Arbeit ein wirklich sichtbares Ergebnis zu „schaffen“.Ich blicke Richtung Dom und träume mich ans Meer.  Schneewehen erinnern mich an Venedig oder war es doch das Londonder East End? Sollte beide Orte im Sommer besuchen! Ob Charles Grey Viscount Howick und 2. Earl Grey wohl ähnliche Gedanken plagten als er besorgt ein Tässchen „verdorbener Handelsware“ probierte? Vermutlich nicht.

Schnee

Schneeflöckchen, Weißröckchen…

Ich bin fasziniert von Schnee!

Glühwein, eine warme Decke, das heimelige Knistern des Kaminfeuers und der fröhliche Tanz der eisigen Flocken vor meinem Fenster…Auch wenn ich mich mit dem folgenden Statement vermutlich bei der Hälfte der Menschheit ungläubiges Kopfschütteln hervorrufe:

Für mich könnte das Ganze Jahr Winter sein!

Richtiger Winter! Der mit zwei Metern Schnee, minus 25 Grad, gesperrten Straßen, um die Ecke pfeifenden Schneestürmen und Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Seen ohne die nagende Sorge, dass das Eis doch zu dünn sein könnte; Kalter, vor Frost klirrender Winter, Nicht die mediteran-durchfeuchtete Dauermisere der letzten Jahre!

Bis heute treibt mir der Gedanke an nubuklederfarbene Börsengurus und zarte Röstaromen verströmende Damen der besseren Gesellschaft, die sich freiwillig der Tortur eines UV-Sonnenbades unterziehen und sich dabei auch noch nach der schweißtreibenden Hitze der Südtürkei im August zurücksehenen zarte Eissschauer über den Rücken. Lästige Zugverspätungen, das allmorgendliche Schneeschippen und die horrend steigenden Heizkosten, was ist das alles gegen das wunderbare Gefühl über frisch gefallenen Schnee zu schweben?

Wahrscheinlich ist an mir ein echter Sami, Tunguse, Inuit oder gar eine bisher unbekannte europäische Unterart des Yeti verlorengegangen.

Sicher, ein Frühlingswald voller blühender Scilla, Schlüsselblumen und Buschwindrößchen, duch die silbrige Gischt eines Viermasters springende Delphine im hochsommerlichen Azur des  Mittelmeers oder die funkensprühende herbstliche Farbenpracht der gemäßigten Zonen, sie alle haben ihren je ganz eigenen Reiz, und auch der Anblick einer seltenen Orchidee oder lianenumrankter Tempel mitten im dampfenden Dschungel gehört zu jenen tiefbewegenden Traumbildern deren Verlust das Leben sehr viel ärmer machen würde…aber an das still vor sich hin funkelde Wunder einer polaren Vollmondnacht reicht nichts davon heran!

Willkommen Schneeflöckchen und hüt mir die Blumen!

15. Türchen: Von Schneeflocken, schlafenden Blumen und heiligem Zorn

Ice on the Regnitz

Früher war alles besser! Sogar die Winter!“

Sicher, ab und an gab es Eisregen und wochenlange Nebelperioden, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass es jemals Mitte Januar geregnet und man kurzärmlig auf der Café-Terrasse gesessen hätte (Jagerteeexzesse auf Skihütten einmal ausgenommen, aber das ist eine ganz andere Kategorie!).

Stattdessen fielen pünktlich zu Sankt Martin die ersten Flocken. Wenn nicht, sang man mit wahrer Inbrunst das Lied vom „Schneeflöckchen“, dass einen so weiten Weg hatte, Blumen und Blätter an die Fenster malte und unter dem die ganzen Sommerblumen sicher den Winter verschlafen würden. Bis heute muss ich jedesmal ein paar Rührungs-Tränchen aus den Augenwinkeln wischen, wenn ich meine Nachbarskinder seh, die spätestens Mitte November sehnsüchtig in die Wolken blicken und immer noch genau dasselbe Lied singen.

Der Nikolaus fuhr im Schlitten vor und bereits vor Weihnachten hatte mein kleiner Bruder mindestens 1 Paar Ski in die ewigen Jagdgründe befördert. Man wurde  in drei dutzend Schichten selbstgestrickter Norwegerpullover, Schals und Pelzmützen gepackt, auf einen Holzschlitten gesetzt und mindestens drei mal pro Tag darauf eingeschworen bloß ja nicht mit der Zunge am Laternenpfosten zu lecken!

Damals als der Fluss noch „Im Eise erstarrt“ und die Bäume voll Rauhreif hingen bauten wir riesige Iglus, feierten Schneekuchenparties, hatten zu Fasching die letzte Schneeballschlacht und warteten Anfang März gespannt, wann dem um Neujahr gebauten Schneemann endlich die Karottennase abfallen und Frau Schneemann ihr Cappothütchen aus Tannenzapfen verlieren würde…und nein, auch wenn sich’s so anhört, ich bin weder während der kleinen Eiszeit noch auf Island oder Spitzbergen aufgewachsen, sondern in Süddeutschland.

Heute haben die Dächer braune Flecken, die Winterlinge blühen im Dezember, das Knirschen überflüssigen Rollsplits durchzieht den Hausflur, und auf den Straßen liegt bestenfalls Matsch.

Ich weiß, solche Sätze klingen nach schleimiger Nostalgie und zuckersüßen Kaufhauschören. Aber als ich letzte Woche durch Schneegestöber und Wind unterwegs war und vergnügte Kinderscharen auf Schlitten den Hang herunterrodeln sah, wurde mir schmerzlich bewusst, dass unsere Enkel vermutlich nur noch aus Retro-Bilderbuch-Aps und verklärten Youtube-Videos ihrer Großeltern wissen werden, was eine Schneebalschlacht ist.

Der Newsticker bringt die neuesten Hiobsbotschaften: Dohar, Halsstarrigkeit, Unvernunft, Gier und Erpressung…Auch wenn ich’s nicht will, überkommt mich der heilige Zorn (wahlweise auch eine tiefe Trauer oder schwärzester Zweckfatalismus).

Ich habe ein schlechtes Gewissen und könnt mich deswegen selbst ohrfeigen. Meine Lebenserfahrung flüstert mir ins Ohr: Extremisten jeder Art sind selten Helden, Fatalisten ebenfalls nicht.

Es tut mir leid: Ich neige nicht zu Gutmenschentalibantum und Ökoterrorismus, schon garnicht zu moralinsauren Entgleisungen wie der Forderung für den Weltfrieden weniger Fleisch zu essen, keine Palmölprodukte zu verwenden und lieber mit dem Rad 40 Kilometer durch Sturm und Wind zur Arbeit zu fahren als jemals ein Auto zu benutzen. Was nutzt ein ökologisch reines Gewissen, wenn einem dabei die Lust am Leben abhanden kommt?

Der Text eines umweltbewegten Autoaufklebers aus den 1980ern erscheint aus meinem Unterbewusstsein:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man könnte genausogut hinzufügen:

„…und wenn die letzte Schneeflocke gefallen ist.“

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich angefangen habe, Lokale mit Heizpilzschirmen zu meiden. Ein paar Pfund mehr auf den Rippen, dazu ein dicker Pullover, gute Stiefel, ein Wintermantel und eine ordentliche Chapka tun’s genausogut. Mann und v.a. Frau müssen nicht halbverhungert und im quietschgelben Minirock, den hautengen Designerjeans und auf Stöckelschuhen auf den Weihnachtsmarkt! Was wohl Großmutter Neandertal und Opa Cro-Magnon zu diesen eigenartigen Wesen gesagt hätten…Vermutlich sind es die gleichen, die mit Blasenentzündung im Bett liegen und die Weihnachtsferien auf Koh Samui oder in Neuseeland verbringen und sich einbilden, mit dem Kauf eines 2 Quadratmeter-Regenwaldzertifikats ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben…

Genug der unfreiwilligen Glühweinkomik.

Wenn man in Zukunft schon noch Klimakonferenzen braucht, dann auf dem überfluteten Markusplatz anstatt in klimatisierten Luxushotels mitten in der Wüste.

Der Wortlaut eines alten schwäbischen Verzweiflungsschreis kommt mir in den Sinn:

„Oh Herr, schmeiß Hirn rá, am beschdá Oimrweiß!“

Oh Herr, sende deine Weißheit herab, am besten Eimerweise!

Was wir zu verlieren haben sind mehr als ein paar Schneebälle und schöne Kindheitserinnerungen…

Winternacht

Winternacht

Konsumterrorgeschädigt durch Nacht,

an Füßen zieht überfrierender Glühwein ,

schmelzende Schneekristalle auf meinem Fuchspelzkragen.

Ich träume von Armut gelangweilt und lächle Pfandflaschen in Designertaschen!

– übel wird schief mir –

ich fürchte die Welt läuft Reserve.

Vor dem Fenster ein hungriger Vogel,

Tzatzikiprofiterol und Kerzenscheinlebkuchen an süßem Senf,

die Nachbarskatze grinst hinter ihm.