Risi e bisi

P1290711Risi e bisi auch „Risibisi“, auf deutsch „Reis mit Erbsen“ gehört als Klassiker untrennbar zur Küche Venedigs und wurde traditionsgemäß am 25. April, dem Namenstag des Heiligen Markus, Staats- und Schutzheiliger der Serenissima, dem Dogen als erster Gang serviert. Neben dem ungleich berühmteren Risotto alla Milanese gilt Risi e bisi daher als vornehmstes aller Reisgerichte und wird noch heute in und um Venedig gerne zum Festtag des Heiligen zubereitet. Gleichzeitig frisch und doch herzhaft markiert das Gericht darüber hinaus den endgültigen Beginn des Frühlings, der hier durch das noch lange Zeit kalte Wasser der Lagune und den häufigen Nebel manchmal etwas länger braucht als im Landesinneren – dafür dauert es im Herbst durch das dann warme Wasser auch länger bis es wieder richtig kalt wird…

 

Was ihr für eine Protion Risi e bisi für 4 Personen braucht:

1 mittelgroße Zwiebel, geschählt und fein gewiegt

1 Tasse Risottoreis (Vialone gilt hier als Klassiker, zur Not tut es aber auch ganz normaler Milchreis (der ist nicht nur billiger, sondern mit etwas Glück sogar besser als mancher teure Risotto-Reis)

150 gr Bauchspeck, fein gewürfelt

600 gr ganz junge Erbsen (wer will kann sich gerne mit frischen abplagen, ich empfehle hier allerdings ausdrücklich Tiefkühlwahre, die ist – wenn man die Erbsen nicht direkt vom Feld bekommt – qualitativ deutlich besser und sehr viel einfacher zuzubereiten).

80 gr Butter

4 Tassen Brühe (klassisch nimmt man die Brühe von den abgekochten Erbsenschoten, heute verwenden die meisten venezianischen Hausfrauen (und- männer!) aber ganz einfach Instantbrühe (da aber eher sehr schwache, da der Schinken bereits viel Salz mitbringt).

200-300 gr geriebener Parmesan (je nach Geschmack)

etwas gehackte Petersilie

Pfeffer zum abschmecken

Zubereitung:

Zwiebel- und Schinkenwürfel mit etwas Butter glasig anbraten. Risottoreis hinzugeben und ganz kurz mit anrösten (nicht zu lange!). Nach und Nach Wasser hinzugeben und unter ständigem rühren weiterkochen bis ein cremiges, aber noch bissfestes Risotto entsteht (Risi e bisi sollte etwas suppiger als normales Risotto sein). Kurz vor Kochende (Je nach Reissorte, ca. 30 Minuten) die tiefgekühlten Erbsen hinzugeben und nochmals alles aufkochen. Gericht vom Feuer nehmen und – je nach Geschmack die restliche Butter, den Parmesan und gehackte Petersilie unterrühren, mit Pfeffer abschmecken, ggf. nachsalzen.

Buon appetito!

 

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Betrachteter Alltag_Von Hipstern

2015-03-30_191106Die Berliner hassen sie, auch die Venezianer, jedenfalls die eher unterschichtsgeprägten und linksstehenden – und davon gibt es in beiden Städten jede Menge. Sie hassen sie – abgrundtief und aus tiefstem Herzen: die jungen, schicken, reichen, stylischen, nie um einen flotten Spruch oder eine modische Doppelnamenkombination für ihren bereits im Säuglingsalter zum Fashionvictim gertimmten Nachwuchs verlegenen HIPSTER!

Als geistig gelegentlich zurückgebliebenem Stubenhocker ist mir dieses Phänomen lange Zeit nicht unbedingt „prioritär aufgefallen“ – Ich hatte genug mit Metro- und Spornosexuellen und Emos zu tun…Vielleicht liegt es auch daran, dass ich berufsbedingt zumeist in der fränkischen Provinz vor mich hinversauere und hier einfach alles etwas länger dauert bis es ankommt…Inzwischen habe auch ich kapiert, dass es sich bei der Gattung HIPSTER ORDINARIUS, nicht etwa um jene den 30er Jahren entsprungenen afroamerikanischen Charlston-Tänzer handelt, wie sie Ruthies Grosmutter in der Bill Cosby Show beschreibt, nein es sind moderne Hybride aus Pippi Langstrumpf, dem Württembergischen Herzog Eberhard im Baarte, Madame Pompadour und Andy Warhol – gut zu erkennen an den typischen Used-Look-Designklamotten, Vollbärten, Hornbrillen und seltsam in die Höhe gekämmten Hahnenschopffrisuren. Die weiblichen Exemplare der Gattung zeichnen sich darüber hinaus durch extremen Veganismus, Konzeptkindererziehung und einer seltsamen Vorliebe für mit laktosefeier Sojamilch zubereitete Latte Machiato aus.

Die natürliche Umwelt des Hipsters besteht aus Creative Workshops, Startups, Chillout Lounges und improvisierten Skater- und Parkourbahnen, dazu kommen noch einige Lokale und Cafees – bevorzugt in möglichst heruntergekommen aussehenden ehemaligen Fabriketagen – deren Einrichtung zwar ganze Horden von Innenarchitekten über Monate hinaus beschäftigt hat, die aber allesamt aussehen, als hätte jemand den Sperrmüll einer Vorstadtsiedlung der 70er Jahre geplündert und alles kunterbunt und ohne jeden Sinn in der Gegend verstreut. Neben der windschiefen Stehlampe mit extraverblasstem Lampenschirm und dem bewusst aufgeschlitzten Chippendale-Sofa finden sich darin auch so seltsame Dinge wie ein Retro-Flipper, Ein abgegriffenes und schon etwas Ramponiertes Tischfußballspiel und – gaanz wichtig – eine improvisierte Nintendo-Spielkonsole mit Supermarioinhalt! Dass der obligate Kronleuchter meist aus Plastik besteht ist stylish und nicht auf mangelnde Finazielle Möglichkeiten zurückzuführen. Eigentlich macht nur die überdimmensionale Gemüsebar – gerne auch zum Eigenanbauexperiment á la „urban gardening“ erweitert – und die beinahe unüberschaubare Auswahl an Weizengrassmoothies und fair gehandelten Kaffespezialitäten mit garantierter Herkunftsbescheinigung und Regenwaldunbedenklichkeitszertifikat, sowie die sündhaft Teuren Marken-Kaffeemaschinen den Unteschied zu einer normalen Studenten-WG aus.

Dass man beim Betreten eines solchen Etablissements – bevorzugt Fräulein XY oder …Raum genannt – gelegentlich den sehr ernsthaften Verdacht, dass da jemand versucht hat auch den Shabby Chic einer typischen Kreuzberger Kommune der späten 1960er künstlich nachzubilden, ist ebenfalls kein Zufall, sondern gewollte „Ambience“. Das Designkonzept ist so perfekt, dass es an diesen Orten der Einkehr selbst Boshi-häkelnde stillende Frauen die über Fouceault oder die nun wieder einsetzenden Menstruationsbeschwerden (oder den Zusammenhang von beidem!) reden, dabei aber ganz selbstverständlich in breitestem Oststuttgarter Dialekt der erstgeborenen kleinen Emma-Joseleen verbieten auf die Rutsche zu „brontzen“ – Bevorzugt tun sie das im übrigen in Szenestadtteilen wie Prenzelberg, Soho oder irgendwo westlich des Central Park (Sydney NSW!). Denn: Hipster sind vor allem eines: global!

Die durchschnittlichen Hipster-Väter jagen derweil ihr makrobiotisches Veggie-Menü, hängen am Kicker, sind gerade beim neueröffneten Barbier namens „Männersalon“, tauschen sich über neueste Diättips und Fettbinder-Tabletten aus (anders passt kein Mann in diese ultraengen Jeans), geben sich Tips für die ideale Drappierung des obligatorischen Hipster-Scarfs, erstehen auf dem nächsten Flohmarkt die passende Fliege zum Hut, und umarmen dabei ganz nonchalant ihre besten Freunde und reden über Männerprobleme bei Grüntee- und Kosmetikauswahl oder sie schauben ganz einfach an ihrem tiefergelegten BMX Rad herum während sie sich überlegen welches Abenteuer die unendlich weite Welt der Möglichkeiten morgen für sie bereit hält…Ja liebe Damen, das kommt davon wenn ihr euren zukünftigen Ehemann beim tantrischen Slacklinen kennenlernt…

Auch gilt es unter HIPSTERN heute durchaus nicht mehr als Fauxpas mit verschwitztem Fleecehemd und ölverschmierten Händen zum Nachmittagsbier zu erscheinen…ach ja, Bier…Im Süden der Republik das Hauptgetränk des erwachsenen männlichen Hipsters – allerdings bitte auch aus der Spezialedition mit Himalayasalz und Geschmack nach Nori-Algen, alternativ geht auch ein Natureisbock aus einer möglichst kleinen und unbekannten Spezialbrauerei – trinkt der HardcoreHipster der Metropolen bevorzugt Gin-Tonic…oder wie er es formuliert Gin and Tonic, soviel Zeit muss schon sein. Dabei tut’s natürlich keinesfalls die übliche Schweppes Plörre in die man etwas Gordon Dry träufelt, nein es muss schon eine Spezialabfüllung á la 1724, Gents, Thomas Henry oder Fentimans sein. Auch die Auswahl des perfekt auf die dezente Chinin-Note des „T’s“ abgestimmten Gins ist inzwischen zur Wissenschaft für sich geworden.  Namen wie „Sacred Gin“, „Botanist“ oder „G‘ Vine“ sagen da eigentlich schon alles – Wenn eimem also das nächste Mal der Kartenabreißer/Barkeeper des Lieblings-Programmkinos beim Lakritzkauf verschwörerisch ins Ohr flüstert, er habe da etwas ganz Besonderes ist dies – jedenfalls meistens – keinesfalls eine Einladung zur gemeinsamen Bettgymastik, sondern der dezente Hinweis darauf, dass aus den Tiefen des Online-Shoppings eine Neue Probier-Ladung „G&T“ eingetroffen ist…

Ach ja, und noch was – Hipster sind reich. Man sieht es ihnen zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt an – einen Hipster in Nerzmantel und mit Goldkettchen ist mir bisher noch nicht untergekommen – aber sie können sich scheinbar mühelos die teuersten Appartments in der Upper East Side (Selbstverständlich mit Blick auf den Central Park – diesmal den von New York), sündteure Penthouses im Londoner Eastend, Venezianische Palazzi, Südfanzösische Schlösser oder ganze Gründerzeitetagen in Berlin leisten…jedenfalls tun sie erfolgreich so, wenn sie das Geld gerade nicht wirklich von Pappi oder Mammi geerbt haben, denn noch eins – ein Echter Hipster hat zwar ständig irgendwelche Projekte am laufen – wirklich Arbeiten hab ich aber bisher nur die Brooklyner Variante gesehen (die bringen es dann fertig tagsüber sündhaft teure (aber unglaublich gute!) Schocki zu produzieren und nachts in der selben Fabrikhalle eine schicke Party-Location zu betreiben…).

Es ist diese „Attitude“ der real gelebten Gentrifizierung, die die anderen postmodernen „Minderheiten“ in den Wahnsinn treibt. Inzwischen soll es im Frankfurter East End und in Prenzelberg, sowie auf dem Campo Manin  sogar schon zu linken Anti-Hipster Demos gekommen sein – Der Hipster, der Yuppie von gestern und neoliberale Heuschrecken-Faschist von morgen? Nicht ganz, es gibt an den Rändern der Bewegung seltsame Allianzen. Da gibt es den Blockupy-Anhänger mit Pompadour-Schnitt (ich persönlich finde es immer wieder sehr befriedigend, dass sich der Kult-Haarschnitt vorwiegend männlicher Hipster immer noch an dieser weiblichen Kult-Ikone des Rokkoko orientiert!) . Da gibt es den Hipster-Türsteher (der dann manchmal eben doch Goldkettchen trägt) mit ethnisch-hybridem Hintergrund. Da existiert sogar die Hipster-Oma, auch wenn ich bei der manchmal nicht ganz sicher bin, ob sie nicht einfach so lange mit ihrer Freundin Edeltraud im „Woll-Paradies“ Pfefferminz-Ingwertee getrunken hat, bis der Retro-Look sie wieder eingeholt hatte. Und da gibt es die aktivistisch veranlagte Hipster-Maklerin mit leichtem Punk-Einschlag die sich ganz selbstverständlich bei Amnesty engagiert und auch bei der letzten Femen und Peta-Befreiungsaktion dabei war – das aktuell wohl typischste aller HIPSTER-Rollenmodelle…Ach ja, und da gibt’s dann auch noch den knapp volljährigen HIPSTER_VWL-Studenten, der, weil grad kein geeignetes weibliches Wesen in der Nähe ist, einfach seinen Tutor abschleppt…Der Hipster ist in solchen Dingen flexibel und beantwortet etwaige Nachfragen leicht irritierter Erzeuger mit einem charmanten „Yep“ – immer vorausgesetzt sein Gegenüber hat glutenfreien Camenbert und etwas Chablis oder Ardberg zu hause und ist kein passionierter Hipster-Groopie, die mag der Hipster im Gegensatz zum Yuppie nämlich garnicht! Und noch was, der Hipster ist alles, nur nicht hip! (und wenn dann meint er das allenfalls ironisch ;-))

Es lebe der Hipster!

Juwelen der Reiseliteratur – Venedig

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta...

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta…

Ich weiß es ist nicht geradeeben leicht 300 oder mehr Seiten ohne gröbere Fehler, Wiederholungen und Plattheiten über an sich nicht besonders reizvolle Orte wie Venedig, Florenz oder Island zu schreiben. Und so ist dieses Hobby vielleicht ein ganz klein ein bisschen gehässig und bößartig, und man darf mir deshalb auch getrost vorwerfen, dass ich es erstmal besser machen soll… Aber es ist einfach zu herrlich  in Reiseführern zu schmöckern. Wie keine zweite Literaturgattung dürfen sich hier hier Plattitüden, falscher Pathos, wilder Aktionismus und höchst subjektive Ein- und Ausdrücke aneinanderreihen und bilden so den perfekten Jagdgrund für Stilblüten!

Beispiel gefällig?

„Weniger erfreulich ist ein Gang durch den sich westlich anschließenden Stadtteil Santa Marta, der zum größten Teil erst während des Faschismus mit ärmlichen Behausungen bebaut wurde. Die Außenmauern des Gefängnisses lassen erahnen, wie ungemütlich solche Etablissements in Italien sind. Die berühmte und renomierte Architektur-Fakultät der venezianischen Universität ist auch in diesem Viertel untergebracht.“

(Auszug aus: Weichmann, Birgitt: Venedig und die Lagune. 5. , neu bearb. und komplett akt. Aufl.. REISE-KNOW-HOW Verlag Peter Rump GmbH. Bielefeld 2009, S. 209.)

Ja, man weiß jetzt garnicht so recht, wer einem mehr leid tun soll, die armen Venedig-Touristen die sich in dieses schäbige Faschistenviertel verirrt haben, die Insassen des ungemütlichen italienischen Gefängnisses oder die Studenten und Dozenten der berühmten und renomierten venezianischen Architektur-Fakultät, die in einer so unerfreulichen Umgebung ihrer Arbeit nachgehen müssen…

 

 

Adventskalender 2014 – 21. Türchen – Arrivederci Venexia!

Löwen mit Hüten

Löwen mit Hüten

Ja, auch die die schönste Zeit muss irgendwann zu Ende gehen, und da ich ja schlecht meine versammelte Verwandtschaft ohne mich (und vor allem ohne meine Geschenke) Weihnachten feiern lassen kann, heißt es nun zurück nach good old Germany!

Venedig war – nein, kein Traum – dazu war ich vermutlich schon zu oft hier, und dazu stehlen Deutsche Touristen auf Romantikurlaub hier zu oft Gondeln (http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Chronik/Deutsche-wegen-Gondel-Diebstahls-in-Venedig-angezeigt).

Die Stadt ist für mich Eher eine Art Lehrstunde in menschlicher Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Schließlich benutzt man nicht jeden Tag Boote wie einen Bus oder verleitet andere Touristen dazu einem in die definitiv uninteressantesten Sackgassen zu folgen – eines meiner Lieblingsspiele in dem ich inzwischen eine gewisse Perfektion erreicht habe – mi scusa ;-).

Außerdem: Venedig ist für einen Traum einfach viel zu anstrengend – nicht wegen all der anderen Touristen, die werden erst wieder ab März zum Problem, und auch nicht wegen der 200-300 Bilder von Tizian, Tintoretto und Co. die man sich an einem durchschnittlichen Tag „reinzieht“ (wenn man’s drauf anlegt können es aber auch ganz locker mal zwei- oder dreitausend an einem Tag sein, das muss man dann vorher etwas trainieren um noch zu wissen, wo man was gesehen hat und selbst passionierten Kunsthistorikern soll es dabei schon vorgekommen sein, dass sie am Ende nicht mehr so genau wussten ob das Bild dass sie gerade in der kleinen entzückenden Kirche am Campo ichweißnichtmehr gesehen haben nun von Palma dem Älteren oder doch von Vittore Carpaccio gewesen ist…)

Nein, dass alles ist Genuß und wenn’s einem zu blöd wird kann man einfach ein viertel Stündchen auf die umgedrehten Hochwasserstege oder eine Bank sitzen und den anderen dabei zusehen wie sie gerade ihren kulturellen Overkill bekommen – Ich frage mich jedes mal, warum so wenige Menschen hier zu Wutausbrüchen neigen, selbst Kinder scheinen sich hier von Quengelmonstern in begeisterte Kulturtouristen zu verwandeln und suchen mit einer Engelsgeduld und unglaublichem Eifer den nächsten Markuslöwen oder Gondoliere…Nein, was diese Stadt so anstrengend macht sind die Wege – die muss man nämlich, von ein paar wohl zu plandenen, da relativ teuren Bootsfahrten nämlich allesamt zu Fuß zurücklegen.

Aber wie immer gibt’s auch hier eine bzw. mehrere Möglichkeiten zu spaaren:

http://www.actv.it/imob/cos%C3%A8imob

http://www.veneziaunica.it/en/ecommerce/products/pack/venice_citypass

Im übrigen habe ich inzwischen sogar an den, von mir so gehassten Selfi-Hipstern etwas Gutes entdeckt…nicht nur, dass sie etlichen Bangladeshi (das ist die Nation unter den fliegenden Händlern, die sich eigentümlicherweise auf die neuesten technischen Spielereien spezialisiert hat), das Überleben ermöglichen indem sie ihnen die überall angebotenen Selfie Sticks abkaufen, nein, sie haben es mit ihrem permanenten und absolut nicht zu stoppenden Selbstablichtungswahn inzwischen auch fertiggebracht, dass die sonst extrem strengen italienischen Regeln in Punkto photographieren in Museen und Kirchen inzwischen komplett errodiert sind. Die Wächter, die noch vor ein, zwei Jahren jedem der es auch nur wagte ein Handy oder eine Kamera zu zücken sofort ein schrofffes „no photo“ entgegenschleuderten, und bei Nichtbeachtung durchaus auch mal das entsprechende Gerät konfiszierten, haben inzwischen einfach aufgegeben. Selbst im hochheiligen Dogenpalast oder in der Markuskirche interessiert es absolut niemanden mehr, was, wer mit seinem Tablet oder seinem Handy abkupfert…Einzig die einsam herumstehenden Verbotsschilder erinnern noch daran, dass da irgendwann mal was war…

Und sonst? viel Neues, viel Altes und die Erkenntnis, dass vermutlich ein Leben nicht aussreicht um diese Stadt und all ihre Schätze wirklich zu kennen – wo sonst stolpert man beim Blick in eine verstaubte Vitrine einfach so über die Unterschriften von Karl V., Maria Theresia, Queen Ann und Mustafa II., das Tintenfass Napoleons, Reliquien vom heiligen Judas, oder den Sonnenhut des letzten Dogen? Manche werden jetzt sagen, dass dies alles nur verstaubtes alltes Gerümpel ist…letztendlich haben sie garnicht so unrecht. Aber wenn man verstehen will, warum die Dinge so sind, wie sie nuneinmal sind, dann kommt man um dieses Gerümpel eben nicht herum. Auserdem ist das Horten und die Begeisterung über altes Glummp urmenschlich. Man(n) ist nunmal ein Jäger und Sammler, ob nun von Selfies, Symbolen, Glasvasen oder Friedensverträgen ist dabei letztendlich egal. Und für wen’s dabei etwas mehr sein darf, für den ist Venedig genau der richtige Ort – wo sonst sollten wir schließlich unsere Plastikgondeln made in China, unsere echt falschen Muranogläser (na ja, hier gibt’s schon auch echte, aber die kosten eben dreimal so viel) und unsere völlig geschmacklosen Plastik-Karnevalsmasken (es gibt auch schöne, handgemachte aber die muss man suchen…) herbekommen? Sind es denn nicht genau diese Dinge, die das Leben erst lebenswert machen? …und ebay? wie langweilig – da kann es einen noch nichtmal über die istrischen Marmorstufen bei den Löwen auf der Piazetta dei Leoni hinschmeißen!

Buone feste und vergesst nicht euren Löwen Weihnachtsmannkaputzen aufzusetzen!

Adventskalender 2014 – 20. Türchen – Von kleinen Helden und verschwundenen Schätzen

Tetrarchengruppe Venedig

Tetrarchengruppe Venedig

Ich bewundere sie, die kleinen Helden vom Vorplatz der Chiesa degli Gesuiti. Sie gleichen ein klein wenig an andere vier „Helden“: Die vier Tetrarchen – das porphyrene Abbild der 4 römischen „Kaiser“ unweit der Prunkpforte des Dogenpalastes – die dort, seitdem sie 1204 aus Konstantinopel hierher verschleppt stoisch und ohne sich von den Millionen Touristen auch nur im geringsten beeindrucken zu lassen ihren Dienst als kleine Wächter der Schatzkammer von San Marco tun.

Auch meine kleinen Helden vom Vorplatz der Jesuitenkirche – die mit den „Marmortapeten“, gleich hinter den Fondamente Nove – zeigen sich unbeeindruckt. Nicht nur, dass sie ihr lärmendes Fussbalspiel auch dann nicht unterbrechen, wenn im Winter viel zu früh die Dunkelheit hereinbricht, nein sie lassen sich auch von den vorbeieilenden Menschenmassen, die – gerade von ver Fähre nach/von Murano kommend und daher noch etwas unsicher auf den Beinen – permanent im Spielfeld herumtrampeln, nicht stören. Vielmehr betrachtet die Equipe Grundschuljungen – Mädchen dürfen nur mitspielen wenn es sich um die rabiaten Nachbarszwillinge oder die eigene Große Schwester handelt – die wandelnden Fleischberge aus Spanien, Frankreich und China als willkommene Hindernisse beim abendlichen Dribbletraining. Seltsam eigentlich, dass so wenige große Fussbalspieler aus Venedig kommen.

Da ich inzwischen gleich dem winterlichen aqua alta seit einem Guten Jahrzehnt die Stadt heimsuche, muss ich mich nicht mehr nach jedem Campanile und nach jeder hinreißend schönen Fassade recken. Es ist eher so, als würde man in all den Museen, Galerien, Kirchen und Palästen (die hier einfach nuf Ca‘ also Haus heisen), auf den Campi (Plätze) und in den Calle (Gassen), Rame (kurze Gassen, häufig auch Sackgassen), Salizade (Hauptstraßen) und Sottoportegi (niedrige Durchgänge unter den Häusern), und links und rechts der rii (Kanäle, Canal heißt hier innerhalb der Stadt nämlich nur einer, der Canal Grande), piscini (ehemalige Fischbecken, heute meist zugeschüttet) und strade (davon gibt’s eigentlich auch nur eine: die Strada Nuova in Cannareggio) alte Bekannte und Freunde besuchen und nachsehen, wie’s ihnen denn so geht.

Der eine oder andere verschwindet dabei im Laufe der Zeit – so wie die von mir immer noch schmerzlich vermissten Türgriffe der Ca’Marcello-Pindemonte zwischen Campo Santa Marina und Campo Santa Maria Formosa – Vor ein paar Jahren waren sie plötzlich verschwunden, die herrlichen Leoparden mit ihren vier gespreizten Füßen. Vermutlich von einem „Liebhaber“ gestohlen, oder verkauft, wie so vieles hier in den letzten 200 Jahren…

Manches kommt aber auch dazu, wie die Starenschreckanlage auf der Friedhofsinsel San Michele. Zartfühlenden Gemütern – wie dem lesbischen Pärchen heute auf der Fähre – jagt diese Neuanschaffung der Stadt immer noch einen riesen Schrecken ein, wenn sie in der Abenddämmerung an der berühmten Ruhestätte noch berühmterer Nicht-mehr-Zeitgenossen vorbeischippern und plötzlich kreischende, quietschende und heulende Laute vernehmen.

Ich glaube die Damen hatten für einen Moment gedacht die Toten Venedigs hätten sich erhoben und ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Dabei ist das Ganze nur dafür gedacht die Insel vor den nicht unerheblichen Mengen an Vogelkot zu bewahren, die Hunderttausende von Staren und anderen Zugvögeln, die sich nur allzu gern an diesem Idyllischen und Nachts vollkommen Ruhigen und Sicheren Ort niederlassen. Wie’s aussieht funktioniert das auch ganz gut. Trotzdem werde ich nie vergessen wie ich vor einigen Jahren im Garten der Fondatione Querini-Stampaglia an einer Hecke vorbeilief und plötzlich tausende von Staren daraus aufflogen…Hitchcocks Vögel waren ein Nichts dagegen und Ich? Ich musste mich wieder einmal verdammt zusammenreißen um bei den angstbleichen Gesichtern nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Aber auch für mich gibt es Dinge, an die ich mich vermutlich nie gewöhnen werde. Der neue Hubschrauberlandeplatz auf dem Hospital, der wie ein Ufo über der Stadt schwebt, die halbverrosteten Außenstreben der ehemaligen Gastanks daneben (sie stehen unter Denkmalschutz und dürfen deshalb nicht entfernt werden, da sie aber außer zu ihrer eigentlichen Funktion zu rein garnichts Nutze sind, rosten sie jetzt eben vor sich hin). Das mir am seltsamsten vorkommende Phänomen sind aber die vornehmlico steuropäischen und asiatischen Touristen, die den Ganzean lieben langen Tag nichts besseres zu tun haben als sich in die seltsamsten Posen zu werfen und Bilder von sich selbst, als Gruppe, als Paar oder sonstwie zu machen. Der Hintergrund ist dabei ziemlich egal. Hauptsache der eigene Quadratschädel ist irgendwie mit auf dem Bild!

Eine derartige Selbstbesessenheit hätte man früher mit einer Direkteinweisung nach San Servolo (der ehemaligen „Irreninsel“ Venedigs) bezahlt. Auch wenn das Selfie inzwischen ein globales Phänomen ist, halte ich dieses mehr als bizarre  Verhalten immer noch für eine Art übersteigerten Protest gegen die Entindividualisierung durch Überbevölkerung und repressive politische Ideologien in den Herkunftsländern der Durchführenden. Vermutlich spielt auch die Überkompensation der lange verwährten Reisefreiheit  eine gewisse Rolle…Beobachtet man die unterschiedlichen Gruppen von Selfie-Hipstern eine Weile, dann stellt man sehr schnell fest: Alle machen die gleichen „einmaligen“ Posen, stellen sich auf die gleichen einmaligen vier Felsbrocken und machen exakt das gleiche Photo der exakt gleichen Brücke, nur der jeweilige Kopf ist anders…Well, vermutlich sieht Individualität in einer Globalisierten, durchmedialisierten und durchdigitalisierten Welt eben genau so aus. Serien von immergleichen, scheinindividuellen Aufnahmen vor mehr oder minder historisch-ästhetisch durch die ewige Wiederholung des Gleichen bedeutungsgeladener Kulisse. Tragisch an der ganzen Sache ist, dass die selbstverliebten Jung-Selfisten überhaupt nicht mehr mitbekommen wo sie sich eigentlich befinden, da sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, sich selbst wahrzunehmen – Venedig, Rom, Peking, New York…nurmehr austauschbares Hintergrundrauschen…Nicht erst seit meinem Artikel über die „nur“ 356 Photos an einem Tag frage ich mich sehr ernsthaft, ob wir nicht alle Urlaub vom Digitalen Über-Ich brauchen.

Immerhin das alles ist besser als die vollkommen bescheuerten Jugendlichen, die’s auch in Venedig nicht lassen können sämtliche Hauswände mit ihren Tags und Grafittis zu verunstalten. Ob sie dabei gerade eine Antike Statue oder ein byzantinisches Relief zerstören ist ihnen offensichtlich scheißegal. Hauptsage das eigene einmalige Tag prangt auf der nächstbesten Unterlage . Well – auch dafür hätte man im alten Venedig sicherlich eine – wenn auch etwas unschöne Lösung gehabt: Erst die Hände abhacken, dann die Wunden mit Schwefel ausgießen, dann Vierteilen und dann die einzellnen Teile an den Hauptdurchgänen der Stadt an eisernen Ringen und Haken aufhängen. Man war hier nicht zimperlich in diesen Dingen, und wenn ich mich richtig erinnere, war das genau die Strafe, die bei öffentlichem Vandalismus verhängt wurde (dafür reichte auch schon wesentlich weniger, Pinkeln in der Nähe von Zisternen, Sandabbau auf den Lidi oder auch nur das unerlaubte Verlassen der Stadt, alles todeswürdige Verbrechen). Die entsprechenden Vorrichtungen zum Aufhängen der Körperteile sind an der Ponte di San Canciano, unweit der Kirche San Apostoli bis heute vorhanden und dienen den Venezianern als etwas makabere Glücksbringer. Dass sie hier alles mögliche und unmögliche zu Glücksbringern umwandeln hatte ich ja bereits geschrieben…

Ach ja, und dann bin ich noch – ganz en passon – auf eine geradezu atemberaubende Räuberpistole gestoßen. Damals als dieser gottverdammte Franzose namens Napoleon und seine noch verdammteren Schergen hier alles mitgehen ließen was nicht niet- und nagelfest war (man schätzt dass damals ca. 70-80% der venezianischen Kunstschätze geraubt wurden, eigentlich eine unvorstellbare Zahl, wenn man bedenkt wie viel heute noch da ist) haben sie eine Sache nämlich nicht bekommen: den Staatsschatz, oder besser ausgedrückt: Das Gold der venezianischen Münze. Dieses wurde kurz bevor die Franzosen raubend und plündernd in der Serenissima einfielen in ein kleines Kloster auf einer Insel „ausgelagert“ und ist seither „verschwunden“. Venezianer und Nicht-Venezianer suchen seit nun bald 220 Jahren danach, aber entweder die Finder haben sich sehr diskret angestellt, oder aber irgendwo in der Lagune befindet sich bis heute ein riesiger Schatz, den bisher niemand gefunden hat. Wundern würde mich dass nicht, stösst man doch bei Bauarbeiten hier immer wieder auf völlig unerwartete und äußerst kostbare Funde, wie Keramiken aus dem 16. Jahrhundert, versteckten Schmuck von Kurtisanen und reichen Patrizierinnen, oder einige der Ringe, welche die Dogen alljährlich dem Meer übergaben.

Kurz, es gibt noch viel zu entdecken – man muss nur aufhören sich selbst abzulichten und endlich seine Augen weg vom Display hin zur ganz realen Welt der Wunder vor der eigenen Nasenspitze wandern lassen. Dann bekommt man vielleicht auch mit, dass es in der Stadt gerade brodelt. Wieder einmal will man weg, weg von Italien, weg von der Korruption, weg von der ungeliebten Regierung und vor allem weg vom noch ungeliebteren Süden. Dass dabei alle Register der Stereotype gezogen, der Süden und seine Bewohner ganz selbstverständlich allesamt als Mafiosi diskriminiert und die eigene große Vergangenheit der Serenissima als Weltmacht beschworen wird – nun alles schon gehabt. Man wird sehen, ob dies wieder alles nur viel Emotion und heiße Luft ist, oder ob wir demnächst wirklich wieder eine Repulica di San Marco haben…

Buon di da Venexia!

 

Adventskalender 2014 – 18. Türchen – Von venezianischen Mohren, Totenköpfen und anderen Glücksbringern

Moro

Moro

In der Lobby meines Hotels ist bereits Weihnachten. Aus dem Lautsprecher tönt stille Nacht und ein hyperbunter, typisch italienischer Christbaum mit viel Glitterband und kleinen Weihnachtsmannlampen verstömt seinen septischen Chrarme.

Neben ihm steht unbeachtet ein für in Venedig geradezu obligatorisches Möbelstück: Ein Leuchter in Form eines Mohren…

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer zum ersten mal auf die Idee kam die aus Ebenholz geformte Figur eines Schwarzafrikaners mit einem Leuchter zu kombinieren. Ziemlich sicher bin ich allerdings, dass dies nur hier geschehen konnte und die Venezianer nicht erst seit Shakespeers Othello und den heute allgegenwärtigen Vucumbras (jenen mehr oder minder geduldeten und beinahe allgegenwärtigen meist aus Schwarzafrika stammenden fliegenden Händlern gefälschter Luxustaschen), ein besonderes Verhältnis zu „Mohren“ haben.

Wie keine zweite Stadt im Abendland betrieb Venedig Kontakte und Handel bis weit über das Mittelmeer hinaus ins innere Afrikas, und so finden sich selbst in den abgelegensten Gebieten des südlichen Afrikas bei archäologischen Grabungen Venezianische Glasperlen und andere Produkte der Serenissima. Venezianischer Schick war nicht nur bei Catherina di Medici oder Dürer gefragt, auch die Oberschicht Timbuktus, Sansibars oder des Monomotapa-Reiches trug gerne Schmuck nach neuester venezianischer Mode!

So verwundert es nicht, dass „ai mori“ hier anders als in anderen Europäischen Städten nicht nur gefesselt und in zerissenen Kleidern unter Denkmälern großer Herrscher oder deren Grabmählern als Allegorien überwundener „Wildheit“ das Repertoire gängiger kunsthistorischer Stereotypen bevölkern. Nein, hier sind Statuen von Mohren seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Wohnkultur, bedecken Leuchter und Konsoltische, lehnen sich an Säulen und sehen einen nicht selten von Decken und Kuppeln an. Doch geht die Verwandlung des „Mohrs“ hier noch weiter. Nicht nur, dass der eine oder andere Putto ganz offensichtlich afrikanische Züge trägt (und ich spreche hier nicht von den berühmten „schwarzen“ Christkindlein, sondern von den ganz normalen Putti unter die sich hier eben auch“ Indianer“, „Orientalen“ und „Mohren“ mischen.) Nardini und andere Juweliere haben den „Mohr“ schon vor Jahrhunderten in in reich mit Juwelen besetze kleine Broschen, Ohringe und Anhänger verwandelt.

Doch ist es wirklich nur die Nähe zum Orient, die diese seltsame Vorliebe zustandebrachte?

Jein…, offiziell wird es einem zwar kaum ein Venezianer verraten, dass die Dinge nicht ganz so „harmlos“ und unkompliziert sind. Weniger offiziell verbirgt sich hinter den kleinen, niedlichen Anhängern mit ihren schaukelnden Diamanten, Korallen und Perlen auch und vielleicht sogar hauptsächlich ein heute weitgehend totgeschwiegenes und recht dunkles Kapitel venezianisch-europäischer Geschichte:

Sklaven waren über Jahrhunderte eine der wichtigsten Einnahmequellen, nicht nur, aber eben vor allem der Serenissima.  Allerdings waren diese zumeist nicht schwarz, sondern weiß und stammten nicht aus Gebieten südlich der Sahara, sondern aus den Steppen des Schwarzmeerraums und – garnicht selten – von den jeweils gerade besiegten Inseln und Städten zwischen Adria, Aegais und Zypern.

Schwarze Sklaven hingegen waren vergleichsweise selten und meist nur zu vergleichsweise hohen Preisen über den osmanisch-ägyptischen Zwischenhandel „zu haben“. Sie stellten daher eine Art exotisches „Luxusobjekt“ (auch wenn das jetzt nicht sehr menschenfreundlich klingt, aber so sah man das damals) dar, das man sich als reicher Patrizier meist als privaten „Leibdiener“ oder, wenn dieser älter und nicht mehr ganz so „niedlich“ war, als Portier oder Gondoliere passend zu Schokolade, Papageien und Kaffee als zusätzlichen exotischen Luxus „gönnte“. Ein übrigens nicht nur in Venedig bekanntes Phänomen, nur dass es hier bereits im späten Mittelalter begann und sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt. Und ganz ehrlich: Angesichts der elenden Lebensbedingungen der meisten Vucumbras, chinesischen, indischen und bengalischen „Gastarbeiter“ in dieser Stadt frage ich mich gelegentlich, ob sich daran bis heute wirklich so sehr viel geändert hat…

Doch zurück ins Venedig der Rennaissance und des Barock. Anders als in Sachsen oder im fernen Paris, war und ist Venedig eine Stadt, in der sich die Dinge sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren können. Macht und Ruin, unermesslicher Reichtum und Bankrott, Luxus und torale Armut, das alles lag und liegt und lebt hier enger beisamen als in anderen Städten der Welt…Und so konnte man in einer Republik deren Wohlstand vor allem auf dem Seehandel beruhte sehr schnell vom gutbetuchten Sklavenhändler bzw. –halter selbst zum Sklaven werden.

Es istnicht zuletzt ein Verdienst der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und großer Melodramen wie Roots, dass das globale Gedächtnis der Menschheit sich heute vor allem an den transatlantischen Sklavenhandel der großen europäischen Kolonialmächte erinnert und diesen als zutiefst menschenverachtend brandmarkt. Seltsamerweise haben wir dabei aber völlig vergessen, dass auch weiße Europäer noch bis ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig als Sklaven auf den Märkten Afrikas und des Nahen Ostens gehandelt wurden.  Es waren vor allem algerische Korsaren die im Auftrag der „Hohen Pforte“ in Konstantinobel/Istambul (also des osmanischen Sultans) bis nach Island und auf die Krim schipperten um auf den Sklavenmärkten der Levante und des nördlichen Afrikas für „Nachschub“ an „weißer Ware“ zu sorgen. Dass dabei die Venezianische Flotte – ob militärisch oder zivil war den Korsaren relativ egal – zum Lieblingsopfer der seefahrenden Sklavenhändler aus Afrika wurde, versteht sich eigentlich von selbst. Allerdings waren die Venezianer nicht die Einzigen die unter dieser „Plage“ zu leiden hatten. In jeder besseren europäischen Hafenstadt waren Versicherungen für den etwaigen Freikauf nach erfolgter Versklavung durch afrikanische Seefahrer bis weit ins 18. Jahrhundert hinein geradezu obligatorisch.

So sollen allein in Algier bis ins frühe 19. Jahrhundert jährlich über 8.500 europäische Sklaven „gehandelt“ worden sein. Aus Tunis, Alexandria, Cassablanca, Beirut, Timbuktu, Khartum, Kairo und zahlreichen anderen Städten Nordafrikas, Kleinasiens und der Levante liegen ähnlich hohe Zahlen vor, und auch in West- und Ostafrika (hier vor allem auf Sansibar), sowie in Persien existierte ein florierender Handel mit „weißen“ Sklaven . Hinzu kam die sogenannte „Knabenlese“, eine Art wohlorganisierter und staatlich sanktionierter Kinderraub durch das osmanische Militär, dass damit vor allem, aber eben nicht nur den Bedarf an Neu-Janitscharen deckte und dessen Truppen fast jedes Jahr in die Gebiete und Städte der Terra ferma (also den Festlandbesitzungen Venedigs) einfielen. Venezianische Gesandte berichten im 16. Und 17. Jahrhundert, dass sich allein in Istambul permanent ca. 35.000 bis 40.000 „Unfreie“ aufgehalten haben sollen, davon mehr als die Hälfte Europäer. Und anders als die Venezianische Flotte, deren Besatzungen sich weitgehend aus bezahlren einheimischen Handwerkern zusammensetzte, bestand ein Großteil des osmanischen „Schiffspersonals“ aus Sklaven. Nicht selten fand sich darunter auch der eine oder andere vermisste Verwandte, oder eine Cousine – Blonde Venezianerinnen galten in den Harems des Osmanischen Reiches als besonders begehrenswert…Aber auch hier waren die Dinge nicht so einfach wie sie zunächst scheinen. Venezianische, Dalmatische und Griechische Kaufleute profitierten nicht selten vom gewaltigen Bedarf des Osmanischen Reiches an Sklaven und verkauften nicht selten die eigenen Landsleute an türkische oder afrikanische Interessenten. Ja das Geschäft mit der Ware Mensch war derart lukrativ, dass sich selbst nordeuropäische Renaissance- und Barock-Potentaten nicht selten über ihre venezianische Dependance (also meist über das Fondacco dei Tedeschi) ihrer „überzähligen“ bzw. „kriminellen“ Landeskinder entledigten und diese bequem als „Galeerensklaven“ ins osmanische Reich entsorgten. Dass der venezianische Zoll und Zwischenhandel von diesem „Geschäft“ zu profitieren wusste, ist eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der Serenissima.

Wer diese Zahlen und Praktiken kennt, den wird es nicht mehr verwundern, dass einige Historiker inzwischen sehr ernsthaft vermuten, dass im Laufe der Jahrhunderte wesentlich mehr Europäer als Sklaven nach Afrika und den Nahen und Mittleren Osten verschleppt und gehandelt wurden, als anders herum Afrikaner und Asiaten durch Europäer nach Amerika und in andere Kolonien. Und auch wenn die Sklaverei ähnlich wie in Europa und meist auf europäischen Druck hin auch im Osmanischen Reich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts  offiziell abgeschafft worden war – dauerte es bis weit ins frühe 20. Jahrhundert hinein bis die letzten Sklavenmärkte auch hier schlossen – die letzten europäischen Sklaven sollen noch kurz vor dem 1. Weltkrieg in Smyrna, dem heutigen Izmir gehandelt worden sein – on dies stimmt lässt sich aufgrund der fast völligen Zerstörung der Stadt während des griechisch-türkischen Krieges in Kleinasien 1922 nicht mehr überprüfen. Als sicher kann allerdings gelten, dass Sklaverei (wenn auch meist anders bezeichnet und nicht mehr mit europäischen Sklaven) in zahlreichen Staaten Afrikas nie vollständig ausgestorben ist und gerade in den von Islamisten heimgesuchten Gebieten Syriens, des Iraks, Somalias, Kenias und Malis die Sklaverei einen dramatische „Wiedergeburt“ erlebt.

Doch zurück ins Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier entwickelten sich die kleinen „Mohren“ zu einer Art einer Art „Talisman“. Glaubt man einer lokalen Legende, hatten die Venezianischen Seefahrer so große Angst selbst auf einer der Handelsreisen zum Sklaven zu werden, dass man sich einen kleinen „Sklaven“ in Form eines „Mohrs“ um den Hals hängten – um sich zu tarnen und  damit das Schicksal an der Nase herumzuführen. Wie vieles in der Lagunenstadt dürfte aber auch diese Legende nur ein geschickter Marketingtrick sein. Vermutlich war es ein gewiefter Juwelier (und hier, auch wenn sich die Quellen nicht ganz einig sind, vermutlich ein Mitglied der Juwelierdynastie Nardini) der sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein Beispiel an den kostbaren Ebenholz-Mohren Andrea Brustulons nahm und damit einen genialen Werbeträger erfand.

Im Übrigen wendeten – und wenden – die Venezianer den „Trick“ mit der Verwirrung des Schicksals durch kleine Figuren nicht nur gegen Sklaverei an. Wer genauer hinsieht wird in den Auslagen der Juweliere auch überall kleine, überaus kunstvoll verzierte Totenköpfe finden. Auch sie ein klassisches „Apotrophaion“ – sieht der Tod sich selbst, denkt er, man sei schon tot und verschont einen – und diesmal stimmt die Geschichte, wenn sie auch ursprünglich anders gedacht war. So sollten kleinere oder größere Totenköpfe die in ihrem Luxus schwelgende Oberschicht bereits seit dem Mittelalter daran erinnern, dass auch sie sterblich war und in den Taschen des letzten Hemdes eben nichts mitgenommen werden konnte – ein klassisches memento mori eben. Viel genutzt hat das bei den Venezianern offensichtlich nicht, sie kehrten den Spieß um, machten aus den Totenköpfen luxuriöse kleine Kunstwerke, überhäuften sie mit Juwelen und versuchten – und versuchen mit ihnen sogar den Tod zu blenden…

Sklaverei und Tot...eigentlich keine wirklichen Themata für einen Adventskalender, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ’s gelegentlich ein bisschen langweilig finde, immer nur über die schöne heile Welt zu schreiben…

Einen schönen Advent noch.

Adventskalender 2014 – 17. Türchen – Warum man leider nur 356 Photos pro Tag schafft ;-)

wer weiß es? und wo ist es?

wer kennt es? und wo ist es?

Oh Gott, es ist passiert! Ich bin in Venedig, und hab noch nichtmal die obligatorischen 7000 Photos pro Tag geschossen. Trifft mich jetzt der Schlag? Falle ich in den nächsten Kanal oder bringt mir weder der Babbo Natale noch die Befana (die das italienische Gegenstück zum Christkind, seltsamerweise eine Hexe die – mit leichter Verspätung – erst am Dreikönigstag erscheint) dieses Jahr Geschenke, oder werde ich einfach nur aus meiner Blog-Community geschmissen?

Ich fürchte schlimmstes: Die fliegenden Verkäufer der Selfie-Sticks (nein, das ist nun kein Vorschlag für den obszönsten Neologismus des Jahres 2015) schauen mich auch schon so seltsam an…irgendwie können sie nicht glauben, dass ich kein so ein Ding brauch und lieber die ganz klassische Lomo-Perspektive bevorzuge, wenn ich mich in einer Bar ablichte an deren Decke Büstenhalter aus aller Herren Länder hängen und es den absolut teuersten Spritz der Stadt gibt (na ja, vielleicht nicht ganz, das Florian toppt noch immer alles, aber jedenfalls in einem normalen Baccaro…).

Nur 356 Photos! unglaublich! Meine russische Tischnachbarin Tatjana hat bereits vor 8 Uhr morgends mehr Aufnahmen vom Frühstücksraum, den Cerealien und ihrem leicht übergewichtigen und vom gestrigen Abend noch nicht ganz ausgenüchterten Gatten gemacht. Von den beiden magersüchtigen, niedlich-nervigen Japanerpärchen fang ich jetzt garnicht erst an, die hatten schon geschätzte 300 Selfies geschossen bevor sie auch nur den Weihnachtsbaum in der Lobby passiert haben, selbstverständlich mit Selfie-Stick und ich weiß nicht was sonst noch allem an technischem Bremborium)…O tempora, o mores…na ja, ich will nicht klagen, als ich mich ganz klein und dünn machte, durfte ich sogar kurz durch die Honeymoonidylle huschen (vermutlich bin ich jetzt das Ereignis im Photoalbum und werde noch den Urenkeln gezeigt).

9:34h: Ich verlasse das Vaporetto in Höhe des Dogenpalastes. Klick, Klick, Klick…bin ich die Sehenswürdigkeit, oder ist es das Boot, oder vielleicht der kleine Hund den ich gerade fast totgetreten hätte, weil er ungefähr die Größe einer durchschnittlichen Venezianischen Hausmaus hat? Mal ehrlich, war die Welt nicht viel schöner als man sich noch mühsam in Pose warf und permanent überlegen musste welches Bild man nun aus welchem Blickwinkel und mit welcher Belichtung aufnimmt weil so ein 36er Film einfach unglaublich schnell voll ist und das Entwickeln ein Heidengeld kostet?

Was waren das nur für Zeiten, als man für ein Familienphoto geschlagene 2 Nachmittage brauchte, weil Oma Hildegard es partout nicht hinbrachte blinzelfrei zwei Minuten lang stillzustehen!

Nein ich bin wirklich kein Nostalgiker, aber manchmal frage ich mich, wer außer Google und der NSA die ganzen Urlaubsphotos noch ansehen soll? Der Virtuelle Diaabend endet ja schließlich nicht bei Bild 257 von Tante Elfriede mit dem leckeren Eis am Lidostrand (Ich hab da irgendwo noch zu herrliche Urlaubsphotos meiner anderen Großmutter, die Ende der 70er Jahre hochgradig kokett auf einem Felsen in Yougoslavien die kleine Meerjungfrau von Anderson miemt, und dass obwohl sie keine zwei Minuten zuvor beim Auf-den-Felsen Klettern in einen Seeigel gedappt ist…Disziplin und Photos sind alles!

Aber Heute?…heute fotografiert man jedes, aber wirklich auch jedes Orts- Straßen-und-Sonstwas-Schild (ich habe einen Faible für Schilder) und sogar den Blitzableider am Fondacco dei Tedeschi…Und warum das alles?

Um sich in einer Welt voller Bilder des einen besonderen Bildes zu erinnern? Um in der Flut etwas einmaliges, wundervolles und unvergessliches zu schaffen?

Wohl eher nicht…manchmal habe ich den Verdacht, dass wir alle in einer Welt aus Selfies leben und vergessen haben, wie die Welt um uns herum ohne Kameralinse aussieht. Selbst die Museen haben inzwischen kapituliert und erlauben wieder das knipsen ohne Blitz (zumindest die Ca d’Oro…bei den Kommunalen kann das noch etwas dauern…).

Drum: Wie Wär’s denn mit einer kleinen Auszeit vom Handy und der Kamera? Einfach so, ganz spontan? Icvh versprech Euch, das wird eine ganz neue Erfahrung!

Ach ja, und warum hab ich jetzt am visuell-digitalen Hotspot dieser Welt (wer in Venedig keinen freien WLAN-Point findet ist selber schuld…wir sind hier schließlich nicht in Bayern!) nur 356 Photos an einem Tag geschafft? Ganz einfach: es hat geregnet, ich war fast die ganze Zeit im Museum (und da durfte man – noch – nicht fotografieren), und als ich dann wieder rauskam war’s schon fast dunkel. Verdammte Realwelt eben 😉

PPS: Dringender Ausflugtip wenn ihr das nächste mal selbst in der Serenissima und gerade nicht mit Selfie-machen beschäftigt seid:

Nehmt das Vaporetto, steigt bei San Stae aus und geht verdammt nochmal ins Fondacco dei Turci! Ich verspreche Euch, auch wenn fast alles nur auf italienisch erklärt ist, So ein Museum habt ihr noch nie gesehen, oder wo sonst kollidiert man fast mit einem Schwan, spaziert über riesige Krokodile, sieht sich ausgestopften Gorillas, Giraffen und Elefanten gegenüber und kann, wenn man sich an der Mumie, den Missgeburten und der hinreißend schönen Wunderkammer sattgesehen hatt, Zauberlehrling spielen und per Handbewegung ganze Bilderwelten verschieben!

Wer eher auf olfaktorisches steht, dem sei die runderneuerte Ca’Mocenigo empfohlen: Neues Konzept, alte wunderschöne Räume und die Ganze Geschichte des Venezianischen Parfums! (leider kann man nicht mehr ins Bad der Contessa – na ja, man kann schon, man muss nur wie ich ganz lieb fragen, wo es denn abgeblieben ist…)

Adventskalender 2014 – 16. Türchen: Von echtem und falschem Schnee oder warum ein öffentliches Linienboot der absolut beste Ort zum Dübeln ist…

Venexia„Anche un po di dope?“
Meine deutsche Cafébekanntschaft war sich nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte. Schließlich verhört man sich gern in fremden Sprachen und der Schiffsmotor eines Vaporetto ist einer fehlerfreien Kommunikation auch nicht geradeeben zuträglich. Allerdings ließ die Szenerie, die sie mir gerade aufgeregt schilderten, relativ wenig Platz zur Interpretation:

Ein winziges Außendeck einer unbedeutenden Nebenlinie am frühen Nachmittag, die noch dazu nicht eben die übliche „Touristenroute“ durch den Canal Grande nach San Marco fährt, eine kleine Plastiktüte mit einer braun-krümeligen Substanz darin, ein etwas heruntergekommen aussehender Erwachsener mit Rastalocken und eifrige Jugendliche die sich kurz darauf vergnügt schnatternd einen Joint basteln…
Well, ich hab als Antwort nur gelächelt und Ute und Hans aus dem schönen Kiel erstmal darüber aufgelärt, dass in Venedig ganz normale Menschen leben und es hier daher auch nicht anders zuginge als im Rest der Welt.

Die Venezianische Giovanezza ist allenfalls ein bisschen tolldreister und selbstherrlicher als man es ihr zugetraut hätte. Aretino* hätte nun vermutlich gesat: Gli Veneziani soni degli divini…, aber auch das ist hier schon seit Jahrhunderten so, und anders kommt man hier auch nicht weit…Außerdem zwingt einen ja niemand mit zu rauchen ….

Well, Hans und Ute gehören offensichtlich zu den Menschen die immer noch an die Heile Welt glauben und Venedig für eine Art Blitzsauberes Disneyland halten…Ich war gemein und hab sie in den nächsten Sottoportego, um eine Ecke und nochmal um eine Ecke mitgenommen, und siehe da: Obwohl die Stadtverwaltung seit Jahren behauptet der Drogenumschlagsplatz Nahe San Stefano sei trockengelegt, habe ich doch tatsächlich ein paar frischbenuzte Spritzen gefunden. Meine beiden Kieler waren entsetzt haben mir aber dann doch zähneknirschend geglaubt, dass die Serenissima eine der größten Drogenszenen Italiens ihr eigen nennt.

Ich war dann doch noch nett und hab auf dem Rückweg gemeint, dass sie sich deswegen wirklich keine Sorgen machen müssen, als Tourist wird man sich- ohne meine tatkräftige Hilfe – nur recht selten in die wirklich schlimmen Gassen verirren, auch und vor allem, wenn sie gleich hinter dem nächsten Sottoportego liegen…Außerdem ist Venedig sicher, so sicher jedenfalls wie eine Stadt in der Welt überhaupt sein kann…hier und da ein paar Einbrüche und ziemlich viele Taschendiebstähle in der Karnevalssaison…das war’s…Morde, Vergewaltigungen und wirklich schwere Raubdelikte sind hier, anders als bei Comissario Brunetti eher selten…man kommt einfach so verdammt schlecht weg vom Tatort, wenn um einen herum ein Labyrinth mit Wassergräben liegt…Auf eine Sache sollte man allerdings achten: Die unterschriftensammelden Gutmenschen vom Rialto die einen mit allen möglichen Komplimenten gleich mehrsprachig dazu bringen wollen, dass man für die Kinder, die Umwelt, die Tiere oder eben gegen Drogen unterschreibt…Nicht nur dass diese Dodel eine weltweite Pest sind (James Bowen hat sie am Londonder Exempel in seinen „Bob“ Bänden hinlänglich beschrieben…); Nein, wenn man es wagt nicht zu unterschreiben, werden sie ausfällig, drohen einem damit einen zu bestehlen oder mit Farbe anzugreifen und rennen einem auch noch nach!

Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob diese übereifrigen Jung-Idealisten in Wirklichkeit nicht staatlich lizenzierte (oder eben unlizensierte) Kumpanen der Taschendiebe sind…Die einen lenken ab, die anderen klauen…

Zum Abschied habe ich den zwei Kielern dann noch geraten sich die Nasen und Bootsränder ihres nächsten Gondoliere lieber genauer anzusehen…Es ist ein offenes Geheimnis das Schnee in diesen Kreisen nicht nur im Winter fällt…

Ist halt ein verdammt harter Job den ganzen Tag für ein Heidengeld dumme Touristen durch die Gegend zu schippern und ihnen dabei immer wieder die gleichen neapolitanischen Schnulzen ins Ohr zu säuseln…allerdings…eigentlich singen sie kaum mehr, die Gondolieri…die Stadt und ihre Einwohner mögen es nicht (ob es ein richtiges Verbot gibt ist mir unbekannt, aber es fällt auf, dass in den letzten ein, zwei Jahren kaum mehr ein O sole mio durch die Gassen klingt) und auch die Touristen scheinen endlich kapiert zu haben, dass es ohne Schnulz einfach schöner ist…

Buon di e tante auguri….

*Pietro Aretino: Berühmter Rennaisance-Literat und Philosoph, v.a. Berühmt für seine bößartigen Spottgedichte und „Hurengespräche“.

PS: Wer die Tage mal in die Serenissima kommt, dem sei ein Besuch der Ca‘ d’Oro dringend anempfohlen. Nicht nur, dass es herrlich witzig ist, wenn einen zwanzigtausend japanische, russische und indische Touris fotografieren, weil man gerade auf einem der Balkone steht und sie einen für den Besitzer des Palazzo halten, nein, es gibt auch tollen Modeschmuck aus den ganz großen Filmen des Goldenen Zeitalters der Cine Citta zu bestaunen!

Adventskalender 2014 – 15. Türchen: Wenn es statt Glühwein vin brulé gibt und der Babbo Natale mit der Gondel kommt…

Ihr habt es sicherlich schon erraten…wie garnicht mal selten um diese Jahreszeit bin ich mal wieder nach Venedig, oder wie man im hiesigen Dialekt, der mich immer an eine schwäbisch schnurrende Katze erinnert sagt: Venessia (geschrieben: Venexia…die Venezianer lieben ihr x und packen es einfach überall rein!) entfleucht.

P1400344Weihnachten, also Natale wirft auch hier seine Schatten (oder sollte man nicht besser sagen: seine Lichter) vorraus. Zwar gibt es auch hier – der Zeit der Österreicher sei Dank – Christbäume und Glühwein (vin brulé) und sogar soetwas ähnliches wie einen Weihnachtsmarkt. Aber sonst läuft hier doch so einiges anders:

Am Rialto hängt statt Sternen und Rauschgoldengeln, ein riesiger blau gold leuchtender Markuslöwe aus LEDs, überall gibt es kleine Wohltätigkeitsmärkte in den Kirchen mit den kuriosesten Dingen, Der Weihnachtsmarkt (außer dem bei San Stefano – aber der war irgendwie nicht von richtigem Erfolg gekrönt und ich bin mir garnicht mal sicher ob er noch existiert) ist hier eher eine Art Flohmarkt mit Kinderbespaßung und Showprogramm der freiwilligen Feuerwehr und auch die Militärkadetten scheinen keinerlei Probleme damit zu haben, in voller Uniform in der Pizzeria ihre Weihnachtsfeier abzuhalten (Kunststück, die Uniform sieht einfach um einiges besser aus, als das Zeug, was unsere armen Bundeswehrler tragen müssen…).

Und ja, ich geb’s zu: Auch wenn es manchem Tierfreund jetzt in der Seele weh tut: man hüllt sich in Pelz, viel Pelz. Zumindest die Einheimischen, und die, die sich’s leisten können. Und man tut es nicht nur, weil das nun so schick wäre (na ja, schon auch, so ein Zobel beim Mandarinenkauf ist einfach ein Hingucker, so oder so…) sondern weil bei der feuchten Kälte hier einfach nichts anderes funktioniert, Aktivkleidung, Thermounterwäsche, Cashmirschal, Kunstpelz, Wärmepflaster, Daunenmantel…vergesst es, das hilft allenfalls zusätzlich. Vor allem, wenn man längere mit den Schiffen übers offene Wasser fährt gibt es zu Waschbär, Polarfuchs und Co einfach keine Alternative (wer’s nicht glaubt, soll einfach mal bei schnuckeligen 10 Grad plus vorne in ein Vaporetto sitzen (außen natürlich!) und den Canal Grande entlangschippern (Ich rede hier garnicht erst von den offenen Wasserflächen und den Tagen, wenn die Bora einen halben Meter Schnee bringt und einem die Gischt an den Bart gefriert…)…

Genug davon…

Eigentlich wollt ich Euch ja vom Babbo Natale erzählen…An einem Tag kurz vor Weihnachten (ich muss jedes Mal nachfragen…) kommt der nämlich persönlich nach Venedig. Eigentlich gab’s ihn bis vor Kurzem hier genauso wenig, wie bei uns, und ich habe immer noch die große Peggy Guggenheim im Verdacht ihn höchstpersönlich hierher eingeladen zu haben. Und sie hat sehr gut daran getan! Anders als in anderen Städten, wo der Babbo Natale wirklich nur wie ein müder Abklatsch des Coca-Cola Emblems wirkt, haben die Venezianer sich nämlich etwas ganz besonderes für „ihren“ Weihnachtsmann überlegt.

Der Babbo kommt hier  nicht mit Rentieren und Schlitten – würde auch garnicht funktionieren –  sondern mit einer prunkvollen, extra für ihn erbauten, rot goldenen Weihnachtsgondel, die mich immer ein klein wenig an das leider von Napoleon zerstörte Buccintoro erinnert. Und er kommt nicht allein…alles was schwimmen kann oder Ruder hat ist dabei und so zieht hier jedes Jahr kurz vor Weihnachten eine komplette Regatta von Gondeln, Ruderbooten (ich denke mal es sind Sandolos und Puparins…sicher bin ich mir da aber nicht, und bevor ich mich jetzt in die Nesseln setz, sage ich einfach Ruderboote) und Weihnachts-Schwimmern durch die Kanäle, alle natürlich im Weihnachtsmannkostüm!

Das Beste: Die Venzianischen Schulkinder der 3. und 4. Klassen dürfen an diesem Tag einmal in ihrem Leben umsonst Gondel fahren! (denn wer hat schon einen echten Gondoliere als Pappa (weibliche gibt’s so gut wie nicht)?).

Und da fahren sie nun an den Palazzi des Canal Grande entlang, die hunderten Nikoläuse und Niccolettas auf ihren Gondeln, Ruderbooten und sonstigen schwimmenden Untersätzen, mit lautem oh, und ah, und sehr viel (E)viva il Babbo Natale! – und das Allerbeste: Es gibt schon jetzt Geschenke…nicht erst am 6. Januar!

Buone feste da Venexia!

PS: Den besten Vin Brulé gibt’s gerade an einem Stand an der (wärmebedingt nicht aktiven) Eisbahn auf dem Campo San Polo. Sucht einfach den mit dem Handgeschriebenen Schild auf dem Steht, dass der Glühwein mit Chianti gemacht wurde, und gönnt Euch dazu ruhig auch ein Pannino mit Schweinebraten und herrlichem Grillgemüse (gibt’s am gleichen Stand)…nehmt aber genug Kleingeld mit, dadurch dass gerade kaum Geschäft ist, haben die nämlich absolut kein Wechselgeld (eine allgemeine Italienische Krankheit…ich weiß auch nicht immer so genau warum…Museen, Stände, Bars, Geschäfte, niemand kann Wechselgeld rausgeben…furchtbar!).

Venezianische Weihnachtsgefühle – Eine Nachlese

Es ist einer jener seltenen Augenblicke im Leben, die sich das zumeist reichlich vorschnell verwendete Prädikat „magisch“ mit vollem Recht auf die Fahnen schreiben dürfen: Freitag Abend im vorweihnachtlichen Venedig – Das Blitzlichtgewitter auf der Piazetta lässt nach, vor den ersten Restaurants erscheinen weiß livrierte Kellner vor mit allerlei Meeresgetier gefüllten Auslagen um zahlungskräftiger Kundschaft die Verlockungen der venezianischen Küche ganz praktisch am Beispiel einer Seespinne oder einer noch lebenden Languste näher zu bringen. Gerade hat das 1er Linienboot die kalte Pracht des Dogenpalastes hinter sich gelassen und macht sich vorbei an den bunt beleuchteten Fahrgeschäften entlang der Riva degli Schiavoni in die samtene Dunkelheit der Giardini auf, als kurz hinter Sant Elena die Lichter der Decks erlöschen und sich nur noch die Displaybeleuchtung der frisch gezückten Smartphones in den goldenen Mantelschnallen der über die Woche mit reichlich Testosteron geschwängerten Armeekadetten spiegelt.

Fast gleichzeitig erscheint im letzen blassen Türkis der Lagune in das sich während der langen Fahrt durch den Canal Grande erst orange, dann rote und schließlich schwärzlich-violette Schatten mischten, kulissengleich die langgestreckte Landzunge des Lido. Hört man zwischen dem jähen Aufheulen der schweren Dieselmotoren ganz genau hin, sind aus dem einen oder anderen der vorbeiziehenden Boote Weihnachtslieder der wettergegerbten Fischer und Seemänner der Lagunenstadt zu hören, deren raffinierte Mehrstimmigkeit noch auf die großen Zeiten eines Pellestrina oder Gabrieli zurückgeht. Obwohl inzwischen als Kapitäninnen und Anlegefrauen reichlich auf den öffentlichen Linienschiffen vertreten scheinen Seefrauen als entfernte Schwestern von Andersons kleiner Meerjungfrau in scharfem Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nie zu singen, seltsam…

Zugegeben das alles klingt nun reichlich verkitscht, ist es auch…aber wo anders auf der Welt wird man sonst noch auf der Bootsfahrt vom Flughafen in die Stadt von einem ganzen Seemannschor mit dermaßen herzzereißenden Madonnenliedern empfangen, dass sich dagegen das wohlbekannte „Maria durch ein Dornwald ging“ als Ausbund deutscher Weihnachts(rühr-)seeligkeit  geradezu wie scharf intonierte wilhelminische Marschmusik ausnimmt? Und wo sonst zieht der „babbo natale“ als italienische Variante des Weihnachtsmanns auf einer rot-goldenen Prunkgondel und mit einem ganzen Hofstadt aus rudernden Weihnachtsmännern und Frauen in die Stadt ein? Und ja, auch die Militärakademie und ihre – zumindest zu mehreren – reichlich bornierten Absolventen haben nicht erst seit Dona Leon einen mehr als nur ambivalenten Ruf als Spießgesellen  fragwürdigsten Korpsgeistes und vivaldieske  Indoktinierungsgehilfen neofaschistischer Hirngespinste von Ehre und Vaterlandsliebe. Aber nicht trotz, sondern gerade deshalb schickt der auch und gerade in Italien zur Genüge vertretene Helikopterelternnachwuchs seine durch typisch italienisches frühkindliches Laissezfaire (jede deutschstämmige Südtiroler Hotelierswitwe kann hiervon eine wahre Trauerode singen!) missratenen oder zu missraten drohenden Bambini für den finalen gesellschaftlichen Feinschliff genau auf dieses eine und ehrwürdigste aller Militätrinstitute! Und ganzl ehrlich, was wäre die winterliche Serenissima ohne die weißbemützten  Rotkäppchengestalten in ihren makellos nachtblauen Wollumhängen? Was hätten die von den Venezianern liebevoll „Settembrini“ genannten, leicht affektierten älteren Herren in feinstem Kamelhaarmantel und Seidenschal in schwülen Herbstnächten zu ersehen, und wo bliebe die edle Staffage der „Offiziersanwärter“ bei so manch hoch- und höchstgesellschaftlichem Anlass, gebe es sie nicht die feschen Jungs von der Marine?  Es würde etwas fehlen, ungefähr so, wie wenn man nach jahrelanger Abwesenheit in ein ansonsten wohlbekanntes Museum zurückkommt und ein übereifriger junger  Kurator den sanft ausladenden barocken Lieblingssekretär samt seiner feinstgravierten Intarsien aus Walrossselfenbein zugunsten einer hypermodernen Multimediainstallation ins Depot verbannt hätte, oder eben urplötzlich die wohlvertrauten Leopardentürgriffe eines Palazzo gegen nichtssagende Allerweltsknubbel „ausgetauscht“ wurden.

Nebenbei bemerkt: Die Leopardentürgriffgeschichte ist tatsächlich genau so passiert, 500 Jahre waren sie da…und jetzt…Nur noch eine jener mit dem neapolitanischen Pathos der echten Comedia dell’ Arte vorgetragenen tragischen Räuberpistolen, die der gutmeinende orginalvenezianische Barista einem nichtsahnenden deutschen Touristen frühmorgends zum unvermeidlichen „coretto“ und zugehörigem „brioche“ serviert und die erst mit einem schief lächelnden „buon di!“ beendet wird, wenn der verdatterte Gast aus Germania rückenhaarsträubend und über den unvermeidlichen Niedergang des Abendlandes zeternd, sowie der Bedrohung der christlichen Familie eingedenk die grundlegende moralische Verdorbenheit der heutigen Zeit verkündet…

Nein, verfilzte Rastalocken, zottelige Inkakaputzen und in den Kniekehlen hängende Baggy-Boots sind schlichtweg keine Alternative zu den schniecken Jungens von der Marine! Gott und der Madonna Nikopeia sei Dank bewahrt der den Italienern quasi angeborene oder doch ziemlich gründlich anerzogene Geschmack auch den Rest der männlichen Bevölkerung, sofern er nicht gerade eben aus dem übelsten römischen Armenviertel kommt, vor derartigen modischen und moralischen Abgründen…Ob deswegen allerdings gleich zitronengelber Cord zu lilanen Steppwesten, blutroten Handschuhen und rehbraunen Schuhen mit himmelblauer Ziernat passt, oder der überschlanken Taille und der beachtlichen Ausbeulung im Schritt nicht doch hier und da mit Hilfe der überall wohlfeilen Männerkorsetts und anatomisch korrekt mittels Silikoneinlage aufgemotzten Herrenslips etwas nachgeholfen wurde, wer will das denn schon immer so ganz genau wissen…und überhaupt, weshalb sollen nur Ciccolina und Konsorten etwas von der schönen neuen Welt des Silikons und der „Liposuzione“ an den „settori problematici“ haben? Silikon und Botox für alle…dass das gerade in südlichen Ländern so oft danebengeht, kann wohl kaum an der mangelnden Auslastung der Ausführenden liegen…oder? Aber auch darüber gibt Donna Leon mehr als ausführlich Auskunft…Und ohnehin, als plumper, unförmiger und in Dingen der „bella figura“ vollkommen unbewanderter Deutscher verbietet sich mir hier geradezu jegliches Urteil – wie auch immer es ausfallen würde…Außerdem fürchte ich, dass mein Italienisch für derartige Feinheiten des gehobenen Ausdrucks schlichtweg zu stümperhaft ist.

Á propos Venedig im Winter – Ein Traum? Für diejenigen, die nasskalte Füße, eiskalte Regenschauer, backenbeißenden Winde und den betörenden Geruch von Dieselruß und frisch verbrannter Autoreifen lieben sicher…Venedig kann sehr kalt sein…müsste ich nicht gleich zum Rialto um dort ein Protestplakat der Fischverkäufer efffektheischend bei laufendem Marktbetrieb zu photographieren, mir würde bestimmt einfallen, aus welchem Kriminalroman diese Zeilen stammen…Patricia Highsmith…richtig…

Venedig ein Affenzirkus? Definitiv ja und definitiv für die ganz großen…Affen natürlich! Spätestens seit der von den Einheimischen gerne mit dem legendären Einfall der Hunnen (dem war ja bekanntlich die ganze ins Wasser gesetzte venezianische Pracht verdanken) verglichenen „invasione degli Chinesi“ ist hier angeblich nichts mehr, wie es einmal war. Vergessen der gemütliche vin brulé auf dem Campo San Stefano, ausgemustert die Wohltätigkeitsbasare, auf denen man aus reinem Mitleid die noch mitleiderregenderen Auslagen plünderte, wie ein ferner Traum die vereißten Ufer der Fondamenta della Toletta in deren Einsamkeit man den Flug der salzigen Schneeflocken bewundern konnte. Nicht genug, dass schon vor Jahren Maria, die stets etwas mürrische, aber in ihrem tiefsten, gut versteckten Inneren doch einigermaßen gutmütige Bardame, durch die zwar stets sphingenhaft lächelnde doch des Venezianischen nur äußerst bruchstückhaft mächtige Lei ersetzt wurde….Nein jetzt stürmen „I Unni“ auch noch im Dezember flugzeugladungenweise die Vaporettistationen und drängen dabei sogar die sonst so kampferprobten venezianischen Witwen mit  bösartigen Kungfugriffen ins Abseits. Dabei würde der durchschnittliche Venezianer diese „asiatische Krankheit“ sich in alle möglichen und unmöglichen Posen zu werfen und sich dabei in infantilster Weise am eigenen Bild zu ergötzen, ja dank der jahrzehntelangen Schulung an Japanern ja so geradeeben noch…wie sagt man gleich…“ sopportare“…aber wenn dise „Chinesi“ anfangen wie Attilas Horden selbst lauthals schnatternd in das Staatsheiligtum von San Marco einzufallen, oder sich gar frech erdreisten den Einheimischen mit mandarinentenhafter Arroganz Anweisungen für die möglichst pitorreske Verteilung im Raum/Bild zu geben, dann müsse das Ganze  ja irgendwann im Komplettrausschmiss oder zumindest in – für venezianische Verhältnisse äußerst ungewöhnlichen – wüsten Brüllattacken enden.

Ach ja, I Unni…auch so ein Lieblings-Barrista Guidobaldo alias Andreij-Thema – Er selbst definiert sich zwar als Urvenezianer, stammt mütterlicherseits aber aus Kroatien und väterlicherseits aus Weißrussland. Für Interessierte ist dieses Original übrigens irgendwo zwischen den Ex-Giardini Pappadopoli und den Eisernen Ringen bei San Cassian’ zu finden, an denen sie früher die Stücke der Gevierteilten aufgehängt haben…es lebe die slavisch-venezianische Vielvölkerfreundschaft!

Als studierter Ethnologe frage ich mich  nun, warum die sonst so unterkühlt weltläufigen Venezianer ausgerechnet an den Chinesen solch einen Ressentimentnarren gefressen haben, dass selbst das hießige Äquivalent zum Fränkischen Tag sich gelegentlicher rassistischer Ausfälle nicht gänzlich enthalten kann…Vermutlich hängt es mit dem hier stehts etwas bedrohten Gleichgewicht von Masse und Trag- bzw. Ertragensfähigkeit zusammen, dass sich jedes Jahr ein wenig mehr zu Ungunsten der Ureinwohner verschiebt, ja, es gibt sogar sehr ernsthafte Berechnungen, dass es vor allem die ganz physisch verstandene Masse der Touristen ist, die mit ihrem bloßen Gewicht maßgeblich für den Untergang der Stadt mitverantwortlich ist. Meine chinesische Lieblings-Barfrau (nicht die besagte Lei, aber eine enge Verwandte mit einem geradezu teutonisch-penieblen Bangladeshi als Geschäftsführerin und einer italienisch-slowenischen, modisch stets „a la mode“ befindlichen Chefin) stimmte mir bei einem Spritz zwar bezüglich des „Gleichgewichtssinns“ der Venezianer zu, gab aber eine etwas differenziertere Erklärung dafür, warum ausgerechnet die Chinesen eine derart beängstigende Wirkung auf die Venezianer hätten…Da sei zunächst einmal der Ursprung der Stadt. Schließlich seien es die Hunnen gewesen, die die Venezianer damals von Altinum aus in die Lagune getrieben hätten. Und Venedig habe nunmal ein langes Gedächtnis wozu auch die in Europa über Jahrhunderte eingeübte Gleichsetzung von Chinesen und Hunnen gehöre…Das Ganze sei allerdings so lange kein Problem, solange die neuen Chinesen brav in den Luxusboutiquen hinter San Moisé ihren Beitrag zum Umsatz diverser Nobellabels leisteten und der Rest von ihnen als Billigarbeiter den Italienern all die Aufgaben abnehme, die sie selbst nicht mehr so recht erledigen wollten.  Zum Clash of Cultures wachse sich das ganze aber erst dadurch aus, dass Europa und insbesondere Venedig für die meisten ihrer Landsleute dank seiner 1:1 Kopie in Macao und diverser Heidi-, Sissi- und Pinoccio-Cartoons eine Art riesiger romantischer Freizeitspark sei, in dem man alles an emotionalem Überdruck ausleben könne, was in China durch rigide Moral- und Erfolgsvorstellungen, familiäre Enge und politische Totalüberwachung verboten oder doch zumindest „unerwünscht“ sei. Das dass dann gelegentlich bei einigen ihrer Landsleute zu einem kompletten Overkill unmöglicher Verhaltensweisen bei gleichzeitigen totalen Realitätsverlust führe sei eigentlich ganz normal…außerdem gingen die meisten Bewohner des Reichs der Mitte davon aus, dass es in anderen Ländern mehr oder minder genauso zugehe wie daheim…nur eben ein klein bisschen exotischer…Viel Erfahrung mit „Auslandsreisen“ hätten die Allermeisten ja nicht, auch nicht mit Exotik, aber das Wort klinge so schön…Manchmal würde sie sich ja fremdschämen…aber was soll man machen…die meisten ihrer chinesischen Landsleute, die zu ihr in die Bar kämen, würden noch nichteinmal ansatzweise verstehen, wo sie sich hier befänden, geschweigedenn, dass nicht die ganze Welt am chinesischen Wesen genesen müsse…

Gab es da nicht noch einige verblichene Urlaubsvideos auf denen teutonische Barbaren Spaghetti Vongole vollkommen ernsthaft mit Hammer und Schere zu Leibe rückten?…heute versuchen Frau und Herr Müller aus Castorbrauxel oder Neustadt an der Aisch bei ihrem Honeymoon zur silbernen Hochzeit betont italienisch zu sein, indem sie in volledete Baedekeritalienisch ihren Spritz mit Prosecco (sic!) bestellen, gekonnt zwei „Tschikeddi“ mit „kambereddi“ ordern, und der armen chinesischen Bardame zum vierten Mal oberlehrerhaft erklären, dass es im venezianischen nicht „un bicchiere del‘ vin“ sondern „un ombrá“ zu heißen hat…Vermutlich werden auch „I Unni“ in fünfzig Jahren venezianischer als die Venezianer zu sein trachten, und vermutlich ist es auch dann noch ausschließlich der unendlichen Leidensfähigkeit und unerschöpflichen Menschenfreundlichkeit der Venezianer zu danken, dass sie trotz vollem Kinderwagen und Weihnachtseinkäufen immer noch mit einem Lächeln versuchen unter meiner gezückten Kamera hindurchzutauchen, sich trotz Gehhilfe und zwei Enkeln an den Rochschößen noch der Mühe eines kleinen Umweges aussetzen um mir nicht ohne Stolz die schönsten Steingravouren an ein einem in einer versteckten Sottoportego gelegenen Kirchenprotal zu zeigen, oder gar eine Vollbremsung mit dem 150 Kilo Schubkarren hinlegen, nur damit ich in Ruhe ein im Wasser treibendes Seil fotografieren kann…

Danke liebe unbekannte venezianische Zwillingsmutter und vielgefragte „nonna“, danke liebste Anlegefrau, dass Du darauf achtest dass ich in meiner dappigen Blindheit nicht wie andere Deutsche zwischen Vaporetto und Anlegestelle gerade und ja Danke auch ihr Lastenschieber, dass ihr mir mit eurer Vollbremsung mal wieder klar gemacht habt, was ein rücksichtsloser Idiot ich doch werde, sobald ich zum blitzenden und glotzenden Sightseeingmonster mutiere…Ich wüsste nicht wie ich bei 29 Millionen Gaffern im Jahr reagieren würde, mir reichen die 6-7 Millionen in Bamberg schon aus um pünktlich zur Sandkerwa oder zum Weihnachtsmarkt regelmäßig zwischen Fluchtplänen und wüsten Gewaltphantasien zu schwanken…

Und „I Chinesi“? La Serenissima wird auch diese Invasion lächelnd überstehen, ganz so wie es zuvor die Hunnen, Franken, Byzantiner, Araber, Franzosen, Engländer, Italiener, Deutsche und Amerikaner überstanden hat. Einige werden bleiben, tapfer in den Luxusboutiquen von San Moisé einkaufen und sich zusammen mit den schon im libro d’oro verzeichneten Geschlechtern abends von weißlivrierten Kellnern im Cipriani einen Bellini reichen lassen…der Rest wird in spätestens einer Woche verschwunden sein, und neuen Invasoren Platz gemacht haben.

Die Serenissima wird trotz ihrer, sie zum Luftkurort prädestinierenden Lage am Meer auch weiterhin eine der höchsten Lungenkrebsraten Italiens haben, das Jahrtausendprojekt MOSE ist schon jetzt zu niedrig um die in den nächsten 50 Jahren erwarteten Fluten auch nur halbwegs von der Stadt abzuhalten, auch noch die allerletzten  freien Flächen werden dem Komerz geopfert,  Pierre Cardin wird seinen 200 Meter hohen Wolkenkratzer nur zwei Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt bauen, eine U-Bahn wird Flughafen und Innenstadt miteinander verbinden, einige weitere in entfernteren Gegenden der Stadt stehende Palazzi werden erst verlassen, dann von Illegalen Handtaschenverkäufern besetzt, dann zugemauert und dann nach und nach und reichlich unbemerkt einstürzen, und schließlich wird hinter der Molino Stucky (heute Hilton)wird ein „venezianischer Vergnügungspark mit Riesenrad und Aussichtsplattform entstehen, in dem den Touristen „echtes venezianisches Leben“ vorgeführt wird…Ach ja, und auf dem Rialto werden wohl nicht nur neuerdings nicht nur Fische und Tomaten sondern auch harte Drogen feilgeboten…unter dem Ladentisch, aber offensichtlich so dreist, dass es selbst im sonst eher etwas schläfrigen Venedig irgendwann auffiel…

A Propos Fisch…der und die von den Venezianern heißgeliebten Vongole…sie seien so vergiftet, dass bereits eine Protion genügen würde um irreperable gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Dennoch liebt der „Echte Venezianer“ seine weihnachtliche Muscheleinlage und ist sich nicht zu schade beim letzten Vollmond vor Weihnachten an den Strand des Lidos zu eilen um dort bei Ebbe mit Plastikbeutel und Einkaufsnetz für Nachschub zu sorgen…Übrigens werden zu diesem Zeitpunkt auch die beim Baden verlorenen Goldkettchen, Smartphones, Silbermünzen und Diamantringe ganz offiziell und gegen Konzession mittels Elektrosonde und Thermotaucheranzug aus der trüben Adria gefischt…Wer also seinen 15 Karäter vermisst könnte gelegentlich mal beim hiesigen Sondengänger nachfragen, vielleicht rückt er ihn ja gegen einen entsprechenden Finderlohn wieder raus…

Und sonst?

Brigit Bardot und ihre volkommen unerklärliche Abneigung gegen Echtpelz sind – sollten sie hier jemals etwas anderes als indigniertes Kopfschütteln und eine Soforteinweisung in die Psychiatrie ausgelöst haben – endgültig und definitiv passé. Die standesbewussten älteren Venezianerinnen trugen ja schon immer gerne und ausgiebig ihren Lieblingsnerz zum Marktbesuch aus. Dass es inzwischen aber auch kaum mehr einen ragazzo gibt, der auf reichlichen Echtpelzbesatz von Magellan- oder Silberfuchs am kanariengelben Designeranorak verzichten will ist neu. Von der zobelbesetzten Handtasche aus echter Buranospitze, oder dem mit echtem (!!!) Ozelotfell gefütterten Goldbrokattäschchen für’s neue Smartphone, die dieses Jahr zum absoluten must der Weihnachtseinkäufe bei Betucht & Söhnen gehören ganz zu schweigen…Ungemein „in“ sind bei den etwas ärmeren Schichten aus Sacca Fisola und Co gerade auch Stiefelstulpen aus schwarzem Nerz alias Kaninchenfell, Katzenfellbesetzte Sneaker und Hamster- bzw. Chinchillagefütterte Mäntel für den Kurztrip zu den Inseln. Kurz: Ohne reichlich Echtpelz gegen die raue Seeluft geht nicht nur in diesem Jahr in bella Venezia rein garnichts, Brigit Bardot und andere missgeleitete Ökoaktivistinnen hin, putzige Tierbabys und dem neuesten Pandaschutzprogramm der 15-Jährigen Chiara her…Venedig kann schließlich sehr kalt sein.

Weniger schön anzusehen sind die Ramschstände für Plastikmasken, Billigschals und falsches Parfum die sich – habe ich sie in den letzten Jahren einfach nicht wahrgenommen, oder gibt es inzwischen tatsächlich sehr viel mehr davon? – wie ein Krebsgeschwür über die Plätze ausbreiten. Auch die Unsitte der bewegungsmeldergesteuerten Halogenscheinwerfer und des Dauerbeschallens ganzer Viertel mit neuesten Schlagermedlays oder die glorreiche Idee einer Eislaufbahn auf dem Campo San Polo (ebenfalls lautstark und 16 Stunden am Tag dauerbeschallt) weißt die aktuelle Verwaltung der Königin der Adria als wenig stilsicher, dafür umso geldgieriger aus (hatte ich schon erwähnt, dass gerade ein Guteil der städtischen Palazzi für einen Spottpreis an reiche Russen, Chinesen und Italiener (sic!) verschwerbelt werden…) Well, wenigstens verdammt die gleiche Stadtverwaltung auf dezent ausdrappeirten Stoffplakaten an den Fenstern des Rathauses gegenüber der Rialtobrücke in großen Lettern Homo- und Transphobie und Gewalt gegen Frauen, das kostet schließlich nichts und macht verdammt gute Publicity…Allerdings sagt die Zusammenstellung auf nur einem Plakat gleichzeitig auch mehr über die Italienische Gegenwartsgesellschaft und ihre tiefsten Phobien aus, als so manch hochsubventionierte soziologische Studie oder Doktorarbeit.

Geradezu vorbildhaft haben die Venezianer das aktuell heißdiskutierte Problem der Plastiktüten bzw. Flaschen gelößt. Im Supermarkt (zuminest in dem auf dem Lido) gibt’s nur noch solche, die biologisch abbaubar sind…die taugen genausogut und machen bei der Herstellung auch nicht mehr Dreck als eine Jutetüte. Das mit den Plastikflaschen funktioniert hingegen noch nicht ganz perfekt. Es gibt sie immer noch, aber es werden immer mehr Mehrwegflaschen aus Glas und außerdem gab’s ne Kampagne für Leitungswasser aus Karaffen…die passte allerdings den Wirten nicht wirklich, weil sie das Leitungswasser (das nebenbei bemerkt in Venedig exzellent ist) umsonst abgeben sollten, was promt zu einem Revival des ungeliebten Servizzio und Coppertos führte (die in Venedig nie wirklich ausgestorben sind).

Erfreulich ist auch die Lösung eines anderen Problems: Internet. Bisher nur gegen horrende Gebühren im Hotel oder in überteuerten und stets überfüllten Internetcafés zu haben, haben sich ganz offensichtlich die genervten Touris sowohl den geschäftstüchtigen Hoteliers als auch gegenüber den teils reichlich abstrusen italienischen Anti-Terror bzw. -Mafiagesetzen, die bisher den Betrieb eines öffentlichen W-Lans  zu einer hochkriminellen Handlung machten durchgesetzt. Fast jede Bar, jedes Restaurant und beinahe jedes Hotel offeriert seit diesem Sommer „Free WIFI“. Dass die Netze dabei meist völlig ungeschützt und die Übertragungsgeschwindigkeit manchmal etwas steinzeitlich sein kann…nun ja, alles braucht eben am Anfang etwas Übung…aber immerhin man kommt ins Internet und verarmt dabei nicht mehr komplett! Das damit auch die Ruhe und Ungestörtheit im Café oder in der Bar endgültig dahin sind, ich mir den kompletten Tag irgendwelche Einkaufslisten, Kleinaufträge und das Befinden der werten Oma auf Murano anhören und das heißgeliebte Telefonino den Endsieg über jeglichen face-to-face Kontakt davon trägt kann wohl nur jemand bedauern, der nicht schon als digital native und Italiener geboren wurde.

Trotz allem oder gerade deswegen, Venedig ist eine Reise wert, immer, nur nicht unbedingt im Sommer, oder zum Karneval, oder wann immer die 29 Millionen anderen Touris hier einfallen…

So, Mann muss jetzt essen gehen…an einem Samstag Abend, ohne Reservierung…wünscht mir Glück!