Von Schnee und Regen

Schnee

Schnee

 

Schnee ist ein Wunder das verlockt.

Er schönt, bedeckt, macht gleich und lässt verschwinden.

Ich blicke vor mich hin, und sehe sie, die Illusion:

Ein heiler, eisiger Planet ohne Bewegung.

Verlorn der Antrieb, jeder Ehrgeiz längst zu Eis erstarrt.

 

Die Welt in Schnee – ein anfangsloser Nicht-Ort ohne Ende.

Ein weißes, völlig unbeschrieb’nes Jahr.

Ohne Bedauern, ohne Erinnerung, ohne Anspruch, ohne Schuld!

Alles wie ausgelöscht und wie beerdigt.

Vor mir nur reines, reiches Nichts.

 

Der Lärm, die Hast, der Neid, die Effizienz;

Die echten und die falschen Freunde, der Zwang perfekt zu sein…

verstummt, erstarrt und weggesperrt unter dem weißen Leichentuch.

Die neue, helle Welt – vollkommen wie der Mond!

Ich fröstle, es wird dunkel.

 

Verstörend schön, die Winternacht –

Schneekugelparadies in engen Grenzen!

Da stehen sie, vor laubberaubten Zweigen,

der Schlaf, das Innehalten und das Nichts-mehr-tun.

Dem der sich hingibt winkt Verzückun.,

 

Nur einmal, einmal noch vom Leben ruhn.

Ein schönes, sanftens Nicht-mehr-Sein und grenzenloses Glück!

Der Preis des Daseins jedoch gilt dem Fleißigen –

dem Räumer, Schaffer, Karrer und dem Schaufler,

und ganz bestimmt sogar noch dem, der einfach und bescheiden kehrt.

 

Doch Seeligkeit? Die gibt es nur für jene, die noch träumen,

die hilflos und betroffen stillesteh’n,

und jedes mal auf’s Neue staunen,

wenn dann und wann zur Winterszeit,

die Sterne uns vom Himmel fallen.

Es soll es sehr schön sein zu erfrieren.

 

Und dann, dann kommt der Regen.

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Adventskalender 2014 – 13. Türchen – Sancta Lucia, oder vom Licht in der Finsternis…(Aus dem Archiv)

lux in tenebris

Wer jemals am 13. Dezember in Schweden war wird den mystischen Anblick von jungen Mädchen die im Gedenken an die Heilige Lucia auf ihrem Kopf eine Krone aus Buchsbaumzweigen und brennenden Kerzen durch das morgendliche Halbdunkel tragen so schnell nicht vergessen.

Bis zur Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. 1582 der aufgrund des im Vergleich zum Sonnenjahr zu „langen“ Julianischen Kalenders 10 Tage „ausfallen“ ließ (s. Anm.1) war der Lucientag gleichzeitig auch Mitwintertag. Aus diesem Grund wurden und werden an Skt. Lucien auch zahlreiche Rituale gepflegt, die mehr mit dem symbolischen „Sterben“ des Alten und „Wiederbeginn“ des Neuen Jahres und weniger mit der „Heiligen vom Unbesiegbaren Leben“( s. Anm. 2) zu tun haben.

Neben den Kerzenkronen welche – ähnlich wie die Lichter des Weihnachtsbaums oder des Adventskranzes – Christus und damit das (wiederbeginnende) „Licht in der Dunkelheit“ repräsentieren, gehört zu diesen „Bräuchen des Jahreswechsels“ auch noch der sogenannte „Lucienweizen“.

Man stellt eine Kerze in eine kleine Schüssel, gibt etwas Wasser, Erde oder Watte und einige Weizenkörner hinzu und wartet, bis sie an Weihnachten in etwa Handspannenhöhe erreicht haben,. Gelingt dies, wird die Kerze entzündet; danach lässt man die Keimlinge verdorren(damit sind ähnliche Orakel wie mit den Barbarazweigen (s. 4. Türchen) verbunden). Bemerkenswert an dem Brauch ist seine hohe Ähnlichkeit mit antiken „Adonisgärtlein“ (Adonis war ursprünglich ein aus Vorderasien stammender Vegetationsgott der im griechischen Pantheon gleichzeitig Gott der (männlichen) Schönheit war, das Keimen und Vergehen des Weizens symbolisierte das Werden und Vergehen der Pflanzen und den Lauf der Jahreszeiten). Auch zum kurdischen und persischen Neujahrsfest werden Weizenkeime ausgesät. Sie sollen Glück, Kraft und Erfolg im Neuen Jahr bringen, aber auch an die Vergänglichkeit des Seins erinnern.

Ein schöner Brauch, weil er einen mitten in Schnee und Eis an den bevorstehenden Frühling erinnert und gleichzeitig mahnt sich nicht immer so wichtig zu nehmen.

Kαὶ τὸ φῶς ἐν τῇ σκοτίᾳ φαίνει, καὶ ἡ σκοτία αὐτὸ οὐ κατέλαβεν

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

(Joh 1, 5)

Anm. 1) Auf den 4. folgte der 15. Oktober 1582; Es dauerte jedoch bis 1949 bis dieser Kalender weltweit angenommen wurde.
Anm. 2) Die Heilige Lucia überstand gleich mehrere Martyrien, weder das Übergießen mit Siedendem Öl noch ein in den Hals gerammtes Schwert vermochten sie zu töten und auch die Übersendung ihrer Augen – laut einer Variante ihrer Heiligenlegende hatte sie sich die Augen selbst herausgerissen, was sie zur Patronin bei Augenleiden und Fehlsichtigkeiten macht  – an ihren ungeliebten Verlobten vermochten sie nicht zu töten…sorry, aber katholische Märtyrerlegenden sind nun mal  per se latent blutig und nicht unbedingt kindgeeignet ;-(

Ein ganz normales Stück Seife…

Aleppiner Seife

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Eine bestimmte Textur, ein flüchtiges Funkeln der Wasseroberfläche, zwei, drei Sonnenstrahlen auf dem Fensterbrett, eine Melodie, ein Geschmack oder Geruch aus der Kindheit.

Gerade habe ich auf meinem Dachboden genau so ein Stück Erinnerung wiedergefunden. Es  lag längst vergessenen zusammen mit allem möglichen und unmöglichen Krimskrams am Boden einer  staubigen, weißen Plastiktüten in einer Verpackung aus bräunlichem Pappkarton. Erst als ich die unauffällige kleine Schachtel eher desinteressiert herumdrehte bemerkte ich, dass es sich nicht um eines jener nutzlos gewordenen Dinge handelte, welche sich über die Jahre wie von selbst ansammeln.

Im schwachen Licht des Obergadens funkelten plötzlich goldene Ranken, Blüten und fremdartige Schriftzeichen auf. Neugierig geworden öffnete ich die Schachtel und augenblicklich umgab mich das schwere Parfum eines orientalischen Suks.  Mit geschlossenen Augen tief einatmend tauchten halb im Wüstensand versunkene Städte, Palmen, Dünen, Brunnen und Städte von märchenhaftem Prunk vor meinem Inneren auf. Ich fühlte mich, als sei ich mit Sindbad dem Seefahrer, dem kleinen Muk, Sheherazade und Harun ar Rashid mitten in einem Märchen aus 1001 Nacht gelandet. So stark war der betäubende Geruch des kleinen Pakets, dass ich fast mit einem der Dachbalken zusammengestoßen wäre.

Es dauerte, bevor ich begriff, dass das kleine, mit Arabesken verzierte, bräunliche Stück etwas nichts anderes war als ein Stück Seife.

Manch einer mag sich nun Fragen was das für ein verrückter Kerl sein muss, der sich vier Abschnitte lang über etwas so alltägliches wie ein einfaches Stück Seife auslassen kann, dass zu allem Überfluss auch noch die wenig ansprechende Farbe von frischem Hundekot aufwies.

All jenen kann ich nur sagen, dass sie vermutlich noch nie ein Stück echt Aleppinier Olivenölseife in der Hand hatten. Ich meine nicht die einfachen aus schlechtem Öl und allen möglichen Beimischungen hergestellten Plagiate, die man ab und an in Kairo, Istanbul, Teheran oder Beirut als „echt aleppiner Seife“ angeboten bekommt. Nein, ich meine das nach würzigen Lorbeerblättern, Jasminblüten, Zimt, Moschus oder Amber duftende Original, dessen Schaum so zart ist, dass man damit problemlos auch noch das empfindlichste Haar waschen kann.

Ich weiß ich höre mich an, wie einer jener Geschichtenerzähler, die früher gleich hinter der Zitadelle und am Hammam aus dem 13. Jahrhundert vorbei links im Innenhof einer ehemaligen Karawanserei zu einer guten Nargile, etwas Arrak und einem starken Minztee oder einem beinahe nur aus Zucker bestehenden Café Märchen, mehr oder minder jugendfreie Zoten und die neuesten Gerüchte feilboten.

Das erschreckende dabei ist, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass diese Bilder kein Traum sondern ganz normaler Alltag in Aleppo, jener uralten Stadt im Norden Syriens waren. Man traf sich zum Sonnenuntergang am Westtor,  schlenderte auf der Suche nach einem kleinen Souvenir oder einfach nur um seine Augen nach einem langen Tag in der Wüste an den vielen bunten Auslagen zu erfreuen durch die verwinkelten Gassen des Suks, schwatzte hier mit einem Verkäufer über die Kunst der Intarsienherstellung und probierte dort Gläßchen Malventee, handelte, lehnte ab, kaufte oder ließ sich begleitet vom Ruf des Muezzins der nahen Hauptmoschee zum fünften Mal an einem Nachmittag, bedauernd die Gelegenheit zum Kauf eines Teppichs entgehen. Danach kehrte man vielleicht in einem der vielen kleinen Caffés ein, oder stieg zu ein paar Mezze hinauf in eines jener luftigen Terassenrestaurants, von denen sich nach der Hitze des Tages ein atemberaubender Blick auf Stadt und Sternenhimmel bot. Leise wiegten sich gläserne Lampions im Abendwind, und wenn man Glück hatte kamen einige Musiker und gaben gegen einen kleinen Obolus ein Konzert.

Vielleicht hätte man vor dem Essen aber auch noch Lust, bei türkischem Honig, Bakhlava und Jasminblütentee in einem der zahlreichen Hamams der Stadt zu entspannen.  Der Bademeister würde einem zur Begrüßung einige Tropfen Orangenblütenwasser in die erschöpften Hände träufeln und ein kleines Bündel aus karrierten Baumwolltüchern und einem Stück Seife überreichen. Man würde sich mit heißem Wasser aus großen Messingschüsseln Schweiß und Straub vom Leibe wischen, sich ein erstes Mal einseifen, sich wieder waschen, danach ein oder zwei Stunden im Dampfbad verbringen, wer wollte würde von Hassan oder Ali auch noch eine Mischung aus Massage und chiropraktischer Wiedererweckung bekommen. Für die etwas ängstlicheren Zeitgenossen würde es ein „Schaumbad“  geben bei dem die Bademeister die Seife mit Hilfe eines luftgefüllten Jutesacks zu wahren Schaumbergen auftürmten. Und sollte einem selbst das zu anstrengend sein, würde man sich einfach auf die große, geheizte Plattform aus wunderbar gebändertem Marmor legen, die aufsteigende Wärme genießen und dem leisen Plätschern eines Brunnens lauschen. Irgendwann nach Mitternacht würde man dann noch eine kleine Runde um die Zitadelle drehen, sich mit einigen jungen Leuten in radebrechendem aber glücklichem Englisch unterhalten und dann erschöpft in Richtung des kleinen Hotels mit dem Innenhof aufbrechen, in dem neben blühenden Zitronenbäumen und mit Elfenbein und Perlmutt eingelegte Möbel standen. Ein verlegen grinsender Pförtner würde öffnen, und  einem verschlafen die Zimmerschlüssel reichen, bevor er und man selbst beim Klang der Zikaden (wieder) einschlafen würde.

Die Gasse der Seifensieder existiert nicht mehr. Die Olivenbäume sind gefällt und das dürre Laub der Lorbeersträucher längst verheizt. Auch der Goldsuk und das Viertel der Gewürzhändler liegen in Trümmern. Schwarz und bedrohlich ragen die Reste der Zitadelle in den von Raketeneinschüssen zerrissenen Himmel. Daneben die ausgebrannte Ruine des Hamams. Im Innehof des kleinen Hotels  liegt  imitten versprengter Marmorbrocken die Leiche eines Jungen. Niemand kam bisher dazu ihn zu bestatten, es gilt so gut es geht das wenige zu retten, was vom eigenen Leben übriggeblieben ist.  Da bleibt keine Zeit für die Toten und auch nicht für Seife, oder das Plätschern der versiegten Brunnen.

Ich halte das kleine Stück duftender Seife in meiner Hand. Ganz fest, als könne mit ihm auch die letzte Erinnerung an diese Stadt und ihre mir lieb gewordenen Bewohner entschwinden. Ali und Hassan, den alten Pförtner und den Sohn des Intarsienkästchenhändlers, die freundlich lächelnde Eintrittskartenverkäuferin, der Goldschmied und der alte Bettler am Westtor, der Märchenerzähler oder die beiden Studentinnen, die freudig ihr Englisch an uns ausprobierten. Selbst den fleißigen Muezzin der uns jeden Morgen um fünf mit seinem Gebetsruf aus dem Bett warf werde ich vermissen.

Aleppo war ein Märchen. Sicher, es war nicht alles gut in der guten alten Zeit, wahrhaft nicht… aber heute, heute ist es die Hölle.

Denk ich an Italien…

Im Land wo die Zitronen blühn…

Denk ich an Italien, dauert das länger, nicht weil mir das Land so viele Kopfschmerzen macht, sondern weil ich es, und seine Bewohner liebe, trotz, oder gerade wegen allem.

Nein, auch wenn meine italienischen Freunde diese Liebe gelegentlich etwas beängstigend und zu einnehmend empfinden, weil sie allerspätestens in der zweiten Liebesnacht mit einem heftigen Ehestreit über die fachgerechte Zubereitung von Spaghetti bolognese bzw. al ragú endet, bleibe ich dabei, ich liebe Italien, gerade weil es so ist, wie es ist und das ist gut so.

…und nein, ich schließe mich nicht der Panik der Börsengurus und der allgemeinen „geraman angst“ vor jeglicher Unordnung und Unberechenbarkeit an. So unberechenbar ist Italien im Übrigen garnicht. Es hat mindestens genausoviel Bürokratie wie wir und auch sonst sind die Regeln garnicht so anders…man muss sie eben nur verstehen und das setzt die Erkenntnis vorraus das das Deutsche Wesen kein globales Wundermittel ist, va bene…

…und Nein, ich werde ganz bestimmt nicht den mäkelnden Besserdeutschen geben, der verzweifelt nach Kavallerie, Leistung und Diziplin jammert. Und Nein, ich gehöre auch nicht zur Toskanafraktion, die alles Italienische so „italienisch“ findet, obwohl…gegen einen guten Grappa und ein paar Tramezzini hätt ich jetzt auch nix…

Italien ist was es ist und es wäre jammerschade, wenn es zu einem zweiten M(ä/er)kel-Deutschland würde.

Sind es nicht gerade jene allen Unbilden des Seins trotzende grandeza, jene ausschweifende sprezzatura und gelegentlich leicht morbide magnificenza, der unbeugsame Wille zum „contrariamento“ und zur genussvollen „sregolatezza“, welche uns bleiche Nordbarbaren seit Jahrhunderten immer und immer wieder in den sonnigen Süden treiben? Die beinahe lustvolle Freude an einer gewissen „ingovernabilità“ nach der sich der verängstigte Deutsche  beim Erstkontakt an der kleinen Espressobar nördlich von Bozen jedesmal auf’s Neue sehnt?

La gioia di essere, nonostante tutte le difficoltà!

Ich übersetze das jetzt nicht. Es gibt Google und auf Deutsch klingt das alles ohnehin so…südländisch…Wann haben wir eigentlich verlernt mit unserer Sprache großes auszudrücken? Vermutlich der II. Weltkrieg…oder doch die 68’er?

Zugegeben, ganz so einfach ist das mit der Seinsfreude auch unter Olivengrün und azurblauem Sommerhimmel nicht. Da wäre  zum Beispiel die Sache mit der „cittadinanza“. Sicher, mit Venedig, Siena, Florenz, Amalfi, Rom, Neapel oder Genua verfügt Italien über Stadte und Städter deren Geschäftssinn und altehrwürdiger und nicht selten höchst eigenwilliger Bürgersinn einem vor Ehrfurcht das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Genau die gleiche „Eigenwilligkeit“ führt aber auch dazu, dass man zumeist nicht besonders weit über die eigene Stadtmauer und den eigenen Nutzen hinausdenkt Etwas so junges und ungewohntes wie regionenübergreifende Solidarität in einem Nationalstaat hat in italienischen Herzen trotz aller Bemühungen wenig Platz. Aber sind wir Deutschen da wirklich so anders?

Ohnehin, die Sache mit dem Patriotismus. Während sich die tedeschi durch das eigene Verteidigunsministerium jüngst amtlich bestätigt mit einer Armee voller Jammerlappen und profilneurotischer Veteranen herumschlagen, dürfen sich die armen Italiener seit Carlo Azeglio Ciamp vor jeder Theaterorstellung mit der peinlich-rutinierten Bemühtheit eines Opernorchesters beim Intonieren der Nationalhymne vor einer Kindervorstellung abmühen (übrigens eine seeehr italienische Lösung, das mit der Nationalhymne).

In Italien stehen zwar auf gefühlt jedem zweiten und real jedem dritten Platz Garibaldi und Vittorio Emanuel und Geflügelte Löwen verkünden selbst im Herzen der Serenissima stolz das überragende Optionsergebnis für Italien, doch nur zwei Meter weiter klebt am Laternenmast  ein rotgoldener Aufkleber mit der Forderung nach der Eigenstaatlichkeit Venedigs. Wem je während eines gemütlichen Abendessens die nur äußerst mühsam verholene Abscheu aufgefallen ist, mit der Sizilianer über Lombarden, Venezianer über Calabresen und Römer über alle anderen herziehen, der wird um die bange Frage ob ein gesamt-italienischer Patriotismus jenseits der kleinen eigenen Stadt, dem eigenen kleinen Fußballclub oder der eigenen kleinen Nachbarschaft überhaupt existiert ohnehin nicht herumkommen.

Noch schlimmer, absolut niemand (ich kenne jedenfalls keinen) vertraut einem/seimem(!) Politiker und schon garnicht dem „Staat“ (bah!). Glaubt man der Betreuerung des Barmans oder Kioskbesitzers, sind Bestechung und Vorteilsnahme so normal, dass sich im Normalfall niemand jemals darüber aufregt (er tut es gerade!), und selbst wenn er oder sie es tut, endet das Ganze in 99% der Fälle in der resignierten Erkenntnis, dass es nur 2 Methoden gibt mit der casta zurechtzukommen. Entweder man gehört selbst dazu (dann darf man aber auch nicht mehr motzen, also blöde Lösung!) oder aber man wandert aus (und das will man ja schließlich auch nicht, weil man ja eigentlich im schönsten, besten und wundervollsten Land der Welt lebt, wenn da nur nicht…).

Kurz es ist sinnlos sich darüber aufzuregen, weil die Dinge nunmal so sind, wie sie sind…menschlich…und trotzdem regt man sich auf, weil irgendwas muss man ja schließlich den ganzen Tag tun.

Ich weiß, ich mach es mir gerade etwas zu einfach. Wir leben nicht mehr im Jahr 1945 und auch in Italien die Dinge sind in den Jahren auch nicht gerade einfacher geworden.

…und ja, selbst in Italien gibt es Menschen/Italiener die etwas verändern wollen, die sind aber meist unter 20, oder über 70, wählen die Kommunisten (oder Grillo oder wer auch immer gerade gegen alles ist) oder schwärmen von Mussolini oder desse Tochter/Enkelin…ein paar wünschen sich sogar den König zurück (das sind aber wirklich nur ganz wenige), weil früher alles besser war (war es nicht…aber das ist eine andere Geschichte, und so leut gibt’s in Kulmbach und Buxtehude schließlich auch…nur mit dem Unterschied, dass die Deutschen ihr Vertrauen in Politiker nie ganz verloren haben, vielleicht liegt das doch am preußisch-bayerischen Obrigkeitsglauben?)

In Italien hingegen kann man, weil man eh niemandem traut (oder besser „zutraut“) ohne jegliche Gewissensbisse auch gleich den der am besten aussieht, am besten riecht am besten brüllt oder eben auch nur am besten verspricht wählen. Sono tutti ugualmente male, eh?

Ich drehe mich im Kreis, und dass ich als tedeschi gerade diesen wunden Punkt durchs Dorf treibe muss wohl an meinem angeborenen Masowchismus liegen…Staat und Nation sind etwas zu dem auch wir lieber Abstand halten, aber Oderflut und Soli, Wiedervereinigung und Goldener Bär, Tageschau und der gesamtstaatliche Kult um Lindenstraße und Sportschau haben in mir trotz wieder besseren Wissens die Hoffnung keimen lassen, dass in Deutschland, trotz allem Murren, Motzen und Mäkern so etwas wie ein grundlegender Konsens in Sachen Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Verantwortung existiert. (ich hoffe, sicher bin ich mir nicht!)

In Italien hingehen…

Nein ich will nicht den Bessertedeschi geben, dazu hab ich keinerlei Recht auch wir kennen den möglichst geräuschvollen Griff in die Staatskasse, nur sind wir dabei selten so elegant.

Und ob aufgespritzte Lippen, Lautstärke und Illusorische Phantasmagorien, so viel besser als deutsche Sachzwänge sind?

Nicht wirklich…

Und sind wir nicht auch eine Mediendemokratie, in der Giggolina und Il Cavaliere mit allen Mitteln um die Gunst des Fernsehwählers buhlen…Altkanzler Schmidt oder der CSU-Landesgruppenvorsitzende hören sich jedenfalls gelegentlich nicht viel anders an.

Selbstreflektion, kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns und der eigenen Verantwortlichkeit? So eine dumme Frage kann auch nur ein Deutscher stellen.

Sicher manchmal lebt man südlich des Gardasees im Chaos (wer tut das nicht!), sicher die Kinder haben keinen Job und sitzen mit Mitte dreißig noch immer im Kinderzimmer, Sicher man weiß nicht wie man die nächste Miete oder die nächste Hypothekenrate zahlen soll und sicher, im Krankenhaus hat die letzte Untersuchung Tage gedauert, aber man tut es wenigstens mit Würde!

Mann (Also Italiener) stammt von Göttern und Heroen ab und Frau ist mindestens Venus (oder doch zumindest Cleopathra). Der Mythos zählt, nicht die Gegenwart, etwas anderes bleibt dem durchschnittlichen Mr. Italy und seiner Mrs. Bibbione auch kaum übrig. Quanto maggiore la misseria, quanto piu soni i sogni!

Und wer will Gino und Maria die eigenen (oft recht bescheidenen) Träumen,  Hoffnungen, Illusionen und den Glauben an eine bessere Zukunft auch übel nehmen?

Und wenn das alles garnicht so schön, so gut und so wundervoll ist? Wenn die Träume zu Alpträumen werden und man an den eigenen Idealen zerbricht?

Wieder einmal eine sehr, sehr deutsche Frage…und eine auf die man in Italien zumeist erst sehr spät in der Nacht und nur von sehr, sehr guten Freunden eine Antwort bekommt…

Es bleibt…

Nichts…

Aber sind wir tedeschi wirklich so viel besser? Ist Scheitern in unserer maßlos gewordenen deutschen Leistungsgesellschaft denn so viel angesehener? Grenzen wir nicht auch jeden gnadenlos aus, der nicht topfit, superintelligent, vollflexibel und komplett übereifrig für einen Hungerlohn arbeitet und dabei auch noch den Körper eines Adonis oder einer 12 jährigen Vestalin hat?

Während uns Deutsche die Angst vor dem (finanziellen) Nichts zielsicher ins nationale Burnout treibt, und während wir unseren „leistungsschwachen“ Nachwuchs bereits im Grundschulalter mit Ritalin ins ADHS Syndrom treiben, versuchen die Menschen in Mailand, Palermo oder Triest (wir können die Liste um Lissabon, Madrid, Sevillia, Athen und Pothamos erweitern) sich wenigstens ein Minimum an dignità, jener für das Leben so nötigen Würde des Alltags zu bewahren, indem sie trotz allem versuchen dem Leben etwas Schönheit, Glück und Freude abzuringen.

Dass kann dann durchaus auch mal der Goldputto an der Resopaldecke oder die falsche Gucci-Tasche sein…Das ist ganz sicher der Espresso am Morgen, der Plausch mit der Nachbarin, der Gang über den Markt oder das Gläschen Wein nach Feierabend. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Das mit schlechtem Geschmack, Faulheit und dolce fa niente zu verwechseln gelingt wahrscheinlich wirklich nur den freudlos rechnenden Deutschen, die den Sinn ihres Lebens im Anhäufen nutzloser Leistungsprädikate sehen.

Generation Burnout…und was kommt danach?

Das Ideal der Italiener ist das eigene kleine Glück, und dieses Glück hat für die meisten (noch und gott sei Dank!) relativ wenig mit Bankern und Leistungswahn, neoliberalen Scheinwelten und globalisiertem Anpassungsdruck zu tun. (Jenen Italienern, die sich diesen Idealen annähern sollte man tunlichst misstrauen…es könnten die besseren Deutschen werden! Berlusconi ist das beste Beispiel dafür!)

Für die meisten Italiener liegt das Glück jedoch im Licht, dass sich in den brüchigen Marmorplatten des kleinen Gartens spiegelt, in der Bohnensuppe, die schon die Nonna der Nonna genau so gemacht hat, dem Rauschen des Meeres, dem Lächeln des Barmanns oder dem alten Sofa, auf dem man seinen wohlverdienten Mittagsschlaf hält. Eine Welt und ein Glück, dass nun bedroht ist. (ob plötzlich oder nicht ist eine andere Frage, es geht ums Gefühl…aber das ist auch etwas, das die tedeschi allenfalls als „Geschäftsklimaindex“ kennen)

Deshalb gehen die Menschen auf die Straße, streiken und opfern alles und jeden, stechen, hauen und betrügen auch mal wenns sein muss. Es ist ein sehr privates, sehr verletzliches und gleichzeitig sehr bedrohliches Glück, das keine neidigen Zuschauer, keine Fragen nach Effizienz oder Steuererklärung, kein Denken an Morgen und nur sehr wenige, echte und sehr verschwiegene Freunde verträgt.

und ja…es fällt mir jetzt verdammt schwer als dummer kleiner Deutscher der sich sorgenvoll um seinen Kontostand und seine garnichtmehr so sichere Rente sorgt nicht vor schmerzvoller Selbsterkenntnis loszuheulen…vielleicht hat mich ja auch schon der italienische Schlendrian gepackt…

Und ja Giovanni…das (Über)Leben ist schon schwer und manchmal ziemlich kurios, wenn man laut Zeitung direkt von Göttern, Päpsten und Freiheitshelden abstammt. Grillo und Il Cavalliere sind in dieser Hinsicht auch nur  Cäsaren und mir ist nicht allzu bang um ihre Parolen. Es wird sein wie immer, erst feiert man sie, dann werden sie langweilig, dann teuer und irgendwann lässt man sie wie einen alten Fisch fallen, vorausgesetzt sie schaffen es nicht sich durch grellbunte Wahlkampfplakate,  eine vollbusige Geliebte oder die hemmungslose Selbstbereicherung und das Versprechen des Blauen vom Himmel wieder ins Gespräch zu bringen.

Aber vielleicht ist das alles ja auch nur ein Stereotyp. Vielleicht projeziere ich gerade auch nur meinen Frust, meine Sorgen, meine Zweifel und meine Sehnsüchte aus dem nasskalten Norden in den azurblauen Himmel der Adria…

mundus vult decipi, ergo decipiatur

…wusste sinngemäß schon Gaius Petronius Arbiter.

Und mal ehrlich…wer weiß von uns schon ob es die Banker, die Politiker, die EU, Berlusconi, Otto-Normalbürger oder die Chinesen sind, die die meisten gezinkten Karten in der Hand halten?

Die Welt ist kompliziert geworden. Manchmal zu kompliziert für das eigene, sorglose kleine Glück.

Die Wahl zur Unregierbarkeit ist kein dummer Zufall, es ist bewusster, wiederständiger Akt gegen eine (Um-)Welt, die das Glück und damit auch die ganz alltägliche Würde der Vielen, dem Profit der Wenigen geopfert hat.

Das Missverständnis liegt darin, dass man nördlich der Alpen noch immer daran glaubt, der Freie Markt könne Probleme lösen.

Ich wünsche den Deutschen, dass sie aus diesem Traum niemals erwachen und ihr eigenes kleines Stückchen Glück (oder ihre Ordnung und Sicherheit der Dinge) finden werden. Mögen sie auch ein wenig Glück und ein wenig Sonnenschein finden, sie haben ein Recht darauf!

…und den Italienern? Mögen sie so bleiben wie sie sind (oder auch nicht, wenn ihnen der Sinn danach steht!). Genauso chaotisch, schwärmerisch, enthusiastisch, leutselig, feindselig, raffgierig, genial, friedliebend, kriegerisch, sanftmütig und wütend. Ich kann nur hoffen, dass sie sich nicht von globalen Hedgefonds und selbsternannten Wirtschaftsweisen vorschreiben lassen, wie sie zu leben und zu denken haben. Wir Deutschen sind dazu offensichtlich zu…ich weiß nicht was…vielleicht ist es ja wirklich die Kälte, die uns träge und kurzsichtig macht…aber das ist jetzt ein italienisches Stereotyp.

Viva l’Italia, nonostante la miseria!

Neues Jahr – Neues Glück?

Es gab einmal Zeiten, da war Man(n) noch froh wenn er älter wurde. Man bastelte Einladungskarten, lud sich eine halbe (oder auch ganze) Meute mehr oder minder befreundeter Klassekammeraden zum Topfschlagen ein, feierte bis zum Sandmännchen, sprang ausgelassen so lange auf dem Stockbett herum bis es unter einem zusammenbrach und schwelgte in der absoluten Sicherheit, dass der alljährliche Martinszug samt Schimmel, Lampions und Bettler einzig und allein zur Feier des eigenen Geburtstages veranstaltet würde.  Man aß Igelkuchen, verteilte mit Mehl gefüllte Luftballons und freute sich über so schöne Geschenke wie ein schwarz rot weiß karriertes Poesiealbum! Vor allem aber dachte man inmitten des ganzen Tohuwabohus aus Kinderbowle und Schaumstoffschwertkämpfen nicht ans Morgen und schon garnicht daran, was in einem Monat, Jahr oder Jahrzehnt sein könnte. Entsprechend enttäuscht war ich, als ich mit 7 von meiner ansonsten sehr netten Grundschullehrerin erfuhr, dass der Martinsumzug nicht nur für mich sei, und eigentlich garnichts mit meinem Geburtstag zu tun habe, außer dass er zufällig am gleichen Tag stattfinde.

Vielleicht ist dieses „protestantische“ Durcheinander (meine gut-katholischen Großtanten finden es bis heut „unpraktisch“ dass ich Alexander und nicht Martin heiße und man mir deshalb „nur“ zum Geburts- und nicht auch gleich zum Namenstag gratulieren kann und deshalb zweimal anrufen muss) samt dem frühkindlichen Enttäuschungsertrauma ja schuld daran, dass ich  zu Geburtstagen und vergehender Zeit im allgemeinen ein ziemlich ambivalentes Verhältnis habe.

Spätestens die erste Briefkastenwerbung für’s Riestern machte Zeit von etwas unbeschwertem, dass man sich unbegrenzt und in unüberschaubarer Menge aus den Bäumen pflückte, zu etwas sehr Begrenztem, Kostbaren und sorgfältig Einzuteilenden geworden ist, von dem man nur noch äußerst ungern anderen abgab, und dass man sich allzuoft selbst vorenthielt. Ich hörte mich plötzlich an wie das Klingeln eines verosteten spätviktorianischen Weckers mit Handaufzug und war ich mir auch garnicht mehr sicher, ob ich „noch“ älter werden wollte. Formulierungen wie „um die 20“ oder „in Anbetracht der Umstände noch recht jung“ schlichen sich wie neugierige Regenwürmer an verregneten Spätsommertagen in meinen Wortschatz.

War dies der erste, unvermeidliche Schritt ins „Beste Alter“? Wann würde sich das garnicht so alte „Sie“ der Bäckersfrau in ein „der Herr wünschen?“ verwandeln und wann würde der erste Siebtklässler einem im Bus mitleidig einen Platz anbieten? (ja liebe Unken, es gibt sie noch, diese Siebtklässler und garnicht so wenige davon, jedenfalls wenn ihr sie nicht gerade beim illegalen Musikdownload oder ner homöopathischen Medikamenteneinnahmezeremonie stört).

Hörte sich alles verdächtig nach ratternden Vorboten einer verfrühten  Midlife-Crisis an und war es definitiv auch. Dass irgendjemand „da oben“ (oder auch da unten) beschlossen hatte, mich just zu diesem Zeitpunkt für ein paar Jährchen außer Gefecht zu setzen, machte die Sache  nicht eben besser. Je nach Tagesform hatte ich plötzlich viel zu viel oder viel zu wenig davon.

Wie vieles, das einem stets selbstverständlich war, vermisst man Zeit erst, wenn das wohligwarme Betttuch seligen Vergessens plötzlich hässliche Löcher aus übelmeinenden Vorahnungen bekommt.“Meine“ Zeit ist für mich seither etwas sehr privates ist in das ich Andere nur gegen entsprechende Entschädigung und Wertschätzung hineinplanen lasse.

Und nun?

Vielleicht werde ich mir – sofern ich im Lotto gewinne – mit 45 auch einen Jaguar kaufen (keinen SUV, die Dinger sind verdammt hässlich, extrem unpraktisch und verbrauchen für einen kalt rechnenden Schwaben entschieden zu viel Benzin pro gefahrenem Kilometer!). Vielleicht werd ich mir mit 84 auch eine 20 jährige Arzthelferin als Mutter meines ersten Sohnes „zulegen“ (Sorry, ich versuche nur den üblichen Slang solcher Wahnsinnstaten wiederzugeben, und ne…letzteres dann doch eher nicht, Kleinkinder mit 90 jährigen Vätern sind manchmal etwas irritiert wer denn nun Pappa is…)

Auch werde ich sicherlich nicht zur einen, einzigen „Lebenskerze“ übergehen und sie womöglich auch noch feudestrahlend auspusten. Zu morbide! Fast wie das Ausslöschen der Kerzen bei der Finstermette! „Tu aus, das Licht und nehme Botox!“

Zeit rationaler planen, Überflüssiges streichen, Sich auf das „Wesentliche“ konzentieren. Das Wesentliche? Wieviel Zeit Menschen  damit verschwenden können darüber nachzudenken wie sie effizienter werden…

Man könnte nun grundsätzlich werden, von Respekt, Manieren, Ethos, Verantwortung und Freundschaft reden, vom Menschenrecht auf Nichterreichbarkeit und dem unveräußerlichen Grundrecht eines Vorstandsvorsitzenden gelegentlich auch warten zu dürfen.

Ich hole mir Torte, schalte mein Handy aus, lege das Telefon zwei Stündchen an einen Ort temporären Vergessens mit der Hoffnung, es danach wieder zu finden und trinke dazu Tee mit Schlagsahne! Wer weiß, vielelicht werde ich mich dann auch wieder freuen, ein fiktives Lichtlein mehr auf meinem Kuchenstück zu sehn.

Happy Birthday & danke allen, die trotzdem mitgefeiert haben!