Alles Neu!

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Es gibt Tage, da ist alles neu.

Meist stellt sich dieses Gefühl ein, wenn man wieder einmal tagelang als Höhlenmensch in einem halb abgedunkelten Zimmer monoton irgendwelche Daten in den Computer eingegeben hat und – weils denn mal wieder ganz dringend und am besten Vorgestern fertig werden musste – um dem baldigen Hungertod zu entgehen allenfalls im Morgengrauen oder kurz vor Ladenschluss zum Bäcker über die Straße huschte, anstatt sich über Mittag ein, zwei Stunden Zeit zu nehmen und wirklich „nach draußen“ zu gehen.

Well…

Die Natur wartet nicht auf Bürohengste, schon garnicht im Frühjahr.

Und so kann es einem dann passieren, dass man nichtsahnend das Haus verlässt um sich inmitten fallender Kirschblüten urplötzlich von tiefstem Winter zur ersten Rosenblüte katapultiert sieht. Man sieht sich verwundert um, tatsächlich, es ist Frühling. In den Bäumen plündern Kohlmeisen die ersten Kastanienbäume und im Fluss planschen Entenkücken.

Der Wandel kann beängstigend sein – Wenn Zeit anfängt so schnell zu vergehen wird man alt hätte meine Großmutter gesagt.

Was tun, zurück ins Büro und Computer Computer sein lassen, oder möglichst schnell zurück in die Fledermaushöhle und alles ignorieren? 

Ich gebe auf, vergesse für ein paar Stunden die Zeit und ergebe mich dem Staunen über die Wunder des Frühlings! 

Und ja, ich habe mich absolut hemmungslos der kindlichen Freude über die ersten kleinen Federknäul die laut schnatternd ihrer „Mamma“ folgen hingegeben, mich mitten rein in das Schneegestöber der fallender Kirschblüten gestellt und dabei vergeblich versucht mit den Händen einige aufzufangen; Ich habe mir von der Sonne die Nase kitzeln lassen bis ich vor lauter Frühling nießen musste, und ja, ich habe auch voller Vorfreude auf den kommenden Sommer an einer nach Süden ausgerichteten Hausfassade die erste Rosenblüte des Jahres entdeckt und ihren Duft ganz, ganz tief in mich eingesogen. Und dann…dann habe ich mir ein Schälchen fränkische Treibhauserdbeeren mit Schlagsahne gegönnt! 

Schönen Frühling noch, rauß an die frische Luft und genießt ihn, solange er noch da ist!

Alexnikanor

Spiritus loci !?

Spiritus loci

Unbestimmte Ahnungen in einer lebendig gewordenen Schneekugel mit time-out modus zu leben kennen wohl alle Ur- und Wahl-Bamberger. Um so verwunderlicher, dass mich, ausgerechnet als ich letztes Wochenende durch die Gassen Tübingens ging der gedankliche Nachtmahr in einer Zeitschleife gestrandet zu sein verfolgte.

Platanenallée, Hölderlinturm, Österberg, Stiftskirche, Marktplatz, Stift, Schloss…Das Stadt gab sich alle Mühe mich mit Postkartenidyllen und steingewordener Gelehrsamkeit an meine lang zurückliegende Studienzeit im schwäbischen Athen zu erinnern. Sogar die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die von den schroffen Abbrüchen herabfließenden Nebelbänke ins verschlafen daliegende Neckartal. Die steilen, schräggestellten Kopfsteinquader, die an einen Vampyr erinnerde Steinmaske über dem Tor der unteren Bastion, die Bank, deren schwäbische Inschrift stolz verkündet, dass dort“ die sitzen, die immer dort sitzen“ – Bis auf einen schwarzen Museumsraum voller 35.000 Jahre alter Eiszeitkunst schien alles unverändert.

Erst die vielen fremdjugendlichen Gesichter im Tagungsraum machten mich darauf aufmerksam, dass Zeit eben kein Zahnradgetriebe ist, welchesirgendwann Rost ansetzt und schließlich ganz den Geist aufgibt (well stimmt nicht ganz, wenn ich meine Astrophysikerfreunde ernst nehme, funktionierts prinzipiell genauso, nur das Rost Raum heißt und alles so unglaublich lang dauert, dass kein normaler Mensch noch von Zeit sprechen würde…Ewigkeiten wäre wohl das bessere Wort).

Zürück von den Sternen; Inmitten von Renaissancetüren und Burgenromantik bekam die Postkartenidylle eines „perfekten Tagungsortes“ Risse (gut so, ich mag Risse!). Eine wild schäumende Welle US-amerikanischen Aktivierungswahns schien über die einst so „beschauliche“ Disziplin gefegt zu sein und sich in Dynamisierungsdebatten, gutmenschlichen Interventionsphantasien, denglischen Wortneuschöpfungen und unbedingtem Jugendlichkeitswahn Raum zu schaffen.

Nicht, dass mir all dies nicht schon wie zuckende Fledermausschatten von Bücherseiten entgegengeflattert wäre. Auch nicht, dass mir irgendeiner der geäußerten weltbewegenden Gedanken neu oder gar revolutionär vorgekommen wäre;  Aber unter den barocken Hochbarockputten schien dies alles seltsam weit entrückt und einer nebelverhangenen Welt anzugehören, von der ich noch nichteinmal annahm, es könne meine sein.

Hier im gründerzeitlich aufgehübschten Fürstenzimmer des Tübinger Schlosses schien alles realer, nüchterner und greifbarer. Gedanken, vorher als aberwitzig verworfen hatte bekamen urplötzlich das Sexapeal beängstigender Inspiration. Kopfknoten, an denen ich mich jahrelang vergeblich abgearbeitet hatte platzten leicht wie Champagnerbläschen und ich fragte mich zwischen Wortmeldungen, inspirierend-leichten Gesprächen und Vorträgen die vorbeihuschten, als seien sie gerade 5 Minuten lang, permanent warum ich nicht früher an diesen Ort gekommen war.

Scheinepiphanien ähneln Opiumräuschen, wahrscheinlich weil dabei Unmengen chemischer Moleküle freigesetzt werden, die sich wie Siamesische Zwillinge gleichen…

Am Ende blieb eine schleimige Schicht Erkenntnis zurück. Tübingen besitzt – trotz Gutmenschen und aller pietistischen Fehlorientierung – etwas, was Bamberg schmerzlich abgeht : Geistige Beweglichkeit, Anregung und Trennschärfe. Die von Malzbierduft durchwehte fränkische Provinz ist Paradies, und wie Paradiese nuneinmal sind, bringen dienen sie eher dem entspannten Genießen, als geistigen Höhenflügen. Wenn Bamberg ein vanillecremeschwangerer Profiterolwindbeutel ist, ist Tübingen staubtrockenes Knäckebrot. Bier gegen Biosprossen…

Die Mähr vom Glauben an einen „spiritus loci“ – dessen unhinterfragte Existenz ich bei meinen „Forschungssubjekten“ stets als so eigenartig befremdlich empfunden hatte – ging mir nun selbst nicht mehr aus dem Kopf. Konnte es sein, dass der Ort die entscheidende Komponente auf der verzweifelten Suche nach Genialität war? Waren allemanisch-schwäbisches Fachwerk, Spitzbögen und Protestantische Wehmut tatsächlich inspirierender, als die barocke Sinnenlust Frankens? Oder liegt das ganze Geheimnis doch in ganz einfachen strukturellen Gründen begraben: Wohlstandsregion (Bamberg liegt auch wenn man’s angesichts der Mietpreise nicht glaubt im bettelarmen Oberfranken!), Eine Landesregierung die sich für Bildung interessiert, anstatt sie mit immerneuen Effiziensnormen abzutöten, „Multipersonenlehrstuhl“ vs. „Einfraubetrieb“, dass dort so viele „große“ nicht nur des eigenen Faches dort aus und eingegangen waren.

Als Kulturwissenschaftler sollte man sich vor postessentialistischen Höhenflügen hüten, dekonstruieren, hinterfragen und kritisch reflektieren…dennoch wurde ich den seltsamen Gedanken, dass Ort und geistige Leistung unmittelbar in Beziehung zueinander standen nicht mehr los. Warum sonst sollten die Bücher so vieler kluger Köpfe sonst so übervoll von Beschreibungen der besonderen Wirkung ganz bestimmter Orte sein? Weshalb sollten so viele Menschen vor mir die Erde von „gesegneten Orten“ in kleinen Beuteln, Gläsern oder anderen Behältnissen an Orte, die weniger „gesegnet“ waren mitgenommen haben und warum schmückten tausende Bilder mit wünderschönen (war Ästhetig gerade nicht noch etwas bourgoise-subjektives?) Landschafts- Gebäude- und Stadtansichten die Wände von Plattenbauwohnungen und Mietskasernen in aller Welt?

Warum sollten da Vinci und Dürer sich sonst so um den goldenen Schnitt und den Zusammenhang von Körper, Ort und Geist bemüht haben.

Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano

Der äußere Schein, Körper als Ort, Ort als Körper, Geistortkörper?

Ein gefährlicher Traum, nicht erst seit Juvenal. Zeichnet sich Schönheit nicht stets durch ihren Hang zur Oberflächlichkeit aus? Muss man nicht an Ort und Körper leiden um großes im Geistigen hervorbringen zu können? Braucht es nicht Brüche und Rupturen um die geradlinig-einfachen Bequemlichkeiten eines schlafenden Geistes zu wecken oder gilt heute, in einer Welt, in der alles zu brechen scheint, nicht das Gegenteil? Der schöne Schein als geistiger Inhalt? Leere Worthülsen und hohlgewordene Kategoriegebäude hinter der sich die Skylla des Nichtwissens mit der Carybdis des Nichtwissenwollens Scheingefechte liefern?

Ich philosophiere und ertappe mich noch immer bei dem Gedanken, dass es vielleicht kein Zufall ist, dass ich mir stets „schöne“ Orte zum Leben suche. Es wäre so einfach…zu einfach vielleicht.

Also zurück zur bewussten Hässlichkeit?

Beton statt Stuck, Fachwerk statt barocker Pomp…Das Meta-Narrativ von der Brotlosen Kunst, die in spitzwegschen Dachkammern haust…

Ein Irrgarten von Gespiegelten Phantasmen, die sich einbilden Wissen zu sein…

Ich nähere mich dem Zen und trinke Jasmintee im japanischen Vorgarten eines Wohlstandsghettos.

Neues Jahr – Neues Glück?

Es gab einmal Zeiten, da war Man(n) noch froh wenn er älter wurde. Man bastelte Einladungskarten, lud sich eine halbe (oder auch ganze) Meute mehr oder minder befreundeter Klassekammeraden zum Topfschlagen ein, feierte bis zum Sandmännchen, sprang ausgelassen so lange auf dem Stockbett herum bis es unter einem zusammenbrach und schwelgte in der absoluten Sicherheit, dass der alljährliche Martinszug samt Schimmel, Lampions und Bettler einzig und allein zur Feier des eigenen Geburtstages veranstaltet würde.  Man aß Igelkuchen, verteilte mit Mehl gefüllte Luftballons und freute sich über so schöne Geschenke wie ein schwarz rot weiß karriertes Poesiealbum! Vor allem aber dachte man inmitten des ganzen Tohuwabohus aus Kinderbowle und Schaumstoffschwertkämpfen nicht ans Morgen und schon garnicht daran, was in einem Monat, Jahr oder Jahrzehnt sein könnte. Entsprechend enttäuscht war ich, als ich mit 7 von meiner ansonsten sehr netten Grundschullehrerin erfuhr, dass der Martinsumzug nicht nur für mich sei, und eigentlich garnichts mit meinem Geburtstag zu tun habe, außer dass er zufällig am gleichen Tag stattfinde.

Vielleicht ist dieses „protestantische“ Durcheinander (meine gut-katholischen Großtanten finden es bis heut „unpraktisch“ dass ich Alexander und nicht Martin heiße und man mir deshalb „nur“ zum Geburts- und nicht auch gleich zum Namenstag gratulieren kann und deshalb zweimal anrufen muss) samt dem frühkindlichen Enttäuschungsertrauma ja schuld daran, dass ich  zu Geburtstagen und vergehender Zeit im allgemeinen ein ziemlich ambivalentes Verhältnis habe.

Spätestens die erste Briefkastenwerbung für’s Riestern machte Zeit von etwas unbeschwertem, dass man sich unbegrenzt und in unüberschaubarer Menge aus den Bäumen pflückte, zu etwas sehr Begrenztem, Kostbaren und sorgfältig Einzuteilenden geworden ist, von dem man nur noch äußerst ungern anderen abgab, und dass man sich allzuoft selbst vorenthielt. Ich hörte mich plötzlich an wie das Klingeln eines verosteten spätviktorianischen Weckers mit Handaufzug und war ich mir auch garnicht mehr sicher, ob ich „noch“ älter werden wollte. Formulierungen wie „um die 20“ oder „in Anbetracht der Umstände noch recht jung“ schlichen sich wie neugierige Regenwürmer an verregneten Spätsommertagen in meinen Wortschatz.

War dies der erste, unvermeidliche Schritt ins „Beste Alter“? Wann würde sich das garnicht so alte „Sie“ der Bäckersfrau in ein „der Herr wünschen?“ verwandeln und wann würde der erste Siebtklässler einem im Bus mitleidig einen Platz anbieten? (ja liebe Unken, es gibt sie noch, diese Siebtklässler und garnicht so wenige davon, jedenfalls wenn ihr sie nicht gerade beim illegalen Musikdownload oder ner homöopathischen Medikamenteneinnahmezeremonie stört).

Hörte sich alles verdächtig nach ratternden Vorboten einer verfrühten  Midlife-Crisis an und war es definitiv auch. Dass irgendjemand „da oben“ (oder auch da unten) beschlossen hatte, mich just zu diesem Zeitpunkt für ein paar Jährchen außer Gefecht zu setzen, machte die Sache  nicht eben besser. Je nach Tagesform hatte ich plötzlich viel zu viel oder viel zu wenig davon.

Wie vieles, das einem stets selbstverständlich war, vermisst man Zeit erst, wenn das wohligwarme Betttuch seligen Vergessens plötzlich hässliche Löcher aus übelmeinenden Vorahnungen bekommt.“Meine“ Zeit ist für mich seither etwas sehr privates ist in das ich Andere nur gegen entsprechende Entschädigung und Wertschätzung hineinplanen lasse.

Und nun?

Vielleicht werde ich mir – sofern ich im Lotto gewinne – mit 45 auch einen Jaguar kaufen (keinen SUV, die Dinger sind verdammt hässlich, extrem unpraktisch und verbrauchen für einen kalt rechnenden Schwaben entschieden zu viel Benzin pro gefahrenem Kilometer!). Vielleicht werd ich mir mit 84 auch eine 20 jährige Arzthelferin als Mutter meines ersten Sohnes „zulegen“ (Sorry, ich versuche nur den üblichen Slang solcher Wahnsinnstaten wiederzugeben, und ne…letzteres dann doch eher nicht, Kleinkinder mit 90 jährigen Vätern sind manchmal etwas irritiert wer denn nun Pappa is…)

Auch werde ich sicherlich nicht zur einen, einzigen „Lebenskerze“ übergehen und sie womöglich auch noch feudestrahlend auspusten. Zu morbide! Fast wie das Ausslöschen der Kerzen bei der Finstermette! „Tu aus, das Licht und nehme Botox!“

Zeit rationaler planen, Überflüssiges streichen, Sich auf das „Wesentliche“ konzentieren. Das Wesentliche? Wieviel Zeit Menschen  damit verschwenden können darüber nachzudenken wie sie effizienter werden…

Man könnte nun grundsätzlich werden, von Respekt, Manieren, Ethos, Verantwortung und Freundschaft reden, vom Menschenrecht auf Nichterreichbarkeit und dem unveräußerlichen Grundrecht eines Vorstandsvorsitzenden gelegentlich auch warten zu dürfen.

Ich hole mir Torte, schalte mein Handy aus, lege das Telefon zwei Stündchen an einen Ort temporären Vergessens mit der Hoffnung, es danach wieder zu finden und trinke dazu Tee mit Schlagsahne! Wer weiß, vielelicht werde ich mich dann auch wieder freuen, ein fiktives Lichtlein mehr auf meinem Kuchenstück zu sehn.

Happy Birthday & danke allen, die trotzdem mitgefeiert haben!