Von Chantal und den zerquetschten Clementinen

Bild

In trauter Zweisamkeit vereint plärren das Kevin und das Chantal an der Supermarktkasse nach ihrem Nikolausi. Mandy, 19, dreifache Mutter mit deutlich sächseldem Akzent greift lässig in die Backfrischtheke und stopft ihren „Älteren“ mit zwei echtkrossen Grossängs das Maul. (22 Sekunden später entsorgte das Chantal das angebissene Grossäng in der Plastiktütenablage und brüllte weiter nach ihrem Nikolausi).

Ich fliehe und lege als Übersprungshandlung eine garantiert für alle Kochflächen geeignete Servierpfanne mit Glasdeckel und 25 cm Durchmesser in meinen Einkaufswagen. Sonderangebot, rot ausgezeichnet!

An der Kasse locken Parfumadventskalender. Ich wiederstehe. Ein Fehlkauf pro Tag genügt!

Draußen beglückt einer der ortsansässigen Alkoholikerazubis vom Fachbetrieb Jugendstiltoilettenhäuschen mit der Mitteilung ob ich im nicht nen 5er für nen Glühwein hätte. Es sei kalt. Das hinterher geschobene Lächeln wirkt ausreichend natürlich. Ich bin nett (oder ist es nur der um diese Jahreszeit um sich greifende Mildtätigkeitskomplex?) , stelle meine fünfzehn Einkaufstüten, einen Regenschirm und zwei Bündel Tannengrün zu Boden , geb dem Jungsandler 50 Cent und ein Hustenbonbon und mache mich mit gefühlten 4 Einkaufstüten weniger auf den Weg in Richtung Bus. Eine Rolatorbesitzerin stellt sich kurz vor Ankunft der Klinikumslinie zwischen meine Einkäufe. Die Knie, in meinem Alter, ach wissen sie, früher hät’s das ja nicht gegeben…

Ich arrangiere um. Das Ende meines Regenschirms landet in der goldgesprenkelten Sporttasche eines 17-jährigem mit russisch-kasachisch-deutsch-rumänischem Migrationshintergrund.

Finstere Blicke und die Feststellung: Salatköpfe und Gelbe Rüben taugen nur bedingt zum Einsatz als Panzerabwehrraketen.

Eingequetscht zwischen drei dutzend Schülern im Justin-Bieber-Gedächtnislook, einem überdimensionieren Kinderwagen namens „Citycruiser“ , zwei Hunden (Namen unbekannt) und einer Weihnachtspyraminde made in Vietnam wächst die Erkenntnis, dass öffentliche Nahverkehrsmittel definitiv nicht für den umweltfreundlichen Heimtransport der wöchentlichen Grunddosis Konsumgüter geeignet sind, auch nicht für den eines Einpersonenhaushaltes!

Sertatc und seine übergewichtige Schwester Aigün streiten sich um den Gameboy, eine junge Frau gibt die fleischgewordene Maria Lactans und säugt ihr quängelndes Neugeborenes, ein BWL-Student im 2. Bachelersemester lehnt genervt über einem nachlässig verschnürten Packet mit neuerworbenem Snowboard. Eine blondgefärbte Oststadtschönheit verliert die Contenance und brüllt „Jetzt langts endgültig“. Ich sehe mich um, die Wutattacke galt dem Kind, nicht mir, ich atme durch.  Bustüren öffnen nach innen und zerquetschen die neuerworbenen Clementinen.

Ich drehe mich um, sichere den nur minimal lädierten Regenschirm samt Tannengrün, fädle meine kalbslederbeschuhten Finger um Tragetaschengriffe und fluche, weil ich vergessen habe, zuvor den Halteknopf zu drücken.

Weihnachten kann kommen!

Advertisements