Tageshaiku 57_Welt und Logik…

Im Garten die letzten Rosenblüten.
Im Netz explodiert, was wir sind.
Ist die Welt noch ein logischer Ort?

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Ein ganz normales Stück Seife…

Aleppiner Seife

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Eine bestimmte Textur, ein flüchtiges Funkeln der Wasseroberfläche, zwei, drei Sonnenstrahlen auf dem Fensterbrett, eine Melodie, ein Geschmack oder Geruch aus der Kindheit.

Gerade habe ich auf meinem Dachboden genau so ein Stück Erinnerung wiedergefunden. Es  lag längst vergessenen zusammen mit allem möglichen und unmöglichen Krimskrams am Boden einer  staubigen, weißen Plastiktüten in einer Verpackung aus bräunlichem Pappkarton. Erst als ich die unauffällige kleine Schachtel eher desinteressiert herumdrehte bemerkte ich, dass es sich nicht um eines jener nutzlos gewordenen Dinge handelte, welche sich über die Jahre wie von selbst ansammeln.

Im schwachen Licht des Obergadens funkelten plötzlich goldene Ranken, Blüten und fremdartige Schriftzeichen auf. Neugierig geworden öffnete ich die Schachtel und augenblicklich umgab mich das schwere Parfum eines orientalischen Suks.  Mit geschlossenen Augen tief einatmend tauchten halb im Wüstensand versunkene Städte, Palmen, Dünen, Brunnen und Städte von märchenhaftem Prunk vor meinem Inneren auf. Ich fühlte mich, als sei ich mit Sindbad dem Seefahrer, dem kleinen Muk, Sheherazade und Harun ar Rashid mitten in einem Märchen aus 1001 Nacht gelandet. So stark war der betäubende Geruch des kleinen Pakets, dass ich fast mit einem der Dachbalken zusammengestoßen wäre.

Es dauerte, bevor ich begriff, dass das kleine, mit Arabesken verzierte, bräunliche Stück etwas nichts anderes war als ein Stück Seife.

Manch einer mag sich nun Fragen was das für ein verrückter Kerl sein muss, der sich vier Abschnitte lang über etwas so alltägliches wie ein einfaches Stück Seife auslassen kann, dass zu allem Überfluss auch noch die wenig ansprechende Farbe von frischem Hundekot aufwies.

All jenen kann ich nur sagen, dass sie vermutlich noch nie ein Stück echt Aleppinier Olivenölseife in der Hand hatten. Ich meine nicht die einfachen aus schlechtem Öl und allen möglichen Beimischungen hergestellten Plagiate, die man ab und an in Kairo, Istanbul, Teheran oder Beirut als „echt aleppiner Seife“ angeboten bekommt. Nein, ich meine das nach würzigen Lorbeerblättern, Jasminblüten, Zimt, Moschus oder Amber duftende Original, dessen Schaum so zart ist, dass man damit problemlos auch noch das empfindlichste Haar waschen kann.

Ich weiß ich höre mich an, wie einer jener Geschichtenerzähler, die früher gleich hinter der Zitadelle und am Hammam aus dem 13. Jahrhundert vorbei links im Innenhof einer ehemaligen Karawanserei zu einer guten Nargile, etwas Arrak und einem starken Minztee oder einem beinahe nur aus Zucker bestehenden Café Märchen, mehr oder minder jugendfreie Zoten und die neuesten Gerüchte feilboten.

Das erschreckende dabei ist, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass diese Bilder kein Traum sondern ganz normaler Alltag in Aleppo, jener uralten Stadt im Norden Syriens waren. Man traf sich zum Sonnenuntergang am Westtor,  schlenderte auf der Suche nach einem kleinen Souvenir oder einfach nur um seine Augen nach einem langen Tag in der Wüste an den vielen bunten Auslagen zu erfreuen durch die verwinkelten Gassen des Suks, schwatzte hier mit einem Verkäufer über die Kunst der Intarsienherstellung und probierte dort Gläßchen Malventee, handelte, lehnte ab, kaufte oder ließ sich begleitet vom Ruf des Muezzins der nahen Hauptmoschee zum fünften Mal an einem Nachmittag, bedauernd die Gelegenheit zum Kauf eines Teppichs entgehen. Danach kehrte man vielleicht in einem der vielen kleinen Caffés ein, oder stieg zu ein paar Mezze hinauf in eines jener luftigen Terassenrestaurants, von denen sich nach der Hitze des Tages ein atemberaubender Blick auf Stadt und Sternenhimmel bot. Leise wiegten sich gläserne Lampions im Abendwind, und wenn man Glück hatte kamen einige Musiker und gaben gegen einen kleinen Obolus ein Konzert.

Vielleicht hätte man vor dem Essen aber auch noch Lust, bei türkischem Honig, Bakhlava und Jasminblütentee in einem der zahlreichen Hamams der Stadt zu entspannen.  Der Bademeister würde einem zur Begrüßung einige Tropfen Orangenblütenwasser in die erschöpften Hände träufeln und ein kleines Bündel aus karrierten Baumwolltüchern und einem Stück Seife überreichen. Man würde sich mit heißem Wasser aus großen Messingschüsseln Schweiß und Straub vom Leibe wischen, sich ein erstes Mal einseifen, sich wieder waschen, danach ein oder zwei Stunden im Dampfbad verbringen, wer wollte würde von Hassan oder Ali auch noch eine Mischung aus Massage und chiropraktischer Wiedererweckung bekommen. Für die etwas ängstlicheren Zeitgenossen würde es ein „Schaumbad“  geben bei dem die Bademeister die Seife mit Hilfe eines luftgefüllten Jutesacks zu wahren Schaumbergen auftürmten. Und sollte einem selbst das zu anstrengend sein, würde man sich einfach auf die große, geheizte Plattform aus wunderbar gebändertem Marmor legen, die aufsteigende Wärme genießen und dem leisen Plätschern eines Brunnens lauschen. Irgendwann nach Mitternacht würde man dann noch eine kleine Runde um die Zitadelle drehen, sich mit einigen jungen Leuten in radebrechendem aber glücklichem Englisch unterhalten und dann erschöpft in Richtung des kleinen Hotels mit dem Innenhof aufbrechen, in dem neben blühenden Zitronenbäumen und mit Elfenbein und Perlmutt eingelegte Möbel standen. Ein verlegen grinsender Pförtner würde öffnen, und  einem verschlafen die Zimmerschlüssel reichen, bevor er und man selbst beim Klang der Zikaden (wieder) einschlafen würde.

Die Gasse der Seifensieder existiert nicht mehr. Die Olivenbäume sind gefällt und das dürre Laub der Lorbeersträucher längst verheizt. Auch der Goldsuk und das Viertel der Gewürzhändler liegen in Trümmern. Schwarz und bedrohlich ragen die Reste der Zitadelle in den von Raketeneinschüssen zerrissenen Himmel. Daneben die ausgebrannte Ruine des Hamams. Im Innehof des kleinen Hotels  liegt  imitten versprengter Marmorbrocken die Leiche eines Jungen. Niemand kam bisher dazu ihn zu bestatten, es gilt so gut es geht das wenige zu retten, was vom eigenen Leben übriggeblieben ist.  Da bleibt keine Zeit für die Toten und auch nicht für Seife, oder das Plätschern der versiegten Brunnen.

Ich halte das kleine Stück duftender Seife in meiner Hand. Ganz fest, als könne mit ihm auch die letzte Erinnerung an diese Stadt und ihre mir lieb gewordenen Bewohner entschwinden. Ali und Hassan, den alten Pförtner und den Sohn des Intarsienkästchenhändlers, die freundlich lächelnde Eintrittskartenverkäuferin, der Goldschmied und der alte Bettler am Westtor, der Märchenerzähler oder die beiden Studentinnen, die freudig ihr Englisch an uns ausprobierten. Selbst den fleißigen Muezzin der uns jeden Morgen um fünf mit seinem Gebetsruf aus dem Bett warf werde ich vermissen.

Aleppo war ein Märchen. Sicher, es war nicht alles gut in der guten alten Zeit, wahrhaft nicht… aber heute, heute ist es die Hölle.

17. Türchen: Zwischen Himmel und Hölle…

Feuer

(Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Berlin 1963, S. 114.)

Von den niedrigen Dächern des Weihnachtsmarktes tropft Schmelzwasser. Es duftet nach Räucherkerzen, Glühwein und Bratwürsten. Die goldenen Locken des Löwenbrunnens glitzern im Licht unzähliger LED-Lampen und vor einem großen Schaufenster mit überdimmensionalen Kuscheltieren stehen Kinder mit offenen Mündern und großen Kulleraugen.

So oder so ähnlich hätte es auch an jenem schicksalsschweren 17. Dezember 1944 gewesen sein können. Hätte…denn es war Krieg. Seit Jahren hatte es auf dem Münsterplatz keinen richtigen Weihnachtsmarkt mehr gegeben. Die Nahrungsmittel waren längst rationiert und an eine neue Puppe, Lebkuchen oder auch nur einen einzigen, echten Zimtstern zum Fest war für die Meisten nichteinmal zu denken.

Es war erst einige Monate her als eine gespenstische Prozession mit der Leiche des zum „Helden“ erklärten Feldmarschalls Rommels durch die mit Hakenkreuzen geschmückten Gassen der alten Reichsstadt gezogen war. Der Führer hatte sich persönlich in einem Kondolenztelegramm bei der Witwe für den heroischen Opfertod ihres Gatten bedankt. Sie wusste es besser. Auch die Hinrichtung der Geschwister Scholl, die ausgezehrten Kolonnen der Zwangsarbeiter, das „Verschwinden“ der Juden und anderer „missliebiger Presonen“ oder das KZ am oberen Kuhberg waren in der alten Stadt nicht unbemerkt geblieben.

Trotzdem – oder gerade deshalb – glaubten viele was tagtäglich aus Volksempfängern, Zeitungen und Kinowochenschauen auf sie niederprasselte. Man faselte von Wunderwaffen, hängte Hakenkreuze am angeblich urgermanischen „Julbaum“ auf, deckte den Tisch mit dem günstig neuerworbenen Silberbesteck und schönen Echtdamastservietten der ehemaligen Nachbarn, reckte den rechten Arm tagtäglich brav zum Gruß und träumte nicht nur Nachts vom Endsieg und dem kleinen Glück.

Sie glaubten was man ihnen zu glauben vorgab…nicht alle…aber doch zu viele. Was blieb ihnen denn auch viel anderes übrig? Nicht alle sind zum Helden auserkoren, leider…oder sollten man nicht besser sagen: Gott sei Dank?

Menschen die Worte wie „Held“, „Mut“, „Ehre“, „Pflicht“, „Moral“ und „Vaterland“ benutzen, führen nur äußerst selten Gutes im Schilde. Der Sprung ist klein vom vorgeblich Nutzlosen zum Unerwünschten und zum Lebensunwerten. Als alter und auch neuer Reichsstädter weiß man das nur allzu gut.

Krieg tut man nicht! Auch keinen Massenmord, egal ob nun direkt oder bequem am Schreibtischstuhl. Schaden macht manchmal eben doch noch klug, dumm nur, dass meist erst dann, wenn er passiert und sich auch noch beim allerbesten Willen nichts mehr kitten lässt.

Der 3. Advent. Ein ruhiger nebliger Sonntag. Man spaziert mittags trotz des Nebels über die alte Stadtmauer zur Donau hinab. Schaut ob es in den immer spärlicher werdenden Auslagen vielleicht doch noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk für die Lieben geben könnte und bereitet sich, so gut es in diesen Zeiten eben geht auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor.

Dann bricht die Hölle los. Sirenen heulten, die Menschen fliehen in den Schutzraum, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen in die Keller.  Die ersten „Christbäume“ fallen leise knisternd zum Himmel, dann folgen Luftminen.

Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie es einst war. Fast 700 Menschen waren tot. Die stolze, alte Stadt, welcher all die Jahrhunderte nichts angetan hatten, es gab sie nicht mehr. Häuser, Kirchen, Museen, Fabriken, Mühlen, Klöster, Geschäfte, die Hauptpost und der Bahnhof…alles nur noch ein Haufen rauchender, unförmiger Trümmer! Nur das Münster und ein paar zahnlose Reste der einst auf Postkarten in die ganze Welt geschickten Altstadt  hatten die Nacht überlebt.

Von der großen Mühle an der Blau zogen stinkende, schwarze Schwaden durch das ausgebrannte Deutschhaus. An der nächsten Straßenecke, dass was von Menschen übrig bleibt.

Ein wenig weiter steigt aus den Trümmern am Weinhof eine unverheiratete Dame. Die Legende – oder war es die Erinnerung meines längst verstorbenen Buchhändlers – berichtete später es sei die Letzte aus einer langen Reihe reicher, vornehmer Patrizier gewesen. Echte Pfeffersäcke und zäh und halsstarrig bis zum geht nicht mehr! Nachdem die Dame sich mit ärgerlicher Geste Staub vom geretteten Pelzmantel gewischt hatte, musterte sie die sie umgebenden SA-Männer, Hitlerhungen und BDM-Mädels mit einem Blick in dem alle Verachtung die sich in den vielen, vielen Stunden des 1000-Jährigen Reiches in ihr angesammelt hatten lag. Blockwarte die nie ihren Russeau, Montesqieu, Nietzsche oder Schiller gelesen hatten, Möchtegern-Wichtigs mit Dreck unter den Fingernägeln und mensch- wie tierverachtende Bauerntölpel in schwarzen Reitstiefeln, die gute Marbacher nicht von einem Ackergaul zu unterscheiden wussten und nicht einmal davor zurückschreckten Schwangere an Laternenpfosten aufzuhängen. Sie hatte genug gesehen und gehört!

Die schon nicht mehr ganz junge Dame atmete tief ein, sah sich ein letztes Mal mit kühlen Augen um und sprach mit eisigkalter Stimme all das aus, was  an diesem verdammten Montag-Morgen (fast) alle dachten:

Hättet ihr damals nicht unseren Rabiner in den Brunnen getunkt bis er beinah heh (tot) war, dann hättet ihr Euer Ulm noch!“

Sollten sie sie doch auch erschießen, wie den französischen Fremdarbeiter in Albeck. Es lohnte sich nicht mehr in einer Welt zu leben, in der solche Menschen das Sagen hatte. Alles, wofür sie und ihre Vorfahren einst gelebt, gestritten und geliebt hatten war in dieser einen Nacht verschwunden.

Doch niemand wagte es, sie anzusprechen oder aufzuhalten. Irgendwann nahm sie verwundert ihren Spazierstock, grüßte mit einem Lächeln den auf seiner angeknacksten Brunnensäule stehenden Christophorus und ging. Noch in den 1970ern soll sie hochbetagt in einer alten Bäckerei gesehen worden sein, wo sie, wie ihre Vorfahren es seit 500 Jahren getan hatten, an jedem einzelnen Donnerstag ihren „Doschdigswegga“ (s. Kommentar) kaufte. Eine kleine, zerbrechliche alte Frau mit weißen Haaren, einem Spazierstock und einer immer noch rasiermesserschaften „Schwertgôsch“.

Gruppen schwarz gewandeter Menschen nähern sich dem geöffneten Münsterportal.  Manche von ihnen, vor allem die älteren haben Tränen in den Augen. Andere halten brennende Kerzen in den Händen. Sie scheinen zu frieren. Für einen kurzen Moment schweigen die vorweihnachtlichen Posaunen, die Lautsprecher auf dem Weihnachtsmarkt sind leiser geschaltet, an den Glühweinständen wird es ruhiger.

Glocken beginnen zu läuten. Die Menschen bleiben stehen, schauen zum Münsterturm empor und wundern sich.

Für die meisten Ulmer und erst recht für ihre Besucher aus aller Welt ist der 17. Dezember heute ein ganz normaler Adventstag. Nur wenige erinnern sich, dass an diesem Tag ihre Stadt beinahe untergegangen wäre.

Die Glocken verstummen. Vom Rand des Platzes erschallt das berühmte Porzellanglockenspiel. Die Glühweinstände schenken wieder aus. 124.000 Menschen aus über 100 Nationen leben heute in der Stadt. Fast 2 1/2 mal so viele wie damals. Die Doschdigsweggá gibt es nicht mehr. Mit ihnen sind auch die weltbesten Springerle verschwunden (wenn es sie doch noch irgendwo gibt, habe ich sie noch nicht wiedergefunden). Dafür gibt es einen französischen Weinmarkt, ein türkisches Theater, die Neue Mitte und einen italienischen Kreuzweg zu Ostern.

Die Stadt ein bunter Phönix aus der Asche und in Weihnachtsfestbeleuchtung.