Adventskalender 2014 – 9. Türchen – Als Jesus zur Hölle fuhr und warum die Vertreibung von Adam und Eva dran schuld ist, dass wir heute unsere Wohnungen mit Christbäumen, Adventskränzen und Weihnachtskrippen vollstellen

Adventskalender 2014 (8)

Fränkischer Paradiesbaum, Detail

…und schon gespannt, was es mit dem seltsamen Detail eines „Paradiesbaums“ hinter dem 2. Türchen dieses Adventskalenders auf sich hatte?

Nun, die Sache ist eigentlich ganz einfach – oder sollte man besser sagen war einfach. Bis vor wenigen Jahren war es jedem ordentlichen katholischen Kirchgänger nämlich klar, dass am 24. Dezember nicht nur der Heilige Abend gefeiert wurde, sondern auch der Gedenktag für Adam und Eva – oder anders ausgedrückt – der Paradiestag bzw. -abend gefeiert wurde.

In christlicher Logik bedeutete dies nicht mehr und nicht weniger, dass die durch Adam und Eva verkörperte und ob ihre Neugier und Hybris*1 aus dem Paradies verbannte Menschheit durch das an Weihnachten auf die Erde gekommene Christkind (das auch ganz gerne mal als Jesus bzw. „der neue Adam“ bezeichnet wird) ihre Sünden vergeben bekommt und somit wieder ins Paradies aufgenommen wird – allerdings erst postum, also nach dem Durchleben des Irdischen Jammertals…

Da man sich darüber aber zu allen Zeiten nie so ganz sicher war – schließlich ist, Adam und Eva einmal ausgeschlossen, noch keiner aus dem Paradies zurückgekommen – ist es kein Wunder, dass sich die noch tiefstgläubigen Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit inmitten ihres jämmerlichen Erdendaseins sicherheitshalber schon einmal einen kleinen Vorschuss auf den verheißenen Garten Eden gönnen wollten. Und wann sollte man das besser tun, als an dem Tag, an dem – wie es so schön in einem alten Weihnachtslied heißt – Christus wieder die Tür zum Paradies aufstößt?

Also begannen die Menschen damit zu Weihnachten kleine Szenen aus dem Paradies aufzuführen – da lag dann der Löwe neben dem Lamm und der Wolf hatte keinerlei Appetit auf das frische Zicklein und mittendrinn und darüber stand ein kleines Paradiesbäumchen an dem selbstverständlich auch die Frucht der Erkenntnis – in Gestalt eines besonders rotbackigen Apfels hing!

Adam und Eva ließen den Herrgott derweil einen guten Mann sein – dumm nur, dass das der mit reichlich Special Effects gewürzten Highlights dieser Aufführungen grundsätzlich der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies waren – aber so stands nunmal im Biblischen Drehbuch (s.o.). Wenn man Glück und die Kirchgemeinde das nötige Kleingeld und Sitzfleisch besaß folgte auf diesen ersten Akt noch ein zweiter – das Krippenspiel, mit der Geburt des Erlösenden Jesusbuzzales, und manchmal – wenn man nicht bis Ostern warten, oder die Gemeinde besonders fromm und reich war, folgte noch ein dritter Teil: Die Auferstehung bzw. Kreuzigung und Auferstehung und wenn man ganz viel Glück hatte, die Apokalypse und der Jüngste Tag samt Weltgericht – Kurz, das volle Programm vom Anfang der Zeit bis an das Ende aller Tage!

Dazwischen – also zwischen Kreuzigung und Auferstehung , sah das Biblische Drehbuch aber noch einen kleinen Zwischenakt vor, den wir – abgesehen von ein paar Theologen und Kunsthistorikern – heute völlig aus unserem Gedächtnis gestrichen haben: Den Abstieg Jesu in die Hölle!

Ja richtig gehört! Jesus, diese Mischung aus Joschka Fischer und Rambo, hatte nach seinem frühen Tod am Kreuz nix besseres zu tun als auf direktem Wege zur Hölle zu fahren! Natürlich blieb er nicht dort, sondern – ganz Gutmensch und Gott – jagte er Höllenhunde und Monster dahin wo sie hingehörten, sprengte die Tore der Hölle und: Befreite Adam und Eva samt allen anderen Armen Sündern, Aposteln und Heiligen aus der Hölle. Und weil er eh grad auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Gottvater und Heiligem Geist war nahm er die ganze heilige Mischpoke gleich mit und lieferte sie prompt im Paradies ab…

Kein Wunder auch, dass diese Spielchen mit reichlich Action und Knalleffekten auch der offiziellen Kirche gefielen und sie sie als festen Bestandteil in ihr Jahresprogramm aufnahm – schließlich braucht jeder etwas Werbung.

Weil’s aber um Weihnachten meist ziemlich eisigen war, und nicht jeder Lust und Zeit hatte sich stundenlang „Jesus und seine Freunde“ als mittelalterliche Laienspiel-Soap-Opera mit fünfzehnhundert Fortsetzungen live auf dem ziemlich zugigen und kalten Kirchvorplatz anzusehen, kamen die Menschen irgendwann auf die Idee, dass man das ganze doch auch – und das meine ich jetzt sehr wörtlich – eine Nummer kleiner zum einpacken und aufstellen für zu Hause haben könnte. Und so kam es, dass sie sich im Wohnzimmer (na ja, das war damals noch nicht erfunden, also eher in dem All-inclusive-Raum, den die durchschnittliche mittelalterliche Ein-Raum Hütte bot) einen kleinen Paradiesbaum an die Decke hängten (der erst viel, viel später zum „Weihnachtsbaum“ wurde) mit Adam und Eva und allen möglichen Tieren aufstellten, oder besser gesagt, an der Decke aufzuhängen, denn wie gesagt, mittelalterliche Ein-Raum-Hütten waren recht klein…aber irgendwo musste man bei der Dekoration des Eigenheims ja anfangen.

Und natürlich gefiel auch das der Kirche – didaktisch waren die Brüder schon immer auf der Höhe der Zeit – jedenfalls bis zum Zweiten Vatikanum, als sie plötzlich anfingen Deutsch zu reden, jeder plötzlich verstand was der Herr Pfarrer für einen Stuss zusammenfaselte und dann auch noch am Goldbrokat und am Weihrauch gespaart wurde…Vielleicht hatte der letzte Papst (Ich meine den Ratzinger Bene aus Marktl am Inn) ja doch recht, als er das wieder rückgängig machen wollte…

Da war das Mittelalter und die Frühe Neuzeit besser: damals hatte die Kirche ja solche Sparmaßnamen bekanntlich noch nicht nötig – weil man aber trotzdem nicht jeden Tag eine ganze Schauspielertruppe die permanent das gerade passende Heiligenmartyrium aufführen wollte aushalten mochte (manche geistliche Orden wie Dominikaner und Jesuiten taten das sehr wohl), erfand man auch hier eine Miniaturlösung: Die Weihnachtskripppe…oder besser: die Ganz-Jahres-special-effect-action-Bibel-Heiligenlegenden und sonstige Begebenheiten-Allzeit-Krippe…Wie in manchen Kirchen noch heute, war man praktisch veranlagt, sparte sich die ganze lästige Auf- und Abbauerei des 1000-Teile Dings und stellte, jeweils passend zum gerade angesagten Event im Heiligenkalender, die Himmelfahrt Mariens, die Hochzeit zu Kanaan oder auch mal das Martyrium des heiligen Laurentius dar (das war besonders praktisch, weil Jesus und seine Kumpels irgendwie im Sommer nicht ganz so viele Wunder vollbracht haben…die Hitze in Israel…).

Kurz – Adam und Eva sind schuld, dass wir uns heute einbilden zu Weihnachten einen Christbaum (Mit Äpfeln…oder besser gesagt Christbaumkugeln…irgendwann im 19. Jahrhundert hatten wir es nämlich satt zu Weihnachten jedesmal Unmengen von Bratäpfeln essen zu müssen) und eine ordentliche handgeschnitzte Krippe aus Südtirol, Mexiko oder Afrika haben zu müssen…warum das heut jeder braucht – well daran ist ein anderes Liebespaar namens Vicki und Albert schuld… aber das ist eine andere Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden…

…und die Sache mit dem Adventskranz?

Neben dem – heute fast nur noch im Heimatmuseum anzutreffenden – Paradiesbaum gab’s in Altbayern auch noch das sog. „Paradiesl“ eine Art Pyramide aus Stöckchen und vier Äpfeln (seltener auch Drei, wegen der Dreieinigkeit), die statt des Paradiesbaumes an die Decke gehängt wurden und später zu einer Art Vorläufer des Adventskranzes wurden. Wen’s genauer Interessiert kann ja mal unter Wikipedia nachsehen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Christbaumschmuck

http://de.wikipedia.org/wiki/Paradeisl

 

*1 Ich meine die Geschichte mit dem Apfel und der Schlange (Genesis 3,1-13; 3, 22-24). Wer will kann das Ganze zusammen mit einer hinreißend wundervollen Darstellung der Episode von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle hier nachlesen: http://mv.vatican.va/6_DE/pages/x-Schede/CSNs/CSNs_V_StCentr_04.html.

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Von Frühlingsgefühlen und (guten) Vorsätzen

Wünsche-Dekonstruiert

Wünsche – Dekonstruiert

Ein Blick in den Balkonkasten verrät es: die frühsommerlichen Temperaturen mitten im Januar haben nicht nur bei den zartsprießenden Tulpen und Schnittlauchspitzen Frühlingsgefühle geweckt, nein, auch die Blattläuse sind schon wieder im Vermehrungsmodus (oder haben diesen garnicht erst eingestellt).

Irgendwo zwischen vergammelndem Laub vom Vorjahr und ersten Pollenschlieren liegen die ausgebrannten Hüllen der Silvesterböller und erinnern an bleigußverstärkte Vorhersagen und Vorsätze für’s neue Jahr. Sport, Gemüse, effizienteres Arbeiten…Pünklich zum Jahresbeginn hat die Menschheit ihr Gewissen wieder einmal mit einem reichlichen Packen ebenso guter wie irrationaler Vorsätzen beladen, deren Halbwertszeit vermutlich deutlich unter der jedes Jahr auf’s neue entflammenden Debatte darüber, wie lange man dem jeweiligen gegenüber (noch) ein „Gutes Neues“ wünschen darf, ohne als hoffnungslos antiquiert, vertrottelt, indoktrinär, reaktionär, fundamentalistisch oder gefühlsduselig zu gelten hat, liegen dürfte. Kürzere Sätze waren auch so ein Vorsatz, überhaupt: sich kürzer und effizienter durch eine Welt zu bewegen, deren Aufmerksamkeitsspanne unter die Länge einer Twittermeldung gefallen ist…Aber halt, ist das nun noch ein Vorsatz oder befinden wir uns hier schon im Bereich einsetzender Resignation vor den „Wirklichkeiten“ des Alltags?

Natürlich – und wer sich jetzt noch darüber wundert, dem oder der wird es vermutlich auch nicht mehr helfen, wenn ich nun irgendetwas über die apotrophaisch-psychologische Entlastungs- und Externalisierungsfunktion(en) und die narrativ-kommunikative Funktion rituell tradierter Idealismen bei der Transformation und Internalisierung grundlegender Erwartungs- und Rollenstereotype und der mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Muster akzeptierten/wünschenswerten Verhaltens (nichts anderes sind Gute Vorsätze, jedenfalls wissenschaftlich betrachtet ;-)) schreibe.

Prinzipiell genügt es zu wissen, das die schrecklichen Zwillinge Pragmatismus und Oportunität gepaart mit ihren liberal-postmodernen Adoptivschwestern Effizienz und Hybridität ausreichen um im globalisierten Alltag einer an „german angst“ leidenden Absicherungsgesellschaft gute Vorsätze (eigener wie fremder Art) allenfalls zum maximalprofitversprechenden Marktanteil allüberall sprießender Ratgeberabteilungen diverser (on- wie offline) Buchhandlungen und Internetchanells zu degradieren. Vielleicht sind das ja neben der archaischen Vermehrungslust von Blattläusen im Januar die einzig „wahren“ und „übriggebliebenen“ Frühlingsgefühle der reflexiven Moderne.

Also mehr Rationalität und Effizienz beim Wünschekauf?

Nein, es ist ja gerade unsere herrliche Inneffizienz und urhumane Irrationalität, welche uns davor bewahrt endgültig zum digital auslesbaren Steuerungsobjekt zu werden, aber vermutlich arbeitet der Neue Supercomputer der NSA auch schon an einer Varianzgleichung dieses „Problems“ und ich hänge wieder einmal am Vintage-Angelhaken der humboldtschen Neo-Humanismus-Nostalgie.

Was wünscht der geoutete Mann von heute also seiner wunschlos verängstigten Mitwelt zum Neuen Jahr?

…Lebt lustvoll, vergesst sämtliche gesellschaftlichen und sonstigen Vorgaben, verschwendet was ihr habt und denkt vor allem nicht ans Morgen, Gestern, Heute oder an irgendwelche anderen apokalyptischen Szenarien gesundheitlicher, beruflicher, sozialer, ökonomischer, kultureller oder sonstwelcher Provenienz.

Klingt verdächtig nach wilder Wasabi-Knabbermischung aus neoliberalen Finanzmarktstrategien, Coaching-Weisheiten, dem letzten „Kurs zum eigenen Ich“ und tantrischen Allerweltsphantasien mit eingeschlossenem Zwangsegotrip…aber genau dafür sind gute Vorsätze ja da, sie sind hedonistisch, selbstsüchtig, assozial und/oder egomanisch, alles andere ist Ideologie, oder zumindest ganz furchtbar chauvinistische, eurozentristische und rassistische kulturelle Hegemonie und die mag im Zeitalter der „maybe-generation“ keiner mehr wirklich, oder?

Esst die letzten Lebkuchen ohne Reue erst im August, schaut den Aphidoidea beim Partnertausch wärhend der Heterogonie zu (nein das ist kein Vorschlag für die neueste Adaption klassischer Mythen durch Hollywood & Co.), und bitte: lasst den Christbaum und die Weihnachtskrippe gemeinsam mit den chinesischen Neujahrsscherenschnitten und den iranischen Weizenkeimlingen bis mindestens Ostern stehen um das Vakuum des dekorativen „in-between“ mit Sinn zu erfüllen!

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für’s Neue Jahr!

Euer

wie immer viel zu lang bloggender ALexnikanor