20. Türchen: Bereite Dich Zion…

Weihnachtscloud

Ich stehe auf dem Grünen Markt, vor mir Rauchbierglühwein und ein altertümliches Griebenschmalzbrot. Schüler ziehen lärmend an mir vorbei. Es ist Weihnachts-Sale-Zeit.

Aus einem abgestellten Sprinter dringt Musik: Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil. Nicht unbedingt die übliche Lieferanten-Mucke…Ich höre hin, denke an Kinderchöre und mit riesigen Weihnachtsbäumen geschmückte Kirchenräume. Dann erkenne ich eine Arie:

Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen
Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!

Ein seltsamer Text, den viele nicht verstehen und der, wenn sie denn ehrlich sind, bei den meisten alles andere als weihnachtliche Assoziationen weckt. Zärtliche Triebe, geschminkte Wangen, Sehnsucht, der Liebste den es zu empfangen gilt…das Ganze klingt wirklich eher nach verunglückten Rosamunde-Pilcher-Roman als nach einem Text, der auf die bevorstehende Geburt Christi hinweisen soll.

Ich weiß nicht mehr ob es einer meiner (inzwischen garnicht mehr so kleinen) Cousins oder eine der Großtanten war, die vor einigen Jahren beim Hören einer Pop-Version dieser Arie entgeistert den Sender wechselten und meinten die Texte der Weihnachtslieder würden auch immer seltsamer.

Auch ich wusste lange nicht, was mit jener seltsamen Zion die sich mit zärtlichen Trieben auf ein Stelldichein mit ihrem Bräutigam vorbereiten soll so genau gemeint war.

Erst in einer Weihnachtsnacht 1997 wurde mir klar, was das Lied bedeuten sollte.

Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht im Jerusalemer Suk ein paar Weihnachtsgeschenke und den Weihnachtsbraten abzuholen. Schließlich fand ich im armenischen Viertel einige hübsch bemalte Tonschüsselchen. Der Braten war eine heiklere Sache. Kamel, und wie sich später herausstellte das perfekte Fleisch für schwäbischen Rahmsauerbraten!

Nachdem wir in der Küche 60 Semmelknödel und riesige Berge von Spätzle, Gemüse und Kartoffelbrei produziert hatten, schmückten wir einen Wacholderbusch. Niemand störte, dass er genauso zerzaust aussah wie wir.

Irgendwann saßen wir glücklich, satt und leicht ermüdet im Refektorium und ließen uns nach der Mitternachtsmesse ein paar selbstgebackene Weihnachtsbrötchen und frischen Kaffee schmecken. Es war herrlich!

Ich weiß nicht mehr wer mir dann sagte, dass ich, wenn ich wollte, einer halben Stunde mit zur Geburtsgrotte nach Betlehem aufbrechen könnte. Man würde hinabwandern um dort den Rest der Heiligen Nacht zu verbringen. Eine alte Tradition des Collegs.

Ich dachte nicht lange nach, holte meinen Mantel, packte Schal und Handschuhe und trat mit etlichen anderen hinaus in die Nacht. Es war ruhig, vom Toten Meer blies ein leichter Wind und wir marschierten los. Drei Stunden später erreichten wir das winzige „Tor“ der Geburtskirche. Keine Grenzkontrollen, keine Soldaten, keine protestierenden Palästinenser, nur ein kurzes Lächeln…es war fast ein kleines Weihnachtswunder.

Wir gingen durch den verwahrlost wirkenden Kirchenraum. Auf dem Boden lag Staub, und die Farbe blätterte von den Wänden. Das berühmte Mosaik mit der Darstellung der heiligen Drei Könige war trotz Neonbeleuchtung unter einer dicken Schmutzschicht nur undeutlich zu erkennen. Man musste glauben, dass es immer noch dort war.

Vor dem Altar führten eine schmale Treppe in die Tiefe. Unten angekommen empfing uns der auf- und absteigende Gesang einer äthiopischen Nonne. Der Ort glich in nichts dem, was man sich bei uns unter Krippe und Stall vorstellt. Eine niedrige, dunkle Grotte, vielleicht 12 Meter lang und 4 Meter breit. Der nackte Fels war nur notdürftig mit abgewetzten Brokatvorhängen verdeckt. Auch hier hatte niemand die rissigen Fließen aus fleckigem Marmor gewischt. Der gleiche, feine Staub, der uns auch draußen durch die Felder begleitet hatte.

Es dauerte, bis ich neben dem Eingang einen kleinen Marmortisch entdeckte auf dem eine goldgefasste Ikone etwas windschief abgestellt worden war. Ich ging hin, und sah darauf genau den Ort abgebildet, an dem ich mich befand. Eine kleine Grotte mit einigen Tieren, darüber einige erschreckte Hirten die nach oben blickten. Die Frau und den verschämt in einer Ecke stehenden Mann sah ich kaum, auch die Krippe mit dem Kind war so klein, dass sie kaum auffiel.

Genauso war es mit dem kleinen silbernen Stern der unter dem Tischchen in einer Nische in den Boden eingelassen war. Um ein Haar wäre ich auf die Stelle getreten und es brauchte denn auch einen Hinweis meiner Begleiter, dass sich genau unter mir die Stelle befand, an der Jesus geboren war.

Irgendwann erschienen einige Franziskaner-Nonnen, beteten und sangen…

Oh Du fröhliche…

Ich war angekommen.

Erst als wir im ersten Morgenlicht des Weihnachtsmorgens aus dem engen Einlass der Kirche hinausgetreten waren wurde mir klar, dass ich genau das gemacht hatte, was in der seltsamen Bacharie beschrieben ist. Wir hatten freudig den Weihnachtstag vorbereitet, waren durch die Nacht vom Berg Zion hinab nach Bethlehem gelaufen und hatten hier die Ankunft des „Bräutigams“ gefeiert.

Heute steht zwischen Jerusalem und Bethlehem eine 12 Meter hohe Mauer aus Beton. In den Straßen der „kleinsten unter den Städten Juda“ kann man kleine Krippen aus Olivenholz kaufen, auch sie durch eine Reihe klobiger Holzklötze geteilt. Die Krippe mit dem Kind auf der einen, die Hirten und die heiligen Drei Könige auf der andern. In der Krippe man kann die Olivenholzklötze herausnehmen, wenn man es nicht mehr aushält…Mit der echten Mauer geht das leider nicht so einfach.

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18. Türchen: Fitnessmaultaschen und Bio-Ahornsirup

Weihnachtskugeln

Neulich im Supermarkt:

Ich bin auf der Suche nach ganz normalem Räucherschinken, falls möglich in kochfreundliche Würfel vorgeschnitten. Aus dem Lautsprecher ertönt das für die Jahreszeit übliche Kauderwelsch aus Ginglebells und Last Christmas. Nummer 17 bitte in die Getränkeabteilung!

Vor dem Kühlregal sehe ich mich Horden buntbedruckter Packungen gegenüber. Fertig-Currywurst, Käseaufschnitt und Pizzateig. Es gibt Walnusssalami, luftgetrockneten italienischen Qualitätsschinken, eine mit einem magersüchtigen Kind bedruckte Antipastiplatte, Griechischen Ziegenjoghurt und Bio-Ahornsirup aus Kanada.

Ich suche weiter, überlege ob sich mit italienischem Crudo wohl Schupfnudeln kochen lassen. Etwas dekadent vielleicht…Die Schweinepaté mit Pistazien und Preiselbeeraspik sieht gut aus, ich lege sie vorsichtig neben die Topinambur und den normannischen Camembert. Den guten alten Schwarzwaldschweinebauch habe ich immer noch nicht gefunden. Irgendwann gebe ich auf. Offensichtlich sind meine Geschmacksnerven zu bodenständig für das Gourmet-Angebot meines Stammdiscounters. Heute Mittag gibt es Fitnessmaultaschen mit Thai-Koriander, Parmesan und blanchierten Champignonköpfen produced in Israel!

Merry X-mas!

14. Türchen: Von Eigentlich’s und Uneigentlichem…

gate to paradise

Eigentlich, oder sollte ich besser sagen „normalerweise“ (ich mag das Wort nicht, zu normierend!) würde ich in diesen Tagen in den Zug oder in den Flieger steigen, mich wie die Zugvögel in den Süden aufmachen und ein paar Tage zwischen Land und Meer verbringen. Ich hätte zum tausendstenmal überlegt, was eigentlich in so einen Reisekoffer gehört und was man aufgrund der sinnlosen Begrenzung auf 1 Gepächstück und 20 Kilo in der Holzkastenklasse besser zum Uneigentlichen, und damit daheimzubleibenden zählen sollte. Ich hätte mich brav in Schlangen eingeordnet, Fahrscheine und Flugtickets vorgezeigt, mich angeschnallt oder in eine Abteilecke gekringelt, mich über eine Menükarte (die gibt’s im Zug und im Flugzeug!) mit ebenso phantasiereichen wie nichtssagenden Inhalten gebeugt und mit viel Glück (Ich stand schon viel zu lange ohne jede Aussicht auf Weiterkommen an irgendwelchen Terminals und angeblichen Durchgangsbahnhöfen, als dass ich noch an die Reibungslosigkeit des Reisens glaube) wäre ich dann am Ende eines langen und anstrengenden Tages mit jener unvermeidlich-stereotypen Mischung aus Freude und Melancholie in ein Vaporetto gestiegen.

Beim Aussteigen hätte ich mir beim Blick auf den aktuellen Hochwasserpegel vielleicht ganz kurz überlegt, ob es eigentlich nötig ist, sich in der Strada Nova wieder mal ein paar neue Gummistiefel zuzulegen und den Plan, sofern es irgendmöglich ist als uneigentlich zu den Akten gelegt. Ich nehme grundsätzlich keine Gummistiefel mit dafür fast jedes Mal welche mit zurück!

Und sie sinkt nicht!

Meine Zehen fühlen sich kalt an. Aus dem Radio schallt Bach’s Weihnachtsoratorium.

Jauchzet, frohlocket, verbannet die Klage…

Uneigentlich gibt‘s „wichtigeres“ zu tun als wie 22 Millionen Andere im Jahr in die „schönste Stadt der Welt“ zu fahren. Vielleicht ist’s für die Stadt sogar besser wenn ich nicht hinfahr…uneigentlich.

Ein sehnsüchtiger Blick auf den Kalender.  Auf meinem Schreibtisch stapelt sich die Endjahresralley. Mein e-mail account quillt über wie Abflussdeckel bei Aqua Alta. Von den 24 Brödlessorten sind die Hälfte noch nicht einmal angefangen und ein Drittel der Fertigen bereits wieder aufgegessen oder vorzeitig verschenkt. Und die Geschenke…

Ich habe zugesagt an einem Glühweinstand auszuhelfen, vergesse meinen Adventskalender zu lehren und stelle mir vor: Ich stehe in Gummistiefeln vor San Stefano und trinke vin brulé. In Venedig gibt es keine Probleme, es ist die Lagune die sinkt! Man muss nur einen 200 Meter hohen Turm in das Industriegebiet bei Maghera und eine U-Bahn vom Flughafen zum Markusplatz bauen, mit Tiefbohrungen Luft unter die Stadt pumpen, die Schleusen dicht machen, die Tiefwasserfahrrinne für noch größere Kreuzfahrtschiffe ausbaggern, den Chemiestandort fördern, die Gästetaxe abschaffen, die Pescheria  endlich auf’s Festland verlegen, das nutzlos vergammelnde Arsenale in Luxuswohnungen mit Direktjachthafenanschluss umbauen und die letzten Gebäude in städtischem Besitz an internationale Konzerne verscherbeln. Wenn man dann auch noch die allerletzten renitenten Einheimischen los wird, die ums Verrecken nicht einsehen wollen, dass Nippesläden für die Bedürfnisse der Touristen wichtiger sind als überflüssige Kurzwarenläden, Bars in denen der Wirt noch weiß wer man ist, Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen, Bäckereien und all das andere unprofitable Zeug ist alles gut, eigentlich…

8. Türchen: …wie aus einer Grabbeigabe ein vorweihnachtlicher Dekoartikel wurde…

Nelkenorange

Würde mich jemand fragen, wie Weihnachten riecht, ich würde antworten:

Nach Nelken und Orangen!

Der Duft exotischer Inseln und südlicher Sonne gehört für mich zur „staden Zeit“ wie Schneeflocken und das Funkeln der Adventsbeleuchtung. Dabei hatten die mit Gewürznelken gespickten Zitrusfrückte ursprünglich mit Weihnachten garnichts zu tun. Sie zierten als seltene und sündhaft teure Gastgeschenke (eine Handvoll Nelken hatte im 17. Jahrhundert in etwa den Gegenwert einer gut ausgestatteten Wohnung und auch frische Orangen oder Zitronen waren nördlich der Alpen nicht gerade einfach zu bekommen) die Tische von Königen, Fürsten und reichen Handelsherren. Doch waren Orangen, Zitronen und insbesondere Nelken mehr als bloße Dekorationsobjekte. Seit der Antike glaubte man Krankheiten, ja das Böse an sich, würde sich schlechte Gerüche, sog. „Miasmen“ fortpflanzen. So kam es, dass man nicht nur die schnabelartigen Masken der Pestärzte mit Gewürznelken, frischen Orangenschalen und anderen Gewürzen füllte um sich so vor Ansteckung zu schützen (der Glühwein diente ursprünglich einem ganz ähnlichen Zweck), nein man gab sie auch als Apotrophaion und „imitatio christi“ (die Nelken sollten an die Nägel mit denen Christus ans Kreuz genagelt wurde und die Dornen der Dornenkrone erinnern) mit ins Grab (vgl.: http://www.freiepresse.de/LOKALES/MITTELSACHSEN/FREIBERG/Freiberg-Goldene-Nelken-im-Kindergrab-artikel8126906.php).

Erst die billiger werdenden Gewürze und die leichte Verfügbarkeit von Südfrüchten machte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Luxusgut den verlockend duftenden Dekoartikel, der uns heute in vorweihnachtliche Stimmung versetzt.

1. Türchen: Von Labskaus, Schinkenhörnchen und Orangeat

Leicht verspätet, das 1. Türchen im Blog-Adventskalender:

Eigentlich bin ich kein besonderer Fan von Advents-, Christ- und Weihnachtsmärkten. Vor allem dann nicht, wenn sie zu winterlichen Fress- und Sauforgien, bei denen sich 15-jährige im Glühweinrausch gegenseitig die Hosen runterziehen und nach einem Besuch im Erotik-Shop enttäuscht feststellen müssen, dass ihrer „nicht der Größte“ ist  degenieriert sind. Glühweinrausch zu Holla- die-Dorfschönheitschnulzen á la „Die Schöne vom Toblitzsee“ und „Hinterwäldlerrauschen“ passen für mich ebensowenig zum Advent wie Christbaumkugeln in einen Strauß Tulpen oder Labskaus zu Orangeat.

Ich kann mich nicht wehren, aber ich bilde mir ein, dass die Dinge früher noch ein klein wenig anders waren. Man wurde von Eishockeyspielern auf deren Schultern durch den Markt getragen (ja, tatsächlich, irgendwann hab ich mich in einer Stromleitung verfangen, aber das ist eine andere Geschichte…), stand selbst mit 14 noch mit großen Augen vor den lebensgroßen Steiffiguren die sich im Takt von Oh du fröhliche hin und herwiegten, hatte Angst wegen des Eisregens zu spät zur Mitternachtsmesse zu kommen (die Panik überkommt mich zum allgemeinen Amüsement meiner Familie bis heute) und wurde gelegentlich auch von einem der Schafe in der lebenden Krippe mit einem garnicht so zarten Kopfstoß darauf hingewiesen, dass es keine so gute Idee war unbedingt den 17. Hirten spielen zu wollen (ich war 5 und war auf der Suche nach dem Christkind!).

Überhaupt, Advent bestand aus einer endlosen Serie von „Backtagen“ an denen man sich den Magen mit Mürbteigresten verdarb, von der Großmutter soviel Zitronenzuckerguss „zum probieren“ bekam wie man wollte, sich den Mund an den noch viel zu heißen Pfefferkuchen verbrannte (ja, ich war ein sehr neugieriges Kind, außerdem hätte mir sonst mein kleiner verfressener Bruder alles weggefuttert!), Man werkelte mit dem Großvater in der eiskalten Werkstatt, zwischen Öltank und eingelegten Kürbissen an der 7. Familienkrippe (wenn ich richtig zähl‘ haben wir inzwischen mindestens 9: Orientalisch, Ruinen, Felsen, Heustadel, Kürbis, Stroh, Mexikanisch, Glas und Südfranzösisch, Gott sei dank sind mindestens 2 pro Jahr auf unerklärliche Weise in den Tiefen des Kellers oder Dachbodens verschollen, bzw. „grad nicht greifbar“!). Irgendwann bekam man dann noch einen Elektrischen Schlag auf der Suche nach den Geheimnissen der Märklineisenbahn (mal sehen, ob ich dieses Jahr dazu komm, die X0 im Cellokasten zu reparieren). Am besten aber war’s sich heimlich auf den Dachboden zu schleichen um mit Hochgenuss und ohne jede Spur von Reue eine ganze Dose „Nugatbusserl“ zu verspeisen (Dass an Weihnachten keine mehr da waren, fiel bei der geforderten absoluten Mindestanzahl von 24 unterschiedlichen Sorten auf einem „gescheiten“ Schwäbischen Brödlesteller nicht weiter auf…Springerle wären schlimmer gewesen, die waren auffällig, allein schon, weil man sich grundsätzlich daran die Milchzähne ausbiss!)

Und Heute? Wenn nicht ab Mitte Oktober die allgegenwärtigen Christbäume zusätzlich zu Touristen und SUVs die Altstadtgassen verstopfen würden, süßsäuerliche Supermarktlautsprecher schon im Spätsommer Jinglebells spielen würden und beim Bäcker statt der vertrauten Schinkenhörnchen urplötzlich Zitronenbrot liegen würde (ich war verwirrt, fand aber meine geliebten Schinkenhörnchen in Gesellschaft von Punschstangen und Hutzelbrot wieder, Jucheeee!)…man würde Weihnachten und den gesamten Advent vermutlich aufgrund von komplettem All-Jahres-Konsumstress unter „ferner liefen“ einordnen und lieber gleich zum Frühjahrsvorglühen in die Südtürkei entschwinden (auch schön!)

Besser, ich hock mich hin und bastle nen kleinen literarischen Adventskalener. Was genau reinkommt? Lasst Euch überraschen, ich weiß es im Moment noch genauso wenig, wie ihr!

Achtung Dekowahn !!!

Türdeko Advent 2012

Kaum der „Hauptstadt des Nebelreichs“ entkommen hat mich die Spätnovembergsonne gestochen. Was liegt da näher als sich zwei Meter fünfzig Gartendraht, ein paar Nordmanntannenzweige, bunte Plastikweihnachtskugeln und extraweihnachtliches drahtverstärktes Geschenkband zu verschaffen und ungehemmt dem  kreisrunden Adventsdekowahn zu verfallen. Man könnt auch einfach sagen mein schwäbischer Arbeitswahn ist mal wieder mit mir durchgegangen…Fürchterlich diese freien Wochenenden 😉

Auf’s Christkind!

Bauen eigentlich alle Städte ihren Weihnachtsmarkt gefühlt Mitte September auf, oder habe ich nur wieder einige Tage im Kalender verloren? Zurück aus dem Süden wirkt Bamberg überfüllt, eng und dunkel. Künstliches Vogelgezwitscher gellt aus einer geschmacklosen Pseudowaldidylle in der ausgestopfte Hasen ebenso unglücklich drapierten Füchsen und Rehen gute Nacht sagen über die Schranne. Die großen Herbstauktionen der Antiquitätenhändler sind vorbei und auf dem Maxplatz harren seltsam deplaziert wirkende Buden des Weihnachtsmarktes besserer Tage.

Meine Wohnung ist kalt. Feuchtigkeit steigt die Stufen Kellerstiege herauf und verbreitet den Geruch schimmligen Salpeters. Die vom Nachbarsbaum herabgefallenen Äpfel im Hof sehen in ihren graubraunen Blässterbetten aus, als hätten nicht Amseln sondern Riesenameisen sie zerpflückt. Vermutlich hängt das Gerfühl mit der Rückkehr nach Bamberg in einen Haufen alter Kartoffelsäcke gefallen zu sein damit zusammen, dass ich große Teile der diesjährigen Bockbiersaison zugunsten wissenschaftlicher Worthülsengefechte ausgelassen und mein Restalkohollevel dank schwäbischer Mäßigung oberfränkisches Normalniveau noch bei weitem nicht erreicht hat.

Beim Anblick der eingemotteten Gondeln in der Nähe der Nonnenbrücke, fällt ein Januarmorgen in Venedig ein. Die Bora peitscht Nebelschwaden über die Lagunge, an den Bootsauslegern gefriert die Gischt, Schneewehen und Aqua Alta kämpfen in den Gassen um die Vorherrschaft und man selbst hat garkeine andere Wahl als sich von ombra zu Spritz und vin brulé durch die zumindest einigermaßen warmen Baccari vorzuarbeiten. Zehen und Fersenballen sind trotz dreifacher Wollsockenarmierung durchgefroren. Gummistiefel sind kein besonders guter Wärmespeicher, aber wenigstens halten sie trocken.

Ich gehe weiter, stolpere durch lärmende Gymnasiasten. Ihre Lebensfreude wirkt so falsch wie das Liebesduett aus Händels Rodalinda in meinen Kopfhörern und der Name des Altersheimträgers gegenüber: Fazit…Will man in einem so benannten Gebäude wirklich wohnen, wenn man eines Tages nicht mehr allein zurechtkommt? Fazit…der Mensch reduziert auf ein paar Stellen hinterm Komma. Sorry, unpassender geht’s wirklich nicht.

Die Fähre zwischen Schleuse 100 und Concordiaufer liegt da wie ein silberner Gelbrandkäfer im Winterschlaf. Keine Ruderboote zum entern in Sicht. Der voprprogrammierte Ärger mit durchs Schleppseil geköpften Wildbadern und entnervten Sonnenbadenden wird wohl noch ein halbes Jahr warten lassen..

Hinter dem Mühlsteg ein paar verlassene Blumenkübel. Letzte Woche blühten hier noch die Geranien, oder war es letzten Monat, dass erster Schnee in den Gassen lag?

Ein Fahradfaher rast an mir vorbei. Keine Klingel, Kein Licht, kein garnichts…Student wahrscheinlich…oder Lebenskünstler.

Der Biometzger wirbt für Knoblauchbratwürst. Sollen gut sein…ich weiß es nicht. Am Pfahlplätzchen wachsen Gerüste in die Höhe. Die Farbmuster an den Wänden lassen weitere Bonbonkulissen befürchten.

Zwei Amerikanische Touristinnen betrachten den Leschenbrunnen. Ob sie wohl immer noch glauben, wir würden in good old Germany unser Trinkwasser von dort unten beziehen (als ich noch in der Lugbank wohnte, holte ich einmal mit zwei Daubeneimern Wasser für die Blumen. Zugegeben, ich sah mit meinen vollen Wassereimern und in meiner Blau-gelb-roten Küchenschürze wirklich etwas mittelalterlich aus. Die Reiseleiterin erklärte daraufhin, dass noch nicht alle Bamberger Häuser fließend Wasser hätten…Ich habe gelacht, und beim nächsten Besuch sie – rein aus versehen versteht sich – etwas vom kostbaren Nass von oben ab). Hoppla! Wenns aach diregt unnä maam Fensder schdôn…

An der Ecke zur Karolinenstraße stürzt eine 80 Jährige auf’s Kopfsteinpflaster. Zu viel Schlenkerla und das um halb elf morgens! Ich heb sie auf, frag ausgesprochen nett ob alles in Ordnung sei. Sie sieht mich verwirrt an, tritt mir gegen das Schienbein und läuft weiter. Wer sagt, dass nur Jugendliche schlechte Manieren haben irrt gewaltig!

oder hatte die Frau Alzheimer? Ich ziehe Menschen in seltsamen Geisteszuständen an. Rentner erzählen mir im Bus von ihren Prostataschmerzen, Im Zug fragt mich ein keinem Geschlecht klar zuortbares Wesen, wieviel Minuten es noch zum rauchen habe, und als ich Antworte fünf, darf ich mir zwanzig Minuten die Frage anhören, ob die Bahnhofsmission in Ingolstadt, oder die in Hamburg die bessere sei, wildfremde Kinder fangen entweder an zu heulen wenn sie mich sehen (v.a. kleine Mädchen in rosafarbenen Rüschenkleidchen) oder werfen sich, wenn ich auf einer öffentlichen Parkwiese lese auf mich (es hat gedauert bis Mamma endlich herkam,Kind war der festen Überzeugung is sei eine Art Riesenteddybär, Mamma fand’s witzig, und ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine Art postfemministischer Flirttrick gewesen sein sollte…

Ich stehe in der Durchfahrt des Alten Rathauses. Kann mich noch immer nicht entscheiden ob Plensas Gummibärchen mir gefallen, oder in ihrer psychotischen Haltung Angst machen. Von unten steigt Glühweindurft auf. Es ist soweit: Der Advent naht mit riesengroßen Pusteblumenschritten; und solange die Bamberger nicht wie die Neu-Ulmer auf die Idee kommenund die Fress- und Saufmeilen Ende Oktober bis Februar auszudehnen – Winterzauber wochendends bis Mitternacht und wochentags mit live-Musik vom Kindergarten Sankt ADHS sind mir sogar die Glühweinstände recht (und das obwohl sie das ohnehin diffizile Unternehmen des kollisionsfreien Hindurchschlängelns durch Menschenmassen nicht eben einfacher machen). Prosit auf’s Christkind!