Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

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Von der Henne und dem Ei

Henne und EiEhrlichgesagt habe ich sie nie verstanden, die angeblich unauflößliche Frage was zuerst dagewesen sei: die Henne oder das Ei.

Sie ist weder unauflößlich, noch ein Rätsel, noch etwas unbeantwortbares.

Wie der angeblich auch unauflößliche Gordische Knoten ist die Frage nach der Henne und dem Ei eigentlich ziemlich einfach aufzulösen.

Und wie Alexanders Schwerthieb mag die Lösung nicht besonders elegant, ja sogar banal sein, und heißt ganz einfach:  Evolution.

Spätestens seit Darwin wissen wir, dass die erste Henne, jene stolze und gackernde Urmutter allen Federviehs,  aufgrund einer kleinen Genabweichung (ob nun Mutation oder Kombination ist hier ziemlich unerheblich) aus dem Ei eines Wesens schlüpfte, dass noch nicht Henne war.

Wir könnten trefflich und lange darüber streiten, wann das „Noch-Nicht-Henne-sein“ endete und das „Henne-sein“ begann, ob wir dieses erste Hennenwesen auch Huhn nennen würden, oder ob es nicht eine Art Adler, ein Falke oder doch ein Archäopterix, ein Hoazin oder irgendetwas anderes gewesen ist. Für die Beantwortung der Frage nach der Henne und dem Ei ist dies letztendlich irrelevant, da Henne wie Ei lediglich als Archätypos zu verstehen sind, und wir das ganze getrost unter „Vogel“ subsumieren können. Selbst wenn wir das nicht tun, ändert es nichts daran, dass unser Hennenwesen, von einem Noch-Nicht-Hennenwesen abstammte, das seinerseits wiederum von einem Wesen abstammte, welches noch nicht Vogel war. Das Noch-Nicht-Vogel-Wesen stammt seinerseits wieder von Reptilien ab, und jene von Amphibien, diese stammten wiederum von den Fischen.

Klingt irgendwie wie jene Stammbücher aus der Tora und ist im Prinzip auch so.

Für die Beantwortung unserer Frage entscheidender ist jedoch, dass alle diese Wesen – von den wenigen Ausnahmen der lebend-gebärenden abgesehen, die den Prozess des Ausbrütens quasi in ihren Körper „internalisiert“ haben abgesehen (deswegen aber trotzdem Eier haben) – Eier legen (ob diese nun immer so aussehen müssen wie wir uns ein Ei vorstellen, ist eine ganz andere Frage).

Fakt bleibt:, das Ei war eindeutig lange vor der Henne da, einige hundert Millionen Jahre früher um genau zu sein.

Das Rätsel von Henne und Ei damit gelößt.

Das heißt nun nicht, dass dieses Rätsel aus philosophischer Sicht keine Berechtigung hat um daran Problematiken von Ursache und Wirkung aufzuzeigen. Doch muss man sich dabei stets bewusst sein, dass es sich bei ihm um ein Hilfskonstrukt, eine Art klassischen und durch die lange Tradition seines Gebrauchs gleichsam legitimierten Anachronismus handelt, bei dem man von jetzt-seienden Zuständen (fälschlicherweise) auf vergangene schließt. Es ist daher richtig, dass es in der gegenwärtigen Welt schwer möglich ist, zwischen dem Ursprung von Henne und Ei zu unterscheiden. Es ist aber genauso richtig, dass dies nicht immer so war, und auch nicht immer so sein wird, da sich früher oder später aus der Henne, die sich aus einem Reptil entwickelte, wiederum etwas Anderes, Neues entwickeln wird.

Dass ich mich dabei gerade die ganze Zeit frage, was eigentlich mit dem Hahn ist, ohne den das Ganze nunmal nicht funktioniert, sei nur der Vollständigkeit halber hinzugefügt…Sicher, die Henne legt auch ohne ihn Eier, aber dann sind sie taub, ohne Leben, kurz das, was wir – sofern wir nicht das Glück haben unsere Frühstückseier aus einer noch intakten Hühnerschar samt Hahn zu beziehen – tagtäglich als Frühstücksei zu uns nehmen.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn der Metapher von der Henne und dem Ei als Parabel auf unsere übertechnisierte, das Leben aus rationalistisch-ökonomischen Gründen ausblendende, verhindernde ja bewusst zerstörende Welt. Es ist der Mensch, der mit seiner Praxis industrieller Massentierhaltung, bei der es keine Hähne (jene werden bereits im Kükenalter „ausselektiert“ – man könnte auch sagen zu „Müll“ oder „Ausschuss“ erklärt aus dem man im besten Fall chemische Komponenten für die Medizin- und Kosmetikindustrie „rückgewinnt“, im schlechtesten landen sie tatsächlich „auf dem Müll“) und damit auch keine lebendigen „fortpflanzungsfähigen“ Eier und damit auch keine Evolution und Vielfalt mehr gibt, die Zukunft der Henne als evolutionsfähiges Wesen bewusst verhindert.

Sicher, es gibt auch Zuchtstationen, bei der – ebenfalls im industriellen Ausmaß – standardisierte Hühner, mit standardisierten Eiern und standardisierten Hähnen gezüchtet werden, doch ist hier nicht die Vielfalt, oder gar die weitere Evolution der Henne zu einem anderen Wesen Ziel, sondern vielmehr die Verhinderung jeglichen Lebens, welches nicht dem Menschlichen Nutzdenken und Zweck-Standard entspricht.

Daher sollten wir in Zukunft vielleicht nicht mehr von der Henne und ihrem Ei, also vom Rätsel des Ursprungs, sondern von der Henne und ihrem tauben Ei und damit von einer vom Menschen aus kurzfristigen ökonomischen Interessen bewusst manipulierten, verhinderten und ihrer Vielfalt beraubten Zukunft sprechen.

Und nein, ich werde deshalb noch lange nicht zum Frühstückseiverachter oder gar Veganer. Ich bin mir lediglich bewusst, welchen Preis die Henne für meine Chickennuggets bezahlt…und ich kann damit leben…warum? Nun da müsste man Luhmann’s kleine Schrift von der Macht zitieren: „weil ich es kann!“- ob ich es sollte ist eine ganz andere Frage…