Tageshaiku 70 – Schneeregentropfen

schneeregentropfenSind sie noch Schnee,

oder doch schon Regen?

die fallenden Tropfen?

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15. Türchen: Von Schneeflocken, schlafenden Blumen und heiligem Zorn

Ice on the Regnitz

Früher war alles besser! Sogar die Winter!“

Sicher, ab und an gab es Eisregen und wochenlange Nebelperioden, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass es jemals Mitte Januar geregnet und man kurzärmlig auf der Café-Terrasse gesessen hätte (Jagerteeexzesse auf Skihütten einmal ausgenommen, aber das ist eine ganz andere Kategorie!).

Stattdessen fielen pünktlich zu Sankt Martin die ersten Flocken. Wenn nicht, sang man mit wahrer Inbrunst das Lied vom „Schneeflöckchen“, dass einen so weiten Weg hatte, Blumen und Blätter an die Fenster malte und unter dem die ganzen Sommerblumen sicher den Winter verschlafen würden. Bis heute muss ich jedesmal ein paar Rührungs-Tränchen aus den Augenwinkeln wischen, wenn ich meine Nachbarskinder seh, die spätestens Mitte November sehnsüchtig in die Wolken blicken und immer noch genau dasselbe Lied singen.

Der Nikolaus fuhr im Schlitten vor und bereits vor Weihnachten hatte mein kleiner Bruder mindestens 1 Paar Ski in die ewigen Jagdgründe befördert. Man wurde  in drei dutzend Schichten selbstgestrickter Norwegerpullover, Schals und Pelzmützen gepackt, auf einen Holzschlitten gesetzt und mindestens drei mal pro Tag darauf eingeschworen bloß ja nicht mit der Zunge am Laternenpfosten zu lecken!

Damals als der Fluss noch „Im Eise erstarrt“ und die Bäume voll Rauhreif hingen bauten wir riesige Iglus, feierten Schneekuchenparties, hatten zu Fasching die letzte Schneeballschlacht und warteten Anfang März gespannt, wann dem um Neujahr gebauten Schneemann endlich die Karottennase abfallen und Frau Schneemann ihr Cappothütchen aus Tannenzapfen verlieren würde…und nein, auch wenn sich’s so anhört, ich bin weder während der kleinen Eiszeit noch auf Island oder Spitzbergen aufgewachsen, sondern in Süddeutschland.

Heute haben die Dächer braune Flecken, die Winterlinge blühen im Dezember, das Knirschen überflüssigen Rollsplits durchzieht den Hausflur, und auf den Straßen liegt bestenfalls Matsch.

Ich weiß, solche Sätze klingen nach schleimiger Nostalgie und zuckersüßen Kaufhauschören. Aber als ich letzte Woche durch Schneegestöber und Wind unterwegs war und vergnügte Kinderscharen auf Schlitten den Hang herunterrodeln sah, wurde mir schmerzlich bewusst, dass unsere Enkel vermutlich nur noch aus Retro-Bilderbuch-Aps und verklärten Youtube-Videos ihrer Großeltern wissen werden, was eine Schneebalschlacht ist.

Der Newsticker bringt die neuesten Hiobsbotschaften: Dohar, Halsstarrigkeit, Unvernunft, Gier und Erpressung…Auch wenn ich’s nicht will, überkommt mich der heilige Zorn (wahlweise auch eine tiefe Trauer oder schwärzester Zweckfatalismus).

Ich habe ein schlechtes Gewissen und könnt mich deswegen selbst ohrfeigen. Meine Lebenserfahrung flüstert mir ins Ohr: Extremisten jeder Art sind selten Helden, Fatalisten ebenfalls nicht.

Es tut mir leid: Ich neige nicht zu Gutmenschentalibantum und Ökoterrorismus, schon garnicht zu moralinsauren Entgleisungen wie der Forderung für den Weltfrieden weniger Fleisch zu essen, keine Palmölprodukte zu verwenden und lieber mit dem Rad 40 Kilometer durch Sturm und Wind zur Arbeit zu fahren als jemals ein Auto zu benutzen. Was nutzt ein ökologisch reines Gewissen, wenn einem dabei die Lust am Leben abhanden kommt?

Der Text eines umweltbewegten Autoaufklebers aus den 1980ern erscheint aus meinem Unterbewusstsein:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man könnte genausogut hinzufügen:

„…und wenn die letzte Schneeflocke gefallen ist.“

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich angefangen habe, Lokale mit Heizpilzschirmen zu meiden. Ein paar Pfund mehr auf den Rippen, dazu ein dicker Pullover, gute Stiefel, ein Wintermantel und eine ordentliche Chapka tun’s genausogut. Mann und v.a. Frau müssen nicht halbverhungert und im quietschgelben Minirock, den hautengen Designerjeans und auf Stöckelschuhen auf den Weihnachtsmarkt! Was wohl Großmutter Neandertal und Opa Cro-Magnon zu diesen eigenartigen Wesen gesagt hätten…Vermutlich sind es die gleichen, die mit Blasenentzündung im Bett liegen und die Weihnachtsferien auf Koh Samui oder in Neuseeland verbringen und sich einbilden, mit dem Kauf eines 2 Quadratmeter-Regenwaldzertifikats ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben…

Genug der unfreiwilligen Glühweinkomik.

Wenn man in Zukunft schon noch Klimakonferenzen braucht, dann auf dem überfluteten Markusplatz anstatt in klimatisierten Luxushotels mitten in der Wüste.

Der Wortlaut eines alten schwäbischen Verzweiflungsschreis kommt mir in den Sinn:

„Oh Herr, schmeiß Hirn rá, am beschdá Oimrweiß!“

Oh Herr, sende deine Weißheit herab, am besten Eimerweise!

Was wir zu verlieren haben sind mehr als ein paar Schneebälle und schöne Kindheitserinnerungen…