23. Türchen: Weihnachten und anderee Naturgewalten

neige

Stress, Unlust, Überdruss.

Die letzten Tage vor dem Fest der Feste könnte man für die meisten von uns vermutlich aus dem Kalender streichen.

Könnte, denn was wäre Weihnachten ohne den vorwurfsvollen Blick von Frau, wenn Mann wieder einmal einen zu großen, kleinen, schiefen oder zu geraden Baum mitgebracht hätte? Was wäre das Fest der Liebe ohne die bange Frage ob das lieblos ausgewählte Geschenk, die Chancen auf das Erbe von Onkel Theodor wirklich verbessert. Und was würden wir in der staden Zeit bloß ohne all die Parfümpröbchen, Spendenaufrufe und moralinsauren Sonntagspredigten tun?

Was, wenn es über die Weihnachtszeit ausnahmsweise keinen Streit gäbe, was wenn wir uns nicht verpflichtet fühlten, uns pünklich zum 24. Dezember mit ebenso ungeliebten wie nervigen Personen zu umgeben und Menschen Fröhliche Feiertage und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr zu wünschen, die wir allenfalls aus Berechnung, nicht aber aus echtem Interesse unserer Aufmerksamkeit für würdig erachten?

Was, wenn wir wirklich einmal die alljährliche Drohung wahrmachenn und Weihnachten tatsächlich ausfallen ließen?

Wäre es wirklich so schlimm, allein und ohne Weihnachtsbaum bei einem guten Gläschen Wein und etwas Seranoschinken vor der Glotze zu sitzen und die Welt und ihrem infantilen Weihnachtsrausch den Rücken zuzukehren?

Vermutlich würde es uns nicht gelingen. Wir hätten ein spätestens gegen fünf Uhr einschlechtes Gewissen, würden uns unwohl fühlen unruhig wie ein Panter hin und herlaufen und irgendwann würden uns zwei Dutzend Kinderchöre davon überzeugt, dass irgendetwas ganz und garnicht stimmt.

Ich habe in meinem Leben genug  traurige Gestalten mit feuchten Augen am mit Plastikchristbäumen geschmückten Kneipentresen eines x-beliebigen Tropenmotels sitzen sehen um die Unentrinnbarkeit des Weihnachtsfestes zu leugnen. Endfünfziger, die sich nach Scheidung und Nachlassen der eigenen Potenz spätestens Ende November nach Puket oder Koh Samui flüchten und sich nicht vor Mitte Januar in die Gefilde des Weihnachtsmannes zurücktrauen, aus Angst vielleicht doch feststellen zu müssen, dass es wichtigeres gibt als Sex, Drugs and Rockn`Roll (ganz abgesehen davon, dass nur wenige zum Rockstar geboren sind…bei allen anderen wirkt’s verzweifelt…sorry…)

Weihnachten kann man nicht entfliehen. Es ist im Zeitalter der Globalisierung zu einer Naturgewalt mutiert, die uns bis in die funkelnden Hochhausschluchten von Hong Kong, den Dschungel von Brasilien und ins Südseekönigreich Tonga verfolgt.

Vielleicht besinnen wir uns ja eines Tages wirklich wieder darauf, dass es bei Weihnachten ursprünglich weder um Familie, Glühwein, Kommerz, Liebe, Harmonie oder sonst irgendeinen süßlichen Werbezuckerguss ging. Es ist natürlich  schön, wenn’s mit den ganzen stereotypen Vorstellungen von weißen Tannenspitzen, Eiszapfen, Weihanachtsliedern und trauter Idylle trotzdem klappt, wenn nicht…sei`s drumm…Weihnachten findet auch so statt, für jeden und ganz egal ob er nun darauf Bock hat, oder nicht. Und das ist sehr gut so!

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1. Türchen: Von Labskaus, Schinkenhörnchen und Orangeat

Leicht verspätet, das 1. Türchen im Blog-Adventskalender:

Eigentlich bin ich kein besonderer Fan von Advents-, Christ- und Weihnachtsmärkten. Vor allem dann nicht, wenn sie zu winterlichen Fress- und Sauforgien, bei denen sich 15-jährige im Glühweinrausch gegenseitig die Hosen runterziehen und nach einem Besuch im Erotik-Shop enttäuscht feststellen müssen, dass ihrer „nicht der Größte“ ist  degenieriert sind. Glühweinrausch zu Holla- die-Dorfschönheitschnulzen á la „Die Schöne vom Toblitzsee“ und „Hinterwäldlerrauschen“ passen für mich ebensowenig zum Advent wie Christbaumkugeln in einen Strauß Tulpen oder Labskaus zu Orangeat.

Ich kann mich nicht wehren, aber ich bilde mir ein, dass die Dinge früher noch ein klein wenig anders waren. Man wurde von Eishockeyspielern auf deren Schultern durch den Markt getragen (ja, tatsächlich, irgendwann hab ich mich in einer Stromleitung verfangen, aber das ist eine andere Geschichte…), stand selbst mit 14 noch mit großen Augen vor den lebensgroßen Steiffiguren die sich im Takt von Oh du fröhliche hin und herwiegten, hatte Angst wegen des Eisregens zu spät zur Mitternachtsmesse zu kommen (die Panik überkommt mich zum allgemeinen Amüsement meiner Familie bis heute) und wurde gelegentlich auch von einem der Schafe in der lebenden Krippe mit einem garnicht so zarten Kopfstoß darauf hingewiesen, dass es keine so gute Idee war unbedingt den 17. Hirten spielen zu wollen (ich war 5 und war auf der Suche nach dem Christkind!).

Überhaupt, Advent bestand aus einer endlosen Serie von „Backtagen“ an denen man sich den Magen mit Mürbteigresten verdarb, von der Großmutter soviel Zitronenzuckerguss „zum probieren“ bekam wie man wollte, sich den Mund an den noch viel zu heißen Pfefferkuchen verbrannte (ja, ich war ein sehr neugieriges Kind, außerdem hätte mir sonst mein kleiner verfressener Bruder alles weggefuttert!), Man werkelte mit dem Großvater in der eiskalten Werkstatt, zwischen Öltank und eingelegten Kürbissen an der 7. Familienkrippe (wenn ich richtig zähl‘ haben wir inzwischen mindestens 9: Orientalisch, Ruinen, Felsen, Heustadel, Kürbis, Stroh, Mexikanisch, Glas und Südfranzösisch, Gott sei dank sind mindestens 2 pro Jahr auf unerklärliche Weise in den Tiefen des Kellers oder Dachbodens verschollen, bzw. „grad nicht greifbar“!). Irgendwann bekam man dann noch einen Elektrischen Schlag auf der Suche nach den Geheimnissen der Märklineisenbahn (mal sehen, ob ich dieses Jahr dazu komm, die X0 im Cellokasten zu reparieren). Am besten aber war’s sich heimlich auf den Dachboden zu schleichen um mit Hochgenuss und ohne jede Spur von Reue eine ganze Dose „Nugatbusserl“ zu verspeisen (Dass an Weihnachten keine mehr da waren, fiel bei der geforderten absoluten Mindestanzahl von 24 unterschiedlichen Sorten auf einem „gescheiten“ Schwäbischen Brödlesteller nicht weiter auf…Springerle wären schlimmer gewesen, die waren auffällig, allein schon, weil man sich grundsätzlich daran die Milchzähne ausbiss!)

Und Heute? Wenn nicht ab Mitte Oktober die allgegenwärtigen Christbäume zusätzlich zu Touristen und SUVs die Altstadtgassen verstopfen würden, süßsäuerliche Supermarktlautsprecher schon im Spätsommer Jinglebells spielen würden und beim Bäcker statt der vertrauten Schinkenhörnchen urplötzlich Zitronenbrot liegen würde (ich war verwirrt, fand aber meine geliebten Schinkenhörnchen in Gesellschaft von Punschstangen und Hutzelbrot wieder, Jucheeee!)…man würde Weihnachten und den gesamten Advent vermutlich aufgrund von komplettem All-Jahres-Konsumstress unter „ferner liefen“ einordnen und lieber gleich zum Frühjahrsvorglühen in die Südtürkei entschwinden (auch schön!)

Besser, ich hock mich hin und bastle nen kleinen literarischen Adventskalener. Was genau reinkommt? Lasst Euch überraschen, ich weiß es im Moment noch genauso wenig, wie ihr!