Von Frühlingsgefühlen und (guten) Vorsätzen

Wünsche-Dekonstruiert

Wünsche – Dekonstruiert

Ein Blick in den Balkonkasten verrät es: die frühsommerlichen Temperaturen mitten im Januar haben nicht nur bei den zartsprießenden Tulpen und Schnittlauchspitzen Frühlingsgefühle geweckt, nein, auch die Blattläuse sind schon wieder im Vermehrungsmodus (oder haben diesen garnicht erst eingestellt).

Irgendwo zwischen vergammelndem Laub vom Vorjahr und ersten Pollenschlieren liegen die ausgebrannten Hüllen der Silvesterböller und erinnern an bleigußverstärkte Vorhersagen und Vorsätze für’s neue Jahr. Sport, Gemüse, effizienteres Arbeiten…Pünklich zum Jahresbeginn hat die Menschheit ihr Gewissen wieder einmal mit einem reichlichen Packen ebenso guter wie irrationaler Vorsätzen beladen, deren Halbwertszeit vermutlich deutlich unter der jedes Jahr auf’s neue entflammenden Debatte darüber, wie lange man dem jeweiligen gegenüber (noch) ein „Gutes Neues“ wünschen darf, ohne als hoffnungslos antiquiert, vertrottelt, indoktrinär, reaktionär, fundamentalistisch oder gefühlsduselig zu gelten hat, liegen dürfte. Kürzere Sätze waren auch so ein Vorsatz, überhaupt: sich kürzer und effizienter durch eine Welt zu bewegen, deren Aufmerksamkeitsspanne unter die Länge einer Twittermeldung gefallen ist…Aber halt, ist das nun noch ein Vorsatz oder befinden wir uns hier schon im Bereich einsetzender Resignation vor den „Wirklichkeiten“ des Alltags?

Natürlich – und wer sich jetzt noch darüber wundert, dem oder der wird es vermutlich auch nicht mehr helfen, wenn ich nun irgendetwas über die apotrophaisch-psychologische Entlastungs- und Externalisierungsfunktion(en) und die narrativ-kommunikative Funktion rituell tradierter Idealismen bei der Transformation und Internalisierung grundlegender Erwartungs- und Rollenstereotype und der mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Muster akzeptierten/wünschenswerten Verhaltens (nichts anderes sind Gute Vorsätze, jedenfalls wissenschaftlich betrachtet ;-)) schreibe.

Prinzipiell genügt es zu wissen, das die schrecklichen Zwillinge Pragmatismus und Oportunität gepaart mit ihren liberal-postmodernen Adoptivschwestern Effizienz und Hybridität ausreichen um im globalisierten Alltag einer an „german angst“ leidenden Absicherungsgesellschaft gute Vorsätze (eigener wie fremder Art) allenfalls zum maximalprofitversprechenden Marktanteil allüberall sprießender Ratgeberabteilungen diverser (on- wie offline) Buchhandlungen und Internetchanells zu degradieren. Vielleicht sind das ja neben der archaischen Vermehrungslust von Blattläusen im Januar die einzig „wahren“ und „übriggebliebenen“ Frühlingsgefühle der reflexiven Moderne.

Also mehr Rationalität und Effizienz beim Wünschekauf?

Nein, es ist ja gerade unsere herrliche Inneffizienz und urhumane Irrationalität, welche uns davor bewahrt endgültig zum digital auslesbaren Steuerungsobjekt zu werden, aber vermutlich arbeitet der Neue Supercomputer der NSA auch schon an einer Varianzgleichung dieses „Problems“ und ich hänge wieder einmal am Vintage-Angelhaken der humboldtschen Neo-Humanismus-Nostalgie.

Was wünscht der geoutete Mann von heute also seiner wunschlos verängstigten Mitwelt zum Neuen Jahr?

…Lebt lustvoll, vergesst sämtliche gesellschaftlichen und sonstigen Vorgaben, verschwendet was ihr habt und denkt vor allem nicht ans Morgen, Gestern, Heute oder an irgendwelche anderen apokalyptischen Szenarien gesundheitlicher, beruflicher, sozialer, ökonomischer, kultureller oder sonstwelcher Provenienz.

Klingt verdächtig nach wilder Wasabi-Knabbermischung aus neoliberalen Finanzmarktstrategien, Coaching-Weisheiten, dem letzten „Kurs zum eigenen Ich“ und tantrischen Allerweltsphantasien mit eingeschlossenem Zwangsegotrip…aber genau dafür sind gute Vorsätze ja da, sie sind hedonistisch, selbstsüchtig, assozial und/oder egomanisch, alles andere ist Ideologie, oder zumindest ganz furchtbar chauvinistische, eurozentristische und rassistische kulturelle Hegemonie und die mag im Zeitalter der „maybe-generation“ keiner mehr wirklich, oder?

Esst die letzten Lebkuchen ohne Reue erst im August, schaut den Aphidoidea beim Partnertausch wärhend der Heterogonie zu (nein das ist kein Vorschlag für die neueste Adaption klassischer Mythen durch Hollywood & Co.), und bitte: lasst den Christbaum und die Weihnachtskrippe gemeinsam mit den chinesischen Neujahrsscherenschnitten und den iranischen Weizenkeimlingen bis mindestens Ostern stehen um das Vakuum des dekorativen „in-between“ mit Sinn zu erfüllen!

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für’s Neue Jahr!

Euer

wie immer viel zu lang bloggender ALexnikanor

Integration

Lindenblüten im Fackelschein, Margeritenkugeln an Zitronenjus,

unter crèmefarbenen Baldachinen: die dörfliche Gentry.

Über dem Sportplatz grillen die Türken,

man sitzt erhöht, degustiert Wein und betrachtet die Spiele.

 

 

Von Werbepausen, Alpenglühn, Skispringern und Saupreißn…

Alpenglühn

Lieber winterlicher Sportkanal;

Ich weiß, wir haben seit frühester Kindheit ein etwas ambivalentes Verhältnis. Dein überschwänglicher Enthusiasmus, der sich zur Winterszeit nicht selten mit jagerteegesätigter Almhüttenromantik, nationalfarbenschwingenden Wikingerhelmträgern und den Flugversuchen unterernährter Adler in aerodynamischem Neonpolyester verbindet erzeugt – zugegebenermaßen – eine gewisse Faszination.

Die farblich abgestimmten und mit kunstvollen Pailettenstickereien verzierten Schlittschuhüberzieher, das zahnlose Lächeln kanadischer Eishockeyspieler, der fröhliche Todesmut eiskanalgestählter Weißwürste und dann erst die exakt gesteckten Tannenbuschen auf der „Schanz“ und der echt zünftige Jodler des Moderators beim Abfahrtssieg der Damen im Riesenslalom.Hach… Alpenländisches Matterhornidyll in seiner reinsten und unschuldigsten Heidi-Form!

Und doch…irgendwo steckt auch in mir ein kleiner Reinhard Fendrich, und ja ich bekenne es ganz offen, auch mir ist schon so manch amüsiertes „Hoppala“ entsprungen, wenn’s bei 165 Km/h wieder einmal einen der Goldbuam auf der Streif so richtig brutal zerlegt hat. (O-Ton 85-jährige Großtante aus Niederösterreich: Sonst wärs jô eh faad…)- Leider gilt bei einigen NGO-Vertretern und Rohkostgutmenschen das ritualisierte Totengedenken bei Sportschau, Hefekranz und Sonntagskaffee inzwischen als politisch leicht inkorrekt. Warum eigentlich? War es nicht schon immer der Sinn des Sports sich in Form waghalsiger Wendemanöver der Gefahr des nur scheinbar gezämten Todes auszusetzen? Sind Skispingen und Riesenslalom, Eisstockschießen und Rodeln denn nichts anderes als sublimierte Initiationsrituale, mit deren Hilfe der Ipod geschädigte Bankerlehrling von heute das Tier in sich entdeckt? Hat nicht schon Kaiser Franz Joseph – Gott hab ihn selig! – seiner Sissi nicht unter Lebensgefahr beim Eiswasserfallklettern Edelweiß gepflückt?  O tempore, o mores…

Am schönsten aber sind…nein nicht die Ferien, die Werbepausen! Da haut’s einen Weitspringer bei 9 Kilometer Seitenwind von der Schanz, aber wir „haben“ jetzt ersteinmal ein kleines Bisserl Werbung! Als sei’s ein Dopingguatserl vom Deml und noch dazu eine riesen Malebumpanez!

Erwacht aus der Erinnerung an die legendären Kindersendungen des Österreichischen Staatsrundfunks, fällt einem beim nächsten Jagertee irgendwann doch auf, dass das ganze so falsch ja nicht ist…Botox, Schnee, Clenbuterol und  Eigenblutkonserven bekommt man zur Hochsaison in Skt. Moritz, Gstaad, Kitzbuehl , oder Kranjska gora eh leichter als eine ordentliche Brettl-Jausn!

Und wenn man sich dann, angeregt durch die mediale Bilderflut des Wetterfernsehns, gamsbartschwingend und jauchzerverströmend zusammen mit 3 Millionen Gleichgesinnten auf der A8 in Richtung Großglockner, Wildhorn und Trafoier Eiswand aufmacht und nach 9 Stunden Stau bei Germknödeln, Zittermusik und Enzian die Last des Alltags endlich hinter sich lässt und sich am nächsten Spätvormittag von der immensen Majestät der Berge gepackt todesmutig mit zwei Dutzend kreischenden indischen Teenies in den Anfänger-Skikurs beim feschen Franzl vom Deppenhügel einträgt…dann, aber nur dann kann es in einer sternenklaren Winternacht passieren, dass einen eine b’sonders leivante Hüttenwirtin namens „Gschaftlhuberin“  um halb zwei Uhr früh weckt und mit sorgenvoll-katholischem Magdalenenblick verkündet „S’ist nôch widarrrr aans verunglückt!“

Das ganze ist nun kein bloßer Versuch der Informationsübermittlung…Nein, will man am nächsten Morgen nicht als DER „Vermaledeite Saupreiß“ durch den Ort getrieben werden, gehört es sich nun frischfröhlich und mit möglichst großem k.& k. Bremborium aufzustehen, sämtliche eventuell noch schlafende Gäste der Alpenpension Koflblick durch das sonore Bassbrummen der antiken Schuhputzmaschine aufzuwecken und bei zünftigem Fackelschein durch Nacht und Frost möglichst „gschwind“ zum Lawinenkegel zu eilen um gemeinsam mit Skilehrer, Bergwacht, freiwilliger Feuerwehr Skt. Florian und dem Blasmusikzug  Erzherzog Johann zu schaung welcher vermaledeite Tschusch, Türk, Süditaliener, Russe, Ami, Niedersachse oder Wiener (bitte in dieser Reihenfolge) in seinem postjuvenil-alpinen Leistungswahn das letzte Schneebrett der Saison losgetreten hat.

Wenn dann der Komandant der örtlichen Schützenkompanie Andreas Hofer II den im Obsgarten des Pfarrers liegenden Saukerl‘ (groooses Kompliment!) mit einem fröhlichen „lebst nô oder hôds di z’rissn“ begrüßt fühlt man sich inmitten von Wellnesstempeln, Gletschermühlen und Nordic-Walking-gestressten Landfrauen erst wirklich daheim!

Danke liebe Zenzi, und es lebe der Sport!