Von Frühlingsgefühlen und (guten) Vorsätzen

Wünsche-Dekonstruiert

Wünsche – Dekonstruiert

Ein Blick in den Balkonkasten verrät es: die frühsommerlichen Temperaturen mitten im Januar haben nicht nur bei den zartsprießenden Tulpen und Schnittlauchspitzen Frühlingsgefühle geweckt, nein, auch die Blattläuse sind schon wieder im Vermehrungsmodus (oder haben diesen garnicht erst eingestellt).

Irgendwo zwischen vergammelndem Laub vom Vorjahr und ersten Pollenschlieren liegen die ausgebrannten Hüllen der Silvesterböller und erinnern an bleigußverstärkte Vorhersagen und Vorsätze für’s neue Jahr. Sport, Gemüse, effizienteres Arbeiten…Pünklich zum Jahresbeginn hat die Menschheit ihr Gewissen wieder einmal mit einem reichlichen Packen ebenso guter wie irrationaler Vorsätzen beladen, deren Halbwertszeit vermutlich deutlich unter der jedes Jahr auf’s neue entflammenden Debatte darüber, wie lange man dem jeweiligen gegenüber (noch) ein „Gutes Neues“ wünschen darf, ohne als hoffnungslos antiquiert, vertrottelt, indoktrinär, reaktionär, fundamentalistisch oder gefühlsduselig zu gelten hat, liegen dürfte. Kürzere Sätze waren auch so ein Vorsatz, überhaupt: sich kürzer und effizienter durch eine Welt zu bewegen, deren Aufmerksamkeitsspanne unter die Länge einer Twittermeldung gefallen ist…Aber halt, ist das nun noch ein Vorsatz oder befinden wir uns hier schon im Bereich einsetzender Resignation vor den „Wirklichkeiten“ des Alltags?

Natürlich – und wer sich jetzt noch darüber wundert, dem oder der wird es vermutlich auch nicht mehr helfen, wenn ich nun irgendetwas über die apotrophaisch-psychologische Entlastungs- und Externalisierungsfunktion(en) und die narrativ-kommunikative Funktion rituell tradierter Idealismen bei der Transformation und Internalisierung grundlegender Erwartungs- und Rollenstereotype und der mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Muster akzeptierten/wünschenswerten Verhaltens (nichts anderes sind Gute Vorsätze, jedenfalls wissenschaftlich betrachtet ;-)) schreibe.

Prinzipiell genügt es zu wissen, das die schrecklichen Zwillinge Pragmatismus und Oportunität gepaart mit ihren liberal-postmodernen Adoptivschwestern Effizienz und Hybridität ausreichen um im globalisierten Alltag einer an „german angst“ leidenden Absicherungsgesellschaft gute Vorsätze (eigener wie fremder Art) allenfalls zum maximalprofitversprechenden Marktanteil allüberall sprießender Ratgeberabteilungen diverser (on- wie offline) Buchhandlungen und Internetchanells zu degradieren. Vielleicht sind das ja neben der archaischen Vermehrungslust von Blattläusen im Januar die einzig „wahren“ und „übriggebliebenen“ Frühlingsgefühle der reflexiven Moderne.

Also mehr Rationalität und Effizienz beim Wünschekauf?

Nein, es ist ja gerade unsere herrliche Inneffizienz und urhumane Irrationalität, welche uns davor bewahrt endgültig zum digital auslesbaren Steuerungsobjekt zu werden, aber vermutlich arbeitet der Neue Supercomputer der NSA auch schon an einer Varianzgleichung dieses „Problems“ und ich hänge wieder einmal am Vintage-Angelhaken der humboldtschen Neo-Humanismus-Nostalgie.

Was wünscht der geoutete Mann von heute also seiner wunschlos verängstigten Mitwelt zum Neuen Jahr?

…Lebt lustvoll, vergesst sämtliche gesellschaftlichen und sonstigen Vorgaben, verschwendet was ihr habt und denkt vor allem nicht ans Morgen, Gestern, Heute oder an irgendwelche anderen apokalyptischen Szenarien gesundheitlicher, beruflicher, sozialer, ökonomischer, kultureller oder sonstwelcher Provenienz.

Klingt verdächtig nach wilder Wasabi-Knabbermischung aus neoliberalen Finanzmarktstrategien, Coaching-Weisheiten, dem letzten „Kurs zum eigenen Ich“ und tantrischen Allerweltsphantasien mit eingeschlossenem Zwangsegotrip…aber genau dafür sind gute Vorsätze ja da, sie sind hedonistisch, selbstsüchtig, assozial und/oder egomanisch, alles andere ist Ideologie, oder zumindest ganz furchtbar chauvinistische, eurozentristische und rassistische kulturelle Hegemonie und die mag im Zeitalter der „maybe-generation“ keiner mehr wirklich, oder?

Esst die letzten Lebkuchen ohne Reue erst im August, schaut den Aphidoidea beim Partnertausch wärhend der Heterogonie zu (nein das ist kein Vorschlag für die neueste Adaption klassischer Mythen durch Hollywood & Co.), und bitte: lasst den Christbaum und die Weihnachtskrippe gemeinsam mit den chinesischen Neujahrsscherenschnitten und den iranischen Weizenkeimlingen bis mindestens Ostern stehen um das Vakuum des dekorativen „in-between“ mit Sinn zu erfüllen!

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für’s Neue Jahr!

Euer

wie immer viel zu lang bloggender ALexnikanor

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Reise nach Kythera 2 – The island that differs

Geschenkte Trauben aus Amir Ali

Kythera ist anders…wer kennt nicht solche und andere Werbesprüche aus unzähligen Prospekten, Anzeigen und ökonomisch aufgeschlossenen Web-Blogs selbsternannter Lokalexperten.

Die Kytheranischen Tourismus- und Marketingexperten sind da keine Ausnahme. Die Insel ist nicht nur anders, sie ist, laut Aussage gut unterrichteter Web-Sites „one island, one world“ oder mindestens „the island of joy and beauty, a meeting point of nature, civilisation and love.“

Vermutlich geht es einfach keine Nummer kleiner, wenn es um die Privatinsel der Göttin Aphrodite (in Antiken Quellen nicht selten einfach „Kytheraia“ genannt) geht. Richtig gehört: Kythera nicht Zypern! Wer mehr dazu wissen will darf gerne hier nachlesen!

Wo genau die meerschaumgeborene greichische Liebesgöttin das Licht der Welt erblickte ist hier freilich genauso umstritten, wie andernorts. Jeder will ein bisschen vom Ruhm der Göttin abhaben. Fragt man die Einheimischen war es ganz gewiss der nächstgelegene Strand am Ende der Schotterpiste, gleich links neben dem eigenen Häuschen oder Weinberg. Und wenn’s der vom Nachbarn war…auch gut, Kythera ist schließlich überall schön, und weshalb sollte sich die freigiebige Göttin nur für einen Strand entscheiden…Darunte rauch der eine oder andere, an dem bis heute Schilder mit recht eindeutig, zweideutigen Hinweisen darauf hinweisen, dass hier nicht nur gelegentliches Nacktbaden üblich ist, sondern sich die Menschen in etwas abgelegeneren Ecken auch auf andere Weise näher kommen…Ich liebe diese Art von Humor der Kytheraner, die es fertig bringen, selbst bei der abgelegensten Kapelle mit Edding die Karrikatur eines deutschen Oberlehrers mit erhobenem Zeigefinger auf den dort bereitstehenden Mülleimer zu malen und damit ihre griechischen Landsleute und Urlauber zur ordnungsgemäßen Entsorgung ihres Mülls auffordern. Wer das ansonsten im Mittelmeerraum omnipräsente Phänomen des unbedacht in die Gegend geworfenen Mülls kennt, wird vestehen, dass bereits das Vorhandensein dieses Mülleimers, un der Fakt, dass dieser ganz offensichtlich auch regelmäßig geleert wird, ganze Bände über die Kytheranische Mentalität und die Liebe der Kytheraner zu ihrer Insel erzählt!)

Doch zurück zur Frage, wo denn nun diese Aphrodite – Göttin der Liebe und der Schönheit – GENAU dem Meer entstiegen ist. Befrägt man den offiziellen Reiseführer, so wird dieser einem als den ultimativ einzigen und wahren Geburtsort sehr wahrscheinlich den großen Sandstrand von Paliopoli oder den hinter der – von den Alten einfach nur „Kastri“ genannten großen Sandsteinklippe in der Mitte des langezogenen Strandes – gelegenen Strand von Limni nennen, und einen gleich auch noch darauf hinweisen, dass es in den Klippen einen Ort namens „Aphrodite’s Bath“ gibt. Die Erklärung für diese nach deutschen Maßstäben etwas ungenaue Ortsangabe liegt nun weniger darin, dass man nicht sehr genau wüsste wo man suchen sollte (dazu komme ich gleich noch), sondern darin, dass dieser Strandabschnitt – der größte auf der ganzen Insel – bisher touristisch recht wenig erschlossen ist und man sich für zukünftige Großprojekte schon mal einen publikumssichernden Wettbewerbsvorteil sichern möchte. Was könnte da attraktiver sein als der Geburtsort der Göttin der Liebe?

Dass damit wohl endgültig einer der letzten einigermaßen naturbelassenen Strände des Mittelmeers und mit ihm auch die inzwischen äußerst seltene lokale Unterart der Pankratiuslilie (die der Sommertourist in aller regel nicht sieht, da sie erst mit Beginn der Regenzeit, also Ende September/Anfang Oktober blühen) verschwinden wird…Nur ein weiterer Kolateralschaden auf der Liste der durch den globalen Massentourismus verursachten Zerstörungen.

Und wenn ich grade schon bei etwas zweifelhaften Entwicklungen bin: die inzwischen überall angebotenen „Liebeskiesel bzw. Kiesel der Aphrodite“ – kleine herzförmige Kieselsteine, die gefasst oder ungefasst an einigen kleinen Ständen auf den Wochenmärkten und im einen oder anderen Souvenirshop angeboten werden und die es an diesen Stränden besonders häufig geben soll – sind auch erst eine geschickte, und außerdem recht junge Erfindung einiger geschäftstüchtiger Ausländer (wenn ich recht informiert bin, war es eine auf der Insel lebende Deutsche, die auf die Idee kam). Die auf dem Beipackzettel zu diesen „Pretiosen“ gleich mitverkaufte, tourismusgerecht aufgepoppte Legende berichtet denn auch, diese Kiesel seien Reste des Meerschaums aus dem Aphrodite entstiegen sei. Macht man sich allerdings klar, dass es sich dabei dem antiken Mythos gemäß um ein Gemisch aus Salzwasser und dem Sperma und Blut des Uranos handelte, überlegt man sich dreimal, ob man solch ein Schmuckstück mit nach Hause nehmen will…Aber welcher Tourist kennt sich heute schon noch so gut in antiker Mythologie aus?

Begiebt man sich auf seiner Sucher nach der Göttin der Liebe weiter ins Gelände, wird man recht schnell auf verwitterte Schilder stoßen, die auf den sogenannten „Thron der Aphrodite“ hinweisen. Dieser befindet sich – anders als das meist unten am Strand herumliegende Schild vermuten lässt – etwas versteckt über dem Strand unmittelbar an der höchsten Stelle des Felsabbruchs der bereits erwähnten Sandsteinklippe. Überwindet man erst einmal seine in dem Gelände keinesfalls unberechtigte Angst vor den Hinterlassenschaften der Sommertouristen, Giftschlangen und Skorpionen und findet den etwas verwilderten Einstieg hinter der Klippe, kann man vorbei an ein paar mit durchlöcherten Plastikfolien abgedeckten antiken Grüften hinauf zum „Thron“ steigen…und hier beginnt auch schon das Problem mit diesem Strand, seinem Thron und der Aphrodite…In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Gelände um nichts anderes als die traurigen Reste der antiken Nekropole Skandias, bzw. Paliopolis und der Thron der Aphrodite ist nichts anderes als der inzwischen überirdische Rest einer antiken Grabkammer. Mir ist es bis heute nicht gelungen herauszufinden ob das nun zwei Namen für den gleichen Ort, oder zwei nah benachbarte Orte waren…vermutlich lässt sich das Ganze auch nicht mehr so ganz beantworten, da heute entscheidende Teile der Orte fehlen. Warum? Nun…

Aufgrund des Tektonischen Wechselspiels unterschiedlicher Mikroplatten direkt vor der Südspitze des Pelopones ist Kytheras Untergrund alles andere als stabil. Wie auch auf dem benachbarten Kreta oder dem angrenzenden Festland sind auch heftigere Erdbeben hier alles andere als eine Seltenheit (im Durchschnitt gibt’s alle paar Jahre eines mit der Stärke 6-7, vereinzelt sind aber auch wesentlich stärkere Beben aus historischen Aufzeichnungen und geologischen Forschungen bekannt). Das eigentümliche daran ist, dass diese, obwohl die Insel vergleichsweise klein ist, an unterschiedlichen Orten sehr unterschiedlich stark ausfallen können – der Grund dafür ist, dass die Insel von zahllosen Spalten und Brüchen durchzogen wird und jede kleine Mikroplatte sich im Erdbebenfall mehr oder minder unabhängig von der anderen bewegt. In der Praxis bedeutet dies, dass ein Erdbeben auf der einen Seite der Insel ganze Ortschaften schwer beschädigen oder gar zerstören kann, während man es am anderen Ende kaum bemerkt…

Doch zurück zum „Strand der Aprhodite“…Der muss in der Antike komplett anders ausgesehen haben. Vermutlich gab es hier einmal – ganz ähnlich wie heute in Kapsali – zwei weite und durch eine weit ins Meer hineinragende Halbinsel voneinander getrennte Buchten, die – anders als heute – den Schiffen ausreichend Schutz vor den Gefahren der hohen See boten. Auf der Halbinsel, von der heute nur noch die reichlich angeknabberte Klippe von Kastri / Paliopoli übrig ist stand dereinst eine große und , ausgehend von den doch recht beachtlichen Gruften ihrer Bewohner, auch reiche Hafenstadt, die inzwischen durch Erdbeben, Erosion und wohl auch den einen oder anderen Tsunami komplett ins Meer gerissen wurde. Zwar nennt sich eine zwei Hügel weiter gelegene Appartmentsiedlung (bei deren Bau nicht unbedingt pfleglich mit den antiken Überresten umgegangen wurde) auch Skandia, jedoch war dies allenfalls eine Art Vorort des eigentlichen Stadtgebiets, dass heute im Meer versunken, bzw. von diesem „verschlungen“ wurde. Weiß man dies, ist auch eine andere Sache ist sicher, es war – wenn überhaupt – weder der heutige Strand von Limni oder der von Paliopoli, der den Geburtsort der Liebesgöttin bildete, sondern eine heute etliche hundert Meter weiter draußen im Meer gelegene Stelle. Alles andere ist Legende und gutes Tourismusmarketing, Sorry..

Es gehört zu den großen Tragödien der Insel, dass von der in den Antiken Quellen beschriebenen Pracht wenig übriggeblieben ist – und das wenige, dass gefunden wurde (so z.B. der Antikytheraapparat und der zugehörige Schatz hochrangiger Kunstwerke) heute meist in Athen oder anderen Orten zu sehen ist. Das wenige, dass sich heute noch auf der Insel befindet, steht im  Museum steht im nach einem Erdbeben 2006 leider noch immer geschlossenen Inselmuseum…eine Lösung dieser Missere ist zwar angedacht, wird aber aufgrund der aktuellen Finanzkriese wohl noch etwas auf sich warten lassen…

Es ist ohnehin eher die Party mit Verwandten und Freunden, die wie eh und je im Sommer die Menschen auf die Insel zieht. Insgesamt ungefähr 50 bis 80 Tausend,  darunter nicht wenige Nachkommen der zwischenzeitlich in die ganze Welt ausgewanderten Kytheraner. Dazu kommen noch einige Hundert Remigranten, die’s halb- oder Ganzjährig aus der Diaspora auf ihre „Heimatinsel“ zurückzieht, ca. 500-700 Albaner, die in den 1990er Jahren zugewandert sind und in Orten wie Frilingianika und einigen anderen Weilern inzwischen die Bevölkerungsmehrheit stellen und im Frühjahr und Herbst inzwischen auch einige Wanderenthusiasten, die die wilde Schönheit der Landschaft genießen und auf der Suche nach Ruhe, auch die abgelegensten Schluchten unsicher machen, oder sich mit ihren gemieteten Kleinwagen über abenteuerliche Schotterpisten kämpfen (Ein Allrad-Jeep wäre hierzu zwar besser als ein kleiner Hjunday, aber der passt hier einfach nicht überall durch…). Den Rest des Jahres haben die Einheimischen die Insel und ihre Sturmwinde fast für sich allein – ob das noch lange so bleibt, ist allerdings zu bezweifeln, der Tourismus legt in den letzten Jahren auch in der Nebensaison zu, und so wird die Insel in Zukunft wohl kaum noch der „Geheimtip“ sein, der sie gerade – noch – ist.

Noch allerdings dauert die Hauptsaison auf Kytehra nur vom 15. Juli bis 15 September. Dann sind alle Zimmer zwei und dreifach ausgebucht, die Autos stauen sich auf den kleinen Straßen, das Leben ist ein einziges großes Fest und überall tanzen die Menschen auf den beleuchteten Straßen (vor allem bei den großen Abschiedsfesten der Exil-Kytheraner um den 25. August herum). Außerhalb dieser Zeit kommt täglich nur eine kleine Propellermaschine und zwei, ebenfalls recht kleine Fähren, die aber mehr Kleinlastwagen mit Gütern des täglichen Lebens, als Menschen auf die Insel bringen.

Vielleicht – nein ganz sicher – liegt es an dieser noch relativen „Unbekanntheit“ der Insel, dass man gelegentlich von einer alten Frau, die gerade auf dem Heimweg von der Weinernte ist angehalten wird und mit einem strahlenden Lächeln eine ganze Tüte Trauben einfach so in die Hand geddrückt bekommt – geschenkt und einfach so. Nichteinmal den Berg nach Karavas hochfahren durfte ich die alte Dame samt ihrer Lastenkraxe voller Trauben. Auf mein Anbebot sie die paar Meter mitzunehmen meinte sie nur: sie sei diese Strecke ihr ganzes Leben lang geloffen, und werde es mit ihren 84 Jahren nun auch nicht mehr anders halten.

Vielleicht grüßen deshalb auch noch beinahe alle Bauern auf den Äckern und Wiesen jedes vorbeifahrende Auto (inklusive Touristen), vielleicht wünscht einem der Priester deshalb auch noch am Dorfbrunnen einen schönen Abend und segnet einen selbst und das Auto gleich vorsorglich in einer improvisierten Kurzzeremonie mit, vielleicht gibt es deshalb noch immer Menschen, die im Herbst das Salz aus den kleinen Felslöchern am Strand aufsammeln und aufwändig von Hand von kleinen Steinchen säubern (das Kytheranische Salz schlägt dabei meiner Meinung nach jedes noch so feine Fleur du sel um Längen!), und vielleicht ist es wirklich nur der kurzen Saison geschuldet, dass man bei der Heimkehr ins Appartment einen Teller mit Kuchen und frischen Feigen vorfindet und einem – obwohl man gerade mit gefühlten zwei Dutzend Einkaufstüten vom Mini-Supermarkt wiederkommt – der Zimmerwirt vor dem Schlafengehen „noch schnell“ einen Teller mit von seiner Frau gerade frischgebackener „Spinat-Pita“ vorbeibringt, damit man nicht verhungert (Gott behüte!)…

Ich selbst bilde mir aufgrund dieser Erfahrungen ein, dass sich Kythera in diesem Punkt wirklich von anderen griechischen Inseln unterscheidet. Die Menschen hier sind eben (noch) nicht nur am Geld interessiert. Ihnen ist wichtig, dass man sich bei ihnen wohlfühlt und sie freuen sich (noch) über jeden Fremden, die auf ihre Insel kommen. Vielleicht ist das ja das Erbe der göttlichen Aphrodite. Wenn ja, hoffe ich, dass es den Kytheranern und ihren Besuchern noch sehr, sehr lange erhalten bleibt und die Bewohner dieser Insel nicht die gleichen Fehler begehen, wie sie auf Santorin oder Mykonos passiert sind. Einmal zerstört ist diese Welt und ihre Art des Lebens und gegenseitigen Umgangs nicht mehr herstellbar.

PS: Für alle, die sich jetzt fragen, wo denn dieses Bad der Aphrodite liegt…nun auch da gibt’s zwei Varianten:

Die erste liegt am südlichen Ende des Strands von Limni an einer Stelle die heute im Allgemeinen Asprogas genannt wird…Richtig geraten, es sind die komischen Löcher und Durchbrüche im Fels am südwestlichen Ende des Strandes durch die die Gischt wie in einer Waschstraße spritzt. Und ja, es gibt tatsächlich Verrückte, die meinen da ein Bad nehmen zu müssen, trotz gefährlicher Strömungen, Hoher Wellen und scharfer Felsen…Aphrodite muss einen sehr guten Neoprenanzug besessen haben).

Die Zweite liegt am Lykodemos Strand am Ende einer ziemlich abenteuerlichen Abfahrt. Es ist jedoch nicht die am eigentlichen Strand gelegene Höhle, in der angeblich auch eine Süßwasserquelle vorhanden sein soll, die aber im Bestreben den Strand „aufzuwerten“ wie auch einige der umgebenden Felsen in den letzten Jahren mit einem hässlichen Zementboden ausgegossen wurde, so dass von der einstigen wilden Schönheit wenig übrig blieb. Die Höhle die ich meine ist etwas kleiner und befindet sich ein wenig abseits des Strandes inmitten der Klippe. Für Nicht-Einheimische ist sie beinahe unauffindbar, da sie weder von See noch von Land besonders gut zu sehen und zu erreichen ist. Aufgrund des alles andere als ungefährlichen Geländes und des für Fremde gerade an dieser Stelle nur sehr schwer einschätzbaren Wellengangs, warne ich daher hier ausdrücklich sich ohne einheimische Begleitung auf eigene Faust auf die Suche zu machen! Wer jedoch das Glück hat, jemanden zu finden, wird sich an einem der schönsten und ursprünglichsten Orte der Insel wiederfinden, dessen Schönheit allenfalls mit der großen Höhle auf der vorgelagerten Felseninsel Hydra oder den Wasserfällen von Mylopotamos nach einem kräftigen Frühlingsregen zu vergleichen ist. Der Eingang zur Höhle liegt versteckt zwischen scharfkantigen Klippen knapp über Seehöhe. Im Inneren findet sich bei ruhiger See ein kleiner Strand aus großen vielfarbigen Kieseln und um einen herum leuchten im Dämmerlich zerklüftete Wände aus bizarr ineinander verschlungenen, vielfarbigen Steinbändern. Das schönste aber ist ein vor dieser Höhle gelegener und durch einige Felsen geschützter, kleiner natürlicher Meerwasserpool in dem sich, bei windstillem Wetter (und nur dann!) herrlich inmitten einer bizarren Szenerie aus türkisblauem Wasser und schwarz-zerklüfteten Felsen baden lässt – für mich ist dieser Ort das eigentliche Bad der Aphrodite, auch wenn diese Höhle wohl erst in den letzten paar hundert Jahren von den hier bei starkem Westwind wild an die Küste schlagenden Brechern aus dem Kliff gebrochen wurde und damit deutlich jünger als die antike Sage sein dürfte.

 

 

 

Im Bamberger Sand zur Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

„Scheiß drauf“ es macht Bum und ist Kerwa!

Schwarzgelbe Security die eifrigst die Einbahn bewacht, denn das Falschwählen ist hier verboten, so wie (fast) alles hier. Hier heißt Bamberg!

Durchfahrt frei nur bis 11, Aufenthalt nur auf Wegen, Alkohol an der Luft ist verboten, für den Lieferverkehr ist aber frei, aber eigentlich ist Parken nur von 8 bis um 12 und nach 9, frei für städtische Angestellte mit Ausweis ist meist auch, oder nicht?

An den rotweisen Barken zum Paradies tönen Schwanengesänge testosteronausgefüllter Prachtbullen vom Lande. Bayrisch Leder in wildbambibraun, made down in Bangla Desh. Und die altfränkische Tracht?

Gibts beim Schützenumzug! Schallala und scheiß drauf, es ist Kerwa und Senioren mit Kindern in Plastikdummdirndeln mit echt Plauener Ätzspitze fühlen sich (noch) nicht in ihrem tiefsbürgerlichen Sicherheitsempfinden gestört. Ich schon, von den Senioren und den klebrigen Kindern mit schwarzroten Liebesäpfeln an neongefärbten Dirndeln, testosteronschwangere Burschen vom Lande sind mir vertrauter, Jungesellenabschiedstraining in der Gastro härtet diesbezüglich ab!

Gradeaus kokelnd Bratwurstbetrieb. Echte Coburger gibt’s nur noch hier.  Noch mehr Testosteron, noch mehr Land, noch mehr Jung, noch mehr Volk, noch mehr Hip und auch Hop, noch mehr Busen, noch mehr Leder und Neon und Waden und Dirndl und Bum: Auch das Sandmädchen trägt Polyester.

„Ich glaab nôch der duads aa nimmä long, middn nai in die Scherm!“ Mitfühlend ist sie ja, die Bamberger Jungjugend und kaut dabei zweierlei Sorten Langós mit Zucker und Zimt und mit Knoblauch und Speck.

„Host noch gheert, s war doch noch a Mortschlächerei“ – Warum „doch“ denkt mein Hirn und denkt gutschwäbisch: Drauf geschissen, ich lebe ja noch und ich sauf! Denn die Kerwa, ja die Kerwa ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn das bei fünf Kirchen im Blick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den anderen 600 jährlichen Dauerevents längst nicht mehr stimmt.

Und das Blut, und das Bier, und den Wein, und die Zwiebel, und die Heimat, auf die Madla und Burschn, auf den Hahn, und den Schlag, und die Musi und Trachten, Krüge hoch!, und die russischen Eier, und die Bratwürst, und as Lager, noch a U, und a Radler, und die Kaiserin Kunigund, und den Heinrich, und as Rathaus, Klein Venedig mit Illumination, und die Fahnen am Kranen ganz in rot und in weiß und in blau.

„Und es sin nach hald alls lauder Verrüchde! S’is noch hold nimmä so, wiäs môl woor, und miä gängan noch gaa nimmä hin, höchschdns schaun!“

Vor der Au sperren Alphörner den Weg. Eine Blonde in zünftig gelackten Ballerinas blickt mich an. Ertapt und fotografiert für die Ewigkeit nicht für’s Netz nur für  privaten Gebrauch, Feind hört mit!

Hinter ihr steht der Notarzt, Präventiv wie (fast) alles im Land. Noch zu früh, viel zu früh für noch für Schlägereien, und den Terror, und die Panik und die Vergewaltigung…die gibt’s erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter, und erst nach Mitternacht, und im Suff, und nur durch dunkelhäutige Menschen mit Migtationshintergrund…alles klar?

Und unser Frankenland es lebe hoch! Und die Jungen im Dreck, und die Kotze am Boden, und die Wildpisser und potentiellen Gefährder ganz hinten in dunklen Ecken.

Noch zu hell für die Schlampen auf Wahlfang, und die mordenden Gondeln, und das unökologische Feuerwerk (is as ned immä wiedä soooo scheh?). Und die stechenden Fischer, und die leuchtenden Lichter, und die funkelnden Augen, und die Zuckerwatte in Justins Haar und den Fisch, heute grün, leicht geräuchert und vom Hering.

Man möchte es eigentlich sagen dieser Dame, dass die hauteng um Celluliddis geschlungenen  Jeans ab drei Zentnern gutostfränkisch-steigerwälder Überspeck durchaus von Nachteil sind. Doch es ist Kerwa, ihr netzförmiges Neontop ist noch schlimmer und außerdem: Sieht Man(n) denn selber in Buisnesshemd Gröe 46 und mit Hosen um die 60 besser aus? Eher nicht!

Dreh dich um, kennst mich, ach ja doch, und wie geht’s, ja doch gut, und man selbst, ja man lebt, und die Eltern, ja doch auch, und Beruf, alles gut, und die Liebe, ach man lebt, und überhaupt schlechten Leut geht’s ja immer gut. Aber wie du nach heist weiß ich nimmä!

Hier, hier, nur hier gibt es Bratwürst…die mit Ausrufezeichen! Eine Hand ganz in Rot warnt am Schlidpfosten laut vor Gefahren von Geisterfahrrädern. Die Sicherheitswacht schläft nicht…nicht in Bamberg, und erst recht nicht zur S-Kerwazeit, weil es könnt, ja es könnt wirklich was passiern, Gott allmächt!

Auf der Mauer ein Paar, sehr versunken in sie gibt er sich Liebe hin, oder ist es nur Sex?  Andre gaffen im Neid, noch nichts selber geschossen, und ich lächle und denke nur: Mut!

Neben mir zwei gepimpte in Muskelschweißhemden von KIK!

„Bist nach abbä aa subbä aufgebumbd“

„Allmächt, ma duud  hold wos ma noch konn!“

Ich will ficken, sagt sie und taucht ab.

Kinderwoochngewühl auf der Brüggn, Klaana Bieschdä, und Handtaschn im Escher-Gedächtnißlook. Selbstverständlich umklammert…die Rumään köndns sonst klaun!

In der Nase läuft einem von Karamel, und am Himmel, am Himmel da hängen die Herzen aus Lebkuchen, nicht aus Marzipan! Alles rennt, alles schiebt und es drängt mich hindurch, wohin denn, drauf geschissen es ist Kerwa! Über Mir unter Sonne sind Wimpel und ganz tief mitten drinn, mitten drinn dort im goldenen Schnitt nur 3,80, Nicht mal 4 für ein Maß, Tempo 30 verdammt!

An der Ecke in Kinderarbeit: Festabzeichenverkauf…Mutter nervt, das Kind heult, Vater tut, als gehöre er anderswo hin, nach Mallorca vielleicht, oder doch nach Kambodscha?

Erste Glühbirnenschatten im Wasser an den Ufern die Haifischbar, mit drei Kumpels ein Bier hinterm Rattanzaun dazu ganz sanft das Geknatter von im Wind aufgeschnatter Rentner.

Es gibt fünf oder zehn Süßzeugsgestände, aber wir kaufen hier, hier wo sie IHRE zuckergesüßten Kracherlesmandeln einkaufen will. Nicht die schlechten von drüben, sondern die, die beim Essen ganz sicher die die Zähne ausreißen! Ich Depp stehe mit an, bin solidarisch, so wie all die andern, zwei bis drei Stunden lang sicher – Mandeln sind aus! Drauf geschissen und notiert: Nächstes Jahr keine Freundin im Sand!

Weiter hinten hat wegen des längst überfälligen Fettabscheidereinbaus der Pelikan zwangsweise Urlaub. All der Stuck, und Substanz und die Pflanzen müssen weg, schon am 19. mitten drinn in der Kerwa kommt der Bagger, gottverdammt! Und am Haus gegenüber is fei geschmückt!

Auf dem Schreibtisch daheim liegen Bücher, und zum Frühschoppen zwei halbe Maß und ein Radler und 4  Weißwurst, und süßer Senf, zwei Servietten, 10 Freunde und ja, auch ein ganz kleines bisschen Volksnähe im Suff.

Auf der Bühne ein Hühne mit Frau, schlechter Reim. Neben dem Klo gibt’s Fanartikel und CDs.

Glotz net blöd, wer ist Zoo und wer draußen? Die japanische Touristin im Kakitarnkleid schießt schnell ein Photo von so unglaublich viel echt deutschländerischem Gorillabrauchtum. Krüge hoch, draus gesch…denn die Kerwa, ja die Kerwa, die ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn’s  das bei Fünfkirchenblick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den all den andren gefühlten 652 Events längst nicht mehr stimmt! Letzen Monat DIE allererste erschreckende graue Wimper. Frau Kasamoto aus Tosashimizu hat recht, auch ich bin nur ein Silberrücken laut Facebook!

Ich bin glücklich und nass, und vom Himmel tropft Regen in Scharen. Nicht als Hunde und Katzen tropft er dieses Jahr, nein, es regnet verhagelte Zahlen. Statt 100.000 nur 52 im Nasskalten nichts und nicht einer ist Wurst oder hält wenigstens eine Maß in der Hand, auch nicht für 3,80!…

In der Gasse am Stand leere Gesichter, entgangene Gier und verscheuchter Profit. Mutter Natur kann sehr grausam sein und all die Burschen und Madln, sie tuen mir Leid, wirklich Leid richtig schmerzhaft und ich Kaufe die Maas und zahl sogar Pfand, und ich trinke, ja ich trinke das eiskalte, wässrige Bier, hier im  Regen der mir hinten den Rücken abläuft.

Mir ist kalt, meine Zehen quietschen im Schuh. Nur schnell heim, aus dem Nass! Meine Beine sind Gummi und mein Weg ist ein schlammiger Bach und ein See. Eine letzte gebratene Zwiebel nur noch, eine nur! und dann raus aus den modernden, nadelgestreiften Hosen. Lederhosen sind kurz, und mit Spritzklappenschutz!

Vor dem Licht aus dem Stand fahle Lippen. Nicht nur Bier, noch was andres ist drinn in dem unterernährten Kerl mit den blassgrünen Augen. Geht mich alles nichts an, und ich will keinen Stress, nicht heut Abend und morgen, Kerwa ist, ich bin selig,  und sie ist – Gott sei Dank – nur einmal, dann ist Schluss, ob nun mit oder ohne das Hochfeuerwerk, drauf geschissen, noch a U und seid’s nett, ruft dem Kerl noch den Notarzt!