Vom Überzwerch sein – oder, warum Schwaben im Exil manchmal extrem komplizierte Menschen sein können…

Labyrinth

Labyrinth

Halb‘ zwölf und mitten in der Nacht und ich, ich ärgre mich – immer noch.

Ob über mich, ob über andere, ob über die Welt, ob über das, was mich an dieser einen Welt so allgemein und ganz im besonderen stört, oder ganz einfach nur über die Unvereinbarkeit der eigenen mit hunderttausend anderen Wahrheiten – ich weiß ich nicht!

Trotzdem oder gerade deswegen ärgere ich mich, bin über Kreuz – in Hochdeutsch.

In Schwäbisch hat dieses sich Ärgern über etwas, von dem man garnicht so genau weiß warum es einen oder man sich selbst ärgert einen Namen: Irgendetwas zwischen grantlá und griablá – was keineswegs mit hochdeutsch „grübeln“ oder gar dem reichlich romantischen Gefühl des allgemeinen „Weltschmerz“ und schon garnicht mit den gutmenschlichen Hypermoralismen gewisser Wut- und Besorgtbürger einher geht – auch und gerade wenn man letzteres angesichts einiger pseudobesorgt-egomanischer Stuttgart 21ler und lautstark pietistisch-homophober Kritiker des Lehrstoffs „sexuelle Vielfalt“ an baden-württembergischen Schulen durchaus mit Recht bezweifeln mag.

Schwäbisch griablá ist eine sehr viel fundamentalere, negativere, tiefschürfende und markerschütternde, aber eben auch schöpferisch existentiellere Tätigkeit. Eng verwandt mit dem Zweifel an allem und jedem inklusive dem eigenen Ich, und daher tiefstphilosophisch und ganz elementar, gelegentlich durchaus auch in Kombination mit dem ebenso zerstörerischen wie hochproduktiven Gefühl der Wut (bis hin zum heil’gen Zorn, der aber – wie oben anhand der schwäbischen Wut- und Pietistenbürger – leicht ins fundamentalistische kippt), bin ich mir gerade nicht mehr ganz so sicher, ob meinem Gefühl des Ärgers und des Zorns nicht noch ein Ver- vorangestellt werden muss und ob ich deshalb den Urzustand des zweifelnden Verärgertseins nicht längst längst zugunsten von etwas urschwäbisch-fundamentalerem hinter mir gelassen habe.

Dem nämlich was man südlich des Odenwalds und Hohenlohes iabrzwerch zu nennen pflegt.

Wortwörtlich übersetzt, mag dies irgendwas wie „über dem Zwerg – also dem Faden“ und nicht unähnlich der Metapher „Über die Stricke oder Stränge schlagen“ bedeuten, jedoch ohne deren durchaus auch positiven Conotation. Ob „iabrzwerch“ allerdings mit dem oben erwähnten  erwähnten „über Kreuz sein“ ident ist, weiß ich nicht, da es gleichzeitig Ursache (die Unzufriedenheit) wie auch Reaktion (das über die Stränge schlagen, vor allem bei Kindern) meinen kann.

Vermutlich muss ich mich daher einfach mit der schlichten Erkenntniss begnügen, dass die Schwaben aus Geschichte klug und vorsichtig geworden, über die Zeit eine besondere Affinität zum Doppeldeutig-Abgrundhaften entwickelt haben und diese Liebe durchaus in der Lage scheint in zwei oder weniger Wortfetzen die -nur scheinbar diametrale – Divergenz zwischen mittels Lot und Faden abgezirkelten Direkten, ordentlichen oder auch nur „normalen“ Ruhen in sich selbst (Dem was Soziologen und Psychologen so leichthin Identität – also das Übereinstimmen mit dem eigenen Ich) und dem was man so gerne wäre, wünscht, ersehnt und anderen sein und geben möchte. Das diese „überzwerche“ Sehsucht nach dem  besseren und guten „Über-Ich“ niemals „ganz“ und „wirklich“ sein kann und darf, weil sie in ihrem Wesen nicht nur gut und heil, sondern zugleich den Keim des diktatorischen und menschenverachtenden in sich trägt, das diese Sehnsucht stets mit dem tödlichen Makel totalitaristischer Ideologie und mörderischer Utopie verbunden ist – auch das hat der am schieren Sein ganz iaberzwerch gewordene Schwabe bitter lernen müssen. Und dies nicht erst in Zeiten als das „Heil!“ zum hohlen und verlogenen Gruß für selbsterklärte „Führer“ verkommen war.

Dieses Gefühl der unabwendlichen Unfertigkeit des Seins ist aber fälschlich Depression. Der Schwabe besitzt Ehrgeiz, manchmal sogar viel zu viel davon und er hat in aller Regel vor lauter Schaffenslust gar keine Zeit um depressiv zu sein. Ein Schwabe oder eine Schwäbin sind dabei maximal abgeschafft, was hierzulande nicht als Burnoutwarnzeichen, sondern höchstes des höchstmöglichen Lobes zu verstehen ist. Es kommt nicht ganz umsonst, dass er und sie als produktivstes, analytischstes und zielstrebigstes aller Wesen gilt, wenn auch dieser Ehrgeiz stets sehr individuell und einzeln bleibt und man es nicht besonders schätzt, wenn dieses Lob allzu öffentlich wird, und einen über den anderen erhebt.

Der Schwabe ist ein Tüftler, Denker, Macher, Schaffer, Gruschtler, Grübler, Denker – und er tut dies vorzugsweise für sich ganz und gar allein zum eigenen Vergnügen. Dabei spricht nicht, sondern er macht – und tut, tauscht sich dabei nicht oder äußerst selten aus, bis etwas ganz und gar in seinen Augen fertig ist – und dann erübrigt sich eh jeder Kommentar, weil das, was rauskommt einzigartig, unvergleichbar  ist – zumindest in den eignen Augen und dieses „Eigenlob“ ist dem Schwaben hunderttausendmal wichtiger als jeder Nobelpreis…denn einen schärferen Kritiker als einen iabrzwerchen, mit allem unzufrieden und an allem zweifelnden Schwaben gibt es nicht auf dieser Welt!

Was der Schwabe daher absolut nicht ist, ist ein Team(-arbeiter). Dafür fehlt ihm der Sinn – oder besser gesagt, es fehlt ihm der Sinn an diesem Tun, da nur das Endergebnis und das eigne Urteil zählt, dem aller Anderen misstraut er und er tut es mit sehr gutem Grund – da er (oder eben sie, die Schwäbin) schon als kleines Kind das Gefühl des Iabrzwerchseins kennt und daher an allem und jedem zweifelt – vor allem an der für ihn reichlich überflüssigen Konvention von ungerechtfertigtem Lob oder permanenter Freudlichkeit. Er oder sie braucht andere eben nicht, um mit sich selbst im Reinen zu sein, braucht nicht die Bestätigung der anderen, sondern nur die eigene – sie ist die einzige die zählt, und sie fällt einem nicht einfach zu, sondern will hart erarbeitet sein. Diese „Selbstarbeit“ und permanente Selbstüberprüfung ist für Schwaben ganz normal, und sie setzen es selbstveständlich auch bei allen anderen menschlichen (und manchmal auch bei tierischen Wesen, wie gelegentliche Dispute von Schwaben mit ihren „uneinsichtigen“ Haustieren reichlich belegen) voraus. Sorgloses in den Tag hineinleben oder sinnenfrohe Selbstvergessenheit sind ihm daher fremd – und er vermisst sie (meist) aber auch nicht, und wenn’s dann doch mal soweit kommt, fährt man eben nach Italien, aber nicht länger als zwei Wochen, denn länger hält man das garnicht aus…Wozu etwas Loben, wenn es gut ist?

Nix gsait isch gnuag g’lobt – oder anders gesagt: Funktioniert eteas nicht, ist dies kein Zufall, sondern tadelswerte Absicht des je anderen, die nicht auf Vergesslichkeit oder Unfähigkeit, sondern darauf beruht, dass der andere sich nicht genügend anstrengt, und ganz offensichtlich in hedonistischstem Selbstlob gefangen ist. Sprich: die Kritik kann, wenn sie denn kommt – und sie kommt spät, da es den iabrzwerchen Schwaben normalerweise nicht interessiert, was andere machen, da sie nicht Teil der „eigenen“ Welt sind – sehr heftig und grundsätzlich ausfallen. Je nach persönlichem Temperament kommt dabei dann eben die kehrwochenkontrollierenden Nachbarin oder das einsame Genie heraus, dessen Erfindungen man erst posthum entdeckt.

Tue und schweige (meist) darüber und nerve andere nicht mit dem was du beim tuen tust und denkst, das ist das Credo. (Daher ist das, was ich gerade mache sehr unschwäbisch).

Wer mit dem, was er kann herausdringt, wer sich darstellt und gar vermarktet, wer offen sagt was er sich denkt und sein geheimes, eignes, individuelles Wissen teilt, gilt als zutiefst verdächtig, denn der Schwabe ist zu klug um auf geblähte Lebensläufe einzugehen oder sich Wörter anstatt Taten anzuhören – für ihn sind sie im besten Falle heiße Luft und Zeitverschwendung, im schlechtesten Verrat und Lüge. Nur das Ergebnis zählt und es genügt, der Weg ist individuelle Sache, wie dies geschieht, wie lang es dauert, was man dabei macht, fühlt und denkt, geht absolut niemanden etwas an und ist tabu – der geborene Erfinder eben, nicht der Entrepreneur, denn Geld gilt als moralisch höchst verwerflich. Man hat es, zeigt es nicht, spricht nicht darüber (allenfalls in Form von Hektar, aber das nicht gern und nur im Rahmen von Heiratsverhandlungen und beim Finanzamt) und genießt für sich (wenn überhaupt, denn Geld zu haben heißt nicht es auch auszugemen).

All das macht den Schwaben und die Schwäbin nicht nur für Nicht-Schwaben recht schwierig im Umgang, vor allem aber zum schlimmsten Alptraum aller Serviceorientierten Teamlader oder Werbestrategen… Die schwäbische Hausfrau, die sich im Geschäft jede Hilfe verbittet, weil sie dahinter (zurecht) den Versuch vermutet ihr etwas aufzuschwatzen was sie nicht braucht, oder der Schwabe, der einen Kellner zurechtweißt, weil er es gewagt hat mehr als die Bestellung auf- und die Rechnung abzunehmen sind legendär (was nicht heißt, dass man als Kunde nicht die absolute Aufmerksamkeit des Personals erwartet, aber eben ohne dass es einen durch den Laden verfolgt oder alle zwei Sekunden fragt, ob man etwas braucht. Man ist schließlich aus dem Kleinkindalter heraus und wird sich schon rühren, wenn man etwas braucht – dass man für Leistungen, die man nicht braucht selbstverständlich kein Trinkgeld gibt, dürfte sich da von ganz allein erklären). Wie gesagt, einfach sind sie nicht im Umgang die Schwaben, aber höchst effizient und man sollte als Nicht-Schwabe nie die tiefe Anerkennung geringschätzen die sich hinter einem vielsagenden schwäbischen Schweigen, oder gar einem „scho“ (dt. schon (recht)) oder gar „ma ka’s lau“ (dt. man kann es lassen) verbrigt.

Warum das so nun ist? Well, lange Story – wie bereits gesagt: Die Geschichte zeigte dem Schwaben, dass er außer sich allein niemand vertrauen kann. Das macht ihn eigen aber eben auch (selbst-) verantwortlich.

Daher funktioniert der schwäbische Seinszustand des „Überzwerchseins“ ganz und gar anders als das große „Leiden am inneren Schweinehund“ oder der noch größere und allumfassende „Weltschmerz“. Es ist eher das Leiden am Gegenteil, am Zuviel im Kopf, an den ungenutzten Möglichkeiten, aber auch an dem Zwang sich anderen erklären zu müssen…wozu auch?

Verzweiflung und Resignation gehören eher nicht dazu, denn es gibt dazu viel zu viel zu tun, und ehrlich gesagt: es gibt ohnehin zu viel in der Welt an dem man verzweifeln kann, da muss man dann nicht selbst auch noch andere in die Verzweiflung treiben indem man verzweifelt – es „nutzt“ eh niemandem, aber das wäre zu utilitaristisch gedacht für einen Schwaben. Das heißt nun nicht, dass es in Schwaben keine depressiven oder verzweifelten Menschen gibt. Es gibt sogar jede Menge davon, und diese sind dann ganz besonders schlimm drann, da sie etwas nicht mehr können, was der „normalgebliebne“ (aber was ist schon „normal“) Schwabe (noch) kann:

Er oder sie schafft sich, trotz oder gerade wegen allem Andern, die ganze eigene Welt aus Idealen, Wünschen, Gefühlen, Erwartungen, und Aspirationen in eine damit inkompatiblen (Um)Welt wortwörtlich von den Schultern indem er dichtet, denkt, gruschdelt, werklat, schafft, krittlad, wualad oder einfach nur ist (was er oder sie aber in aller Regel keine fünf Minuten aushält ohne dabei irgendetwas zu tun). Er oder sie tut dies aus eigner Kraft und kümmert sich dabei einen gottverdammten Scheißdreck darum was die andern davon denken.

Dass der Schwabe (oder dann eben doch zu allermeist die Schwäbin) dabei trotzdem seine/ihre Kehrwoch macht, ihren oder seinen Vorgarten pflegt, zur Dorfhoggede geht oder seit 30 Jahren als Schriftführerin im örtlichen Schützenverein tätig ist, ist eine nicht zu unterschätzende – und historisch gesehen gar nicht so freiwillig erfolgte – Integrationsleistung, gibt dem Gegenüber aber lange noch nicht das Recht sich in das Innerste des Andern einzumischen. Es ist im Schwäbischen ein gewaltiger Unterschied ob ich den Nachbarn auf seinen unaufgeräumten Vorgarten aus dem Löwenzahnsamen in meinen Garten fliegt hinweise, oder ihn oder sie auf seine „gruschtige“ Werkstatt oder gar Waschküche aufmerksam mache. Ersteres ist öffentlicher Raum und daher kritikfähig, Letzteres Ausdruck des privaten Genies und daher tabu – was im Schwäbischen in aller Regel auch für alle Formen von Kunst und Dichtung gilt. Nix gsait isch gnuag globt kann im Zweifelsfall eben auch bedeuten, dass es nicht gefällt…Richtig, da ist sie wieder die Doppeldeutigkeit und ja, es gibt sie auch die schwäbischen Wutbürger – aber wenn es sie gibt, dann muss irgendwas zuvor ganz und gar und komplett verkehrt gelaufen sein (und meist hat das dann irgendetwas mit Nichtschwaben zu tun, die direkt oder indirekt für das ganze Schlamassl verantwortlich sind).

Für Nicht-Schwaben macht dies den Schwaben zum fast permanenten Minenfeld. Er weiß nicht wo die Grenzen liegen. Für Neoliberale Effizienzfetischisten und work life blender (wie schön, dass der Wortstamm „blend“ im Deutschen, wie auch (Alt-)Englischen einen gemeinen fießen Bedeutungshof von verfälschen und Betrug enthält!) macht es den oder die Schwäbin zum nichtbestechbaren, unkorrumpierbaren Alptraum, denn der echte Schwabe wird stets sehr fein unterscheiden, wo er und sein Privates, ja Intimes endet und der für andere verfügbare (und damit auch vermarkt- und bewertbare) Bereich beginnt. Ob dieser Befund nun so ganz mit dem, was neudeusch „work-life-balance“ genannt wird und einer – gar nicht so undankbaren, sondern sehr weltklugen – Generation Y als schlimmster Makel angedeutelt wird identisch ist – ob es also zu einer „Verschwäbisierung“ postmoderner Lebensstile und -erwartungen gekommen ist, mögen andere entscheiden, dem Schwaben genügt dabei so zu sein, wie er schon (fast) immer war.

Wenn Schwabe und Schwäbin dabei zufälligerweise zur Speerspitze einer modernen Sozialbewegung werden, die es sich nicht mehr gefallen lässt, dass ihr Leben auf Leistung und Verwertbarkeit reduziert wird, auch gut, oder umso besser – und spätestens damit dürfte dann auch klar sein, das schwäbische Effizienz etwas vollkommen anderes ist, als es sich neoliberale Prozess- und Lebensoptimierer träumen lassen. Sie ist im besten Sinne des Wortes „wertfrei“ und damit auch – es tut mir garnicht leid – nicht ökonomisierbar. Wenn dies denn, wie beim Auto doch passiert, dann garantiert nicht aus Absicht, sondern eher aus Zufall, weil’s eben so genial ist, was dabei rauskommt, wenn Schwaben mal wieder „iabrzwerch send ônd deshalb schaffad“. Das kann man nun neudeutsch „hidden crowd intelligence“ nennen, muss man aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn irgend ein IT-ler auf die hirnverbrannte Idee kommt, diese via world wide web erfassen, bewerten und vermarkten zu müssen. Die schwäbische Werkschdatt ist eben kein think pool.

Und damit zurück zum Schwaben: Sein Vesper ist ihm ebenso heilig, wie die Freizeit, denn die braucht er/sie ganz exklusiv für sich allein und das, was er ganzgar für sich, und niemand andern darin schafft – zumindest einen Teil davon. Er akzeptiert hier keine Grenzverletzung, scheidet rasierklingenhaft genau zwischen „Arbeit“ und „Schaffen“.

Arbeit ist für Schwaben allein schon aus moralischer Aufrichtigkeit dem „Arbeitgeber“ gegenüber bzw. dem Fakt, dass er sie nicht ganz und gar für sich selbst tut, nie Erfüllung, sondern bestenfalls produktive Kasteiung, ja Leiden und wird dies auch ewig sein  – anders ausgedrückt: Arbeit funktioniert für Schwaben einzig und allein nach dem Muster der Plage und des Sysiphos.

Schaffen hingegen…Nun das ist für andre – Nichtschwaben – zwar auch Abreit, für den Schwaben aber Selbsterfüllung, die im Idealfall nur völlig eigenbestimmt und daher nur sehr bedingt mit einem Angestelltenverhältnis gegen Entgeld vereinbar ist. Das ganze geht sogar soweit, dass nicht wenige Schwaben geben, die angebotene Entgelder für „Geschaffenes“ rigeros ablehnen, um ihr „Schaffen“ nicht zur „Arbeit“ abzuwerten.

Schaffen ist etwas heiliges, ja schöpferisches, dass nunmal nicht „auf Anweisung“ funktioniert oder funktionieren kann, weil es das benötigt, was der Schwabe „Luas“ nennt, und dem was hochdeutsch „Muße“ ist, entspricht. Und ja, auch Schwaben haben dabei das gleiche Problem der Unterscheidung zwischen Muße und Faulheit wie alle anderen Deutschen, kommen aber zumeist weniger in Verlegenheit diese „Muse“ gegenüber anderen erklären oder gar rechtfertigen zu müssen, da schwäbische Luas meist mit einer recht regen Tätigkeit verbunden ist, und selten länger als 30 Sekunden „Untätigkeit“ beinhaltet, weil man in und mit seiner „Luas“ eben etwas „schaffen“ will und kann (aber eben nicht muss, das ist wichtig, sonst ist das „Schaffen“ – richtig, Arbeit!).

Am besten also lässt man den Schwaben oder die Schwäbin einfach machen, wenn er schafft (und idealerweise auch wenn er arbeitet, dann merkt er oder sie vielleicht garnicht, dass es arbeit ist und denkt er/sie schafft). Und nein, man diskutiert auch nicht mit ihm oder ihr über die Sinnhaftigkeit ihres/seines Tuns. Das hasst er, es ist sinnlos, weil er sich – iabrzwerch wie er oder sie nunmal ist – längst selbst den Kopf über den Sinn zerbrochen hat und zu dem Ergebnis kam, dass sich das, was er oder sie tut – trotz und nicht wegen allem – lohnt.

Daher braucht es für Schwaben beim Schaffen (oder beim schaffenden Arbeiten) keine Diskussion, und ja, er oder sie legen keinerlei Wert auf Abstimmung, Beratung oder auch nur Konsens, da die Entscheidung längst – für sich –  getroffen ist. Danach ist es einfach nicht einsehbar, weshalb es noch mehr als einen Weg geben sollte – nämlich gesagt: den je Eigenen! Und ja, der oder die Schwäbin nehmen es äußerst persönlich, wenn jemand darüber anderer Meinung ist (es dauerte 500 Jahre um dem Schwaben soetwsa sinnfreies, wie die Kehrwoche beizubringen, und es dauerte weitere 200 Jahre um aus den eigenbrödlerischen und auf ihren einsamen Albhöfen sitzenden schwäbischen Bäuerles gute Fließbandarbeiter beim Bosch oder bei Mercedes zu machen. Man sollte also besser nicht am Sinn dieser Tätigkeiten zweifeln, wenn man nicht will, dass der oder die Schwäbin sich auf ihr kulturelles Erbe als eigenständiges Menschliches Wesen besinnt und sofort das System und die Welt wie sie ist als solches in Frage stellt indem sie den Besen einfach Besen sein lässt und den gutbezahlten Job bei den Untertürkheimern hinschmeißt, um sich auf die Alb und in die eigene Werkstatt zurückzuziehen und zu „schaffen“ (Und ja, das gibt es bei Schwaben sehr viel häufiger als bei anderen Menschen, wer’s nicht glaubt der möge sich bei all den Schafzüchtern, Tüftlern und Biosphärenparkführerinnen, Künstlern, KleinsttheatermacherInnen, Käseproduzenten und Solarflugzeugbauern, Besensammlern und Marmelade (schwäb. Gsältz)-Köchinnen und Köchen umsehen, die unser Land so reich machen.

Das mag nun autistisch, ja sozialpathogen klingen, funktioniert aber bestens, solang niemand auf die Idee kommt, ein Team sei mehr als einzelln vor sich hinwurschtelnde Individuen… Wer aber abwarten kann, hofft, glaubt und weiß, dass sich Menschen auch ohne permanente Überwachung, Anweisungen und gutgemeinte Ratschläge, Teamsitzungen und sportliche Betriebsausflüge organisieren können, wer akzeptieren kann, das dieses sich Aneinanderabarbeiten und „Zusammenwurschdeln“ mitunter etwas Zeit braucht (dann aber auch wirklich und auf Dauer funktioniert!), und nicht immer auf den Wegen läuft, die man sich selbst so vorgestellt hat; Wer dann auch noch akzeptieren kann, dass er eben nicht immer bekommt, was er will, sich aber stattdessen über das freuen kann was er völlig unerwartet an mehr bekommt, der ist in Schwaben richtig. Alle anderen sollen es besser lassen, denn sie sind uninteressant für die Bewohner eines Landes, die ganz nebenbei in ihren Garagen und Hinterhöfen etwas wie Flugzeuge und Autos schaffen oder – wenn das gerade zu langweilig wird – eben Gedichte, Theaterstücke, Lieder und Romane schreiben.

Das heißt nun nicht dass der Schwabe Einsatz für andere nicht schätzt, oder gar seine Arbeit nicht erledigt, ganz im Gegenteil, aber er weiß eben auch, dass dies nur ein Teil des Lebens ist und erledigt diese notwendige Arbeit auf seine sehr eigene einzigartige Weise. Und ja, Schwaben wissen auch, dass es neben der Arbeit auch noch anderes und wichtigeres gibt, und nehmen und brauchen diese Freiheit zu Leben und zu schaffen spätestens nach Feierabend auch. Sonst gehen sie kaputt, wie jeder Mensch, dem diese Freiheit nicht gegeben wird. Alles hat eben seine Zeit…Das Arbeiten (dass gutpietistisch eben Leiden ist, und daher auch Aufgaben und Wege enthalten darf, die andere vorgeben, allein schon deshalb, weil man dadurch für seine Sünden büßt) und das Schaffen, das einem ganz und gar allein gehört, und auch am besten ganz allein an einem Ort „macht“ der einem einzig und allein gehört und zu dem kein, oder nur sehr wenige andere Zugang haben.

Das ist vermutlich auch der eigentliche Grund für den wahr gewordenen Mythos vom Schwäbischen Häuslesbauer – Diskussion über ökologische Fingerabdrücke oder Zersiedelung der Landschaft, die Vorzüge des Lebens in der Stadt oder Dörfliche Enge zwecklos! Für den potentiellen Arbeitgeber heißt das, dass der Schwabe im Arbeitsmodus zwar zumeist immer noch schaffiger ist als die meisten seiner nichtschwäbischen Kollegen, wirklich genial wird er aber nur im iaberzwerchen „Schaffensmodus“ und den muss man als Arbeitgeber erstmal gewähren, schätzen, dulden und „schaffen“ lernen.

Und auch wenn das jetzt seltsam klingt, ich bin nun wieder klar im Kopf, ich habe Luas und schaffe und damit bin ich im Lot. Dass ich damit nicht mehr iaberzwerch bin, kann ich aber nicht behaupten…das wäre aber auch alles andere als gut, denn dann würde ich vermutlich weder heute Nacht hier sitzen, noch ab und an in meinem Gärtle oder in der Werkstatt herumwerkeln, oder an einem Roman oder Lyrikband schreiben.

PS: …und das mit den Berlinern und den Schwaben erklär ich Euch auch mal…irgendwann…

Buon Nuit, ich hoffe ihr schlaft gut.

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Adventskalener 2014 – 11. Türchen – Von Musketenmäulern, problematischen Geschenken und Säulenheiligen

Geschenke

Geschenke

Kennt ihr das:

Da freut man sich aus dem Barbaricum wieder für ein paar Tage in die „alte“ Heimat zu kommen und dann sitzt man beim Mittagsmenü beim Chinesen und der erste Satz den man vom Nachbartisch im altvertrauten Dialekt hört ist:

Ônd weanigschdens ká E mr itzônd wiadr as Fiadla aschmierá, weil ledschd Woch hau E me ja kaum meh riará kenná…“
Ja, sie sind manchmal dann doch äußerst liebenswert direkt  meine schwäbischen Hausfrauen im leicht fortgeschrittenen Alter – insbesondere wenn es darum geht ihren Gesundheitszustand oder gewisse Körperfunktionen zu beschreiben – für alle Nicht-Native- und Non-Native-Schwäbisch-Sprecher_innen, hier die wörtliche Übersetzung:

Und wenigstens kann ich mir jetzt wieder den Arsch reinigen, in der letzten Woche konnte ich mich bekanntlich nicht mehr bewegen [und das Arsch-abwischen daher nicht/kaum mehr durchführen]“. Den Teil in Klammern muss man sich dazudenken…auch so eine schwäbische Eigenart – Informationen die man sich denken kann (oder können sollte) werden nicht gegeben. Erschwert die Kommunikation mit nicht-Telepaten und Ärzten erheblich, ist aber unter Schwaben weit verbreitet und offensichtlich sehr effektiv, außer man stirbt daran…

Ohnehin, meine geliebten schwäbischen Musketen- Pistolen- und Schwertmäuler. Keiner lästert so virtuos und bößartig über die körperlichen Gebrechen seiner Mitmenschen wie eine schwäbische Altenheimbewohnerin! Auch und gerade in der Vorweihnachtszeit. Kostprobe gefällig?

Ônd noch beh e vô Zeida en dr Arztbraxis gwäa. Ônd ob des itzd glaubschd ôdr idda, dô ischd noch graad ôinr raikô wo de au edd gwusst hosch wo dr Ranzá aufherd ônd dr Arsch afengt. So a feddr Brômmr abr au, kaum laufá hôddr meh kenná. I moi, s keed ja au sai Är ischd granng…abbr so grang kasch garedd sai, dass de so fädd bisch!“

(Kurz zusammengefasst: Es geht um einen adipösen Mann der unvorsichtigerweise die Arztpraxis betrat, während meine „Mädels“ im Wartezimmer nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten, nett ist jedenfalls etwas anderes!)

Nicht umsonst hatten und haben derartige Damen hier den recht treffenden Spitznahmen der „Schwert-, Musketen-, Pistolen- oder Maschinengewehrmäuler“, jedes Wort eine kleine Kugel, die selten danebentrifft – und die Fähigkeit sich das Hinterteil abwischen zu können wird allzuoft deutlich unterschätzt! (außerdem ist die Verwendung der Begriffe ein interessanter Hinweis darauf, wie „waffentechnisch modern“ bzw. altertümelnd martialisch das Gegenüber denkt).

A propos sich nicht mehr rühren können – zumindest im 4. und 5. Jahrhundert war diese doch etwas beengende Eigenschaft keinesfalls etwas worüber man sich beschwerte, sondern wofür man sogar Heilig gesprochen werden konnte – auch wenn man dafür nicht unbedingt allzu adipös gewesen sein sollte, der Dicke Mönch am Weinfass ist bekanntlich erst eine Erfindung Münchner Maler aus dem 19. Jhdt….

Wollte man im 4. und 5. Jahrhundert hingegen besonders „heilig“ sein setzte man sich als Mönch einfach auf eine der damals noch überall noch reichlich herumstehende antike Säulen und lebte dort wortwörtlich als Säulenheiliger.

Wie ich darauf komme? Nein das hat jetzt außnahmsweise nix mit Hämorhiden und Hexenschüssen zu tun…obwohl ich mir das als Nebenwirkung bei dem nachfolgend geschilderten Verhalten durchaus denken kann…

Eigentlich geht’s aber mal wieder um eines meiner Lieblingsthemen:
Lustige Stories aus dem leben noch lustigerer Heiliger, oder wie ich’s ganz gern nenne: Mein ganz persönliches Martyrologium…

Und weil ich bekanntlich seit ein paar Jährchen (wie viel verrat ich natürlich nicht) an einer Doktorarbeit über Griechen die ans andere Ende der Welt ausgewandert sind schreibe, dachte ich mir, wir machen dazu heut mal einen Ausflug zu unseren lieben Brüdern von der Orthodoxen Fraktion.

Diese feiern nämlich am 11. Dezember, je nach Orthodoxer Kirche also heute oder erst in 13/14 Tagen – der orthodoxe (Kirchen) Kalender ist seit 1923 ein Thema für sich, wen’s genauer interessiert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxer_Kalender

den Gedenktag des 493 vestorbenen heiligen Daniel Sylitis aus Anaplus (heute ein Stadtteil Istanbuls).

Nach Simeon Stylitis ist dieser Daniel der zweitbekannteste der Heiligen „von/auf der Säule“ – nichts anderes heißt der Beinamen Stylitis nämlich übersetzt.

Im Gegensatz zu Simeon „wohnte“ Daniel nun nicht irgendwo in der Syrischen Bergwelt sondern in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, so dass er neben einem Pelzmantel auch ständigen, und ziemlich zudringlichen Besuchen seiner besorgten Umgebung ausgesetzt war. Diese wollten ihn nicht nur bewundern und verehren, sondern ihn gleich auch noch mit Essen, Trinken, Pelzmänteln und anderen lebensnotwendige Dingen versorgen. Das Ganze war Daniel, der doch gerade versucht durch Askese „heilig“ zu werden alles andere als recht.

Folgt man der im 7. Jahrhundert entstandenen Heiligenvita, entwickelte war der zukünftige Heilige ein außerordentlich unleidlicher Zeitgenossen, dass er immer wieder Leute die sich um ihn sorgten, ihm etwas bringen, oder nur ein gepflegtes theologisches Streitgespräch mit ihm halten wollten mitsamt ihrer Leiter von seiner Säule zu Boden schmiss…

Erst als Ihm ein Wintersturm seinen Pelzmantel (ja auch auf Säulen lebende Heilige wollen modisch up to date sein) wegwehte und man ihn am nächsten morgen fast erfroren auffand hat Daniel dann doch zähneknirschend zugestimmt, dass man um ihn herum eine kleine „mini-Mönchszelle“ auf die Säule baute…bequemer wurde das Ganze so auch nicht, aber etwas wetterfester…

Auch ein anderes „Geschenk“ erwieß sich als nicht ganz unproblematisch. Der damals regierende öströmische Kaiser Leon I. wollte dem Säulensteher eine besondere Ehre zuteilkommen lassen und bat den Patriarchen daher den widerspenstigen Noch-Nicht-Heiligen zum Priester zu weihen…Nun ging das aber nach damaligem (und auch nach heutigem) Ritus nicht, ohne dass der Patriarch dem Priesteramtskandidaten dei Hand auf den Kopf legt…

Dumm nur, dass Daniel dazu weder von seiner Säule herunterkommen, noch den Patriarchen mit einer Leiter zu sich hochkommen lassen wollte (er hatte bekanntlich was gegen Leitern und Leute, die darauf zu ihm hochgeklettert kamen…).

Kurz und gut, irgendwann gab der Partiarch auf (vermutlich hatte er einfach keine Lust mehr ständig auf seinem Hinterteil zu landen), und hat den wiederspänstigen Daniel von der Säule dann ohne Handauflegen zum Priester ernannt. Wer die Byzantiner kennt, weiß, dass das naturlich nicht ohne darüber mindestes 4 Jahre zu diskutieren und bürgerkriegsähnliche Unruhen zu veranstalten war…In religiösen Dingen waren die Byzantiner ungemein empfindlich und spitzfindig).

Vielleicht war es dann ja doch eine besonders subtile Form imperialer Rache für soviel Ungehorsam die daraufhin den Kaiser dazu brachte neben der Säule Daniels eine zweite aufstellen zu lassen, auf die er die Reliquien des inzwischen verstorbenen und wesentlich berühmteren Säulenheiligen Simeon aus Antiochia umbetten ließ…Zu dem konnten die Leute nämlich sehrwohl hochklettern – er war praktischerweise schon tot…
– viel hilft viel oder Konkurrenz belebt das Geschäft…

Vielleicht war das ja auch der Grund, warum der unleidliche Daniel dann doch seine Säule – ein einziges Mal – verließ um sich für die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (das lag praktischerweise nur ein paar Kilometer entfernt) einzusetzen. Chalkedon war die Sache mit der Doppelnatur Christi und dem Papst…ich sag ja die Byzantiner waren in so Sachen sehr spitzfindig und empfindlich.
Kurz: Falls ihr das nächste Mal einem Säulenheiligen begegnet: Am besten ignorieren, und um Gottes willen nicht raufklettern und ihm irgendwas schenken wollen, auch wenn’s Weihnachten ist. Das gleiche gilt übrigens auch für schwäbische Musketenmäuler und Schwertgoschen.

Schönen 11. Dezember noch- und fragt mich jetzt bloß nicht, wie das mit der Körperhygiene beim Daniel auf der Säule funktionierte!

wer das Ganze mit den Heiligen und der Säule nochmal genau nachlesen will:

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienD/Daniel_Stylitis.html

Staatsfeiertag, Discobeats und Karneval auf dem Wasser…Kleiner Nachtrag zum Ulmer Schwörmontag 2013G

...Mit Pauken und Trompeten

…Mit Pauken und Trompeten

Bauer und Bäuerin

Bauer und Bäuerin

Gabenspeere

Gabenspeere

Fischerinnen im Festtagsstaat

Fischerinnen im Festtagsstaat

Die Fahne Ulms und des Schwäbischen Reichskreises

Die Fahne Ulms und des Schwäbischen Reichskreises

In Tracht!

In Tracht!

Angetreten zum Menuett!

Angetreten zum Menuett!

Stadtgendarmen

Stadtgendarmen

Im Sonntagsstaat beim Stechen

Im Sonntagsstaat beim Stechen

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Ulm_Lichterserenade_2013 (33)

Geschmückt und beflaggt

Geschmückt und beflaggt

Die Lustige Forelle

Die Lustige Forelle

Nein, es hat keinen Sinn einem „Neigschmeckten“ zu erklären, warum die Ulmer jedes Jahr pünktlich kurz vor den großen Ferien ihren „Schwörmontag“ feiern.

Würde man des dennoc versuchen, könnte man ein dickes, abgegriffenes Buch aus dem Schrank herausholen und auf eine kleine, kaum lesbare Zeile in einer aus dem späten 14. Jahrhundert stammenden Urkunde zeigen und dann lang und breit von der ältesten noch „in Vollzug“ befindlichen Verfassung Deutschlands anfangen, dergemäß der hochedel und wohlgebohrene Oberbürgermeister alljährlich schwört gemein zu sein, jedem gegenüber und ohne allen Unterschied und in den gleichen, redlichen und gemeinsamen Dingen. Und weil die Meisten „Reingeschmeckten“ sich heute mit Mittelaltersprech etwas schwer tun, könnte man sie dann am letzten Montag im Juli auf den Weihnhof schleppen wo selbiger Bürgermeister von einem kleinen Balkon aus schwitzenden Bürgern, Großtanten, Neigschmeckten, Zufallstouristen, Gewerkschaftsfunktionären, Orchestermusikern, Gräfinnen und Stadtwachen in Allongeperücken erklärt was in diesem Jahr mit ebendiesen gemeinsamen und redlichen Dingen gemeint war.

Viel helfen würde das alles nicht, schon garnicht, wenn die von all den Zahlen und Projekten, Schwierigkeiten und Erfolgsmedlungen gelangweilten Auswärtigen Besucher neugierig nachfragen warum um alles in der Welt die Ulmer so seltsame Fahnen mit doppelköpfigen Adlern, Menschenfressenden Wölfen und inversen Schweizerkreuzen an ihren Gebäuden aufhängen.

Man könnte nun von „Ur-Ulmern“ (eine inzwischen ziemlich seltene, dafür umso halsstarrigere und renitente Rasse Mensch) reden, die bis heute weder den Frieden von Lunéville noch die illegale Besetzung durch Bayern und schon gar nicht die Anektion der Hälfte IHRES Staatsgebiets durch dahergelaufene Württemberger akzeptiert haben und deshalb immer noch die rotweißen Fahnen des Alten Reiches, den Reichsadler, die Schwarzweißen Farben der Ulmer Reichsstadt-Republik und die Gelbschwarzen des alten Herzogtums Schwaben als dessen stolze Metropole sie sich definieren hissen.

Dummerweise hilft diese Erklärerei ziemlich wenig, weil inzwischen selbst die meisten Ulmer nicht mehr so ganz genau wissen, was da genau abgeht. Es ist wichtig, man macht es schon immer so, und wer zuviel nachfragt holt sich schnell eine blutige Nase…

Und seien wir mal ehrlich, spätestens, wenn sich die verwirrten Besucher, Neigschmeckten und Zugewanderten dann urplötzlich weißgewandeten jungen Männern mit Tournierspeeren, fuchsschwanzgeschmückten Narren, Reifenschwingenden Gesellen, durch die Straßen gleitenden Prunkschiffen, goldbetressten Gendarmes oder einer riesigen Menschenmenge die mit allem was schwimmt auf der Donau eine Art feuchtfröhlichen Sommerkarneval (die Ulmer bevorzugen das Wort „Nabada“ an dessen – selbst für geübteste SWR-Kommentatoren keinesfalls einfacher – korrekt ulmischer Aussprache mit drei unterschiedlichen „a’s“ die jeden Chinesischlehrer stolz machen würden, erkennen sie sofort die reinrassige oder zumindest gut integrierte Abkunft des Gegenübers).

Dass dann auch noch eine junge Prinzessin zu vorgerückter Stunde mittels einer Leiter einen an einer Fassade klebenden Thron besteigt und in Negligée zu „Heil Dir im Siegerkranz“ und Nussecken (oder einem kleinen Song aus der Little Horror Picture Show, oder irgendetwas anderem das ihrer königlichen Hoheit gerade in den Kram passt) eine hochoffizielle Regierungserklärung alias Thronrede verkündet ist dann meist mehr, als der normale eventgestählte „Ausländer“ und „auswärtige jugendliche Komasäufer“ in seinem längst eingetretenen Feiertaumel versteht oder verstehen will…

Dabei wurden sie von ihren treusorgenden Gastgebern noch nichteinmal auf die Gefahren eines Regenwürmerfütternden Griesbadmichels oder den wüste Flüche ausstoßenden Kreddaweber hingewiesen oder über die selbst eingefleischtesten „Räsen“ (die Nachfahren der urulmischten der Urulmer) manchmal rätselhaften Regeln des Fischerstechens aufgeklärt…

Kurz gesagt…es hilft nix, als Fremder muss man entweder mindestens ein 10 jähriges Studium der ethnologisch-brauchtümlichen Insonderheiten der Ulmischen Festkultur hinter sich bringen oder, man muss da einfach durch, auch wenn man es nicht versteht und es vermutlich auch nie so ganz verstehen wird, warum sich tausende von Bürgern bei brütender Sommerhitze eineinhalbstunden lang Statistiken und Jubiläumsnachrichten anhören und bei den Worten: „Der Haushalt ist in Ordnung“ in wahre Begeisterungsrufe ausbrechen.

Es muss schon etwas sehr besonderes sein, die Verbindung der Ulmer mit ihrer uralten Republik.

Und wenn wir es dann ohne Tote und neuerlichem Grenzkrieg mit Bayern durch die wüsten Drohungen und kurzfristigen Straßensperrungen der sperrstundenbedrohten Wirte, die Sauforgien der Biberacher Nicht-mehr-Kirchweihhunfern, die grölenden Laupheimer Ochsen, schwankenden Ehinger Baule, taumelnden Blaubeurer Blaumännle, bierseligen Leipheimer Saufköpf, verirrten Blausteiner Jungesellen, spritzigen Heidenheimer Moschtdätz, hummelfrohen Dornstädter Obschwiesábronzr, grinsenden Wiblinger Gôga, nicht mehr ganz taufrischen Günzburger Leicháfleddr’r, alternden Cocktailbräute vom Safranberg und junggebliebenen coolen Caipirinha-Jungs aus der Weststadt geschafft haben, wenn wir nicht in der Straßenbahn von halbnackten Nabadern samt Gummiboot und Schwimmflügeln erdrückt wurden, wir nicht an einem echt ungarischen Langos erstickt sind und der völlig entnervte Busfahrer vor lauter Feiertagsfrust nicht beschlossen hat, heute Nacht einfach mal nicht an unserer Haltestelle zu halten, sondern stattdessen gleich wegen Überfüllung ins Busdepot zu fahren….dann, aber nur dann war es wieder das schönste, beste größte, tollste, wunderbarste und herrlichste Fest des Jahres und wir können „richtig abgschafft“ und mit wundgelaufenen Füßen (hatte ich schon erwähnt, dass das ganze auch was von einer Pilgerfahrt hat, bei der man 3-4 Tage lang ständig zwischen irgendwas hin und her rennen muss) sagen, dass wir uns schon jetzt mit einem „Ulmer Spatzá Wasserratzá“ auf’s nächste Mal freuen! Schön war’s!

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