Adventskalender 2014 – 21. Türchen – Arrivederci Venexia!

Löwen mit Hüten

Löwen mit Hüten

Ja, auch die die schönste Zeit muss irgendwann zu Ende gehen, und da ich ja schlecht meine versammelte Verwandtschaft ohne mich (und vor allem ohne meine Geschenke) Weihnachten feiern lassen kann, heißt es nun zurück nach good old Germany!

Venedig war – nein, kein Traum – dazu war ich vermutlich schon zu oft hier, und dazu stehlen Deutsche Touristen auf Romantikurlaub hier zu oft Gondeln (http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Chronik/Deutsche-wegen-Gondel-Diebstahls-in-Venedig-angezeigt).

Die Stadt ist für mich Eher eine Art Lehrstunde in menschlicher Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Schließlich benutzt man nicht jeden Tag Boote wie einen Bus oder verleitet andere Touristen dazu einem in die definitiv uninteressantesten Sackgassen zu folgen – eines meiner Lieblingsspiele in dem ich inzwischen eine gewisse Perfektion erreicht habe – mi scusa ;-).

Außerdem: Venedig ist für einen Traum einfach viel zu anstrengend – nicht wegen all der anderen Touristen, die werden erst wieder ab März zum Problem, und auch nicht wegen der 200-300 Bilder von Tizian, Tintoretto und Co. die man sich an einem durchschnittlichen Tag „reinzieht“ (wenn man’s drauf anlegt können es aber auch ganz locker mal zwei- oder dreitausend an einem Tag sein, das muss man dann vorher etwas trainieren um noch zu wissen, wo man was gesehen hat und selbst passionierten Kunsthistorikern soll es dabei schon vorgekommen sein, dass sie am Ende nicht mehr so genau wussten ob das Bild dass sie gerade in der kleinen entzückenden Kirche am Campo ichweißnichtmehr gesehen haben nun von Palma dem Älteren oder doch von Vittore Carpaccio gewesen ist…)

Nein, dass alles ist Genuß und wenn’s einem zu blöd wird kann man einfach ein viertel Stündchen auf die umgedrehten Hochwasserstege oder eine Bank sitzen und den anderen dabei zusehen wie sie gerade ihren kulturellen Overkill bekommen – Ich frage mich jedes mal, warum so wenige Menschen hier zu Wutausbrüchen neigen, selbst Kinder scheinen sich hier von Quengelmonstern in begeisterte Kulturtouristen zu verwandeln und suchen mit einer Engelsgeduld und unglaublichem Eifer den nächsten Markuslöwen oder Gondoliere…Nein, was diese Stadt so anstrengend macht sind die Wege – die muss man nämlich, von ein paar wohl zu plandenen, da relativ teuren Bootsfahrten nämlich allesamt zu Fuß zurücklegen.

Aber wie immer gibt’s auch hier eine bzw. mehrere Möglichkeiten zu spaaren:

http://www.actv.it/imob/cos%C3%A8imob

http://www.veneziaunica.it/en/ecommerce/products/pack/venice_citypass

Im übrigen habe ich inzwischen sogar an den, von mir so gehassten Selfi-Hipstern etwas Gutes entdeckt…nicht nur, dass sie etlichen Bangladeshi (das ist die Nation unter den fliegenden Händlern, die sich eigentümlicherweise auf die neuesten technischen Spielereien spezialisiert hat), das Überleben ermöglichen indem sie ihnen die überall angebotenen Selfie Sticks abkaufen, nein, sie haben es mit ihrem permanenten und absolut nicht zu stoppenden Selbstablichtungswahn inzwischen auch fertiggebracht, dass die sonst extrem strengen italienischen Regeln in Punkto photographieren in Museen und Kirchen inzwischen komplett errodiert sind. Die Wächter, die noch vor ein, zwei Jahren jedem der es auch nur wagte ein Handy oder eine Kamera zu zücken sofort ein schrofffes „no photo“ entgegenschleuderten, und bei Nichtbeachtung durchaus auch mal das entsprechende Gerät konfiszierten, haben inzwischen einfach aufgegeben. Selbst im hochheiligen Dogenpalast oder in der Markuskirche interessiert es absolut niemanden mehr, was, wer mit seinem Tablet oder seinem Handy abkupfert…Einzig die einsam herumstehenden Verbotsschilder erinnern noch daran, dass da irgendwann mal was war…

Und sonst? viel Neues, viel Altes und die Erkenntnis, dass vermutlich ein Leben nicht aussreicht um diese Stadt und all ihre Schätze wirklich zu kennen – wo sonst stolpert man beim Blick in eine verstaubte Vitrine einfach so über die Unterschriften von Karl V., Maria Theresia, Queen Ann und Mustafa II., das Tintenfass Napoleons, Reliquien vom heiligen Judas, oder den Sonnenhut des letzten Dogen? Manche werden jetzt sagen, dass dies alles nur verstaubtes alltes Gerümpel ist…letztendlich haben sie garnicht so unrecht. Aber wenn man verstehen will, warum die Dinge so sind, wie sie nuneinmal sind, dann kommt man um dieses Gerümpel eben nicht herum. Auserdem ist das Horten und die Begeisterung über altes Glummp urmenschlich. Man(n) ist nunmal ein Jäger und Sammler, ob nun von Selfies, Symbolen, Glasvasen oder Friedensverträgen ist dabei letztendlich egal. Und für wen’s dabei etwas mehr sein darf, für den ist Venedig genau der richtige Ort – wo sonst sollten wir schließlich unsere Plastikgondeln made in China, unsere echt falschen Muranogläser (na ja, hier gibt’s schon auch echte, aber die kosten eben dreimal so viel) und unsere völlig geschmacklosen Plastik-Karnevalsmasken (es gibt auch schöne, handgemachte aber die muss man suchen…) herbekommen? Sind es denn nicht genau diese Dinge, die das Leben erst lebenswert machen? …und ebay? wie langweilig – da kann es einen noch nichtmal über die istrischen Marmorstufen bei den Löwen auf der Piazetta dei Leoni hinschmeißen!

Buone feste und vergesst nicht euren Löwen Weihnachtsmannkaputzen aufzusetzen!

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3. Türchen, oder: Warum Maria heute vermutlich in der Antiterrordatei landen würde und dem heiligen Thomas die Hände abfielen…

Verkündigung Mariens, peruanische Krippe

Ich weiß, ich weiß, meine Überschrift ist heute etwas barock geraten, und auch der Blog-Artikel ist definifiv viel länger als es der Ratgeber für den erfolgreichen Blog-Autor empfiehlt, aber ich kann versprechen, Durch- und Nachlesen lohnt sich, nicht nur für Katholiken! (vermutlich behaupten das aber alle Leut‘, die sich schlichtweg nicht kurzfassen können oder wollen ;-))

Alors…Passend zum Advent habe ich mal wieder in meiner leicht angestaubten Bibel gelesen (auch ohne dass man drann glaubt ist es ein verdammt gutes Stück Weltliteratur!)

Marx und Engels wären stolz gewesenauf die zickige Teenager-Mutter, die wir heute als Maria kennen.

Sie las (damals für Mädchen ziemlich ungewöhnlich) leidenschaftlich gern, sah nicht besonders gut aus (eine dunkle Hautfarbe galt damals – anders als heute – nicht unbedingt als dernier cri), war von einem unbekannten Vater schwanger  (ich will die Eltern und das Jugendamt sehen, die sich mit der Erklärung, der heilige Geist habe ihre Tochter geschwängert zufriedengeben!), und war drauf und dran einen deutlich älteren Mann (Josef, immerhin selbstständiger Unternehmer und Chef eines Handwerksbetriebes) zu heiraten. Außerdem hatte sie ziemlich linksradikale Ansichten (jedem der’s nicht kennt sei dazu der 2. Teil des Magnificat (LK1, 51a-55) empfohlen, die Schlüsselstelle hab ich unten im griechischen Original wiedergegeben, weil’s in der Deutschen Übersetzung viel zu zahm klingt).

Kurz, Maria würde heute vermutlich in die Kategorie „linksterroristischer Gefährder“ fallen, hätte Einreiseverbot in den USA und garantiert einen Eintrag in der Antiterrordatei des BND. Nebenbei gesagt: Jesus war – wenn er nicht gerade die Nachbarskinder tot umfallen ließ (leider nicht in den Bestand der regulären Bibelausgabe aufgenommen, aber wunderbar im Petrusevangelium nachzulesen), einem empfahl sich ein Auge oder wahlweise einen Arm abzureißen (Bergpredigt) oder die „Kapitalistenschweine“ (vermutlicher O-Ton) aus dem Tempel vertrieb der Gemäßigte in der Familie! Und der arme Josef? Der hatte eh nix zu sagen – Kein Kunststück bei der Ehefrau und einem leibhaftigen Gott als Ziehsohn! Armer Kerl!

Auch Marias Verwandte waren nicht viel besser: Elisabeth war eine „Mutter im Fortgeschrittenen Alter“. Ich fühle mich bei ihr immer peinlich an den Medialen Hype um die Italienerin (oder war’s eine Rumänin?) erinnert, die vor kurzem dank der modernen Pränatalimplantationsmedizin mit über 60 schwanger wurde. Noch „schlimmer“ triebs aber Elisabeths Sohn: Täufer Johannes (nicht umsonst haben sich Thomas Müntzer und die Wiedertäufer diverser Coleur mit Vorliebe auf ihn bezogen). Er galt – neben dem Christkind-Jesus – schon Herodes als absoluter Staatsfeind Nummer 1. Der Tanz der 1000 Schleier den Herodes Tochter Salome aufführte damit der unverschämte Kerl endlich einen Kopf kürzer gemacht wurde ist legendär! Dank ihr entwickelten sich in der katholischen Tradition anatomisch äußerst detailreich ausgearbeitete Abbildungen abgeschlagener „Johanneshäupter“. Fast immer schon ein wenig in Verwesung übergegangen, inmitten von Zinnschüsseln, Hoztellern und anderen Gefäßen und gelegentlich von reichlich geschnitztem Blut umgeben führen die Johanneshäupter seit dem 2. Vatikanischen Konzil zumeist ein Schattendasein in den Vitrinen abgelegener Heimatmuseen oder den Dachböden katholischer Landkirchen fristen. Auch die einst überaus zahlreichen Bilder, auf denen Herodias (die Frau von Herodes) oder Salome mit einem Messer in den toten Augen des „Johanneshauptes“ herumfuchteln um auch ganz sicher zu sein, dass der Plagegeist wirklich tot ist (ein besonders schönes Exemplar der Szene, in der Herodias einen Pfauenschweif als modisches Accesoire trägt hat sich in der Darstellung des Johanneslebens auf den Außenflügeln des Altars der Blaubeurer Klosterkirche erhalten, leider sind die in aller Regel aufgeklappt und man kann die Darstellung nur in einem Modell im Vorraum bzw. in diversen Bildbänden betrachten), sind heute meist schamhaft versteckt oder stehen als weitgehend unverkäufliche Ware in den Depots diverser Kunstauktionshäuser

Zu unrecht, wie ich finde, denn wann bitte hat man sonst die Gelegenheit seinen leicht indignierten koreanischen Geschäftsgästen zu erklären, dass die künstlerisch ausgearbeitete Replik eines abgeschlagenen Kopfes ganz normaler Teil katholischer Alltagsfrömmigkeit ist! Ich erinnere mich gerade an den Besuch der Klosterkirche von Banz mit zwei aus der Provinz Assam stammenden Inderinnen…es war nicht ganz leicht ihnen zu erklären, dass es im Barock völlig üblich war, ganze Skelette von Heiligen mit Goldflitter und Glassteinen zu überziehen und sie dann schön drapiert auf den Altar zu stellen (Im übrigen befindet sich bis heute in jedem Katholischen Altar mindestens 1 Reliquie eines Heiligen, nur ist sie heut meist so winzig und gut versteckt, dass man sie nicht mehr unbedingt sieht…

Well, ich schweife ab, aber Johanneshäupter sind wirklich was tolles!…eigentlich wollt ich ja was über Maria volgo „Θεοτόκος“ die „Gottesgebärerin“ schreiben.

Ich habe keine Ahnung, wie aus dem aufgeweckten Zeloten-Mädel mit der Sicherheitsnadel in der Nase, der Ratte auf der Schulter und den durchlöcherten schwarzen Strumfhosen (so würd ich sie mir heute vorstellen, irgendwas zwischen Punk und Gothic) das süßliche Zerrbild geworden ist, dass heute so manch Ultrakonservativem als Rollenvorbild und Rechtfertigung „selbstverleugnender Mutterliebe“ und „weiblicher Unterordnung in Kirche und Gesellschaft“ dient (meine Schönstattbewegte Großmutter selig konnt mir das leider auch nicht erklären).

Selbst nach ihrem Tod war Maria nicht ganz harmlos. Einer apokryphen (nicht-biblisch-kanonisierten) aber dafür bis ins 18. Jahrhundert hinein umso beliebteren Legende zufolge sollen dem Hl. Thomas (der gleiche der mit seinem Zeigefinger unbedingt in der Seitenwunde Christi herumfuchteln musste und dann nach Goa verschwand) beide Hände abgefallen sein, als er auch die Leiche Mariens näher begutachten wollte – daher übrigens die Redewendung „ungläubiger Thomas“ (Wer eine wirklich schöne Darstellung des Ganzen sehen will, sollte mal in der Sakristei von San Zaccharia in Venedig vorbeischauen (leider nur gegen Eintritt möglich). Dort hängt über der Tür inmitten vergoldeter Ranken und schräg gegenüber eines Dogenthrons ein Bild, auf dem Thomas ziemlich entsetzt auf seine blutenden Armstümpfe schaut, während seine Hände wie angenagelt am Sarg Mariens kleben…Ich hab bis heut keine Ahnung, wie der Arme wieder an seine Hände gekommen ist…).

Noch interessanter finde ich allerdings die Darstellungen in denen Maria zum „Apokalyptischen Weib“ mutiert (sorry Mädels, ist leider der feststehende Fachausdruck und „Apokalyptische Frau“ hat in seiner aseptischen political correctness einfach nicht die gleiche Durchschlagskraft!). Die Meisten dürften sich garnicht(mehr) bewusst sein, welch furchterregendem Wesen sie da an mancher gutkatholioschen Hausecke und Kirche in form der altbekannten Mondsichelmadonna gegenüberstehen (gekrönt mit 12 Sternen, gekleidet mit der Sonne und auf dem Mond stehend gebiert sie schmerzschreiend  einen Sohn und wird gleichzeitig von einem feuerspeienden Drachen verfolgt (den sie gelegentlich auch noch sanft lächelnd und hochgenüsslich zertritt) (Offb. 12, 1-6): Isis, die wütende Artemis (Armer Aktaion!) und ein paar dutzend beutegreifende Mänaden in einem…wenn das nicht hollywoodreif ist, weiß ich auch nicht! Leider haben sich Guido Reni, Multscher und Co. keine besondere Mühe dabei gegeben das ganze als den Horror-Splatter darzustellen, der er eigentlich ist. Die Bamberger Apokalypse ist da besser!)

Um noch eins klar zu stellen: Das ganze hier ist kein Katholikenbashing. Ganz im Gegenteil; eher ein Ausdruck meiner manchmal leicht morbiden Vorliebe für extrablutrünstige Heiligenlegenden (Dank meiner gutkatholischen Oma meine Lieblingskindergutenachtgeschichten! Eindeutig spannender als Sandmännchen, Michel von Lönneberga, die Kleine Raupe Nimmersatt und Pippi Langstrumpf zusammen, ehrlich!). Was ich hier schreibe ist eher eine Liebeserklärung an die ungezügelte, eigensinnige, bockige und äußerst aufmüpfige Gottesmutter (auch wenn Ich sonst eher in die protestantische Richtung tendiere).

Maria ist für mich eine Mischung aus Alice Schwarzer, Mata Hari, Lola Montez, Hella von Sinnen, Rosa Luxemburg (wahlweise auch Clara Zetkin), Indira Ghandi, Xena, der roten Zora, Penthesilea und meiner Großmutter, die in ihrer überschäumenden Mutterliebe zwar nie verstanden hat, weshalb man nicht noch mindestens 2 Ochsen am Spies und 5 weitere Semmelklöße essen konnte („Kend, iss ebs, nix bisch schô!“), mit der man sich aber besser auch nicht anlegte, weil’s dann schon mal echtbayerisch-fränksisch-schwäbische Kutscher-Flüche und einen Zornesausbruch gratis zum Nachtisch gab!
καθεῖλε δυνάστας
ἀπὸ θρόνων
καὶ ὕψωσε ταπεινούς!

Es lebe die Neokommunistisch-Marianische Bewegung!