Sonntags im Hinterhaus

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Ja es ist soweit: Über meinem Schreibtisch kreisen Gänseschnüre, Acrobat Pro spricht seit dem letzten Update nur noch Englisch, und mittels automatischer Benachrichtigung teilte mir heute mein Blog-Account in Form eines goldenen Pokals mit, dass ich vor genau einem Jahr glücklich damit begonnen hätte, die Welt an allen möglichen und unmöglichen Ereignissen meines Lebens online teilhaben zu lassen. Endlich die richtige Gelegenheit für eine tiefgreifende Reflektion über die Chancen und Risiken der Neuen Medien, die Beschleunigung von Zeit und Raum, die schleichende Mediatisierung des Alltags und die zunehmende Digitalisierung des Alltags…

Geschenkt! und ein dickes Sorry an alle Profi-Nerds, Kämpfer gegen das Böse im Netz (oder das gute darin?) und Stubenhockermisanthropen, ich bin auch schockiert & ihr habt meine vollste Solidarität!

Es regnet. Dicke kalte Novemberregentropfen. Auf dem Bleidach liegen die verlorengegangenen Blätter der Nachbarsbäume und durch die Altbauwohnung im Hinterhaus geistert der erste kalte Winterhauch. Es ist still.  Nur das gelegentliche Aufblitzen des roten Kontrolllichts der Solaranlage der Nachbarn verrät Leben. Selbst die Krähen und der stets von wilder Neugier und Raublust geplagte Nachbarskater haben es offenbar vorgezogen sich ein trockenes Fleckchen zu suchen. Das nur 20 Meter weiter eine stark befahrene Durchgangsstraße liegt bemerkt man nicht.

Sonntage am Karmelitengarten sind gemein, die Glocken klingeln eine halbe Stunde eher, und da das nächstgelegene vollfunktionsfähigem Geläut nur knappe 100 Meter entfernt steht, heißt das für mich automatisch: Sonntag Auschlafen ist nicht! Stattdessen Milchkaffe und aufgewärmte Butterhörnchen um halb sieben…

Meine Nachbarn sind endlich mit ihrem Dach fertig. Sieht ungewohnt aus. Neu, mit Chromkanten, zweifarbigen Schneefängern, einem Plastikphallus der reichlich unfolkloristisch auf Holzkaminabzug macht und im Mittagslicht reflektierenden Dachrinnen. Ihre mobile Rumpelkammer im Hinterhof haben sie deshalb nicht abgebaut, vermutlich eine Konzession an den Denkmalschutz ?…als kehrwochensozialisierter Schwabe werde ich wohl nie vollständig verstehen, wie Franken völlig ungerührt riskieren, dass ein Nachbar ihren „Gruschthaufen“ sehen könnte…

Trotzdem sind sie ja eigentlich ganz nett, die Einheimischen, wenn sie einen so nach zwei bis vier Wochen des Hustens, Schniefens, der Erkältung und des Fiebers, kurz: kurz vor dem finalen Exitus dann doch mal fragen, warum man denn ausgerechnet heut so schlecht aussehen würde…Und danke, Hühnersuppe aus dem krähenden Eigenanbau mit obskuren Zuckerkügelchen hilft da nicht wirklich…außer ihr wärt so nett, den Hahn in einem heidnischen Ritual zu opfern und das Kloster endgültig in eine Wellnesslandschaft umzuwandeln (sie sind dabei, ein Hotel ist schon drinn…)…Leider ist auch mein neugierig-panischer Nachbarskater wesentlich mehr an Pommes Frittes, Dönerspezialsauce und Hausmacherleberwurst, als an Federvieh interessiert…und ja, er kann (!) den Kühlschrank aufmachen, mag aber nicht, wenn ihm dabei eine eisgekühlte Gurke auf den Kopf fällt! Überlege gerade ob ich ihn in „Obama“ umbenenne. Vermutlich steckte er hinter der Präventivflyeraktion: „Kein Lärm am Kaulberg!“ Und überhaupt, diese Veranstaltungen, ständig jugendliche Komasäfer, und erst dieser allgemeine moralische Verfall der Jugend! (Nicht das wir hier irgendwas davon mitbekämen, hier giebt’s nur BWLer in billigen Lederhosen, die  im Vollsuff nach dem 14. Bockbieranstich gegen das frischgestrichene Garagentor urinieren. Da kann man dann als entrüsteter Wutbürger der hauptberuflich für das Aufhängen von „Prozesionsfahnen„, die Wahrung des „guten christlichen Andachtsbildes“ und gegen die „Bamberger Mauer“ einsetzt, schonmal Überwachungskameras an Wildpinklerstellen und präventive Starkstromleitungen marke „Bullenzaun“ fordern… Wie viele von den „Absurdbürgern„, die sich fleißig mit liebevoll gestallteten Verbotszetteln an den Pinwänden des „1. Innenstadthearings“ beteiligten wohl von hier oben kamen? Je ruhiger das Leben, desto größer das Luxusproblem…Habe gerade das sehr stereotype Bild eines eplanten Werbefilms für die Genussregion Oberfranken vor mir zweier Saidlaschwingender Vollfranken vor mir, die in einem indischen Slum nach dem nächsten Keller fragen und am Ende tatsächlich in einem „Aecht Deutschländer-Kerwa“ mit passender Vollplastikbestuhlung landen (Bollywood sei dank wissen wir alle, wie leicht so etwas im realen Leben möglich ist! Ich sage nur der „Eacht Szwartzwälder Biergarten“ zwischen der Wanfujing und dem Kaiserpalast in Peking! …Und dank kürzlicher Expedition ins land der nichtmehrganzsobefreundeten Westbarbaren wissen wir auch im Facebookfreundeskreis, dass es leichter ist ein Spezial Weißbier in einem US-amerikanischen Supermarkt zu bekommen als hier…

Aber eigentlich sind sie ja garnicht so, die Menschen am Kaulberg. Vor allem dann nicht, wenn sie mit gezücktem Kuchenmesser hinter mir herrennen (der Kleine Blonde von der Bäckerei fand, das sei ein ganz tolles Spiel), Sonntags morgends um halb acht mit dem Laubsauger durch ihre Gärten spazieren, tagelang mit dem echt antiken Benzinmotorbetriebenen Rasenmäher Marke „Trommelfellbeißer“ liebevoll ihr englisches Grün pflegen, ihren Nachwuchs brüllend in, oder aus den Apfelbäumen jagen oder nachts um drei als verschwörerische Elfen Gongs schwingend und Mantras singend durch die Gärten huschen (well, sowas kommt in einem ökologischen Mehrgenerationenprojekt in der Nachbarschaft eben vor…).

Und ja, ich liebe Euch Alle! Und ja, ich liebe auch die tägliche Absurdität meiner fränkischen Kleinstadtheimat!…bedankt euch beim Wetter!

Von Gartenlust und Unwettermeldungen – oder – warum meine Pflanzen eine Loggia haben.

Mein persönliches Hantelgewicht ;-)

Mein persönliches Hantelgewicht 😉

Ha, wie kann es schön denn sein, in dem kleinen Gärtelein…Keine Angst ich hör schon wieder auf zu reimen…

Wie immer hat das gestrige Unwetter Bamberg, die legendäre Stadt der Säufertürme, Kirchturmspitzen und 60.000 Blitzableiter mal wieder verschont. Ich schiebs ja auf den Steigerwald, der wie der Name schon sagt, die Wolken einfach über die Stadt weglupft, aber meine Nachbarin ist der festen Überzeugung, dass es dem legendären Schleier der Heiligen Kunigunde zu verdanken ist, dass Bamberg kein Wetter kennt. Irgendwer knipst Ende Mai Lichtschalter und Heizung an und stellt sie Ende September wieder aus, und wer sollte das außer der heiligen Kaiserin schon anderes sein – Petrus ist in Rom beschäftigt und die Vierzehn Nothelfer sitzen faul in Vierzehnheiligen rum…bleibt also nur die Gute alte Kunni – Sie bzw. ihr schicker Kopfputz schützen vor amerikanischen Bomben, Stechmücken, griesgrämigen Ehemännern, UV-Strahlen und allem anderen, was einer „Dame von Welt“ besser nicht vor die Augen kommen sollte. Regen, Sturm, Blitzschlag, Hagel? No Problem, Kunni und ihr Schleier bekommen das hin!

Von reformatorischem Eifer getrieben hab ich als ungläubiger Protestant natürlich so meine Probleme mit dieser Art archaischen Denkmustern und deshalb in original altdeutsch-preußischem-Angst²-Modus beim allerkleinsten  Vorabzeichen einer dunklen Wolke am vorschriftsmäßig weiß-blau zu seienden Himmel meine sämtlichen Kübelplfanzen/Balkonkastenschönheiten inklusive mundgeblasener Pseudo-Muranoglaskugeln wieder einmal brav vor dem bösen Gevatter Hagel, oder dem Bruder Wind, oder der Schwester Fallender Ast, der Mutter Ziegel, der Tante Katzen, dem Cousin Vogel, der Großtante Blattlaus, dem Schwippschwager saure Milch und der angeheirateten Erbtante verdorbener Hefeteig und allen anderen bei Gewittern drohenden Unbill-Verwandten unter das wärmende Dach meiner Ex-Wäschetrockenraum-Loggia in Sicherheit gebracht.

Dem nicht genug, wurde – meiner erzkatholisch-eichstädtisch-leicht superstitiös angehauchten Großmutter selig sei dank – auch gleich noch flugs und präventiv auch noch eine geweihte schwarzlilane Wetterkerze aus Walddürn angezündet und ein schmerzhafter Rosenkranz (der mit dem durchbohrten Herzen Mariens) gebetet. Dabei fällt mir ein: Es lebe die stets vorbildliche Vorab-Terrorismus-Bekämpfung des bayerischen Innenministeriums und ihre Voralpenhagelfliegerstaffel! Die sind nicht von denen, sondern vom Landkreis? Egal, ich schick ihnen trotzdem mal ein Paket von den Dingern…funktioniert wirklich!…Ich hôn ja âa bloos gmaant Barrack Hussein…ehrlich!

Bodybuilding und Yoga inklusive!

Ach ja…man hat’s einfach schwer als stetig engagierter Kulturwissenschaftler, der sich immer bemüht die Binnenexotik des Moments voll auszukosten…(Sorry, aber diese Portion lamoyanter Selbstironie musste jetzt einfach sein…)

Nach einer unter den Schlägen des Fahnenseils am Eisernen Mast bitterbang durchwachten Mitsommernacht, ging’s dann noch vor dem Frühstück (sic!) wieder raus. Schließlich sollten die armen Petunien nicht zu Nachtschattengewächsen verkommen – sind sie eh schon? Na egal…Nach nur zehn Minuten (Neuer Rekord!) sah alles wieder aus wie vorher (Ordnung muss sein, dass sagen wir hier auch den Austauschtouristen!), und ich? Ich war trotz eintreffender Kaltfront noch vor dem Frühmessläuten der Karmeliter stolz  bätschnass geschwitzt und reif für die zweite Dusche zu sein! Warum ich davor überhaupt im Bad war, hat vermutlich mit den ewig verkannten Italienischen bzw. Englischen Erbanlagen (Die Gene…bin ich heut wirklich so einfallslos?) in mir zu tun, die sich grundsätzlich nur in Tropenhelm und weißem Leinenanzug zum morgendlichen Schneckenabsammeln trauen…

Am Himmel sehe ich schon wieder kleine Schäfchenwolken…

und wir als gute deutsche Kleingartenbesitzer –

wir wissen, ja wir wissen ja, wie schnell aus –

schnell aus einer kleinen, harmlos blökenden Cumulus humilis,

so ein alleszestörend, garstig, blödes Sch…-Ding namens Cumulonimbus (capillatus) incus wird!

Oder inetwa nicht…nicht wenn, wenn nicht, dann jetzt…

drumm jetzt, ja jetzt ganz schnell, hinaus, hinaus…

hinaus und raus ist nun Herr Biedermann im Kittelschürz,

und holt die armen Pflanzen in die Kammer-Loggia,

Die Wetterkerze an?

Ne…

Scheiße verdammt und zack Zement…

Ein Zündholz fällt, ein andres bricht…der blaue Himmel leuchtet wieder…

und Kunigund und Gott und Bruder Zephir…

Aphrodite…allen, allen Dank!

Ich lächle, danke Odysseus und Arte für die Inspiration (freie Adaptionen antiker Dramen mit homoerotischen Einlagen und kulleraugenrollenden Bösewichten sind so CineCitta!)…und Dank auch meiner Großmutter selig, die so wunderbar gutkatholischeichstädtischsuperstitiös veranlagt war und diesen guten deutschen Angstfluch an mich weitergab (Per Lourdesstatuette auf dem Volksempfänger!).

Drumm mein Motto für Heute:

Keine Wetterwarnmeldungen mehr, der angekündigte Tornado und die 5 Zentimeter großen Hagelkörner sind einfach nix für süddeutsche Kübelpflanzen- und Balkongartenbesitzer/Präventivangsjunkeys! Und um jetzt flugs auch noch die Kontinuitätsthesenfraktion unter uns zufriedenzustellen, laut meinen auto-ero-epischen Selbstethnographien ist:

Die interdependent-rekursive Inkompatibilität von Gewittern mit Hagelschauern und fremdländischem Balkongewächs mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit kausal verantwortlich für das tief in der kollektiven Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelte Unbehagen ihrer keltischen Vorfahren, dass der Himmel auf den frisch angepflanzten Salat fällt!

Buon Di und dass der Himmel dort bleibt, wo er hingehört!

Euer

Alexnikanor

PS: irgendwann schaff ich’s schon noch alle Kategorien in einem Artikel unterzubringen 😉