Adventskalender 2014 – 10. Türchen – Von Baupfusch und Orientierungsmangel – oder: Warum man sein Haus besser nicht von Engeln transportieren lassen sollte…

Engel

Engel

Jetzt sitzen sie wieder auf den Tannenspitzen, lugen von Fenstersimsen und lächeln von Giebeln und Dächern: Engel! Sie gehören zur Weihnachtszeit wie Stollen und Marzipan und sind mindestens so schön wie Springerle und Glühweinsorbet!

Aber habt ihr Euch je gefragt, ob sich Engel wohl öfter verfliegen, wenn sie Häuser transportieren?

Ich weiß, Ich weiß – das ist wieder eine dieser abstrusen Fragen, die sich nur ein ausgebildeter Geisteswissenschaftler stellen kann, dessen katholische Großmutter ihm als Kind ein bisschen zu viel aus diversen Heiligenlexika und anderen Mirakelbüchern vorgelesen hat…

Aber mal im Ernst, wir haben heute den 10. Dezember und es gibt in Italien tatsächlich einen garnicht so unbedeutenden Wallfahrtsort namens Loreto an dem die Menschen heute die – leicht verunglückte – Übertragung des Geburtshauses Mariens aus Nazareth nach Mittelitalien im Jahr 1291 feiern.

Irgendwas muss damals beim Abbau und mit dem Lieferschein nicht so ganz geklappt haben, denn das Haus landete samt Engeln erstmal in Trsat bei Rijeka im heutigen Kroatien. Erst drei Jahre später fiel dann irgendjemand im Stabsbüro der Himmlischen Heerscharen das „kleine“ Missgeschick auf und das Häuschen wurde abermals von Engeln in die Höhe gehoben, flog bei Nacht und Nebel über die Adria und stand am Morgen des 10. Dezember 1291 im kleinen Ort Loreto in der Nähe von Ancona. Ob die Engel damit eigentlich nach Rom wollten und es – so ein Haus hat immerhin ein ziemliches Gewicht – vor lauter Weihnachtsvorfreude einfach nicht mehr „verheben“ konnten, wie man im schwäbischen so schön sagt, oder ob das Häuschen von anfang an für Loreto bestimmt war, lässt sich aufgrund der himmlischen Kommunikationssperre in derartigen Dingen leider nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist nur, dass das Häußchen danach nicht mehr weitergeflogen ist, und es noch heute mitten drinn in der riesigen drumherumgebautem  Basilika von Loreto steht.

Und weil es schon damals einige Zweifler an dem himmlischen Schwarzbau auf der grünen Wiese gegeben hat, und weil beim Transport außerdem dummerweise das Fundament nicht mitgeliefert wurde, sind doch tatsächlich gleich 16 Bürger Loretos in das damals frisch von den Sarazenen zurückbesetzte Nazareth gefahren und siehe da: sie fanden dort tatsächlich das vom englischen Umzugstrupp vergessene Fundament des Häuschens – geschickterweise lag auch gleich eine Inschriftentafel mit der Information, dass das Häuschen auf unerklärliche Weise verschwunden sei dabei.

Schnöder Baustoffraub, Erdbeben oder Wunder – Ihr dürft Euch jetzt selber aussuchen, was ihr glaubt, eine Reise nach Loreto lohnt sich auch ohne himmlischen Zustellungsmalheur, aber ich fand die Geschichte vom fliegenden Häusschen und den leicht orientierungsgestörten Engeln jetzt einfach zu nett, um sie Euch nicht zu erzählen!

 

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24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!

3. Türchen, oder: Warum Maria heute vermutlich in der Antiterrordatei landen würde und dem heiligen Thomas die Hände abfielen…

Verkündigung Mariens, peruanische Krippe

Ich weiß, ich weiß, meine Überschrift ist heute etwas barock geraten, und auch der Blog-Artikel ist definifiv viel länger als es der Ratgeber für den erfolgreichen Blog-Autor empfiehlt, aber ich kann versprechen, Durch- und Nachlesen lohnt sich, nicht nur für Katholiken! (vermutlich behaupten das aber alle Leut‘, die sich schlichtweg nicht kurzfassen können oder wollen ;-))

Alors…Passend zum Advent habe ich mal wieder in meiner leicht angestaubten Bibel gelesen (auch ohne dass man drann glaubt ist es ein verdammt gutes Stück Weltliteratur!)

Marx und Engels wären stolz gewesenauf die zickige Teenager-Mutter, die wir heute als Maria kennen.

Sie las (damals für Mädchen ziemlich ungewöhnlich) leidenschaftlich gern, sah nicht besonders gut aus (eine dunkle Hautfarbe galt damals – anders als heute – nicht unbedingt als dernier cri), war von einem unbekannten Vater schwanger  (ich will die Eltern und das Jugendamt sehen, die sich mit der Erklärung, der heilige Geist habe ihre Tochter geschwängert zufriedengeben!), und war drauf und dran einen deutlich älteren Mann (Josef, immerhin selbstständiger Unternehmer und Chef eines Handwerksbetriebes) zu heiraten. Außerdem hatte sie ziemlich linksradikale Ansichten (jedem der’s nicht kennt sei dazu der 2. Teil des Magnificat (LK1, 51a-55) empfohlen, die Schlüsselstelle hab ich unten im griechischen Original wiedergegeben, weil’s in der Deutschen Übersetzung viel zu zahm klingt).

Kurz, Maria würde heute vermutlich in die Kategorie „linksterroristischer Gefährder“ fallen, hätte Einreiseverbot in den USA und garantiert einen Eintrag in der Antiterrordatei des BND. Nebenbei gesagt: Jesus war – wenn er nicht gerade die Nachbarskinder tot umfallen ließ (leider nicht in den Bestand der regulären Bibelausgabe aufgenommen, aber wunderbar im Petrusevangelium nachzulesen), einem empfahl sich ein Auge oder wahlweise einen Arm abzureißen (Bergpredigt) oder die „Kapitalistenschweine“ (vermutlicher O-Ton) aus dem Tempel vertrieb der Gemäßigte in der Familie! Und der arme Josef? Der hatte eh nix zu sagen – Kein Kunststück bei der Ehefrau und einem leibhaftigen Gott als Ziehsohn! Armer Kerl!

Auch Marias Verwandte waren nicht viel besser: Elisabeth war eine „Mutter im Fortgeschrittenen Alter“. Ich fühle mich bei ihr immer peinlich an den Medialen Hype um die Italienerin (oder war’s eine Rumänin?) erinnert, die vor kurzem dank der modernen Pränatalimplantationsmedizin mit über 60 schwanger wurde. Noch „schlimmer“ triebs aber Elisabeths Sohn: Täufer Johannes (nicht umsonst haben sich Thomas Müntzer und die Wiedertäufer diverser Coleur mit Vorliebe auf ihn bezogen). Er galt – neben dem Christkind-Jesus – schon Herodes als absoluter Staatsfeind Nummer 1. Der Tanz der 1000 Schleier den Herodes Tochter Salome aufführte damit der unverschämte Kerl endlich einen Kopf kürzer gemacht wurde ist legendär! Dank ihr entwickelten sich in der katholischen Tradition anatomisch äußerst detailreich ausgearbeitete Abbildungen abgeschlagener „Johanneshäupter“. Fast immer schon ein wenig in Verwesung übergegangen, inmitten von Zinnschüsseln, Hoztellern und anderen Gefäßen und gelegentlich von reichlich geschnitztem Blut umgeben führen die Johanneshäupter seit dem 2. Vatikanischen Konzil zumeist ein Schattendasein in den Vitrinen abgelegener Heimatmuseen oder den Dachböden katholischer Landkirchen fristen. Auch die einst überaus zahlreichen Bilder, auf denen Herodias (die Frau von Herodes) oder Salome mit einem Messer in den toten Augen des „Johanneshauptes“ herumfuchteln um auch ganz sicher zu sein, dass der Plagegeist wirklich tot ist (ein besonders schönes Exemplar der Szene, in der Herodias einen Pfauenschweif als modisches Accesoire trägt hat sich in der Darstellung des Johanneslebens auf den Außenflügeln des Altars der Blaubeurer Klosterkirche erhalten, leider sind die in aller Regel aufgeklappt und man kann die Darstellung nur in einem Modell im Vorraum bzw. in diversen Bildbänden betrachten), sind heute meist schamhaft versteckt oder stehen als weitgehend unverkäufliche Ware in den Depots diverser Kunstauktionshäuser

Zu unrecht, wie ich finde, denn wann bitte hat man sonst die Gelegenheit seinen leicht indignierten koreanischen Geschäftsgästen zu erklären, dass die künstlerisch ausgearbeitete Replik eines abgeschlagenen Kopfes ganz normaler Teil katholischer Alltagsfrömmigkeit ist! Ich erinnere mich gerade an den Besuch der Klosterkirche von Banz mit zwei aus der Provinz Assam stammenden Inderinnen…es war nicht ganz leicht ihnen zu erklären, dass es im Barock völlig üblich war, ganze Skelette von Heiligen mit Goldflitter und Glassteinen zu überziehen und sie dann schön drapiert auf den Altar zu stellen (Im übrigen befindet sich bis heute in jedem Katholischen Altar mindestens 1 Reliquie eines Heiligen, nur ist sie heut meist so winzig und gut versteckt, dass man sie nicht mehr unbedingt sieht…

Well, ich schweife ab, aber Johanneshäupter sind wirklich was tolles!…eigentlich wollt ich ja was über Maria volgo „Θεοτόκος“ die „Gottesgebärerin“ schreiben.

Ich habe keine Ahnung, wie aus dem aufgeweckten Zeloten-Mädel mit der Sicherheitsnadel in der Nase, der Ratte auf der Schulter und den durchlöcherten schwarzen Strumfhosen (so würd ich sie mir heute vorstellen, irgendwas zwischen Punk und Gothic) das süßliche Zerrbild geworden ist, dass heute so manch Ultrakonservativem als Rollenvorbild und Rechtfertigung „selbstverleugnender Mutterliebe“ und „weiblicher Unterordnung in Kirche und Gesellschaft“ dient (meine Schönstattbewegte Großmutter selig konnt mir das leider auch nicht erklären).

Selbst nach ihrem Tod war Maria nicht ganz harmlos. Einer apokryphen (nicht-biblisch-kanonisierten) aber dafür bis ins 18. Jahrhundert hinein umso beliebteren Legende zufolge sollen dem Hl. Thomas (der gleiche der mit seinem Zeigefinger unbedingt in der Seitenwunde Christi herumfuchteln musste und dann nach Goa verschwand) beide Hände abgefallen sein, als er auch die Leiche Mariens näher begutachten wollte – daher übrigens die Redewendung „ungläubiger Thomas“ (Wer eine wirklich schöne Darstellung des Ganzen sehen will, sollte mal in der Sakristei von San Zaccharia in Venedig vorbeischauen (leider nur gegen Eintritt möglich). Dort hängt über der Tür inmitten vergoldeter Ranken und schräg gegenüber eines Dogenthrons ein Bild, auf dem Thomas ziemlich entsetzt auf seine blutenden Armstümpfe schaut, während seine Hände wie angenagelt am Sarg Mariens kleben…Ich hab bis heut keine Ahnung, wie der Arme wieder an seine Hände gekommen ist…).

Noch interessanter finde ich allerdings die Darstellungen in denen Maria zum „Apokalyptischen Weib“ mutiert (sorry Mädels, ist leider der feststehende Fachausdruck und „Apokalyptische Frau“ hat in seiner aseptischen political correctness einfach nicht die gleiche Durchschlagskraft!). Die Meisten dürften sich garnicht(mehr) bewusst sein, welch furchterregendem Wesen sie da an mancher gutkatholioschen Hausecke und Kirche in form der altbekannten Mondsichelmadonna gegenüberstehen (gekrönt mit 12 Sternen, gekleidet mit der Sonne und auf dem Mond stehend gebiert sie schmerzschreiend  einen Sohn und wird gleichzeitig von einem feuerspeienden Drachen verfolgt (den sie gelegentlich auch noch sanft lächelnd und hochgenüsslich zertritt) (Offb. 12, 1-6): Isis, die wütende Artemis (Armer Aktaion!) und ein paar dutzend beutegreifende Mänaden in einem…wenn das nicht hollywoodreif ist, weiß ich auch nicht! Leider haben sich Guido Reni, Multscher und Co. keine besondere Mühe dabei gegeben das ganze als den Horror-Splatter darzustellen, der er eigentlich ist. Die Bamberger Apokalypse ist da besser!)

Um noch eins klar zu stellen: Das ganze hier ist kein Katholikenbashing. Ganz im Gegenteil; eher ein Ausdruck meiner manchmal leicht morbiden Vorliebe für extrablutrünstige Heiligenlegenden (Dank meiner gutkatholischen Oma meine Lieblingskindergutenachtgeschichten! Eindeutig spannender als Sandmännchen, Michel von Lönneberga, die Kleine Raupe Nimmersatt und Pippi Langstrumpf zusammen, ehrlich!). Was ich hier schreibe ist eher eine Liebeserklärung an die ungezügelte, eigensinnige, bockige und äußerst aufmüpfige Gottesmutter (auch wenn Ich sonst eher in die protestantische Richtung tendiere).

Maria ist für mich eine Mischung aus Alice Schwarzer, Mata Hari, Lola Montez, Hella von Sinnen, Rosa Luxemburg (wahlweise auch Clara Zetkin), Indira Ghandi, Xena, der roten Zora, Penthesilea und meiner Großmutter, die in ihrer überschäumenden Mutterliebe zwar nie verstanden hat, weshalb man nicht noch mindestens 2 Ochsen am Spies und 5 weitere Semmelklöße essen konnte („Kend, iss ebs, nix bisch schô!“), mit der man sich aber besser auch nicht anlegte, weil’s dann schon mal echtbayerisch-fränksisch-schwäbische Kutscher-Flüche und einen Zornesausbruch gratis zum Nachtisch gab!
καθεῖλε δυνάστας
ἀπὸ θρόνων
καὶ ὕψωσε ταπεινούς!

Es lebe die Neokommunistisch-Marianische Bewegung!