Adventskalender 2014 – 5. Türchen – Warum in meiner Krippe Affen, Schildkröten und ein wilder Eber hausen…

Peruanische Weihnachtskrippe

Peruanische Weihnachtskrippe

Wisst ihr noch, wie es damals am heiligen Abend war, als man mit vier oder fünf Jahren noch an das Christkind und/oder den Weihnachtsmann glaubte und es garnicht erwarten konnte bis endlich ein kleines Glöcklein erklang und man in das Zimmer mit dem Chrisbaum und der Krippe durfte?
Eigendlich hatten sich meine Eltern ausgedacht, dass wir Kinder in der Woche vor Weihnachten überhaupt nicht ins Wohnzimmer sollten, weil dort angeblich das Christkind dabei war den Weihnachtsbaum zu schmücken und – viel wichtiger – unsere Geschenke einzupacken, und wenn wir es dabei stören würden, würde es nichts geben…well so ganz geglaubt haben ich und mein Bruder das glaube ich damals schon nicht, schließlich waren wir nicht auf den Kopf gefallen (na ja, mein Bruder manchmal schon, aber das ist eine andere Geschichte und hat viel mit Obstbäumen und Skifahren ohne wirklich Bremsen zu können zu tun) und konnten uns halbwegs ausrechnen, dass der Christbaum vom Chrisbaumverkauf und die vielen Bunden Geschenke vom Weihnachtsmarkt nicht von irgendwelchen Engeln auf die Autodächer geschnallt und in den Kofferaum gelegt wurden und nach Hause gefahren wurden…

Trotzdem trotteten wir bis weit in die Grundschulzeit hinein jedes Jahr brav hinter meinen Großeltern in den damals noch tief verschneiten Wald und positionierten unsere Wunschzettel ans Christkind in einem Vogelhäuschen, dass rein zufällig nur wenige dutzend Meter vom Waldrand entfernt über der Lieblingsbank meines Großvaters hing.

Nebenbei gesagt war mein Großvater – wie übrigens auch unsere Kindergartentanten und Grundschullehrerinnen – nicht ganz unschuldig, dass wir schon ziemlich früh nicht mehr so ganz an die Geschichte mit dem Christkind und dem Weihnachtsmann glaubten*.

Grund dafür war, dass alle eine ausgeprägte Vorliebe dafür teilten, irgendwelche kleineren oder größeren Krippen zu basteln. Erst aus Papier und mit Fingerfarben, dann durften wir unsere ersten Tonkrippenfiguren kneten (das meine ich jetzt ganz wortwörtlich) und als diese dann fertig gebrannt und bemalt waren brauchten die natürlich auch eine echt schwäbische Krippe mit Stall und allem sonstigen Bremborium (das ist vermutlich der Grund, weshalb zwar Maria und Josef mitsamt dem Jesuskindlein und einem Schaf heute hart gebrannt sind, Ochs und Esel, der Hirte, die restlichen Schafe, ein Hund und vor allem die heiligen Drei Könige aber nicht – was heißt, dass diese im Laufe der Jahre x-mal geklebt werden mussten).

Wirklich ins Grübeln gebracht hat uns aber die Mammutaufgabe des Krippenbaus, derer sich selbstverständlich mein Großvater mitsamt seiner ziemlich Umfangreichen Werkstatt im Ölkeller annahm. Eigentlich durften wir da ja nicht rein…wegen der Explosionsgefahr…und wer uns zwei Racker kannte, der weiß dass wir durchaus auch auf die Idee hätten kommen können versuchsweise auszuprobieren ob man den Öltank nicht mit der Bohrmaschine, der Flex, oder dem Stemmeisen aufbekommt…Well, ich und mein Bruder leben noch, ich nehme also an, dass wir das nicht wirklich ernsthaft ausprobiert haben…

Kurz, es wurde geschnitzt, genagelt, geschraubt, kleine Schuppen von Fichtenzapfen als Dachziegel aufgeklebt und gemalt…Und tatsächlich wurde das Meisterwerk, wenn auch erst zwei Jahre später,  tatsächlich vollendet – Inklusive Riesenbatterie und winziger Laterne mit noch winzigeren Birnchen. Dass das Ganze ein wenig zu klein für die Tonfiguren ausgefallen ist, liegt ganz bestimmt nicht drann, dass sich mein Großvater eventuell vermessen hat…das war eindeutig das Christkind, das, weil mein Bruder und ich immer ins Weihnachtszimmer geschlichen sind und die dort aufbewahrten Weihnachtsbrötchen gegessen haben, zur Strafe unsere Krippe geschrumpft hat!.

Ja, und da steht sie nun, neben unseren 5 anderen Krippen (inzwischen haben wir glaub noch mehr, wenn man die in divesen  Streichholzschachteln, Kürbissen, Glaskugeln etc. mitzählt…)…Ich werd sie auch dieses Jahr wieder bei meinen Eltern aufbauen, vorrausgesetzt es findet sich noch ein Plätzchen…

Jahre später – ich hatte gerade zu studieren begonnen – habe ich dann zufälligerweise ein Gespräch zweier Verkäuferinnen im Dritte Welt Laden (der hieß damals wirklich noch so) angehört. Sie hatten ein garnicht so kleines Problem: Irgendeine ihrer gutmeinenden Kolleginnen hatte nämlich eine das gesamte linke Schaufenster ausfüllende Peruanische Krippenszene aus ca. 30 cm hohen Tonfiguren zum weiterverkauf erstanden…und die blockierte jetzt schon seit über 4 Jahren zu jedem Weihnachtsfest das Schaufenster, weil sie niemand kaufen wollte. Die Krippe hatte nämlich zwei Probleme: a) war sie fürchterlich teuer und b) sah sie einfach überhaupt nicht so aus, wie ein normaler oberfränkischer Käufer sich eine Krippe vorstellt. Es gab zwar einen Engel, aber der fasste sich an die Brüste, Maria und Josef und ein Esel waren mit Müh und Not auch noch irgendwie am Hirtenstab den Zöpfen und den Langen Ohren zu erkennen, aber der Rest? Irgendwie waren die Heiligen Drei Könige und Hirten zu kleinen Inkas mutiert, die Fische, Chilischoten, Bananen, Schildkröten und sogar Affen anschleppten. Am schlimmsten aber war, dass der Ochse, dieses vertraute dummtreue Tier aus der oberammergauer Hirtenidylle aus unerfindlichen Gründen zu einem fetten, grimmig dreinblickenden Eber mit riesigen Stoßzähnen mutiert war. Das mag ja in Peru so üblich sein, aber unter dem eigenen Christbaum wollte das ganz offensichtlich kein Bamberger haben…

…und so stand sie nun da, die peruanische Monsterkrippe, und stand, und stand und stand…Nach der Lautstärke ihres Gesprächs war es den Verkäuferinnen im Jahr als ich zu studieren anfing offensichtlich endgültig zu bunt geworden und sie beschlossen, während ich nach biologischdynamischsozialgerechter Schokolade suchte, dass Ding loszuwerden – egal zu welchem Preis!

Als Schwabe mit einem ausgesprochenen Faible für kuriose Krippendarstellungen habe ich mir das natürlich nicht zweimal sagen lassen – und ganz beiläufig gemeint, dass ich sie – aus reiner Herzensgüte – für einen Fünfziger von dem Ding erlösen würde…Das war ungefähr ein fünftel dessen, was die Krippe eigentlich kosten sollte und ehrlichgesagt nicht ganz ernst gemeint.

Und dann geschah das Wunder: Offensichtlich hatten die Verkäuferinnen nicht damit gerechnet die Krippe des Schreckens – wie sie in Bamberger Gutmenschenkreisen inzwischen hieß – jemals wieder loszuwerden, schon garnicht für Geld…und sie fingen an zu jauchzen und zu jubilieren, mich als ihren Retter zu preisen und eine Geschäftigkeit zu entwickeln, wie sie selbst die Himmlischen Heerscharen beim großen Gloria in excelsis nicht entwickelt haben…Da wurde eingepackt und verstaut, nach Bananenkisten gesucht und ganz schnell die Kasse aufgeschlossen und kassiert, bevor der Verrückte der sich ernsthaft eine Peruanische Horrorkrippe unter den Christbaum stellen wollte es sich doch noch im letzten Augenblick anders überlegt hat…Ja ich krigte meine Tafel Schokolade sogar noch umsonst obendrauf und eine Gratisprobe Apfelsinen aus Equador gabs auch noch obendrauf!

Uns so stehen sie nun seit Jahren bei mir, die wackeren kleinen Peruaner mit ihren Affen, Schildkröten, Fischen, Chilischoten, dem Monsterschwein und dem sich vor lauter weihnachtlicher Wonne an die Brüste greifenden Engel.

Ich mag sie – und manche Gäste sind, nachdem sie sich nach dem ersten Schreck wieder eingekriegt haben, sogar ein bisschen neidisch, dass ich eine so ungewöhnliche, große und teure Krippe mein Eigen nenne…

 

*Wir haben aber trotzdem mitgespielt, schließlich machte das unseren Eltern einen Heidenspaß uns angeblich an der Nase herumzuführen – und warum soll man den den Erwachsenen als Kind nicht auch mal gönnen.

24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!

20. Türchen: Bereite Dich Zion…

Weihnachtscloud

Ich stehe auf dem Grünen Markt, vor mir Rauchbierglühwein und ein altertümliches Griebenschmalzbrot. Schüler ziehen lärmend an mir vorbei. Es ist Weihnachts-Sale-Zeit.

Aus einem abgestellten Sprinter dringt Musik: Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil. Nicht unbedingt die übliche Lieferanten-Mucke…Ich höre hin, denke an Kinderchöre und mit riesigen Weihnachtsbäumen geschmückte Kirchenräume. Dann erkenne ich eine Arie:

Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen
Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!

Ein seltsamer Text, den viele nicht verstehen und der, wenn sie denn ehrlich sind, bei den meisten alles andere als weihnachtliche Assoziationen weckt. Zärtliche Triebe, geschminkte Wangen, Sehnsucht, der Liebste den es zu empfangen gilt…das Ganze klingt wirklich eher nach verunglückten Rosamunde-Pilcher-Roman als nach einem Text, der auf die bevorstehende Geburt Christi hinweisen soll.

Ich weiß nicht mehr ob es einer meiner (inzwischen garnicht mehr so kleinen) Cousins oder eine der Großtanten war, die vor einigen Jahren beim Hören einer Pop-Version dieser Arie entgeistert den Sender wechselten und meinten die Texte der Weihnachtslieder würden auch immer seltsamer.

Auch ich wusste lange nicht, was mit jener seltsamen Zion die sich mit zärtlichen Trieben auf ein Stelldichein mit ihrem Bräutigam vorbereiten soll so genau gemeint war.

Erst in einer Weihnachtsnacht 1997 wurde mir klar, was das Lied bedeuten sollte.

Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht im Jerusalemer Suk ein paar Weihnachtsgeschenke und den Weihnachtsbraten abzuholen. Schließlich fand ich im armenischen Viertel einige hübsch bemalte Tonschüsselchen. Der Braten war eine heiklere Sache. Kamel, und wie sich später herausstellte das perfekte Fleisch für schwäbischen Rahmsauerbraten!

Nachdem wir in der Küche 60 Semmelknödel und riesige Berge von Spätzle, Gemüse und Kartoffelbrei produziert hatten, schmückten wir einen Wacholderbusch. Niemand störte, dass er genauso zerzaust aussah wie wir.

Irgendwann saßen wir glücklich, satt und leicht ermüdet im Refektorium und ließen uns nach der Mitternachtsmesse ein paar selbstgebackene Weihnachtsbrötchen und frischen Kaffee schmecken. Es war herrlich!

Ich weiß nicht mehr wer mir dann sagte, dass ich, wenn ich wollte, einer halben Stunde mit zur Geburtsgrotte nach Betlehem aufbrechen könnte. Man würde hinabwandern um dort den Rest der Heiligen Nacht zu verbringen. Eine alte Tradition des Collegs.

Ich dachte nicht lange nach, holte meinen Mantel, packte Schal und Handschuhe und trat mit etlichen anderen hinaus in die Nacht. Es war ruhig, vom Toten Meer blies ein leichter Wind und wir marschierten los. Drei Stunden später erreichten wir das winzige „Tor“ der Geburtskirche. Keine Grenzkontrollen, keine Soldaten, keine protestierenden Palästinenser, nur ein kurzes Lächeln…es war fast ein kleines Weihnachtswunder.

Wir gingen durch den verwahrlost wirkenden Kirchenraum. Auf dem Boden lag Staub, und die Farbe blätterte von den Wänden. Das berühmte Mosaik mit der Darstellung der heiligen Drei Könige war trotz Neonbeleuchtung unter einer dicken Schmutzschicht nur undeutlich zu erkennen. Man musste glauben, dass es immer noch dort war.

Vor dem Altar führten eine schmale Treppe in die Tiefe. Unten angekommen empfing uns der auf- und absteigende Gesang einer äthiopischen Nonne. Der Ort glich in nichts dem, was man sich bei uns unter Krippe und Stall vorstellt. Eine niedrige, dunkle Grotte, vielleicht 12 Meter lang und 4 Meter breit. Der nackte Fels war nur notdürftig mit abgewetzten Brokatvorhängen verdeckt. Auch hier hatte niemand die rissigen Fließen aus fleckigem Marmor gewischt. Der gleiche, feine Staub, der uns auch draußen durch die Felder begleitet hatte.

Es dauerte, bis ich neben dem Eingang einen kleinen Marmortisch entdeckte auf dem eine goldgefasste Ikone etwas windschief abgestellt worden war. Ich ging hin, und sah darauf genau den Ort abgebildet, an dem ich mich befand. Eine kleine Grotte mit einigen Tieren, darüber einige erschreckte Hirten die nach oben blickten. Die Frau und den verschämt in einer Ecke stehenden Mann sah ich kaum, auch die Krippe mit dem Kind war so klein, dass sie kaum auffiel.

Genauso war es mit dem kleinen silbernen Stern der unter dem Tischchen in einer Nische in den Boden eingelassen war. Um ein Haar wäre ich auf die Stelle getreten und es brauchte denn auch einen Hinweis meiner Begleiter, dass sich genau unter mir die Stelle befand, an der Jesus geboren war.

Irgendwann erschienen einige Franziskaner-Nonnen, beteten und sangen…

Oh Du fröhliche…

Ich war angekommen.

Erst als wir im ersten Morgenlicht des Weihnachtsmorgens aus dem engen Einlass der Kirche hinausgetreten waren wurde mir klar, dass ich genau das gemacht hatte, was in der seltsamen Bacharie beschrieben ist. Wir hatten freudig den Weihnachtstag vorbereitet, waren durch die Nacht vom Berg Zion hinab nach Bethlehem gelaufen und hatten hier die Ankunft des „Bräutigams“ gefeiert.

Heute steht zwischen Jerusalem und Bethlehem eine 12 Meter hohe Mauer aus Beton. In den Straßen der „kleinsten unter den Städten Juda“ kann man kleine Krippen aus Olivenholz kaufen, auch sie durch eine Reihe klobiger Holzklötze geteilt. Die Krippe mit dem Kind auf der einen, die Hirten und die heiligen Drei Könige auf der andern. In der Krippe man kann die Olivenholzklötze herausnehmen, wenn man es nicht mehr aushält…Mit der echten Mauer geht das leider nicht so einfach.