Warum’s nix brächte Berlin-Mitte zu sprengen, es wo andes auch nicht anders ist als dort wo man ist und der ganz sicher weltbewegenden Frage wie man denn jetzt Reis politisch und ethisch korrekt kocht!

Bumm!!!Es ist Pfingstmontagmittag und gerade hat mich der Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen mit der allmonatlich wiederkehrenden Frage beglückt ob man denn ganz Berlin-Mitte sprengen müsse.

(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/berlin-hass-muss-man-ganz-mitte-sprengen-14233568.html#GEPC;s6)

Natürlich ist das alles spätestens seit den Zeiten der Prenzelschwäbin – die im Übrigen gerade in ihrer angeblichen garnicht so urheimlichen schwäbischen Heimat größte Erfolge feiert, warum ist eine andere Frage – nicht neu. Und irgendwie gehört es ja seit Cindy aus Marzahn ein wenig zum guten gesambtbundesdeutschen Ton sich über Latte-Macchiato-schlürfende Helikoptermütter und Teriaki-Suppengrün-Toppings zu echauffieren.

Und ja, auch ich erwische mich in meinen ganz schwachen Momenten manchmal dabei, dass ich mich allen ernstes frage, ob es jetzt ethisch noch o.k. ist, wenn ich einfach mal die ganze verpackungsempfohlene Quell- und Wasserreismethode zu komplettem Bullshit erkläre und meine ganz eigene urschwäbische: „Wir-tun-das-ganze-verdammte-Reiszeug-einfach-von-vornherein-gemeinsam-mit-dem-Wasser-in-den-Topf-;-lassen-es-nicht-erst-stundenlang-dumm-herumquellen-; und-geben-einfach-von-vornherein-nur-soviel-Wasser-dazu-dass-wir-am-Ende-auch-nix-wegschütten-müssen-Methode, draus mache? Oder ob das nun (doch und schon wieder) ein eurozentristisch-rassistischer und selbstverstäntlich total sexistischer Totalfauxpas ist, weil ich das als Mann und Nicht-veganer-nicht-Bio-Reisanbauer (und -esser!) eigentlich garnicht darf?

Nach wirklich(!) längerem Nachdenken entscheide ich mich für den sozial gerade noch akzeptablen KönigInnenweg, nenne das Ganze „Fusionsküche“ – Selbstverständlich nicht ohne mich kurzzeitig mit der politisch nicht völlig korrekten Frage herumzuschlagen, ob das verdeutschte fusion food bei empfindlichen Gemütern nicht doch eine unangenehme Assoziation eines atomaren Störfalls heraufbeschwören könnte.

Spätestens beim Lamento der Autorin über umfallende Bierbikes und dem beliebten Ratespiel Hipster oder/und Tourist fühle ich mich jedoch wieder ans kleine heimische Bamberg und seine gefühlt 10 Millionen Touristen pro Jahr (die reale Zahl liegt nur unwesentlich darunter) erinnert. Während sich die hiesige Tourismus GmbH seit Jahren weitgehend vergeblich bemüht die wenigen verbliebenen Innenstadtbewohner mit immer neuen Initiativen, Info-Veranstaltungen und großangelegten Werbeaktionen von der Nützlichkeit des Tourismus zu überzeugen, ziehen diese ihre eigenen Schlüsse und ziehen entweder weg, oder greifen zu mehr oder minder kreativen Mitteln des Widerstandes (irgendwie muss man schließlich auf die 296 Liter Bier pro Jahr und Kopf kommen…).

Was nun Berlin Mitte und die Frage ob man es in die Luft sprengen müsste angeht…Well, das Ganze nennt sich Innenstadt-Vermarktung, ist in jedem noch so kleinen Provinzstädtchen im äußersten Nordosten Bayerns auch nicht anders, nur macht es eben viel mehr Sinn sich medial über das verkommene Sündenbabel Berlin auszulassen, weil das – naturgegeben – ein paar mehr Leutchen kennen als sagen wir mal…Bamberg…

Kurz, ich esse jetzt meine gefüllten Paprika mit Reis, mache mir vorerst keinerlei Gedanken mehr ob ich damit den Untergang des Abendlandes (oder gar des ganzen Planeten) fördere und beruhige mein Gewissen zusätzlich damit, dass es anderswo auch nicht besser oder schlechter ist als da, wo ich gerade bin.

Guten Appetit zusammen!

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Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Betrachteter Alltag_Von Hipstern

2015-03-30_191106Die Berliner hassen sie, auch die Venezianer, jedenfalls die eher unterschichtsgeprägten und linksstehenden – und davon gibt es in beiden Städten jede Menge. Sie hassen sie – abgrundtief und aus tiefstem Herzen: die jungen, schicken, reichen, stylischen, nie um einen flotten Spruch oder eine modische Doppelnamenkombination für ihren bereits im Säuglingsalter zum Fashionvictim gertimmten Nachwuchs verlegenen HIPSTER!

Als geistig gelegentlich zurückgebliebenem Stubenhocker ist mir dieses Phänomen lange Zeit nicht unbedingt „prioritär aufgefallen“ – Ich hatte genug mit Metro- und Spornosexuellen und Emos zu tun…Vielleicht liegt es auch daran, dass ich berufsbedingt zumeist in der fränkischen Provinz vor mich hinversauere und hier einfach alles etwas länger dauert bis es ankommt…Inzwischen habe auch ich kapiert, dass es sich bei der Gattung HIPSTER ORDINARIUS, nicht etwa um jene den 30er Jahren entsprungenen afroamerikanischen Charlston-Tänzer handelt, wie sie Ruthies Grosmutter in der Bill Cosby Show beschreibt, nein es sind moderne Hybride aus Pippi Langstrumpf, dem Württembergischen Herzog Eberhard im Baarte, Madame Pompadour und Andy Warhol – gut zu erkennen an den typischen Used-Look-Designklamotten, Vollbärten, Hornbrillen und seltsam in die Höhe gekämmten Hahnenschopffrisuren. Die weiblichen Exemplare der Gattung zeichnen sich darüber hinaus durch extremen Veganismus, Konzeptkindererziehung und einer seltsamen Vorliebe für mit laktosefeier Sojamilch zubereitete Latte Machiato aus.

Die natürliche Umwelt des Hipsters besteht aus Creative Workshops, Startups, Chillout Lounges und improvisierten Skater- und Parkourbahnen, dazu kommen noch einige Lokale und Cafees – bevorzugt in möglichst heruntergekommen aussehenden ehemaligen Fabriketagen – deren Einrichtung zwar ganze Horden von Innenarchitekten über Monate hinaus beschäftigt hat, die aber allesamt aussehen, als hätte jemand den Sperrmüll einer Vorstadtsiedlung der 70er Jahre geplündert und alles kunterbunt und ohne jeden Sinn in der Gegend verstreut. Neben der windschiefen Stehlampe mit extraverblasstem Lampenschirm und dem bewusst aufgeschlitzten Chippendale-Sofa finden sich darin auch so seltsame Dinge wie ein Retro-Flipper, Ein abgegriffenes und schon etwas Ramponiertes Tischfußballspiel und – gaanz wichtig – eine improvisierte Nintendo-Spielkonsole mit Supermarioinhalt! Dass der obligate Kronleuchter meist aus Plastik besteht ist stylish und nicht auf mangelnde Finazielle Möglichkeiten zurückzuführen. Eigentlich macht nur die überdimmensionale Gemüsebar – gerne auch zum Eigenanbauexperiment á la „urban gardening“ erweitert – und die beinahe unüberschaubare Auswahl an Weizengrassmoothies und fair gehandelten Kaffespezialitäten mit garantierter Herkunftsbescheinigung und Regenwaldunbedenklichkeitszertifikat, sowie die sündhaft Teuren Marken-Kaffeemaschinen den Unteschied zu einer normalen Studenten-WG aus.

Dass man beim Betreten eines solchen Etablissements – bevorzugt Fräulein XY oder …Raum genannt – gelegentlich den sehr ernsthaften Verdacht, dass da jemand versucht hat auch den Shabby Chic einer typischen Kreuzberger Kommune der späten 1960er künstlich nachzubilden, ist ebenfalls kein Zufall, sondern gewollte „Ambience“. Das Designkonzept ist so perfekt, dass es an diesen Orten der Einkehr selbst Boshi-häkelnde stillende Frauen die über Fouceault oder die nun wieder einsetzenden Menstruationsbeschwerden (oder den Zusammenhang von beidem!) reden, dabei aber ganz selbstverständlich in breitestem Oststuttgarter Dialekt der erstgeborenen kleinen Emma-Joseleen verbieten auf die Rutsche zu „brontzen“ – Bevorzugt tun sie das im übrigen in Szenestadtteilen wie Prenzelberg, Soho oder irgendwo westlich des Central Park (Sydney NSW!). Denn: Hipster sind vor allem eines: global!

Die durchschnittlichen Hipster-Väter jagen derweil ihr makrobiotisches Veggie-Menü, hängen am Kicker, sind gerade beim neueröffneten Barbier namens „Männersalon“, tauschen sich über neueste Diättips und Fettbinder-Tabletten aus (anders passt kein Mann in diese ultraengen Jeans), geben sich Tips für die ideale Drappierung des obligatorischen Hipster-Scarfs, erstehen auf dem nächsten Flohmarkt die passende Fliege zum Hut, und umarmen dabei ganz nonchalant ihre besten Freunde und reden über Männerprobleme bei Grüntee- und Kosmetikauswahl oder sie schauben ganz einfach an ihrem tiefergelegten BMX Rad herum während sie sich überlegen welches Abenteuer die unendlich weite Welt der Möglichkeiten morgen für sie bereit hält…Ja liebe Damen, das kommt davon wenn ihr euren zukünftigen Ehemann beim tantrischen Slacklinen kennenlernt…

Auch gilt es unter HIPSTERN heute durchaus nicht mehr als Fauxpas mit verschwitztem Fleecehemd und ölverschmierten Händen zum Nachmittagsbier zu erscheinen…ach ja, Bier…Im Süden der Republik das Hauptgetränk des erwachsenen männlichen Hipsters – allerdings bitte auch aus der Spezialedition mit Himalayasalz und Geschmack nach Nori-Algen, alternativ geht auch ein Natureisbock aus einer möglichst kleinen und unbekannten Spezialbrauerei – trinkt der HardcoreHipster der Metropolen bevorzugt Gin-Tonic…oder wie er es formuliert Gin and Tonic, soviel Zeit muss schon sein. Dabei tut’s natürlich keinesfalls die übliche Schweppes Plörre in die man etwas Gordon Dry träufelt, nein es muss schon eine Spezialabfüllung á la 1724, Gents, Thomas Henry oder Fentimans sein. Auch die Auswahl des perfekt auf die dezente Chinin-Note des „T’s“ abgestimmten Gins ist inzwischen zur Wissenschaft für sich geworden.  Namen wie „Sacred Gin“, „Botanist“ oder „G‘ Vine“ sagen da eigentlich schon alles – Wenn eimem also das nächste Mal der Kartenabreißer/Barkeeper des Lieblings-Programmkinos beim Lakritzkauf verschwörerisch ins Ohr flüstert, er habe da etwas ganz Besonderes ist dies – jedenfalls meistens – keinesfalls eine Einladung zur gemeinsamen Bettgymastik, sondern der dezente Hinweis darauf, dass aus den Tiefen des Online-Shoppings eine Neue Probier-Ladung „G&T“ eingetroffen ist…

Ach ja, und noch was – Hipster sind reich. Man sieht es ihnen zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt an – einen Hipster in Nerzmantel und mit Goldkettchen ist mir bisher noch nicht untergekommen – aber sie können sich scheinbar mühelos die teuersten Appartments in der Upper East Side (Selbstverständlich mit Blick auf den Central Park – diesmal den von New York), sündteure Penthouses im Londoner Eastend, Venezianische Palazzi, Südfanzösische Schlösser oder ganze Gründerzeitetagen in Berlin leisten…jedenfalls tun sie erfolgreich so, wenn sie das Geld gerade nicht wirklich von Pappi oder Mammi geerbt haben, denn noch eins – ein Echter Hipster hat zwar ständig irgendwelche Projekte am laufen – wirklich Arbeiten hab ich aber bisher nur die Brooklyner Variante gesehen (die bringen es dann fertig tagsüber sündhaft teure (aber unglaublich gute!) Schocki zu produzieren und nachts in der selben Fabrikhalle eine schicke Party-Location zu betreiben…).

Es ist diese „Attitude“ der real gelebten Gentrifizierung, die die anderen postmodernen „Minderheiten“ in den Wahnsinn treibt. Inzwischen soll es im Frankfurter East End und in Prenzelberg, sowie auf dem Campo Manin  sogar schon zu linken Anti-Hipster Demos gekommen sein – Der Hipster, der Yuppie von gestern und neoliberale Heuschrecken-Faschist von morgen? Nicht ganz, es gibt an den Rändern der Bewegung seltsame Allianzen. Da gibt es den Blockupy-Anhänger mit Pompadour-Schnitt (ich persönlich finde es immer wieder sehr befriedigend, dass sich der Kult-Haarschnitt vorwiegend männlicher Hipster immer noch an dieser weiblichen Kult-Ikone des Rokkoko orientiert!) . Da gibt es den Hipster-Türsteher (der dann manchmal eben doch Goldkettchen trägt) mit ethnisch-hybridem Hintergrund. Da existiert sogar die Hipster-Oma, auch wenn ich bei der manchmal nicht ganz sicher bin, ob sie nicht einfach so lange mit ihrer Freundin Edeltraud im „Woll-Paradies“ Pfefferminz-Ingwertee getrunken hat, bis der Retro-Look sie wieder eingeholt hatte. Und da gibt es die aktivistisch veranlagte Hipster-Maklerin mit leichtem Punk-Einschlag die sich ganz selbstverständlich bei Amnesty engagiert und auch bei der letzten Femen und Peta-Befreiungsaktion dabei war – das aktuell wohl typischste aller HIPSTER-Rollenmodelle…Ach ja, und da gibt’s dann auch noch den knapp volljährigen HIPSTER_VWL-Studenten, der, weil grad kein geeignetes weibliches Wesen in der Nähe ist, einfach seinen Tutor abschleppt…Der Hipster ist in solchen Dingen flexibel und beantwortet etwaige Nachfragen leicht irritierter Erzeuger mit einem charmanten „Yep“ – immer vorausgesetzt sein Gegenüber hat glutenfreien Camenbert und etwas Chablis oder Ardberg zu hause und ist kein passionierter Hipster-Groopie, die mag der Hipster im Gegensatz zum Yuppie nämlich garnicht! Und noch was, der Hipster ist alles, nur nicht hip! (und wenn dann meint er das allenfalls ironisch ;-))

Es lebe der Hipster!