Von der Henne und dem Ei

Henne und EiEhrlichgesagt habe ich sie nie verstanden, die angeblich unauflößliche Frage was zuerst dagewesen sei: die Henne oder das Ei.

Sie ist weder unauflößlich, noch ein Rätsel, noch etwas unbeantwortbares.

Wie der angeblich auch unauflößliche Gordische Knoten ist die Frage nach der Henne und dem Ei eigentlich ziemlich einfach aufzulösen.

Und wie Alexanders Schwerthieb mag die Lösung nicht besonders elegant, ja sogar banal sein, und heißt ganz einfach:  Evolution.

Spätestens seit Darwin wissen wir, dass die erste Henne, jene stolze und gackernde Urmutter allen Federviehs,  aufgrund einer kleinen Genabweichung (ob nun Mutation oder Kombination ist hier ziemlich unerheblich) aus dem Ei eines Wesens schlüpfte, dass noch nicht Henne war.

Wir könnten trefflich und lange darüber streiten, wann das „Noch-Nicht-Henne-sein“ endete und das „Henne-sein“ begann, ob wir dieses erste Hennenwesen auch Huhn nennen würden, oder ob es nicht eine Art Adler, ein Falke oder doch ein Archäopterix, ein Hoazin oder irgendetwas anderes gewesen ist. Für die Beantwortung der Frage nach der Henne und dem Ei ist dies letztendlich irrelevant, da Henne wie Ei lediglich als Archätypos zu verstehen sind, und wir das ganze getrost unter „Vogel“ subsumieren können. Selbst wenn wir das nicht tun, ändert es nichts daran, dass unser Hennenwesen, von einem Noch-Nicht-Hennenwesen abstammte, das seinerseits wiederum von einem Wesen abstammte, welches noch nicht Vogel war. Das Noch-Nicht-Vogel-Wesen stammt seinerseits wieder von Reptilien ab, und jene von Amphibien, diese stammten wiederum von den Fischen.

Klingt irgendwie wie jene Stammbücher aus der Tora und ist im Prinzip auch so.

Für die Beantwortung unserer Frage entscheidender ist jedoch, dass alle diese Wesen – von den wenigen Ausnahmen der lebend-gebärenden abgesehen, die den Prozess des Ausbrütens quasi in ihren Körper „internalisiert“ haben abgesehen (deswegen aber trotzdem Eier haben) – Eier legen (ob diese nun immer so aussehen müssen wie wir uns ein Ei vorstellen, ist eine ganz andere Frage).

Fakt bleibt:, das Ei war eindeutig lange vor der Henne da, einige hundert Millionen Jahre früher um genau zu sein.

Das Rätsel von Henne und Ei damit gelößt.

Das heißt nun nicht, dass dieses Rätsel aus philosophischer Sicht keine Berechtigung hat um daran Problematiken von Ursache und Wirkung aufzuzeigen. Doch muss man sich dabei stets bewusst sein, dass es sich bei ihm um ein Hilfskonstrukt, eine Art klassischen und durch die lange Tradition seines Gebrauchs gleichsam legitimierten Anachronismus handelt, bei dem man von jetzt-seienden Zuständen (fälschlicherweise) auf vergangene schließt. Es ist daher richtig, dass es in der gegenwärtigen Welt schwer möglich ist, zwischen dem Ursprung von Henne und Ei zu unterscheiden. Es ist aber genauso richtig, dass dies nicht immer so war, und auch nicht immer so sein wird, da sich früher oder später aus der Henne, die sich aus einem Reptil entwickelte, wiederum etwas Anderes, Neues entwickeln wird.

Dass ich mich dabei gerade die ganze Zeit frage, was eigentlich mit dem Hahn ist, ohne den das Ganze nunmal nicht funktioniert, sei nur der Vollständigkeit halber hinzugefügt…Sicher, die Henne legt auch ohne ihn Eier, aber dann sind sie taub, ohne Leben, kurz das, was wir – sofern wir nicht das Glück haben unsere Frühstückseier aus einer noch intakten Hühnerschar samt Hahn zu beziehen – tagtäglich als Frühstücksei zu uns nehmen.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn der Metapher von der Henne und dem Ei als Parabel auf unsere übertechnisierte, das Leben aus rationalistisch-ökonomischen Gründen ausblendende, verhindernde ja bewusst zerstörende Welt. Es ist der Mensch, der mit seiner Praxis industrieller Massentierhaltung, bei der es keine Hähne (jene werden bereits im Kükenalter „ausselektiert“ – man könnte auch sagen zu „Müll“ oder „Ausschuss“ erklärt aus dem man im besten Fall chemische Komponenten für die Medizin- und Kosmetikindustrie „rückgewinnt“, im schlechtesten landen sie tatsächlich „auf dem Müll“) und damit auch keine lebendigen „fortpflanzungsfähigen“ Eier und damit auch keine Evolution und Vielfalt mehr gibt, die Zukunft der Henne als evolutionsfähiges Wesen bewusst verhindert.

Sicher, es gibt auch Zuchtstationen, bei der – ebenfalls im industriellen Ausmaß – standardisierte Hühner, mit standardisierten Eiern und standardisierten Hähnen gezüchtet werden, doch ist hier nicht die Vielfalt, oder gar die weitere Evolution der Henne zu einem anderen Wesen Ziel, sondern vielmehr die Verhinderung jeglichen Lebens, welches nicht dem Menschlichen Nutzdenken und Zweck-Standard entspricht.

Daher sollten wir in Zukunft vielleicht nicht mehr von der Henne und ihrem Ei, also vom Rätsel des Ursprungs, sondern von der Henne und ihrem tauben Ei und damit von einer vom Menschen aus kurzfristigen ökonomischen Interessen bewusst manipulierten, verhinderten und ihrer Vielfalt beraubten Zukunft sprechen.

Und nein, ich werde deshalb noch lange nicht zum Frühstückseiverachter oder gar Veganer. Ich bin mir lediglich bewusst, welchen Preis die Henne für meine Chickennuggets bezahlt…und ich kann damit leben…warum? Nun da müsste man Luhmann’s kleine Schrift von der Macht zitieren: „weil ich es kann!“- ob ich es sollte ist eine ganz andere Frage…