Adventskalender 2014 – 16. Türchen: Von echtem und falschem Schnee oder warum ein öffentliches Linienboot der absolut beste Ort zum Dübeln ist…

Venexia„Anche un po di dope?“
Meine deutsche Cafébekanntschaft war sich nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte. Schließlich verhört man sich gern in fremden Sprachen und der Schiffsmotor eines Vaporetto ist einer fehlerfreien Kommunikation auch nicht geradeeben zuträglich. Allerdings ließ die Szenerie, die sie mir gerade aufgeregt schilderten, relativ wenig Platz zur Interpretation:

Ein winziges Außendeck einer unbedeutenden Nebenlinie am frühen Nachmittag, die noch dazu nicht eben die übliche „Touristenroute“ durch den Canal Grande nach San Marco fährt, eine kleine Plastiktüte mit einer braun-krümeligen Substanz darin, ein etwas heruntergekommen aussehender Erwachsener mit Rastalocken und eifrige Jugendliche die sich kurz darauf vergnügt schnatternd einen Joint basteln…
Well, ich hab als Antwort nur gelächelt und Ute und Hans aus dem schönen Kiel erstmal darüber aufgelärt, dass in Venedig ganz normale Menschen leben und es hier daher auch nicht anders zuginge als im Rest der Welt.

Die Venezianische Giovanezza ist allenfalls ein bisschen tolldreister und selbstherrlicher als man es ihr zugetraut hätte. Aretino* hätte nun vermutlich gesat: Gli Veneziani soni degli divini…, aber auch das ist hier schon seit Jahrhunderten so, und anders kommt man hier auch nicht weit…Außerdem zwingt einen ja niemand mit zu rauchen ….

Well, Hans und Ute gehören offensichtlich zu den Menschen die immer noch an die Heile Welt glauben und Venedig für eine Art Blitzsauberes Disneyland halten…Ich war gemein und hab sie in den nächsten Sottoportego, um eine Ecke und nochmal um eine Ecke mitgenommen, und siehe da: Obwohl die Stadtverwaltung seit Jahren behauptet der Drogenumschlagsplatz Nahe San Stefano sei trockengelegt, habe ich doch tatsächlich ein paar frischbenuzte Spritzen gefunden. Meine beiden Kieler waren entsetzt haben mir aber dann doch zähneknirschend geglaubt, dass die Serenissima eine der größten Drogenszenen Italiens ihr eigen nennt.

Ich war dann doch noch nett und hab auf dem Rückweg gemeint, dass sie sich deswegen wirklich keine Sorgen machen müssen, als Tourist wird man sich- ohne meine tatkräftige Hilfe – nur recht selten in die wirklich schlimmen Gassen verirren, auch und vor allem, wenn sie gleich hinter dem nächsten Sottoportego liegen…Außerdem ist Venedig sicher, so sicher jedenfalls wie eine Stadt in der Welt überhaupt sein kann…hier und da ein paar Einbrüche und ziemlich viele Taschendiebstähle in der Karnevalssaison…das war’s…Morde, Vergewaltigungen und wirklich schwere Raubdelikte sind hier, anders als bei Comissario Brunetti eher selten…man kommt einfach so verdammt schlecht weg vom Tatort, wenn um einen herum ein Labyrinth mit Wassergräben liegt…Auf eine Sache sollte man allerdings achten: Die unterschriftensammelden Gutmenschen vom Rialto die einen mit allen möglichen Komplimenten gleich mehrsprachig dazu bringen wollen, dass man für die Kinder, die Umwelt, die Tiere oder eben gegen Drogen unterschreibt…Nicht nur dass diese Dodel eine weltweite Pest sind (James Bowen hat sie am Londonder Exempel in seinen „Bob“ Bänden hinlänglich beschrieben…); Nein, wenn man es wagt nicht zu unterschreiben, werden sie ausfällig, drohen einem damit einen zu bestehlen oder mit Farbe anzugreifen und rennen einem auch noch nach!

Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob diese übereifrigen Jung-Idealisten in Wirklichkeit nicht staatlich lizenzierte (oder eben unlizensierte) Kumpanen der Taschendiebe sind…Die einen lenken ab, die anderen klauen…

Zum Abschied habe ich den zwei Kielern dann noch geraten sich die Nasen und Bootsränder ihres nächsten Gondoliere lieber genauer anzusehen…Es ist ein offenes Geheimnis das Schnee in diesen Kreisen nicht nur im Winter fällt…

Ist halt ein verdammt harter Job den ganzen Tag für ein Heidengeld dumme Touristen durch die Gegend zu schippern und ihnen dabei immer wieder die gleichen neapolitanischen Schnulzen ins Ohr zu säuseln…allerdings…eigentlich singen sie kaum mehr, die Gondolieri…die Stadt und ihre Einwohner mögen es nicht (ob es ein richtiges Verbot gibt ist mir unbekannt, aber es fällt auf, dass in den letzten ein, zwei Jahren kaum mehr ein O sole mio durch die Gassen klingt) und auch die Touristen scheinen endlich kapiert zu haben, dass es ohne Schnulz einfach schöner ist…

Buon di e tante auguri….

*Pietro Aretino: Berühmter Rennaisance-Literat und Philosoph, v.a. Berühmt für seine bößartigen Spottgedichte und „Hurengespräche“.

PS: Wer die Tage mal in die Serenissima kommt, dem sei ein Besuch der Ca‘ d’Oro dringend anempfohlen. Nicht nur, dass es herrlich witzig ist, wenn einen zwanzigtausend japanische, russische und indische Touris fotografieren, weil man gerade auf einem der Balkone steht und sie einen für den Besitzer des Palazzo halten, nein, es gibt auch tollen Modeschmuck aus den ganz großen Filmen des Goldenen Zeitalters der Cine Citta zu bestaunen!

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Sankt Martin – oder, weshalb ich bis heute eine gewisse Abneigung gegen Gutmenschen, Femministinnen, katholische Dickschädel und Kindergartentanten hege

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne 1 (3) Sankt Martin Laterne 1 (4) Sankt Martin Laterne 1 (5) Sankt Martin Laterne 1 (7)Ich weiß, ich bin ein Brauchfetischist, als Volkskundler ja auch irgendwie verständlich – auch wenn wir das jetzt Europäische Ethnologie nennen –  und ja, Sankt Martin bzw. sein heute stattfindender Namenstag sind für mich neben Weihnachten, Ostern, Schwörmontag, Fischerstechen und dem Sedanfeuer (ja, das feiern wir hier durchaus immer noch) eine Art Non-Plus-Ultra unter den Jahresbräuchen. Vermutlich liegt diese Vorliebe auch daran, dass heute mein Geburtstag ist, und ich mir als Kind ziemlich lange eingebildet habe, dass der Heilige Martin, samt Bettler, Laternenumzug, Schimmel, Musikkapelle und Weckmännern (dass sind kleine Männchen aus Hefeteig mit Rosinenaugen, die’s heute seltsamerweise nicht mehr gibt) einzig und allein mir zu ehren zum Abschluss meiner Kindergeburtstagsparty vor unserem Haus vorbeidefilieren würden. Als ich dann mit Hilfe einer wenig nützlichen Kindergartentante, die ich bis heute nicht ausstehen kann (sie wollte mich auch von den Vorzügen des Mittagsschlafes überzugen!) feststellen musste, dass es sich bei dem Brauch keinesfalls um meine persönliche Geburtstagsparade, sondern um die Feier des Namenstages des Ortsheiligen und Missionars der Gallier Skt. Martinus von Tours handelte (der mit der Gans) war ich wenn ich mich recht entsinne zwar kurzzeitig ein wenig verschnupft, tröstete mich aber mit em Gedanken. dass ich in ein paar Jahren ja mit den Großen hinter dem Heiligen die Fackeln tragen dürfe…
Well, daraus wurde dann nichts…und das lag nicht nur daran, dass ich Protestantisch war, ich zwar, weil’s keinen anderen Kindergarten gab,  noch im katholischen Kindergarten Skt. Mariä Lampignonkind war, aber eben kein fackelschwingender Firmling sondern Katechismusbetender Konfirmand wurde (und gute Protestanten beteiligen sich ja bei soetwas „papistischem“ wie einem Martinsumzug nicht, jedenfalls nicht bei uns, und die Katholiken hätten uns ganz sicherlich auch nicht gelassen…es waren die frühen 1990er, und die schwäbische Vorstadtidylle kannte noch keine gemischtkonfessionellen, interkulturellen oder sonstwie gender- und integrationsmaingestreamten „alle dürfen mitmachen“ Laternenumzüge)…und selbst wenn uns Erzketzer hätten mitmachen lassen…das Ganze wäre ohnehin ins Wasser gefallen, weil irgendeiner politisch linksbewegt-atheistischen Übermenschengutmutter/Femministin urplötzlich einfiel, dass die Fackeln ja doch sehr an die Machtergreifung Hitlers erinnerten und es außerdem im Interesse der Gleichberechtigung ja garnicht sein könne, dass Mädchen/Frauen weder den heiligen Martin, noch den Bettler noch die Fackelträger sein dürften, und außerdem sei das Ganze ja lediglich ein übler Priestertrug der zur konfessionellen und sozialen Stigmatisierung armer weiblicher Nichtkatholiken diene. Dass die Frau nix, aber auch gar nix von Brauchgenese/-praxis und historischer Authentizität verstand, und sich im Gegenzug der gestandene katholische Dorfpfarrer von einem „dahergelaufenen Weib“ nichts, aber auch garnichts anschaffen ließ, und dass diese Privatvendetta dann in eine Art intergalaktisches RabimmelRabammelRabumbumbum der Sterne und Lampignons ausartete, muss man hier glaub ich nicht extra dazu sagen… Jedenfalls endete der Streit dahingehend, dass am Ende in unserem Teilort garkein Martinsumzug mehr stattfand – den femministischen Gutmenschen und katholischen Dickschädeln sei Dank!
Und so steht sie jetzt eben auf unserer Küchenkommode, die Martinslaterne und harrt besserer Zeiten.

Einen schönen Martinstag noch!

ALexnikanor

Von Hungernden Sozialschmarotzern und der Kunst der Demut

„Wenn’s ihnen hier nicht passt, können’s ja wieder abhaun!“

„Alles Kriminelle, Menschenschleußer und Drogenhändler!“

„Sozialschmarotzer, Arbeitsscheues Gesindel, Assoziale!“

„Am besten, wir würden sie gleich an der Grenze abknallen, dann hätten wir die Probleme nicht…“

Ich weiß, ich neige zu schwierigen Themen, und ich weiß auch, dass man seine Mitmenschen mit sowas am heiligen Sonntag Nachmittag  eigentlich nicht plagen soll…

Und trotzdem mach ich’s , auch und gerade auf die Gefahr hin in Fettnäpfchen zu treten und Fußspuren in der Komfortzone anderer zu hinterlassen…

Warum? Warum nicht?

Man(n) muss nicht das Stereotyp vom springerstiefeltragenden Glatzkopf mit Reichskriegsbanner um die Schultern bedienen um dieser Tage die oben zitierten Kommentare zu hungerstreikenden „Assylanten“, Wirtschaftsflüchtigen und vorgeblich kriminellen Ausländer-Clans mit eigenen Ohren zu hören zu bekommen.

Die wohlsituierten Teilnehmer/innen Bayerischer, palermitanischer und athenischer Stammtische, sächsischer Kaffeekränzchen und portugiesischer Schützenvereinsumtrünke können bei einem gepflegten Ouzo, Bier, Wein, Kaffee oder Quittenlikörchen zumindest verbal wesentlich kaltblütiger als jedes SS-Rollkommando sein.

„Wir haben genug mit unseren eigenen Problemen zu tun“

„Sollen sie doch bleiben wo sie sind“

„Ausrotten…alle ausrotten…die braucht doch eh niemand“

Auch eine Form des Zweckrationalismus, und eine bei der’s den meisten noch nichtmal kalt den Rücken hinunterläuft. Seltsamerweise sind es gerade jene Gutmenschen, die Anfang Zwanzig voller Hoffnungen und Utipien in fremde Länder aufbrechen um die Welt zu retten, die nach ihrer Rückkehr in eben jenes Vernichtungshorn blasen. Clash of cultures?

Die „urmenschliche“ Abneigung gegen alles Fremde und Neue?

Ich bilde mir ein, mir nichts mehr vorzumachen. Glaubt man Archäologen und Kulturwissenschaftlern sind „Ausländer“ spätestens seit der neolithischen Revolution vor rund 10.000 Jahren für die, die bereits da sind keine Mitmenschen sondern „ein Problem“, dass es möglichst schnell zu beseitigen gilt.

Der oder die Andere gehört nicht dazu, ist anders, fremd und – er könnte ja Acker, Hof, Weib, Kind und Hund (sic!) rauben – gefährlich. Fremde sind nicht gut für Länder mit Gartenzwergen und gepflegten japanischen Vorgärten. Sie stehlen Jobs, gefährden den hart erarbeiteten Wohlstand, drücken das Lohnniveau und vergewaltigen unsere Frauen, Ziegen und Hunde…ganz egal was Schamanen, Börsengurus, Wirtschaftsweise und korrupte Clanchefs…ähm Politiker sagen…

Essen und Wahlrecht nur für Einheimische, reinrassige, blonde, blauäugige Griechen! so jedenfalls die „goldene Morgenröte“ (Ich kann nur hoffen, dass die Schamesröte auf Auroras Wangen nicht daher kommt)…

Dabei würde schon ein Blick auf die Liste der Nachnahmen der wohlsituierten Tiradenschwinger besseres lehren… Da sitzen sie mit Sack und Pack und Grill im Stadtpark, bei Bier und Mammutsteaks vom Discounter: die Schulzinskys neben den Döhnhoffs, die Armeni neben Liebermanns und die Asamasows neben den Friesens…und war nicht Alexander der Große gar kein Grieche? und war es nicht Jan Sobiesky dessen Flügelreiter „uns“ vor Wien vor „dem Islam“ retteten? Und Europa…kam sie nicht auf dem Rücken von Zeus zu uns als Ausländerin von der Levante? Stammten nicht Aeneas und Antenor aus Troja und waren es nicht die schwarzen Sklaven, die dafür sorgten, dass der gute deutsche Bohnenkaffe auch bei Müllers und Schultzes auf den Tisch kam?

Schweigend wird mir die indische Currysauce zur thüringischen Bratwurst gereicht.

Gelebtes Multikulti? zumindest kulinarisch? Alles gut?

Nicht wirklich – ein Halbsatz, den ich nebenbei gesagt viel zu oft sage, und noch viel öfter denke…Ich sei zu kompliziert, zu nachdenklich, zu unspontan, zu deutsch…aber sind wir nicht das Land der Dichter und Denker…müssen wir nicht kompliziert und grüblerisch und misstrauisch sein um die zu bleiben, die wir sind?

Well…

Ich für meinen Teil misstraue aus leidvoller Erfahrung auch zutiefst jenen, die alles Fremde und Neue neudeutsch als „challange“ und „Herausforderung“ (nebenbei bemerkt ein sehr zweideutiges Wort, auch im Englischen), „interessant“ und „spannend“ und „erregend“ und „toll“ und „anregend“ finden. Nicht nur, dass sich hinter diesen Frasen zumeist nur ein sehr oberflächliches Wissen um das oder den jeweils Anderen verbirgt, nein, diese Menschen erinnern mich an an ADHS erkrankte Kindergartenkinder, die – immer auf der Suche nach dem nächsten Sandförmchen-Kick im Schnellkurs ganze Kulturen in sich absorbieren, verdauen, sie in Form dunkelhäutiger Beachboys als Ersatzdildos missbrauchen um sie dann nach allerspätestens zwei Wochen für ein neues noch exotischeres Lustobjekt frustriert in die Ecke schmeißen und nie wieder eines Blickes würdigen.

Heute Tibet, morgen S21 und übermorgen Asylanten! Immer für das Gute, nie für das Schlechte und immer für den (möglichst fernen!) Mit-menschen! Ein Blick in manche politisch korrekte StudentInnen-WG der Gegenwart gleicht in ihrer beliebigen Zusammenstellung von Protestsymbolen nicht zufällig dem in eine noch ungeordnet im Museumskeller schlummernde barocke Wunderkammer vor ihrer restauratorisch korrekten Rekonstruktion!…

Als Kleinkind mag dieses Verhalten noch durchgehen, als Erwachsener zeugt es von mangelnder Achtsamkeit, hemmungslosem Aktionismus und in seiner Öffentlichkeitswirkung genau berechnetem Egoismus. Der Barock war in diesen Dingen ehrlicher, er bekannte sich offen zur sinnlich-repräsentatativen Charakter seiner „Kulturerfahrungen“ und kannte – von einigen seltsamen Pietisten und Devoten abgesehen – noch keine aufgeklärten Weltverbesserungsgelüste…

Das Fremde war vor allem eins: Exotisch, vielleicht auch deshalb, weil es soweit weg war?

Heute hingegen fragt man sich ob manch vorgeblicher Schützer der Menschen-, Frauen- Kinder- und Tierrechte, Gesundheitsapostel und Fitnesspapst in seinem tiefsten Inneren nicht doch nur eine Neuauflage jener Kreuzfahrer, Missionare und Prohibitionisten ist, welche dereinst die guten Sitten, das christliche Abendland und den gesunden Menschenverstand gegen teuflische Wilde und Heiden verteidigten.

Ich muss gerade an die Denkmäler gegen den Inneren Schweinehund des dänischen Künstlers Jens Galschiøt in Bonn und (inzwischen in den Bauhof verbannt und durch die Skulptur „Der Wächter“ von Markus Jestl erstetzt) in Innsbruck  und die damit in engstem Zusammenhang stehende Rede Kurt Schuhmachers vom 23. Februar 1932 denken.

Soweit ich mich erinnere trug der Sockel des Innsbrucker Schweinehunds eine Inschrift, welche darauf hinwies, dass er durch menschliche Ignoranz, Dummheit, Verachtung und Hochmut genährt und nicht gefüttert werden dürfe…

Dito…

Und nun…Heute Morgen wurde das Camp der Hungerstreikenden von der Polizei geräumt.

Waren es nicht genau jene immergleichen Bilder von Gewalt und Angst, die wir in unserem tiefsten Inneren erwarteten? Die einen befriedigt, weil sie Hungerstreikenden eh als assoziale Sozialschmarotzer verachten, die anderen glücklich weil sie mit ihnen neue Nahrung für ihren selbstbeweihräuchernden Kampf gegen das Böse in Form der bayerischen Staatsregierung bekommen?

Istanbul und Kairo sind überall…und genau das ist das Problem.

Wir leben, wie es Ulrich Beck so nett ausdrückt in einer Welt der Nebenfolgen. Alles hängt mit allem zusammen und dank Twitter, Facebook, yourube und Skype sind wir überall live dabei (oder haben zumindest den Eindruck es zu sein…). Nichts ist mehr privat, alles öffentlich, und alles damit auch bekannt, oder zumindest als bekannt vorauszusetzen.

Doch heißt – anders als manch Internet-Enthusiast sich das bis heute erträumt – ein mehr an Information keinesfalls ein mehr an Einsicht. Ganz im Gegenteil:

Für jede Information, für jeden Stadtpunkt findet im Netz auch das Gegenteil. Man muss nur lang genug danach suchen.Was hier gut ist, kann dort böse sein. Und das, was wir gerade noch als dernier cri bewunderten, gilt morgen als verdammenswert. Das Netz ist eine kapriziöse Geliebte und ein Shit-storm zum Nachtisch wahrscheinlicher als eine Mousse aux chocolade.

Auch die münchner Asylsuchenden sind in dieser mediatisierten und globalisierten Welt mehr als „nur“ hilfesuchende Menschen. Sie sind Medienereigniss, Vorbild, Schreckgespenst und Alptraum, Helden und Verbrecher, Mensch und Mythos…ob sie das nun wollen oder nicht.

Je nach Standpunkt des Bloggers, der Journalistin oder des Online-Redakteurs verändern sich die Rollen. Für den User ist alles relativ, man muss nur die „richtigen“ Informationen finden und den anderen via like-buttons, online-petitionen und Pinwand-Posts davon überzeugen.

Keine Opfer und keine Täter, keine einfachen Verallgemeinerungen, keine statistischen Mittelwerte, nur noch das informatorische Dauerflimmern von Milliarden Individualisten auf der egozentrischen Suche nach Glück und Aufmerksamkeit.

Eine seltsam unterkühlte, subjektivierte und orientierungslose Welt, die sich gar nicht so sehr von jener der (un-)bedacht fremdenfeindlichen Stammtischbrüder, Kaffeklatschbesucherinnen und dienstbeflissenen SS-Schergen unterscheidet.

Ist es wirklich diese Freiheit der totalen und damit auch relativierbaren Information, die wir wollen, brauchen wir nicht vielmehr weniger Information und mehr Orientierung, Führung und Grenzen und damit auch die damit zusammenhängenden Aus- und Abgrenzungen um nicht vollkommen beliebig zu werden? Braucht es nicht Fremdes und Eigenes um überhaupt noch einen Standpunkt vertreten zu können und müssen wir dann nicht auch akzeptieren, dass nicht alle Menschen gleich, und manche eben gleicher sind?

Ein Minenfeld, auf dass man denkend geht und von dem man ganz leicht ohne Kopf zurückkommt…

Vielleicht war es ganz richtig, dass ich heute Morgen ohne groß darüber nachzudenken Schmetterlinge aus Origamipapier an unserer Haustüre aufgehängt habe, sie sind jedes Jahr dort, bleichen aus, und werden durch neue ersetzt…schließlich sind es die sanften Flügelschläge dieser Begleiter der Seelen in die Anderswelt, der buntschillernden Begleiter von Aphrodite, Amor und Psyche, die andernorts angeblich alles vernichtende Hurrikans erschaffen.

„Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει“

„Alles vergeht und nichts bleibt wie es ist…“

Eventuell sollten wir uns öfter an diese dem antiken Philosophen Heraklit zugeschriebenen Worte erinnern um zu erkennen, dass wir schon morgen diejenigen sein können, die vor Hunger, Not, Terror und Zerstörung unserer Welt in andere Länder fliehen und dort ohne alles Aufnahme erflehen müssen, aber auch diejenigen, die unterdrücken, neiden, töten und im Luxus schwelgen.

Vielleicht, nur vielleicht hilft dieses kurze Zögern uns dann beim nächsten mal bei Bier und Wein und Kaffe, Likör und Hungerstreik nicht ganz so schnell über den andren zu urteilen…Einfach ist das nicht, weder für die, die alles haben, noch für jene, die danach streben.