„Die spinnen die Griechen“ – oder: „Warum wir alle lernen müssen, ein bisschen weniger Götter und Banker zu sein!“

Hellas !

Hellas !

„Die spinnen die Griechen!“ – In Abwandlung des berühmten Asterix-Zitats ließe sich so oder so ähnlich wohl am ehesten die Reaktion der nicht-griechischen Welt auf den heutigen Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza an diesem für das weitere Schicksal Griechenlands so bedeutungsschwangeren Abend zusammenfassen.
Griechenland hat gewählt und der Rest der Welt fasst sich an die Stirn und fragt sich: Wie um alles in der Welt kann man nur so dumm sein? Da posiert ein wildgewordener Linken-Chef in Siegerpose,  verspricht das Blaue vom Himmel und fordert im gleichen Atemzug hunderte von Milliarden an Reparationszahlungen von Deutschland für angeblich nie gesühne Nazi-Greul; und was geschieht? Der Großteil des griechischen Wahlvolkes glaubt und wählt ihn!

So weit so gut, und so viel Vorurteile und Missverständnisse.

Sicher, es soll tatsächlich – noch oder schon wieder – Griechen geben, die glauben, die EU und der Euro könnten ohne Griechenland nicht existieren. Schließlich sei Griechenland ja die Mutter der Demokratie und der Ursprung aller Europäischer Kultur; ja einige sollen sogar glauben, dass die einzig echten Menschen Griechen sind, und alle anderen nur eine Art „Untermenschen“…

Meine Erfahrungen mit „den Griechen“ ist eine vollkommen andere und die große Mehrheit von ihnen denkt auch nicht so. Sicher, die Reparationszahlungen sind ein heikler und rechtlich, wie moralisch alles andere als einfacher „Wunder Punkt“, der die gegenseitigen Beziehungen beider Länder seit langer Zeit belastet. Uns sicher, es erscheint aus Deutscher Perspektive geradezu verrückt ausgerechnet die Hand zu beißen, die einen füttert und statt auf die eigenen Fehler zu schauen, Deutschland (und die Deutschen) zum Feindbild nummer eins zu machen, welches für alles verantwortlich ist, was in Griechenland seit 70 oder noch mehr Jahren schief läuft.

Aus griechischer Sicht ist das aber nicht der entscheidende Punkt. Die meisten Griechen wissen nach 4 Jahren Krise schlichtweg nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Sie wissen nicht, wie sie ihre Ausbildung, Rente oder Krankenkasse finanzieren sollen und sie wissen nicht, ob es überhaupt je möglich sein wird, in ihrem eigenen Land je wieder ohne Angst vor dem was kommen wird zu leben. Da wird man anfällig für große Versprechen und scheinbar einfache Schuldzuweisungen. Gerade wir „Deutschen“ sollten das wissen.

Ersteren Griechen, so es sie den gibt, möchte ich nur sagen: Auch ihr seid ihnen aufgesessen, den romantischen Erfindungen fleißiger Weltverbesserer, den großen Ideen und Utopien, den Heldensagen und Traumvorstellungen von eigener Größe, Stärke und Bedeutung, die wir – die Deutschen – Euch mit Hilfe fleißiger bayerischer Staatsbeamter im Dienste Eures ersten Königs Otto um 1840 vermittelten. Wir waren es, die Euch, die gequälten, gedemütigten, erniedrigten und beinahe untergegangenen griechischen Bauern, Tagelöhner und Kleinunternehmer zu Halbgöttern (v)erklrärten und so garnicht verstanden, weshalb der oder die „normale“ Grieche/in kein Herakles, kein Apoll, keine Aphrodite und auch keine Athenä war (und es, zumindest damals noch, als gute/r Orthodoxer Christ/in auch garnicht werden wollte…) Inzwischen haben wir es mit Hilfe zahlreicher griechischer Politiker, Lehrer, Demagogen und Bauernfänger, Romantiker, Utopisten und sonstigen Weltverbesserern doch irgendwie geschafft Euch davon zu überzeugen, dass ihr, wenn schon nicht Götter, so doch beinahe göttliche Menschen seid, die im schönsten, größten und wichtigsten Land der Welt leben, in dem alles was je Kultur und Zivilisation ausmachte und ausmachen wird seinen Ursprung fand. Gut hat Euch diese Form „Hybris“, die sich, wie der Kundige weiß vom Wort „hybrizomai“ für „(sich) verletzen bzw. verletzt werden“ ableitet, nicht getan…

Und ihr? Anstatt den Deutschen zu erklären, dass die griechische Realität des frühen 19. Jhdts. die eines bitterarmen von Krieg und Ausbeutung gebeutelten und erzorthodoxen Bauern, der kaum seinen eigenen Namen schreiben konnte war, wart ihr geschmeichelt – wer wäre es nicht – und irgendwann habt ihr dann tatsächlich geglaubt; geglaubt dass Eure Vorfahren tatsächlich Götter und Heroen waren. Das schon die antike Realität anders aussah, dass Demokratie, Vernunft und Schönheit auch schon zu Platons Zeiten für die Meisten reine Utopie waren, und dass auch damals 99,9% der Bevölkerung weder das Geld, noch die Bildung, noch die Zeit noch das richtige Geschlecht hatten um in schattigen Wandelhallen zu philosophieren, nun…die Geschichte vom Volk der Götter und Philosophen war eben schöner – und mal ehrlich, wären wir nicht alle gerne ein bisschen Achilles und Helena, natürlich nur in der Besetzung mit Brad Pit?

Den Griechen aber, die sich nicht auf ihren inneren Olymp geflüchtet haben (sie hätten, wie jeder Mensch der in die Enge getrieben wird jedes Recht dazu!), jenen, die Angst vor dem Morgen und dem was noch kommen mag haben – und das sind die meisten – kann ich eigentlich nichts sagen. Jedenfalls nichts, was nicht irgendwie überheblich, besserwisserisch, gutmenschlich, geheuchelt oder auch nur mitfühlend aber falsch klingen würde. Die Lage ist hoffnungslos – da gibt es nichts zu beschönigen, und ob sie je wieder besser wird…wir können nur hoffen. Hoffnung, auch und gerade trotz allem! Dass einige von Euch jene Hoffnung nun in den Versprechungen der Syriza oder der Goldenen Morgenröte suchen…Allas…wirklich übelnehmen kann ich Euch das nicht. Ich kann nur davor warnen, die Realität mit einem Traum oder einem einfachen Feindbild zu verwechseln…Es wird nicht besser, wenn man davonläuft und statt auf die eigenen Fähigkeiten auf die Heils- und Lösungsversprechen anderer vertraut. Gerade wir „Griechen“ sollten das wissen. Wir haben wahrlich genug schlechte Erfahrungen mit noch schlechteren Politikern und ihren noch viel schlechteren und in höchstem Maße egoistischen Ideen gemacht…und trotzdem, wir hoffen immer weiter, vertrauen immer weiter…vielleicht ist das unsere größte Stärke, aber diese unerschütterliche, immerbleibende, unausrotbare und bis an und über die Grenzen aller Vernunft gehende Hoffnung auf ein besseres Morgen und eine bessere, gerechtere, schönere, glücklichere Welt ist eben auch unsere größte Schwäche, weil sie uns angreifbar macht für Demagogen;

Vielleicht hat aber auch Nikos Dimou – jener im eigenen Land so wenig geschätzter und gerade deshalb so weiser und scharfsichtiger Philosoph- recht; vielleicht stimmt es ja, und „Die Deutschen sind an allem Schuld“. Wir die „Germanoi“ und vielleicht auch noch ein bisschen Lord Byron waren es schließlich, die Euch erst den Floh vom „Griechen“ als Prototyp des „Schönen, Guten und Vernünftigen“, des Proto-Europäers, und Griechenland als Ursprung aller Kultur und Zivilisation ins Ohr gesetzt haben. Und wir sind es heute, die an Euch diesen von uns gezeugten Floh und seine unerwünschten Folgen als angeblich erzgriechische Unvernunft brandmarken!

Nicht genug damit. Wir waren es auch, die gemeinsam mit den anderen EU-Gründerstaaten in den 1980ern eine Expansion der „europäischen“ Idee in den Süden und in den 2000er Jahren einen Beitritt Griechenlands zum Euroraum für „wünschenswert“ hielten – und sei es nur, um damit der Sowjetunion zuvor zu kommen, ein wirschaftliches Gegengewicht zur USA zu schaffen, oder unserer Wirtschaft neue Märkte zu eröffnen. Um Euch, Eure Wünsche, Eure Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen –  geliebte Hellenen – gieng es dabei nie. Vielmehr haben wir gar nicht erst gefragt ob Eure Ideen, Wünsche, Ängste und Hoffnungen mit den unseren identisch waren. Wir haben einfach vorrausgesetzt, dass ihr genauso tickt wie wir. Schließlich seid ihr ja die wahren Väter und Mütter Europas (na ja, die stammte eigentlich aus dem Libanon und wurde erst von einem griechischen Stier namens Zeus entführt, aber wer kennt sich heute schon noch so gut in griechischer Mythologie aus…) Nachgefragt haben wir hingegen erst, als sich herausstellte, dass dem nicht so war.

Und mal ehrlich ebenfalls geliebe Γερμανοί (Deutsche): Würdet ihr euch um so etwas Schnödes wie Geld, Staatsverschuldung und ein effizientes Steuer- und Wirtschafssystem kümmern, wenn man Euch von Winckelmann bis zum Brigitte-Heftchen erzählen würde, dass ihr in direkter Linie von Göttern und Heroen abstammen würdet, ohne Euch die gesamte europäische Kultur nicht denkbar wäre, und Euer Land das schönste, beste und perfekteste unter der Sonne ist? Wohl eher nicht!

Vermutlich ist es dieses grundsätzliche Schisma (und ich verwende hier sehr bewusst das griechische Wort), diese grundsätzliche Unvereinbarkeit von Anspruch und der historischen, ökonomische, politischen und ganz physischen Wirklichkeit Griechenlands, dieses „Nicht-sehen-wollen“ und „Myhtologisieren“ von allen Seiten, die uns gemeinsam mit der fraglichen Lehre von ewigem Wachstum erst in diese Krise geführt haben. Ich sage uns, denn wir alle waren daran beteiligt. Wir alle wollten glauben, haben nicht so genau hingesehen und einfach vorrausgesetzt, dass der Andere genauso denkt und träumt und handelt wie wir. Leider haben wir dabei vergessen, dass Träume etwas sehr individuelles sind und längst nicht immer gut ausgehen.

Und nun?

Nun weigern sich alle aufzuwachen. Brüssel und die von Reichtum verwöhnten Länder des Nordens tun noch immer so, als würde sich alles lösen lassen, wenn man nur die „richtigen“ Reformen durchführen würde (und ich bin mir sehr sicher, dass niemand sicher ist, was eigentlich „richtig“ ist, abgesehen von ein paar Wirtschaftswissenschaftlern, aber die waren für die Zuverlässigkeit ihrer Prognosen noch nie sonderlich bekannt).

Auf der anderen Seite sagt, denkt, fühlt und erfährt die überwiegende Mehrheit der Griechen und der anderen Bewohner der „wirtschaftlich schwachen EU-Staaten“, dass es erst diese Reformen waren, die ihr Land von einem irdischen Paradies in eine menschenfeindliche Hölle verwandelt haben (ich vereinfache, aber das tun Märchen immer).

Es sind diese seltsam „egozentrischen“ Argumente beider Seiten, die beiden Seiten gemeinsame und vollständige Unfähigkeit über den eigenen Tellerrand hinauszusehen, die mich fatal an die Symptome eines Krankheitsbild erinnern:

Manische Depression, von miraus auch Bi-Polare-Störung, vielleicht passt letzteres ja noch besser…

Gemeinsam ist beiden Krankheitsbildern, dass die Betroffenen nach und nach den Bezug zur Realität verlieren. Sie wollen wortwörtlich die Zeit anhalten, sehnen sich zurück in ein retrospektiv verklärtes goldenes Zeitalter, das so nie existierte, und verfallen in panischen Aktionismus und/oder Schreckensstarre, wenn sich diese Phantasie als Utopie entpuppt. Dabei können sie irgendwann nicht mehr zwischen „wichtig“ und „unwichtig“ unterscheiden, geraten ins Grübeln über den eigenen, als unerklärlich und unverschuldet empfundenen Misserfolg, verfangen sich in Gedankenschleifen, über- oder unterschätzen Dinge und werden in ihren Handlungen immer irrationaler und unberechenbarer – auch und nicht zuletzt für sich selbst, Kurz: Eine Art Kernschmelze des eigenen Ichs bei dem das eigene Denken und Handeln „aus dem Gleichgewicht“ gerät.

Es sind dabei nicht Faulheit oder mangelde Leistungsbereitschaft, die die meisten Personen in diesen Teufelskreis lenken, sondern gerade deren Gegenteil. Zwar befallen Depressionen alle Typen und Schichten, doch gerade besonders leistungsfähige, kreative, intelligente und gut ausgebildete Menschen scheinen besonders gefährdet an der schwersten Form Depressionen zu erkranken, da ihnen – wortwörtlich – die Realität ihres alltäglichen Lebens am ehesten „über den Kopf wächst“ und sie sich erfahrungsgemäß besonders lange weigern sich selbst einzugestehen, dass dem so ist. Und ja, es sind wohl auch die Gene. Nicht zuletzt ist es aber auch die Reaktion der Umgebung und Ereignisse in der eigenen Biographie, die die Symptome verursachen, verstärken oder abschwächen kann. Kurz: Einfache Erklärungen und Mechanismen für diese Krankheit gibt es ebensowenig, wie einfache und kurzfristige Lösungen.

Anders ausgedrückt: Eine Depression gleicht einem sehr wirren und über lange Zeit gewachsenen Gestrüpp von übersteigerten Erwartungen, falschen Selbstbildern, Vorurteilen und unerfüllbaren Lebensentwürfen über den sich eine neblige Winternacht gelegt hat, unter dem aber irgendwo noch ein formaler, wohlgeordneter Barockgarten verborgen liegt. Dieser Garten blitzt manchmal noch unter all dem Unkraut durch,  scheint für den Beroffenen aber in aller Regel auf alle Zeiten verloren. Und wie bei allen verwilderten Parks ist es, ohne eine genaue Ortskenntnis und überdies bei Nacht ziemlich schwierig wieder herauszufinden, aber es ist durchaus möglich, vor allem dann, wenn man bereit ist Hilfe anzunehmen, auch, oder gerade weil diese im Moment der akuten Krankheit als vollkommene Zumutung empfunden wird.

Medikamente können dabei helfen. Wie bei allen sogenannten „Geisteskrankheiten“ gehört auf lange Sicht aber auch die kritische Reflektion des eigenen Denkens und Handelns hinzu, wenn sich etwas ändern soll. Dies ist nicht einfach und ist schon garnicht in Eigentherapie zu leisten, sondern benötigt die Hilfe Anderer, die sehr genau wissen was sie tun. Wie bei keiner anderen Krankheit ist dabei die Gefahr an selbsternannte Wunderheiler und gutmenschliche Allesversteher zu geraten besonders hoch.

Auf staatliche Ebene und damit Griechenland bezogen wären die Medikamente die „Reformen“ – doch muss man hier, wie bei allen Medikamenten höllisch genau darauf achten, dass sie weder überdosiert noch falsch kombiniert werden. Schon garnicht darf man ein Medikament nur deshalb einsetzen, weil es vorgeblich alternativlos ist und deshalb sämtliche Nebenwirkungen ignoriert werden können. Vielmehr brauchen die Patienten eine individuelle, auf ihre eigenen Bedürfnisse, Zustand und Leistungsfähigkeit abgestimmte Behandlung. Schocktherapien führen dabei meist nur zu einer Verschlechterung mit nicht selten tödlichen Folgen.

Genauso wichtig ist aber auch, das die Patienten lernen sich und ihre Handlungen anders wahrzunehmen. Man muss vergessen, loslassen und wortwörtlich lernen die Welt und sich selbst „anders zu sehen“. Sie müssen lernen, nicht mehr hinter jedem Ereigniss, dass nicht so läuft,  wie man es sich vorgestellt hat gleich den Weltuntergang zu sehen – nicht mehr zuzulassen, dass das eigene Hirn einem vorgaukelt, man könne die Zeit anhalten indem man einfach stillsteht und hofft, dass nichts passiert, sich nicht dem Grübeln ergeben, sondern wieder zu unterscheiden lernen, was wichtig und was unwichtig ist und – und dies ist vielleicht das wichtigste, die Patienten müssen lernen die Trauer um die eigenen verlorenen Träume zuzulassen und diese auch ausleben können. Und sie müssen begreifen, dass die Depression nichts ist, was sich in Begriffen wie Schuld, Ursache, Lösung oder Effizienz messen lässt. Depressionen sind die Tochter des Erfolgs und die Mutter des Selbstmords. Vielleicht war es ja ein ausnahmsweise einmal weiser Wirtschaftswissenschaftler, der ein ähnlich Einschneidendes Ereignis der 1920er Jahre, namentlich die weltweite (Wirtschafts-)krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, mit „die große Depression“ benannte. Wir alle wissen in welche Katastrophe damals die Illusion „einfacher“ Lösungen geführt hat. Auch damals meinten Menschen „Götter“ zu sein und zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben, echten und „unter-“ Menschen unterscheiden zu können. Wir sollten uns also sehr gut überlegen, ob wir heute wieder auf die gleichen einfachen Lösungen setzen wollen, oder diesmal etwas klüger sind.

Dies gilt nicht nur für die Griechen, nein es gilt auch für jene, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Ignoranz und gutgemeinte Vergötterung, durch Wegsehen und unreflektierte Anbetung (Ob nun Griechenlands oder des Mammons ist dabei egal) dafür gesorgt haben, dass sich falsche Vorstellungen, Fremd- und Eigenbilder zu (Alp-)Träumen verfestigen konnten und jenseits aller Realitäten geträumt werden konnten.

Ich mache den Griechischen Wählern daher heute keinen Vorwurf. Sie machen nur das gleiche, wie die Menschen und Technokraten in Brüssel, Berlin oder London. Sie wollen weiter träumen, daran glauben, dass sich alles zum Guten verändern würde, wenn nur die Umstände anders wären…

Ich wünschte für uns alle, dass die Welt so einfach funktionieren würde und wirklich ein Märchen wäre und wir allein einer Zeit leben würden „in der das Wünschen noch geholfen hat“. Leider ist unsere Welt ein wenig komplizierter und Wünschen allein genügt nicht mehr, man muss auch etwas dafür tun, dass die Wünsche gedeihen. Wichtiger ist aber, dass man lernt sehr genau darauf achtzugeben, was man sich eigentlich wünscht…es könnte wahr werden!

Und nun?

Wir werden alle irgendwann erwachen, wir werden uns in einem Trümmerfeld aus enttäuschten Erwartungen, falschen Hoffnungen, zu hohen Zielen und falschen Forderungen wiederfinden. Und dann werden wir hoffentlich gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, uns kurz schütteln und aufräumen.

Wie?

Nun, wir werden nicht darum herumkommen Kompromisse und immer neue Kompromisse zu schließen, weil die Welt nunmal real und kein Wunschtraum ist und es in einer realen Welt immer Wiederstände, Probleme und Herausvorderungen gibt, die in Träumen nicht vorkommen. Vor allem aber müssen wir lernen, dass unsere Träume nicht die Träume anderer sind und Träume wenn sie Realität werden, radikal miteinander kollidieren können.

Wir, die Nicht-Griechen müssen „griechischer“ werden indem wir lernen, dass das Leben nicht planbar ist, dass erst der Traum es ermöglicht in einer unerträglich gewordenen Welt zu leben, wir müssen großzügiger und solidarischer werden, mehr auf den Anderen und dessen Fähigkeiten und Grenzen achten, wir müssen uns von unseren überzogenen Erwartungen befreien und das Leben genießen ohne an das morgen und übermorgen zu denken und wir müssen lernen, dass Geld nicht alles ist.

Wir, die Griechen müssen „ungriechischer“ werden. Wir müssen lernen misstrauisch, effizient und kalt zu werden, jenseits der eigenen Familie und des eigenen kleinen Klans zu denken, wir müssen uns dem Vergleich mit anderen stellen, zu unseren Versprechen und Fehlern stehen und sie nicht als philosophische Hypothesen in einer relativen Welt unendlicher Möglichkeiten zu betrachen, und wir müssen endlich aufhören Götter zu sein.

Einfach wird dieses Erwachen nicht, aber es muss werden, wir alle haben garkeine andere Wahl.

 

 

 

24. Türchen: Es begab sich aber zu der Zeit…

Mexikanische Kürbiskrippe

γένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις“

Es begab sich aber zu der Zeit…“

Wohl jeder von uns kennt diese Worte. Sie stehen am Beginn des Weihnachtsevangeliums nach Lukas.

Was war das wohl für eine Zeit, als sich ein schon etwas in die Jahre gekommener Schreiner und seine hochschwangere junge Frau auf den Weg durch das heute wie damals gar nicht so „heilige Land“ machten?

Avoid Romans“ hieß die Option, die letztes Jahr in einem kleinen Video auftauchte, welches versuchte die Geburt Christi ins interaktive Zeitalter der Social Networks, Twitter-Meldungen und sms zu aktualiserien. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an die herrlich selbstgestrickten Heiligen Drei Könige und die sich überschlagenden „gefällt mir“ Meldungen am Ende des Clips denke.

Vermutlich wäre es Josef bei der Berechnung der Route auch das Gimmic „Avoid Herodes“ ganz recht gewesen.  Selbst wenn der Mord an den „unschuldigen Kindlein“ zu Bethlehem heute zweifelhaft sein mag, ein ausgemachter Sympat war Herodes wahrlich nicht. Eher eine Art antiker Heinrich XVIII. der eine ganze Schar von Ehefrauen uns Söhne vorzeitig ins Jenseits befördern ließ, da er – das eigene Vorbild vor Augen – stets vom Schlechtesten im Menschen ausging.  Hemmungslose Paranoia und Misanthropie gingen am Ende so weit, dass der große Hasmodäerherrscher kurz vor seinem Tod die angesehensten jüdischen Männer in die Rennbahn von Jericho sperren ließ, mit dem Plan, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen.

Damit in Israel geweint wird, wenn ich sterbe!“

Glücklicherweise verhinderten Herodes Schwester Salome und ihr Mann Alexas diesen grausigen Plan.

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· μὴ φοβεῖσθε, ἰδοὺ γὰρ εὐαγγελίζομαι ὑμῖν χαρὰν μεγάλην ἥτις ἔσται παντὶ τῷ λαῷ, ὅτι ἐτέχθη ὑμῖν σήμερον σωτὴρ ὅς ἐστιν χριστὸς κύριος ἐν πόλει Δαυίδ“

Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch große Freude, welche allem Volk zuteil werden soll! Denn heute ist Euch ein Retter geboren in der Stadt Davids, welcher ist Christus der Herr!“

μὴ φοβεῖσθε – fürchtet Euch nicht“ Nicht die Frohe Botschaft – oder die megakrass, erzfette, obergaile Freude, wie’s meine kleinen Cousins vermutlich ausdrücken würden – steht am Anfang der englischen Botschat, nein eine „vertrauensbildende Sofortmaßnahme“ für die von dem himmlischen Wesen zu Tode erschreckten Hirten ist die erste Sorge des Verkündigungsengels!

Wenn wir heute an Engel denken, haben wir meist die kleine niedliche Putti der Sixtina im Hinterkopf. Kein Wunder! Raphaels Racker und ihre bis zur vollkommenen Asexualität verniedlichten Geschwister tummeln sich seit gut 500 Jahren ja zu Tausenden in Lustgärten, auf Lebkuchenpackungen und glitterbefrachteten Weihnachtspostkarten! Kleine süße Honigschlecker wie der, der in der Wallfahrtskirche von Birnau am Altar zu finden ist.

Die Biblischen Engel sind anders. Mächtige Todesengel in Rüstung. Eine Art He-Man Version mit ächtigen Muckis und Laserschwert, die als  Loki und Bartleby auch mal die ägyptischen Erstgeborenen unsanft entschlafen lassen.

Fürchtet Euch nicht!“

Die Entwarnung ist angebracht! Nicht nur Maria und Josef konnte es Angst und Bange werden, wenn sie an die Zukunft ihres ersten Sohnes dachten. Vielen Eltern, Großeltern und Kindern geht es heute ähnlich. Selbst ein Magister oder Doktor sind keine Garantie auf ein sorgenfreies Leben mehr. Und wenn man dann auch noch an die Verarmung ganzer Landstriche, verhungernde Kinder, den Bürgerkrieg in Syrien, Tzunamis und andere Naturkatastrophen, die schmelzenden Polkappen, die Griechenlandkrise, die allgegenwärtige hemmungslose Gier der Menschen und die rasend schnelle Vernichtung der Regenwälder denkt, möchte einen gar nicht so selten nur noch nackte Angst und Panik vor dem, was da kommen mag und reine Abscheu darüber, was aus der Menschheit geworden ist überkommen.

Und das alles soll ein kleines goldgelocktes Christ-Kindlein in der Krippe, dass noch nichtmal verhindern konnte, dass die Römer ihn als Staatsfeind am Kreuz zu Tode marterten verändern?

Schwer zu glauben!

Sehr schwer um genau zu sein!

Was ist das für eine seltsame Botschaft, die der Engel uns da verkündet? Ein Retter sei geboren, in irgendeinem unbedeutenden Kuhkaff am Ende der Welt?

Was ist das für ein Mann, der einerseits über ein wenig gute Geschäfte rund um den Tempel vollkommen aus dem Häuschen gerät und einem rät sich Augen und Arme auszureißen, andererseits aber Liebe, Vergebung und Friedfertigkeit predigt?

Er macht’s einem wirklich nicht einfach, dieser fromme Exzentriker namens Jesus; und ich kann wahrlich mehr als gut verstehen, wenn der oder die eine sich lieber für ein Leben als Atheist oder Agnostiker entscheidet!

Es macht das Leben einfacher!

Wo ist denn dieser gottgewordene Mensch wenn man ihn braucht? Warum tut er nichts gegen all das Unglück und Unrecht in der Welt? Warum guckt er seelenruhig zu wie Menschen sich gegenseitig abschlachten und dabei gleich auch noch den ganzen Kosmos mit in den Untergang reißen?

Letztendlich bleibt einem nichts anderes als zu glauben…Zu glauben, dass die Dinge nicht immer so bleiben wie sie sind, zu glauben, dass es noch mehr gibt als das Hier und Jetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man sich nicht gleich am nächsten Baum aufhängen will?

Von allein kommt das alles aber nicht. Einfach nur beten und hoffen hilft nicht! Man muss schon selbst etwas dafür tun. Auch das findet sich in der Weihnachtsbotschaft, man muss nur etwas genauer hinsehen (und es hilft, wie ich schon sagte, ungemein wenn man sich dafür mal die Mühe gemacht hat etwas altgriechisch zu lernen ;-)…

καὶ ἐξαίφνης ἐγένετο σὺν τῷ ἀγγέλῳ πλῆθος στρατιᾶς οὐρανίου αἰνούντων τὸν θεὸν καὶ λεγόντων·  δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας“

Und plötzlich zeigten sich mit dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, diese priesen Gott und sprachen: Ehre und Herrlichkeit sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede für die Menschen, die Guten Willens sind!“

Da ich nicht vorhabe, dem Pfarrer in der Christmette die Schau zu stehlen, verrat ich’s lieber gleich: Die entscheidenden Worte sind „εἰρήνη“ und „εὐδοκίας“, „Frieden“ und „Wohlgefallen“. Leider ist die deutsche Übersetzung wie meist etwas blutleer, außerdem ziemlich missverständlich. „εἰρήνη“ ist mehr als „Friede“. Das Wort steht ebenso für die „schöngesichtige und sanftgeflügelte“ Friedensgöttin wie für all das was mit dem von ihr überbrachten „Frieden“ innerlich wie äußerlich verbunden ist: Freiheit, Glück, Freude und Ruhe, Angstfreiheit, Schönheit (ein sehr griechisches Konzept!) und auch ein kleines bisschen Seligkeit. Ich muss dabei immer an das wundervolle Wort „rhododaktylos“ „rosenbefingert“ denken, das gehört zwar zu Aurora, der Morgenröte, aber auf ihre göttliche Schwester eirenä passt es genauso gut!

Manchmal vergessen wir viel zu schnell, welch unglaubliches Geschenk es ist, in Frieden leben zu dürfen…selbstverständlich ist das leider nicht.

Zurück zum Weihnachtsevangelium: „εὐδοκίας“ ist noch komplizierter. Jahrhundertelang wurde diese Stelle so übersetzt, als gelte der göttliche Frieden nur für jene, die „in Gottes Wohlgefallen“ stehen. Ich werde bis heute stocksauer, wenn ein minderbemittelter Priester sich’s einfach macht und bei seiner Weihnachtspredigt ohne groß zu überlegen auf diese ebenso ausgeleierte wie falsche Floskel zurückgreift, ohne sich zu überlegen, was er den Menschen damit antut! Noch schlimmer sind die, die sich mit voller Absicht dafür entscheiden, den Menschen auch noch an Weihnachten Angst und Schrecken einzujagen! Was für kleingläubige, miesepetrige, machtgaile Korinthenkacker!

(…soll aber trotzdem gelegentlich vorkommen…auch wenn ich kleingläubiger Mensch mir das schlecht vorstellen kann…vielleicht hab ich da auch ein etwas falsches Gottesbild, so á la „Himmel auf den Kopf fallen…“…ihr versteht?)

Gemeint ist mit „eudokias“ wohl was ganz anderes: Man muss selbst etwas tun, selbst bereits sein, sich für den von Gott (oder wem auch immer) geschenkten Frieden öffnen und ihn in gutem Willen weitertragen (mit Gewalt geht da garnix. Da helfen weder vorausseilande Memos für den professionellen Umgang im Büro, noch ein paar Handgranaten oder noch mehr halbautomatischen Waffen. Auch Nagelbomben und hasserfüllte Fatwas sind der falsche Weg…Sich den Kopf mit Drogen oder Ballerspielen wegzudröhnen, oder in ein Kloster eintreten und hoffen, dass mich die Welt vergisst?…No way! Es funktioniert nicht, außerdem würd sich kein vernünftiger Abt auf so einen Novizen einlassen, glaubt’s mir ruhig.

Friede heißt auch bereit zu sein friedlich zu leben: Einmal mit dem, was man hat nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich zu sein… auch wenn’s in dieser uns umgebenden globalen Konsumwelt schwer fällt…die andre Wange hinhalten, Rücksicht nehmen (das meint nicht political correct…ganz im Gegenteil gehört zur Rücksicht Gegenseitigkeit und damit auch Ehrlichkeit und ganz altmodische Wahrhaftigkeit) Was aber am fällt am schwersten fällt: Friedlich sein meint vor allem, sich und das eigene Ego zurücknehmen, dem anderen seinen Raum lassen und auch mal fünfe grad sein lassen, kurz, dass was man früher einmal unter Respekt und Demut verstand…dann ist man automatisch „eudokias“, wohlwollend und geleichzeitig im Wohlwollen stehend.

Vielleicht ist es das, was Weihnachten ausmacht, und nicht die Weihnachtsgans und die Geschenke unterm festlich erleuchteten Weihnachtsbaum (ich hab nix dagegen, ganz im Gegenteil: Ich bin der erste der jedes Jahr die Feinkostabteilung leerkauft, sich Safranbutter und Trüffelfrischkäse gönnt und die danach auswählt, welche Kirche die schönste Krippe und den besten Chor hat…aber das ist das i-Tüpfelchen, „hä trüfä“, dass man sich gönnen darf und muss, nicht das wesentliche! Genauso ziehe ich jedes Jahr in den Weihnachtstagen ganz heimlich und ohne großes Aufsehen mit ein paar Plätzchen, ein paar „Kurzen“ und wenn sich’s grad ergibt auch noch drei oder vier kleinen Plüschtieren und einem kleinen Beutel mit 2 Euro Stücken los und beschenk damit Leut, mit denen es das Schicksal weniger gut meint…vielleicht ein etwas exzentrisches Weihnachtshobby, womöglich sogar ein klein wenig egoistisch und paternalistisch…aber wenigstens guck ich nicht peinlich berührt weg, wenn mir ein Bettler gegenübersteht. Ich red mit den Leuten, nehm mir etwas Zeit, und wenn’s nur für ein kurzes Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott!“ ist…Ich zeig ihnen damit, dass ich auch sie als Mitmenschen wahrnehme, auch und gerade wenn sie obdachlos, körperlich und geistig nicht ganz so gut beisammen oder aus Rumänien, Afghanistan oder Uganda sind. Als Weltbeglücker oder Gutmensch fühl ich mich deshalb aber noch lang nicht und wüßt auch nicht, mit welchem Recht das andere für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist tun sollten!

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, denen es – wie mir selbst – manchmal gar nicht so leicht fällt in das Jauchzen und Jubilieren der Engel miteinzustimmen:

Nachrichten und Kopfkino aus! Zeitung zu, Arbeit in den Schrank! CD-Player oder Radio an, Vinyl auflegen und hoffen dass irgendwo Bach’s Weihnachtsoratorium oder irgendwas anderes himmelhochjauchzend-barockes erklingt und ganz laut mitsingen, egal wie falsch und schief es klingen mag, das hilft!

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan!Lasset das Zagen, verbannet die Klage,Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

Frohe Weihnachten!