Sankt Martin – oder, weshalb ich bis heute eine gewisse Abneigung gegen Gutmenschen, Femministinnen, katholische Dickschädel und Kindergartentanten hege

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne

Sankt Martin Laterne 1 (3) Sankt Martin Laterne 1 (4) Sankt Martin Laterne 1 (5) Sankt Martin Laterne 1 (7)Ich weiß, ich bin ein Brauchfetischist, als Volkskundler ja auch irgendwie verständlich – auch wenn wir das jetzt Europäische Ethnologie nennen –  und ja, Sankt Martin bzw. sein heute stattfindender Namenstag sind für mich neben Weihnachten, Ostern, Schwörmontag, Fischerstechen und dem Sedanfeuer (ja, das feiern wir hier durchaus immer noch) eine Art Non-Plus-Ultra unter den Jahresbräuchen. Vermutlich liegt diese Vorliebe auch daran, dass heute mein Geburtstag ist, und ich mir als Kind ziemlich lange eingebildet habe, dass der Heilige Martin, samt Bettler, Laternenumzug, Schimmel, Musikkapelle und Weckmännern (dass sind kleine Männchen aus Hefeteig mit Rosinenaugen, die’s heute seltsamerweise nicht mehr gibt) einzig und allein mir zu ehren zum Abschluss meiner Kindergeburtstagsparty vor unserem Haus vorbeidefilieren würden. Als ich dann mit Hilfe einer wenig nützlichen Kindergartentante, die ich bis heute nicht ausstehen kann (sie wollte mich auch von den Vorzügen des Mittagsschlafes überzugen!) feststellen musste, dass es sich bei dem Brauch keinesfalls um meine persönliche Geburtstagsparade, sondern um die Feier des Namenstages des Ortsheiligen und Missionars der Gallier Skt. Martinus von Tours handelte (der mit der Gans) war ich wenn ich mich recht entsinne zwar kurzzeitig ein wenig verschnupft, tröstete mich aber mit em Gedanken. dass ich in ein paar Jahren ja mit den Großen hinter dem Heiligen die Fackeln tragen dürfe…
Well, daraus wurde dann nichts…und das lag nicht nur daran, dass ich Protestantisch war, ich zwar, weil’s keinen anderen Kindergarten gab,  noch im katholischen Kindergarten Skt. Mariä Lampignonkind war, aber eben kein fackelschwingender Firmling sondern Katechismusbetender Konfirmand wurde (und gute Protestanten beteiligen sich ja bei soetwas „papistischem“ wie einem Martinsumzug nicht, jedenfalls nicht bei uns, und die Katholiken hätten uns ganz sicherlich auch nicht gelassen…es waren die frühen 1990er, und die schwäbische Vorstadtidylle kannte noch keine gemischtkonfessionellen, interkulturellen oder sonstwie gender- und integrationsmaingestreamten „alle dürfen mitmachen“ Laternenumzüge)…und selbst wenn uns Erzketzer hätten mitmachen lassen…das Ganze wäre ohnehin ins Wasser gefallen, weil irgendeiner politisch linksbewegt-atheistischen Übermenschengutmutter/Femministin urplötzlich einfiel, dass die Fackeln ja doch sehr an die Machtergreifung Hitlers erinnerten und es außerdem im Interesse der Gleichberechtigung ja garnicht sein könne, dass Mädchen/Frauen weder den heiligen Martin, noch den Bettler noch die Fackelträger sein dürften, und außerdem sei das Ganze ja lediglich ein übler Priestertrug der zur konfessionellen und sozialen Stigmatisierung armer weiblicher Nichtkatholiken diene. Dass die Frau nix, aber auch gar nix von Brauchgenese/-praxis und historischer Authentizität verstand, und sich im Gegenzug der gestandene katholische Dorfpfarrer von einem „dahergelaufenen Weib“ nichts, aber auch garnichts anschaffen ließ, und dass diese Privatvendetta dann in eine Art intergalaktisches RabimmelRabammelRabumbumbum der Sterne und Lampignons ausartete, muss man hier glaub ich nicht extra dazu sagen… Jedenfalls endete der Streit dahingehend, dass am Ende in unserem Teilort garkein Martinsumzug mehr stattfand – den femministischen Gutmenschen und katholischen Dickschädeln sei Dank!
Und so steht sie jetzt eben auf unserer Küchenkommode, die Martinslaterne und harrt besserer Zeiten.

Einen schönen Martinstag noch!

ALexnikanor

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Neues Jahr – Neues Glück?

Es gab einmal Zeiten, da war Man(n) noch froh wenn er älter wurde. Man bastelte Einladungskarten, lud sich eine halbe (oder auch ganze) Meute mehr oder minder befreundeter Klassekammeraden zum Topfschlagen ein, feierte bis zum Sandmännchen, sprang ausgelassen so lange auf dem Stockbett herum bis es unter einem zusammenbrach und schwelgte in der absoluten Sicherheit, dass der alljährliche Martinszug samt Schimmel, Lampions und Bettler einzig und allein zur Feier des eigenen Geburtstages veranstaltet würde.  Man aß Igelkuchen, verteilte mit Mehl gefüllte Luftballons und freute sich über so schöne Geschenke wie ein schwarz rot weiß karriertes Poesiealbum! Vor allem aber dachte man inmitten des ganzen Tohuwabohus aus Kinderbowle und Schaumstoffschwertkämpfen nicht ans Morgen und schon garnicht daran, was in einem Monat, Jahr oder Jahrzehnt sein könnte. Entsprechend enttäuscht war ich, als ich mit 7 von meiner ansonsten sehr netten Grundschullehrerin erfuhr, dass der Martinsumzug nicht nur für mich sei, und eigentlich garnichts mit meinem Geburtstag zu tun habe, außer dass er zufällig am gleichen Tag stattfinde.

Vielleicht ist dieses „protestantische“ Durcheinander (meine gut-katholischen Großtanten finden es bis heut „unpraktisch“ dass ich Alexander und nicht Martin heiße und man mir deshalb „nur“ zum Geburts- und nicht auch gleich zum Namenstag gratulieren kann und deshalb zweimal anrufen muss) samt dem frühkindlichen Enttäuschungsertrauma ja schuld daran, dass ich  zu Geburtstagen und vergehender Zeit im allgemeinen ein ziemlich ambivalentes Verhältnis habe.

Spätestens die erste Briefkastenwerbung für’s Riestern machte Zeit von etwas unbeschwertem, dass man sich unbegrenzt und in unüberschaubarer Menge aus den Bäumen pflückte, zu etwas sehr Begrenztem, Kostbaren und sorgfältig Einzuteilenden geworden ist, von dem man nur noch äußerst ungern anderen abgab, und dass man sich allzuoft selbst vorenthielt. Ich hörte mich plötzlich an wie das Klingeln eines verosteten spätviktorianischen Weckers mit Handaufzug und war ich mir auch garnicht mehr sicher, ob ich „noch“ älter werden wollte. Formulierungen wie „um die 20“ oder „in Anbetracht der Umstände noch recht jung“ schlichen sich wie neugierige Regenwürmer an verregneten Spätsommertagen in meinen Wortschatz.

War dies der erste, unvermeidliche Schritt ins „Beste Alter“? Wann würde sich das garnicht so alte „Sie“ der Bäckersfrau in ein „der Herr wünschen?“ verwandeln und wann würde der erste Siebtklässler einem im Bus mitleidig einen Platz anbieten? (ja liebe Unken, es gibt sie noch, diese Siebtklässler und garnicht so wenige davon, jedenfalls wenn ihr sie nicht gerade beim illegalen Musikdownload oder ner homöopathischen Medikamenteneinnahmezeremonie stört).

Hörte sich alles verdächtig nach ratternden Vorboten einer verfrühten  Midlife-Crisis an und war es definitiv auch. Dass irgendjemand „da oben“ (oder auch da unten) beschlossen hatte, mich just zu diesem Zeitpunkt für ein paar Jährchen außer Gefecht zu setzen, machte die Sache  nicht eben besser. Je nach Tagesform hatte ich plötzlich viel zu viel oder viel zu wenig davon.

Wie vieles, das einem stets selbstverständlich war, vermisst man Zeit erst, wenn das wohligwarme Betttuch seligen Vergessens plötzlich hässliche Löcher aus übelmeinenden Vorahnungen bekommt.“Meine“ Zeit ist für mich seither etwas sehr privates ist in das ich Andere nur gegen entsprechende Entschädigung und Wertschätzung hineinplanen lasse.

Und nun?

Vielleicht werde ich mir – sofern ich im Lotto gewinne – mit 45 auch einen Jaguar kaufen (keinen SUV, die Dinger sind verdammt hässlich, extrem unpraktisch und verbrauchen für einen kalt rechnenden Schwaben entschieden zu viel Benzin pro gefahrenem Kilometer!). Vielleicht werd ich mir mit 84 auch eine 20 jährige Arzthelferin als Mutter meines ersten Sohnes „zulegen“ (Sorry, ich versuche nur den üblichen Slang solcher Wahnsinnstaten wiederzugeben, und ne…letzteres dann doch eher nicht, Kleinkinder mit 90 jährigen Vätern sind manchmal etwas irritiert wer denn nun Pappa is…)

Auch werde ich sicherlich nicht zur einen, einzigen „Lebenskerze“ übergehen und sie womöglich auch noch feudestrahlend auspusten. Zu morbide! Fast wie das Ausslöschen der Kerzen bei der Finstermette! „Tu aus, das Licht und nehme Botox!“

Zeit rationaler planen, Überflüssiges streichen, Sich auf das „Wesentliche“ konzentieren. Das Wesentliche? Wieviel Zeit Menschen  damit verschwenden können darüber nachzudenken wie sie effizienter werden…

Man könnte nun grundsätzlich werden, von Respekt, Manieren, Ethos, Verantwortung und Freundschaft reden, vom Menschenrecht auf Nichterreichbarkeit und dem unveräußerlichen Grundrecht eines Vorstandsvorsitzenden gelegentlich auch warten zu dürfen.

Ich hole mir Torte, schalte mein Handy aus, lege das Telefon zwei Stündchen an einen Ort temporären Vergessens mit der Hoffnung, es danach wieder zu finden und trinke dazu Tee mit Schlagsahne! Wer weiß, vielelicht werde ich mich dann auch wieder freuen, ein fiktives Lichtlein mehr auf meinem Kuchenstück zu sehn.

Happy Birthday & danke allen, die trotzdem mitgefeiert haben!