Betrachteter Alltag_Von Hipstern

2015-03-30_191106Die Berliner hassen sie, auch die Venezianer, jedenfalls die eher unterschichtsgeprägten und linksstehenden – und davon gibt es in beiden Städten jede Menge. Sie hassen sie – abgrundtief und aus tiefstem Herzen: die jungen, schicken, reichen, stylischen, nie um einen flotten Spruch oder eine modische Doppelnamenkombination für ihren bereits im Säuglingsalter zum Fashionvictim gertimmten Nachwuchs verlegenen HIPSTER!

Als geistig gelegentlich zurückgebliebenem Stubenhocker ist mir dieses Phänomen lange Zeit nicht unbedingt „prioritär aufgefallen“ – Ich hatte genug mit Metro- und Spornosexuellen und Emos zu tun…Vielleicht liegt es auch daran, dass ich berufsbedingt zumeist in der fränkischen Provinz vor mich hinversauere und hier einfach alles etwas länger dauert bis es ankommt…Inzwischen habe auch ich kapiert, dass es sich bei der Gattung HIPSTER ORDINARIUS, nicht etwa um jene den 30er Jahren entsprungenen afroamerikanischen Charlston-Tänzer handelt, wie sie Ruthies Grosmutter in der Bill Cosby Show beschreibt, nein es sind moderne Hybride aus Pippi Langstrumpf, dem Württembergischen Herzog Eberhard im Baarte, Madame Pompadour und Andy Warhol – gut zu erkennen an den typischen Used-Look-Designklamotten, Vollbärten, Hornbrillen und seltsam in die Höhe gekämmten Hahnenschopffrisuren. Die weiblichen Exemplare der Gattung zeichnen sich darüber hinaus durch extremen Veganismus, Konzeptkindererziehung und einer seltsamen Vorliebe für mit laktosefeier Sojamilch zubereitete Latte Machiato aus.

Die natürliche Umwelt des Hipsters besteht aus Creative Workshops, Startups, Chillout Lounges und improvisierten Skater- und Parkourbahnen, dazu kommen noch einige Lokale und Cafees – bevorzugt in möglichst heruntergekommen aussehenden ehemaligen Fabriketagen – deren Einrichtung zwar ganze Horden von Innenarchitekten über Monate hinaus beschäftigt hat, die aber allesamt aussehen, als hätte jemand den Sperrmüll einer Vorstadtsiedlung der 70er Jahre geplündert und alles kunterbunt und ohne jeden Sinn in der Gegend verstreut. Neben der windschiefen Stehlampe mit extraverblasstem Lampenschirm und dem bewusst aufgeschlitzten Chippendale-Sofa finden sich darin auch so seltsame Dinge wie ein Retro-Flipper, Ein abgegriffenes und schon etwas Ramponiertes Tischfußballspiel und – gaanz wichtig – eine improvisierte Nintendo-Spielkonsole mit Supermarioinhalt! Dass der obligate Kronleuchter meist aus Plastik besteht ist stylish und nicht auf mangelnde Finazielle Möglichkeiten zurückzuführen. Eigentlich macht nur die überdimmensionale Gemüsebar – gerne auch zum Eigenanbauexperiment á la „urban gardening“ erweitert – und die beinahe unüberschaubare Auswahl an Weizengrassmoothies und fair gehandelten Kaffespezialitäten mit garantierter Herkunftsbescheinigung und Regenwaldunbedenklichkeitszertifikat, sowie die sündhaft Teuren Marken-Kaffeemaschinen den Unteschied zu einer normalen Studenten-WG aus.

Dass man beim Betreten eines solchen Etablissements – bevorzugt Fräulein XY oder …Raum genannt – gelegentlich den sehr ernsthaften Verdacht, dass da jemand versucht hat auch den Shabby Chic einer typischen Kreuzberger Kommune der späten 1960er künstlich nachzubilden, ist ebenfalls kein Zufall, sondern gewollte „Ambience“. Das Designkonzept ist so perfekt, dass es an diesen Orten der Einkehr selbst Boshi-häkelnde stillende Frauen die über Fouceault oder die nun wieder einsetzenden Menstruationsbeschwerden (oder den Zusammenhang von beidem!) reden, dabei aber ganz selbstverständlich in breitestem Oststuttgarter Dialekt der erstgeborenen kleinen Emma-Joseleen verbieten auf die Rutsche zu „brontzen“ – Bevorzugt tun sie das im übrigen in Szenestadtteilen wie Prenzelberg, Soho oder irgendwo westlich des Central Park (Sydney NSW!). Denn: Hipster sind vor allem eines: global!

Die durchschnittlichen Hipster-Väter jagen derweil ihr makrobiotisches Veggie-Menü, hängen am Kicker, sind gerade beim neueröffneten Barbier namens „Männersalon“, tauschen sich über neueste Diättips und Fettbinder-Tabletten aus (anders passt kein Mann in diese ultraengen Jeans), geben sich Tips für die ideale Drappierung des obligatorischen Hipster-Scarfs, erstehen auf dem nächsten Flohmarkt die passende Fliege zum Hut, und umarmen dabei ganz nonchalant ihre besten Freunde und reden über Männerprobleme bei Grüntee- und Kosmetikauswahl oder sie schauben ganz einfach an ihrem tiefergelegten BMX Rad herum während sie sich überlegen welches Abenteuer die unendlich weite Welt der Möglichkeiten morgen für sie bereit hält…Ja liebe Damen, das kommt davon wenn ihr euren zukünftigen Ehemann beim tantrischen Slacklinen kennenlernt…

Auch gilt es unter HIPSTERN heute durchaus nicht mehr als Fauxpas mit verschwitztem Fleecehemd und ölverschmierten Händen zum Nachmittagsbier zu erscheinen…ach ja, Bier…Im Süden der Republik das Hauptgetränk des erwachsenen männlichen Hipsters – allerdings bitte auch aus der Spezialedition mit Himalayasalz und Geschmack nach Nori-Algen, alternativ geht auch ein Natureisbock aus einer möglichst kleinen und unbekannten Spezialbrauerei – trinkt der HardcoreHipster der Metropolen bevorzugt Gin-Tonic…oder wie er es formuliert Gin and Tonic, soviel Zeit muss schon sein. Dabei tut’s natürlich keinesfalls die übliche Schweppes Plörre in die man etwas Gordon Dry träufelt, nein es muss schon eine Spezialabfüllung á la 1724, Gents, Thomas Henry oder Fentimans sein. Auch die Auswahl des perfekt auf die dezente Chinin-Note des „T’s“ abgestimmten Gins ist inzwischen zur Wissenschaft für sich geworden.  Namen wie „Sacred Gin“, „Botanist“ oder „G‘ Vine“ sagen da eigentlich schon alles – Wenn eimem also das nächste Mal der Kartenabreißer/Barkeeper des Lieblings-Programmkinos beim Lakritzkauf verschwörerisch ins Ohr flüstert, er habe da etwas ganz Besonderes ist dies – jedenfalls meistens – keinesfalls eine Einladung zur gemeinsamen Bettgymastik, sondern der dezente Hinweis darauf, dass aus den Tiefen des Online-Shoppings eine Neue Probier-Ladung „G&T“ eingetroffen ist…

Ach ja, und noch was – Hipster sind reich. Man sieht es ihnen zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt an – einen Hipster in Nerzmantel und mit Goldkettchen ist mir bisher noch nicht untergekommen – aber sie können sich scheinbar mühelos die teuersten Appartments in der Upper East Side (Selbstverständlich mit Blick auf den Central Park – diesmal den von New York), sündteure Penthouses im Londoner Eastend, Venezianische Palazzi, Südfanzösische Schlösser oder ganze Gründerzeitetagen in Berlin leisten…jedenfalls tun sie erfolgreich so, wenn sie das Geld gerade nicht wirklich von Pappi oder Mammi geerbt haben, denn noch eins – ein Echter Hipster hat zwar ständig irgendwelche Projekte am laufen – wirklich Arbeiten hab ich aber bisher nur die Brooklyner Variante gesehen (die bringen es dann fertig tagsüber sündhaft teure (aber unglaublich gute!) Schocki zu produzieren und nachts in der selben Fabrikhalle eine schicke Party-Location zu betreiben…).

Es ist diese „Attitude“ der real gelebten Gentrifizierung, die die anderen postmodernen „Minderheiten“ in den Wahnsinn treibt. Inzwischen soll es im Frankfurter East End und in Prenzelberg, sowie auf dem Campo Manin  sogar schon zu linken Anti-Hipster Demos gekommen sein – Der Hipster, der Yuppie von gestern und neoliberale Heuschrecken-Faschist von morgen? Nicht ganz, es gibt an den Rändern der Bewegung seltsame Allianzen. Da gibt es den Blockupy-Anhänger mit Pompadour-Schnitt (ich persönlich finde es immer wieder sehr befriedigend, dass sich der Kult-Haarschnitt vorwiegend männlicher Hipster immer noch an dieser weiblichen Kult-Ikone des Rokkoko orientiert!) . Da gibt es den Hipster-Türsteher (der dann manchmal eben doch Goldkettchen trägt) mit ethnisch-hybridem Hintergrund. Da existiert sogar die Hipster-Oma, auch wenn ich bei der manchmal nicht ganz sicher bin, ob sie nicht einfach so lange mit ihrer Freundin Edeltraud im „Woll-Paradies“ Pfefferminz-Ingwertee getrunken hat, bis der Retro-Look sie wieder eingeholt hatte. Und da gibt es die aktivistisch veranlagte Hipster-Maklerin mit leichtem Punk-Einschlag die sich ganz selbstverständlich bei Amnesty engagiert und auch bei der letzten Femen und Peta-Befreiungsaktion dabei war – das aktuell wohl typischste aller HIPSTER-Rollenmodelle…Ach ja, und da gibt’s dann auch noch den knapp volljährigen HIPSTER_VWL-Studenten, der, weil grad kein geeignetes weibliches Wesen in der Nähe ist, einfach seinen Tutor abschleppt…Der Hipster ist in solchen Dingen flexibel und beantwortet etwaige Nachfragen leicht irritierter Erzeuger mit einem charmanten „Yep“ – immer vorausgesetzt sein Gegenüber hat glutenfreien Camenbert und etwas Chablis oder Ardberg zu hause und ist kein passionierter Hipster-Groopie, die mag der Hipster im Gegensatz zum Yuppie nämlich garnicht! Und noch was, der Hipster ist alles, nur nicht hip! (und wenn dann meint er das allenfalls ironisch ;-))

Es lebe der Hipster!

Neues aus Freak City

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„Freak City Bamberg“ – Sollte ich einmal in die Verlegenheit kommen, aus meiner inzwischen recht stattlichen Sammlung ungewollt zweideutiger Werbebotschaften eine top-ten zusammenstellen zu müssen, dieser immer wieder auf Ortsschildern auftauchende Slogan der Bamberger Basketballfans hätte beste Chancen unter die ersten zehn zu kommen. Nicht dass ich nun in das snobistische und auch ein klein wenig eurozentrierte Naserümpfen einiger meiner Bekannten über die eigentümliche Obsession gewisser Franken für von unseren amerikanischen Nicht-mehr-Freunden importiere Ballspielarten einstimmen möchte, Basketball hat einen gewissen Unterhaltungsfaktor, allein schon wegen der herrlich unkonventionellen Kameraführung mancher Videoausschnitte auf der offiziellen Website des hiesigen Vereins. Und mal ehrlich, haben wir nicht alle irgendeine geheime oder weniger geheime Leidenschaft, die für andere wirkt als seien wir komplett durchgeknallt?

Sündhaft deures (sic!) Chinesisches Porzellan, grellgemusterte Orientteppiche, von androgynen Countertenören geschmetterte barocke Colloraturarien im A-B-A‘ Schema, Jägerschnitzel mit Jesusangesicht, gepflegter BDSM, ein vor Kalorien triefendes Tiramisu, echte vietnamesische Gartenzwerge, öliger weißer Port oder die in mühevoller Kleinarbeit jahrelang zusammengetragene Sammlung von Gorbatschowmatrioschkas im Fernsehschrank, deren Leberfleck auf der falschen Seite aufgemalt wurde…

Vermutlich sind es diese kleinen oder weniger kleinen Fluchten in hemmungslose Exzentrik, die uns alle psychisch gesund erhalten und unser aller Leben nach dem dekonstruktivistischen Gemetzel an sämtlichen Ideologien inklusive der Religionen, wenigstens jenes Minimum an „Sinn“ verleihen, der für unser aller Überleben notwendig ist.

…und höchstvermutlich sollte diese schokierende Erkenntnis mich nun auch gegen vorgeblich laktoseintollerante (real aber schlichtweg unglaublich gelangweilte) Latte-Machiato Mütter, Mitvierzigerinnen die meinen mit Sambatrommeln ihre Klimakteriumsgeschwerden bekämpfen zu können (keine Ahnung ob das wirklich wirkt…aber wenigstens kann Frau dabei ungehemmt schwitzen…), und offensichtlich aus der tiefsten Provinz stammende Mitmenschen die einen bei einem Stadtbummel in Pelzkragen und Sonnenbrille ansehen, als sei man gerade von einem anderen Stern gefallen, immun machen…

Well…leider funktionert Mensch – außer er/sie heißt Dalai Lama, oder Mutter Theresa, und selbst da bin ich mir nicht ganz sicher – leider ganz und garnicht nach dem Kantschen Vernunftprinzip, und ha! leider braucht Mensch gerade und besonders in globalisierten und durchhybridisierten Multimediawelten eben seine liebgewordenen „Feindbilder“ und „Vorurteile“ um das eigene Identitätskonstrukt gegenüber der Umwelt wenigstens einigermaßen stabil zu halten…und ja, leider habe auch ich den gutmenschlich-entgültigen Schritt zum humanistischen Gestaltwandler nie vollzogen, sondern fühle mich trotz Nirwanaversprechen noch immer dem nichtexistenten, keulenschwingenden und menschenfressenden Neandertaler in mir zutiefst zugetan…

Vermutlich ist aber auch das nur ein über die Zeit ebenso liebgewordenes wie falsches Vorurteil. Nach allem, was inzwischen bekannt ist, waren Neandertaler wesentlich zivilsierter als es in unseren Schulbüchern steht und sie haben auch nur ganz selten ihre Mithominiden gefressen…das waren eher die garterslebischen und hinkelsteinischen Langköpfe die vor rund 6900 +/- 300 Jahren die rundköpfigen Linearbandkeramik – immerhin die ersten hiesigen Bauern – durch ihr extreminvasives Auftreten in ein „schwerstkrisenhaftes Endzeitszenario“ beförderten…aber die vertrugen ja auch Laktose…nicht die Linearbandkeramiker, die Langköpfe…und sind deshalb die einzig echten Vorfahren der kuh- schafs- esels- und ziegenmilchtrinkenden Europäer (behaupten jedenfalls neueste genetische Daten!), wen’s interessiert möge in einschlägigen Examensarbeiten zu Kanibalismus sowie Grabungsberichten zu den Fundstellen Talheim, Schletz und Herxheim und den Veröffentlichungen der Arbeitsgruppe für Paleogenetik der Uni Mainz nachsehen…

Also keine lactosefreie Sojalatte mehr für echte Latte-Macchiatomütter? Eigentlich ja, weil sie – zumindest wenn sie Europäische Ahnen haben – damit eigentlich keinerlei Probleme haben dürften, ja ihre exclusive Laktosetoleranz vermutlich sogar das kleine genetische Extra darstellt, warum ihre kuhmilchtrinkenden Vorfahren so lange dem evolutionären Verdrängungswettbewerb durch laktoseintolerante Mitbewerber standgehalten haben…was den anderen vergiftete war unser Mittagessen…klassischer evolutionärer Ernährungsvorteil eben…

Aber keine Angst, es gibt ja noch genug andere weltbewegende Dramen: Weihnachtsdeko wäre so ein Beispiel, oder die erschreckende Erkenntnis, dass guerillia knitting und transnationaler unisex-boshi-mode sowie perfekten Hussenempfehlungen von „meine perfekte Traumhochzeit“ – Coaches sei dank, gerade die nicht nur aber insbesondere von femministischen Kreisen so lange als erzreaktionär verteufelten hausmannfraulichen Qualitäten ein ungeahntes Comeback erleben…

Knit your own boshi – das ultimative Woodstockerlebnis für die smartphoneübersättigte Jugend von heute…

Ist es angesichts dieser Zustände in einem Land, welches alltäglich mit genüsslichem Schauer (sic!) zwischen einer Doku über „Rommel den Wüstenfuchs“ und „Hitler privat“ seiner exzessiven Kochsendungssucht bei gleichzeitig extrem ausgeprägtem Geiz beim Nahrungsmittelerwerb (auch so eine unterschätze Folge des langen 20. Jahrunderts mit all seinen großen und kleinen Katastrophen…) nachgeht, wirklich so abwegig, dass ich seit Jahren von der alptraumhaften Szenerie eines Privatsenders der beide deutschen Obsessionen eines garnicht so fernen Tages miteinander kombiniert und mit der  Kochsendung „Kochen wie Eva B.“ auf Anhieb eine Zuschauerquote erziehlt wie Wetten das in den 1980ern, oder ist das nur die ganz private Flucht meines eigenen Unterbewusstseins vor den Absurditäten des Alltags eines „Spätgeborenen“ ? Und was ist eigentlich mit dem Revival des Gobelinstickens oder des VH-Töpferkurses mit Spezialisierung auf bunzlauer Engobemalerei…immerhin musste ich das noch mühsam im sogenannten „Werkuntericht“ lernen…es lebe der coedukative Unterricht!

Nein, Exzentrik ist nicht nur das harmlose kleine Umwandeln von Omas Ozelotkappe in eine handgenähte Handytasche mit echt-neobarockem Brokateinband für die nächste Steam-Punk Convention – obwohl es in einer Umgebung militanter Tierschützer, marktgerecht geklonter BWLer und Helikoptereltern vermutlich jede Menge mutiger Exzentrik bedarf um mit blauer Sonnebrille, Wolfspelz, Seifenblasenpistole, Mieder und Tropenhelm auf Einhornjagd zu gehen und dabei auch noch eine ungemein sinnenfrohe Form der Konsumkritik zu betreiben. Echte Ekzentriker und erst recht eingefleischte Freaks sind dennoch einen Tick heftiger. Rein ethymologisch gesehen handelt es sich um eine wortwörtlich unnatürliche Laune der Natur, etwas „aus dem Zentrum“ gefallenes, abnormales, wiedernatürliches, ver-rücktes bei dem die Grenze zwischen einer puren Laune, echter Begeisterung und ernsthaftem Wahn nur vom Ausübenden selbst, aber nie vom Betrachter gezogen werden kann. Ein Steam-Punker kann, muss aber nicht exzentrisch sein, und ob ein Exzentriker gleich ein Freak ist…well…

Vermutlich müsste jetzt ein längerer Abschnitt darüber folgen, ob sich  bei Exzentrik und Freaktum so einfach nach „erlernter“ also „gewollter“ und „natürlicher“ also quasi-angeborener und damit nicht beeinflussbaren Beweggründen und damit auch danach ob jemand objektiv oder rein subjektiv Freak/Exzentriker ist folgen. Dummerweise ist dieser feine Unterschied, der sich in der Vergangenheit als so ungemein nützlich für die Aufrechterhaltung des Objektivitätsanspruchens sämlicher normaler und poaranormaler Wissenschaften erwiesen hat, spätestens mit der Dekonstruktion des aufgeklärten, oder sollte man nicht doch besser aufklärerischen Naturbegriffs sagen (?) als ideologischem Kampfterminus mehr als fraglich geworden. Kann es etwas wiedernatürliches geben, wenn die Natur selbst ein wiedernatürliches Konstrukt einer naturfernen, da menschlichen „Vernunft“ ist, oder ist die „Vernunft“ doch etwas natürliches, dass allen Wesen gemein ist? Gibt es eine Vernunft und eine Natur, oder gibt es vielleicht viele? Sind sie statisch oder veränderbar, und wie vernünftig ist eine Natur, die sich ständig wandelt? Und wenn wir schon am philosophieren sind, wer bestimmt darüber, was Normalität und was Freak ist? Die Natur?

Ist ein emotional auser Rand und Band gelaufener Basketballfan abnormaler oder unnatürlicher als eine strickende Karrierefrau, oder gar als ein spitzenklöppelnder Mann (im 19. Jahrhundert hätte niemand diese Frage gestellt, nicht weil Männer nicht geklöppelt hätten, sondern weil es in den meisten ärmeren Regionen Europas ein völlig normaler Anblick war, das Männner, insbesondere Fischer, völlig selbstverständlich in den eisigen Wintermonaten Norwegerpullis strickten oder Spitzenbesätze herstellen…vermutlich waren es erst die lilagewandeten Damen der 1968 die Stricken als typisch weiblichen Protestakt definierten…), oder ist alles relativ bzw. „Kultur“?

Das ganze erinnert mich an Pandoras Büchse, Puschkins Pik Dame oder Baudelaires Blume des Bösen, Wildes aphoristisches Dandytum, oder jene berühmte, nach der literarischen Vorlage des Romans „A rebours“ von Joris-Karl Huysmanns mit unnaturlich fleischfarbenen Orchideen verzierten Vase Emile Gallés im Musée du Château in Boulogne-sur-Mer. Aber vielleicht ist das auch schon wieder eine andere Geschichte, jene der Dekadenz…

Wo sind nur „meine“ herausgeputzten Londoner geblieben, die an Sonntagen ihre Hummer an filigranen Leinen aus Gold und Diamanten spazierenführten, oder die Chinesischen Mandarine, die für eine talentiert „singende“ Grille ohne mit der Wimper zu zucken ganze Vermögen opferten?…und ist unsere Obsession von Kochsendungen und kleinen mehr oder minder intelligenten technischen Spielereien ein ferner Nachklang dieser Zeiten? Muss man Reich sein um Exzentrisch zu sein (Wilde sagte einmal etwas ähnliches) und welche Macht gibt einem die Freiheit nicht so zu handeln wie alle anderen…oder kann Exzentrik und Freaktum im Zeitalter globalisierter Medien gar nichts mehr anderes sein als komerzialisiertes Massenverhalten? Ist der Freak zur Normalität geworden, oder die Normalität zum Freak? Und wieviel Individualität braucht Exzentrik?

Ob meinen geliebten Bambergern das alles klar war, als sie sich zur Freak City auserkoren haben? Vermutlich nicht…aber das ist ja auch ganz normal.

Gute Nacht liebe Normalgebliebenen und Exzentriker, Freaks, Ab- und Wiedernormalen, Gartenzwergliebhaber, Guerillia-KnitterInnen, Boshi-Häkler, Gorbatoschowmatrioschkasammler, Basketballfans, Sambatrommlerinnen, Kochsendungsseher, Doku-Liebhaber, Bauern und Fischer, klöppelnde Männer (und Frauen!) und Latte-Macchiato-Mütter mit (angeblicher oder realer) Laktoseintolleranz, die Welt wäre ärmer ohne Euch!