Morgen

Morgen

Morgen

Morgen

Ich wache auf. Zwischen den rostfarbenen Jalousielamellen ein erste, hellblaue Ahnung von Morgen. Gegenüber am Dachgiebel ein erstes, sehr gelbes Dreieck Sonnenlicht. Ich staune. Es ist früh, sehr früh – zu früh vielleicht. Mich umgibt unwirkliche Zeit jenseits des Normalmodus. Ich weiß, vor dem Fenster, unsichtbar hinter dem Bleidach des Anbaus blüht der Garten. Die Luft sieht nicht aus wie Herbst.

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Ich dreh‘ mich um, weg vom Licht, versuche noch einmal zu schlafen. Ich schließe die Augen und denke  möglichst an nichts. Schlaf reloaded – ein neuer Versuch. Etwas in mir grinst – no chance – Ich bin wach und genervt von so viel Morgen.

Ich stehe auf, fast schockartig. Das Bett ist noch warm und feucht. Am zweiten Fenster, jenseits des Bleidaches blicke ich hinaus, auf das in Schönheit eingefrorene Gartenbild. Farbe blättert vom Rahmen. Bevor der Frost kommt sollte ich streichen. Ich lächle und wandere herum, ohne Morgenmantel.

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Aus den noch dunklen Raumecken raunen taulose Spinnweben „putzen“. Ich ignoriere und lasse das Duschwasser laufen. Vorlaufen um genau zu sein. Es dauert bis es wird – Altbau mit Gastherme an der Außenwand, nur einmal in zwei Jahren warten!

Auf dem Vorleger liegt eine Wollmaus. Ich bücke mich, greife zu, entsorge – alles schon lustlos. Aus der Glaskabine steigt Dampf. Das Wasser ist fertig, endlich! Ich steige über den Kabinenrand. Duschen ist wie Fahrstuhlfahrn, nur mit fallendem Wasser.

Durch die geschlossene Tür dringt Morgenläuten. Man ist hier katholisch, ich und die Abluftanlage sind es nicht.

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Ich werde nass, stoppe die Flut. Erst heiß, dann kalt, dann trete trete ich heraus; Aus dem Dunst treten Wassertropfen auf Abwege. Ich fange sie, bevor sie fallen. Dann greife ich zum Handtuch. Es riecht muffig. Vermutlich falsch oder gar nicht gelüftet. Geistesarbeit macht unachtsam.

Ich schüttle den Kopf wie ein Hund. Ein Tropfen fällt, dann viele. Dann greife ich zu, diesmal fast herzhaft – und nutze das nichtnutzbare Riechhandtuch als Putzlappen für die Fliesen.

Ich gehe hinüber. Ein neues riecht besser. Das alte landet beim Rest. Ich trockne mich ab in der Linken den Fön. Der Rechte Daumen ist grade hinüber: Kollateralschadensfall am Nagel – beim Grillrostputzen!

Ich blicke hinauf in den Spiegel. Mein Gegenüber wünscht mir einen guten Morgen. Ich oder er könnten auch sauberer sein.

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Zwei Socken, sanft maronenbraun, wie die Lamellen der Jalousien.

Boxershort, karriert in Violett und Neongrün, dazwischen Haut und Baumwollhemdenweiß. Nein, heut kein V-Hals-T-Shirt als Unterhemd. Pullover aus dunkelbeigem Kaschmir(-imitat?). Dazu die Hose mit den weißen Nadelstreifen. Silberohring und Stahlarmband zur Verzierung. Zum Abschluss reichlich teures Aftershave. Ich seh mich an. Die äußre Hülle als Außenpersönlichkeit? Haltung bewahren, sich ja nicht gehen lassen. Den Schweinehund vertreiben: männlich, elegant, smart, uniform –  Das Sein als Schein? Heut eher nicht – mir ist einfach nach neubarocke Scheinparuren, und wenn’s nur dazu dient, um  Umwelt, Ich und Menschen mir von Leib uns Seele fernzuhalten.

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Ich steige aus, hinein ins untere Maisonette. Am Treppenende halbgedunkelt: Teppicharabesken. Über dem rechtsseitigen Chaiselongue die abgeliebte Polyesterdecke. Ihr Kopfweh steckt mich an. Ich lege mich – halbhoch, pro forma – und mach‘ Tee. Dann erst folgt die Fernbedienung. Und vor dem Fenster in der echten Welt blüht festgefroren schön der Garten.

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Es piept, die Spatzen kriechen spät aus ihren Löchern. Das gelbe Dreieck ist Viereck geworden, oben an der Giebelmauer – spät drann heute, nach mir!

Am ausgeblichnen Himmel ziehen letzte Mauersegler. Sie ziehen fort, fort in den Süden, fort  zu den Kindheitswohlfühlglückserinnerungen voller Sommer, Sonne, Strand und Eis und Meer – es ist doch Herbst.

Im Blumenkasten blühen schwarzgelb buntgestreifte Zuchtpetunien, darüber purpurne Magenta-Spinnenblumen – hübsch vor Efeugrund. „Maybe a little oversophisticated“ würde – käme sie denn je herein – meine leider nur teilfiktive englischspitzlippige Großgroßmutter sagen – sie mag Baudelaire und sie mag auch Bleilüsterkristalle in den Büschen. Ich ehre sie mit fünf gefälschten ganz aus Polyuretan und einem, ein ganz echtes – rauchglasfarben und antik aus Venedig.

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Ich gehe hinaus und greife zur Pfeife, im Glas zwischen Büchern noch Rotwein. Im Suchflug zur Probe nach Laptop und Terror der Staatsschutz. Wir sind hier in Bayern, ich hat’s fast vergessen. Ich gehe zurück, im Fernsehen läuft Skandalisierung. Der Postmann er klingelt: Paketlieferung – Bevor ich das Interface starte,  im realspace mein Ellenbogen an Teeporzellan. Noch ganz alle Tassen, zum Glück und im Schrank. Ich starte, der Tag kann beginnen.

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Im Bamberger Sand zur Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

S-Kerwa 2013

„Scheiß drauf“ es macht Bum und ist Kerwa!

Schwarzgelbe Security die eifrigst die Einbahn bewacht, denn das Falschwählen ist hier verboten, so wie (fast) alles hier. Hier heißt Bamberg!

Durchfahrt frei nur bis 11, Aufenthalt nur auf Wegen, Alkohol an der Luft ist verboten, für den Lieferverkehr ist aber frei, aber eigentlich ist Parken nur von 8 bis um 12 und nach 9, frei für städtische Angestellte mit Ausweis ist meist auch, oder nicht?

An den rotweisen Barken zum Paradies tönen Schwanengesänge testosteronausgefüllter Prachtbullen vom Lande. Bayrisch Leder in wildbambibraun, made down in Bangla Desh. Und die altfränkische Tracht?

Gibts beim Schützenumzug! Schallala und scheiß drauf, es ist Kerwa und Senioren mit Kindern in Plastikdummdirndeln mit echt Plauener Ätzspitze fühlen sich (noch) nicht in ihrem tiefsbürgerlichen Sicherheitsempfinden gestört. Ich schon, von den Senioren und den klebrigen Kindern mit schwarzroten Liebesäpfeln an neongefärbten Dirndeln, testosteronschwangere Burschen vom Lande sind mir vertrauter, Jungesellenabschiedstraining in der Gastro härtet diesbezüglich ab!

Gradeaus kokelnd Bratwurstbetrieb. Echte Coburger gibt’s nur noch hier.  Noch mehr Testosteron, noch mehr Land, noch mehr Jung, noch mehr Volk, noch mehr Hip und auch Hop, noch mehr Busen, noch mehr Leder und Neon und Waden und Dirndl und Bum: Auch das Sandmädchen trägt Polyester.

„Ich glaab nôch der duads aa nimmä long, middn nai in die Scherm!“ Mitfühlend ist sie ja, die Bamberger Jungjugend und kaut dabei zweierlei Sorten Langós mit Zucker und Zimt und mit Knoblauch und Speck.

„Host noch gheert, s war doch noch a Mortschlächerei“ – Warum „doch“ denkt mein Hirn und denkt gutschwäbisch: Drauf geschissen, ich lebe ja noch und ich sauf! Denn die Kerwa, ja die Kerwa ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn das bei fünf Kirchen im Blick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den anderen 600 jährlichen Dauerevents längst nicht mehr stimmt.

Und das Blut, und das Bier, und den Wein, und die Zwiebel, und die Heimat, auf die Madla und Burschn, auf den Hahn, und den Schlag, und die Musi und Trachten, Krüge hoch!, und die russischen Eier, und die Bratwürst, und as Lager, noch a U, und a Radler, und die Kaiserin Kunigund, und den Heinrich, und as Rathaus, Klein Venedig mit Illumination, und die Fahnen am Kranen ganz in rot und in weiß und in blau.

„Und es sin nach hald alls lauder Verrüchde! S’is noch hold nimmä so, wiäs môl woor, und miä gängan noch gaa nimmä hin, höchschdns schaun!“

Vor der Au sperren Alphörner den Weg. Eine Blonde in zünftig gelackten Ballerinas blickt mich an. Ertapt und fotografiert für die Ewigkeit nicht für’s Netz nur für  privaten Gebrauch, Feind hört mit!

Hinter ihr steht der Notarzt, Präventiv wie (fast) alles im Land. Noch zu früh, viel zu früh für noch für Schlägereien, und den Terror, und die Panik und die Vergewaltigung…die gibt’s erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter, und erst nach Mitternacht, und im Suff, und nur durch dunkelhäutige Menschen mit Migtationshintergrund…alles klar?

Und unser Frankenland es lebe hoch! Und die Jungen im Dreck, und die Kotze am Boden, und die Wildpisser und potentiellen Gefährder ganz hinten in dunklen Ecken.

Noch zu hell für die Schlampen auf Wahlfang, und die mordenden Gondeln, und das unökologische Feuerwerk (is as ned immä wiedä soooo scheh?). Und die stechenden Fischer, und die leuchtenden Lichter, und die funkelnden Augen, und die Zuckerwatte in Justins Haar und den Fisch, heute grün, leicht geräuchert und vom Hering.

Man möchte es eigentlich sagen dieser Dame, dass die hauteng um Celluliddis geschlungenen  Jeans ab drei Zentnern gutostfränkisch-steigerwälder Überspeck durchaus von Nachteil sind. Doch es ist Kerwa, ihr netzförmiges Neontop ist noch schlimmer und außerdem: Sieht Man(n) denn selber in Buisnesshemd Gröe 46 und mit Hosen um die 60 besser aus? Eher nicht!

Dreh dich um, kennst mich, ach ja doch, und wie geht’s, ja doch gut, und man selbst, ja man lebt, und die Eltern, ja doch auch, und Beruf, alles gut, und die Liebe, ach man lebt, und überhaupt schlechten Leut geht’s ja immer gut. Aber wie du nach heist weiß ich nimmä!

Hier, hier, nur hier gibt es Bratwürst…die mit Ausrufezeichen! Eine Hand ganz in Rot warnt am Schlidpfosten laut vor Gefahren von Geisterfahrrädern. Die Sicherheitswacht schläft nicht…nicht in Bamberg, und erst recht nicht zur S-Kerwazeit, weil es könnt, ja es könnt wirklich was passiern, Gott allmächt!

Auf der Mauer ein Paar, sehr versunken in sie gibt er sich Liebe hin, oder ist es nur Sex?  Andre gaffen im Neid, noch nichts selber geschossen, und ich lächle und denke nur: Mut!

Neben mir zwei gepimpte in Muskelschweißhemden von KIK!

„Bist nach abbä aa subbä aufgebumbd“

„Allmächt, ma duud  hold wos ma noch konn!“

Ich will ficken, sagt sie und taucht ab.

Kinderwoochngewühl auf der Brüggn, Klaana Bieschdä, und Handtaschn im Escher-Gedächtnißlook. Selbstverständlich umklammert…die Rumään köndns sonst klaun!

In der Nase läuft einem von Karamel, und am Himmel, am Himmel da hängen die Herzen aus Lebkuchen, nicht aus Marzipan! Alles rennt, alles schiebt und es drängt mich hindurch, wohin denn, drauf geschissen es ist Kerwa! Über Mir unter Sonne sind Wimpel und ganz tief mitten drinn, mitten drinn dort im goldenen Schnitt nur 3,80, Nicht mal 4 für ein Maß, Tempo 30 verdammt!

An der Ecke in Kinderarbeit: Festabzeichenverkauf…Mutter nervt, das Kind heult, Vater tut, als gehöre er anderswo hin, nach Mallorca vielleicht, oder doch nach Kambodscha?

Erste Glühbirnenschatten im Wasser an den Ufern die Haifischbar, mit drei Kumpels ein Bier hinterm Rattanzaun dazu ganz sanft das Geknatter von im Wind aufgeschnatter Rentner.

Es gibt fünf oder zehn Süßzeugsgestände, aber wir kaufen hier, hier wo sie IHRE zuckergesüßten Kracherlesmandeln einkaufen will. Nicht die schlechten von drüben, sondern die, die beim Essen ganz sicher die die Zähne ausreißen! Ich Depp stehe mit an, bin solidarisch, so wie all die andern, zwei bis drei Stunden lang sicher – Mandeln sind aus! Drauf geschissen und notiert: Nächstes Jahr keine Freundin im Sand!

Weiter hinten hat wegen des längst überfälligen Fettabscheidereinbaus der Pelikan zwangsweise Urlaub. All der Stuck, und Substanz und die Pflanzen müssen weg, schon am 19. mitten drinn in der Kerwa kommt der Bagger, gottverdammt! Und am Haus gegenüber is fei geschmückt!

Auf dem Schreibtisch daheim liegen Bücher, und zum Frühschoppen zwei halbe Maß und ein Radler und 4  Weißwurst, und süßer Senf, zwei Servietten, 10 Freunde und ja, auch ein ganz kleines bisschen Volksnähe im Suff.

Auf der Bühne ein Hühne mit Frau, schlechter Reim. Neben dem Klo gibt’s Fanartikel und CDs.

Glotz net blöd, wer ist Zoo und wer draußen? Die japanische Touristin im Kakitarnkleid schießt schnell ein Photo von so unglaublich viel echt deutschländerischem Gorillabrauchtum. Krüge hoch, draus gesch…denn die Kerwa, ja die Kerwa, die ist schließlich nur einmal im Jahr, auch wenn’s  das bei Fünfkirchenblick, Fisch-, Wein-, Kanal-, Bier- und Austraßenfest und den all den andren gefühlten 652 Events längst nicht mehr stimmt! Letzen Monat DIE allererste erschreckende graue Wimper. Frau Kasamoto aus Tosashimizu hat recht, auch ich bin nur ein Silberrücken laut Facebook!

Ich bin glücklich und nass, und vom Himmel tropft Regen in Scharen. Nicht als Hunde und Katzen tropft er dieses Jahr, nein, es regnet verhagelte Zahlen. Statt 100.000 nur 52 im Nasskalten nichts und nicht einer ist Wurst oder hält wenigstens eine Maß in der Hand, auch nicht für 3,80!…

In der Gasse am Stand leere Gesichter, entgangene Gier und verscheuchter Profit. Mutter Natur kann sehr grausam sein und all die Burschen und Madln, sie tuen mir Leid, wirklich Leid richtig schmerzhaft und ich Kaufe die Maas und zahl sogar Pfand, und ich trinke, ja ich trinke das eiskalte, wässrige Bier, hier im  Regen der mir hinten den Rücken abläuft.

Mir ist kalt, meine Zehen quietschen im Schuh. Nur schnell heim, aus dem Nass! Meine Beine sind Gummi und mein Weg ist ein schlammiger Bach und ein See. Eine letzte gebratene Zwiebel nur noch, eine nur! und dann raus aus den modernden, nadelgestreiften Hosen. Lederhosen sind kurz, und mit Spritzklappenschutz!

Vor dem Licht aus dem Stand fahle Lippen. Nicht nur Bier, noch was andres ist drinn in dem unterernährten Kerl mit den blassgrünen Augen. Geht mich alles nichts an, und ich will keinen Stress, nicht heut Abend und morgen, Kerwa ist, ich bin selig,  und sie ist – Gott sei Dank – nur einmal, dann ist Schluss, ob nun mit oder ohne das Hochfeuerwerk, drauf geschissen, noch a U und seid’s nett, ruft dem Kerl noch den Notarzt!